Rezension – Ages of American Capitalism

Jonathan Levy – Ages of American Capitalism (Hörbuch)

Wirtschaftsgeschichte ist ein Feld, das in der Geschichtswissenschaft ein stiefmütterliches Dasein fristet. Umso wichtiger sind diejenigen Werke, die den nötigen Kontext schaffen, um hier entscheidendes Verständnis zu schaffen. Das Ganze einen Schritt weiter bringt Jonathan Levy in seinem Werk „Ages of Capitalism“, indem er den Versuch unternimmt, die Geschichte der USA als Wirtschaftsgeschichte zu erzählen. Die Prämisse ist, dass die Bedeutung der Wirtschaft so groß ist, dass sie die anderen Geschichtsbereiche entscheidend mitbestimmt. Für das Geburtsland des modernen Kapitalismus ist das keine zu gewagte Behauptung, und Levy gelingt es hervorragend, nicht nur einen Abriss über 250 Jahre Wirtschaftsgeschichte zu geben, sondern das auch in einen analytischen Rahmen zu gießen.

Für die Grundstruktur seines Buches führt er den Kapitalismus dafür auf seine Grundlage zurück, die schon im Namen steckt: Kapital. Durch alle „Zeitalter“, die Levy hier untersucht, stellt er die Frage, in welchen Formen Kapital existiert, welche Formen es annimmt, welchen Zwecken es zugeführt wird und auch wie es verteilt ist. Levy beschränkt sich dabei, vermutlich weise, auf die reine Analyse. Weder urteilt er über die Entwicklungen, noch ergibt er sich in Was-Wäre-Wenn. Diese Beschränkungen halten das ohnehin nicht eben dünne Werk auf einem handlebaren Niveau, aber sie helfen auch, die Klarheit des Arguments zu schärfen und nicht einzutrüben. Trotzdem fühlte ich manchmal einen Phantomschmerz und fände einen ähnlichen Abriss über die „roads not taken“ mehr als spannend. Denn so viele Situationen der amerikanischen Wirtschaftsgeschichte ermöglichen andere Pfade, die zu einer völlig anderen wirtschaftlichen Entwicklung führen.

Aber damit genug der Vorrede, was sind Levys Thesen? Er teilt die amerikanische Wirtschaftsgeschichte in vier Zeitalter ein. Diese bekommen nicht alle konkreten Namen, aber ich würde die erste hier als „Empire of Liberty“ bezeichnen (ca. bis 1865), ein Begriff Thomas Jeffersons, den Levy für diese Epoche immer wieder gebraucht. Dieses Zeitalter ist vor allem durch einen lang anhaltenden ideologischen Konflikt gekennzeichnet, der sich auch in der Wirtschaft niederschlug. Während die Mittel- und Südstaaten ihr Kapital vor allem in Land sahen – ob in Yeoman’s Farms oder in den großen Plantagen – und den Status der (ausschließlich männlichen, weißen) Bürger an den Besitz von Land banden, sah der Norden Kapital eher als Investitionsgut.

Dieser Konflikt ist elementar, denn Levy arbeitet heraus, dass dem Jefferson’schen Ideal ein Nullsummenspiel zugrundeliegt: da Land endlich ist, ist auch die Akkumulation von Kapital endlich, und alles, was abseits von Land passiert – vor allem das Handels- und Bankenwesen – sind inhärent verdächtig und unsolide. Der Norden dagegen sieht Kapital weniger als gebundenes Aufbewahrungsgut, sondern als Investitionsmasse, die eingesetzt wird und so mehr Kapital produziert. Entsprechend verfolgt der Norden eine Politik der „internal improvements„, dem Bau von Infrastruktur, um Investitionsmöglichkeiten für Kapital zu schaffen, während der Süden dies ablehnt. Die entscheidende Rolle in der Lösung dieses Streits kommt dem Westen zu: anfangs neigt er zu der Idee des „Empire of Liberty“, die sich in jedem Western wiederfindet – der individualistische Farmer auf seinem Hof gegen den Rest der Welt – doch nach dem Ende der großen landgrabs zulasten der indigenen Bevölkerung neigen die Farmer, deren Produkte von Anfang in den Welthandel fließen, der Politik der internal improvements zu, die ihnen die Lieferung an selbigen globalen Markt erlauben.

Diese Anbindung kann man gar nicht wichtig genug einschätzen, denn im Gegensatz zu Europa, wo die Landwirtschaft zu einem zuverlässig konservativen Blocker jeglicher Entwicklung wurde und verlässlich für hohe Schutzzölle und gegen die Industrialisierung eintrat, war sie in den USA ein Treiber der kapitalistischen Entwicklung.

Dieser komplette Konflikt war mit der Frage der Sklaverei aufs Engste verknüpft, die ihre gewaltsame Auflösung im Bürgerkrieg fand. Dieser beendete zwar nicht die wirtschaftliche Rückständigkeit der Südstaaten, aber er beseitigte den politischen Widerstand gegen die Ausrichtung der USA auf den Welthandel und stellte den Durchbruch in Richtung Industrialisierung für den Mittleren Westen, Kalifornien und den Nordosten dar. Chicago steht hier als ein zentrales Beispiel für den Aufstieg verschlafener Kleinstädte zu boomenden Metropolen in wenigen Jahren, der weltweit seinesgleichen sucht und wohl nur in den chinesischen Sonderwirtschaftszonen des frühen 21. Jahrhunderts ein Gegenstück findet – wenn überhaupt.

Der größte wirtschaftspolitische Problemfall jener Ära aber war das Geld. In der Ideologie der Zeit war Geld gleichbedeutend mit Metall. Papiergeld existierte praktisch nicht. Diese Beschränkung der Geldmenge sorgte dafür, dass wegen des Mangels an harter Münze periodische Wirtschaftskrisen entstanden, die mit staatlicher Geldpolitik völlig vermeidbar gewesen wären und die permanent für Unruhe sorgten und Menschen in Armut stürzten, die dann gegen den Staat aufbegehrten – etwa in der Whiskey-Rebellion. Die Armee wurde bereits damals als Instrument verstanden, die Interessen der Reichen zu schützen und jeden Protest gewaltsam zu ersticken.

Im nun folgenden Zeitalter der Investitionen (1865-1933) steht ein unglaublicher Zuwachs an Kapital im Zentrum. Riesige Firmen entstehen, indem sie Monopole aufbauen und radikal die Preise senken. Die Gewinnmargen werden reinvestiert, so dass die Firmen erneut wachsen. Die Besonderheit dieser Ära ist, dass die Investitionen größtenteils in Investitionsgüter fließen, sprich: Maschinen und Fabriken. Obwohl der amerikanische Konsumgütermarkt bereits zu dieser Zeit eine Abkopplung von Europa erlebt und zu einem weltweit einzigartigen Wohlstandsniveau führt, liegt diese Entwicklung noch weitgehend in der Zukunft und beginnt erst im 20. Jahrhundert, was Levy exemplarisch an Ford aufzeigt.

Stattdessen entsteht in diesen Jahren eine gigantische soziale Ungleichheit, die zu massiven Konflikten führt. Es ist vor allem in diesem Abschnitt, wo zahlreiche „roads not taken“ vom Genossenschaftsmodell zu einer stärkeren Rolle von Gewerkschaften und Sozialdemokratie zum Ausbau eines Sozialstaats bestehen. Stattdessen zeichnet Levy detailliert die bekannte Entwicklung: die Oligarchen vermachen ihre gigantischen Vermögen an Stiftungen. Die Ideologie der Kapitalisten, nach der Sozialleistungen nur Faulheit förderten und es Bildungschancen brauche (eine falsche, aber unausrottbare Vorstellung), setzt sich durch, ebenso die Vorstellung, dass dies keine staatliche Aufgabe sei, sondern eine privater Philantropie. Der Staat wird dabei nicht aus dem Wirtschaftsleben herausgehalten, im Gegenteil. Die mächtigen Milliardäre (nach heutigen Preisen) nutzen die Armee und Polizei, um Streiks und Mitbestimmungsforderungen brutal zu unterdrücken. Der amerikanische Staat wird zum Instrument der reichen Elite und führt geradezu einen wirtschaftlichen Bürgerkrieg gegen die eigene Bevölkerung, der immer wieder in blutigen Streiks seinen Ausdruck findet.

Auch in der Landwirtschaft finden sich heftige Konflikte. Am bekanntesten ist der Streit um den Bimetallstandard. Der immer noch nicht gelöste Mangel an Kapital sorgte für heftig fluktuierende Preise und eine Knappheit an Krediten, die die Farmer benötigen würden, um ihre Betriebe konkurrenzfähig zu halten. Eine gewaltige populistische Bewegung forderte daher, neben Gold auch Silber zum Zahlungsmittel zu machen und so die Geldmenge auszuweiten. Die Interessen der Kapitalisten, deren Investitionen auf gerade dieser Knappheit aufbauten, standen dem entgegen. Der politische Streit um den Bimetallstandard war ein ständiges Hintergrundrauschen bis in den Ersten Weltkrieg hinein und zeigt erneut die schlechte und (damals) völlig unverstandene Wirtschaftspolitik, die die Entwicklung des Landes hemmte.

Der New Deal ab 1933 war der wohl stärkste Bruch in der gesamten amerikanischen Wirtschaftsgeschichte. Die Zeit bis zu seinem (endgültigen) Ableben 1980 bezeichnet Levy als „Age of Control“, weil dies den Anspruch und Versuch des Staates einerseits und der Wirtschaft selbst andererseits (die oft vergessene Kehrseite des goldenen Zeitalters der Sozialdemokratie; die Unternehmen war ja nicht willenlose Opfer, sondern mit Feuer und Flamme dabei) auf Kontrolle und Einhegung der Wirtschaftsprozesse zum Ausdruck bringt. Zum ersten Mal nutzt der Staat unter Roosevelt etwa die Geldpolitik zur Konjunktursteuerung, was bis heute bahnbrechende Folgen hat. Deficit Spending, staatliche Infrastrukturprojekte und der Ausbau des Sozialstaats schaffen die Welt, in der wir heute leben, und bilden mit der Entstehung einer breiten Mittelschicht den klarsten Bruch mit der Vergangenheit (wenn auch hoffentlich nicht der Zukunft).

Diese Entwicklungen sind hinreichend bekannt und in meiner Artikelserie auch ausführlich beschrieben. Ich will hier vor allem auf die Wende hinaus, die bei Levy breiten Raum einnimmt. Er identifiziert die Inflation, die ab den späteren 1960er Jahren zu einem nicht mehr endenden Dauerproblem wird, als das größte Thema, und führt das direkt auf die kurzsichtige Bretton-Woods-Konstruktion zurück. Anstatt Keynes‘ Vorschlag einer internationalen Verrechnungswährung (Bancor) zu folgen, installierten die USA den Dollar als Leit- und Reservewährung der Welt. Das war in Ordnung, als sie, wie nach dem Krieg, 75% aller Dollarreserven hielten und erlaubte eine freizgügige Wirtschaftspolitik. Der Aufstieg Westeuropas aber zog Dollars in den Europäischen Raum ab, was inflationären Druck auf die USA ausübte – die dann unter Nixon den gordischen Knoten zerschlugen und Bretton Woods aufkündigten.

Dies aber führte nicht zu einer Rückkehr in die Geldknappheit der Zeit vor 1933, im Gegenteil. Die Fed konzentrierte sich darauf, über die Geldmengensteuerung (Friedman lässt grüßen) die Leitzinsen indirekt statt direkt zu beeinflussen. Dadurch schirmte sie sich vor dem politischen Fallout der Wirtschaftskrise, der stattdessen den ebenso glück- wie einsichtslosen Carter traf. Die Age of Control endete mit dem expliziten Aufgeben des Kontrollanspruchs durch Politik und Wirtschaft gleichermaßen; die Ideologie freier Märkte, in denen rationale Akteure rationale Entscheidungen treffen, die dann zu einem rationalen Ganzen führen, setzten sich durch. Das leitet die letzte Phase ein, die „Age of Chaos“, in deren (vermutlich) letzten Zügen wir gerade leben.

Levy meint „Chaos“ dabei wertneutral. Die großen Marktwirtschaftler propagierten ja gerade dieses Chaos als einzig möglichen Ausdruck der Marktwirtschaft – zu komplex, um je von einer Person oder Institution überschaut zu werden, zurückgeworfen auf das freie Spiel der Marktkräfte. Natürlich gab es das nie in Reinform. Die Fed beschränkte sich zwar auf das Kontrollieren des Geldmengenflusses, aber sie weitete die Geldmenge kontinuierlich aus. Diese Zunahme allerdings kam fast nur noch bei der Spitze der Pyramide an, allen Beteuerungen von trickle-down zum Trotz.

Stattdessen finanzierten die Amerikaner*innen den Konsum der im neuen Tech-Boom entstandenen Güter zunehmend durch Kredite. Überhaupt sieht Levy die „Age of Chaos“ als bestimmt durch den Aufstieg des Finanzsektors. Wo im „Empire of Liberty“ Landbesitzer und Händler bestimmten, im Zeitalter der Investitionen die Monopole herrschten und in der „Age of Control“ der Staat seinen Machtanspruch ausdrückte, waren es nun die Banken, die alles kontrollierten. Die Firmen, die in der „Age of Control“ langfristige Investitionen in immer mehr Kapazitäten getätigt hatten, schwenkten nun um und wurden zu Spekulaten auf den Finanzmärkten. Zahlreiche Betriebe schlossen und/oder wurden ins Ausland verlagert.

Dies war umso leichter, weil die amerikanischen Gewerkschaften, anders als ihre europäischen Pendants, in der „Age of Control“ ausschließlich Lohnsteigerungen verhandelten. In einer Grundsatzentscheidung in den 1940er Jahren – ein weiteres faszinierendes „Was wäre wenn“, eine „road not taken“ – gaben sie sowohl Forderungen nach Mitbestimmung als auch nach genossenschaftlichen Strukturen auf. Das Resultat waren beispiellose Wohlstandsgewinne bei den Arbeitern und Angestellten (vorausgesetzt, sie waren männlich und weiß). Als im Rahmen der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren auch Frauen und Schwarze endlich Zugang zu den „guten“ Jobs erhielten, begann die große Krise und der lange Niedergang des Sektors; einmal mehr waren sie vom Wohlstandserwerb ausgeschlossen.

Da mit Erwerbsarbeit kein Geld mehr zu verdienen war – Gewinne wurden nicht mehr in Fabriken, sondern über asset price appreciation erzielt, also Wertsteigerungen von Eigentum, etwa in Immobilien, Anlagen oder Unternehmensanteilen – wurde der neue amerikanische Traum das Teilhaben an diesem Boom der Finanzmärkte über Hypotheken. Das Ende dieser Geschichte ist hinreichend bekannt und lässt sich in wesentlich größerem und gründlicherem Detail bei Adam Tooze nachlesen (hier rezensiert). Hier bietet Levy wenig neue Einsichten.

Insgesamt konnte ich die grundlegenden Argumentationslinien Levys hier natürlich nur anreißen. Für mich hat das Buch enorm viel Kontext geboten, an den vorheriges Wissen über die verschiedenen Epochen andocken kann und das neue Analyserahmen bietet. Ich kann die Lektüre nur wärmstens empfehlen; das Buch ist für mich auch ein heißer Kandidat dafür, ein einigen Monaten noch einmal gelesen zu werden.

{ 3 comments… add one }
  • cimourdain 9. Februar 2022, 09:15

    Es mag am Filter deiner Rezension liegen, aber mir drängt sich das Bild auf, dass Levy mit dem Fokus auf den Konflikt zwischen Landbesitz und Kapital (mit dem Nebeneffekt Warenproduktion) den Faktor Handel, insbesondere Außenhandel vernachlässigt. Das beginnt damit, dass er die nullte Phase, die Kolonialzeit überspringt, als die Kolonien meist (deutlich verkürzt) vor allem Sammelpunkte für den Handel zwischen Mutterland und Hinterland waren. Aber auch im 20.Jahrhundert, gibt es viele Stichworte ( z.B. Bretton Woods, WTO, Petrodollar), die berücksichtigt werden müssten.

    • Stefan Sasse 9. Februar 2022, 12:38

      Ne, er macht sehr viel mit Handel, ich hab das nur in meiner Betrachtung weitgehend übersprungen, weil ich es für self-evident hielt (wie dann auch beim New Deal). Ich hätte das aber deutlicher machen sollen. Das Kapital, von dem er in dieser Phase (die übrigens die Kolonialzeit einschließt) spricht, ist in „Commerce“ gebunden, dem Schlagwort der damaligen Zeit. Wichtig ist aber, dass der „Commerce“ ein Nullsummenspiel war bzw. dass die Akteure den als solchen wahrnahmen, was die ökonomische Entwicklung hinderte.

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