Antonio Scurati – M – Son of the Century

Wir betrachten Mussolini und den italienischen Faschismus gerne aus der Perspektive seines Endes, als zur Farce gewordener Wurmfortsatz des ungleich zerstörerischen Nationalsozialismus. Eventuell bleibt der desaströse Griechenlandfeldzug von 1940 in Erinnerung, oder das völlige Versagen der italienischen Armee gegen die Briten in Nordafrika, das den Einsatz des Afrikakorps nötig machte. Das Bild aus deutscher Perspektive ist das eines inkompetenten, operettenhaften Staates. Vergessen wird darüber gerne, welche Anziehungskraft das faschistische Italien einmal hatte, und welch stilbildende Wirkung es besaß – gerade auch auf Hitler, aber auch auf viele andere rechte Regime jener Epoche. Es gab eine Zeit, in der Mussolini und sein Faschismus den Weg nach vorne zu weisen schienen, eine Zeit, in der sich Mussolini ohne allzuviel Lächerlichkeit als „Sohn des Jahrhunderts“ inszenieren konnte. Von dieser Phase zwischen 1919 und 1925, als der Faschismus erstmals die Macht errang und absicherte, handelt dieses Buch von Antonio Scurati, das gerade nicht umsonst Wellen schlägt – nicht nur wegen seines Inhalts, sondern auch wegen seiner Form. [continue reading…]

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Bohrleute 21 – Ein neurechtes Biotop

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann. [continue reading…]

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Samira El Ouassil/Friedemann Karig – Erzählende Affen. Mythen, Lügen, Utopien: Wie Geschichten unser Leben bestimmen. Vom Patriarchat bis zur Klimakrise – Narrative prägen die Welt

Eine der Sensationen des Sachbuchmarkts der letzten Monate ist „Erzählende Affen“ des Autor*innenenduos Samira El Ouassil und Friedemann Karig. Ich habe so viel Gutes darüber gehört, dass ich mich selbst vergewissern wollte, ob der Hype gerechtfertigt ist und welche Erkenntnisse sich aus dem Band ziehen lassen. Die Grundthese des Buches, dass das, was uns Menschen am meisten von Affen unterscheidet unsere Fähigkeit zum Geschichten erzählen ist und die anderen Kenntnisse und Errungenschaften quasi aus dieser Fertigkeit fließen, ist eine, die gerade von Antropolog*innen ebenfalls immer wieder genannt wird. Die Fähigkeit zur Kommunikation und vor allem der Schaffung von Gemeinschaften dürfte weit relevanter gewesen sein als das Aufheben des ersten Feuersteins. Diese zugegeben starke These, die bei den Vertretern der Gattung „Homo Faber“ sicherlich zu einigen Abwehrreaktionen gegen den Parvenü „Homo Narrans“ führen dürfte, wird im Verlauf des Buches einerseits entwickelt und andererseits in ihren Konsequenzen durchdekliniert. [continue reading…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann. [continue reading…]

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Michael Seemann – Die Macht der Plattformen. Politik im Zeitalter der Internetgiganten

Wer erinnert sich noch an Napster? Ich bin ehrlich gesagt zu jung dafür. Ich hatte damals noch keinen eigenen Internetanschluss; meine ersten illegalen MP3-Downloads liefen bereits über eMule (Gratulation, wem das noch was sagt). Aber für einen kurzen Zeitraum von knapp zwei Jahren sah es so aus, als würde die MP3-Tauschbörse Napster die Musikindustrie revolutionieren oder gar völlig zerstören. Es war eine Plattform, die wie aus dem Nichts eine Milliardenindustrie anging und eine ungemeine Marktmacht erlangte. Dann schlug die Musikindustrie zurück, klagte Napster in Grund und Boden und beseitigte sie. Für Michael Seemann ist die Geschichte von Napster gewissermaßen prototypisch für die Entwicklung von Plattformen. Da diese heute unser Leben zu guten Teilen mitbestimmten, macht es absolut Sinn, sich mit diesen zu beschäftigen. Und Seemanns Buch ist dafür ein sehr guter Startpunkt. [continue reading…]

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Rotes Teflon, grüner Schwamm, gelbes Sieb

Olaf Scholz ist kein großer Kommunikator. Das nicht eben eine rasend neuartige Feststellung; wir wussten das schon, ehe er Kanzlerkandidat der SPD wurde. Christine Lambrecht hat kein besonders Interesse an der Bundeswehr gehabt, bevor sie Verteidigungsministerin wurde, und wäre lieber Justizministerin geblieben, was wegen Koalitionsarithmetik nicht ging. Die Partei hatte schon lange Zeit ein eher problematisches Verhältnis zu Russland, Putin und Gasprom. Gerhard Schröder betrieb schamlosen Lobbyismus spätestens, als er die Schlüssel zum Kanzleramt abgab, und wahrscheinlich schon davor. Ein stabiler Wahlkampf und ein sehr unstabiler Wahlkampf seiner beiden Gegner*innen verhalfen Scholz dann überraschend nach 16 Jahren Merkelregierung zum Einzug in eben jenes Kanzleramt. Abgesehen von Wirecard ist bislang alles an bekannten Schwächen der SPD aufs Tablett gekommen – und in den Umfragen ist davon praktisch nichts zu spüren. Was ist da los? [continue reading…]

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Bob Blume – Deutschunterricht digital

Disclaimer: Der Autor ist mir persönlich bekannt und hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wenn irgendetwas dran ist, dass Niccolo Machiavelli jemals dazu geraten hat, Grausamkeiten am Anfang zu begehen (zumindest behauptete das Oskar Lafontaine, und wer bin ich, am Wort eines so integren Ehrenmannes zu zweifeln?), dann ist Bob Blume ein gelehriger Schüler des Ahnherren der Politkberatung. Bevor er zu den Schmankerln kommt, müssen sich geneigte Lesende durch anspruchsvolle Theorie beißen – eine Effekt, den der Autor so beabsichtigt hat, wie er mir gegenüber freimütig bekannte. Per aspera ad astra! Das mag sich wie Kritik anhören, aber es ist nicht so gemeint. Blume hat durchaus Recht: manchmal ist es einfach notwendig, sich auch mit komplexeren Sachverhalten zu beschäftigen. Und es ist auch nicht seine Schuld, dass ich mich mit Fachdidaktik seit dem Referendariat kaum mehr beschäftigt habe, ein peinliches Versäumnis, das aufzuholen ich hiermit feierlich gelobe. Möge mit diesem Buch der Anfang gemacht sein. Was aber verbirgt sich zwischen den Pappdeckeln? Jedenfalls keine Explosion quadratischen Konfettis, auch wenn der Einschlag dies suggeriert. Es wäre allerdings ein Knalleffekt gewesen; vielleicht ein bedenkenswertes Feedback für die zweite Auflage. [continue reading…]

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John Green – Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Ich hatte John Greens preisgekrönten Roman schon ewig und drei Tage auf meiner Leseliste. Ich erinnere mich, ihn anno 2015 in der neunten Klasse lesen zu wollen, aber damals fiel die Entscheidung dann doch auf „Die Tribute von Panem“ (hier besprochen). Seither hatte ich keine neunte Klasse mehr, und dieses Jahr bleibt mir nicht mehr genug Zeit, so dass ich mich aus einer Laune heraus entschloss, das Buch einfach für mich persönlich zu lesen und abends im Bett zu lesen begann. Als ich endlich das Licht ausschaltete, war ich halb durch, und am nächsten Morgen habe ich es vollends beendet. Nun bereue ich erst recht, so wenig Zeit übrig zu haben, und plane schon, wie ich das Ding nächstes Jahr in den Stoffverteilungsplan unterbringen kann. Aber ich schweife ab. Das Buch ist absolut großartig und lohnt die Lektüre unbedingt. [continue reading…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann. [continue reading…]

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Rezension: Bob Blume – Zehn Dinge, die ich an der Schule hasse: Und wie wir sie ändern können

Disclaimer: Ich bin mit dem Autor bekannt und habe ein Rezensionsexemplar erhalten.

Vor rund 20 Jahren machte ein Buch über die Schule Furore, das den Titel „Das Lehrer-Hasser-Buch“ trug. Der Name war Programm; das Pamphlet enthielt vor allem anekdotische Klagen einer Mutter über das, was sie alles ganz schrecklich fand. Die Autorin tingelte damals durch Talkshows, und für einen Nachrichtenzyklus gab sich die Republik genussvoll dem Lehrkräfte-Bashing hin. Man könnte denken, dass Bob Blumes Buch durch die Ähnlichkeit im Titel auch so ein Pamphlet wäre. Aber da wäre man weit gefehlt. Blume ist einerseits wesentlich interessierter an einer konstruktiveren Auseinandersetzung. Und er bringt dafür den Blick von innen mit. Denn Bob Blume ist nicht nur selbst Lehrer, sondern auch ein didaktischer Vordenker im Bereich der Modernisierung und Digitalisierung von Schulen. [continue reading…]

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Seit Jahrzehnten gilt es als en vogue, die angeblichen Benachteiligungen von Frauen im öffentlichen, beruflichen wie privaten Leben zu ins Zentrum gesellschaftlicher Diskussionen zu rücken. In der Folge wurden zahlreiche gesetzliche Regulierungen geschaffen mit dem einzigen Ziel, den gesetzlichen Salomon zu Lasten der Männer zu beeinflussen, geschlechtsspezifischer Lobbyismus camoufliert sich als Frauenförderung. Die Schlagseite des Diskurses geht längst weiblichen Kombattanten so gegen den Strich, dass sie in ihrer Parteinahme die Sachlage ein Stück geraderücken. Und aus der privaten Perspektive wirken die Argumente der Vorkämpfer für die weibliche Sache stark verfälschend. [continue reading…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann. [continue reading…]

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Franziska Schutzbach – Die Erschöpfung der Frauen: Wider die weibliche Verfügbarkeit

Der Titel dieses Buches mag für die eine oder ander gerunzelte Stirn sorgen. „Wider die weibliche Verfügbarkeit“? Was ist damit gemeint? Franziska Schutzbach bietet in ihrem bemerkenswerten Buch die These an, dass die Frauen unter einer kollektiven Erschöpfung leiden, die Folge der von ihnen erwarteten, eingeforderten und auch bereitgestellten ständigen Verfügbarkeit sei. Sie wendet sich gegen diese Verfügbarkeit, sowohl in dem Sinne, dass Frauen aufhören müssten, sich selbst ständig verfügbar zu machen, als auch von den Männern im Speziellen und der Gesellschaft im Allgemeinen, dass sie aufhören möge, diese ständig einzufordern. Das Buch ist lose in sieben große Kapitel gegliedert, die von der Autorin aus problemlos getrennt voneinander gelesen werden können; sie spricht von einer „essayistischen Struktur“. Es enthebt sie auch der lästigen Pflicht, dem Ganzen einen übergeordneten Roten Faden zu verpassen, aber das tut der Qualität der in den Kapiteln enthaltenen Gedanken glücklicherweise keinen Abbruch. [continue reading…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann. [continue reading…]

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