Angesichts des aktuellen Streiks von angestellten Lehrern in mehreren Bundesländern empfiehlt SpiegelOnline, den Beamtenstatus komplett abzuschaffen: “Trotzdem wäre es falsch, reflexhaft am Schulbeamtentum festzuhalten. Die finanzielle Bürde durch verbeamtete Lehrer und die Frage einer gerechten Bezahlung der angestellten Lehrer sind wichtiger. Denn gerade wenn nicht mehr das Berufsbeamtentum lockt, muss der Lehrerberuf attraktiv bleiben – auch beim Gehalt.” Befürchtet wird im Artikel außerdem die Schaffung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft im Lehrerzimmer. Nur: die ist schon längst da. Weiterlesen →

Wenn es ein Problem in der Politik gibt, das über alle Partei- und Landesgrenzen hinaus Gültigkeit besitzt, dann ist dies der Vorrang von Gefühlen und Meinungen über irgendwelche Empirie oder Evidenz. Sehr anschaulich lässt sich dies an der Kritik der Digitialisierung der Schulen des Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, festmachen:

Frenzel: Jetzt könnte ich Sie verstehen, wenn wir zum Beispiel in Norwegen wären. Da kommen, ich hab da mal Zahlen rausgeholt, auf jeden PC 2,4 Schüler. In Deutschland sind es elf Schüler, die auf einen Rechner kommen. Sind wir nicht ganz schön weit weg von einer Situation, wie Sie sie gerade an die Wand malen?

Kraus: Also, ich lasse mich nicht blenden von irgendwelchen Quoten oder Zahlen. Es hat mir bislang noch niemand nachweisen können, dass eine Totaldigitalisierung des Unterrichts beziehungsweise eine Eins-zu-eins-Computer-und-Tabletversorgungsrate für Schüler den Schülern wirklich etwas bringt und dass die beispielsweise in Leistungstests besser abschneiden würden. Den Beweis, den möchte ich erst mal sehen. Ich sehe nach wie vor, bis zum Beweis des Gegenteils, eine ganze Reihe an möglichen Kollateralschäden, wenn wir Unterricht total digitalisieren.

Frenzel: Wie sehen die aus, diese Schäden?

Kraus: Ich habe ein bisschen den Eindruck, dass Kinder ohnehin durch die Neuen Medien dazu neigen, sich nur noch Häppchen-Informationen zu holen, dass die Ausdauer, das Durchhaltevermögen, dass das Konzentrationsvermögen leidet und das, was man mit dem Laptop unterrichtlich oder auch zu Hause recherchierend bearbeitet, eher ein bisschen an der Oberfläche bleibt. Schule braucht auch Durchhaltevermögen, braucht das Konzentrative, das Besinnliche, das Meditative. Ich glaube, das wird durch eine totale Digitalisierung, wenn alle sechs oder acht Unterrichtsstunden am Tag nur noch mit Tablets zu tun haben, gefährdet.

“Ich lasse mich nicht blenden von irgendwelchen Quoten und Zahlen”, “Ich habe den Eindruck”, “Ich glaube” – nichts von alledem basiert auf irgendeiner Art von Faktenbasis. Das ist symptomatisch. Weiterlesen →

Die Nachdenkseiten geben unter Federführung von Jens Berger ihre Sicht zum Besten, wer eigentlich die Profiteure der europäischen Rettungsaktion für Griechenland seien. Schon zu Beginn steht fest: der Bürger in Athen ist es nicht. Wie bekannt sind es die Banken, was nicht verwunderlich ist, da Kreditinstitute weltweit die immer mit Abstand größte Gruppe der öffentlichen Gläubiger sind. Zur Emotionalisierung deutscher Leser – in diesem Fall Zuhörer des Podcasts – genügt es jedoch nicht, von den Banken zu sprechen, etwas genauer muss es schon sein.

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Wie können wir über den Krieg in der Ukraine sprechen und vor allem, wie lässt er sich beenden? 5 Überlegungen dazu. Ich spare mir einen Einstieg, der Text ist auch so lang genug.

Nur eines vorab: Das “wir”, von dem ich im Folgenden spreche, meint uns alle, die wir westlich der Ukraine leben, und uns zu diesem Krieg verhalten müssen. Ich meine Politiker_innen und Diplomat_innen, aber auch und erst einmal uns Beobachter_innen.

Ich weiß, dass es nie ein einheitliches “Wir” gibt. Ich habe die Masche des ranschmeißerisch-vereinnahmenden “Wir” auch schon kritisiert.

Dass ich präzise Benennung von Akteuren wichtig finde, steht ja in Überlegung 4.
Ich glaube und hoffe ich aber, dass die Überlegungen hier für alle hilfreich sein können, die
a) in dem Teil der Welt leben, der gemeinhin als “Westen” beschrieben und in diesem Konflikt als einheitlicher Akteur wahrgenommen wird (ich bin nun einmal Teil dieser politischen Gemeinschaft und kann zunächst einmal nur in ihr sprechen; auf dieser Annahme fußen außerdem die Punkte 2) und 3)),
b) also (noch) nicht unmittelbar am Krieg beteiligt sind (für die kann ich, siehe a), sowieso nicht sprechen)
und die vor allem, das ist die wichtigste Bedingung,
c) zu allererst wollen, dass dieser Krieg so schnell wie möglich aufhört und so wenig Opfer wie möglich fordert (wer andere Ziele und Interessen verfolgt, wird sich hier sicher nicht gemeint fühlen und ist auch nicht gemeint).

An alle, für die das gilt, richtet sich das folgende “wir” – es ist dann durchaus als Appell zu verstehen. Weiterlesen →

Good news, everyone: In langen, zähen Verhandlungen ist es Deliberation Daily gelungen, seine Autorenbasis zu erweitern: Jonas Schaible wird ab sofort die Artikel von seinem Hausblog Beim Wort Genommen für Deliberation Daily verfügbar machen und uns damit etwa einmal im Monat neues Gedankenfuttter geben. Wir freuen uns darauf! Bis er zum ersten Mal etwas bei uns postet, schaut einfach das Archiv von Beim Wort Genommen durch und folgt ihm auf Twitter. Herzlich Willkommen, Jonas!

Laut Medienberichten befindet sich Sigmar Gabriel gerade in Verhandlungen mit Jim Messina, um ihn als Berater für die SPD in den kommenden Wahlkämpfen zu gewinnen. Jim Messina war bis 2012 Obamas Mann für’s Grobe. Er analysierte Schwächen von Republicans und nutzte sie gnadenlos aus. Zudem gehört er zu der Fraktion der jungen Nerds, die der Überzeugung sind, in der Analyse von Daten zentrale Informationen zu gewinnen und Wahlkämpfe von einer instinktbasierten Angelegenheit auf das Niveau durchkalkulierter taktischer Züge zu bringen. Welches Plakat kommt bei welcher Demographie besonders an? In welche Straße hängt man es, in welche nicht? Welche Sprache muss ein Brief haben, wenn er den potenziellen Nichtwähler beschämen soll, um doch zur Wahl zu gehen, aber gleichzeitig ihn nicht so verärgern, dass er aus Trotz nicht geht? Für Details dieser Art ist Messina gewissermaßen ein Guru. Berühmt geworden ist er freilich mit einem medienkompatibleren Narrativ, als Mann für Soziale Netzwerke. Der Facebook-Typ. Von ihm verspricht sich Sigmar Gabriel offensichtlich das Heil. Er wird es nicht bekommen. Weiterlesen →

Im Atlantic ist eine sehr lange, detaillierte und mehr als nur interessante Analyse der theologischen Grundlagen von ISIS und ihrer Idee vom Kalifat erschienen, die man zur Lektüre nur empfehlen kann. Inmitten der sehr detaillierten und logisch untergliederten Argumentation voller informativer Teile über islamische Theologie, deren Kenntnis in der westlichen Welt leider nicht sonderlich weit verbreitet ist, findet sich allerdings ein intellektueller Irrtum, der Woods Analyse selbst nicht beschädigt, aber letzten Endes ISIS in die Hände spielt und, wenn man ihn aufdeckt, deren ohnehin wackeliges theologisches Fundament (das Wood deutlich aufzeigt) noch mehr ins Schwanken bringt. Weiterlesen →

Grexit by Accident

Laut und lärmend hat die neue griechische Regierung ihren Antrittsbesuch in den europäischen Partnerländern und bei der Europäischen Zentralbank hinter sich gebracht. Mit rebellenhafter Attitüde, jede Etikette der Diplomatie wie des angemessenen Auftritts missachtend, war das Agieren des neuen Regierungschefs Tsipras und seines finanzpolitischen Adlatus Varoufakis ein Musterbeispiel schlechter Verhandlungsführung und –vorbereitung. Das muss umso mehr befremden, als der griechische Finanzminister doch als großer Spieltheorie-Fachmann gilt. Doch anscheinend gibt es bei dem ehemaligen Professor große Unterschiede zwischen Theorie und politischer Praxis.
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In den USA gehen gerade die Kandidaten für die Primary-Season 2015 in Stellung. Das heißt für Politikjunkies, Journalisten, Aktivisten und Experten allerorten: es wird wieder spannend. Wer steht für was? Wer hat welche Chancen? Welche arkanen Besonderheiten des US-Wahlrechts werden dieses Mal den Wettbewerb verzerren? Wer finanziert wen? Und was macht überhaupt…? Bemerkenswert an dieser Saison ist bereits jetzt, dass auf der einen Seite mit Hillary Clinton und Jeb Bush zwei enge Verwandte von Ex-Präsidenten antreten. Doch noch etwas anderes ist auffällig: dass zwei weitere mächtige und bekannte Persönlichkeiten überhaupt kein Interesse zeigen, in den Vorwahlprozess einzusteigen. Auf der Seite der Republicans ist das Paul Ryan, der Vizepräsidentschaftskandidat von 2012 und aktuell Vorsitzender des Haushaltsausschusses im Kongress, einer der wohl mächtigsten Positionen der Legislative. Auf der Seite der Democrats ist das Elizabeth Warren, seit kurzem Senatorin für Massachusetts. Beide haben ihren jeweiligen Fans und Fürsprechern abgesagt und wollen lieber bleiben, wo und was sie sind. Warum eigentlich? Weiterlesen →

Barack Obama und seine Partei der Democrats haben ein neues Thema auf die Tagesordnung gesetzt: erste Priorität für die Betreuung und vorschulische Bildung von Kindern. Zumindest in Sonntagsreden ist dieses Thema auch hierzulande seit mehreren Jahren ein Dauertopos. Nur, woher kommt das eigentlich? Warum müssen Kinder inzwischen ganztags betreut werden? Reichen die Familien nicht mehr aus, handelt es sich hier um ein weiteres Ausgreifen eines wildgewordenen Wohlfahrtsstaats, der in die Familien hineinregiert?  Weiterlesen →