Cem Özdemir und Friedrich Merz diskutieren beim DGB über Youtube – Vermischtes 19.05.2026

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Fundstücke

1) Özdemir als Ministerpräsident

Das Drama hat ein Ende, Özdemir ist zum Ministerpräsidenten gewählt. Gut, dass sich die CDU am Ende berappelt hat. Özdemir indessen gibt sich weiter staatstragend und als Kretschmann 2.0, schwäbelt wie ein Weltmeister und betont seine Verbundenheit mit dem Land. Ich glaube tatsächlich, dass die Kommunikation à la Özdemir und Kretschmann die richtige Richtung für die Grünen ist. Dieses „eBike mit dem Motor von Bosch“, die Betonung der coolen neuen deutschen eAutos, es vereint eine grüne Wirtschaftskompetenz mit der auf der anderen Seite beständig betonten Bewahrung der (schwäbischen) Natur. Diesen Ton scheint die CDU zumindest teilweise zu übernehmen: mit Andreas Jung holt sich Manuel Hagel einen der profiliertesten CDU-Klimapolitiker nach Stuttgart. Das ist leider keine besonders tiefe Bank: Florian Gathmann erklärt im Spiegel Merz als nun „klimapolitisch blank„, es fehle an Politiker*innen, die auf diesem Feld etwas könnten und die „geschmeidig genug“ für eine mögliche schwarz-grüne Koalition auch im Bund seien. Ich habe das hier schon öfter gesagt: das Fehlen von Klimaschutzkompetenz in den anderen Parteien lässt die Grünen das Feld genauso alleine bespielen wie die Aufgabe von Finanz- und Wirtschaftskompetenz bei SPD und Grünen das Feld der CDU schenkt, oder wie Sozialstaat und Arbeitsrecht per Default bei der SPD landet. Diese Lücken rächen sich. Dass Thomas Schmidt zu der ganzen Sache mit Kretschmann und Özdemir nicht viel Negatives dazu einfällt, als dass Kretschmann überraschenderweise bei den Grünen war und früher nicht so erfolgreich, zeigt mir irgendwie auch, dass hier ein nachahmenswertes Modell für die Gesamtpartei liegt.

2) Arbeitszeitdebatte

Ich habe zur Arbeitszeitdebatte einen Twitterthread geschrieben, der einigermaßen viral gegangen ist. Für die, die dort nicht sind:

Ich glaube, der Kern für diese Merz’sche Sicht auf Arbeit (pars pro toto) ist einer der lebensweltlichen Erfahrung. Wenn Merz sich mit seinen zwei Tagen Blackrock als ackernder Leistungsträger inszeniert, liegt das auch daran, dass für diese Menschen gar keine Grenze zwischen Arbeit und Freizeit existiert. Alles fühlt sich nach Arbeit an. Ich kann das selbst auch nachempfinden. Ich bin Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik. Wenn ich mich über aktuelle Geschehnisse auf dem Laufenden halte, ist das Hobby oder Arbeit? Mein Podcast gibt mir direkt Rechercheinfos und Analysekenntnisse für den Unterricht. Arbeit oder Freizeit? Dito mein Blog. Wenn ich ein historisches Sachbuch lese und rezensiere – ist das Hobby oder Arbeit? Wenn ich mit einem Kumpel über Literatur diskutiere – Hobby oder Arbeit? Da wird dann auch Bezahlung zunehmend arbiträr. Ich arbeite IMMER. Entsprechend sind auch alle Geldflüsse irgendwie okay (und nicht etwa Korruption), weil sich das ja gar nicht mehr trennen lässt. Zurück zu Merz: der arbeitet ja nicht nur zwei Tage im Büro bei Blackrock. Der telefoniert ständig seine Kontakte in Politik und Wirtschaft ab und netzwerkt. Das ist Arbeit, aber die taucht nirgendwo auf. Wenn er Bundestagsdrucksachen liest, wenn er Zeitungsartikel wälzt, wenn er irgendwelche Dorffeste besucht, das ist alles Arbeit, steht aber auf keinem Stundenzettel. Entsprechend besteht da ein völlig anderes Arbeitsverständnis als bei jemandem, der beim Ausstempeln aufhört zu arbeiten. Ausstempeln gibt es für Leute in hervorgehobenen Stellungen nicht. Das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft. Auch die arbeiten de facto immer. Die nehmen sich maximal eine Pause. Aber „Feierabend“ im klassischen Sinne gibt es da nicht. Deswegen ist auch das Merz-Meme mit dem „12 Stunden? Das ist Teilzeit“ gar nicht weit weg von der Wahrheit, auch wenn es den Grund dafür nicht erfasst. Und das sorgt für Sprachlosigkeit zwischen der „Elite“ (weil nur die hat solche Arbeitsverhältnisse), deren Arbeit so erfüllend ist, dass sie bereit sind, ein solches Leben zu leben, und der breiten Masse, die nach Feierabend nichts mehr hören will. Das ist ein Disconnect. Der kann gar nicht anders als da sein. Das Problem ist, wenn Leute das nicht mehr sehen. Und das betrifft parteiunabhängig alle Leute. Wenn ein Franz Müntefering verkündet, dass er auch mit 70 noch gerne arbeitet – klar! Aber der hat auch einen erfüllenden Job. Für den ist die Arbeit mehr als nur Gelderwerb. Sie erfüllt ihn. Und das ist bei der Masse der abhängig Beschäftigten nicht der Fall, die deswegen in dieser Rhetorik vom „länger arbeiten“ (täglich wie lebenszeitlich) nichts als eine Bedrohung erkennen können.

3) Merz und der DGB

Merz hatte einen Auftritt beim DGB, in dem er das Ende des 8-Stunden-Tags und diverser anderer Errungenschaften der Gewerkschaftsbewegung forderte. Wenig überraschend war die Reaktion nicht begeistert, er wurde ausgebuht und ausgepfiffen. Das sorgte für Krokodilstränen bei denselben Leuten, die mit Verve den Arbeitgeberverband verteidigten, weil der Bärbel Bas ausgelacht hatte. Ich sehe in dem Auftritt eine Seltenheit für Merz: einen kommunikativ vorbereiteten und wie geplant verlaufenden Auftritt. Dass ein CDU-Kanzler sich beim DGB auf etwa demselben Territorium bewegt wie eine SPD-Arbeitsministerin bei den Arbeitgebenden, sollte klar sein. Dass er ihnen dann eine solche Kriegserklärung hinwirft (die weit über Bas‘ Kommentare die sich ja zu ihnen gar nicht äußerte), kann nur zu einer solchen Reaktion führen. Merz WOLLTE das (andernfalls wäre er so absurd dumm, dass er sofort zurücktreten sollte). Und es macht auch Sinn. Für die Bürgerlichen sind die Gewerkschaften der Feind, und anders als die SPD und die Arbeitgeber ist es ihnen auch klar und fahren eine entsprechende Kampagne.

Dabei stehen ihnen die Medien weitgehend zur Seite. Einer der besseren Kommentare, die ich bisher dazu gelesen habe, ist Michael Saugas Erklärung, die Sozialpartnerschaft sei „am Ende„, was ich zwar für etwas überzogen halte, aber er hat in einem Nebensatz den Teil zu Merz‘ Auftritt, den praktisch alle anderen Kommentare komplett übersehen: „Dass die Spitzenverbände der Wirtschaft einer moderaten Erhöhung der Erbschaftsteuer zustimmen, ist derzeit genauso unvorstellbar wie ein Ja der Gewerkschaften zu jeder noch so geringfügigen Erhöhung des Rentenalters.“ Denn damit hat er völlig recht. Beide Seiten bewegen sich keinen Millimeter, und CDU und SPD sind da beide Teil des Problems. Die Woche vor dem DGB-Auftritt war Merz beim Bankenverband. Dort verlor er kein Wort zu harten Reformen, Einschnitten, Opfern. Die behielt er sich für die Arbeitnehmenden auf. Es ist ein reines Nach-unten-treten, die Opfer sind extrem einseitig verteilt, wie das in den 2000ern auch schon der Fall war. Deswegen kann in meinen Augen diese Koalition und dieser Reformprozess auch nicht funktionieren. Jeder ist gerne bereit, den jeweils anderen was anzutun. Aber keiner bewegt sich beim eigenen Kram einen Millimeter.

4) YouTube als Fernsehen

Wolfram Weimer plädiert in der Welt dafür, YouTube wie Fernsehen zu regulieren. Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich Weimer zumindest teilweise zustimme. Denn er hat völlig Recht damit, dass die alte Fernsehlandschaft nicht mehr existiert und unser Regulierungssystem in den digitalen Medien bestenfalls partiell greift. Etwas merkwürdig finde ich sein Beharren darauf, dass es dringend nötig sei, Werbung zu deregulieren, als ob die nicht eh schon lästig genug wäre, aber vielleicht fehlt mir da auch einfach nur die Sachkenntnis (streicht das „vielleicht“, ich hab keine Ahnung vom Medienmarkt). Aber die Regulierung der neuen Medien ist mehr als überfällig. Einen Tag später erschien übrigens im selben Blatt die Gegenrede: „Bitte nicht noch einmal Staatsfernsehen!“ Inhaltlich finde ich diese null überzeugend. Sie geht von der Prämisse, dass die Öffentlich-Rechtlichen des Teufels seien und dass die Meinungsfreiheit in Deutschland praktisch bereits abgeschafft sei rückwärts und erklärt am Ende, die Algorithmen seien viel neutraler, als dass die Landesmedienanstalten (die Weimer mit der Aufgabe betrauen will) je sein könnten. Diese Naivität ist echt unglaublich. Als ob diese Algorithmen nicht von Menschen geschrieben seien, und dazu noch von solchen, die als Milliardäre mit Demokratie und Meinungsfreiheit mal so gar nichts am Hut haben! Und staatsfern sind sie auch nicht. Ein Elon Musk ist staatsnäher, als das eine Landesmedienanstalt ist. Nur nicht unserem Staat, unserer Demokratie. Man kann ja Weimers Vorschlag gerne kritisieren, aber wenn das das Beste ist, was als Gegenargument kommt, dann gute Nacht.

Resterampe

a) Ralf Neukirch sieht die Migrationspolitik Merz‘ nicht als gescheitert, sondern vor allem als kommunikatives Problem. Ich bin da nicht so sicher.

b) Nichts dagegen, Hammer und Sichel als verfassungsfeindliche Symbole zu behandeln, aber mir scheint, so häufig und sichtbar wie hier dargestellt sind sie denn doch nicht. Das ist zum Glück das Biotop einiger Spinner aus dem MLPD- und Anarchistenmilieu, das sich mit 2% geschmeichtelt fühlen darf.

c) Ein Hohn, ein Schlag ins Gesicht, brutal? Warum die politische Sprache immer härter wird. Ich hab dieses Mimimimi so satt. Die politische Sprache war in der Bonner Republik WESENTLICH härter. Sie ist nur härter gegenüber der Konsenssoße der Merkelzeit.

d) Minderheitsregierungen sind besser als ihr Ruf. Die hören einfach nicht auf.

e) Die Veränderung der Vaterschaft ist schon echt krass. Von wegen tut sich da nichts und ist das alles nutzlos. Das ist auch die Arbeit von zahlreichen Aktivist*innen.

f) Der deutscheste FPS-Spieler. 😀


Fertiggestellt am 15.05.2026

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  • Lemmy Caution 19. Mai 2026, 09:46

    4) youtube regulieren
    So ein Quatsch. Da soll eine neue Armee von Leuten eingestellt werden, die den quantitativ sehr hohen output auf youtube prüft?
    Das eigentliche Problem sind die dunklen Seiten der menschlichen Seele. Wir sind empfänglich für Propaganda. Der Wohlstand in Deutschland sinkt aus verschiedenen Gründen. Der war aber vorher teilweise deshalb so hoch, weil wir in einer sehr günstigen Umwelt lebten. Der relative Niedergang stimmuliert die dunklen Seiten vieler Menschen. Marina Weissband hat zu Beginn des Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine etwas sehr kluges gesagt: Propaganda funktioniert, weil Menschen an sie glauben WOLLEN.
    Die AfD Wähler sind enttäuscht. Sie wollen sich nicht eingestehen, dass vielleicht ihre Erwartungen unrealistisch waren. Es ist einfacher, bestimmten Gruppen die Schuld zu geben. Das ist leider zutiefst menschlich.
    Und wie wollen die Clowns der mit jemand wie mir umgehen, dessen Medienkonsum eh nur zu 20% auf Deutsch stattfindet? Benutzt man VPN zur eigenen Sicherheit, kann es theoretisch passieren, dass man dann mit einer französischen IP auf deren geoblockierten Mediatheken zugreift. Die einzige mögliche aktuelle Grauzone meines Medienkonsums ist also Fernsehen, das ins Internet eigespeist wird. Natürlich passe ich sehr strikt auf, dass das nie passiert.
    Ich schaue soviel fremdsprachliches Zeug aus 2 Gründen.
    Erstens ist comprehensible input ein unverzichtbarer EIN Bestandteil zur Erlangung von Sprachkompetenz. [Exkurs: weitere sind Auswendiglernen von Sätzen, Texte schreiben und sprechen inklusive der nicht angenehmen Erfahrung, dass man wegen Vokabelmangel im aktiven Wortschatz blockiert ist und Aussprachcheck mit KI, tiefes Verständnis der Grammatik und ab B2 Level Recherchen zu Details, die man nicht versteht. Alles ziemlich anstrengend. Man muss das mögen.]
    Zweitens sind andere Gesellschaften ein Spiegel der eigenen Gesellschaften. Wie reagieren Franzosen, Chilenen, Argentinier, Spanier, Brasilianer auf Herausforderungen, die wir in Deutschland auch haben? Welche Ideen werden dort entwickelt? Man beschäftigt sich ja mit Geschichte, um den Menschen an sich und die eigene Gesellschaft besser zu verstehen, nicht um obskures Detailwissen anzuhäufen.
    Ich hatte mal einen Kollegen, der sich in twitter sehr von oben herab über Hetzaccounts amüsierte. Trat er in einer Diskussion mit den Leuten ein, sah er da nicht gut aus. Er verstand einfach die Mechanismen der Propaganda nicht hinreichend. Genauso wird es bei einer Aktion „Wir säubern youtube“ auch laufen. Ich schaue mir in den anderen Ländern sehr wenig die Extremisten an, weil die immer die selben Argumente bringen. Ich habe durch 2 Dinge viel über Propaganda gelernt:
    1. aus dem Diskurs aus und über Venezuela. Zum einen haben einige Venezolaner die Mechanismen sehr tief reflektiert, zum anderen gab es auf Deutscher Seite Linksradikale, die in ihrer Vergangenheit oft Kontakt mit dem Verfassungsschutz hatten, weil sie Propagandaprofis waren.
    2. Aus dem Untergang der Meistererzählung des chilenischen Wirtschaftswunders post 1989. Ich habe da selbst in der Zeit zwischen 2009 und 2012 vieles revidiert. Wichtig war da anfänglich übrigens auch der Kanal eines chilenischen Anarchisten. Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich selbst kein vor Propaganda gefeiter Übermensch bin. Surprise. Surprise.

    In Deutschland sind nicht Kanäle gefährlich, in denen sich 2 Jöckels begeistert erzählen, dass sie sich eben an der Haustür mit dem Hitlergruss begrüsst hätten und wie befreiend das doch sei. Gefährlich sind Kanäle, die Björn Höcke 4 Stunden unkommentiert reden lassen und damit richtig Geld verdienen. Aktuell 5,4 Millionen views für ein so langes Video nach 2 Wochen bedeutet richtig Geld. Das ist schon ein problematisches Anreizsystem, aber wie will der Staat das verbieten? Ich habe mir das Höcke Interview gar nicht angeschaut, weil es für mich interessantere Sachen gibt. Aber das funktioniert und zwar, weil weite Teile unserer Mitbürger mit unserem System von Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie innerlich gebrochen haben. Eine Demokratie benötigt ein Mindestmass an Kohärenz.
    Finnland scheint sehr erfolgreich damit zu sein, Wissen über das Wirken von Propaganda in der Gesellschaft zu verbreiten. Die haben aber durch ihre Nähe zu Russland und der massiven russischen Einflussnahme auf Finnland im Kalten Krieg Erfahrung mit dem Thema. Die Bundesrepublik und in gewisser Hinsicht auch die DDR befanden sich 1955 bis 2022 auf der Sonnenseite von Weltwirtschaft und Geopolitik. Auch deshalb sind hier so viele naiv.

  • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 10:00

    1) Özdemir als Ministerpräsident

    Die CDU scheint das Gewünschte bekommen zu haben, die Grünen, zumindest jenseits von Özdemir, weit weniger als erhofft. Damit ist das Ergebnis gut für Alle. Interessant ist, wie die linken Reichsbedenkenträger widerlegt werden. Wir hatten ja auch hier im Blog die Diskussion, ob Bürokratieabbau nicht effektiver wäre, würden Gesetze und Verordnungen mit einem Verfallsdatum versehen. Genau das macht nun die neue Regierung in Stuttgart.

    Und das ist sicher wichtiger und wertvoller als irgendwelche klimapolitischen Konzepte, die eh keiner mehr hören will. Deutschland steht für 1,4 Prozent der globalen Emissionen. Wenn sich irgendjemand auf der Welt für die Ideen dieses Landes interessiert hätte, wie Klimaschutz funktionieren kann, dann ist dieses Fenster längst geschlossen. Ein Land, das es in 27 Jahren nicht hinbekommt, eine Energiewende so zu konzipieren, dass es nicht mehr auf fossile Energieträger angewiesen ist, ein Land, dass fast eine irrwitzige Billion dafür verbrennt, die Atomkraft vom Netz zu nehmen, ein Land, das in einer Zeit, in der Energie Wohlstand bedeutet Industrie und Bürger mit aberwitzig hohen Energiekosten zum Sparen drängelt, wird in der Welt höchstens als moralisch überheblicher Spinner wahrgenommen.

    Auf Sicht wird in Deutschland niemand mehr mit dem Klimaschutzthema Kanzler. Diese Chance konnte Annalena Baerbock nicht nutzen und sie kommt nicht wieder. Für das, was nötig ist, fehlen Politik und Gesellschaft ohnehin der Sinn.

    • Stefan Sasse 19. Mai 2026, 11:11

      ROFL, ich liebe die Offenheit, mit der du deine Bewertungen hier deutlich machst. „Die Grünen haben weniger als erhofft bekommen, also ist das Ergebnis gut für alle“, aber wenn die CDU in der BuReg weniger bekommt als erhofft, dann ist die Demokratie in Gefahr. Das ist genau das, was ich meine: es sind keine Prinzipien, es sind schlicht deine Vorlieben, zu denen du einfach nicht zu stehen bereit bist und stattdessen immer diese Prinzipien bemühst, die du nie einhältst.

      • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 11:19

        Ich liebe Deine Äpfel-Birnen-Vergleiche. Die Union bekam bei der Bundestagswahl 28 Prozent, die SPD 16 Prozent, macht einen Unterschied von 12-Prozentpunkten. Anders: Die Union hat 75 Prozent mehr Gewicht in der Bundesregierung.

        In Baden-Württemberg bekamen die Grünen 30,2 Prozent und die CDU 29,7 Prozent, ein Vorsprung von 0,5-Prozentpunkten. Die Grünen liegen damit 1,7 Prozent von der Konkurrenz (die Nachkommastelle ist hier wichtig). Für dieses Mehr bekommen die Grünen das enorm wertvolle Amt des Ministerpräsidenten und ansonsten das, was ihr Kandidat ja selbst im Wahlkampf gefordert hat.

        Anscheinend wollten die Grünen aber tricksen, etwas ins Schaufenster stellen, wogegen sie aber in Wirklichkeit sind. Das ist Falschgespielt.

        • cimourdain 20. Mai 2026, 08:53

          Um die andere Seite zu beleuchten: Dafür, dass die Grünen als marginal stärkere Partei den Ministerpräsidenten bekommen haben, wurde die CDU mit einem Ministerposten mehr und einem für Hagel zugeschnittenen Superministerium (Inneres, Digitales, Europa) kompensiert. So schlecht ist der Deal nicht.

          • Stefan Pietsch 20. Mai 2026, 09:51

            Das zählt in der Öffentlichkeitswirksamkeit wenig. Schauen Sie, wie Özdemir innerhalb weniger Wochen in den bundesrepublikanischen Umfragehimmel geschossen ist. Das ist ein ziemlich dicker Bonus.

            • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 12:06

              Davon und 5€ kann er sich ein Sandwich kaufen.

              • Stefan Pietsch 20. Mai 2026, 13:23

                Deswegen haben die Grünen ja so um das Amt gekämpft. Weil es nur 5€ wert ist.

                Sei nicht albern. Du weißt genauso gut, dass der Posten des Ministerpräsidenten bei Wahlen durchaus zehn Prozentpunkte wiegen kann.

                Wie wäre es denn anders herum? Was hat die CDU bekommen, was für Özdemir eine echte Kröte war? Oder umgekehrt, warum hätte der Koalitionsvertrag so anders ausfallen können mit der CDU als Wahlsieger?

                Zu dieser Position kann man doch nur gelangen, wenn man der Ansicht ist, Özdemir habe ungedeckte Schecks verteilt, die seine Partei nur mitgemacht hat, um den Wahlsieg nicht zu gefährden. Das aber wäre vorsätzlicher Wählerbetrug. Ich denke nicht, dass Du dieser Ansicht bist. 😉 Aber dann bleibt die Frage, was man auf Grünen-Seite wirklich hingenommen hat. Any idea?

                • CitizenK 20. Mai 2026, 17:07

                  Dazu müsste man genauer auf die Verschiebungen der Zuständigkeitsbereiche der Ministerien schauen. Das kann für die tatsächliche Machtausübung mehr bewirken als Titel und Medienberichte.
                  Ziemlich wilde Rochaden, z. B. die KuMi kann ihre Erfahrung nicht mehr nutzen und muss sich in Bau und Sport (aber ohne Schulsport!) einarbeiten.

                  Sinnvoll? Ich weiß nicht. Die Diskussion, ob Minister vom Fach sein sollen, hatten wir schon früher. Ich finde immer noch: Ja. Ausnahmen sollten die Regel bestätigen, diese aber nicht aushebeln.

                • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 17:29

                  Behaupte ich doch gar nicht? Natürlich ist der Posten wichtig. Nur hat die CDU sehr viel rausgeholt. Das schließt sich ja nicht aus. Sie haben halt trotzdem verloren, deswegen haben sie nicht den Hauptpreis.

                  • Stefan Pietsch 20. Mai 2026, 17:55

                    Wie gesagt, alles in Ordnung, nur gab es anscheinend keine größeren Zumutungen gegenseitig.

                    Aber nochmal: Was sagst Du denn dazu, dass gerade die Grünen in Baden-Württemberg gegen Deine Überzeugung handeln und Gesetze und Verordnungen einfach mit einem Verfallsdatum versehen? Übrigens, das ist binnen weniger Wochen das zweite Mal, dass ausgerechnet eine schwarz-grüne Regierung gegen Deine Überzeugungen handelt. In NRW wurde gerade eine Verpflichtung zu vorschulischen Betreuung eingeführt für Kinder, die im Vorschulalter große Defizite in der Sprache aufweisen.

                    Klingt sehr nach dem, was ich seit zehn Jahren hier und noch länger im Allgemeinen vertrete. Soziale Segregation und das von den Grünen. 🙂 Von Euch Linken kam immer: Geht nicht. Ich hab‘ Spaß!

                    • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:30

                      Du formulierst das, als wären gegenseitige Zumutungen ein Wert an sich…?

                      Soweit ich das mitbekommen habe, haben sie Berichtspflichten mit einem Verfallsdatum versehen, was tatsächlich nach einer guten Idee klingt. Bei Gesetzen bleibe ich da sehr skeptisch. Ich kenne die Details in NRW nicht, aber so wie du das schilderst ist das ja trotzdem derselbe Ort wie für alle anderen. Ich war dagegen, spezifische „Ausländerkurse“ aufzumachen und bin das auch weiterhin. – Ansonsten habe ich meine Meinung bei manchen Themen in den letzten Jahren ja durchaus geändert.

                      Generell würde ich als Reaktion jedenfalls mal nicht total wütend werden und Extremisten unterstützen 😉

                    • Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 11:29

                      Verträge sind das Ergebnis von Parteien mit unterschiedlichen Interessen. Solltest Du eine Ehe führen, kennst Du Dich möglicherweise mit Aushandlungsprozessen aus. 😉

                      Man bekommt nie alles und jede Partei hat Knock-out-Punkte. Je größer die Schnittmengen, desto sinnvoller ist eine Zusammenarbeit. Wo das in der Politik nicht der Fall ist, sehen wir bei der aktuellen Merz-Regierung und zuvor bei der Ampel. In BW scheint es zwischen Grünen und Schwarzen anders zu sein. Dann macht es aber keinen Sinn davon zu sprechen, die eine Seite habe viel durchgesetzt. Das gilt ja eben nur dann, wenn die andere schweren Herzens die Punkte akzeptieren musste.

                      Ich habe nie von ausländerbezogener Betreuung gesprochen. Das ist das, was sich in Deinem Kopf abspielt. Ich habe immer von Kindern gesprochen, die im Alter von vier Jahren deutliche Entwicklungsrückstände in Sprache und Motorik aufweisen. Diesen Ball hat man jetzt in NRW aufgenommen.

                      Hier argumentierte man gerne mit der Diskriminierung, die mit einer solchen Segregation einherginge. Nun macht diese angebliche Segregation ausgerechnet eine grüne Partei mit. Das Argument ist Anerkennung der realen Verhältnisse (Willkommen in der Wirklichkeit, liebe Linke!). Ein immer höherer Anteil der Sechsjährigen ist nicht schulfähig und eine kostenlose Intensivbetreuung für alle Kinder ab vier ist finanziell und ressourcentechnisch schlicht nicht darstellbar.

                      Irgendwann erkennt auch deutsche Politik echte Probleme. Leider nur immer 15-20 Jahre zu spät.

                      Wenn sich im achten Jahr der wirtschaftlichen Stagnation bei steigender Steuerlast und sinkenden Realeinkommen jemand keine grundsätzlichen bis existenziellen Sorgen macht, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit Rentner, im Staatsdienst oder in der Grundsicherung.

          • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 12:03

            Natürlich nicht, die haben einen super Deal. Nicht ungerecht oder so, aber sie sind definitiv nicht benachteiligt.

  • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 10:50

    2) Arbeitszeitdebatte

    Das strahlt nicht gerade Sachkenntnis aus. Wenn ich am Wochenende den Economist lese, auch mit dem Motiv, mich in Englisch fit zu halten, dient das ungefähr meiner Job-Kompetenz wie dem Joggen um den Block. Die Steuerregeln sind in dem Fall präziser: Dort, wo ein direkter Zusammenhang mit einer Gewinnerzielungsabsicht besteht, handelt es sich um Arbeit. Das Bloggen bei DeliberationDaily hat nichts mit Arbeit zu tun.

    Und natürlich haben Leute mit „besseren“ Jobs auch Freizeit. Ja, in Spitzenpositionen ist man auch an Wochenenden und im Urlaub ansprechbar. Aber in welcher Form, ist heute meist klar kommuniziert.

    Das betrifft aber nicht nur die Topjobs. Was soll das übrigens sein? Die meisten Stellen in Deutschland sind aus Sicht Rumäniens, Griechenlands oder Mexikos „Topjobs“. Diese Einteilung nach „Managerjobs“ und Arbeitern ist derart altmodisch, dass man sich wundert, wie es als Vorurteil noch weiterleben kann.

    Zehn Prozent der Beschäftigten sind Führungskräfte, vom Teamlead bis zum CEO. Nehmen wir an nur jeder Zehnte ist im Top-Bereich, so wären das 400.000 Beschäftigte. Arbeiter gibt es so 2 Millionen (plus/minus). Ziehen wir diese beiden Gruppen ab – die einen jederzeit bereit, die anderen im Stechschritt – dann arbeiten 37 Millionen abhängig Beschäftigte in mehr oder weniger gut situierten Positionen.

    Nehmen wir mal den Finanzbereich: im anspruchsvolleren Bereich verdienen Buchhalter und Controller in der Rhein-Main-Region zwischen 65.000 Euro und 110.000 Euro. Wenn der Buchhalter am 18. Mai um 15 Uhr nach Hause geht, wen interessiert’s? Die Leute werden im Monatsabschluss gebraucht, Controller darüber hinaus bei der Forecast- und Budgeterstellung, gerne auch bis spät abends. Finanzen sind Deadline-getrieben. Für andere Bereiche gelten andere Friktionen. Und die Leute machen es, weil sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren, weil sie ihren Job mögen, weil sie den Charakter haben.

    Das sind diejenigen, denen die Linken von SPD über Grüne bis zu den LINKEN ans Leder wollen, wenn über die Erhöhung des Spitzensteuersatzes debattiert wird. Diese Leute sollen mehr zahlen, damit der ungelernte Buchhalter mit 40.000 Gehalt mehr hat. So hetzt man eine Gesellschaft auf.

    • Stefan Sasse 19. Mai 2026, 11:12

      Ich sehe nicht, wo das etwas mit dem zu tun hat, was ich schreibe.

      • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 11:20

        Deine Vorstellungen von der Arbeitswelt und -einschätzung ist ziemlich weltfremd.

        • Lemmy Caution 19. Mai 2026, 17:47

          Das geht zu weit. Das überschreitet die Grenze zu toxisch. Arbeite Du mal 3 Monate als Lehrer. Dann kannst Du eine Aussage treffen.

          • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 19:15

            Schulen sind kein typischer Arbeitsort. Ein durchschnittlicher Arbeitsort ist büroähnlich, liegt in einem Ballungsraum, das Unternehmen hat einen Umsatz zwischen 20 Millionen und zwei Milliarden Euro. Wer so redet, als wären 6 Prozent Arbeiter an der Workforce der typische Fall, setzt sich dem Vorwurf aus, die realen Verhältnisse nicht zu kennen.

          • Erwin Gabriel 21. Mai 2026, 13:03

            @ Lemmy Caution 19. Mai 2026, 17:47

            Das geht zu weit. Das überschreitet die Grenze zu toxisch.

            das auch 🙂

            Arbeite Du mal 3 Monate als Lehrer. Dann kannst Du eine Aussage treffen.

            Ich habe ein knappes Dutzend Lehrer aus dem näheren und weiteren Bekanntenkreis kennengelernt, und deutlich mehr über die Schulzeiten meiner Kinder. Drei oder vier von denen hätte ich eingestellt (Stefan Sasse wohl auch), den Rest nicht.

            Losgelöst von Meinungen hat Stefan Pietsch recht, dass „Lehrer“ nicht das typische Berufsumfeld sind. Davon ab gibt es Leistungsträger und Versager in allen Bereichen der Arbeitswelt.

            Ansonsten: Stefan Sasse kennt sich im Bereich „mittleres Management“ so gut oder schlecht aus wie Stefan Pietsch bei Oberstufen-Lehrern, also würde ich für ein „Unentschieden“ plädieren. 🙂

            • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 15:21

              Danke, ich fühle mich von deiner theoretischen Einstellung geehrt 🙂

            • Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 17:23

              Bitte, ich bin meist im Top-Management mittelständischer Unternehmen zuhause. Da könntest Du Stefan auf als Realschullehrer bezeichnen.

              • Erwin Gabriel 22. Mai 2026, 18:39

                @ Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 17:23

                Bitte, ich bin meist im Top-Management mittelständischer Unternehmen zuhause. Da könntest Du Stefan auf als Realschullehrer bezeichnen.

                Mea culpa, ändert aber nichts. 🙂

    • Lemmy Caution 19. Mai 2026, 12:22

      So schlecht sieht das für die Leute mit Jahreseinkommen 65 bis 110 k versteuerbarem Jahreseinkommen doch überhaupt nicht aus.

      Auf dem Tisch ist:
      Grundfreibetrag erhöhen -> alle zahlen weniger
      Arbeitnehmerpauschbetrag erhöhen -> alle zahlen weniger
      Spitzensteuersatz (42 %) evtl. später greifen lassen ODER erhöhen -> später greifen lassen bedeutet, dass 69k und darüber profitieren. Erhöhen konterkarriert das. Ist aber nicht gesagt, dass das mehr ist als der angehobene Grundfreibetrag und Arbeitnehmerpauschbetrag
      Reichensteuer (45 %) mögliche Anhebung / früherer Beginn ->
      Sehr hohe Einkommen stärkere Belastung diskutiert -> Reichensteuer zahlst du ab 277,8 k steuerpflichtigem Jahreseinkommen. In dem Bereich sehe ich mich leider nicht. Diese Leute müssten mehr zahlen. Das betrifft nun aber die 65 bis 120 K Einkommensbezieher nicht.

      Gestiegen sind ja in den letzten Jahren die Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträge. Die sind aber ab 66.150 € versteuerbares Jahreseinkommen gedeckelt.

      • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 12:51

        Du hast auch dieses Gottvertrauen in einen großzügigen Staat. In 45 Jahren politischer Beobachtung habe ich den Staat noch nie als großzügig wahrgenommen. Das ist alles Theater.

        In den Neunzigerjahren mussten Bürger gegen diesen Staat das Selbstverständliche erkämpfen, dass der Grundfreibetrag mindestens die Höhe des durch das Sozialrecht vorgegebenen Existenzminimums beträgt. Denn der Punkt ist, aus dem von Dir genannten Grund ist eine Erhöhung des Grundfreibetrages für den Fiskus eine teure Angelegenheit. Seit dem Verfassungsurteil wird der Grundfreibetrag alle zwei Jahre angepasst (das Bürgergeld jedes Jahr).

        Nächstes Jahr ist die turnusgemäße Anpassung fällig. Mein Vertrauen, dass diese Erhöhung deutlich das gesetzlich vorgegebene Minimum überschreiten wird, ist begrenzt. Der Arbeitnehmerpauschbetrag beläuft sich derzeit auf 1.270 Euro. Das sind gut 100 Euro im Monat. Das ist normalerweise ein Bruchteil der Kosten, die einem durchschnittlichen Arbeitnehmer bereits durch die Wegekosten entstehen. Diese sind wiederum pauschaliert abzugsfähig. Eine Erhöhung um kosmetische 30 bis 150 Euro fällt für die Staatskasse nicht ins Gewicht. Und für den Steuerzahler auch nicht. Bei 100 Euro wäre die Entlastungswirkung selbst bei mittleren Einkommen mit einem Grenzsteuersatz von 35 Prozent gerade eben 35 Euro. Im Jahr.

        Was die Leute bei der Fixierung auf den Spitzensteuersatz nicht verstehen ist, dass die steuerliche Belastung eine mathematische Funktion von Anfangspunkt (Grundfreibetrag) und Grenzbelastung der Steuerstufen ist. Wird der Grundfreibetrag verschoben, muss schon der Endpunkt mit verschoben werden, damit die Grenzbelastung aller Einkommen nicht weiter steigt. In der Vergangenheit wurde das nicht getan, weshalb sich die Wölbung des sogenannten „Mittelstandsbauch“ immer weiter rausbildet. Die Verschiebung des Anfangspunkts für den Spitzensteuersatz ist also tariftechnisch zwingend erforderlich.

        Besteht die Absicht, den Spitzensteuersatz zu erhöhen, so muss der Anfangspunkt je weiter nach rechts verschoben werden, je höher man ihn ansetzen will. Je nach Gestaltung kann es sein, dass die heutigen Zahler der 42% zwar nach der Reform nur noch einen Grenzsatz von 40 Prozent haben, aber ihre tatsächliche Steuerbelastung über dem Heute liegt. Wenn das alles nicht gewollt ist, werden die Steuerausfälle gigantisch – je nachdem im Bereich 30 – 70 Milliarden Euro.

        Das wiederum passt nicht zu den politischen Aussagen. Der Finanzminister will die Steuerreform aufkommensneutral gestalten und die Ausfälle bei den Spitzenverdienern holen. Die Schätzungen, was da durch Erhöhung von Spitzensteuersatz und Reichensteuersatz möglich ist, pendeln zwischen 2 und 5 Milliarden Euro. Das, Lemmy, ist die tatsächliche Spielmasse.

        • Lemmy Caution 19. Mai 2026, 14:56

          Führt die Erhöhung des Grundfreibetrags zu einer einfachen Verschiebung der Steuerprogressionskurve nach rechts – wie es in den letzten Jahren vernünftigerweise der Fall war – ist die Steuersenkung für Einkommensbezieher über 65 K höher als die von kleineren Einkommen, da man für die letzten Einkommensbezüge die höchsten Steuern zahlt. Häufig wurde auch die Kurve angespasst, aber nicht so dramatisch.

          Mit Spitzenverdiener sind aber nicht Leute gemeint, die 65 bis 110 k steuerpflichtiges Einkommen haben, sondern die Leute mit den 237 k, die 45% Reichensteuer bezahlen. Die höheren Einkommen wurden in den letzten Jahren auch damit entlastet, dass der Soli erst ab ca 75 k (singles) und 145 k (Verheiratete) erhoben.

          • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 16:31

            Zur Anpassung des Steuertarifs gibt es im Abstand von zwei Jahren jeweils zwei Anpassungsgesetze im Jahressteuergesetz. Darin wird wie angesprochen der Grundfreibetrag gemäß der Entwicklung der Grundsicherung erhöht und die Stufen des Einkommensteuertarifs gemäß einer unterstellten Inflation angepasst.

            Dadurch entstehen keine echten Steuerausfälle, sondern das Einnahmenwachstum wird nur abgebremst. Versuche, die politischen Aussagen insbesondere des Finanzministers mit den Erwartungen in Einklang zu bringen. Nicht ganz einfach, aber es zeichnet sich das ab, was ich schon geschrieben habe.

            Mit Spitzenverdiener sind durchaus Steuerzahler im Spitzensteuerbereich gemeint. Manchmal rutscht es den verantwortlichen Politikern raus. Denn klar, je höher man geht, desto weniger ist zu holen. Die Schicht der Reichensteuerzahler ist halt sehr dünn. Das sind gerade 115.000 – 130.000 von insgesamt 46 Millionen Steuerzahlern.

            Siehst Du, der Soli wird von ganz normalen Buchhaltern und Controllern gezahlt. Die, die für mich am Monats- und Jahresende auf der Matte stehen. Das mit dem Verweis auf „Verheiratete“ ist ja ein Trick, das gilt ja für die nicht gewünschten Hausfrauen. Eine Buchhalterin (85.000 Euro) und ein Einkäufer (70.000 Euro) sind Soli-Zahler. Wenn sie sparen, sowieso.

            • Lemmy Caution 19. Mai 2026, 17:56

              Es ist keine grosse Anhebung des Spitzensteuersatzes geplant.
              Chatgpt meint zu Buchhaltergehältern: Senior / Spezialisten: bis etwa 60.000 €+
              Wenn du knapp drüber liegst zahlst du nur von Bemessungsgrenze bis steuerpflichtiges Einkommen an Soli.

              Ich arbeite eher für mich, meine Werte und die Kundenorganisation, nicht für den Abteilungsleiter, product owner, Projektleiter. Ich sehe das nicht so hierarchisch.

              • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 19:24

                Die Träume der SPD schießen da in den Himmel. Der Spitzensteuersatz soll auf 45 Prozent angehoben werden, die Reichensteuer sich im Bereich von um die 50 Prozent wiederfinden. Da sind schon Erhöhungen von 8-12 Prozent geplant. In der Wirtschaft ist das wesentlich.

                Du kannst mir glauben, dass ich die Gehälter in Deutschland ziemlich gut kenne. Für 60.000 Euro bekommt man in Rhein-Main, Hamburg, Berlin und schon gar nicht München keinen Buchhalter, der im Abschluss zuarbeiten kann. Schon gar nicht einen, der das Hauptbuch führen kann. Selbst in meiner Region 40 km östlich von Frankfurt kostet so jemand 70.000 Euro. Bilanzbuchhalter kosten in den genannten Regionen 80k-110k. Dabei sind Unternehmen ab 20 Mio. Euro Umsatz unterstellt.

                Schön. Ich bin auch kein hierarisch denkender Mensch. Vielleicht kannst Du Dir denken, dass mir das mein ganzes Leben über Probleme bereitet hat, angefangen bei der Bundeswehr.

  • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 11:12

    3) Merz und der DGB

    Die Vergleiche sind so schräg! Bärbel Bas kassierte kurzes, spontanes Gelächter, als sie sachwidrig behauptete, die Arbeitgeber würden ja entlastet, wenn der Bund Sozialausgaben übernehme. Hinterher entschuldigten sich Funktionäre bei der Arbeitsministerin und der Bundeskanzler nahm sie öffentlich in Schutz.

    Merz wurde mit Pfiffen und vorbereiteten Plakaten empfangen. Die Gewerkschaftsvorsitzende Fahimi führte mit einer verhetzenden Rede ein. Daran war nichts spontan und verständlich schon gar nicht. Tage zuvor bekamen die Gewerkschaften von der Bundesregierung ein lang verlangtes Geschenk mit dem Tariftreuegesetz. Dank? Doch nicht bei solchen Arbeitnehmervertretern! Bas redete nach Merz und schlug den gleichen Ton an, machte deutlich, dass sie gegen den Bundeskanzler stünde. Entschuldigt hat sich keiner der Funktionäre bei Merz und in Schutz genommen wurde er auch nicht. Anders als Bas hatte er eine Wahrheit ausgesprochen: Zwei Arbeitnehmer können nicht einen Rentner finanzieren.

    Die Betriebsräte bei Continental und Merck wissen, was los ist. Ihre Jobs verschwinden und sie kennen die Bilanzen ihrer Unternehmen. Linke wie Fahimi und Bas kennen sie nicht und erzählen das Blaue vom Himmel.

    Die Bundesregierung hat als eine ihrer ersten Amtshandlungen erstmal wieder Geld rausgehauen. Die Rentner wurden bedacht, auch NGOs bekommen mehr Geld, weitere potentielle Frührentner wurden beruhigt. Nur für Unternehmer hatte man nichts im Köcher. Ach, ab 2028 soll in homöopathischen Dosen die Körperschaftsteuer leicht abgesenkt werden. Anscheinend weiß man in Berlin, dass internationale Investoren gerne noch ein paar Jahre warten, bis man in Deutschland bereit ist, ein kleines bisschen Steuern zu senken.

    Wofür soll die Erbschaftsteuer „moderat“ erhöht werden? Wir haben gerade die Einführung einer Zuckersteuer, weil es ja so schädlich ist, Schokolade zu naschen. Die Einnahmen wandern in den allgemeinen Haushalt. Die Steuerzahler haben davon nichts.

    Wir stehen vor der Grundsatzfrage in diesem Land, ob der Staat mehr Einnahmen braucht oder längst zuviel beansprucht. Selbst die Verfechter „Mehr für den Staat“ trauen sich nicht mehr, offensiv für ihre Überzeugungen zu werben, weil sie immer mehr Kopfschütteln ernten.

  • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 11:23

    d) Minderheitsregierungen sind besser als ihr Ruf. Die hören einfach nicht auf.

    Regierungen über Lagergrenzen hinweg funktionieren nicht, wie die Ampel und nun Schwarz-Rot zeigen. Wenn das nicht funktioniert, muss etwas anderes probiert werden. Einfach per Ausschlussprinzip. Oder wie man im Wirtschaftsleben sagt: Trial & Error.

  • DerDieDas 19. Mai 2026, 11:57

    3) «Jeder wird etwas geben müssen» hat der Kanzlerpraktikant beim DGB gesagt und für die arbeitende und arbeitslose Bevölkerung die Senkungen ihres Lebensstandards angekündigt. Gut, bei ihm heißt das euphemistisch «Bereitschaft zu Veränderungen».
    Was ja prinzipiell auffällt: Die «Bereitschaft zu Veränderungen» sieht bei den Unternehmen so aus, dass diese bis 2029 beeindruckende ca. 46 Milliarden € … mehr auf dem Konto haben werden (zumindest ca. 90 % davon, also ca. 41 Mrd. €). Von einer «Bereitschaft zu Veränderungen» bei großen Erbschaften, Vermögen und Einkommen ganz zu schweigen! Da wird jede «Veränderung» von der CDU kategorisch abgelehnt. Nun gut, das stimmt nicht ganz, die Steuerbelastung der reichsten 20 % ist dank steuerpolitischer Reichtumspflege seit Anfang des Jahrtausends gesunken. Denn: Am stärksten fiel die Steuerlast der Superreichen!
    Denn zu viel Teilzeit, zu langer Arbeitslosengeld-Bezug oder zu hohe Zahnarztkosten sind nicht die wirklichen Probleme. Das wahre Problem des deutschen Sozialstaats liegt nicht am unteren Ende der Gesellschaft, es sitzt ganz oben.
    Die reichsten zehn % besitzen rund 60 % des Gesamtvermögens, die untere Hälfte kaum mehr als ein paar Prozent. Vermögen und Erbschaften tragen trotzdem nur etwa ein % (!) zum gesamten Steueraufkommen bei. Die Hauptlast schultern andere: Lohn- und Mehrwertsteuer bringen jeweils rund ein Drittel der Staatseinnahmen – bezahlt vor allem von der breiten Mitte und den unteren Einkommen.
    Wer viel arbeitet, zahlt also viel. Wer hingegen viel besitzt, zahlt vergleichsweise wenig. Das ist der eigentliche Konstruktionsfehler. Nicht der Sozialstaat ist das Problem, sondern dass Deutschland sich den Luxus leistet, seine Superreichen steuerlich zu schonen – und dann so tut, als könne es sich einen starken Sozialstaat nicht leisten.
    PS: CDU/CSU bekommen nicht zufällig über 18 Mio. € von Unternehmen, Verbände, etc., während SPD/Grüne/AgD/Linke zusammen (!) insgesamt gerade einmal ca. 4,3 Mio. € erhalten!

    • Stefan Pietsch 19. Mai 2026, 13:14

      Ungefähr ein Drittel aller Unternehmen macht regelmäßig Verluste, viele sind bilanziell überschuldet und werden durch Zuschüsse der Gesellschafter über Wasser gehalten – und die Angestellten behalten ihre Jobs. Was bekommen diese Unternehmen genau?

      Vorschlag: Wir zahlen als Gesellschaft aus dem Steuertopf diesen Unternehmen den Ausgleich für die Bilanz und übernehmen den Jahresverlust der Jahre 2026 – 2029.

      Kennen Sie ein Land, in dem die untere Hälfte über nennenswertes Vermögen verfügt?

    • Stefan Sasse 19. Mai 2026, 20:51

      Jepp, diese Unwucht ist das zentrale Problem.

    • Erwin Gabriel 21. Mai 2026, 13:25

      @ DerDieDas 19. Mai 2026, 11:57

      3) Merz und der DGB

      «Jeder wird etwas geben müssen» hat der Kanzlerpraktikant beim DGB gesagt und für die arbeitende und arbeitslose Bevölkerung die Senkungen ihres Lebensstandards angekündigt. Gut, bei ihm heißt das euphemistisch «Bereitschaft zu Veränderungen».

      Gewohnt beleidigende Ausdrucksweise. Nun gut.
      Nirgendwo steht geschrieben, dass der Lebensstandard immer steigen kann. Erst recht nicht, wenn derselbe so hoch ist wie hier, unsere Bevölkerung deutlich spürbar altert und wir stark von externen Umständen abhängen und intern seit 20, 25 Jahren unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben,

      Was ja prinzipiell auffällt: Die «Bereitschaft zu Veränderungen» sieht bei den Unternehmen so aus, dass diese bis 2029 beeindruckende ca. 46 Milliarden € … mehr auf dem Konto haben werden (zumindest ca. 90 % davon, also ca. 41 Mrd. €).

      Diese Art der Totschlag-schwarz-weiß-Argumentation ist sinnlos. Die Gewinne fahren in der Regel die Unternehmen ein, die international tätig sind und sich teilweise aus Deutschland zurückgezogen haben. Hierzulande geht dagegen eine steigende Zahl von Selbständigen und Unternehmen Pleite:

      2023: ca. 17.800
      2024: ca. 21.800
      2025: ca. 24.000
      2026: ca. 25.000 (Prognose)

      Von einer «Bereitschaft zu Veränderungen» bei großen Erbschaften, Vermögen und Einkommen ganz zu schweigen!

      Zu Erbschaften (etwa Anteile von großen Firmen) mag ich mich mangels Kompetenz zu Wirkungen und Folgen nicht äußern. Was ich verstehe, ist, dass „mal eben wegnehmen“ etwas unterkomplex argumentiert ist.

      Mit einer Vermögenssteuer tue ich mich schwer, weil die an die Substanz geht und nicht nur den Zuwachs verkleinert.

      Mit der Einkommenssteuer hadere ich, weil sich alle bisherigen Regierungen am falschen Ende vergriffen haben. Man kann (nur meine private Meinung) den Spitzensteuersatz sicherlich anheben, aber muss dann das Ganze Nivbeau der Steuererhebung nach oben verschieben. Aber auch hier fehlt mich die Kompetenz für einen konkreten Lösungsvorschlag.

      „Mehr“ von den „Reichen“, ohne zu schauen, was die bereits leisten, ohne zu schauen, welche Aufgaben der Staat sich unnötigerweise aufgeladen hat, ohne zu schauen, wie ineffizient unser aufgeblähter Staat mit Geld umgeht, ist aus meiner Wahrnehmung allerdings nur sozialneid-getriebener Klassenkampf.

  • Ariane 19. Mai 2026, 19:45

    1) Özdemir
    Ich glaube tatsächlich, dass die Kommunikation à la Özdemir und Kretschmann die richtige Richtung für die Grünen ist. Dieses „eBike mit dem Motor von Bosch“, die Betonung der coolen neuen deutschen eAutos

    Ich gestehe, für mich als Nordlicht wirkt das extrem cringe, aber für Südländer vielleicht eher folkloristisch charmant^^ Aber bitte – wehe aus Özdemir wird ein zweiter Söder, der sich in Regionalfolklore verliert.
    Ich betone schon mal vorsorglich, dass Niedersachen nicht die Steckdose Deutschlands ist!

    Ich bin ganz gespannt und mag Özdemir eigentlich als Typ und finde, er hat da sehr diszipliniert daraufhin gearbeitet. Aber er ist jetzt nicht so der Typ „knarziger Großvater“ wie Kretschmann aus der Ferne gewirkt hat, von daher wird er wohl seinen eigenen Stil finden müssen.

    3) Merz und der DGB
    Merz WOLLTE das (andernfalls wäre er so absurd dumm, dass er sofort zurücktreten sollte).

    Tja, ich muss sagen, mein Urteil steht da noch aus. Beim DGB den Buhmann geben und sein – easy. Das ist eigentlich nicht mal ne News.
    Aber er ist ja kurz darauf (ohne Rede) bei den Katholiken in eine ähnliche – und imo noch dümmere – Situation gestolpert. Wenn er jetzt alle 5 Minuten dementieren muss (im SpOn-Interview btw auch), dass er die Deutschen als faul bezeichnet, hat er die Kontrolle über sein Narrativ hier irgendwie verloren.

    Und ich bin durchaus eine Freundin davon, wenn Interessengegensätze klar zum Ausdruck gebracht werden. Es hülfe natürlich, wenn man die Interessen der „anderen Seite“ grundsätzlich als legitim ansieht und nicht mit moralisierenden Vorwürfen verunglimpft. Sonst treibt man ja eher sich gegenseitig und den Rest der Republik in den Nervenzusammenbruch.

    Vielleicht ist es hier auch tatsächlich eine späte aber gute Idee, Vertreter von Arbeitgebern und Arbeitnehmern an einen Tisch zu setzen und mitverhandeln zu lassen, anstatt dass die nur von außen mit den Medien als Proxys ihren Senf dazugeben. Irgendwie muss man ja in einen Arbeitsmodus gelangen, der Kompromisse ermöglicht.

    4) Youtube als Fernsehen

    Ich bin etwas unentschlossen.
    1. Die Gegenrede halte ich für Quatsch. Auch Privatfernsehen/medien ist reguliert und die sind ja weder Staatsfernsehen noch ÖR.
    2. Grundsätzlich denke ich, dass ein Medium kein Anrecht auf Nichtregulierung hat, nur weil es irgendwie Neuland ist. Die Machbarkeit ist vielleicht eher schwierig.
    Aber wenn hier debattiert wird, soziale Medien für Minderjährige zu verbieten, was ein extrem krasser Eingriff ist. Finde ich es schon verwunderlich, dass andere Regulierung irgendwie ausgeschlossen ist, gerade weil die Forschung zu suchtfördernden Mechanismen ständig besser wird. Autoplays oder ähnliches zu verbieten scheint mir ein weit kleinerer Eingriff.

    Dagegen fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass Landesmedienanstalten demnächst für das ganze Internet oder ganz youtube zuständig sein sollten. Max Otte als Werbung zu verbieten, hätte sowieso meine Stimme.

    • Stefan Sasse 19. Mai 2026, 20:55

      1) Jo, den hat er glaube ich auch. Wird sich zeigen, wie attraktiv der ist.

      3) Jepp.

      4) Bin ich völlig bei dir, da ist viel Nichtwollen dabei.

    • Erwin Gabriel 21. Mai 2026, 13:30

      @ Ariane 19. Mai 2026, 19:45

      3) Merz und der DGB

      … dass er die Deutschen als faul bezeichnet, hat er die Kontrolle über sein Narrativ hier irgendwie verloren.

      „Faul“ finde ich auch zu kräftig, aber die meisten Menschen, die ich kenne, sind SEHR bequem geworden und Kummer nicht mehr gewohnt. Statt selbst anzupacken, wenn dann mal Kummer kommt, erfolgt in den meisten Fällen, die ich kenne, erstmal Gejammer und der Ruf nach dem Staat.

      • Ariane 21. Mai 2026, 17:23

        Natürlich, nach euch kam nur noch Grütze. Alle anderen kennen das Erlebnis nicht mehr, bei kniehoch Schnee barfuß zur Schule zu laufen.

        • Erwin Gabriel 21. Mai 2026, 21:29

          @ Ariane

          Natürlich, nach euch kam nur noch Grütze.

          Ich habe Deine sanfte Art und Deinen friedfertigen Ton schon vermisst.

          Alle anderen kennen das Erlebnis nicht mehr, bei kniehoch Schnee barfuß zur Schule zu laufen.

          Hab ich so weder gesagt noch gemeint. Ansonsten spreche ich explizit von eigenen Erfahrungen aus meinem erweiterten Bekanntenkreis.

  • Ralf 19. Mai 2026, 22:11

    zu 4) “YouTube wie Fernsehen regulieren”

    Das Fernsehen ist viel zu wenig reguliert. Wäre schön, wenn man dort mal anfinge: Werbung drastisch reduzieren. Verpflichtung die Information des Bürgers zentral in den Mittelpunkt zu stellen. Verpflichtung auf Werte wie Sachlichkeit, Wahrheit, Objektivität – nach bestem Wissen und Gewissen. In der Wissenschaft an den Universitäten funktioniert das schließlich auch.

    Und dann kann man gerne dieselben Regeln auf YouTube anwenden. Kann man aber auch lassen, denn wenn YouTube kaum noch Werbung machen darf, keine Videos mit inflammatorischen Botschaften mehr verbreiten darf, keine Unwahrheiten und keine Verzerrungen der Wirklichkeit verbreiten darf und keinen kommerzgetriebenen Algorithmus verwenden darf, der Nutzer in ideologische Blasen führt, dann ist die Plattform pleite. Der Schaden, den YouTube in unserer Gesellschaft anrichtet, ist schließlich nicht eine unbeabsichtigte Nebenwirkung, sondern er ist das Hauptprodukt, mit dem der Anbieter Geld macht. Das ist so wie die Abhängigkeit der Süchtigen für den Drogendealer nicht eine unbeabsichtigte Nebenwirkung ist, sondern das Hauptelement, um das sich das kommerzielle Modell dreht. Und selbst wenn YouTube gewillt wäre, ein positiver Player zu werden (fat Chance!) – sich vom Saulus zum Paulus zu reformieren – wer soll den ganzen Content durchschauen und bewerten, ob er den Regulierungsvorgaben entspricht? Das wäre unmöglich von Menschen durchzuführen und die Plattform würde in einer Klagewelle untergehen. Eventuell könntest Du mit KI zensieren – aber das wird Dir meiner Meinung nach langfristig mehr Konflikte bereiten, als diese Portale einfach komplett zu schließen.

    • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 07:34

      Ich verstehe nicht ganz, warum „Fernsehen“ in dieser Breite auf Informationsvermittlung reduziert und ohne Werbung laufen sollte.

      • Ralf 20. Mai 2026, 08:47

        Medien sollten nicht auf Informationsvermittlung reduziert werden, sondern sie sollten zur Informationsvermittlung als ihrem zentralen Zweck verpflichtet werden. Das ist etwas völlig anderes.

        Als Eltern reduzierst Du die Lebensmittel, die Dein Kind bekommt, sicher auch nicht auf ausschließlich Gesundes. Aber Du versuchst gesundes Essen zum zentralen Angelpunkt zu machen. Am Geburtstag kann man trotzdem mal zum McDonald’s gehen oder ab und an kann man mal ein Stück Schokolade essen. Wenn Du gesundes Essen aber nicht zum Fokus machst, dann werden sich Deine Kinder ihren Fokus selber suchen. Und der besteht dann aus dem Verführerischsten: Nur noch McDonald’s. Nur noch Schokolade.

        Auf die Medien übertragen: Informationsvermittlung nicht als zentrales Ziel verpflichtend zu machen, führt dazu, dass Entertainment zum zentrales Ziel wird – das lockt die Zuschauer mehr, das lockt die Werbekunden mehr. Und es führt in eine Spirale, in der Information nicht nur immer unwichtiger wird, sondern Information selbst zu Entertainment mutiert: Nur diejenigen Nachrichten werden präsentiert, die sexy sind. Über Taiwan wird somit dann zum Beispiel garnicht berichtet. Anderswo wird Information verbogen und verzerrt, um sie attraktiv zu machen (z.B. als in den vergangenen republikanischen Primaries ein spannendes Horserace zwischen Nikki Haley und Donald Trump erfunden wurde, das zu keinem Zeitpunkt offen oder spannend war). Entertainment als Fokus führt somit unausweichlich nicht nur zum Verlust der Informationsvermittlung, sondern auch zu aktiver Desinformation. Deswegen ist eine Verpflichtung der Medien zu Information als zentralem Ziel und zu Sachlichkeit, Objektivität und Wahrheit – ebenso wie eine uninflammatorische Berichterstattung – als verpflichtende Werte essentiell, wenn Medien ihre Basisfunktion ein informiertes Elektorat zu ermöglichen erfüllen sollen. Und ohne letzteres ist Demokratie wertlos.

        Eine dramatische Reduzierung oder ein Totalverbot von Werbung in den Medien erklärt sich aus derselben Perspektive. Wer Werbung schaltet, ist Kunde. Und der Kunde ist König und bestimmt Inhalte. “Wes Brot ich ess, des Lied ich sing”, sagt das deutsche Sprichwort. Das ist aber inkompatibel mit dem Auftrag der Medien zur ehrlichen Berichterstattung. Ganz offensichtlich ist es inkompatibel mit der ehrlichen Berichterstattung über die entsprechenden Unternehmen selbst. Aber es ist eben auch inkompatibel mit der ehrlichen Berichterstattung über Themen, an denen die entsprechenden Unternehmen wirtschaftliche Interessen haben (Unternehmen, die nach China exportieren und Taiwankrieg; Ölkonzerne und Klimawandel; Fastfood-Industrie und gesunde Ernährung etc.). Und in einem dritten Layer ist es inkompatibel mit ehrlicher Berichterstattung zu Themen, die schlicht nicht ausreichend sexy sind (z.B. Folgen einer möglichen Taiwankrise), weil Werbekunden dort keine Werbung schalten wollen werden, selbst wenn sie überhaupt keinen Stake in den Themen haben. Für die Medien wiederum ist das dann ein starker Incentive über solche Themen nicht mehr zu berichten. Das führt dann zu der Problematik, die Du im Podcast beklagst: Wichtige Topics, über die unsere Bürgerschaft eigentlich informiert sein sollte, fallen komplett unter den Tisch.

        • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 12:03

          Ich meine, die Kritik ist ja so alt wie die Medien selbst, aber…ich weiß nicht, wie das praktisch vorgeschrieben werden soll und warum Leute das anschauen sollten, wenn sie es nicht anschauen wollen.

          • Ralf 20. Mai 2026, 22:24

            Also zwingen werde ich niemanden sich ein Programm anzuschauen. Wer nichts anschauen möchte, kann dann ja ein Buch lesen. Oder ins Theater gehen. Oder sich mit Freunden treffen. Wenn weniger Leute vor dem Fernseher oder an ihrem Mobiltelefon versauern, ist das erstmal positiv für die Gesellschaft. Ein Feature, nicht ein Bug sozusagen.

            Was mögliche Mechanismen angeht Medien auf Qualität zu verpflichten, kann man sich in Feldern umschauen, wo das gut funktioniert. Zum Beispiel in der Vergabe von Fördermitteln für die Wissenschaft. Da kenne ich am besten das US-System. Dort wird die Grant-Vergabe von Study Sections nach dem Peer-Review-Verfahren entschieden. Die zu vergebenden Gelder kommen vom Staat, aber über die Verteilung entscheiden unabhängige Peers (in diesem Falle in der Regel Universitätsprofessoren, die Experten im entsprechenden Feld sind).

            Der Staat gibt die Kriterien vor nach denen entschieden werden muss. Der Gesamtscore setzt sich aus (ich hoffe ich erinnere mich richtig) fünf Einzelkategorien zusammen, die alle bewertet werden müssen – egal ob die Peers die Kategorien angemessen finden oder nicht. Eine Kategorie ist zum Beispiel die Infrastruktur der Heiminstitution – egal ob das vorgeschlagene Projekt überhaupt eine umfangreiche Infrastruktur benötigt. In der Folge kriegen Yale, Harvard und Stanford in dieser Kategorie ohne Zutun des Antragstellers die volle Punktzahl. Ein talentierter Forscher an der South Dakota State University kriegt hingegen null Punkte – auch wenn er für sein Forschungsprojekt gar keine Infrastruktur braucht. Ich hab das immer unfair gefunden. Aber meine Meinung ist völlig irrelevant. Wer in der Study Section sitzt, muss die entsprechenden Kategorien bewerten und kann nicht “unliebige Katagorien” einfach streichen. Und genauso wenig kann ein Study Section-Mitglied neue Kategorien hinzuerfinden – auch dann nicht, wenn sich die neuen Kategorien gut begründen ließen. Du kannst zum Beispiel nicht einen besseren Score geben, weil Du Frauen fördern möchtest und Du dafür gerne eine neue Kategorie schaffen würdest. Geht halt einfach nicht.

            Forschungsprojekte werden von der Study Section bewertet und gerankt. Und dann werden die Fördermittel entsprechend dem Ranking vergeben, solange Budget da ist. Ein klassischer Grant läuft über fünf Jahre, was mittelfristige Planbarkeit und finanzielle Sicherheit garantiert. Und Grants sind verlängerbar, wobei Verlängerungen zwar eine Herausforderung sind, aber wesentlich einfacher zu erreichen sind als Neuanträge. Viele Labors verlängern ihren Hauptgrant vier oder fünf Mal und erreichen damit Laufzeiten von 25 bis 30 Jahren. Die Antragsteller sind sowohl private als auch öffentliche Universitäten, kleine und große Institutionen und kommen aus allen Bundesstaaten.

            Und neben dem geförderten akademischen Sektor betreibt der Staat auch noch selbst direkt Forschung über das NIH. Wer beim NIH angestellt ist, hat sein Gehalt und sein Forschungsbudget garantiert und muss keine Förderanträge schreiben.

            Bei der Medien-Regulation könntest Du ein ähnliches System haben. Study Sections aus Journalisten, Medienschaffenden und gegebenenfalls Fachexperten entscheiden über Anträge von Medienbetrieben für fünfjährige, verlängerbare Lizenzen ein gewisses Programm zu senden (z.B. eine Nachrichtensendung, ein Dokumentationsformat, eine wöchentliche Talkshow etc.). Die Entscheidung erfolgt nach Kriterien, die der Staat vorgibt: Bemühung um Wahrheit, Objektivität, Sachlichkeit, uninflammatorische Darstellung. Wer sich mit einem Konzept bewirbt, muss erklären, wie er das einhalten will. Und wie bei Förderanträgen in den USA kommt nach fünf Jahren beim Versuch der Verlängerung die Frage, wie erfolgreich die Arbeit dann gewesen ist – gemessen an den vorgegebenen Kategorien.

            Und genau wie die USA parallel zum Fördersystem das öffentliche NIH direkt finanzieren, könnte der Staat parallel zu dem oben skizzierten Peer-Review-System ein öffentlich-rechtliches Fernsehen bzw. Internet direkt finanzieren.

            Das beschriebene System in USA garantiert, dass Fördermittel nicht an Onkel Heinz und Tante Hedwig gehen. Verschwörungstheoretiker und medienaffine Scharlatane gehen ebenfalls leer aus. Stattdessen punktet fachliche Kompetenz und die Mittel gehen an seriöse Organisationen nach transparenten Kriterien. Natürlich ist kein System jemals perfekt. Aber über viele Jahrzehnte hat es hervorragend funktioniert. Es hat die besten Universitäten der Welt und eine atemberaubende Zahl an Nobelpreisen hervorgebracht. Und das während zeitgleich das Niveau der Medien ins Bodenlose versunken ist.

            • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:35

              Ist eine nicht ganz uninteressante Idee, aber ich fürchte, du bist zu optimistisch was die Akzeptanz des Ganzen als „neutral“ angeht.

              • Ralf 21. Mai 2026, 09:07

                Die Seite, die gerade das Pech hat neben dem Zeitgeist zu stehen, wird immer über fehlende Neutralität klagen. Wenn die Abwesenheit von Klagen das Ziel ist, können wir deshalb auch gleich kapitulieren. Oder beim gegenwärtigen System bleiben – das ja auch wegen angeblich fehlender Neutralität angegriffen wird.

                Mein Ziel ist nicht nicht allgemein akzeptierte Neutralität, sondern Qualität und Verpflichtung zu einem konstruktiven Diskurs, der im Interesse unserer Demokratie ist.

                Fun Fact: Auch in den besten Jahren hat die Anerkennungsquote für Fördermittel in den USA nicht mehr als 25% betragen. Die anderen 75%, die leer ausgegangen sind, haben stets die fehlende Neutralität der Study Sections beklagt. Alles kein Wunder. Aber das System funktioniert halt. Das ist das wichtigste. Und die überwältigende Mehrheit der Arbeitsgruppen überlebt selbst schwere Zeiten von Budgetkürzungen. Zu meiner Zeit, während des Sequester, betrug die Anerkennungsquote gerade mal 12%. Es ist mit diesem System so, wie Churchill über die Demokratie sprach: Die schlechteste aller Regierungsformen. Außer allen anderen.

    • Lemmy Caution 20. Mai 2026, 09:15

      Für 10 Euro im Monat sieht man in youtube keine Werbung, ausser der content creator lässt sich von Anbietern seines Bereichs sponsorn. Das ist aber immer relativ kurz und gerade sehr spezialisierte Experten sind darauf angewiesen, damit sich der Einsatz für sie lohnt.
      Viele Themen sind einfach zu spezialisiert, dass sie niemals ins Fernsehen schaffen würden. Softwarekonferenzen, sehr spezielle Kanäle, um bestimmte Details der Französischen Sprache interessant zu vermitteln, in Lateinamerika auch ältere erfahrene Journalisten, die nicht mehr ganz den Massengeschmack treffen, aber mir noch eine Menge zu sagen haben, auch Journalisten und Experten, die mehr in die tiefe gehen wollen, lange Interviews. Das frustrierende am Fernsehen ist ja, dass die Dinge nicht in der gebotenen tiefe dargestellt werden. Ich schaue nun viel zur bekannten Rougon-Macquart Serie von Émile Zola. Neben Vorträgen aus Universitäten und langen Interviews mit Professoren, findet man Beiträge von Hobbylesern und Doktoranten. Diese Vielfalt möchte ich nicht mehr missen.
      Hier ein Beispiel eines Französisch-Schweizers, der in 30-stündigen Serien Tim und Struppi Hefte oder Serien erklärt, dabei die Französische Sprache vermittelt und sehr gut Geräusche produzieren kann. https://www.youtube.com/watch?v=uwXNgPsfvus&list=PLXweyiR2fMMfnz5m-55Y4JsPHhrYg2M3c
      Eine Französin in Toronto, die sich in ihrem Alltag wie „zum Supermarkt gehen“ filmt und dabei modernes Französisch nutzt und erklärt. Ein brillianter argentinischer Journalist jenseits der 70: https://www.youtube.com/watch?v=pblqZCKJsCc
      Ein chilenischer Journalist jenseits der 70 mit einer eigenen, aber oft interessanten Sicht auf die Dinge: https://www.youtube.com/watch?v=Ps7sEmRrhaM
      Ein guter und sehr sachlicher deutscher Journalist: https://www.youtube.com/@Ronzheimer . Ein deutscher Neoliberaler: https://www.youtube.com/@think-beyondtheobvious
      Genialer Französischer Interview-Journalismus mit ü2 Sunden Interviews mit interessanten Gästen: https://www.youtube.com/@thinkerview

      • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 12:04

        Ich hab YouTube Premium, das Ding lässt sich anders ja nicht ertragen. Das ist wie der Adblocker im Browser, ohne geht das einfach nicht.

    • CitizenK 20. Mai 2026, 12:40

      Verstehe den Furor nicht. Von den kommerziellen Plattformen ist die Nutzen-Schaden-Bilanz von YouTube die beste. Die Erklärvideos der Schulbuchverlage (Mathe, Bio, Chemie) sind oft nicht besser, aber kosten (Abo). Vorträge, Reden, Veranstaltungen die man nicht selber besuchen kann. Zum Bsp. stellt das DAI Heidelberg (Bildungseinrichtung) Vorträge namhaften Referenten auf YT zur Verfügung. Reparaturtips von Privatpersonen ohne kommerzielles Interesse, usw.

      • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 17:28

        Ja, ich finde auch Youtube ziemlich harmlos. Da gibt es auch viel Müll, aber eher harmlosen Müll.

      • Ralf 20. Mai 2026, 22:34

        Mir ist unklar, wie Du die Schaden-Nutzen-Bilanz genau misst. Studien haben gezeigt, dass YouTube Nutzer rasend schnell in extremistische Blasen und Echokammern überführt. Wenn ich hin und wieder ein Musikvideo anschaue, ist fast immer irgendwelcher extremistischer Dreck unter den Vorschlägen für das nächste Video. Wenn Du da drauf klickst, geht es in die Abwärtsspirale. In einem Urteil in den USA wurde YouTube zudem kürzlich schuldig gesprochen wegen seines suchtfördernden Algorithmus.

        • CitizenK 21. Mai 2026, 07:21

          Bei mir führt dieser suchtfördernde Algorithmus regelmäßig zu Videos von Harald Lesch oder von und über Richard Feynman. Aber, zugegeben, auch zu Videos von Expats in Deutschland. Trotzdem: Keine Abwärtsspirale.

          • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:41

            Mein Algorithmus spuckt mir auch keinen extremistischen Müll aus.

        • Lemmy Caution 21. Mai 2026, 09:05

          Das ist einfach nicht so. Natürlich gibt es auf youtube schräge Vögel, aber der Algorithmus führt dich nicht unbedingt dahin. Facebook und twitter sind wesentlich übler. Google als Eigentümer ist auch nicht bekannt für harte politische Standpunkte wie Musk, Thiel oder Yarwin.
          In Kanälen mit politischen Inhalten haben solche mit linksliberaler, wirtschaftsliberaler oder zentristischer Ausrichtung in Deutschland, Frankreich, UK, Chile, Spanien und Argentinien eine hohe Anzahl an Abonnenten. Mit dem argentinischen, französischen und chilenischen Inhalten kenne ich mich sehr gut aus. Viel kommt auch von Radios, Zeitungsverlagen und sehr integren Einzelpersonen oder Gruppen.
          Die guten französisch-, spanisch- und englischsprachigen Literaturkanäle haben bewirkt, dass ich wieder mehr Belletristik lese und v.a. die für mich interessanten Bücher anfange.

  • Ralf 19. Mai 2026, 22:23

    zu 2) “Arbeitszeitdebatte”

    Ich kann mit der Argumentation, dass wir mehr arbeiten sollen, weil Arbeit erfüllend ist und Spaß macht, wenig anfangen. Ja – ich finde, dass meine Arbeit erfüllend ist und Spaß macht. Aber das ist nicht der Grund, weshalb wir mehr arbeiten müssen.

    Die Gründe, dass wir mehr Lebensjahre arbeiten müssen sind:

    (a) wir leben länger, konsumieren dadurch mehr Rente und werden teurer für Gesundheits- und Pflegesystem

    (b) die demographische Entwicklung ist ungünstig, mit immer weniger jungen Arbeitenden, die immer mehr alte Rentner finanzieren müssen

    Der Grund, dass wir die Wochenarbeitszeit erhöhen müssen ist:

    (c) unser Produktivitätsvorteil, der uns in Vorjahren erlaubte die Arbeitszeit zu reduzieren, existiert nicht mehr. Andere sind jetzt vorn und wir rennen abgeschlagen hinterher.

    Für mich klingt das wie Mathematik, mit der man nicht verhandeln kann.

    • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 07:34

      Das ist ja auch nicht meine Argumentation. Meine Argumentation ist: die Leute, die das fordern, erleben Arbeit so.

    • CitizenK 20. Mai 2026, 08:35

      Alles richtig. Aber keines dieser Probleme wird durch die Abschaffung des 8-Stunden-Tags gelöst. Das Flexibilisierungs-Argument bleibt bestehen, deshalb versehe ich auch den erbitterten Widerstand von Gewerkschaften und SPD dagegen nicht. Geht es nur um die Überstunden-Zuschläge?

      Würde die Abschaffung von einem oder zwei Feiertagen helfen? Angeblich schlägt es sich ja schon in der Statistik nieder, wenn ein Feiertag auf einen Sonntag fällt. Andere Länder kennen diese Zweiten-Feiertage gar nicht (Weihnachten, Pfingsten), und die meisten verbinden auch mit dem Feiertag selbst nichts mehr als eben Freizeit. „Christi Himmelfahrt“ als gesetzlicher Feiertag. in einer säkularisierten Gesellschaft ist ein Anachronismus. Und nun kommen auch noch Forderungen nach muslimischen, jüdischen und möglicherweise weitereren religiösen Feiertagen.

      Über allem aber steht für mich die Frage: Hilft Mehrarbeit angesichts der KI-Revolution?

      • Ralf 20. Mai 2026, 09:23

        Was Feiertage angeht, finde ich, dass diejenigen Bundesländer, die mehr Feiertage haben als andere, erstmal ihre Feiertage abbauen sollten, bevor alle gleichermaßen einen Feiertag verlieren.

        Und grundsätzlich fände ich eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden wesentlich wichtiger als die Abschaffung von Feiertagen. Ich würde auch einen Abbau von Urlaubstagen einem Abbau von Feiertagen bevorzugen, auch wenn das schlecht vom Staat zu regulieren ist. Mir ist unbegreiflich, weshalb in Deutschland viele Menschen 30 Urlaubstage haben. Das ist einfach völlig daneben. In den USA sind es in der Regel gerade mal 10 Tage. Ich finde eine Zahl von 20-25 Tagen absolut angemessen und ausreichend.

        Die Maximaltagesarbeitszeit auf 8 Stunden festzuschreiben, führt aus meiner Sicht in erster Linie dazu, dass Arbeitnehmer über ihre tatsächlichen Arbeitszeiten lügen müssen. Damit ist niemandem geholfen. Das flexibler zu gestalten, widerspricht nicht notwendigerweise den Interessen der meisten Arbeitnehmer.

        Die KI-Revolution betrifft nicht alle Sektoren und nicht alle Jobs gleichzeitig und gleich stark. Viele Programmierer haben gar keine Arbeit mehr und sind jetzt überflüssig. Aber die Klofrau am Bahnhof hat durch Claude und ChatGPT keinerlei Hilfe bei der Reinigung der WCs.

        • Stefan Pietsch 20. Mai 2026, 10:16

          Was Feiertage angeht, finde ich, dass diejenigen Bundesländer, die mehr Feiertage haben als andere, erstmal ihre Feiertage abbauen sollten, bevor alle gleichermaßen einen Feiertag verlieren.

          Welchen Sinn soll das haben? Bekanntlich haben Bayern und Baden-Württemberg die meisten Feiertage, also Bundesländer, in denen traditionell ein hohes BIP pro Kopf erwirtschaftet wird. Die wenigsten Feiertage haben unter anderem Bundesländer, die auch beim BIP im unteren Bereich rangieren.

          Ein wesentliches Problem ist der hohe Anteil von Teilzeitarbeitern, insbesondere Frauen, insbesondere solchen ohne Kinderbetreuung. Der Staat hat es leider in den vergangenen zwanzig Jahren enorm erleichtert, sich Teilzeit auszusuchen, selbst wenn Unternehmen Vollzeitarbeiter benötigen.

          • CitizenK 20. Mai 2026, 17:21

            „Der Staat hat es leider in den vergangenen zwanzig Jahren enorm erleichtert, sich Teilzeit….“

            Sorry, wieder stoße ich auf diesen Widerspruch. Ist es in einer liberalen Gesellschaft Aufgabe des Staates, sich in die Lebensentscheidungen einzumischen? Teilzeitarbeit ist mit Einkommensverzicht und geringeren Karrierechancen verbunden. Damit haben diese Arbeitnehmer ihren Beitrag geleistet.

            • Stefan Pietsch 20. Mai 2026, 17:48

              Das ist schon richtig, nur muss der Staat das ja nicht in eine Richtung unterstützen. In diesem Bereich hat der Staat in den letzten 25 Jahren Politik zum Schaden der wirtschaftlichen Entwicklung und der Unternehmen gemacht.

              Seit der Regierung Schröder gilt ein Rechtsanspruch der Beschäftigten auf Teilzeit. Das ist die Regel und es gibt nur wenig Möglichkeiten für Arbeitgeber, das zu verhindern. Der umgekehrte Weg wurde Arbeitnehmern erleichtert ohne dass es einen generellen Rechtsanspruch gibt.

              Arbeitsverträge sind Vereinbarungen zwischen zwei gleichberechtigten Parteien. Der Staat hat an dieser Stelle massiv in die Vertragsfreiheit eingegriffen, zugunsten der Arbeitnehmerseite. Die Interessen fallen dabei auseinander: Während Unternehmen meist Vollzeitbeschäftigung präferieren, verhält es sich gerade bei Frauen umgekehrt.

              Dazu kommt das Steuerrecht: Die starke Progression macht es in besser gestellten Bereichen hoch attraktiv, die Arbeitszeit zu verkürzen, da man keine großen Nettoeinbußen befürchten muss. Oder umgekehrt gar nicht erst Vollzeit startet. Im Erzieherwesen arbeitet der Großteil der Beschäftigten Teilzeit, obwohl der Staat den Bedarf mit dem Rechtsanspruch auf Betreuung dramatisch ausgeweitet hat. Eine völlig widersprüchliche Politik. Und es arbeiten dort nicht hauptsächlich Mütter in Teilzeit, sondern junge Frauen (und zunehmend auch junge Männer).

              Mit sechzig hat meine Frau nun Anfang des Jahres von Vollzeit auf eine Vier-Tage-Woche umgestellt. Sie genießt beim Gehalt Senioritätsstatus und die Verkürzung der Arbeitszeit um zwanzig Prozent schlug beim Nettoentgelt nur mit 12 Prozent Minus zu Buche. Das können wir uns leisten.

              Das Spiel funktioniert halt leider nur auch umgekehrt? Warum soll jemand Interesse an einer Vollzeitstelle haben, wenn er mit einem gehobenen Einkommen gut verdient und das Plus an Stunden weit unterproportional auf dem Gehaltszettel im Netto erscheint?

              Nein, die Deutschen sind nicht faul. Sie sind nur ökonomisch denkende Wesen wie andere Nationen auch. Wenn etwas sich finanziell nicht lohnt, wird es nicht gemacht. So ist es eben kein Zufall, dass die Deutschen so wenig Stunden im internationalen Vergleich arbeiten. Das ist vom Staat so gefördert. Und da helfen dann auch keine Appelle der Politik, die Leute sollten doch bitte das tun, was eigentlich unvernünftig ist.

              Politikempfehlung: Ändert die Bedingungen, dann ändert sich auch die Kalkulation der Menschen.

              • CitizenK 21. Mai 2026, 11:28

                Die Menschen in den anderen Ländern mit den höheren Arbeitsstunden/Jahr arbeiten doch wohl die Mehrstunden nicht ohne Bezahlung?

                Worin besteht der volkswirtschaftliche Vorteil der Erhöhung der bezahlten Stundenzahl? Bei der derzeitigen Wirtschaftslage bleibt wohl nicht viel Arbeit ungetan. Bei der absehbaren Entwicklung eher noch weniger.
                Was bringt also die Forderung, alle sollen mehr arbeiten?

                • Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 15:10

                  Das Problem der geringen Arbeitszeit bezieht sich wenig auf die reguläre Wochenarbeitszeit für Vollzeitbeschäftigte. In der OECD wird im Schnitt zwischen 38 und 42 Stunden Vollzeit gearbeitet.

                  Der Anteil der Teilzeitbeschäftigten ist außerordentlich hoch und wird nur von den Niederlanden getoppt. Bei den gesetzlichen Feiertagen liegen manche Bundesländer im Spitzenbereich, auch bei den Urlaubsregelungen ist Deutschland Spitze. Und dazu kommt der im internationalen Maßstab sehr hohe Anteil an sonstigen Fehlzeiten, hauptsächlich wegen Krankheit.

                  An diesen Baustellen muss gearbeitet werden. Rot-Grün folgte damals dem Zeitgeist, das niederländische Modell sah vielversprechend im Hinblick der Reduzierung der Massenarbeitslosigkeit aus. Nur besteht seit zwanzig Jahren das Problem der Massenarbeitslosigkeit nicht mehr.

                  Der Staat sieht das übrigens insgeheim genauso. Im Bericht zur Tragfähigkeit der Staatsfinanzen schrieb der damalige Finanzminister Olaf Scholz 2019 genau, dass den demographischen Verwerfungen in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre (sic!) durch eine weitere Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit durch Ausweitung der Wochenarbeitszeit begegnet werden könne.

                  Die Politik weiß sehr wohl, was getan werden müsste. Nur gibt es keine Politiker, die der Erkenntnis Taten folgen ließen.

                • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 15:17

                  Schon allein, weil das Argument ja beständig ist, dass die Amis mehr arbeiten und DESWEGEN mehr Geld hätten.

        • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 12:04

          Weil die Deutschen Freizeit über Gehaltshöhe stellen. Nicht zu Unrecht in meinen Augen.

          • Ralf 20. Mai 2026, 12:49

            Deutlicher Gehaltsverzicht und Kürzung der Renten wäre möglicherweise eine Alternative zu Mehrarbeit. Ich bezweifle aber, dass das wirklich populärer wäre.

            • Ariane 20. Mai 2026, 18:57

              Glaubt das denn jemand? Wenn ich jetzt 4 Stunden mehr die Woche arbeite (vermutlich ohne Lohnausgleich, just for fun bzw das „höhere Wohl“), dann muss ich mir weniger Sorgen um meine Rente machen?

              Mich dünkt, hier werden Alternativen hergestellt, die so nicht existieren. Das Narrativ heißt, ich arbeite mehr für weniger Geld, bin aber komplett gearscht, sollte irgendein Lebensrisiko eintreten (Arbeitslosigkeit, Krankheit, Rente, Pflegebedürftigkeit von mir oder meinen Eltern)

              Vielleicht wäre Mehrarbeit für mehr Geld und Rente tatsächlich populär, aber die Alternative existiert doch gar nicht.

              • Ralf 20. Mai 2026, 22:43

                Wenn ich jetzt 4 Stunden mehr die Woche arbeite (vermutlich ohne Lohnausgleich, just for fun bzw das „höhere Wohl“), dann muss ich mir weniger Sorgen um meine Rente machen?

                Ja, ich meinte ohne Lohnausgleich.

                Aber nein – die Erhöhung der Wochenarbeitszeit würde weniger Deiner Rente dienen, als Deinem Arbeitgeber helfen wirtschaftlich zu überleben. Davon profitierst Du am Ende natürlich auch.

                Die Erhöhung der Lebensarbeitszeit würde hingegen die gegenwärtigen Renten – und die von den jetzt immer stärker hinzukommenden Baby Boomern – stabilisieren. Selber würdest Du als Rentnerin vermutlich auch von der Bezahlbarkeit der Alterseinkünfte profitieren, es sei denn Du bist sehr, sehr jung und die demographische Krise hat sich bei Deiner Pensionierung bereits völlig aufgelöst.

                • Ariane 20. Mai 2026, 23:07

                  Wenn ich jetzt 4 Stunden mehr die Woche arbeite (vermutlich ohne Lohnausgleich, just for fun bzw das „höhere Wohl“), dann muss ich mir weniger Sorgen um meine Rente machen?

                  Ja, ich meinte ohne Lohnausgleich.
                  Aber nein – die Erhöhung der Wochenarbeitszeit würde weniger Deiner Rente dienen, als Deinem Arbeitgeber helfen wirtschaftlich zu überleben. Davon profitierst Du am Ende natürlich auch.

                  Genial! Am Ende würde ich vielleicht noch mehr profitieren, wenn ich doppelt soviel arbeite, aber nur halb soviel verdiene? Oder gleich auf jegliches Gehalt verzichte!
                  Also tut mir leid, aber das ist doch Kokolores. Mein Arbeitgeber vertickt auch nicht nach China und kann mich nicht mal durch KI ersetzen, der ist darauf angewiesen, dass Leute hier in der Umgebung, seine überteuerten Leistungen zahlen können. Am Ende profitiert er also davon, mir eine Lohnerhöhung zu geben!

                  Ich verweise hier nochmals auf Stefans Punkt 3. Wenn eine Seite hier gewinnt und die andere verliert (oder gleich aufgibt, anscheinend soll ich zum nächsten Monatswechsel am besten freiwillig mein Gehalt zurücküberweisen) – dann ist das ziemlich sicher nicht gut für alle. Interessenausgleich hat schon seinen Sinn und Zweck.

                  • Ralf 20. Mai 2026, 23:23

                    Niemand fordert, dass Du Dein Gehalt zurücküberweisen sollst, dass Du doppelt soviel arbeiten sollst oder dass Dein Einkommen halbiert werden soll. Das sind alles ziemlich transparente Strohmänner.

                    Ich habe empfohlen die Wochenarbeitszeit von 38 auf 40 Stunden anzuheben. Sorry – aber das ist wirklich sehr moderat. Und ich empfehle die Lebensarbeitszeit auf 70 Jahre anzuheben. Und natürlich müsste es Ausnahmeregelungen geben für Härtefälle (z.B. der berühmte Dachdecker).

                    • Ariane 21. Mai 2026, 00:07

                      Ich habe empfohlen die Wochenarbeitszeit von 38 auf 40 Stunden anzuheben. Sorry – aber das ist wirklich sehr moderat.
                      ja ich hab das überspitzt. Aber du forderst hier trotzdem ein einseitiges (und freiwilliges) Opfer von mir. Warum? Mein Argument ist nicht verkehrter. Mein Arbeitgeber braucht auch Leute, die seine Leistungen zahlen können.
                      Der eine kann nicht ohne den anderen. Er könnte seine Firma ohne seine Angestellten genauso dichtmachen wie ohne seine Kunden.
                      Ganz davon ab, dass ich in einer Branche arbeite, in der Angestellte deutlich schwerer zu finden sind als Kunden. Vermutlich bin ich auch keine Totalversagerin in meinem Job. Aber das kann man meinetwegen noch als Spezialfall abtun.

                      Aber nochmal: warum sollte ich hingehen und als Opfergabe auf einen Teil meines Gehalts verzichten? (nichts anderes ist Mehrarbeit ohne Lohnausgleich) Was ist das für eine Idee?
                      Soll mein Arbeitgeber auch ein freiwilliges Opfer bringen und auf einen Teil seines Firmenerlöses verzichten und mir eine Lohnerhöhung geben? Natürlich nicht! Sollen Vermögende freiwillig einen Teil ihres Geldes dem Finanzamt geben? Natürlich nicht. Sollen Kranke, die eine teure Therapie benötigen, lieber darauf verzichten? Auch nein.

                      Das ein oder andere kann in einem Aushandlungsprozess ja herauskommen. Aber das verlangt ein Aushandeln, wo man für seine Interessen auch kämpft – freiwillige Opfer sind da nicht vorgesehen. Und wenn du das von einer Gruppe erwartest, dann finde ich das erklärungsbedürftig.

                    • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:39

                      Jepp, das ist auch meine Haltung. Wenn es Opfer braucht, dann müssen ALLE ran.

                      By the way, Beamt*innen haben bereits 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit 😉

                    • Ariane 21. Mai 2026, 17:13

                      By the way, Beamt*innen haben bereits 41 Stunden wöchentliche Arbeitszeit

                      Tja, das passiert natürlich, wenn man nicht auf den guten alten Arbeitskampf zurückgreifen kann!

                    • Ralf 21. Mai 2026, 00:41

                      Unentgeltliche Mehrarbeit ist kein Gehaltsverzicht. Ich leiste zum Beispiel jede Woche zahllose Überstunden. Unbezahlt. Freiwillig.

                      Die Frage, weshalb Du ein Opfer bringen sollst – beziehungsweise, es geht ja nicht um Dich persönlich – weshalb wir alle ein Opfer bringen sollten, ist diesen Standort wieder fit zu machen. Deutschland schmiert gegenwärtig ab. Betriebe schließen. Arbeitslosigkeit wächst. Wenn die ganze Welt mehr arbeitet als wir, dann können wir uns in der Krise doch nicht zurücklehnen und uns an einen Luxus klammern, den wir uns nicht mehr leisten können.

                    • Ralf 21. Mai 2026, 00:51

                      Im Übrigen ist diese ganze “Opfer-Rhetorik” ein bisschen schief. Wenn ich persönlich in eine wirtschaftliche Krise gerate – wenn ich z.B. meinen Job verliere – dann schränke ich mich selbstverständlich ein. Dann fahre ich erstmal nicht mehr in Urlaub. Und ich gehe nicht ins Restaurant, sondern esse zu Hause. Und das neue Auto kaufe ich auch erstmal nicht. Niemand würde das als “Opfer bringen” bezeichnen. Man schränkt sich halt einfach ein, weil man plötzlich viel weniger Kohle hat.

                      Analog müsste man eigentlich reagieren, wenn das Land in eine Krise gerät. Stattdessen halten sich die Leute beide Augen und Ohren zu und hoffen, dass die Krise dadurch verschwindet oder zeigen auf andere und schlagen vor, dass die die Last tragen sollen.

                    • Ariane 21. Mai 2026, 02:08

                      Nein. Es gibt da Unterschiede und Worte haben Bedeutung. Ein Opfer bringen ist etwas Freiwilliges. Verzicht aus Notwendigkeit ist etwas ganz anderes.
                      Wenn du persönlich freiwillige Mehrarbeit ohne Ausgleich leistest, damit der Standort Deutschland auch morgen noch fit ist. Kein Ding. Wir sind ein freies Land.

                      Wir sind ein freies Land. Es von mir – oder allen anderen – zu verlangen oder einzufordern, ist aber etwas anderes. Ich muss nämlich weder deine Sorge vor der Apokalypse teilen noch deine Prioritäten. Jeder wählt seine Opfer selbst. Und ich möchte vielleicht lieber meine Zeit opfern, um einem Freund zu helfen. Mein Geld, um den rundlichen Bauch meiner Katze mit Premiumfutter zu füllen. Meinen letzten Nerv für irgendeine Internetdiskussion.

                    • Ralf 21. Mai 2026, 08:17

                      Klar – ist selbstverständlich Dein Recht Reformen zu verweigern. Dafür gibt es ja die Demokratie. Letztlich wird gemacht, was die Mehrheit wählt. Aber dann beklag Dich halt nicht, wenn Du später nur noch eine Armutsrente bekommst, und das Gesundheitssystem Dir keine Teilhabe an moderner Medizin mehr gibt.

                    • Lemmy Caution 21. Mai 2026, 10:11

                      Ich habe Zweifel an der mechanistischen Sicht. Deindustrialisierung bewirkt den Verlust hochproduktiver Industriejobs.
                      Nicht nur Dachdecker sind zwischen 65 und 70 weniger leistungsfähig als zwischen 35 und 50.

                    • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 10:39

                      Mir scheint das außerdem zu ignorieren, das schon heute praktisch niemand über 50 mehr einen gescheiten Job findet, weil die Unternehmen „zu alte“ Leute nicht einstellen. Wer genau stellt denn 69jährige ein?

                    • Ralf 21. Mai 2026, 14:44

                      Das sind faire Argumente. Ja, die Leistungs- und Belastungsfähigkeit sinkt im Alter nicht nur beim Dachdecker. Und ja, Menschen über 50 haben gegenwärtig Schwierigkeiten einen Job zu finden. Aber nichts davon ist neu und gilt ja auch bereits jetzt. Also was empfehlt ihr? Das Renteneintrittsalter auf 50 absenken?

                      Mal zurück in der Realität bewirkt eine Anhebung des Renteneintrittsalters, dass sich das Durchschnittseintrittsalter in die Rente erhöht. Damit zahlen viele länger ein und weniger bekommen Leistungen aus der Kasse raus. Darum geht es ja schließlich.

                      Und die demographische Entwicklung wird wohl dahin führen, dass in den Bereichen, in denen Arbeitskräfte besonders fehlen, auch ältere Arbeitnehmer attraktiver werden. Ein Freund von mir leitet beispielsweise ein Ingenieurbüro. Der ist so verzweifelt, dass der mittlerweile jeden einstellt, der nicht bei drei auf dem Baum ist.

                      Und möglicherweise kann man im Alter die Arbeitsstundenzahl verringern oder sich aus besonders stressigen Arbeitsprozessen langsam rausnehmen. Da müssen sicher auch die Unternehmen noch viel lernen.

                    • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 15:23

                      Mein Punkt ist, dass das weitgehend eine verdeckte Rentensenkung ist, weil die meisten eben nicht länger einzahlen.

                    • Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 15:45

                      Dann ist das so. Das wäre aber auch gerecht. Die Rente soll für die Lebensleistung sein. Wenn das Erwerbsleben höher anzusetzen ist, weil der Ruhestand nicht immer mehr ausgeweitet werden soll, dann ist die Lebensleistung eben geringer, wenn man „nur“ 40 Jahre arbeitet wo 45 Jahre erforderlich sind.

                    • Ralf 21. Mai 2026, 22:30

                      Mein Punkt ist, dass das weitgehend eine verdeckte Rentensenkung ist, weil die meisten eben nicht länger einzahlen.

                      Ja, das ist nicht ganz falsch. Aber es gibt den Menschen zumindest Incentives zu probieren länger beschäftigt zu sein. Und die demographische Entwicklung wird, wie gesagt, in mehr Bereichen als das heute der Fall ist, auch wieder Opportunities für Ältere schaffen. Zumindest nehme ich das an.

                      Ansonsten ist der Verlust von Alterseinkommen eben der Preis, den wir als Gesellschaft zahlen für fehlende Geburten und unsere Unfähigkeit die Wirtschaft ans Laufen zu bringen. Irgendwann kriegt man halt die Rechnung präsentiert.

                      In den 2000er Jahren gab es ja schon mal so eine Zeit. Mein Vater ist irgendwann arbeitslos geworden, hat dann ein Jahr lang Arbeitslosengeld bezogen und konnte sich anschließend in die Frührente retten. Klar mit Abschlägen – aber wenigstens wurde er nicht zum Sozialfall. Und obwohl er nie viel verdient hat im Berufsleben, ist er trotzdem als Rentner über die Runden gekommen. Auch dank Sozialwohnung. Ist das alles ideal? Nein! Aber in einer Krise kann man nicht nur das machen, was ideal wäre. Denn dann macht man garnichts.

              • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:32

                Ich hab letzthin mit meinen Eltern (seit diesem Jahr Rentner*innen) über die Thematik geredet. Meine aktuelle Haltung ist: meine Generation ist gearscht, so oder so. Wir zahlen die Boomer, bis die ausgestorben sind, und dann ist es für alle besser. Fatalistisch, aber ich sehe das wie du: nichts von dem, was da gerade diskutiert wird, wird meiner Altersabsicherung helfen.

                • Ralf 21. Mai 2026, 14:46

                  In welchem Jahr hast Du vor in Rente zu gehen? Werden die Baby Boomer dann bereits fast alle tot sein und viele neue junge Menschen in Arbeit? Falls nicht, wird Deine Rente nicht finanzierbar sein und Du würdest wohl dankbar sein, wenn andere drei Lebensjahre länger arbeiten und für Dich einzahlen.

                  • Ariane 21. Mai 2026, 17:38

                    Glaubst du wirklich, wenn wir alle jetzt plötzlich meinetwegen auf 45 Stunden / Woche gehen (ohne Lohnausgleich), dass wir dann eine bessere Rente haben? Wer? Stefan und ich haben noch eine Weile.

                    Und jetzt ist es eben so, dass wenig in der „Rush-Hour des Lebens“ für sehr viele Alte zahlen, die jetzt in Rente gehen und in 20 Jahren pflegebedürftig sind (dann ist das Ersparte für die eigene Rente von Stefan und mir weg oder wir geben unsere Jobs auf, um das Pflegeheim für die Eltern zu sparen btw)
                    Und irgendwann zahlen wenige für andere wenige. natürlich ist das ein besseres Verhältnis.

                    • Ralf 21. Mai 2026, 22:18

                      Keine Ahnung wie Du schon wieder auf 45 Stunden kommst. Ich hatte 40
                      Stunden vorgeschlagen. Und ich habe mehrfach geschrieben, dass das nicht Deine Rente sichert, sondern Deinem Arbeitgeber hilft in einem zunehmend schwierigen Umfeld zu überleben.

                      Was Deine Rente stabilisiert, ist die Verlängerung der Lebensarbeitszeit. Wenn Du in Rente gehst, wird die demographische Krise vermutlich noch nicht vorbei sein und die Kosten im Gesundheitssystem werden vermutlich auch steigen – ebenso wie die Lebenserwartung. Wenn dann mehr Menschen arbeiten, wird das Deine Rente stabilisieren. Wenn weniger Menschen arbeiten, wird das für Dich wahrscheinlich Kürzungen bedeuten auch wenn man die Kürzungen möglicherweise nicht Kürzungen nennen wird, sondern “Wachstum unter der Inflationsrate”. So oder so – Dein Lebensstandard wird sinken. Und ich finde plausibel, dass man dieses Absinken aufhalten oder zumindest abbremsen könnte, wenn die Menschen ein paar Jahre länger arbeiten.

                    • Ariane 22. Mai 2026, 07:04

                      sondern Deinem Arbeitgeber hilft in einem zunehmend schwierigen Umfeld zu überleben.
                      Sorry Ralf, aber du machst aus meinem Arbeitgeber irgendeinen Kumpel, der mal einen Gefallen braucht. Aber mein Arbeitgeber und ich haben eine Geschäftsbeziehung und die heißt ich mache meinen Job und er bezahlt mich dafür. Er kann mich gerne fragen, ob ich meine Stundenzahl erhöhen könnte. Und dann frage ich, was er an Geld dafür drauflegt. Ich bin nicht die Charity und mein Job ist nicht mein Hobby.

                      Und jede Firma / Branche hat auch andere Probleme. Wenn du meinem Arbeitgeber hättest helfen wollen, hättest du einen höheren Tankrabatt fordern müssen. Oder Aufarbeitung des Sanierungsstaus – bessere Umsetzung der baulichen Vorschriften lustigerweise. Ich arbeite nicht in einer Firma, die Zeugs ins Ausland verkauft. Meine Branche hat komplett andere Sorgen als Daimler Benz oder sowas.

                      Und ich finde plausibel, dass man dieses Absinken aufhalten oder zumindest abbremsen könnte, wenn die Menschen ein paar Jahre länger arbeiten.
                      Ich bewundere hier wirklich deinen optimistischen Blick in die Zukunft. Das wird sowieso passieren – oder eben nicht. Aber es wird definitiv nicht davon abhängen ob ich oder alle Arbeitnehmer Deutschlands zwei Wochenstunden mehr unbezahlt arbeiten. Und dann kann man es genausogut lassen.

                    • Ralf 22. Mai 2026, 08:21

                      Dass Dein Arbeitgeber nicht Dein Kumpel ist, ist schon klar. Aber letztlich hast Du ein Interesse an einem stabilen Arbeitsplatz. Wenn Dein Arbeitgeber bankrott geht, hast Du vermutlich ein Problem. Aber es geht auch garnicht um Dich persönlich. Es geht darum, dass es dem gesamten Land wirtschaftlich beschissen geht. Das heißt, dass wir drohen als Gesamtgesellschaft abzuschmieren, mit Massenarbeitslosigkeit, Bankrotten in der Breite und Unternehmensabwanderungen. Wenn das passiert, können wir die Menschen nicht mehr auffangen, weil die Sozialsysteme jetzt bereits überlastet sind und wir ohnehin schon an der Schwelle zu extremen Kostensteigerungen stehen, durch die Baby Boomer, die in Rente gehen.

        • CitizenK 20. Mai 2026, 17:16

          „nicht alle Sektoren und nicht alle Jobs“

          Sicher, aber sehr wahrscheinlich so viele, dass es ins Gewicht fällt. Wenn also relevantes Arbeitsvolumen wegfällt – welchen Sinn macht dann „länger arbeiten“ für alle? Ein differenziertes Konzept haben die „Mehr-Arbeiten“-Herolde bisher nicht vorgelegt.

        • Ariane 20. Mai 2026, 19:21

          Die Maximaltagesarbeitszeit auf 8 Stunden festzuschreiben, führt aus meiner Sicht in erster Linie dazu, dass Arbeitnehmer über ihre tatsächlichen Arbeitszeiten lügen müssen.

          Das ist so nicht ganz richtig. Die Maximaltagesarbeitszeit beträgt 10 Stunden. Innerhalb von 6 Monaten muss man im Durchschnitt auf die 8 Stunden kommen.

          Und das ist schon ne vernünftige Grenze. Sagen wir in einem Bürojob (30 Minuten weg) arbeitet man das Maximale von 10 Stunden.
          dann hat man 30 Minuten Pendeln, 10 Stunden Arbeit, 45(?) Minuten Pause (btw Zwangspause, meist wird das automatisch abgezogen, egal ob und wie man pausiert) + 30 Minuten Wegpendeln.
          Man ist dann also knapp 12 Stunden außer Haus bei Tätigkeiten, die man auch wenn sie nicht unter Arbeit fallen eben keine richtige Freizeit sind.

          Das ist der gesetzliche Rahmen aktuell. Da frage ich mich schon, wo man denn ganz hin will? 10 Stunden das neue normal und Höchstarbeitszeit auf 12 hoch? +1,5 Stunden – die die meisten Menschen eben zusätzlich außerhäusig sind.

          Teilzeit findet man gleichzeitig auch blöd. am besten Kinder gewöhnen sich schon ab 6 Monaten oder so an diese neuen Arbeitszeiten und sollen glücklich sein, dass bei ihnen außerhäusig immerhin im Hort ist oder so.

          • Stefan Pietsch 20. Mai 2026, 20:13

            Die EU-Richtlinie besagt, 48 Arbeitsstunden die Woche sollten nicht überschritten werden und zwischen den Arbeitszeiten müssen 11 Stunden Erholung liegen. Nichts von acht bzw. zehn Stunden. Das muss reichen, warum müssen wir Deutschen immer mehr machen??

            Die Union will auf die EU-Regelung. Warum können wir nicht einmal vorbildliche Europäer sein? Und 10-Stunden-Verstöße kennst Du? Wenn mein Mitarbeiter 10:02 Stunden arbeitet und das wird bei einer Kontrolle aufgedeckt, kostet mich das leicht einen vierstelligen Betrag. Mich als Vorgesetzten, nicht das Unternehmen.

            Die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen arbeitet Teilzeit. Es werden 1,3 Kinder pro Frau geboren. Wenn eine Frau die ersten sechs Jahre Teilzeit arbeitet, ist es rechnerisch unmöglich, die hohe Teilzeitquote mit Kinderbetreuung zu rechtfertigen.

            Und ja, sehr viele Frauen geben heute ihre Säuglinge mit sechs Monaten in eine Krippe. Und nicht einmal aus Job-Gründen.

            • Ariane 20. Mai 2026, 21:07

              Das könnte natürlich was mit knallharter mathematischer Analyse zu tun haben und die lautet für den individuellen Arbeitnehmer logischerweise: möglichst wenig Arbeitszeit für möglichst viel Geld.
              Es mag überraschen, aber auch Linke können rechnen. Ich zb mag mein durchaus gefülltes Überstundenkonto lieber als dass mein Vorgesetzter mich anweisen kann, 12 Stunden zu arbeiten. Und je stressiger und verrückter der Tag, umso wichtiger ist mir mein Recht, pünktlich auszustempeln.

              Die Hälfte aller erwerbstätigen Frauen arbeitet Teilzeit. Es werden 1,3 Kinder pro Frau geboren. Wenn eine Frau die ersten sechs Jahre Teilzeit arbeitet, ist es rechnerisch unmöglich, die hohe Teilzeitquote mit Kinderbetreuung zu rechtfertigen.

              Und ja, sehr viele Frauen geben heute ihre Säuglinge mit sechs Monaten in eine Krippe. Und nicht einmal aus Job-Gründen.

              Ja ich weiß, Frauen sind Monster. Aber hier gibts echt genug Austauschpartner, mit denen du deine Frauenfeindlichkeit ausleben kannst. Dafür brauchst du mich wahrlich nicht.

              • Ariane 20. Mai 2026, 21:26

                btw: ich bin gar nicht knallhart dagegen.
                Ich bin nur knallhart dagegen, den 8 Stunden Tag aufzugeben, wenn der Grund (meine) Opferbereitschaft sein soll. Oder dass die Apokalypse ein Jahr später eintritt. Oder damit Friedrich Merz einmal weniger erzählt, dass die Deutschen faul sind.

                Ich schlage hier mal den Haken zu Stefans Punkt 3. Wenn die CDU an den Acht-Stunden-Tag will, dann soll sie ihn abkaufen und einen Handel anbieten. Da Bärbel Bas hier bereits mit dem Koalitionsvertrag argumentiert (ohne zu erklären, WARUM die SPD zu sowas zugestimmt hat, vermutlich um mehr für die hart arbeitende Mitte zu tun): die Stromsteuersenkung für alle stand da auch mal drin. Vielleicht guckt mal jemand nach, nachher stand da sogar Klimageld drin^^

                • Stefan Pietsch 20. Mai 2026, 22:15

                  Noch einmal: Warum nehmen wir nicht so, wie es mal gemeint war, die EU-Regelung. Ich meine, wenn wir es ohnehin immer besser wissen, können wir uns die EU auch schenken. Vielleicht besser.

                  Ich habe schon gegenüber CitizenK aufgezeigt, die geringe Arbeitsleistung in Deutschland ist das Ergebnis gesetzlicher Regelungen. Lässt Du Dir Deine Überstunden auszahlen? Ich schätze nein, die wenigsten tun es. Das ist eine deutsche Besonderheit, dass die meisten lieber auf das Geld für bereits geleistete Arbeit verzichten und auf Abfeiern hoffen. Du ja auch. Den Grund habe ich in den ersten Monaten meiner beruflichen Laufbahn mit Mitte 20 in der WP verstanden (extrem viele Überstunden): Wir haben hauptsächlich für den Staat, für den Fiskus und die Sozialkassen. Von dem Gegenwert der Überstunden kommt nur ein Bruchteil beim Arbeitnehmer an.

                  Die SPD würde niemals einen vernünftigen Preis akzeptieren. Es wäre der Verzicht auf die scharfe Progression, die jede Mehrarbeit zu einer Sozialtat macht. Warum wird jemand steuerlich begünstigt, der nur vier Tage arbeitet gegenüber demjenigen, der den gleichen Job über fünf Tage verrichtet? Der mit der Teilzeit ist doch nicht weniger leistungsfähig!

                  Ach, Ariane, Deine gespielte Naivität ist süß. Der Staat hat noch nie etwas verschenkt. Das Geld, was er von den Bürgern kassiert hat, gibt er nicht mehr her. Wie lange reden wir jetzt schon über das Klimageld? 4, 5, 6 Jahre? Wie lange gibt es die Einnahmen aus dem EU-ETS schon? 20 Jahre. Klingbeil will jetzt eine Zuckersteuer einführen und die Tabaksteuer erhöhen. natürlich zu unserem besten. Das Geld verschwindet im Staatssäckel und ward nicht mehr gesehen. Jedenfalls nicht für Steuererleichterungen.

              • Stefan Pietsch 20. Mai 2026, 22:03

                In solchen Diskussionen gibt es auf Seiten der Gewerkschaftsverfechter einen fulminanten Irrtum. Nur im Staatsdienst wird man noch für die Bereitstellung seines Sitzfleisches bezahlt. Wie kann man auf den Gedanken kommen, Beschäftigte bekommen ein exklusives Jahresgehalts im Wert eines Luxuswagens nebst bezahltem Urlaub und anderer Fehlzeiten für das Abreißen von Stunden?

                Formaljuristisch ist es richtig, bezahlt wird nach Stunden. Doch faktisch ist es anders. Wir werden für die Bereitstellung eines Leistungspakets vergütet. Wie schaffen es Konzerne immer wieder, auf den Tag pünktlich ihre Abschlüsse zu präsentieren? Das Geheimnis: Notfalls rödeln Buchhalter bis in die tiefe Nacht, sch…. auf die 10-Stunden-Regel. Der Kundenauftrag kommt auch nicht in die Bücher, wenn der Vertriebler auf das Verbot von Nachtarbeit beharrt.

                Die Wahrheit ist hart: Wer sich dem nicht beugt und meint, im Jahresabschluss pünktlich den Griffel fallen bzw. den Rechner ausschalten zu können, wird über kurz oder lang keinen Job mehr haben. Und das zu Recht. Also steck‘ die Überstunden weg. Ich habe in meiner Karriere so viel umgelistete Überstunden und Nachtarbeit geleistet, die nie bezahlt noch je erfasst wurden, dass es für 10 gutausgelastete Beschäftigte reicht. Und bitte: Ich bin nicht als CFO auf die Welt gekommen.

                Ich bin verheiratet, ich habe eine Tochter. Ich habe sogar eine Mutter. Und zwei Schwestern. Frauenfeindlichkeit ist da originell. Das gilt ja heute schon, wenn man darauf besteht, dass Frauen nicht die besseren Menschen sind. Sie sind auch häufig nicht mehr die besseren Mütter. Männer allerdings auch nicht. Zu viele formaljuristisch Eltern genannte Personen wissen mit ihren eigenen Kindern nichts mehr anzufangen. Kinder, die unbekannten Wesen. Also wenn, Ariane, dann halte ich solche Eltern für Monster. Und da mache ich keine geschlechtlichen Unterschiede.

                • Ariane 20. Mai 2026, 22:45

                  Und bitte: Ich bin nicht als CFO auf die Welt gekommen.
                  Ja, aber du hast ja neulich schon darauf hingewiesen, dass alles, was nach dir kam nur noch Grütze war. Damit hast du dieses Argument wertlos gemacht.

                  Der Acht-Stunden-Tag ist übrigens eine der ältesten Errungenschaften der Arbeiterbewegung. Es gibt ihn nicht erst seit gestern, er wurde zum ersten Mal 1919 eingeführt und dann 1946 in der BRD. Und seitdem gibt es ihn.
                  Es gab gute und schlechte Zeiten seitdem, aber warum genau sollte er GENAU JETZT plötzlich zu massenhaften Firmenpleiten und Massenverelendung führen? Ist das Armenhaus Rumänien jetzt unser neues Vorbild statt umgekehrt?
                  Mehr Wohlstand und mehr Freizeit für normale Menschen – ja sogar arme Menschen. Das ist das Versprechen der EU, das ist das Versprechen für die Zukunft.

                  Die Wahrheit ist hart: Wer sich dem nicht beugt und meint, im Jahresabschluss pünktlich den Griffel fallen bzw. den Rechner ausschalten zu können, wird über kurz oder lang keinen Job mehr haben.
                  Natürlich. Opfer bringen und nicht aufmucken, dann darf man bestimmt für einen Hungerlohn 12 Stunden täglich arbeiten und soll gefälligst dankbar sein. Das ist nichts Neues, das ist etwas sehr sehr altes. Wenn du da wieder hin möchtest, bist du da vermutlich ziemlich alleine mit. Und ich glaube, es lohnt sich, dafür zu kämpfen, dass es nicht so kommt.

                  Ich bin verheiratet, ich habe eine Tochter. Ich habe sogar eine Mutter. Und zwei Schwestern. Frauenfeindlichkeit ist da originell.
                  Wow. Wenn Männer, die schon mal einer Frau begegnet sind, nicht frauenfeindlich sein können. Dann gibt es gar keine Frauenfeindlichkeit! Es mag dich überraschen: man kann auch als Frau frauenfeindlich sein.
                  Aber das war ernst gemeint, gibt hier genug Buddies, mit denen du das diskutieren kannst. Ich hab darauf tatsächlich keine Lust.

                  • Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 00:02

                    Es ist tatsächlich so, dass die Fraktion der GenZ einen unfassbar schlechten Ruf in der Wirtschaft hat. Werden nicht nur Vorurteile sein. Den Vorteil haben die Ü50jährigen, die wegen dem (Total-) Ausfall der Jungen gefragter sind. War nicht zu allen Zeiten so.

                    Die Dampflok war auch mal eine tolle Errungenschaft. Im Frühjahr hat ein deutsches Traditionsunternehmen zum zweiten Mal in seiner Geschichte angemeldet, das mal zum Stolz dieses Landes gehörte: manroland in Offenbach. Das Traurige: Druckmaschinen sind nach 200 Jahren nicht mehr gefragt.

                    Meine Buchhalter und Controller wissen, dass sie nicht für einen Achtstundentag 80k – 110k bekommen. Und sie machen nicht nur ihren Job gern, sie haben das Verantwortungsbewusstsein, dass vielen Jungen heute abgeht (siehe oben). Also für einen Hungerlohn arbeitet heute kaum jemand in Westdeutschland.

                    Und ich hatte das ja schon vor einigen Wochen: Das Interessante an diesem Bankraub in Gelsenkirchen war, wie hoch der Schaden allein bei dieser Sparkasse (hallo, Sparkasse!) sein soll. Wie geht es, dass in einer Stadt, in der 40 Prozent der Einwohner von der Grundsicherung lebt, 300 Millionen allein in den Schließfächern einer piefigen Sparkassenfiliale lagern? Da scheinen statistisch arme Menschen schon ganz gut zu wissen, wie sie über die Runden kommen.

                    • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:39

                      Die Generation der 20-30jährigen hat bei der Generation der 50-60jährigen seit jeher einen schlechten Ruf. Wenn du tatsächlich auf Basis solch platter Vorurteile deine Führungsentscheidungen triffst, fände ich das ganz schön erschreckend.

                    • Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 10:46

                      Du bist zu jung, Du kannst nicht alles wissen.

                      Um die Jahrtausendwende gab es einen regelrechten Jugendhype. High Potentials war das Schlagwort, was schon sagt, dass es um junge Menschen ging. Führungskräfte konnten nicht jung genug sein, wer mit Anfang 30 noch nicht für ein Team verantwortlich war, hatte etwas falsch gemacht.

                      Die Krise der New Economy 2001 zeigt, dass das auch nicht die beste Idee war. Der Trend drehte. Der neue US-Präsident Bush benannte eines der ältesten Kabinette der US-Geschichte. Deutschland zog mit dem Ende von Rot-Grün nach. Alter war plötzlich wieder beautiful.

                      Die Krise der einen ist immer die Chance der anderen. Wer heute als Arbeitgeber die Wahl zwischen einem 50jährigen und einem 25jährigen hat, wird anders als Anfang des Jahrtausends nicht mehr selbstverständlich zum Jüngeren tendieren.

                      Brandneue Studien zeigen, dass die GenZ anders als alle Generationen vor ihr intelligenzmäßig nicht mehr Spitze ist. Und auch das ist anders als früher: Ein hoher Anteil an Unternehmen hat schon schlechte Erfahrungen mit der GenZ gemacht.

                      Nein, Stefan, man trifft nicht seine Entscheidungen aufgrund von Vorurteilen. Das machen Linke. Statistisch ist die beschädigte Ware GenZ aber evident. Ich habe eine 23jährige im Team, alles allerbestens. Kein Wunder, sie ist sehr gut erzogen, überzeugte und gläubige Katholikin und FDP-Mitglied. Was soll da schon schief gehen? 🙂

                    • CitizenK 21. Mai 2026, 10:55

                      Gelsenkirchen – finde ich auch bemerkenswert. Wie die Summen, die Trickbetrüger bei (alten?) Leuten kassieren. Zehn- bis Hundertausende. Ob die alle wirklich versteuert waren?

                    • Ariane 21. Mai 2026, 17:19

                      Gelsenkirchen – finde ich auch bemerkenswert. Wie die Summen, die Trickbetrüger bei (alten?) Leuten kassieren. Zehn- bis Hundertausende. Ob die alle wirklich versteuert waren?

                      Es kann auch noch einen anderen Grund geben Ich bin natürlich nicht ganz so genial wie Stefan Pietsch, aber ich kann problemlos ne abgebrannte Schrottimmobilie in ein Top-Qualitätshaus in bester Lage, frisch renoviert mit hochwertiger Ausstattung herbeiquatschen, während der Versicherungsgutachter natürlich meint, es hätte nur etaws im Keller geraucht und das Haus wäre eh abbruchreif. Da neigen beide Seiten gerne zu Übertreibungen, damit irgendwas in der Mitte dann schon stimmen wird 😉

                    • Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 14:52

                      Eben. Die offiziellen Zahlen sind um die 100 Millionen Euro, was ohnehin schon sehr viel wäre. Aber es handelt sich ja um Schließfächer, wo niemand genau weiß, was drin war, außer es ist versichert. Typischerweise wird Schwarzgeld nicht versichert.

                      Die Schätzungen bewegen sich um den Dreh von 300 Millionen Euro. Und hier sind wir bei dem eigentlichen Problem: In einer Stadt, in der ein Großteil Grundsicherung bezieht, wird der Bereich der Schattenwirtschaft blühen und den Bewohnern Einkommen verschaffen, die ihnen die Vermögensbildung möglich macht.

                    • Stefan Pietsch 21. Mai 2026, 17:27

                      Hm, und die Erträge aus dem Betrug landen dann in tausenden Schließfächern? Den Trick würde ich gerne in Gänze verstehen.

              • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:34

                Jepp, ich kann auch rechnen. Besser als manche Rechte an der Stelle 😀 Ich verstehe zumindest, warum die Bevölkerung nicht vor Jubel im Dreieck springt, wenn sie mehr arbeiten soll 😀

          • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:33

            Jepp, ich versteh das auch nicht.

      • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 12:01

        Alles sehr gute Fragen.

    • cimourdain 20. Mai 2026, 08:46

      a) und b) stimmt nicht . Trotz immer höherer Rentnerzahl und niedrigerer Arbeitszeiten ist das inflationsbereinigte Pro-Kopf-BIP in den letzten 80 Jahren kontinuierlich angestiegen – wegen der in c) erwähnten Produktivität. Erst durch die Dauerkrise der 2020er stagniert es. Das liegt auch an Fehlallokationen in der Vergangenheit, aber vor allem daran, dass man sich bestimmte Politiken leisten wollen muss.
      Deshalb zwei weitere Gründe.
      d) Es ist für eine in beide Richtungen vom Handel abhängige Nation teuer, bei Partnern Cherrypicking zu betreiben.
      e) „Wir“ (gemeint die Arbeitnehmer, nicht Beamte) müssen das Geld für die Aufrüstung ranschaffen.

      • Ariane 20. Mai 2026, 19:41

        bei a) b) und teilweise c) muss man vielleicht auch bedenken, dass die Boomer hier ein Sondereffekt sind, der natürlich die nächsten Jahre besonders drückt, weil eben diese geburtenstarken Jahrgänge jetzt ins Alter von Rente, Pflegebedürftigkeit etc. kommen.

        Demographisch ungünstig, aber es ist eigentlich genau das: ein Sondereffekt. Ich fände es gar nicht unsinnvoll, diesem Sondereffekt auch mit einem Sondereffekt zu begegnen (mehr Bundeszuschüsse oder sowas wie eine Boomersteuer oder sonstwas).
        Denn danach gibt es diese Ausschläge nicht mehr, sondern ein kontinuierliches Absinken. Es wäre vermutlich nachhaltiger, für diese Phase zu planen als jetzt die Apokalypse aufgrund eines Sondereffekts auszurufen.

      • Ralf 20. Mai 2026, 23:04

        a) und b) stimmt nicht . Trotz immer höherer Rentnerzahl und niedrigerer Arbeitszeiten ist das inflationsbereinigte Pro-Kopf-BIP in den letzten 80 Jahren kontinuierlich angestiegen

        Du schaust auf dem Zeitstrahl in die falsche Richtung. Wichtig ist, was in den kommenden 20 Jahren passieren wird, nicht was in den vergangenen 80 Jahren passiert ist.

        Punkt a) war, dass wir immer älter und teurer für die Sozialsysteme werden. Und die Jahre, die wir am Ende unserer Lebenszeit anhängen, sind die teuersten unseres Lebens. Mein Vater z.B. verbrachte die letzten acht Jahre seines Lebens in einem Pflegeheim auf der höchsten Pflegestufe. In seinem letzten Lebensjahr war er vier oder fünfmal im Krankenhaus. In seinen Dreißigern, Vierzigern, Fünfzigern und Sechzigern war er hingegen vier komplette Jahrzehnte lang nullmal im Krankenhaus. Auch Medikamente sind extrem teuer geworden. Wenn bei Dir etwa in den 80er Jahren Lungenkrebs diagnostiziert wurde, hast Du eine Chemotherapie bekommen (kostet heute etwa 15.000 Euro) und 6-12 Monate später warst Du tot. Heutzutage bekommst Du eine Immuntherapie (kostet etwa 100.000 Euro) und lebst oft wesentlich länger. Nicht selten hast Du noch Therapien der zweiten und dritten Behandlungslinie auf ähnlichem Preisniveau. Gegenwärtig laufen gerade sehr erfolgversprechende Studien zu Krebsvakzinen. Sollten die Standard werden, kannst Du nochmal weitere 100.000 Euro obendrauf legen. Wer soll das alles bezahlen?

        Punkt b) war, dass wir eine extrem ungünstige demographische Entwicklung haben. Auch das lässt sich nicht mit Hinweis auf die vergangenen 80 Jahre wegwischen. In den vergangenen 80 Jahren hat es nie eine solche Entwicklung gegeben. Im Gegenteil. Die Jungen waren immer in der Mehrheit. Und in den 50er Jahren sind die Alten 10 Jahre früher gestorben.

        • Ariane 20. Mai 2026, 23:18

          Du schaust auf dem Zeitstrahl in die falsche Richtung. Wichtig ist, was in den kommenden 20 Jahren passieren wird, nicht was in den vergangenen 80 Jahren passiert ist.
          Nein, mein Argument ist, dass die nächsten 20 oder 30 Jahre ein Sondereffekt sind. (Wie Deutschland übrigens aus diesem Boomer-Sondereffekt davor auch profitiert hat – quasi Boomerdividende statt Friedensdevidende)
          Danach finden sich in der Demographie keine Sondereffekte mehr wie wir sie jetzt mit den Boomern haben, es ist sehr viel kontinuierlicher. Es ist nachhaltiger auf diese Kontinuität zu planen als aufgrund eines Sondereffektes das ganze System umzustellen (das passt nämlich garantiert dann nicht mehr)

          Gegenwärtig laufen gerade sehr erfolgversprechende Studien zu Krebsvakzinen. Sollten die Standard werden, kannst Du nochmal weitere 100.000 Euro obendrauf legen. Wer soll das alles bezahlen?
          Grundsätzlich halte ich medizinischen Fortschritt ja für positiv und weniger für einen Grund zum Verzweifeln. Ich habe auch genug Zukunftsvertrauen, dass ich denke, dass erfolgversprechende Therapien im Laufe der Zeit zu einem günstigen Massenprodukt werden. Außerdem bin ich links und habe nichts dagegen, eine Sondersteuer zu erheben, um in die medizinische Zukunft zu investieren und beste medizinische Versorgung für Jedermann zu gewährleisten.

          Oder sollen wir jetzt lieber verzweifeln und die medizinische Versorgung nur bis zu einer Höchstaltersgrenze gewährleisten? Soll Leben und Sterben eine Frage des Geldbeutels werden? Was genau ist hier das Argument?
          Also außer dass ich oder Arbeitnehmer auf ihr Gehalt verzichten sollen.

          • Ralf 20. Mai 2026, 23:35

            Es ist nachhaltiger auf diese Kontinuität zu planen als aufgrund eines Sondereffektes das ganze System umzustellen

            Geht garnicht darum, das ganze System umzustellen. Das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre zu erhöhen, wirft ja schließlich nicht das System über den Haufen. Wenn in dreißig Jahren die demographische Krise vorbei ist, kann man das Renteneintrittsalter möglicherweise wieder senken.

            ich denke, dass erfolgversprechende Therapien im Laufe der Zeit zu einem günstigen Massenprodukt werden

            Krebstherapien sind kein Massenprodukt. Und preislich geht der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Moderne CAR T Cell-Therapien schlagen z.B. mit um die 400.000 Euro zu Buche.

            Soll Leben und Sterben eine Frage des Geldbeutels werden? Was genau ist hier das Argument?

            Ein starkes Gesundheitssystem, das moderne Therapien bezahlen kann, können sich nur reiche Länder leisten. Gegenwärtig sind wir dabei unseren Wohlstand zu verspielen. Und ja – damit wird Leben und Sterben tatsächlich eine Frage des Geldbeutels.

            • CitizenK 22. Mai 2026, 17:36

              Stimmt. Aber: wessen Geldbeutels? Das Gesundheitssystem wird aktuell fast nur noch über die Frage der KK-Beiträge diskutiert. Übersehen wird dabei, welchen Zuwachs an Lebensqualität moderne Diagnose- und Therapiemöglichkeiten bringen. In den USA haben die Durchschnittsbürger nichts davon – trotz des höheren GDP. Für Autos und Urlaub geben die Leute gern Geld aus, Gesundheit aber darf nichts kosten?

  • cimourdain 20. Mai 2026, 09:50

    b) i) Hammer und Sichel werden (bisher) nicht als verfassungsfeindliches Symbol im Sinne von §§ 86, 86a gelistet oder behandelt. Entsprechende Verfahren sind mir nicht bekannt. Allerdings können sie Teil des Logos einer terroristischen Organisation sein (z.B. der PKK) und dann in dem Gesamtkontext behandelt werden.
    ii) gesehen habe ich das konkrete Symbol bei antimilitaristischen Demonstrationen nicht. Allerdings war der Schriftzug der SDAJ (der einen roten Stern enthält) wie im Artikelbild öfter sichtbar.
    iii) an die U45 Leserys gerichteter Merksatz: Wenn euch das System verheizen will, sind diejenigen, die das System ändern wollen, Verbündete. Ein Inlandsgeheimdienst des Systems ist kein Verbündeter – auch nicht wenn er beschönigende Bezeichnungen trägt.

    d) Ganz unabhängig von diesen taktischen Werbemaßnahmen sind die geschichtlichen Fakten:
    i) Es gab und gibt in BRD-Bundesländern Minderheitsregierungen.
    ii) Die meisten waren Behelfslösungen nach Bruch einer Koalition, aber es gab auch solche, die aus Pattsituationen herstammen, weil eine Partei, mit der niemand koalieren wollte, die Mehrheit des einen oder anderen Lagers verhindert hat.
    iii) In mindestens zwei Fällen führte die Minderheitsregierung nach den nächsten Wahlen zu einer Koalition mit der gemiedenen Partei: Holger Börner / Grüne und Klaus Wowereit / PDS

    • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 12:05

      d) Jepp, in den Bundesländern.

      • Ariane 21. Mai 2026, 17:52

        Was ich btw erst durch diese Diskussion erfahren (oder wieder erinnert habe): eine Koalition bilden, obwohl man eine absolute Mehrheit hat.

        Ich glaube bei Adenauer war das einmal der Fall. Und Merkel war einmal nur 5 Stimmen weg davon und ich glaub es gab dann sogar eine GroKo (das ist natürlich im Gegensatz zu heute auch ein riesiger Puffer, der viel mehr Uneinigkeit erlaubt)

        • cimourdain 22. Mai 2026, 09:05

          In der 2. Legislaturperiode hat Adenauer neben FDP noch die rechtsnationalistische DP und die Vertriebenenpartei BHE in die Regierung aufgenommen um damit eine 2/3 Mehrheit für Verfassungsänderungen zu bekommen.

        • Dennis 22. Mai 2026, 10:04

          Zitat Ariane:
          „Ich glaube bei Adenauer war das einmal der Fall.“

          Klar doch, auf die Periode 1953-1957 hat Cimo schon hingewiesen und 57-61 ging die Taktik weiter, die darin bestand, scheinbar ganz lieb und großzügig Umarmte zu ruinieren. Das war wesentlich die schon erwähnte in den 50ern durchaus bedeutende „Deutsche Partei“. Niedersachen kann sich übrigens rühmen, als einziges Land mal von einem MP dieser Partei regiert worden zu sein.

          Beim Adenauer hatten wir also schon eine parlamentarische Spezialform von Merkels späterer „asymmetrischen Demobilisierung“ avant la lettre. Vielleicht kommt der Merz jetzt ja auch auf diesen Trichter. Statt zackig „links ist vorbei“ rumposaunen lieber so:

          https://www.stern.de/politik/deutschland/merz-besucht-spd–und-ploetzlich-spricht-der-kanzler-von–der-baerbel–37413002.html

          https://www.toonpool.com/user/64/files/merz_besucht_die_spd-fraktion_4840715.jpg

          • Ariane 22. Mai 2026, 20:35

            Das war wesentlich die schon erwähnte in den 50ern durchaus bedeutende „Deutsche Partei“. Niedersachen kann sich übrigens rühmen, als einziges Land mal von einem MP dieser Partei regiert worden zu sein.
            Niedersachsen eh schlimmes Nazinest in den 50ern. Ich lese gerade die Biographie von Fritz Bauer von Ronen Steinken (sehr empfehlenswert). Sein erster öffentlicher Prozess war der Remer-Prozess – gehörte zur Sozialistischen Reichspartei – der die Attentäter des 20. Juli rehabilitierte. (Remer hatte sie Landesverräter genannt). Die sozialistische Reichspartei wollte Adenauer eigentlich auch eingemeinden, hatte sich durch das Verbot durch das BverfG und dem Entzug der Mandate aber erledigt.

  • schejtan 20. Mai 2026, 11:09

    a) Ach ja, das gute, alte „Die Politik ist ja schon richtig, aber wird schlecht kommuniziert“. Wo ich mir immer denke, wenn die Politik so toll ist, muss die nicht gut kommuniziert werden und zweitens, dass Kommunikation die Hauptaufgabe von Politikern ist.

    Aber um zu meinem eigentlichem Thema zu kommen: Ich habe noch eine andere Idee, warum ein Rueckgang der Einwanderungszahlen sich nicht in Stimmverlusten fuer die AFD (oder hier Reform UK) niederschlaegt: Fuer einen Grossteil der Waehler ist Migration gar nicht das entscheidende Thema. Das trifft nur auf den harten Kern zu, den du eh nicht „zurueckgewinnen“ kannst. Genausowenig wie die SPD ueberzeugte FDPler durch ein bisschen Steuersenken oder die CDU ueberzeugte Linke durch ein bisschen Renten erhoehen gewinnen kann. Fuer die anderen ist der Grund AFD zu waehlen wohl eher ein diffuses Unzufriedenheitsgefuehl und Misstrauen gegenueber den etablierten Parteien. Anekdote dazu: Auf einem meiner letzten Heimatbesuche bin ich in der Kneipe an einen AFD Waehler geraten. Auf meine Frage, was er sich konkret von denen erhofft, hat er einfach nur „Weiss ich nicht. Hauptsache was anderes“ geantwortet. Und ich wuerde mal schaetzen, dass du aehnliche Antworten von der Haelfte deren Waehlern bekommst.

    Und da beginnt ja das Problem: Wie willst du Leuten, die selber nicht wissen, was sie konkret wollen, konkrete Angebote machen? Da denke ich, dass diese Fokussierung auf Migration oder diese Diskussion um konkrete Massnahmen um die AFD Waehlerschaft zu reduzieren, vollkommen unnuetz sind. Letztendlich kannst du das nur mit einem aehnlich diffusen „Wir muessen das Vertrauen der Leute zurueckgewinnen“ kontern. Wie das aussehen soll? Keine Ahnung, aber ich hab das Gefuehl, einen Grossteil der Bevoelkerung als faule Saecke zu beschimpfen und Reformen anzukuendigen, die sie de facto schlechter stellen, nicht der richtige Weg ist.

    b) Also ich find ja, abgesehen von Nazisymbolen sollten gar keine politischen Symbole verfassungsfeindlich sein.

    • Stefan Sasse 20. Mai 2026, 12:06

      a) Jepp.

      b) Jepp.

    • Thorsten Haupts 20. Mai 2026, 18:25

      Zu b)

      Wie wollen Sie die spezielle Behandlung der Nazisymbole begründen? Anderswo haben andere Ideologien einen in der Summe durchaus vergleichbaren Schaden angerichtet.

      • schejtan 20. Mai 2026, 18:50

        Speziell in Deutschland halt. Verstaendliche Aequivalente waeren Verbote stalinistischer Symbole in Russland, Maoistischer in China etc.

        • Thorsten Haupts 21. Mai 2026, 00:19

          Verstanden aber überzeugt mich nicht. Ist aber auch nicht wichtig.

      • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:31

        Aber die haben halt keine so nett passenden Symbole. – Ich finde es befremdlich, dass man begründen müsste, warum Hakenkreuze vielleicht eine eigene Kategorie sind, ehrlich gesagt.

        • Ariane 21. Mai 2026, 17:55

          Jep, obwohl ich selbst da mittlerweile für Großzügigkeit und tatsächliche Konzentration eben auf zb Hakenkreuze plädieren würde. Höckes „Alles für Deutschland“ fand ich zb viel zu schwammig und dadurch schon wieder albern.

    • cimourdain 21. Mai 2026, 08:15

      b) Fun Fact: Dies
      https://de.wikipedia.org/wiki/Indymedia#/media/Datei:Indymedia.svg
      ist ein verbotenes Symbol aus der Kategorie Linksextremismus

      • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 08:41

        Nie vorher gesehen.

        • cimourdain 21. Mai 2026, 10:46

          Symbol für Linksunten Indymedia – eine offene Medienplattform, die 2017 unter dem Hebel „Vereinsrecht“ (ein eklatanter Rechtsmissbrauch) verboten wurde.

          • Stefan Sasse 21. Mai 2026, 15:17

            Ah, den Namen kenn ich, aber nie gelesen.

          • Thorsten Haupts 23. Mai 2026, 22:48

            Den „Rechtsmissbrauch“ hat welches deutsche Gericht wann festgestellt?

  • cimourdain 20. Mai 2026, 11:52

    4) Was Weimer verschweigt: Digitale Anbieter Werden wie das Fernsehen behandelt. Der Medienstaatsvertrag umfasst auch Medienintermediäre (Suchmaschinen, soziale Netzwerke, Portale) sowie Video-Sharing-Dienste (wie Youtube) und Medienplattformen.

    Dieser Medienstaatsvertrag schließt für die Digitalanbieter insbesondere Transparenz und Diskriminierungsfreiheit ein. Auswahl und Gewichtung muss nach klaren (auch in verständlicher Sprache formulierbaren) Kriterien erfolgen. Intermediäre dürfen Anbieter nicht nach inhaltlichen Kriterien diskriminieren.

    Aber genau das wollen Leute wie Weimer nicht. Sie wollen staatliche oder kryptostaatliche Kontrolle über Inhalte, so dass sie „Zensur durch Unsichtbarkeit“ praktizieren wollen – wie es der ÖRR praktiziert. Nur mal ein sehr einfacher Vergleich: Auf Youtube finde ich bergeweise Kritik an Elon Musk von Spottliedern bis hin zu Analysen seiner Netzwerke. In den ÖRR Mediatheken musst du Kritik am System ÖRR (die es im wirklichen Leben zuhauf gibt) mit der Lupe suchen.

    Und deshalb ist Stromeyers Replik wesentlich stichhaltiger und realitätsbezogener als Weimers Wünsch-dir-was. Er bezieht sich explizit auf existente rechtliche Regelungen, die auch greifen – insbesondere in Deutschland, das tatsächlich inzwischen auf vielen Feldern im Bereich Zensur im internationalen (auf als freiheitlich angesehene Staaten bezogen) Vergleich relativ stark auftritt.

    • Ralf 20. Mai 2026, 23:16

      Nur mal ein sehr einfacher Vergleich: Auf Youtube finde ich bergeweise Kritik an Elon Musk von Spottliedern bis hin zu Analysen seiner Netzwerke. In den ÖRR Mediatheken musst du Kritik am System ÖRR (die es im wirklichen Leben zuhauf gibt) mit der Lupe suchen.

      Der Vergleich ist schief. Im ÖRR findest Du auch Kritik an Elon Musk.

      Und der Vergleich ist sogar noch schiefer. YouTube hat nicht denselben Medienauftrag wie der ÖRR. Der ÖRR ist kein Portal, das den Anspruch erhebt jeder Meinung, unabhängig von Relevanz, Platz einzuräumen. YouTube hingegen produziert meines Wissens nach keine Inhalte,
      sondern stellt lediglich eine Bühne und einen Algorithmus zur Verfügung. Wenn niemand etwas über Elon Musk postet, dann gibt’s bei YouTube auch nichts zu Elon Musk.

      • cimourdain 21. Mai 2026, 08:12

        Es ist immer billig, andere zu kritisieren. Interessant ist, wie viel Kritik and den eigenen Machtstrukturen existiert.

        Und du hast völlig recht. YouTube ist von der Konstruktion her meinungspluralistisch, der ÖRR nicht. Warum hältst du also das undemokratische Medium für vorbildlich?

        • Ralf 21. Mai 2026, 08:25

          Meinungspluralistisch ist kein Synonym von demokratisch. Der ÖRR hat die Funktion zu informieren. Es geht um Qualität, Vertrauen und Sachlichkeit. Information auf auf YouTube wird hingegen nicht kontrolliert. Jeder der eine Meinung hat, kann sich dort äußern: Die Erde ist flach. SARS-CoV-2 existiert nicht. Die Ausländer sind an allem schuld. Angela Merkel ist ein Echsenmensch.

          • Thorsten Haupts 21. Mai 2026, 21:23

            … Qualität, Vertrauen und Sachlichkeit …

            Die Vorstellung, man könnte das über irgendein Kontrollverfahren sicherstellen, das gleichzeitig politisch neutral ist, ist abenteuerlich naiv und es gibt dafür auch kein einziges historisches Beispiel.

            • Ralf 22. Mai 2026, 08:23

              Ein historisches Beispiel hab ich oben angeführt. In der Wissenschaftsförderung funktioniert eine solche Kontrolle sehr gut.

              • Thorsten Haupts 23. Mai 2026, 11:34

                Äh ja, und weil professionelles Projektmanagement im Anlagenbau gut funktioniert, kann man dessen Regeln und Bedingungen bekanntermassen leicht auf die Politik ausrollen? Kann man natürlich nicht, weil die Politik nach völlig anderen Regelwerken und unter völlig anderen Umweltbedingungen spielt. Gleiches gilt für Medien und Wissenschaft.

  • Erwin Gabriel 21. Mai 2026, 12:49

    3) Merz und der DGB

    Das ist wieder so ein Kommentar, der mich ratlos zurücklässt. Diese Gleichsetzung von Bärbel Bas und Friedrich Merz ist eine nach dem Motto: Donald Trump lügt, Joe Biden auch – kein Unterschied.

    Merz hatte einen Auftritt beim DGB, in dem er das Ende des 8-Stunden-Tags und diverser anderer Errungenschaften der Gewerkschaftsbewegung forderte.

    Das ist sehr missverständlich formuliert, da er nicht grundsätzlich mehr Stunden pro Woche, sondern nur mehr Flexibilität gefordert hat.

    Bei jeder Dienstreise zu einer Messe, die ich mache, kommen 10-16 Stunden zusammen, die ich für den Arbeitgeber unterwegs bin, wenn ich die erforderlichen Anreisewege einrechne. Dann schläft man halt am Tag darauf länger aus. Selbst Dir als Lehrer dürften solche Situationen mehr als nur oberflächlich bekannt sein.

    Wenig überraschend war die Reaktion nicht begeistert, er wurde ausgebuht und ausgepfiffen.

    Wohl wahr. Dass die Gewerkschaften die eine oder andere Wahrheit nicht vertragen, ist ja nichts Neues.

    Das sorgte für Krokodilstränen bei denselben Leuten, die mit Verve den Arbeitgeberverband verteidigten, weil der Bärbel Bas ausgelacht hatte.

    Wenn Du das kurze Auflachen gegenüber Bärbel Bas mit den wiederholten Pfeif- und Buh-Konzerten gegenüber Friedrich Merz gleichsetzt, verschiebst Du schon ein wenig die Maßstäbe. Darüber hinaus hat Bas nur gezeigt, dass ihr gewisse Sachverhalte offenbar nicht klar sind, während Merz die Gewerkschaftler mit korrekten Zahlen und Umständen konfrontierte (und die Gewerkschaftler ebenfalls bewiesen, dass ihnen gewisse Sachverhalte nicht klar sind).

    Dass er ihnen dann eine solche Kriegserklärung hinwirft (die weit über Bas‘ Kommentare die sich ja zu ihnen gar nicht äußerte), kann nur zu einer solchen Reaktion führen.

    Wenn ich Dich frage, ob wir mit Rente ab 63 und vergleichbaren Umständen wie heute auch unter der Bedingung weitermachen können, dass (statt früher sieben) nun bald zwei Arbeitnehmer einen Rentener versorgen müssen – denn das ist die demographiosche Situation – wie lautet Deine Antwort?

    Das sind Fakten, keine „Kriegserklärung“, bzw. kann nur dann als solche wahrgenommen werden, wenn man davon ausgeht, dass Gewerkschaftler dumm, ahnungslos und aggressiv sind.

  • Erwin Gabriel 21. Mai 2026, 12:52

    c) Ein Hohn, ein Schlag ins Gesicht, brutal? Warum die politische Sprache immer härter wird.

    Ich hab dieses Mimimimi so satt. Die politische Sprache war in der Bonner Republik WESENTLICH härter. Sie ist nur härter gegenüber der Konsenssoße der Merkelzeit.

    Ja, so etwas von wahr.

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