Koeppen, das N-Wort und das Abitur

Nachdem wir in der letzten Zeit immer wieder die sprachlichen Updates von Roald Dahls Kinderbüchern (siehe hier) und anderen artverwandten Werken diskutiert haben – zur Erinnerung: ich finde die sprachlichen Korrekturen für Kinderversionen, nicht aber für Erwachsene sinnvoll, zweifle aber daran, ob die Dinger überhaupt noch zwingend als Kinderbücher verlegt werden müssten -, liegt jetzt ein umgekehrter Skandal vor: der Nachkriegsroman „Tauben im Gras“ von Wolfgang Koeppen, den ich hier rezensiert habe, weist an über 100 Stellen völlig unkommentiert das N-Wort auf und ist derzeit in Baden-Württemberg Abiturlektüre. Das bedeutet, dass alle Schüler*innen ihn gelesen und im Unterricht besprochen haben müssen, weil eine 50:50-Chance besteht, dass er im Abitur drankommt (ihr merkt vielleicht an meiner Wortwahl schon, was ich von dem Aufgabenformat halte…). Nun liegt eine Petition der Deutschlehrerin Jasmin Blunt vor, das Werk aus dem Kanon der so genannten Pflichtlektüren zu entfernen. Blunt hat sogar zwei unbezahlte Urlaubsjahre eingelegt, um das Werk nicht unterrichten zu müssen.

Geschichte einer Petition

Aber bevor wir in die eigentliche Debatte um „Tauben im Gras“ einsteigen, will ich die Petition kurz auszugsweise zitieren, damit wir ein Gefühl dafür bekommen, was die Kritik ist (Hervorhebungen im Original):

In den beruflichen Gymnasien in Baden-Württemberg soll für die Abiturprüfung ab 2024 als Teil des Pflichtlektürekanons Wolfgang Koeppens Roman „Tauben im Gras“ eingeführt werden. Die Sprache des Romans ist offensiv rassistisch, sexistisch und antisemitisch. Das Buch eignet sich nicht für den Einsatz im Unterricht, da betroffene Schüler*innen und Lehrer*innen während der Besprechung des Buches immer wieder rassistischer Diskriminierung ausgesetzt werden, indem rassistische Begriffe, in diesem Fall „Das N-Wort“, laut in der Unterrichtssituation vorgelesen werden. Betroffene wären durch diese pflichtgebundene Unterrichtslektüre konstant rassistischer Diskriminierung und somit der eigenen Dehumanisierung, ohne die Möglichkeit sich zu wehren, schutzlos ausgeliefert. Durch den Einsatz des Romans im Unterricht wird jungen Bürger*innen darüber hinaus das Recht auf diskriminierungsfreie Bildung verwehrt. Abgesehen von der Reproduktion rassistischer Sprache, die bereits alleine ein Ausschlusskriterium bildet, kommt hier auch rassistisches Gedankengut zu neuer Blüte. Es wird ein rassistisches Bild Schwarzer Soldaten vermittelt, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland gedient haben. Ziel ist nicht, die Diskussion über Rassismus verstummen zu lassen, wir glauben aber daran, dass es eine Möglichkeit gibt, sie menschenrechtskonform zu führen. […] Um es deutlich zu machen: Auch der gut gemeinte Wille, der bei der Auswahl des Buches sicher eine Rolle gespielt hat, kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass betroffene Bürger*innen durch die Sprache des Romans emotionale Gewalt erleben und ihre Menschenwürde verletzt wird. Das wurde anscheinend aufgrund mangelnder Expertise im Bereich des Anti-Schwarzen Rassismus nicht erkannt. Ein regierungspolitischer Fauxpas dieses Ausmaßes ist unverzeihlich. […] Wir wollen keine literarische Zensur, aber erreichen, dass Minderheiten geschützt werden und sich Nicht-Weiße Menschen aussuchen können, ob sie sich mit dieser Sprache konfrontieren wollen.

Das Kultusministerium hat noch keine offizielle Stellungnahme veröffentlicht (wurde aber, bevor die Petition im Landtag verhandelt wird, zu einer solchen aufgefordert); gleichwohl liegt zumindest durch ein SWR-Interview ein Statement der Kulturstaatssekretärin Sandra Boser (Grüne) vor, das ich an dieser Stelle kurz transkribieren will:

„Also, dieses Buch befindet sich ja im öffentlichen Diskurs, warum darf es dann nicht an Schulen besprochen und genau diese Thematik des Rassismus benannt werden? Wenn wir Schulen als Closed-Shops sehen und nicht auch die Öffnung haben, dass wir schwierige, strittige Themen in der Schule besprechen, wie schaffen wir es dann, dass wir Schülerinnen und Schüler für genau dieses Thema sensibilisieren und ihnen auch ganz klar mitgeben: „was ist Rassismus“?“

Zusätzlich erklärte das Kultusministerium auch, dass das Thema Rassismus im Abitur behandelt werden solle, weswegen das Buch als Abiturstoff sehr geeignet sei. „Genau dies begründet eine wesentliche Anforderung an Literaturunterricht, nämlich Literatur in ihrem jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext zu sehen.“ Zahlreiche (Literatur-)Wissenschaftler*innen widersprechen dieser These, von der beeindruckenden Liste der Erstunterzeichner*innen zu Magdalena Kißling (Paderborn) („Es gibt zu wenig Sensibilität dafür, was die Macht von Sprache ausmacht, und da werden Erfahrungsberichte zu wenig ernst genommen. Außerdem sind entsprechende Konzepte für den Unterricht noch nicht ausgereift genug.„) zu Andrea Geier (Trier), die in dieselbe Kerbe schlägt auf die fehlende Kontextualisierung hinweist (Transkript):

Es gibt überhaupt noch keine Praxen tatsächlich eingeübte Literaturunterricht, wie man mit den Effekten von rassistischer Sprache, auch wenn sie im Kontext von. Rassismus auftauchen, [und mit] Rassismus sensibel umgehen kann im Unterricht, da gibt es ganz unterschiedliche Vorschläge. Da gibt es von Auslassungen, was jetzt nicht wirklich [ei]ne Option ist, wenn man diese Texte behandeln will, bis hin zur Frage, […] wie thematisiere ich das dann aber eigentlich im Gespräch, damit ich nicht andauernd im unterrichtlichen Gespräch selber rassistische Sprache reproduziere? Das ist ein komplexes Themenfeld in didaktischer Hinsicht. Und das ist auch tatsächlich erst mal ein Aushandlungsbedarf und wir haben hier ein großes Informationsdefizit. Wie wird denn dieser Text in der Schule momentan rassismuskritisch, überhaupt thematisiert? […] Wir [müssen] versuchen, dieses Informationsdefizit, was wir haben, zu füllen, [zum Beispiel indem wir sagen] wir machen mal ne Abfrage: wie wird denn dieser Text im Abitur Kontext behandelt? Was sind denn die Lernziele tatsächlich? Wie wird mit Schwarz-Weiß-Dichotomien, mit Diskriminierungserfahrung [umgegangen], […] welche Aufgabenstellungen gibt es dazu? Wie soll das unterrichtliche Gespräch stattfinden? [U]nd [dann] von da aus nochmal tatsächlich dann überlegen und zu sagen: Ist das ein geeigneter Text auch gerade fürs Abitur? […] Also auf jeden Fall sind Unterrichtsmaterialien die ganz zentrale Baustelle. Ob es unbedingt sozusagen Textkkommentierung sein muss, die sozusagen Kommentierung und Erläuterung ist – [das ist] ja selber auch Aufgabe des Unterrichts. Aber die Materialien dafür müssen natürlich auch Lehrer*innen an die Hand gegeben werden und da, glaube ich, haben wir ein großes Defizit, und ich bin ehrlich enttäuscht von einer Bildungspolitik, die es sich so einfach macht, dass sie sagt: ja, aber Texte sind rassismuskritisch gemeint, also haben wir das doch quasi damit schon erledigt. Das ist […] der Anfang, [der] Ausgangspunkt einer Diskussion, und auf gar keinen Fall der Schlusspunkt. 

Warum „Tauben im Gras“?

Ich habe jetzt viel zitiert, aber ich möchte hier einen Überblick über die bisherige Debatte geben. Für mich ist sie so vital wie faszinierend. Vital, weil das Thema relevant und im öffentlichen Diskurs – siehe die Debatten um Dahl – auch tief verankert ist, aber auch natürlich, weil ich selbst davon betroffen bin. Faszinierend deswegen, weil ich „Tauben im Gras“ für einen viel geeigneteren Diskussionsgegenstand halte als „Pippi Langstrumpf“ oder „Charlie und die Schokoladenfabrik“. Warum? Es gibt mehrere Antworten.

Antwort eins: Setting. „Tauben im Gras“ ist weder in Gefahr, eine neue Netflix-Serie zu werden noch nostalgische Erinnerungen an eigene Leseerfahrungen zu wecken. Wenn ich die Reaktionen meiner eigenen Schüler*innen als Beleg nehme – ich unterrichte das Werk just in diesen Wochen, was die Debatte für mich umso relevanter macht -, dann ist damit auch in Zukunft nicht zu rechnen. Koeppens Text ist extrem schwer verdaulich, kompliziert und sehr anstrengend zu lesen. Es ist ein Abbild seiner Zeit, durchkonstruiert vom ersten bis zum letzten Satz, voll intertextueller Bezüge, Leitmotive und Stilmittel. Im schaurig-treffenden Ausdruck unserer Fachberaterin: es ist „abiturabel“. Es ist wie gemacht dafür, im Literaturunterricht behandelt zu werden. Hier wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, werden Formulierungen seziert, werden Bedeutungen entschlüsselt. Historische Hintergründe werden analysiert und in Bezug auf das Werk gesetzt. Und dazu wird es noch anhand von Sekundärliteratur mit anderen, themenverwandten Werken verglichen. What’s not to like?

Antwort zwei: der Autor. Koeppenwar zu seiner Zeit einer derjenigen, die scharfsinnig das dünne Überdecken der Nazivergangenheit erkannten, den Unwillen der Menschen, sich dieser Vergangenheit zu stellen, und das Fortbestehene alter Muster. Er identifizierte auch die inhärente Paradoxie der amerikanischen Besatzungsmacht, die sich einerseits anschickte, die Deutschen zu Demokraten zu erziehen, und andererseits ein brutales Apartheitsregime aufrechterhielt. Koeppen war für seine Zeit sehr progressiv.

Antwort drei: die Themen. Die innere Zerrissenheit moderner Menschen, die Anonymität der Großstadt und das Scheitern im Angesicht dieser Lebensrealitäten sind in ihrem Kulturpessimismus – ich hatte diese Neigung zum Kulturpessismus im Abitur schon an anderer Stelle thematisiert – ebenso wie Koeppens Progressivismus, der eben auch so aktuelle Themen wie „Rassismus“ in den Blick schiebt – und das dazu noch mit Anti-Amerikanismus gegart! – geradezu unwiderstehlich für Bildungsplankommissionen.

Ein Paradebeispiel…

Der Roman ist aber auch ein hervorragendes Beispiel für die ganze Debatte, wie sie kürzlich um die Roald-Dahl-Bücher oder zuvor um Pippi Langstrump entbrannt war: wie geht man mit verletzender Sprache um, die früher – als die Gesellschaft andere Wertmaßstäbe hatte – noch Alltagssprache war? Für das Kultusministerium ist die Sache ziemlich klar: der Roman thematisiert Rassismus, er tut das in einer (für die Zeit) eher progressiven Weise, und das erfordert die Beschäftigung im Unterricht. Wertvolle Lernziele werden erreicht. Case closed.

Auf den ersten Blick spricht auch einiges für diese These. Denn wo ist der Kontakt mit einem solchen Werk so kontrolliert und analytisch wie im Deutsch-Oberstufenunterricht? Die realitätsferne Vorstellung, man könne Kinder das Rassismusproblem ganz toll erläutern, indem man ihnen Huckleberry Finn vorlese und dann darüber spreche, warum das gerade gelesene Buch gar nicht so pralle ist, findet hier ihren pragmatischen Platz. Vergnügungssteuerpflichtig war der schulische Lektürekanon ohnehin noch nie, sich mit schwierigen Texten auseinanderzusetzen Kernkompetenz des Faches und die thematische Verankerung geradezu das Sahnehäubchen.

Und das ist auch nicht falsch. Die Beschäftigung mit Literatur kann geradezu einen Safe Space schaffen, in dem sich Themen losgelöst von tagesaktuellen Kontroversen untersuchen lassen. Frauenbilder und gesellschaftliche Geschlechtererwartungen etwa diskutieren sich in „Faust“ und „Steppenwolf“ praktisch von alleine, wo man die toxischen Männlichkeitsvorstellungen der Altvorderen dekonstruieren kann. Katharina Hackers „Habenichtse„, zusammen mit „Tauben im Gras“ die relevante Abiturlektüre, diskutiert Ungleichheit, Kapitalismus und das Erbe der DDR-Diktatur, alles vor dem Hintergrund der Nachwirkungen von 9/11.

…trifft auf die Realität

Leider ist die Sache nicht ganz so einfach, wie man das im Ministerium gerne hätte. Als Lehrkräfte genauso wie als Schüler*innen aber müssen wir uns mit der Realität auseinandersetzen, dass in „Tauben im Gras“ über einhundertmal das N-Wort vorkommt. Das sorgte in meinem Kurs bei diversen Leuten für Irritationen, und ich hatte in meiner Rezension ja auch schon geschrieben, dass ich das nicht unbedingt als angenehme Leseerfahrung empfand. Viel problematischer aber ist die Frage, wie man darüber sprechen soll. Benutze ich die Vokabeln selbst?

Als ich begann, die Einheit zu unterrichten, hatte ich mir noch vorgenommen, beim Originaltext zu bleiben. Text ist schließlich Text, und im Abitur würde es auch keine redigierte Fassung geben. Aber zehn- bis zwanzigmal pro Stunde das N-Wort in den Mund zu nehmen, stellte sich ziemlich schnell als unpraktibel heraus, ganz egal, wie sehr man rhetorische Anführungszeichen in die Luft malt. So sprang ich schnell zu „Afroamerikaner“ über, wenngleich das auch seine Probleme birgt. Damit aber benutze ich nicht die Begriffe aus dem Text, was für die Textarbeit nicht unproblematisch ist: je nachdem, an was für Zweitkorrigierende man gerät, könnten diese Abzüge geben, wenn man „Club der Afroamerikaner“ statt „N****club“ schreibt. Offensichtlich ist das also keine sonderlich leichte Entscheidung.

Und damit sind wir auch beim Kern der Kritik von Blunt und Literaturwissenschaftler*innen wie Geier oder Kißling. Das Kultusministerium behauptet zwar, dass die Themensetzung von „Tauben im Gras“ eine rassismuskritische Beschäftigung erfordere. Allein, das ist erst einmal eine blanke Behauptung. Denn in der Umsetzung werden Lehrkräfte völlig allein gelassen. Bei den Fortbildungen zu den neuen Lektüren spielte das Thema nur am Rande eine Rolle (und wird durch Blunts Petition nun hastig auf die Agenda geschoben).

Offensichtlich haben sich die entsprechenden Stellen bis zu Blunts Petition keine Gedanken darüber gemacht, wie mit der Sprache im Roman umzugehen sei. Die Unterrichtsmaterialien jedenfalls geben dafür keine Hilfestellung, und das Werk selbst kontextualisiert die Sprache überhaupt nicht, nicht einmal in Form einer Triggerwarnung. Das ist das wahre Problem: die Lehrkräfte wurden überhaupt nicht auf die Thematik vorbereitet, und das Kultusministerium hat sich nicht darauf vorbereitet. Ich bin aber sicher nicht der Einzige, der das Werk bis zu den Sommerferien 2023 unterrichtet.

Was tun?

Und das ist ziemlich scheiße, um einen technischen Fachbegriff der Literaturdidaktik zu gebrauchen. Ich bin nämlich im Umgang mit dieser Thematik schlicht überfordert, und das, obwohl ich mich – Lesende dieses Blogs können das aus leidvoller Erfahrung bestätigen – schon lange mit dem Themenkomplex Sprache, Gerechtigkeit und Diskriminierung auseinandersetze. Mir fehlen die Fachkenntnisse, und die Unterrichtsmaterialien geben dazu viel zu wenig vor. Die übliche Anlaufstelle für Unterrichtsmaterial, die Schönigh-Serie „EinFach Deutsch“, ist – abgesehen von der ohnehin miesen Qualität dieses völlig überfrachteten und didaktisch katastrophal veralteten Bandes – völlig unvorbereitet auf diese Diskussion. Wenig überraschend; das Heft stammt von 2009.

Ich habe daher keine Lösung dafür und bin zerrissen. Grundsätzlich teile ich Blunts Schlussfolgerung, dass das Werk völlig aus dem Unterricht verbannt gehört, so nicht, denn wo sollten solche Werke besprochen werden, wenn nicht in der Oberstufe? Gleichzeitig aber sehe ich auch Geiers Argumentation: die Ersetzung der fraglichen Worte ist keine gute Lösung, und zur Beschäftigung mit dem heutigen Rassismus ist das Werk nur sehr bedingt geeignet.

Denn das ist ein ganz grundsätzliches Problem mit „Tauben im Gras“: es ist ein Produkt seiner Zeit. Alles ist sehr spezifisch in seiner Entstehungszeit 1950/51 verwurzelt, was es zwar literaturhistorisch ungeheur bedeutsam macht, aber wenig geeignet für einen Bezug auf die heutige Zeit. Natürlich ist das ein stetes Problem mit Literatur; es ist ja nicht eben so, als sei der „Steppenwolf“ brandaktuell. Aber an dieser Stelle zeigt es sich als solches Strukturmerkmal, dass sich die Zuständigen im Kultusministerium schon vorwerfen lassen müssen, das schlicht übersehen zu haben.

Ausweg Grundsatzreform

Vielleicht könnte die Debatte um „Tauben im Gras“ für das Kultusministerium Anlass sein, eine grundsätzliche Reform anzustreben. Das neue Abiturformat, das zum Abitur 2024 zum ersten Mal an den beruflichen Gymnasien eingesetzt werden soll, ist ohnehin extrem schlecht angekommen. Unter Deutschlehrkräften hat sich ein Sturm der Kritik daran entfacht (der einen eigenen Artikel wert wäre). In Kürze: Wer im Abitur die Pflichtlektüren bearbeiten will, muss dafür vier Texte lesen (Juli Zeh: „Corpus Delicti“, Georg Büchner: „Woyzeck“, Katharina Hacker: „Die Habenichtse“ und Wolfgang Koeppen: „Tauben im Gras“). Zeh und Büchner entstammen dem so genannten IQB-Pool, einem bundesweit einheitlichen Aufgabenpool, der das Ziel hat, die Abiture im Land einander anzugleichen. Hacker und Koeppen sind baden-württembergische Zugaben, die das Land als Alleinstellungsmerkmal hinzu hat.

Anstatt also „Tauben im Gras“ abzuschaffen und durch einen Alternativtext zu ersetzen, könnte das Kultusministerium seinen Sonderweg beenden und stattdessen für das Abitur bei den IQB-Lektüren bleiben und die anderen beiden Lektüren den Lehrkräften zur individuellen Ausgestaltung freigeben. Das würde die Vielfalt des Deutschunterrichts steigern, die individuellen Stärken und Interessen betonen und das Problem in einem Aufwasch erledigen. Das Ganze hätte auch einen Präzedenzfall: am allgemeinbildenden Gymnasium wurde exakt dieser Schritt vorgenommen, ab dem Abitur 2024 – weil sich die vorher vorgeschriebenen vier Pflichtlektüren als unpraktikabel erwiesen haben.

Wenn man die übliche behördliche Verzögerung einrechnet, dürfte das berufliche Gymnasium also zum Abitur 2026 ein neues Aufgabenformat ohne „Tauben im Gras“ bekommen. Das würde zwar am grundlegenden Problem nichts ändern, aber vielleicht hat die Kultusbürokratie ja ihre Lektion trotzdem gelernt.

Man wird ja noch hoffen dürfen.

{ 72 comments… add one }
  • Detlef Schulze 21. März 2023, 17:09

    Ich könnte mich jetzt darüber auslassen, wie albern ich es finde Wörter verbieten zu wollen. Oder darüber, dass wenn man „N-Wort“ schreibt es automatisch die Bedeutung von „Neger“ bekommt, genau so, als hätte man „N*g*r“ geschrieben. Mir ist auch unklar, warum jemand Probleme damit hat das Wort auszusprechen, wenn man doch über Rassismus, Sklaverei und die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen unterrichten muss. Aber das führe ich nicht weiter aus, sondern nehme den Text lieber zum Anlass, mich über den (meinen) Deutschunterricht aufzuregen.

    Deutsch war die schlimmste Zeitverschwendung für mich in meiner Schule. Musik habe ich nicht verstanden, es hat mich nicht interessiert wir hatten es aber nur zwei Stunden pro Woche und ich habe es nie gebraucht. Deutsch war anders. Wir haben erörtert, erläutert und interpretiert. Ich wusste nie so recht, was ich machen muss, habe aber immer eine zwei bekommen. Nach der Schule merkte ich allerdings recht schnell, dass ich eigentlich nichts brauchbares gelernt habe. Vor allem, konnte ich keine Texte schreiben. Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland sehr viele Menschen keine Texte schreiben können. Juristische Texte sind hierzulande unlesbar und die älteren naturwissenschaftlichen Fachtexte ebenfalls. Meine erste Lektion beim Schreiben von längeren Texten war, alles zu vergessen, was man in der Schule gelernt hat. Ich habe beim Lesen des 50-seitigen Minibuches „The Element of Style“ wesentlich mehr darüber gelernt, wie man leserliche Texte schreibt, als in meinen 6 Jahre auf dem Gymnasium. Wie kann das sein? Der Grund liegt meiner Ansicht nach darin, dass man sich in der Schule viel zu viel damit beschäftigt Texte formal zu interpretieren (wer braucht sowas?) statt damit, Texte zu schreiben. Und jetzt kommen wir zurück zum Blogeintrag. Wieso ist ein Buch besonders geeignet für die Schule, weil es „extrem schwer verdaulich, kompliziert und sehr anstrengend zu lesen“ ist. Warum wird das Buch wertvoll weil es „voll intertextueller Bezüge, Leitmotive und Stilmittel“ ist? Ich selber lese nicht viel und noch weniger Belletristik. Aber die wenigen Nobel-bepreisten Bücher, die ich gelesen habe, hatten alle eine sehr klare einfache Sprache und haben sich durchweg leicht gelesen (von der Sprache, nicht unbedingt vom Inhalt). Vielleicht ist es deutsche Kultur, dass Texte kompliziert und unverständlich sein müssen um als Kulturgut durchzugehen.

    Ich lese gelegentlich deutsche Masterarbeiten. Im Vergleich zu englischen Arbeiten lesen die sich immer sehr sperrig, was nicht so sehr an der Sprache liegt, sondern an verschiedenen Unsitten, die den Studenten damit begründet werden: „man macht das in Deutsch so“. Da wird auf Formalien geachtet, anstelle darauf dass sich ein Text leicht liest und Information möglichst exakt transportiert.

    Waehrend der Corona-Pandemie hat unser Kultusminister immer aufmunternde Briefe an die Schueler und Eltern geschickt. Die gab es in einer „normalen“ Version und einer in „einfacher Sprache“. Die in „einfacher Sprache“ enthielt exakt dieselben Informationen, war aber 30% kuerzer und leichter zu lesen.

    • Stefan Sasse 21. März 2023, 18:26

      Deine Kritik teile ich zu 100%. Ich hoffe, dass aus meinen Formulierungen deutlich wurde, dass ich diese Ansichten nicht teile. Aber ich bereite meine Schüler*innen aufs Abitur vor, und da spielt das Schreiben guter Texte praktisch keine Rolle.

      • Detlef Schulze 22. März 2023, 08:14

        Ich hoffe, dass aus meinen Formulierungen deutlich wurde, dass ich diese Ansichten nicht teile.

        Das ist ne Fangfrage. Wenn ich verneine, dann heisst das ja, dass ich noch mehr Text-Interpretationen haette ueben muessen. 😉

  • Tim 21. März 2023, 18:59

    Mich würde mal interessieren, wieviel Prozent der Unterrichtsinhalte (ab etwa der 8. oder 9. Klasse) in den verschiedenen Fächern völlig folgenlos für das Leben der Schüler bleiben. Ich tippe freihändig auf 80-90 %?

    • Tim 21. März 2023, 19:02

      Abgesehen von dem Effekt natürlich, dass Schüler durch den Schulunterricht jegliches Interesse an dem jeweiligen Fach verlieren.

      • Stefan Sasse 22. März 2023, 08:21

        Ich glaube ehrlich gesagt, dass das die Bedeutung der Lehrkräfte und Fächer überschätzt.

    • Stefan Sasse 22. März 2023, 08:20

      Das ist die falsche Frage. Die Unterrichtsinhalte sind nicht das Relevante, sondern die erlernten Kompetenzen. Anhand welcher Gedichte ich die Interpretation mache, ist reichlich Hupe; relevant ist, ob das Verständnis für poetische Texte steigt. DAS ist die relevante Metrik.

      • Tim 22. März 2023, 09:45

        Warum ist das Verständnis poetischer Texte relevant?

        • Stefan Sasse 22. März 2023, 18:19

          Das ist erstmal nur eine Festlegung der Bildungsplankommissionen. Ich würde aber argumentieren, dass es zwar nicht „relevant“ in einem existenziellen Sinne ist, aber zumindest kein Fehler zu wissen, etwa im Hinblick auf die Rezeption von Songs, die ja auch Poesie sind. Ansonsten empfehle ich das: https://bobblume.de/2017/07/28/warum-lyrik-100-gruende/

    • Thorsten Haupts 22. März 2023, 12:10

      Stimmt als Durchschnittswert vermutlich. Ist nur völlig sinnlos, die Frage so zu stellen – weil dieser Durchschnittswert sich individuell je anders verteilt. Fächer, die für mich sinnlos waren, Musik oder Physik, um nur 2 zu nennen, waren anderen sehr wichtig. Solange man kein 1:1 Verhältnis aufbauen kann (1 Lehrer pro Schüler), wird es zwangsläufig Folgenlosigkeiten geben müssen, die sind dann unvermeidbar. Und selbst das 1:1 wäre nur eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung.

      Letztlich habe ich es im Rückblick durchaus geschätzt, schon in der Schule ein breites Angebot zu haben. Ohne das hätte ich mich als Erwachsener schwerer getan, nach dem für mich richtigen zu suchen bzw. zu ahnen/ wissen, welche Alternativen existieren.

      Schule war schön!

      Gruss,
      Thorsten Haupts

      • Tim 23. März 2023, 08:54

        Statistik ist selten einfach. Mich würde einfach interessieren, ob es dazu empirische Untersuchungen gibt oder ob die Unterrichtsinhalte einfach willkürlich festgelegt werden. Weil es Bürokraten so passt oder weil es halt schon immer irgendwie so gemacht wurde.

        Man muss Mittel vom Ziel her denken, sonst wird es völlig unsinnig.

        • Thorsten Haupts 23. März 2023, 09:43

          Na, dann versuchen Sie sich doch mal daran, „Bildung“ zu definieren. Ich hole schon mal Popcorn 🙂 .

          • Tim 23. März 2023, 10:44

            Nein, darum geht es mir hier nicht. Ich zitiere Stefan Sasse: “ relevant ist, ob das Verständnis für poetische Texte steigt. DAS ist die relevante Metrik“.

            Also nehmen wir mal an, es sei heute wichtig, Verständnis für poetische Texte zu haben. Das kann man sicher messen. Wird es auch gemessen? Zum Beispiel 5 Jahre nach Schulabschluss?

            Ich frage mich aber darüber hinaus: Ist das eine relevante Kompetenz?

            Ich würde sagen, hier gibt es jede Menge Spielraum für meine ursprüngliche Vermutung, dass sehr große Teile der Schulinhalte folgenlos bleiben. Höchstwahrscheinlich sind die meisten Schulinhalte nur vorhanden, damit man sie abprüfen kann. Reines Prüfungswissen. Gelernt, geprüft, vergessen.

            • Thorsten Haupts 23. März 2023, 15:13

              Ah, Ihnen geht es also um einen messbaren Erfolg pro Fach, 5 Jahre später. Okay, darüber kann man reden – aber das sollte eigentlich schon durch die Prüfungen abgedeckt werden?

            • Stefan Sasse 23. März 2023, 22:43

              Ist viel zu viel der Fall, stimme ich dir völlig zu.

        • Stefan Sasse 23. März 2023, 22:42

          Weder noch. Das ist ein wahnsinnig sensibler Aushandlungsprozess mit zahlreichen Vetospieler*innen.

  • cimourdain 22. März 2023, 09:59

    Danke für deine differenzierte Darstellung der Geschichte. Denn so wie es sich mir präsentiert, ist das nachgerade ein „Musterprozess“ zur aktuellen Bücher-Debatte, aus dem ich für meinen Teil einige Schlüsse ziehe:

    1) Die ‚Wieselargumente‘, die bei bisherigen Änderungsdebatten aufgeführt wurden, ziehen nicht: „Nur ein Kinderbuch“, „Das ist sowieso nicht mehr relevant“, „Änderungen nur kosmetisch“ trifft alles nicht zu.

    2) Der Begriff ‚Rassismus‘ tötet differenzierte Diskussionen. Obwohl Rassismus eben tatsächlich tief im Alltag und Grunddenken sitzt (Brokkoli), wird er bei Diskussionen mit ‚klar und absolut böse‘ gleichgesetzt.

    3) Deshalb ist es kein Zufall, dass TiG betroffen ist und nicht die anderen, nicht weniger problembehafteten Pflichtlektüren: Darstellung von armutsbetroffenen psychisch Kranken als Sicherheitsrisiko (Woyzeck) oder Thematisierung einer „Gesundheitsdiktatur“ nach zwei Jahren Coronadebatten (Corpus delicti). Gute Literatur ist fast immer „problematisch“ und „umstritten“

    4) Der „Wille zum Betroffensein“: Dass sich Frau Blunt durch ihren afrodeutschen Hintergrund verständlicherweise betroffener fühlt als andere, ist normal. Ob ihre Reaktion „Einer der schlimmsten Tage meines Lebens“ und sich unbezahlt beurlauben lassen, allerdings in Relation steht, ist unklar, hängt aber wesentlich davon ab, ob andere, niedrigschwelligere Alternativen (z.B. Tausch der Klassen) versucht wurden.

    4a) Dass sie nach ihrem Gang in die Öffentlichkeit Opfer tatsächlichen Rassismus bösartiger Natur wurde, ist leider typisch für die Debattenkultur.

    5) Der Ruf nach staatlicher Regelung mittels Petition. Wie oben bemerkt, kann mit gutem Willen hier auch auf unterer Ebene das Problem angegangen werden.

    6) Diese Tendenz sehe ich auch bei deinen Ausführungen: Es gibt eine Präsenzfortbildung, die dem Buch einen halben Tag widmet, eine Handreichung (die 14 Jahre alt ist) und zwei private Lektürehilfen ( was sagen die eigentlich zum Thema N-Wort ?). Dennoch fühlst du dich immer noch zu wenig unterstützt und möchtest eine „Musterlösung“ zu dem Thema.

    Fazit: Leider sehe ich tatsächlich hinter derartigen Vorstößen ein Fahrenheit-451-Denken, das in diesem Zitat deutlich wird ( Feuerwehrmann Beatty zu Montag über die Ursprünge der „Feuerwehr“):
    „Now let’s take up the minorities in our civilization, shall we? Bigger the population, the more minorities. Don’t step on the toes of the dog-lovers, the cat-lovers, doctors, lawyers, merchants, chiefs, Mormons, Baptists, Unitarians, second-generation Chinese, Swedes, Italians, Germans, Texans, Brooklynites, Irishmen, people from Oregon or Mexico. The people in this book, this play, this TV serial are not meant to represent any actual painters, cartographers, mechanics anywhere. The bigger your market, Montag, the less you handle controversy, remember that! All the minor minor minorities with their navels to be kept clean. Authors, full of evil thoughts, lock up your typewriters. They did. Magazines became a nice blend of vanilla tapioca. Books, so the damned snobbish critics said, were dishwater. No wonder books stopped selling, the critics said. But the public, knowing what it wanted, spinning happily, let the comic-books survive. And the three-dimensional sex-magazines, of course. There you have it, Montag. It didn’t come from the Government down. There was no dictum, no declaration, no censorship, to start with, no! Technology, mass exploitation, and minority pressure carried the trick, thank God. Today, thanks to them, you can stay happy all the time, you are allowed to read comics, the good old confessions, or trade-journals.“

    • Stefan Sasse 22. März 2023, 18:22

      1) Klar, es gibt ja auch keine Änderungen.

      2) Er ist auch abzulehnen. Diskutieren wir neuerdings Pro und Contra Rassismus…?

      3) Soweit korrekt. Nur ist hier ja nicht das Thema strittig, sondern die Sprache.

      4) Da kenne ich die Hintergründe nicht und würde mich eines Urteils enthalten.

      5) Das geht nicht. Es ist vorgeschrieben als Abilektüre, vom Staat. Der ist der richtige Ansprechpartner. Auf niedrigerer Ebene geht da gar nichts, ich habe keinerlei Kompetenz dafür.

      6) Weil sich nichts davon mit der Frage beschäftigt, das ist doch gerade das Thema!

      Fazit: Das halte ich für komplett verdreht.

      • cimourdain 23. März 2023, 17:03

        2) „Fräulein“ ist auch ein veralteter Begriff und wegen diskriminierendem Unterton verpönt. Trotzdem ist er nicht so diskursgeladen. Und dieser Unterschied hat sehr viel mit moralischer Überladung zu tun. Das wäre in diesem Zusammenhang ein sehr wichtiges Lernziel: Die Grauzone zwischen böswillig und gedankenlos rassistischen Verhalten zu verstehen.

        5) Früher gab es (in Bayern) zu jeder Aufgabengruppe zwei Abituraufgaben, von denen die Schule eine auswählen konnte. Manche Lehrer haben regelrechte Absprachen mit den Schülern getroffen.

        6) Schulen setzen sich auch in anderen Themen bei Bedarf über die offiziellen Sprachregeln hinweg (Fundstück d) vom 23.03.2023 ). Da ist es doch wohl ein relativ leichter Punkt, ein nicht-klotziges „Ersatzwort“ für das N-Wort (ich biete in Schrift N*** und im Gespräch „Enn-beep“) zu finden.

        Fazit: Was ist dein Gegenpunkt? Ich biete: Minority pressure: Check. Mass exploitation: hier nicht, aber bei privatwirtschaftlichen, ähnlich gelagerten Fällen. Technology: All das würde ohne Twitter & Co. nicht so laufen.

        • Stefan Sasse 23. März 2023, 22:48

          2) Fräulein verwendet halt auch keiner.

          5) Macht ja auch Sinn.

          6) Nein, ist es nicht. Weil das Ding ja im Buch steht!

          • Ariane 26. März 2023, 15:49

            2) Fräulein verwendet halt auch keiner.

            *hüstel* Och doch, gelegentlich kommt es noch vor. Aber mit Bedeutungsverschiebung. Entweder gibt es Ärger: „Frollein!“ oder im Servicebereich als neutrales Ansprechen benutzen es ältere Menschen manchmal noch.
            Bastard wäre vielleicht ein besseres Beispiel, das hat heute nichts mehr mit dem Familienstand der Eltern zu tun, sondern ist nur noch ein Schimpfwort. Zeigt halt, dass Bedeutungsverschiebungen im Laufe der Zeit immer mit berücksichtigt werden müssen und „damals“ war das nicht schlimm ein bisschen unterkomplex ist.

            Zum eigentlichen Thema:
            Schwierig. Ich möchte eigentlich ein bisschen weinen über die Idee, dass kaum verständliche Texte als besonders hochwertig gelten und die Politik bzw Schulkommission die Sprachproblematik wohl gar nicht auf dem Schirm hatten.

            In einer idealen Welt fände ich eine extra Schulfassung ohne N-Wort vermutlich am besten. Es ist ja sehr sinnig, das im Unterricht zu behandeln, auch die sprachliche Problematik, nur wird das ja konterkariert, das lang und breit zu kontextualisieren und die Problematik zu behandeln, um die SchülerInnen das dann ständig lesen und zitieren zu lassen.

            • Stefan Sasse 26. März 2023, 17:58

              „Bastard“ amüsiert meine Schüler*innen jedes Mal aufs Neue.

              • cimourdain 27. März 2023, 17:13

                Das nutzt du hoffentlich aus, ist es doch ein wirklich schönes Beispiel, wie Worte ihre Bedeutung verschieben, wie gesellschaftliche Veränderungen (Abschaffung der Adelsprivilegien) ihnen ihre Begrifflichkeit nehmen und wie externe Moralvorstellungen (christliche Sexualmoral von der Überlegenheit der Ehe) eine wertende Komponente schaffen. Und alles ohne in irgendeine Moraldiskussion abzugleiten.

              • CitizenK 27. März 2023, 17:26

                Was daran finden sie „amüsant“?

                • Stefan Sasse 27. März 2023, 18:05

                  Dass das a) eine andere Bedeutung hatte und b) dass irgendwer das je schlimm fand.

  • Floyd 22. März 2023, 10:44

    Man kann heute sicher keine Texte mehr behandeln, die Wörter wie „Neger“ (oder Schlimmeres) beinhalten, ohne sie zu kontextualisieren und zu problematisieren. Wenn das im Deutschunterricht bisher nicht oder nur unzureichend geschieht (und das Zitat von Andrea Geier scheint darauf hinzudeuten), dann besteht sicherlich Handlungsbedarf und man muss sich deutlich mehr Gedanken machen und DeutschlehrerInnen stärker unterstützen, wenn „Tauben im Gras“ behandelt werden soll.

    Die Zielrichtung der Petition von Frau Blunt ist aber eine andere: Es wird eben nicht verlangt, sich rassismuskritisch mit der Sprache des Romans auseinanderzusetzen, sondern ihn aufgrund der gehäuften Verwendung des Wortes „Neger“ aus dem Pflichtlektürekanon zu entfernen. Das kann’s aber nicht sein und widerspricht der Forderung nach ernsthafter und differenzierter Auseinandersetzung mit (auch problematischer) Literatur, die ebenfalls ein Ziel des Unterrichts sein sollte.

    • Stefan Sasse 22. März 2023, 18:22

      Das würde ich mir auch wünschen.

      Ja, ich bin deswegen auch so hin und her gerissen bei dem Thema.

  • CitizenK 22. März 2023, 18:08

    Darf nicht einmal in einem Beitrag wie diesem der Begriff ohne **** zitiert (!) werden? Noch weiß jede/r, was gemeint ist, künftig dann nicht mehr.

    • Thorsten Haupts 22. März 2023, 20:50

      Der Eiertanz, der um die Vermeidung des (zu Recht verbrannten) Wortes „Neger“ gemacht wird, hat mittlerweise etwas von kultischem Ritual. Das passt, ein Teil der Antirassisten-Crowd ist eh nur noch als organisierter Götzenkult zu verstehen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • derwaechter 23. März 2023, 13:13

      Ich weiß ehrlich gesagt jetzt schon nicht mehr was mit N-Wort eigentlich gemeint ist.

      Das was im englischen mit „the N-word“ umschrieben wird ist glaube ich nicht das, was Stefan hier als „N-Wort“ bezeichnet. Aber sicher bin ich da nicht.

      • Stefan Sasse 23. März 2023, 22:44

        „Neger“ natürlich. Das ist das genau gleiche wie im Englischen.

        • derwaechter 24. März 2023, 09:30

          Im Englischen ist das N-word ziemlich eindeutig „Nigger“. Schon sehr lange ein schlimmes Schimpfwort (racial slur). Oder mit dem Zitat, dass die Nichtnennung damals in Gang gesetzt hat: „It’s the filthiest, dirtiest, nastiest word in the English language.“

          Das entspricht dem deutschen Neger aber eher nicht.

          Die Übersetzung ist eher Neger = Negro und Nigger = Nigger.

          (Siehe z.B. bei dict.leo.org)

          Negro jedoch ist zwar auch weitestgehend verschwunden und Tabu, war und ist aber nicht annähernd so problematisch. Lies zum Beispiel Martin Luther King.

          Wikipedia hat zwei komplett eigene Einträgen und den Hinweis: „Not to be confused with Negro“ und umgekehrt.

          Da ich das Buch überhaupt nicht kenne, war mir wirklich nicht ganz klar, um welches Wort es geht.

          Nur damit keine Unklarheiten aufkommen. Ich verwende keines der Wörter und bin auch strikt dagegen, dass sie weiter verwendet werden. Zitieren bzw. in veralteten Texten (nicht Kinderbücher für Kinder 🙂 ), sollte allerdings schon gehen.
          Ob das unbedingt in der Oberstufe und in dem Ausmaß sein muss, ist jedoch eine andere Frage.

  • Thorsten Haupts 23. März 2023, 14:11

    Na, nicht so schwierig. Das angelsächsische und das deutsche N-Wort sind deckungsgleich: „Negro“ bzw. „Neger“. „Nigger“ war schon Jahrzehnte vorher eine geächtete Beleidigung und Herabwürdigung und ist in der besseren englischsprachigen Literatur meines Wissens nach ungebräuchlich.

    • derwaechter 23. März 2023, 18:32

      Nein. Einfach mal Wikipedia, Google oder ein Wörterbuch der Wahl finden.

      • Thorsten Haupts 23. März 2023, 23:13

        Verstehe die Antwort nicht. https://dictionary.cambridge.org/de/worterbuch/englisch-deutsch/negro sagt „Negro“ = „Neger“. Zu der Frage, ob das „N-Wort“ im Englischen „Negro“ oder „Nigger“ bannt (bin Ihrem Rat gefolgt), haben Sie vermutlich Recht, die grosse Mehrheit der gefundenen Beiträge auf googles ersten drei Suchergebnisseiten für „N-Word“ referenziert auf das eineindeutig rassistische „Nigger“. My bad.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

        • derwaechter 24. März 2023, 09:34

          Eben. Und das ist ein Unterschied

          • derwaechter 25. März 2023, 17:05

            Ein seht grosser. Habe ich weiter oben ausführlicher zu erklären versucht.
            Solche Diskurse aus den USA sind nicht immer so einfach zu übertragen. D

            • Thorsten Haupts 26. März 2023, 21:45

              Okay. Kleine Anmerkung zu „Solche Diskurse aus den USA sind nicht immer so einfach zu übertragen.“ Doch, leider. Wie man an der entsprechenden deutschen Diskussion sieht. Dass sich dabei kein Schwein um Konsistenz schert, geschenkt, das entsprechende Publikum nimmt es trotzdem dankbar.

              Gruss,
              Thorsten Haupts

  • cimourdain 25. März 2023, 10:18

    Noch ein kleines „Nachtreten“ zu dem Thema: Es sind Fachlehrer der höchsten Schulform für souveränen und kompetenten Umgang mit Sprache und Texten. Wenn diese auf das Problem der Häufung von (nach heutigen Maßstäben) anstößigen Ausdrücken in einem Text als einzige Antworten Vermeidung und Ruf nach der Staatsbürokatie einfällt, dann frage ich mich schon.

    • Stefan Sasse 26. März 2023, 14:09

      Ich hatte in meinem Beitrag auch keine Unterstützung für diese Forderung ausgedrückt. Aber: die Fachkräfte können da nichts machen. Das Ding ist ja vorgeschrieben.

      • cimourdain 27. März 2023, 09:56

        Das meine ich: Sie müssen etwas mit dem Text machen (weil er vorgeschrieben ist). Sie haben die Werkzeuge, Techniken und Kompetenz um mit Texten und Sprache umzugehen. Und dass sie dann trotz dieser Möglichkeiten vor einem unangenehmen sprachlichen(!) Aspekt dieses Textes(!) hilflos stehen und dann doch lieber ausweichen wollen, das kann ich nicht verstehen.

  • CitizenK 26. März 2023, 16:51

    Ich verstehe die Verrenkungen einfach nicht. Das Buch ist aus meiner Sicht wie eine historische Quelle zu behandeln. Im Geschichtsunterricht werden wir bei der Behandlung der Nazizeit auch nicht mit einem „J-Wort“ oder „U-Wort“ hantieren. Oder bald doch?
    Auf „negro“ bei M. L. King wurde schon hingewiesen. Auf den diskriminierenden Schildern stand nicht „Negroes“, sondern „Colored“ – das Wort wiederum wird nicht als anstößig empfunden (PoC).
    Würde das Buch aus dem Kanon genommen, würde den Schülern auch dies vorenthalten: Schwarze US-Soldaten (v. a. Jazz-Musiker) fühlten sich (im damals gewiss nicht liberalen) Nachkriegs-Deutschland viel eher als Menschen behandelt als „at home“ – mit ein Anstoß für die Bürgerrechtsbewegung.

  • derwaechter 26. März 2023, 23:17

    Ich lass das noch mal hier. Passt besser zur Diskussion um Dahl. Aber da sieht es ja keiner mehr.

    https://www.theguardian.com/books/2023/mar/26/agatha-christie-novels-reworked-to-remove-potentially-offensive-language

    • Stefan Sasse 27. März 2023, 09:56

      Albern bei Dahl, albern bei Christie. „To keep relevance for new readers“, my ass.

      • derwaechter 27. März 2023, 11:14

        Ich bin v.a. immer wieder überrascht, was da konkret als problematisch identifiziert und geändert wird.

        • Stefan Sasse 27. März 2023, 13:33

          Ja, ich auch. Weiße Zähne…?

          • derwaechter 27. März 2023, 14:11

            Ja, andere Dinge kann ich mir zumindest einigermaßen erklären. Aber an dem Beispiel beiße ich mir die Zähne aus 🙂

          • cimourdain 27. März 2023, 14:35

            womöglich ist das schon eine „KI-Leistung“. Ich kann mir vorstellen, dass als Vorauswahl ein simples Textprogramm nach „problematischen“ Worten sucht wie zum Beispiel „white“, dann eine KI erkennt, ob dieser im Zusammenhang mit Menschen vorkommt – was bei „white teeth“ der Fall ist. Zuletzt schreibt ein (womöglich nach ‚korrigierten‘ Stellen bezahlter) menschlicher „sensitivity reader“ diese Stellen relativ gedankenlos um.

            • Stefan Sasse 27. März 2023, 18:04

              Glaub ich nicht.

            • derwaechter 27. März 2023, 21:25

              Das weiss ich nicht.

              Es muss nicht mal mit Bezug Menschen sein. Schwarz und weiss an sich wurden auch entfernt. Bei Dahl meine ich waren es schwarze Traktoren. Und Begriffe wir whitelist sind auch unter Beschuss.

              Die Daily Mail (keine tolle Quelle) listet noch ein paar wirklich alberne Änderungen bei Dahl auf (z.B.: 2001 – They were like a couple of hunters who had just shot an elephant

              2022 – They were like a couple of hunters who had just shot their prey“) auf und schreibt über die Leiter*in der Sensitivity Reader bei Dahl („non-binary, asexual, polyamorous relationship anarchist who is on the autism spectrum“)

              Ein Artikel direkt aus den Schützengraben der culture wars.
              https://www.dailymail.co.uk/news/article-11809713/Roald-Dahl-books-editors-led-non-binary-asexual-autist.html

              • cimourdain 28. März 2023, 09:42

                Wozu Satire, wenn es die Realität gibt. Das ist tatsächlich eine Formulierung, die der Feder von Dahl entsprungen sein könnte – wenn auch nicht freundlich gemeint: „She defined herself as non-binary, asexual, polyamorous relationship anarchist who is on the autism spectrum. Oh, and she hated books. Especially the latter qualification made her the obvious choice as a sensitivity reader.“

                • Thorsten Haupts 28. März 2023, 12:00

                  Es ist schon seit mindestens 5 Jahren völlig unmöglich, bösartige Satire und Ernstgemeintes von den radikaleren angelsächsischen Progressiven zu unterscheiden. Wer sich amüsieren will:

                  https://twitter.com/TitaniaMcGrath

                  Teaser: https://twitter.com/TitaniaMcGrath/status/1609675646707372037?cxt=HHwWisC42Zze29YsAAAA

                  Gruss,
                  Thorsten Haupts

                  • Stefan Sasse 28. März 2023, 13:15

                    Gilt das bei Radikalen aller Couleur nicht immer?

                    • Thorsten Haupts 28. März 2023, 15:58

                      Ich nehme teil an/beobachte Politik jetzt seit mehr als 40 Jahren. In dem Ausmass habe ich es niemals erlebt – wirklich nicht – und zudem habe ich nie erlebt, dass ein erheblicher Teil des Mainstreams (linke Mitte) diese Radikalen unterstützt und stärkt.

                      Gruss,
                      Thorsten Haupts

                    • Stefan Sasse 29. März 2023, 10:59

                      Bei Linken kenn ich’s auch nicht, aber Pegida war dasselbe in Rechts.

                    • derwaechter 28. März 2023, 17:13

                      Also für die radikale Rechte gilt das definitiv. Vieles bei Fox, oder den noch rechteren Sendern oder so ziemlich alles bei Trump und andere MAGA Veranstaltungen ist wie Satire.

                      Oder man denke nur an Witzfiguren wie Giuliani oder Powell. Die legendäre Four Seasons Total Landscaping press conference…

                      Vom Mainstream werden die natürlich völlig zu Recht nicht gestützt.

                      Das gilt in den sensitivity reader Sachen allerdings auch in grossen Teilen. Das Medienecho z.B. ist doch weitestgehend negativ bis entgeistert.

                    • Stefan Sasse 29. März 2023, 11:00

                      Ich denke auch, man muss da unterscheiden, was eigentlich unterstützt wird @ThorstenHaupts. Denn der Unfug hat definitiv keine Sympathien. Genderstern – sicher. Aber das?

                    • Thorsten Haupts 29. März 2023, 19:17

                      Wenn ich zu den Radikalen permanent schweige und einige ihrer Ideen selektiv unterstütze, wird das bei Rechten automatisch als Allianz gewertet. Gelten für Linke andere Regeln?

                      Gruss,
                      Thorsten Haupts

                • derwaechter 28. März 2023, 17:04

                  Oh, and she hated books. Especially the latter qualification made her the obvious choice as a sensitivity reader.“

                  🙂 fantastisch

  • cimourdain 29. März 2023, 10:34

    Die Diskussion können wir als beendet erachten. Die zweite konservative Partei Baden-Württembergs hat einen alten weißen Mann vorgeschickt, um das Thema endgültig zu (er)klären:
    https://www.spiegel.de/panorama/bildung/baden-wuerttemberg-winfried-kretschmann-verteidigt-umstrittene-abitur-lektuere-a-b99f3c07-cbba-4714-8c2c-726cad58ca06

    • Stefan Sasse 29. März 2023, 11:01

      Wie ich bereits von Anfang an geschrieben habe, da wird sich nichts ändern – das KuMi hat ja von Anfang an seine Position klargemacht. Ich gehe nur davon aus, dass es insgesamt Änderungen am Abi geben wird – und die erledigen das Koeppenthema dann gleich mit.

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