Wie konntet ihr so leben?

Manchmal hat man, wenn man vom erhobenen Standpunkt der Gegenwart zurückblickt, dieses Gefühl dass die Menschen vor 20 Jahren einige Dinge als normal akzeptiert haben, die einem heute völlig blödsinnig vorkommen. Aus heutiger Perspektive gehören dazu wohl die im Vergleich geradezu lächerlich schlechten und teuren Kommunikationsmöglichkeiten (Briefe! Ferngespräche! Abrechnung nach Minuten!), die Haltung gegenüber Frauen (siehe hier), gegenüber Homosexuellen oder Transgenderpersonen, gegenüber der Kindeserziehung und vieles mehr. Nicht für alle diese Faktoren können die Leute was. Gerade technologisch waren die 1990er eben noch nicht so weit wie heute. Die Frage, die man sich stellen muss ist daher eher, ob man nicht hätte viel früher beginnen müssen, die entsprechende Technologie zu entwickeln. Ich frage mich in letzter Zeit immer häufiger, wie meine eigenen Kinder in 20 oder 30 Jahren über unsere Gegenwart denken werden. Beim Anblick welchen Phänomens werden sie dich denken: „Wie konntet ihr nur so leben?“ Und wir werden hilflos mit den Schultern zucken und sagen „Haben alle so gemacht“, wie es meine Eltern eben auch tun würden. Ich will im Folgenden einige Bereiche aufstellen, von denen ich denke, dass sie unter die Frage fallen werden. Und gleich vorangestellt – ich bin da auch kein Heiliger, der schon jetzt quasi vorbeugend alles richtig macht. Aber genug der Vorrede – Wie können wir nur so leben? [click to continue…]

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Besorgen Sie mir die Daten!

In den USA gibt es ein Programm namens „Scared Straight“, bei dem auffällige High-School-Schüler eine Tour ins Gefängnis bekommen und dort die Bedingungen sehen und mit Tätern reden können. Die Idee dahinter ist, dass die Erfahrung so abschreckend wirkt, dass sich die Schüler später zweimal überlegen, ob sie Verbrechen begehen. Der Haken: das Programm funktioniert nicht. Schüler, die an Scared Straight teilgenommen haben, begehen danach mit höherer Wahrscheinlichkeit Verbrechen als solche, die nicht daran teilgenommen haben. Tatsächlich ist der Effekt so stark, dass eine Schätzung davon ausgeht, dass pro Dollar, der in Scared Straight investiert wird, 200 Dollar gesellschaftlicher Schaden angerichtet werden. Bis die entsprechende Studie durchgeführt worden war, ist dieser Zusammenhang völlig unbekannt geblieben. Scared Straight ist dabei kein Einzelfall: in einem Versuch mit zehn aktuell laufenden Regierungsprogrammen konnten gerade einmal 15% der Teilnehmer korrekt prognostizieren, welche davon erfolgreich waren. Teilnehmer, die einfach zufällig auf Antworten klickten, hatten mehr Erfolg als die, die anhand der Beschreibungen darüber nachdachten. Wer das selbst ausprobieren will, kann es hier tun. In dem Wissen, dass die Intuition vermutlich oft falsch liegt, habe ich immerhin 50% der Antworten richtig hinbekommen. Wäre ich Kongressabgeordneter, wäre die Hälfte meiner Maßnahmen nutzlos bis schädlich. Da der Anschein so trügt drängt sich natürlich die Frage auf, was stattdessen getan werden kann. Die Antwort ist: mehr Daten. Und nicht die, die die NSA sammelt. [click to continue…]

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Euer Deliberation-Daily-Team

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Liebe Leser_innen,

es ist Euch, spätestens jetzt gerade, sicher aufgefallen, dass ich Euch Leser_innen nenne und nicht Leser. Das hat verschiedene Gründe, aber einer davon ist: Ich mag das so und ich fühle mich beklemmt, wenn ich es nicht tue.

Ja, doch, wirklich.

Da können sich Salzstreuerinnen-hihi-Witzeerzähler_innen noch so oft über die angebliche Verschandelung der Sprache mokieren. Ich sehe das anders.

Das war allerdings nicht immer so. [click to continue…]

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Einer der für Deutsche schwer einzuordnenden Aspekte des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs ist die Jagd der Kandidaten nach den Wahlempfehlungen der Amtsträger der eigenen Partei, die endorsements. Hierzulande ist mangels eines Personenwahlkampfs klar, welchen Kanzlerkandidaten ein SPD-Ministerpräsident vorschlägt (sofern es nicht gerade Thorsten Albig ist). In den USA, wo sich der Präsidentschaftskandidat erst im Vorwahlkampf (primary) herauskristallisieren muss, haben die endorsements dagegen eine wesentlich größere Bedeutung. Nun muss natürlich die Frage erlaubt sein, warum es so wichtig ist, wen der Gouverneur von Ohio zur Wahl empfiehlt. Schließlich hört dem ja nur ein kleiner Teil der Wähler seiner Partei in Ohio zu. Gegenüber großen TV-Debatten oder Wahlwerbespots sollte dieser Faktor also zu vernachlässigen sein. Trotzdem erfährt die endorsement-Jagd eine große Bedeutung, so groß, dass das renommierte Blog FiveThirtyEight eine eigene Unterkategorie mit Statistiken dazu hat.  Die Wahlempfehlungen von George Clooney oder Brad Pitt dagegen, die wesentlich mehr Presseaufmerksamkeit erfahren, werden effektiv von keinem professionellen Beobachter ernst genommen. Was also macht diese Empfehlungen von Amtsträgern so wertvoll? [click to continue…]

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„Ich trage die Verantwortung für meine Fehler und dafür, dass ich ein Abkommen unterzeichnet habe, an das ich nicht glaube”, hat Alexis Tspiras gestern Abend gesagt.

Nicht, dass man davon inhaltlich allzu überrascht sein müsste. Bemerkenswert ist es im Alles-wird-im-Konsens-entschieden-Europa allemal.

Gedeutet wird jetzt, Tsipras habe sich gebeugt, klein bei gegeben, sei gebrochen worden oder habe die Wandlung zum Realpolitiker vollzogen.

An dieser Stelle ist es aber wohl angebracht, dem vermeintlichen Revolutionär, dem Narzissmus, Großspurigkeit oder Pathos des nationalen Erretters vorgeworfen wurden, ein Kompliment zu machen; ganz unabhängig davon, was von ihm, seinen Positionen und seinen wirtschaftspolitischen Ideen hält: Er hat ausgeteilt, auch harte Worte gewählt, aber er hat, trotz aller Verlockung, darauf verzichtet, sich dummem Heroismus hinzugeben.

Wie leicht wäre es gewesen, sich in der Metaphorik des Widerstands, der Würde und der Demütigung (die Tsipras freilich auch selbst bedient hat) zu verlieren, die Pose des Unverstandenen, Geknechteten, Geschundenen, aber vor allem Unbeugsamen einzunehmen und trotzig zu deklamieren: Uns wird so übel mitgespielt, das machen wir nicht länger mit. Schluss, aus!

Unkalkulierbar, sicher. Dumm, womöglich. Aber leicht, leicht wäre es gewesen.

Tsipras hat dieser Versuchung trotz aller Frustration nicht nachgegeben. Dabei scheint es nach allem, was dieser Tage nach außen dringt und was selbst Unbedarfte aus den Verhandlungsangeboten lesen konnten, so, als hätte die Syriza-Regierung niemals eine Chance gehabt. Als seien die vergangenen sechs Monate meistenteils mit de-facto Scheinverhandlungen vergeudet worden.

Den Vertrag trotzdem zu unterzeichnen, lässt sich erklären mit der Angst vor dem Unbekannten. Wer boshaft ist, kann darin auch Hasenfüßigkeit erkennen.

Wohlmeinend ließe sich die Unterschrift unter einen Vertrag, den man für nutzlos und schadhaft hält, dagegen als Tat eines Mannes lesen, der den Glauben an die Politik noch nicht aufzugeben bereit ist, auch wenn er allen Grund dazu hätte.

Der nicht, gekränkt und verzweifelt, die große dramatische Geste sucht, sondern daran festhält, dass am Ende doch außer den Verhandlungen und Mühen der Ebene nichts ist, was Linderung zu bringen imstande ist.

Es hat schon unreifere und unverantwortlichere Politiker gegeben.

(Crosspost)

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Der Preis des Hegemon

Wenn die Schweiz sich im Spiegel ihrer Außenpolitik betrachtet, dürfte sie ziemlich glücklich sein. Sie bewahrt sich ihre Neutralität, wird nicht in irgendwelche teuren Experimente hineingezogen und bewahrt sich auf dem für sie so wichtigen Feld der Finanzpolitik ein überproportionales Gewicht, sofern sie nicht gerade allzu flagrant kriminell ist. Sie kann das tun, weil sie klein ist und in einem ziemlich abgelegenen Teil Europas liegt (es sei denn, man ist deutscher Tourist und will nach Italien). Alte Hegemonialmächte wie Frankreich oder England haben für solche falsche Bescheidenheit naturgemäß nur Verachtung übrig. Noch heute erinnert man sich in England gerne der Zeiten, als ein Gentleman auf einem beliebigen Gewässer nur den Finger ins Wasser stecken und ihn ablecken musste, um am Salzgehalt festzustellen ob er sich in englischem Einflussgebiet befand. Die Zeiten derart unverblümter Machtpolitik sind natürlich vorbei, aber die Griechenlandkrise offenbart gerade für alle Welt, dass damit nicht das Verschwinden von Hegemonialmächten einherging. [click to continue…]

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Treuhand Athen im Spiegelsaal

Die Troika ist wieder da. Sie heißt zwar immer noch „die Institutionen“, was Wolfgang Schäuble vermutlich wurmt. Es scheint dass wenn es nach Mr. Isch Over geht, Alexis Tsipras persönlich in einem Eisenbahnwaggon die Rück-Umbenennung unterzeichnen müsste. Tatsächlich ist die Liste, die die Euro-Finanzminister nun auf 14 Seiten zusammengefasst haben, ein einziger Diktat für die griechische Regierung, der vor allem die komplette Unterwerfung zelebriert. Und ich will hier gar nicht wieder das große Fass von Demokratie und Solidarität aufmachen. Griechenland ist de facto bankrott und befindet sich gerade in der Abwicklung. Zu glauben, dass man in so einer Situation – die Währungsunion und ihre geteilte Souveränität einmal ganz außen vor gelassen – noch die volle Autonomie über die eigenen Angelegenheiten hat wäre hochgradig illusionär. Nur muss sich die Eurogruppe fragen lassen, wie aus der Konkursmasse Griechenland mit den aktuellen Forderungen noch irgendetwas herausgeholt werden soll. [click to continue…]

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Just Do It! – Die Vertrauenskrise Griechenlands

Nun ist es passiert: 2 Stunden vor 12 hat die Regierung Tsipras dem ESM Reformvorschläge übermittelt, mit denen das Land ein drittes Hilfspaket im Wert von über 50 Milliarden Euro erreichen will. Angesichts des chaotischen Vorgangs der Radikalsozialisten von Syriza fragt man sich unwillkürlich: was soll das?! Mancher mag es vergessen haben, insbesondere der Regierungschef der Hellenen. Aber vor Wochenfrist verlangte dieser so gut aussehende, aber völlig unseriöse Politiker von seiner Wählerschaft ein Mandat, die Vorschläge der Geldgeber, manifestiert im 2. Hilfspaket, abzulehnen. Die Griechen taten ihm mit überwältigender Mehrheit diesen Gefallen. Und es war, nur zur Erinnerung, ebenfalls Herr Alexis Tsipras, der noch vor wenigen Wochen ein 3. Hilfspaket kategorisch ausschloss. Fünf Jahre unter eingeschränkter Souveränität seien genug. Nun die nächste Volte für alle, insbesondere für seine treuesten Anhänger. [click to continue…]

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Endspiel für einen Failed State

Die Griechen nerven. Seit 5 Jahren halten Sie ihre Partner hin und die Europa-Politik in Atem. Dieses kleine Volk, gerade mal verantwortlich für 1,7% des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Eurozone, maßt sich an, permanent und mit Anlauf gegen alle Regeln verstoßen zu dürfen, welche sich die internationalen Staatengemeinschaften gegeben haben. Jede Woche erfolgt mindestens ein gravierender Rechtsbruch. Zumindest das offizielle Hellas ist ein Serienrechtsbrecher, der Vereinbarungen nur akzeptiert, wenn sie vorteilhaft für ihn sind. Ausgerechnet dieser Staat, der keine Regeln akzeptiert, pocht heute auf den Maastricht-Vertrag, der einen Rausschmiss der Bankroteure aus dem Euro ausschließt. Humor ist das nicht. [click to continue…]

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