Rezension: Bob Blume – Deutschunterricht digital

Bob Blume – Deutschunterricht digital

Disclaimer: Der Autor ist mir persönlich bekannt und hat mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wenn irgendetwas dran ist, dass Niccolo Machiavelli jemals dazu geraten hat, Grausamkeiten am Anfang zu begehen (zumindest behauptete das Oskar Lafontaine, und wer bin ich, am Wort eines so integren Ehrenmannes zu zweifeln?), dann ist Bob Blume ein gelehriger Schüler des Ahnherren der Politkberatung. Bevor er zu den Schmankerln kommt, müssen sich geneigte Lesende durch anspruchsvolle Theorie beißen – eine Effekt, den der Autor so beabsichtigt hat, wie er mir gegenüber freimütig bekannte. Per aspera ad astra! Das mag sich wie Kritik anhören, aber es ist nicht so gemeint. Blume hat durchaus Recht: manchmal ist es einfach notwendig, sich auch mit komplexeren Sachverhalten zu beschäftigen. Und es ist auch nicht seine Schuld, dass ich mich mit Fachdidaktik seit dem Referendariat kaum mehr beschäftigt habe, ein peinliches Versäumnis, das aufzuholen ich hiermit feierlich gelobe. Möge mit diesem Buch der Anfang gemacht sein. Was aber verbirgt sich zwischen den Pappdeckeln? Jedenfalls keine Explosion quadratischen Konfettis, auch wenn der Einschlag dies suggeriert. Es wäre allerdings ein Knalleffekt gewesen; vielleicht ein bedenkenswertes Feedback für die zweite Auflage.

Bob Blume hat mit dem ABC für wissenshungrige Mediennutzer (hier besprochen) und den 33 Ideen für digitalen Deutschunterricht bereits zwei eher praxisorientierte Heftchen vorgelegt, aus denen Bausteine für die eigene Unterrichtsgestaltung gewonnen werden können. Dieser Band hier will dezidiert keine weitere „Nike-Didaktik“ sein, sondern, in Bobs Worten, „ein Produkt, an das man andocken kann“. Dieses Buch ist quasi für Fortgeschrittene, also diejenigen, die sich tatsächlich auch mit der Theorie beschäftigen und sich ein solides Fundament für die eigene Unterrichtskonzeption geben wollen – und das sollten wir alle sein, auch wenn ich Asche auf mein Haupt streuend zugeben muss, diesbezüglich in die Kategorie jener Lehrkräfte zu fallen, die er nicht zu Unrecht in „10 Dinge die ich an der Schule hasse“ (hier rezensiert) kritisiert hat.

Nun aber genug der Selbstkasteiung, in medias res. Wie auch im „10 Dinge“-Buch stellt Blume gleich zu Beginn dar, dass er nicht vorhat, die klassischen Fächerstrukturen aufzulösen. Auf Grundlage dieser Prämisse teilt der die Digitalisierung des Unterrichts in drei grundlegende Strukturen ein (die nicht unumstritten sind): Additive, integrative und disruptive Settings.

Additive Settings nutzen digitale Medien ergänzend oder als Ersatz für bisher analoge Medien. Primitiv gesprochen könnte das ein PDF des Schulbuchs sein, ein Stundeneinstieg über Kahoot oder das Mitschreiben auf dem Tablet statt im Heft. Obwohl hier die Unterrichtsstruktur selbst (die Blume ja auch kritisiert, siehe erneut „10 Dinge“) nicht verändert wird, beeinflusst das Digitale den Unterricht bereits auf dieser Ebene, allerdings nicht entscheidend. Deswegen erklärt Blume auch den Begriff der Digitalisierung für den Deutschunterricht für weitgehend bedeutungslos, weil sie nur auf die Form eingeht.

In diesen Kontext gehört auch der Begriff der „zeitgemäßen Bildung“. Hier geht es bereits um wesentlich mehr als ein YouTube-Video im Unterricht zu schauen oder ein Kahoot zu spielen. Stattdessen werden Unterrichtsschemata aufgebrochen und etwa durch wesentlich mehr projektbasiertes und freies Lernen ersetzt. Bereits additive Settings können aber zu einer neuen „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) beitragen, indem sie auf „Möglichkeiten in einer sich verändernden Praxis [verweisen]“ – vom kollaborativen Arbeiten an einem Dokument bis hin zur Second-Screen-Analyse.

Integrative Settings hingegen bauen Medien nicht nur als funktionale Bestandteile in den Unterricht ein, sondern reflektieren diese gleichzeitig und schaffen dadurch eine Wechselbeziehung. So kann etwa das Führen eines Blogs begleitend zu einer Unterrichtseinheit als integratives Setting verstanden werden. Häufig werden hierbei mehrere Medien benutzt, die zusammen einen Medienverbund ergeben, ein Phänomen, das Blume unter „Medienkonvergenz“ fasst.

Konsequent weitergedacht führt dies in seiner finalen Anwendung zu „Symmedialität“, in der „das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist“. Medien werden nun nicht nur als Elemente des Unterrichts betrachtet und entsprechend in die Planung einbezogen; ihr Wechselspiel stellt dagegen das Fundament der Planung selbst dar. In einem symmedialen Setting wirken Medien folglich disruptiv und lösen bestehende Grenzen des analogen Fachunterrichts auf.

Diese Abschnitte sind sehr theoretisch und voller Fachbegriffe, und sie sind es hauptsächlich, die die eingangs ironisierte Grausamkeit am Anfang darstellen. Vielleicht ist es auch nur meine eigene Nicht-Vertrautheit mit der Theorie; ich bin seit Studium und Referendariat als gebranntes Kind weitgehend von solchen definitorischen Fragen weggeblieben. Mir fehlt daher wohl auch die Routine, solche Abhandlungen schnell durchdringen zu können. Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass diese Abschnitte für mich sofort erleuchtend oder gar vergnüglich zu lesen waren.

Glücklicherweise werden diese Probleme im weiteren Verlauf kleiner, und im Rückspiegel betrachtet (wenn erst einmal die Praxisbeispiele kommen) werden die Konzepte dann auch verständlicher. Ein zweiter Lektüredurchgang aber war durchaus nützlich.

Konkretisiert werden die Ideen durch einige (allerdings auch theoretische) Modelle, die die Implementierung im Unterricht thematisieren. So stellt Blume das SAMR-Modell vor, das über vier idealisierte Stufen abläuft. Auf der niedrigsten findet sich die Ersetzung (ich lese „Faust“ statt als Reclamheft auf dem Kindle), gefolgt von der der Erweiterung (ich benutze im digitalen Buch die Suchfunktion zur Analyse und schaue, wie oft Faust „Gretchen“ sagt). Beide Schritte ändern den Unterricht nicht fundamental, bleiben also additiv. Einen Schritt zu integrativen Settings geht die dritte Stufe, die Änderung, bei der etwa kollaboratives Schreiben in einem gemeinsamen Dokument ansteht. Der letzte und höchste Schritt ist die Neubelegung, bei der Dinge möglich werden, die vorher undenkbar waren (etwa die Erstellung verschiedener eigener Medien).

Dieses Modell ist nicht ohne Probleme, wie Blume ausführt, Probleme, die als symptomatisch für die Digitalisierung des Unterrichts gelten können. Einerseits ist die elende Frage nach dem „Mehrwert“ von Medien eingebaut. Diese Frage suggeriert, dass Medien immer mehr bieten müssen als die vorhandenen Strukturen, um eine Daseinsberechtigung zu haben; dadurch werden sie aber in ihrer Bedeutung verkannt – sie erweitern immer die Perspektive der Lernenden. Unter Mediendidaktiker*innen ist der Mehrwertsbegriff deswegen verhasst. Andererseits haben solche Modelle den Nachteil, dass sie leicht als rigider Stufenplan oder Zielfeststellung verstanden werden können, die dann die Kreativität der Lehrkräfte unnötig einengt oder dafür sorgt, dass auf der additiven Stufe stehengeblieben wird.

Ein Modell, das für Blume zentral ist und dessen Wichtigkeit er auch in seinen Blogbeiträgen immer wieder betont (siehe auch hier) ist das der 4K: Kreativität, Kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation. Keines dieser 4K erfordert notwendigerweise die Einbindung von Medien im Unterricht, aber sie sind für modernen Unterricht praktisch unerlässlich. Fehlen sie in irgendeinem medialen Setting, wird gewissermaßen etwas falsch gemacht.

In einem weiteren Schritt hin zur unterrichtlichen Praxis nähert sich Blume nun dem Kompetenzbegriff und den Bildungsstandards. Der Kompetenzbegriff ist in Baden-Württemberg seit 2004 die Leitlinie der Bildungspläne. Demzufolge steht nicht das Erlernen eines spezifischen Stoffes – also irgendwelcher fachlichen Inhalte, wie Jahreszahlen in Geschichte – im Vordergrund, sondern der Erwerb von Kompetenzen – wie etwa die Analyse einer Quelle im selben Geschichtsunterricht. Für Blume besteht keinerlei Zweifel, dass die Kompetenzen durch die Digitalisierung nicht nur deutlich besser erreicht werden können, sondern dass sie diese Digitalisierung geradezu bedingen. Die Bildungspläne fordern aus seiner Sicht also eher die Rechtfertigung, Medien nicht einzusetzen, als sie einzusetzen.

Er begründet dies am praktischen Aufbau des Deutschunterrichts, der so genannten „Phasierung“ (Unterricht besteht aus verschiedenen Phasen mit unterschiedlichen Zielen, siehe hier), die durch die Einführung von Medien beeinflusst und geändert wird. So erlauben etwa Tools wie Mentimeter wesentlich differenzierte und effektivere Einstiege; Sicherungsphasen werden durch kollaborative Dokumente schneller und nützlicher; Erarbeitungsphasen können die 4K wesentlich besser abbilden, und so weiter.

Den Abschluss des theoretischen Teils bilden Blumes „10 Thesen zum digitalen Deutschunterricht“, in denen er pointiert zusammenfasst, welche Änderungen sich für die Planungsüberlegungen ergeben und welche Möglichkeiten der digitalisierte Unterricht bietet.

In den folgenden Praxisbeispielen skizziert Blume je ein Unterrichtsbeispiel für ein additives, integratives und disruptives Setting. Die Funktion dieser Praxisbeispiele ist weniger, direkt nutzbares Material an die Hand zu geben (dafür ist es viel zu skizzenhaft), sondern die vorherige Theorie begreiflich zu machen. Viele seiner vorher entworfenen Konzepte wurden mir hier wesentlich klarer; es stellte sich geradezu ein Belohnungsgefühl ein, die vorherige Theorie durchgepaukt zu haben und nun in Anwendung zu sehen.

Diese Unterrichtsskizzen werden von einer erschöpfenden Vorstellung diverser „Impulse für den Deutschunterricht“ gefolgt, in denen Blume Tools und Plattformen vorstellt, deren Anwendbarkeit für bestimmte Klassenstufen umreißt und Ideen für ihre Einbindung in den Unterricht gibt. solche Aufstellungen sind immer willkommen, und man ertappt sich beim Lesen immer dabei, wie bei einer Checkliste abzustreichen, welche davon man bereits kennt und/oder einsetzt.

Noch nützlicher fand ich die folgende Aufstellung von Methoden, die im Unterricht direkt anwendbar sind. Hier verbindet Blume einige altbekannte Dinge – etwa Lückentexte – mit den Möglichkeiten der Digitalisierung. Gerade der Grammatik- und Rechtschreibunterricht, ein Hassobjekt von sowohl Lernenden wie auch Lehrenden, bekommt hier einige hilfreiche neue Ansätze.

Es ist denke ich offenkundig geworden, dass dieses Buch für Deutschlehrkräfte relevant ist (ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand außerhalb des Bildungsbereichs viel damit anfangen kann). Es unterfüttert einerseits die Planungsstrukturen mit nützlicher Theorie, gibt aber andererseits auch wertvolle Praxishinweise. Ich kann nicht verhehlen (und habe mir auch keine Mühe gegegen, das zu tun), dass ich mir gelegentlich einen leichteren Zugang und leichtere Formulierungen gewünscht hätte. Aber die Mühe hat sich zweifellos gelohnt, und ich kann allen Kolleg*innen nur empfehlen, sie sich auch zu machen.

{ 4 comments… add one }
  • cimourdain 12. Mai 2022, 14:12

    nicht, dass ich mir deswegen mehr Kompetenz z.T. Grausamkeit als ein ex-Finanzminister anmaße, aber meine Kenntnisse erinnern sich an dieses Macchiavelli-Zitat: „Alle Gewalttaten müssen auf einmal begangen werden, da sie dann weniger empfunden und eher vergessen werden; Wohltaten aber dürfen nur nach und nach erwiesen werden, damit sie desto besser gewürdigt werden.“ Das hat Lafontaine (oder die Stille-Post-Kette mit Sasse) schon sehr verkürzt.

    • Stefan Sasse 12. Mai 2022, 18:35

      Glaube nie Zitaten, die du im Internet gelesen hast.
      – Abraham Lincoln

      • Tim 12. Mai 2022, 22:34

        „Ich habe in meinem Leben so viel gesagt und geschrieben, dass man mir jedes Zitat unterschieben kann“ (Wolfgang Amadeus von Goethe)

        • cimourdain 13. Mai 2022, 09:26

          „Wenn du mit Zitaten nicht zurecht kommst, mach doch ein Spiel daraus“ – Das Känguru

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