Die Lüge, die Generalnorm und der Bruch in der Matrix

Menschen lügen, intelligentere mehr, weniger intelligente weniger. Doch obwohl die Lüge so menschlich ist wie Essen und Trinken, agieren die meisten erstaunlich ungeübt. Zumindest sind viele Lügen mit einem Minimum an Skepsis und dem Willen zur Überprüfung leicht erkennbar. Denn der Lügner steht vor einem praktisch nicht lösbaren Problem. Während die Realität plausibel und schlüssig wirkt, seien Vorgänge auf den ersten Blick noch so seltsam, wirft die veränderte Darstellung hässliche Dellen in die so harmonische Matrix und bricht das Licht. Da die meisten Menschen jedoch oberflächlich sind und ein enormes Bedürfnis nach Harmonie besitzen, sind glaubwürdige Lügen nicht besonders schwer, wenn ein paar Grundregeln beherzigt werden. [click to continue…]

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Dies ist der zweite Teil einer Serie. Teil eins findet sich hier. Teil 2 befindet sich hier. Ich möchte zwei Bemerkungen voranstellen. Erstens ist dieser Artikel Teil einer Serie, die sich mit Aufstieg und Niedergang der Sozialdemokratie vorrangig in den USA und Deutschland beschäftigt. Dieser Fokus entspringt meinen persönlichen Interessen und meinem persönlichen Interessengebiet. Jegliche Verallgemeinerung bleibt deswegen notwendigerweise mit dem breiten Pinsel gezeichnet. Zweitens wird „Sozialdemokratie“ hier nicht im engen deutschen Sinne verwendet, sondern steht für alle reformistischen Parteien links der Mitte. Darunter fallen etwa die Labour Party, die Parti Socialist oder die Democrats, nicht aber die KPD oder die DSA. 

Der New Deal war um 1937 herum eine Erfolgsgeschichte, aber keine, die das System grundsätzlich aus den Angeln hob. Die Gehälter stiegen langsam wegen der massiven Zunahme der Gewerkschaftsmacht, die Wirtschaft erholte sich – hätte das aber wahrscheinlich auch in einer dritten Amtszeit Hoover getan – und die Arbeitslosenrate sank langsam. Sie betrug 1937, nach drei Jahren des Second New Deal, 14,3% – ein Tief nach dem Hoch von 24,9% im Jahr 1933. Im gleichen Jahr jedoch entstand im Kongress ein neues Bündnis. Die oppositionellen Republicans, denen die Idee der Staatseingreife ohnehin suspekt gewesen war, taten sich mit den konservativen Democrats aus dem Süden zusammen, die durch den Erfolg der aufstrebenden New Dealers verunsichert waren und in weiteren Reformschritten die bisher erfolgreich blockierte Grundrechtsgesetzgebung auf sich zukommen sahen (civil rights), die Schwarzen mehr Rechte und einen Anteil am beginnenden Wirtschaftsaufschwung zusprechen könnte. Diese neue Koalition tat etwas, das uns heute schmerzlich bekannt vorkommt: sie verabschiedeten einen Bundeshaushalt, der starke Einschnitte vorsah – vor allem bei den gerade erst angelaufenen New-Deal-Programmen. Wenig überraschend sprang die Arbeitslosenrate daraufhin wieder nach oben: 1938 betrug sie 19%, 1939 sank sie wieder auf 17,2%. Sechs Jahre nach Beginn des New Deal jedoch war diese eine enttäuschende Entwicklung. Die Progressiven im Kongress waren von dem legislativen Wirbelsturm, den sie seit 1934/35 entfacht hatten, erschöpft. Ihr politisches Kapital war aufgebraucht. [click to continue…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. [click to continue…]

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Der Zauberstab der „Verhandlungen“

Ein spezifischer Diskussionsstrang, der sich letzthin in den Kommentaren entwickelt hat, ist meine Unterscheidung von „Verhandlungen“, die ich als Mittel der Außenpolitik ablehne, in Kontrast zu Verhandlungen, die durchaus begrüßenswert sind. Im Laufe der Diskussion realisierte ich, dass es etwas mehr Raum brauchen würde zu erklären, was ich damit meine. Ich gliedere diese Diskussion daher hierher aus. Um meinen Standpunkt deutlich zu machen möchte ich mit einer kleinen Parabel starten. [click to continue…]

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Dies ist der zweite Teil einer Serie. Teil eins findet sich hier. Ich möchte zwei Bemerkungen voranstellen. Erstens ist dieser Artikel Teil einer Serie, die sich mit Aufstieg und Niedergang der Sozialdemokratie vorrangig in den USA und Deutschland beschäftigt. Dieser Fokus entspringt meinen persönlichen Interessen und meinem persönlichen Interessengebiet. Jegliche Verallgemeinerung bleibt deswegen notwendigerweise mit dem breiten Pinsel gezeichnet. Zweitens wird „Sozialdemokratie“ hier nicht im engen deutschen Sinne verwendet, sondern steht für alle reformistischen Parteien links der Mitte. Darunter fallen etwa die Labour Party, die Parti Socialist oder die Democrats, nicht aber die KPD oder die DSA. 

Das Jahr 1933 war eine Wasserscheide für Amerika wie Europa. In beiden Ländern bricht die bisher bestehende politische Ordnung unter dem Druck der Weltwirtschaftskrise und den inadäquaten Antworten, die die traditionellen Eliten geben, zusammen. In Deutschland brachte das Chaos der Krise eine Reihe rechtsradikaler Präsidialkanzler an die Macht, in deren Windschatten sich das Land in atemberaubender Geschwindigkeit radikalisierte. 1932 fand das katholisch-bürgerliche Zentrum, das 13 Jahre zuvor die Republik mitbegründet hatte, wenig daran, offen ihre Abschaffung und Ersetzung durch eine Diktatur zu fordern. Ein Jahr später würde sein Vorsitzender, Prälat Kaas, die entscheidenden Stimmen seiner Fraktion zur Annahme des Ermächtigungsgesetzes beisteuern. [click to continue…]

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Durch den Rücktritt des Verfassungsrichters Kennedy vorige Woche ist der absolute Albtraum der Democrats eingetreten: nachdem Senat-Mehrheitsführer Mitch McConnell 2016 den durch den Tod Antonin Scalias freigewordenen Richtersitz stahl und Trump diesen 2017 an den Ultra-Rechten Neill Gorsuch vergab, kann der Präsident nun einen weiteren Sitz für eine Generation den Rechten zuschanzen. Kennedy war zwar von Ronald Reagan eingesetzt worden und hatte immer wieder (auch überraschend) mit den Progressiven im Gericht gestimmt (zuletzt etwa bei der Legalisierung der Homo-Ehe), war aber insgesamt ein klar dem konservativen Spektrum zuzuordnender Richter gewesen. Das Verfassungsgericht ist seit den 1980er Jahren stets mehrheitlich konservativ gewesen, aber einige der Reagan- und Bush-Nominierungen haben sich als – in extrem konservativen Kreisen – unzuverlässig erwiesen, ob Vorsitzender Roberts bei der Entscheidung über Obamacare oder Kennedy bei der Homoehe. Die Richter, die Trump in den Gerichtshof bringt, sind daher durch sämtliche Aktivistenvereinigungen und Abgeordnete abgeklopft; sie sind linientreue Ideologen. Mit der Nominierung und praktisch sicheren Inauguration Brett Kavanaughs ist praktisch garantiert, dass der oberste Gerichtshof eine Generation in den Händen der Ultras sein wird, völlig egal, was die Wahlen in Kongress und Präsidentschaft ergeben. [click to continue…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. [click to continue…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten. [click to continue…]

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Das ganze Elend der europäischen Rechtspopulisten

Es ist zu diesem Zeitpunkt keine bahnbrechende Erkenntnis mehr, dass der Rechtspopulismus weltweit auf dem Vormarsch ist. Zur Wiederholung: Trump in den USA. Die Tories in Großbritannien. Le Pen in Frankreich. Wilders in den Niederlanden. Die AfD und CSU in Deutschland. Die Wahren Finnen in Finnland. Kaczinsky in Polen. Orban in Ungarn. Salvini in Italien. Kurz und Strache in Österreich. Was ich beeindruckend finde ist, wie dürftig ihr Resümee gerade in Europa ist. Der aktuelle Konflikt um die Asylpolitik der Bundesregierung auf der Ebene deutscher Innenpolitik und der parallelen Diskussionen um die Einrichtung von „Kontrollierten Zentren“ (wer sich den Begriff ausgedacht hat ist entweder ein Troll oder völlig geschichtsblind), der Verteilung der Flüchtlinge und der Sicherung der Außengrenzen in der EU zeigt, wie unrealistisch die eigentlichen Lösungsvorschläge der Rechtspopulisten sind. Sie sind gut darin, die öffentliche Meinung aufzupeitschen und zu radikalisieren, aber ihre Ansätze sind disfunktional bis hin zur Untauglichkeit.  [click to continue…]

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Vom Wert der Entschuldigung

Ich bin beim Lesen einiger Lehrerblogs über diesen interessanten Beitrag zum Thema „Warum Lehrkräfte sich oft entschuldigen sollten gestolpert:

Sollen Lehrerinnen und Lehrer Vorbilder sein für Kinder und Jugendliche, die sie unterrichten? Jein. Sie sollen nicht vorspielen, sie würden sich an Normen halten, die sie im Berufsalltag oder im Privatleben nicht einhalten können. Ihre menschliche Seite müssen sie nicht verstecken. Aber sie sollen einen exemplarischen Umgang mit schwierigen Situationen pflegen, zeigen, wie sie Herausforderungen begegnen, Entscheidungen fällen, Gespräche führen, mit Niederlagen umgehen oder zu Fehlern stehen. Hier spielen sie nichts, sondern sie zeigen, was sie in ihrer Ausbildung gewählt haben und weshalb sie für den Beruf qualifiziert sind.

Ein Beispiel für diese zweite Sicht haben Philip Stade und Pirmin Stadler kürzlich parallel formuliert: Indem Lehrkräfte über ihr Scheitern erzählen (z.B. an einer #fuckupnight), schaffen sie einen Gesprächsraum, in dem Fehler im Berufsalltag selbstverständlich werden. So stellen sie keine Ausnahme mehr dar, werden nicht mehr verdrängt: Sondern im Rahmen einer vernünftigen Fehlerkultur als Anlass für Lernprozesse verstanden. Ein weiterer zentraler Fokus dieser Bemühungen könnten Entschuldigungen sein. Diese Einsicht wurde mir bei der Diskussion der politischen Strategien rund um Trump bewusst: Trump entschuldigt sich bewusst nie. Das führt – so meine Interpretation – dazu, dass er Kollateralschäden verursacht: Weil er sich als fehlerlos präsentieren will, beschuldigt er Unbeteiligte, beschönigt Vorgänge und lügt ohne Hemmungen. Die umgekehrte Haltung besagt: Bemühe dich, dich angemessen und regelmäßig zu entschuldigen. Was heißt das?

  1. Die Entschuldigung benennt den Fehler klar als Fehler.
  2. Sie erfolgt zeitnah.
  3. Sie ist verhältnismäßig: Ein kleiner Fehler mit minimalen Auswirkungen kann in einem Halbsatz entschuldigt werden, ein größerer erfordert eine Art Statement.
  4. Die Entschuldigung ist keine Ausrede und keine Rechtfertigung: Sie ist ein Eingeständnis.
  5. Verbunden mit der Entschuldigung werden Strategien formuliert, mit denen der Fehler fortan vermieden werden kann.

(Schule Social Media)

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