Glanz und Elend der Sozialdemokratie, Teil 1: Grundlagen

Ich möchte zwei Bemerkungen voranstellen. Erstens ist dieser Artikel Teil einer Serie, die sich mit Aufstieg und Niedergang der Sozialdemokratie vorrangig in den USA und Deutschland beschäftigt. Dieser Fokus entspringt meinen persönlichen Interessen und meinem persönlichen Interessengebiet. Jegliche Verallgemeinerung bleibt deswegen notwendigerweise mit dem breiten Pinsel gezeichnet. Zweitens wird „Sozialdemokratie“ hier nicht im engen deutschen Sinne verwendet, sondern steht für alle reformistischen Parteien links der Mitte. Darunter fallen etwa die Labour Party, die Parti Socialist oder die Democrats, nicht aber die KPD oder die DSA. 

Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Industrialisierung. Nie zuvor in der menschlichen Geschichte vollzog sich Wandel so schnell und so tiefgreifend, taten sich solche Gräben innerhalb der Gesellschaft auf, wurden sich so viele Menschen plötzlich ihrer selbst bewusst. Was soll das heißen? Für den allergrößten Teil der menschlichen Geschichte gilt, dass die überragende Mehrheit der Menschen arm war, und zwar arm in jedem Sinne der Metrik, nicht relativ zu heute oder zu anderen Abschnitten der Geschichte, sondern absolut arm, also am Existenzminimum lebend.

Kein urtümliches Paradies

Gleichzeitig begleitete die Menschen von Beginn an Ungleichheit, massive Ungleichheit sogar. Die wenigen (wenngleich lauten) modernen revisionistische Stimmen, die glauben, in irgendwelchen urzeitlichen Jäger- und Sammlergesellschaften egalitäre Paradiese erkennen zu wollen, kann man getrost ignorieren. Ihre Ideen klingen nett, sind aber durch die anthropologische Forschung als Mythen entlarvt. Auch Opa Neanderthaler war in 99% der Fälle arm und hat zu einem im (relativen) Überfluss lebenden Clanchef aufgeschaut.

Natürlich gab es trotzdem Fortschritte. Ein Bürger der Millionenstadt Rom lebte sicherlich besser als ein Bauer Mesopotamiens, und Sklave in einem römischen Bergwerk war schlimmer als Bergarbeiter in England. Nur, die Unterschiede waren nicht so groß, wie man annehmen würde, und es gab große Rückschritte. Zudem waren die Fortschritte, die gemacht wurden, häufig nur einer sehr kleinen Bevölkerungsschicht zugänglich. Das Römische Reich ist dafür das beste Beispiel. Gerne wird erwähnt, dass sein zivilisatorischer Stand (Frischwasserleitungen! Öffentliche Toiletten! Thermen!) erst im England des späten 18. Jahrhunderts wieder erreicht wurde. Nur, über 90% der römischen Bevölkerung waren Bauern, und die lebten wie ihre Vorfahren tausend Jahre zuvor und ihre Nachfahren tausend Jahre danach: gebunden an den gleichen Acker, von der Hand um Mund, bettelarm.

Es war die Industrielle Revolution, die diesen Grundsatz der menschlichen Geschichte entscheidend änderte. Ich will an dieser Stelle nicht in die Debatte einsteigen, warum es so lange dauerte und welche Faktoren dazu führten, dass ausgerechnet Europa sich anschickte, die menschliche Gesellschaft so tiefgreifend zu verändern. Ich warne an dieser Stelle nur vor allen historischen Narrativen, die eine Linie durch die menschliche Geschichte ziehen, die quasi naturgemäß an dieser Stelle enden muss. Vermutlich war der Durchbruch der Industriellen Revolution ein historischer Zufall. Umso wichtiger ist es zu verstehen, warum sie so durchschlagend war, durchschlagender als jede andere Revolution der menschlichen Geschichte.

Die Industrielle Revolution ist untrennbar verbunden mit der Erfindung von Maschinenkraft. Die dadurch gewonnenen Effektivitätsgewinne, die rasant anwachsende Rationalisierungseffekte ermöglichten, stellen alles in den Schatten, was in der menschlichen Geschichte je bekannt war. Sie erlaubten es, mit wesentlich weniger Arbeitern als früher wesentlich mehr Güter herzustellen, Güter, die es früher entweder überhaupt nicht gab oder die in Handarbeit hergestellt wurden.

Bescheidene Anfänge

Es ist kein Zufall, dass die Branche, die Großbritannien in das Zeitalter der Industrialisierung katapultierte (und so viele andere Länder seither) die Textilbranche ist. Über den Großteil der menschlichen Geschichte (wir erkennen ein Muster, nicht wahr?) wurde Kleidung innerhalb der Familie selbst hergestellt. Es war eine typische Frauenaufgabe, und die Fähigkeit gehörte zu den geschätztesten, die eine Braut mit in die Ehe bringen konnte. Durch die Erfindungen des maschinellen Webstuhls und anderer Fertigungstechniken konnte Kleidung plötzlich billig gekauft werden. Dies setzte eine enorme Menge an Arbeitskraft frei, die plötzlich frei nutzbar war.

Doch durch eine gleichzeitige Entwicklung wurde diese nicht in die Produktion von mehr Nahrungsmitteln gesteckt, wie dies früher vielleicht der Fall gewesen wäre. Denn ausgehend von England gab es in diesen Jahrzehnten einen ungeheuren Trend zur Einhegung und Konzentration von Land in den Händen einiger Großgrundbesitzer. Dieser Trend sorgte dafür, dass es plötzlich wirtschaftlich wurde, Verbesserungen am Land, dem Arbeitsgerät und den Anbaumethoden vorzunehmen, die für die einzelnen Bauern vorher (und im Großteil der menschlichen…denkt es euch ab jetzt dazu) nicht wirtschaftlich gewesen wären. Dadurch war kein Platz mehr für Leibeigene, die zu versorgen der Großgrundbesitzer gezwungen gewesen wäre und deren Erzeugnisse für ihn nutzlos waren. Entsprechend wurde in Europa die Leibeigenschaft abgeschafft, wurden die Menschen frei – und in vielen Fällen arbeitslos. Schon damals ging das oft Hand in Hand. Der einzige Ausweg war der Weg in die Städte, wo ein tugendhafter Kreislauf („virtuous cycle„) aus immer neuen Produkten und steigender Effizienz auf der einen und einer wachsenden Nachfrage und Kaufkraft auf der anderen Seite einen unersättlichen Bedarf an Arbeitskräften schuf.

Das alles geschah ungeplant und von den Menschen der damaligen Zeit überwiegend unverstanden. Einige frühe Ökonomen entwickelten Theorien (man denke an Adam Smith oder David Ricardo), aber die tatsächlichen Entscheider verstanden kaum, was um sie herum geschah. Der Niedergang des Adels zugunsten einer wirtschaftlich deutlich versierteren Mittelschicht hat hier ihren Ursprung. Diese Planlosigkeit sorgte auch dafür, dass die Bedingungen, unter denen die Arbeiter schuften mussten, katastrophal waren. Die Bilder sind bekannt: Ein-Zimmer-Wohnungen, bewohnt von zwölfköpfigen Großfamilien, Dreck, Dunkelheit, miserable Löhne, entsetzliche Arbeitsbedingungen und lange Arbeitszeiten. Es war dieses Klima, in das Karl Marx seine berühmten Theorien schrieb.

Immer noch besser als eine Hungersnot auf dem Land.

Und doch war es nur eine Momentaufnahme. Denn trotz all des plötzlich sichtbaren (und dank der Erfindung der Fotographie auch dokumentierten) Elends lebten die Menschen besser als früher als Bauern. Auch hier gibt es heute viel zu viele Romantiker, die beharrlich der Überzeugung sind, dass das Leben in der Industriellen Revolution schlechter war als vorher in den feudalen Agrarwirtschaften. Das ist unhaltbar. So hart das Leben in den Fabriken auch war, es war dem auf dem Land vorzuziehen – und wurde vorgezogen, hunderttausendfach. Arbeiter lebten schlecht, aber sie lebten verlässlich. Auf dem Land starben Menschen noch bis nach Mitte des 19. Jahrhunderts in Hungersnöten. In den Städten nicht. Die Industrielle Revolution verbesserte das Leben all derer, deren Wirkung sie traf.

Warum also entstand in dieser Zeit eine politische Bewegung für die Unterdrückte, eine Arbeiterbewegung, wo es eine vergleichbare Bauernbewegung nie gegeben hatte, wenn es den Leuten (auch wenn Marx etwas anderes behauptet) damals schlechter ging? Der Grund liegt spannenderweise in der Ungleichheit. Diese hatte durch die Industrielle Revolution abgenommen, und zwar dramatisch. Wo im überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte über 95% (gleich) arm gewesen waren, waren es nun „nur“ noch 80%. Dann 70%. Die großen Gewinner der Industriellen Revolution waren nicht die Arbeiter (obwohl, wie gesagt, auch sie gewannen), sondern das neu entstehende Bürgertum. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte entwickelte sich eine breite Mittelklasse. Breit zumindest gemessen am bisherigen Verlauf derselben; wir reden von maximal 20%. Aber das ist ein vielfaches mehr als das, was im Mittelalter, in Rom oder in Mesopotamien einen solchen Status innegehabt hatte.

Diese Mittelschicht begann diejenigen Berufe einzunehmen, die die Industrielle Revolution für sie schuf. Im Gegensatz zu den verwaschenen, kragenlosen Hemden der Industriearbeiter („blue collar“) trugen sie weiße Hemden mit Kragen, die bis weit ins 20. Jahrhundert das Distinktionsmerkmal dieser Schicht von „Angestellten“ sein sollten, ehe das „Wirtschaftswunder“ die Unterschiede zwischen ihnen und den „Arbeitern“ bis zur Unkenntlichkeit verwischte. Aber wir greifen vor.

Die oberen 1% unter sich

Zusammenfassend bleibt festzustellen: Es war nicht so sehr die Existenz von Ungleichheit per se, die im 19. Jahrhundert eine beginnende linke Bewegung von Karl Marx über Ferdinand Lasalle zu Wilhelm Liebknecht auf den Plan rufen würde. Vielmehr war es das Bewusstsein, das sich zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte bildetete, dass eine realistische Alternative möglich war. Dass die herrschenden Verhältnisse wesentlich größere Umverteilungsspielräume boten, als man das bisher gedacht hatte.

Was Marx Zeit seines Lebens (und vielen seiner Erben auch hundertfünfzig Jahre später) entging ist, dass diese Erkenntnis nicht völlig an den Kapitalisten vorbeiging. So stieg die tägliche Arbeitszeit in den Fabriken von rund 12 Stunden täglich um 1820 auf aberwitzige 16 Stunden täglich um 1840, um dann rasant wieder auf ungefähr 12 bis 14 Stunden zu fallen. Offensichtlich geht selbst dem größten Ausbeuter auf, dass es so etwas wie einen Grenznutzen auch bei menschlicher Arbeitskraft gibt. Auch bemerkten viele Unternehmer, dass unterernährte und kranke Arbeiter keine produktiven Arbeiter sind. Die Schlussfolgerungen, die daraus gezogen wurden, waren zugegebenermaßen nicht immer sinnvoll, aber es lohnt die Wiederholung: Die Industrialisierung verlief weitgehend planlos und wurde selbst von ihren eigenen Akteueren kaum durchschaut. Das Ausmaß der wirtschaftswissenschaftlichen Analphabetenrate ist bis ins 20. Jahrhundert hinein immer wieder verblüffend.

Bis dahin hatte die Industrielle Revolution vor allem Güter des täglichen Bedarfs, Waffen und Investitionsgüter hergestellt. Das verwundert nicht, denn wie alle Menschen waren auch die Akteure dieser Epoche in ihren eigenen Erfahrungen verhaftet. Sie kamen überhaupt nicht auf die Idee, dass es in dem Heer der Arbeiter, die sie anstellten, über deren Grundbedürfnisse hinaus einen Markt geben könnte. Und doch gab es ab ca. 1870 eine Art zweiter Revolution, die dieses Mal von den Vereinigten Staaten ausging.

Der Lebensstandard in den USA war seit deren Besiedlung stets höher gewesen als in Europa. Bauern besaßen wesentlich mehr und fruchtbareres Land, bezahlten weniger Steuern, aßen deutlich ausgewogener und besser und waren daher gesünder. Die Städte waren größer und weniger dicht bebaut, die Jobs besser bezahlt, die staatlichen Eingriffe weniger restriktiv als in Europa. Es wundert daher nicht, dass hier Technologien entwickelt wurden, die den Lebensstandard der Menschen, ausgehend von der Oberschicht und dann schnell auf die Mittelschicht übergreifend, rasant verändern würden.

Arbeitende Frauen

Um zu verstehen, warum diese Innovationen so durchschlagend waren – und warum sie entscheidend für den Aufstieg der Sozialdemokratie als politische Idee sind – müssen wir uns zuerst klar machen, wie das Leben um 1870 für die meisten Menschen aussah.

Die allerwenigsten Häuser waren an elektrischen Strom oder fließendes Wasser angeschlossen oder besaßen Zentralheizungen. Geheizt wurde daher in den Räumen mit offenem Feuer – in einfachen Häusern der Küche, in besseren auch noch Wohnzimmer und Salon. Generell ungeheizt waren alle anderen Räume, vor allem die Schlafzimmer.

Mangels elektrischen Lichts waren Sonnenaufgang und Sonnenuntergang die entscheidenden Konstanten des Tagesablaufs. Die Industrielle Revolution hatte zwar die gasbetriebene Straßenlaterne gebracht (daher auch der Name „Gaslight Era“), aber diese wurde wegen ihres hohen Preises und Personalaufwands nur in den besseren Stadtvierteln genutzt. In den Häusern konnte man beim Schein einer Petroleumlampe umhergehen oder Kerzen entzünden. Beides waren Notlösungen, die einen vernünftige Nutzung der dunklen Tageszeiten erschwerten.

Sauberes Wasser musste vom Brunnen oder einer Quelle (auf dem Land) geholt werden. Diese Aufgabe gebührte den Frauen, die sie mit schweren, hölzernen Wassereimern versahen. Pro Tag schleppten Frauen auf diese Art und Weise rund 20 Liter Wasser in die Häuser – und wieder hinaus. Diese knochenbrechende Arbeit (die gleichzeitig dem Klischee vom körperlich arbeitenden Mann widerspricht, mit dem so viel patriarchalische Unterdrückung gerechtfertigt wurde) ist in allen überlieferten Quellen Beschwerdegrund Nummer eins der Frauen, noch vor Waschen, Kochen und anderen unangenehmen Arbeiten. Grundsätzlich war die Hausarbeit ungeheur hart und zeitaufwändig, wahrscheinlich sogar mehr als die 12-14 Stunden in der Fabrik, die der Herr der Schöpfung ableistete. Die Forschung leidet hier allerdings unter einem Mangel an Quellen.

Gegessen wurde sehr einfach. Grundnahrungsmittel wie Brot und Kartoffeln sowie einfache Gemüse stellten den Hauptteil der Ernährung in Europa. In den USA stand wesentlich mehr Fleisch auf dem Speiseplan (der Fleischkonsum um 1900 war deutlich höher als der heute!). Zentral für alle Menschen war die Versorgung mit Milch, die vor allem für Kinder benötigt wurde. Die mangelhafte Hygiene jener Zeit und völlige Unkenntnis über die Quelle von Krankheiten sorgte allerdings für desaströse Konsequenzen. Das Fleisch war oftmals schlecht, die Milch in vielen Fällen hochgiftig. Die hohe Kindersterblichkeit in dieser Epoche ist zu großen Teilen auf verunreinigte Milch zurückzuführen. Wer sich mit der Lebensmittelhygiene jener Zeit auch nur oberflächlich beschäftigt kann sich eines tiefen Grausens nicht erwehren.

Berlin 1903

All diese Beschwerlichkeiten des Lebens begannen sich ab 1870 zu verändern. Elektrisches Licht und fließend Wasser kamen in immer mehr Häuser. Die amerikanischen Städte waren in den 1920er Jahren praktisch komplett vernetzt, das flache Land zu Beginn der 1940er Jahre. In Europa war diese Entwicklung um Jahrzehnte verzögert; noch in den 1930er Jahren, als Deutschland sich anschickte, die Welt mit Krieg zu überziehen, gingen in Berlin Menschen auf Gemeinschaftstoiletten und war Elektrizität in so manchen Regionen des Deutschen Reichs eher Kuriosum als Regel. Heizungen kamen etwas später, aber um 1940 herum lebte praktisch jeder Amerikaner in einem vernetzten Haus mit fließend Wasser, elektrischem Strom und Heizung (sowie bald darauf Telefon). Dieser Stand wurde in Deutschland erst in den 1960er Jahren erreicht!

Direkt auf den Fersen dieser grundsätzlichen Infrastrukturverbesserungen folgten weitere Erfindungen, die aus der Moderne nicht wegzudenken sind. Das Radio schloss Millionen von Menschen an eine größere Gesellschaft an, verbreitete Nachrichten, half bei der Schaffung eines nationalen Bewusstseins und brachte zum ersten Mal Unterhaltung zu einfachen Menschen, zumindest denen, die sich ein Radio leisten konnten. In den USA war dies in den 1920er Jahren ein Großteil der Bevölkerung; in Deutschland brauchte es die Nazis, die einen völlig überteuerten und technisch hoffnungslos unterlegenen „Volksempfänger“ per Ratenzahlung halbwegs erschwinglich machten. Das Auto, erfunden in Deutschland und weiterentwickelt in Italien und Frankreich, wurde erst in den USA zu einem Produkt, das bereits in den 1910er Jahren (!) einer breiten Bevölkerungsschicht, vor allem auf dem Land, zugänglich wurde. In Deutschland gab es nennenswerte Mengen an privaten KfZ erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die wohl wichtigste dieser Erfindungen aber waren Kühl- und Eisschrank (ab den 1930er Jahren auch als modisches Kombogerät), das – auch hier ist ein Muster erkennbar – in den USA vor dem Zweiten Weltkrieg in praktisch jedem Haushalt stand, während es in Deutschland bis in die 1960er Jahre hinein dauerte, bis es allgemeine Verbreitung erfahren hatte.

Obwohl diese unzweifelhaft segensreichen Erfindungen den Lebensstandard innerhalb einer Generation auf ein Niveau hoben, das um 1870 als blanke Fantasie erschienen wäre, waren die Früchte dieses Wohlstandsgewinns immer noch sehr ungleich verteilt. Die Mittelschicht war zwar gewachsen, aber sie umfasste immer noch unter 30% der Bevölkerung. Die Gewinne jener Ära gingen deutlich an die oberen 1% der Gesellschaft, mit nicht unerheblichen Trickle-Down-Effekten auf die restliche Ober- und Mittelschicht und realen, aber im Vergleich kleinen solchen Effekten für den Rest der Bevölkerung. Vereinzelt hatte es bereits sprunghafte Kaufkraftsteigerungen in der Arbeiterklasse gegeben; bis heute gehört Henry Fords Entscheidung, seine Mitarbeiter besser zu bezahlen, zur sozialdemokratischen Folklore.

Bankrun, Berlin 1931

Doch während die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den 1920er Jahren um Längen besser waren als ein halbes Jahrhundert zuvor, lag ein großes Potenzial immer noch flach. Stattdessen konzentrierte sich die damalige Wirtschaftspolitik, die in einer Kontinuität zum 19. Jahrhundert immer noch erstaunlich unwissend über heute als völlig grundlegende wirtschaftswissenschaftliche Erkenntnisse war, auf eine stabile Währung (die ihren sichtbarsten Ausdruck im Goldstandard fand) und einer möglichst geringen Staatsverschuldung, was alle Arten von negativen Nebeneffekten vor allem in Europa hatte. Doch dieses System wurde durch die Weltwirtschaftskrise 1929 brutal zerstört.

Was in den USA immer wieder erstaunlich ist ist der Mangel an einer organisierten Arbeiterbewegung. Während in Europa – und besonders in Deutschland – schlagkräftige sozialistische und später sozialdemokratische Parteien entstanden, die eng mit mal mehr, mal weniger legalen Gewerkschaften verflochten waren, galt dies für die USA überhaupt nicht. Die Gewerkschaften hier kämpften hart gegen einen Staat, der stets auf der Seite der Arbeitgeber stand, und die Arbeiter solidarisierten sich nicht miteinander, sondern sahen sich als Einzelkämpfer für ihre Individualinteressen.

In Europa gewannen die sozialdemokratischen Parteien zwar Stück für Stück an Macht hinzu. Doch ihre Forderungen – genauso wie die Abwehrhaltung der staatlich unterstützten Arbeitgeber – waren effektiv Nullsummenspiele. Die SPD vor 1914 hing rhetorisch immer noch dem Klassenkampf an, und ihre europäischen Schwesterparteien sahen das häufig ähnlich. Für keine der beiden Seiten war es vorstellbar, die wirtschaftliche Situation zu verbessern, ohne dass die jeweils andere Seite Schaden nahm. Unternehmer sahen Lohnsteigerungen als EInschnitte in ihre Gewinnmarge, und Sozialdemokraten sahen sie als den raffgierigen Unternehmern abzutrotzende Besitzstände, die diese unrechtmäßig an sich gebracht hatten. In Deutschland begann sich dies nach 1918/19 mit dem Stinnes-Legien-Pakt und dem Wandel der SPD zu einer auch offiziell reformerischen Partei zu ändern, aber die schlechte wirtschaftliche Lage Weimars sorgte dafür, dass die Konsequenzen dieses Wandels sich nicht rechtzeitig einstellen würden.

Traitor to his class

Dem geneigten Leser ist vielleicht aufgefallen, dass ich für die USA als zentrales Datum immer den Vorabend des Zweiten Weltkriegs nannte, an dem die Innovationen des Lebensstandards allgemein verfügbar wurden, während dies in Europa nicht der Fall war. Das hat seinen Grund, und der liegt in der bereits angesprochenen Weltwirtschaftskrise. Die 1929 vom Epizentrum Wall Street ausgehende Rezession erfasste schnell die gesamte westliche Welt (ein nicht geringer Teil der Attraktion der sowjetischen Planwirtschaft lag in ihrer scheinbaren Immunität gegenüber der Weltwirtschaftskrise) und zerschmetterte dort das Narrativ der vorangegangenen Gilded Age, dass zwar manche wesentlich mehr Gewinn machten als andere, dies aber ultimativ allen Beteiligten helfen würde. Dass es nur einen Weg gäbe – nach oben – war offensichtlich nicht mehr wahr. Und als die Krise Jahr für Jahr schlimmer statt besser wurde, wuchs der Ruf nach radikalen Lösungen. Deutschland und die USA folgten ihm. Doch die Ansätze, die Roosevelt und Hitler wählten, konnten verschiedener nicht sein. Der eine ebnete den Weg zum Goldenen Zeitalter der Sozialdemokratie. Der andere stürzte die Welt in einen mörderischen Vernichtungskrieg.

{ 12 comments… add one }
  • Ralf 1. Juli 2018, 16:45

    Ihre Ideen klingen nett, sind aber durch die anthropologische Forschung als Mythen entlarvt. Auch Opa Neanderthaler war in 99% der Fälle arm und hat zu einem im (relativen) Überfluss lebenden Clanchef aufgeschaut.

    Das ist ohne Frage richtig. Trotzdem ist es, denke ich, erwaehnenswert, dass die Kohaesion in der Gesellschaft in der Antike und im Mittelalter relativ hoch war. In Dorfgemeinschaften wurde geteilt, auch wenn das zu Verteilende sehr wenig war. Es war schwer einfach aus dem starken Netzwerk von Familie und Gemeinschaft herauszufallen. Das ist ein bedeutender qualitativer Unterschied zu unserer heutigen anonymen Gesellschaft, in der etwa die meisten Obdachlosen durchaus noch Verwandte und Bekannte haben, die materiell nicht mit der Fuersorge ueberfordert waeren, aber es interessiert sich eben keiner fuer sie. All das macht die Antike und das Mittelalter sicherlich nicht zu einem “Paradies”. Aber dass diese Gesellschaften in gewissen Aspekten menschlicher und gemeinschaftsorientierter waren als unsere heutige Gesellschaft, ist – zumindest meines Wissens nach – nicht ganz falsch.

    So hart das Leben in den Fabriken auch war, es war dem auf dem Land vorzuziehen – und wurde vorgezogen, hunderttausendfach. Arbeiter lebten schlecht, aber sie lebten verlässlich. Auf dem Land starben Menschen noch bis nach Mitte des 19. Jahrhunderts in Hungersnöten.

    Also den Punkt verstehe ich nicht so ganz. Ich kenne noch aus Erzaehlungen meiner Eltern, dass der Hunger immer am schlimmsten war in den Staedten. Wer auf dem Land lebte, hatte zumindest fuer sich selbst und seine Familie noch die Erzeugnisse des eigenen Bauernhofs. In den Staedten ging es bei Nahrungsmittelknappheit immer denen am besten, die einen Bauern in der Familie hatten und sei es auch ein noch so weit entfernter Verwandter. So bekam man eben zumindest hin und wieder ein bisschen was ab, von denjenigen, die bei Mangel immer noch an der Quelle sassen. Weshalb die Arbeiter in den Staedten deshalb weniger gehungert haben sollen als die Bauern, ist mir nicht erklaerlich.

    Warum also entstand in dieser Zeit eine politische Bewegung für die Unterdrückte, eine Arbeiterbewegung, wo es eine vergleichbare Bauernbewegung nie gegeben hatte

    Hmmm … also ich bin ja kein Historiker, aber Bauernaufstaende hat es ja nun genug gegeben im Mittelalter. Die sind halt nur relativ schnell kollabiert, aufgrund militaerischer Unterlegenheit, geringem Organisationsgrad und mangelnder Bevoelkerungsdichte (ergo keine “Massenbewegung”), oder?

    In Deutschland gab es nennenswerte Mengen an privaten KfZ erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

    Also die Aussage erstaunt mich. Hast Du dazu einige Zahlen? Mein (moeglicherweise Pseudo-)Wissen war, dass Hitler persoenlich die Produktion des VW Kaefer in Auftrag gegeben hatte, als “bezahlbares Auto fuer die Massen”. Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Strassen des Deutschen Reiches voll von Kaefern waren. Ist das ein Mythos?

    • Stefan Sasse 1. Juli 2018, 17:06

      Gemeinschaft: Ist sehr schwierig historisch zu untersuchen/belegen, das ist das Problem. Ist durchaus möglich, aber muss nicht. Das Problem mit solcherlei Annahmen ist, dass sie zwar immer logisch klingen, aber nicht zwingend zutreffen müssen. Deswegen klammerte ich das hier aus.

      Hunger: Du hast natürlich Recht, wenn es um den Zusammenbruch von Zivilisation, etwa in den Weltkriegen, geht. Aber die Bauern, die da noch übrig waren, sind ja nicht vergleichbar mit den Subsistenzbauern 100 Jahre zuvor, und der Krieg ist eine Extremsituation. Ich rede vom Lebensalltag.

      Bauernaufstände: Die gab es ständig, aber die Forderungen der Bauern waren immer sehr kleinteilig und auf sich beschränkt. Meistens ging es um so was wie Schuldenerlass, Steuersenkungen, dergleichen. Eine Änderung am System selbst wurde da nicht gefordert und hätte den Horizont der Leute ja auch deutlich überschritten.

      KfZ: Ist tatsächlich ein Mythos, gleiche Schublade wie die Autobahnen. Weder bauten die Nazis sonderlich viele Autobahnen, noch lieferten sie auch nur einen einzigen Volkswagen aus. Ernsthaft. Kein einziger wurde je ausgeliefert. Die im Voraus bezahlten Beträge waren verloren und gingen in die Aufrüstung. War einer der größten Cons aller Zeiten.

      • Ralf 1. Juli 2018, 17:11

        noch lieferten sie auch nur einen einzigen Volkswagen aus. Ernsthaft. Kein einziger wurde je ausgeliefert.

        Ich wollte zwar ZahlEN (Plural), aber diese eine Zahl reicht dann wohl aus … 😉

        Ich muss gestehen, ich bin schockiert. Das hab ich nicht gewusst. Vielen Dank fuer die wertvolle Info!

        • Stefan Sasse 1. Juli 2018, 17:25

          Kein Ding. Wenn dich die Nazi-Wirtschaft interessiert, lies von Adam Tooze „The Wages of Destruction“ (deutscher Titel mir gerade nicht geläufig), hab den glaube ich in meiner letzten Bücherliste auch verlinkt. Die Quelle für die ganzen Infos in diesem Artikel ist „The Rise and Fall of American Growth“, ein ungeheuer faszinierendes Buch über das ich auch noch was zu sagen haben werden.

          • Ralf 1. Juli 2018, 17:41

            Vielen Dank fuer den Lesetipp!

  • Wolf-Dieter Busch 1. Juli 2018, 18:48

    „… und Sklave auf einer griechischen Trimere war schlimmer als Matrose auf einer Fregatte der Royal Navy …“ – kurze Bemerkung, Ruderer auf einer Trimere war Lehrberuf; Sklaven wurden nur ausnahmsweise eingesetzt, und in der Regel mit dem versprochenen Lohn der anschließenden Freilassung. (Nach meinem bescheidenen Verständnis.) – Soll den Gehalt deiner Serie nicht schmälern, aber vollständigerweise zu erwähnen. – Jetzt les ich weiter.

    • Stefan Sasse 2. Juli 2018, 05:55

      ISt korrekt, da ist die Liebe zum historischen Kolorit durchgegangen. Ich korrigiere das.

  • bevanite 4. Juli 2018, 12:49

    Kann man das mit dem „Mangel an einer organisierten Arbeiterbewegung“ in den USA wirklich so stehen lassen? Sicher, es gab keine mit der SPD oder der Labour Party vergleichbare Partei – wobei Eugene Debs als Kandidat der Socialist Party 1912 immerhin fast eine Million Stimmen holte. Aber es gab diverse Parteien oder pressure groups, die Einfluss auf die großen Parteien hatten: ob nun die Populist Party im ausgehenden 19. Jahrhundert, die Gewerkschaften oder die aufkommende Suffraggetten-Bewegung (die in den USA eng an Arbeiterbewegungen geknüpft waren, siehe etwa die Women’s Trade Union League). Eine der erfolgreichsten Drittparteien in der Zwischenkriegszeit war die Farmer-Labour Party. All diese Bewegungen und Kleinparteien hatten dazu geführt, dass sowohl Republicans (unter Theodore Roosevelt bzw. mit der Progressive Party als deren Abspaltung) als auch spaeter die Democrats in Form des „New Deals“ auf deren Forderungen eingingen. Wir dürfen hier nicht versehen, dass vor den Gesetzgebungen aus der „Progressive Era“ in den USA noch weitgehend Anarchie herrschte, was wirtschaftliche Belange betraf. So klein war die amerikanische Arbeiterbewegung daher sicher nicht.

    • Stefan Sasse 4. Juli 2018, 17:22

      Ich denke das kann man, weil du nie eine Bewegung hast, die sich für die „Arbeiterklasse“ einsetzt. Du hast lokale Pressure Groups, und immer wieder Bauernparteien. Aber Arbeiterparteien? Vor allem stabile, langfristig wirkende? Debs war ja mehr so eine Eintagsfliege.

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