Rezension: Suzanne Collins – The Ballad of Songbirds and Snakes

Suzanne Collins – The Ballad of Songbirds and Snakes (Hörbuch)

Suzanne Collins – Das Lied von Vogel und Schlange (Hörbuch)

The Ballad of Songbirds and Snakes Blueray

Prequels sind ein beliebtes Genre, besonders in Hollywood. Sie bauen auf einer etablierten IP auf und bringen die begehrte „brand recognition“ und damit ein garantiertes Publikum mit. Gleichwohl sehen vor allem Kritiker*innen mit großen Vorbehalten auf diese Produkte: allzu oft sind sie nicht in der Lage, Relevantes zur ursprünglichen Geschichte beizusteuern und leiden unter der Last der Ursprungsgeschichte. Wie spannend schließlich kann es sein, der origin story des Antagonisten der „Tribute von Panem“-Reihe, Präsident Snow, zu folgen? Die Antwort auf die Frage „Warum wurde der Antagonist böse?“ treibt zwar mittlerweile zahllose mehr oder minder gelungene Projekte an, führt aber allzu oft zu übermäßig banalen Ergebnissen. Wurde Darth Vader wirklich eine interessantere Figur, seit wir wissen, dass er den Tod seiner Geliebten fürchtete? Die verhaltenen Reaktionen auf J. K. Rowlings origin story Dumbledores sprechen auch eine deutliche Sprache. Entsprechend skeptisch war ich gegenüber Collins‘ neuem Werk, das – quasi sofort mit Filmdeal – zu erklären ansetzt, warum der Bösewicht der Serie böse wurde.

Es ist das Jahr der zehnten Hungerspiele, 64 Jahre vor den Geschehnissen der „Die Tribute von Panem“-Romanreihe, die Suzanne Collins berühmt gemacht hat und die mit Jennifer Lawrence in der Hauptrolle verfilmt wurde. Die Wunden der „dunklen Tage“ und des mörderischen Kriegs zwischen den Distrikten und dem Kapitol sind noch immer frisch. In Reaktion auf die Rebellion hat das Kapitol verfügt, dass jedes Jahr zwei Jugendliche aus jedem Distrikt bis zum Tod gegeneinander zu kämpfen haben, als rituelle Erinnerung an die dunklen Tage und Garantie, dass die Distrikte nicht erneut einen Aufstand beginnen. Doch die „Hungerspiele“ sind in der Krise: die Einschaltquoten sinken beharrlich, und nach zehn Jahren steht immer mehr in Frage, ob Personen, die zum Zeitpunkt der Rebellion zwischen zwei und acht Jahren alt waren, wirklich für die Vergehen ihrer Eltern in den Tod geschickt werden sollten. Es ist in dieser Dynamik, in der oberste Spielmacherin Volumnia Gaul eine radikale Innovation einführt: der Abschlussjahrgang der Akademie soll als Mentoren für die Tribute fungieren und dafür sorgen, dass diese ein Spektakel bereiten, anstatt sich wie bislang binnen Minuten einfach nur abzuschlachten.

Einer dieser Absolvent*innen ist Coriolanus Snow. Snow entstammt einer altehrwürdigen Familie des Kapitols, doch diese verlor im Krieg ihr Vermögen. Der Tod des Vaters sorgte dafür, dass Coriolanus und seine Cousine Tigris Waisen wurden. Die einzige Chance, den Stand in der Gesellschaft zu erhalten, sieht Coriolanus im Plynth-Preis, einer Auszeichnung für den Jahrgangsbesten – die durch Gauls neuen Einfall nun mit dem Erfolg der Hungerspiele verknüpft ist. Leider besitzt Snow die erbitterte Feindschaft des Rektors, Casca Highbottom, der alles daran setzt, ihn scheitern zu sehen. Deswegen bekommt Coriolanus als Tribut das Mädchen aus Distrikt 12 zugewiesen – traditionell einen der Tribute mit den schlechtesten Chancen. Doch dieses Jahr ist das anders: wegen einer Intrige im Distrikt wurde die Covey (eine Art Sinti-Gemeinschaft) Lucie Gray Baird ausgewählt, deren Talent für Auftritte eine Chance zu offenbaren scheint.

Während Snow versucht, seinen Tribut im experimentellen Umfeld der Spiele fit zu machen, beginnt sich zwischen den beiden eine immer intimere Beziehung zu entwickeln. Bald befindet sich Coriolanus im offenen Regelverstoß gegen die Spiele, um Lucy Grays Leben zu retten. Gleichzeitig entwickelt er eine engere Beziehung zu seinem unbeliebten Klassenkameraden Sejanus Plynth, dessen Vater als Kriegsgewinnler den Aufstieg aus Distrikt 2 ins Kapitol schaffte – wo er beständig mit dem Snobismus der Elite und seinen eigenen Schuldgefühlen zurechtkommen muss. Sejanus protestiert als einziger offen gegen die unmenschlichen Spiele und kritisiert das Kapitol und seine Menschenverachtung.

Als Lucy Gray wider Erwarten die Spiele gewinnt, wird Coriolanus als Friedenswächter zwangsverpflichtet. Er lässt sich nach Distrikt 12 versetzen, in der Hoffnung, dort Lucy Gray wiederzubegegnen. Auch Sejanus hat sich zu den Friedenswächtern gemeldet, um so dem sozialen Druck des Kapitols zu entkommen. In seiner Naivität lässt er sich mit der Widerstandsbewegung in Distrikt 12 ein und droht, auch Coriolanus und Lucy Gray ins Verderben zu reißen. Coriolanus verrät seinen „Freund“, der prompt hingerichtet wird, doch ein Mord an der Tochter des Bürgermeisters, die drohte, seine Verwicklungen öffentlich zu machen, zwingt ihn zur Flucht mit Lucy Gray: würden die Tatwaffen gefunden, ließe ihm die DNA-Analyse keine Chance. Als er mit Lucy Gray zufällig auf die Waffen stößt, bietet sich ihm die Chance zur Rückkehr und zum Aufstieg als Offizier der Friedenswächter. Doch Lucy Gray ist das einzige lose Ende dieser Gleichung…

Coriolanus Snow beginnt die Geschichte in einem Zustand, der eher unerwartet sein dürfte: er ist der Sympathieträger und Protagonist der Geschichte. Dass Collins dieses Kunststück gelingt, liegt an zwei zentralen Faktoren. Der eine ist eine kluge strukturelle Entscheidung: Snow ist ein Underdog. Der Armut der Familie und der Kampf gegen den sozialen Abstieg bilden einen ebenso verständlichen wie empathiefördernden Rahmen. Wer schließlich möchte nicht, dass er sich gegen seine blasierten und affektierten Klassenkamerad*innen durchsetzt? Sein Verhältnis zu Großmutter und Cousine ist gut, er hat keine offensichtlich bösartigen Charaktereigenschaften. Das ist der eine Punkt.

Der andere ist Collins‘ unbestreitbar größte Fähigkeit als Schriftstellerin, ihr Talent für personale Erzählstrukturen. Die „Tribute von Panem“-Bücher funktionieren ja vor allem deswegen so viel besser als die Filme, weil der unnachgiebige Fokus auf der Hauptperson Katniss Everdeen liegt, deren Ich-Perspektive die einzige ist, die Collins den Lesenden zugesteht. Da Katniss aber eine zutiefst mit Fehlern ausgestattete Person ist (sie ist unempathisch und hat keinerlei Gefühl für die Politik um sie herum), werden die Lesenden konstant mit ihr in die Irre geführt und sind emotional dicht an ihr; da sie (erneut: kluge Struktur) als Fremde im Kapitol und in den Spielen alles neu erlebt, haben wir als Lesende dieselben Erfahrungen wie sie.

Diesen Kniff wendet Collins in ihrem Prequel erneut an. Sie verzichtet auf die Ich-Perspektive, aber Coriolanus bleibt unser einziger Bezugspunkt. Die personale Erzählperspektive enthebt sich jeglicher Wertung, was es notwendig macht, dass wir unser eigenes Verhältnis zu Snow entwickeln. Anders als Katniss mangelt es ihm nicht an Selbstbewusstsein oder Ambition; er konstruiert seine eigene Geschichte, auch vor sich selbst – und damit vor den Lesenden. Das macht die Lektüre so ungemein attraktiv und bereichernd.

Der Abstieg des Protagonisten ist daher auch eher subtil als mit einem Donnerschlag wie das berühmt-berüchtigte „Neeeeeein!“ Darth Vaders. Coriolanus ist von Beginn an kein guter Mensch. Zwar ist er von aufrichtiger Liebe zu seiner Großmutter und Cousine erfüllt, aber er hat keinerlei Empathie für die ärmeren Einwohnenden des Kapitols, von den Einwohnenden der Distrikte ganz zu schweigen. Selbst für seine eigene Klasse empfindet er so gut wie nichts. Seine Welt besteht aus ihm selbst und seinen Aspirationen, denen sich alles unterzuordnen hat. Dass seine Familie genau dies tut – Tigris und seine Großmutter opfern alles für den Erfolg des Jungen – wird von ihm zwar grundsätzlich gewertschätzt, aber auch als natürlicher Zustand wahrgenommen. Die „Ungerechtigkeit“, dass die Snows von ihrer Spitzenposition verdrängt wurden, brennt in ihm wie ein Feuer.

Da wir aber nur seine Perspektive wahrnehmen, ist es verführerisch leicht, diese Sicht zu teilen. Casca Highbottom, der einer der schärfsten Kritiker der Hungerspiele ist, wird so spielend leicht zum bösartigen Antagonisten – weil er genau weiß, wen er vor sich hat. Zum Ende der Handlung wird Highbottoms Befürchtung auf tödliche Weise bekräftigt – nicht, dass es irgendjemandem noch etwas helfen würde. Dabei gibt es durchaus eine Alternative für Coriolanus. Seine Liebe zu Lucy Gray ist durchaus aufrichtig (auch wenn er lange braucht, sie sich einzugestehen), und als er in Distrikt 12 stationiert ist, opfert er ohne zu zögern alles für sie. Es ist Collins’s grandiosem Narrativ zu verdanken, dass der Fall eher ein unbewusster Abstieg ist: solange Coriolanus keine Wahl hat – und seine analytischen Fähigkeiten und zweifellos vorhandene Selbstbeherrschung und taktisches Verständnis ihm dies deutlich machen – tut er das Richtige. Er rettet Sejanus aus der Arena, indem er empathisch die richtigen Knöpfe drückt; er bringt Lucy Gray zum Sieg, indem er clevere Entscheidungen trifft; er gewinnt ihr Vertrauen durch menschliche Zuneigung; und so weiter. Doch sobald er die Wahl hat zwischen dem Glück mit Lucy Gray und dem immer erträumten Zugang zu Macht und Status bricht alles sofort in sich zusammen; mit geringstem Zögern entscheidet er sich für den Zugang zu Macht und Status.

Es ist Lucy Gray, die dies zuerst bemerkt – und die Flucht ergreift. Natürlich gibt Coriolanus ihr die Schuld, ohne sich je einzugestehen, was Lucy Gray in nur einem einzigen, empathischen Moment bemerkte: dass er ein Meister der Selbstrechtfertigung ist. Als sie beinahe spielerisch anmerkt, dass sie das letzte lose Ende ist, protestiert Coriolanus in wohl aufrichtiger Empörung – eine Aufrichtigkeit, die er in diesem Moment real empfindet und die bereits Minuten später nur noch fahle Erinnerung ist, eine dünne Schale normaler menschlicher Emotion, die er jahrelang so überzeugend gespielt hat, dass er sie selbst glaubte.

Am Ende der Geschichte ist dieses Lügengebäude in sich zusammengebrochen, aber Coriolanus Snow geht nur gestärkt darunter hervor. Die schützende Hand Volumnia Gauls über sich und das Plynth-Erbe als finanzielles Polster gibt es keine Notwendigkeit mehr, sich irgendetwas vorzumachen. Die Opferung seines „Freundes“ Sejanus brachte ihm beides, ohne dass ihm den Schlaf rauben würde. Freundschaft ist ohnehin ein Konzept, von dem er sich geistig stets distanzierte; niemals erlaubte er sich vollständig, Freundschaft oder die Liebe zu Lucy Gray zu 100% zu empfinden. Seine eigene Person hinter den Bedürfnissen einer anderen anzustellen, ist für Snow völlig undenkbar.

Es ist Volumnia Gaul, die wie der Imperator in Darth Vaders Werdegang über allem schwebt, wenngleich dies in Collins‘ Erzählung subtiler vonstatten geht. Sie ermutigt Snow über die Frage, wozu die Hungerspiele gut sind, über die Natur der Menschheit nachzudenken. Die psychopathische Spielmacherin erweist sich als prägender Einfluss, der den ideologischen Grundstein für Coriolanus‘ ganzes Weltbild legt, das sich wie das i-Tüpfelchen in seine Persönlichkeit einfasst: Zivilisation, menschliche Beziehungen, Rücksicht, Solidarität, all diese Werte sind nur ein dünner Firnis, der unter dem geringsten Druck zerreißt und ein wildes Biest zum Vorschein bringt. Es ist eine vulgäre Version von Hobbes‘ Menschenbild, das den Leviathan des Kapitols erfordert, der mit eiserner Hand für Ordnung sorgt, weil die Alternative umso schlimmer wäre. Der permanente Krieg lässt sich nicht vermeiden; deswegen müssen die Distrikte in permanenter Armut gehalten werden, müssen die Hungerspiele veranstaltet werden, um sie permanent zu schwächen.

Collins begeht niemals den Fehler, diese Sicht direkt zu verdammen. Es ist eher die subtile Tatsache, dass eine offensichtlich bösartige Person wie Gaul und der spätere Antagonist der „Tribute von Panem“-Serie diese Positionen vertreten – abgesehen vom hoffentlich funktionierenden moralischen Kompass der Lesenden -, der diese auf die andere Spur bringt. Dass die Kritik unartikuliert bleibt, weil Sejanus auf der einen Seite seine moralisch richtige Position mit undurchdachter Naivität vertritt und Highbottom auf der anderen die Vorherrschaft des Kapitols nicht anzuzweifeln vermag und vor allem an seiner persönlichen Schuld leidet, macht es uns leicht, der ausformulierten Variante zu folgen. Collins schafft es so, die Lesenden zu Mittättern zu machen, sie durch Snows Radikalisierungsprozess zu führen und am Ende mit dem flauen Gefühl in der Magengrube stehen zu lassen, dass man gerade mit der Schaffung der „modernen“ Hungerspiele mitfieberte. Man versteht den Gedankengang, die Mentalität der Täter*innen dieses Systems – keine leichte Aufgabe, aber Collins meistert sie mit Bravour.

Ihr gelingt es neben diesem Kern relevanter Ideen, die der Geschichte Bedeutung und Tiefe geben, auch viele Fallen solcher Prequels zu vermeiden. Lucy Gray ist keine Katniss 2.0. Dass sie ebenfalls aus Distrikt 12 stammt, ist eher ein Täuschungsmanöver der Autorin, um mit den Erwartungen des Publikums zu spielen. Gleiches gilt für die Hungerspiele selbst: ihre Genese und Gestalt wird organisch in die Handlung eingepflegt und gleichzeitig glaubhaft gemacht, auf eine Art, die elegant sämtliche Lücken im world building beseitigt, die ich in meiner ursprünglichen Handlungskritik von 2012 beklagt hatte. Genauso wie ihre anderen Romane ist auch die Ballade von Singvögeln und Schlangen unbedingt empfehlenswert.

{ 5 comments… add one }
  • Thorsten Haupts 24. April 2024, 10:23

    Man versteht den Gedankengang, die Mentalität der Täter*innen dieses Systems – keine leichte Aufgabe, aber Collins meistert sie mit Bravour.

    Ja. Mir ist ziemlich spät im Leben bewusst geworden, dass auch die meisten der Menschen, die wir als abgrundtief böse wahrnehmen (z.B. Nazis, für die wenigen besser gebildeten: Stalinisten) , dafür vor sich selbst eine Rechtfertigung haben, die dann überzeugend wird, wenn man die Axiome dieser Selbstrechtfertigung ganz oder teilweise akzeptiert.

    Würde mich nach wie vor nicht daran hindern, diesen Menschen bedenkenlos mit tödlicher Gewalt zu antworten, aber wissen sollte man schon, dass die meisten dieser „Bösen“ durchaus ein ethisch fundiertes Wertegerüst haben, nur eben in menschenfeindlichen Axiomen wurzelnd.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Stefan Sasse 24. April 2024, 14:52

      Total. Wenn man das verstehen will, muss man sich in die Gedankenwelt reinversetzen, sonst wird es nie Verständnis geben.

    • destello 24. April 2024, 21:59

      Ich hatte einmal gelesen, dass das eine psychologische Grundvoraussetzung ist. Jeder Mensch muss seine Taten vor sich selber als gut, oder zumindest als gerechtfertigt ansehen. Ein Mensch der sich selber als echt böse (im Sinne von ungerechtfertig böse) ansieht, würde unweigerlich Selbstmord begehen.

      • Stefan Sasse 25. April 2024, 07:27

        „Jeder ist der Held seiner eigenen Geschichte.“ Das ist ein Satz, den ich auch meinen Schüler*innen immer wieder einbläue, was das Thema angeht.

        • cimourdain 25. April 2024, 09:04

          Korollar:
          Glaub keinen PR-Erklärungen, sondern schau, WAS die Menschen tun. „An Ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“

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