Wie funktioniert eigentlich modernern Unterricht? Ein Fallbeispiel

Man merkt der Debatte um Bildungspolitik häufig an, dass viele ihrer Teilnehmer nur wenig von dem Gegenstand verstehen, über den sie diskutieren. Spötter könnten nun anmerken, dass dies doch wohl auf jede Debatte zutreffe, doch leidet die Bildungspolitik unter einem ganz spezifischen Problem: jeder hält sich für einen ausgewiesenen Experten, nur weil man schon einmal eine Schule besucht hat. Das allerdings hat sie mit der Fußball-Bundesliga gemeinsam. Um das Bild etwas aufzuhellen und hoffentlich mit einigen Vorurteilen aufzuräumen, möchte ich hier exemplarisch darstellen, wie der moderne Unterricht nach den Bildungsplänen eigentlich aussieht. Von dem, den die geneigten Leser selbst erlebt haben, dürfte er nämlich bereits einigermaßen weit entfernt sein.

Die Bildungspläne lösten in Baden-Württemberg 2004 die Lehrpläne ab. Basierten die Lehrpläne noch auf der Idee, dass eine bestimme Menge Stoff vermittelt (gelehrt) werden müsse, so gehen die Bildungspläne anders vor: ihnen geht es vor allem um den Erwerb von Kompetenzen. An Stoff definieren sie ein Grundgerüst, quasi den kleinsten gemeinsamen Nenner. Das sind die zentralen Fakten, das „Allgemeinwissen“. In der Praxis sieht das dann so aus (Beispiel Geschichtsunterricht Oberstufe):

2. DEUTSCHLAND IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN DEMOKRATIE UND DIKTATUR
Die Schülerinnen und Schüler können

– die Kräfte und Gegenkräfte im Ringen um Verfassungsstaat, demokratische Partizipation und nationale Einigung untersuchen und an ausgewählten Beispielen zentrale Elemente der politischen Systeme zwischen 1848 und 1933 herausarbeiten;
– Zielsetzungen und Scheitern der Revolution von 1848/49 erörtern und deren Folgen und Auswirkungen beurteilen;
– die Bedingungen der Reichsgründung sowie deren Folgen für Politik und Gesellschaft im Kaiserreich erläutern und erörtern;
– innen- und außenpolitische Belastungsfaktoren der Weimarer Republik erläutern sowie daraus die Bedingungen für Machtübertragung und „Gleichschaltung“ ableiten;
– Ideologie und Kennzeichen der totalitären NS-Herrschaft erläutern und den Völkermord an Juden, Sinti und Roma sowie die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs als Folge dieses ideologischen und machtpolitischen Systems erkennen;
– den Begriff Faschismus diskutieren und das NS-System mit anderen faschistischen Staaten in Europa vergleichen;
– Ausmaß und Formen von Akzeptanz und Widerstand in der Bevölkerung erörtern und beurteilen;
– die nationalsozialistische Vergangenheit beurteilen und ein Bewusstsein für die historische Verantwortung entwickeln, die sich aus der NS-Vergangenheit ergibt.
Daten und Begriffe
1848 Märzrevolution; Nationalversammlung in der Paulskirche; 1871 Gründung des Kaiserreichs; 1919 Weimarer Verfassung; ab 1930 Präsidialkabinette; 30.1.1933 Machtübertragung; 23.3.1933 Ermächtigungsgesetz; 9.11.1938 Novemberpogrom; 1.9.1939 Angriff auf Polen; 1942 Wannseekonferenz; Liberale; Demokraten; Konstitutionelle Monarchie; Obrigkeitsstaat; Weltwirtschaftskrise; Antisemitismus; Rassenlehre; „Gleichschaltung“; Konzentrationslager; Holocaust

Stoff für ca. ein dreiviertel Jahr Geschichtsunterricht. Man beachte hier die so genannten „Operatoren“ („erörtern“, „beurteilen“, etc.): hierbei handelt es sich um die Kompetenzen. Es geht eben nicht nur darum, den Stoff zu kennen (reine Stoffkenntnis ist für die unter „Daten und Begriffe“ genannten Fakten vorgeschrieben), sondern die so gewonnenen Erkenntnisse auch anzuwenden. Es ist effektiv das, was man im Studium macht – nur wird es inzwischen bereits in der Schule eintrainiert. Die Bildung ist kein Wert an sich, sondern wird weiter benutzt. Jahreszahlen werden erlernt, sowie sie als Rahmen unverzichtbar sind. Alles weitere ist optional. Der hier aufgeführte Stoff mag manchen stutzig machen. Die Weimarer Republik auf ihr Scheitern und die Verfassung sowien die Präsidialkabinette reduzieren? Wie kann das angehen?

Die Antwort ist simpel: gar nicht. Die Bildungspläne sind, wie bereits gesagt, der Minimalkonsens. Sie umfassen etwa zwei Drittel der Zeit eines Schuljahres. Der Rest wird von den Schulen beziehungsweise den Fachlehrern individuell gefüllt. Da diese ausgebildete Historiker sind, wird von ihnen auch verlangt, die Entscheidung darüber eigenverantwortlich auf wissenschaftlicher Grundlage treffen zu können. Es ist immer eine Entscheidung, was man nicht macht – denn die Zeit reicht schlicht nicht für alles. Hier setzen Lehrer individuelle Schwerpunkte.

In unserem Fallbeispiel soll es um eine Unterrichtsstunde zur Hyperinflation 1923 gehen. Diese kommt im Bildungsplan nicht explizit vor, ist jedoch nach meinem Dafürhalten nicht nur für das Verständnis der Weimarer Republik (Stichwort „innenpolitische Belastungsfaktoren“) absolut notwendig. Darüber hinaus gehört sie zu den am häufigsten und schwerwiegendsten falsch verstandenen Ereignissen der jüngeren deutschen Geschichte, die im tagesaktuellen politischen Diskurs ständig bemüht wird. Die drei anderen großen Krisen des Jahres 1923 – Hitlerputsch, Rheinlandseparatismus und Ruhrkampf – werden nur soweit erforderlich kurz angesprochen, jedoch nicht tiefgehend erarbeitet. Erneut: diese Entscheidung obliegt mir. Ich könnte genausogut die Hyperinflation nur am Rande behandeln (oder gar nicht) und stattdessen eine detaillierte Rekonstruktion des Hitler-Putsches mit den Schülern vornehmen.

Die nun anstehende Entscheidung ist die der so genannten Stundenziele. Schüler merken sich niemals alles; ich muss also eine klare Priorität haben, ein Ziel, auf das die Stunde herauslaufen soll. Diesen Kerninhalt sollen die Schüler grundsätzlich auch nach der Schule noch kennen; den Rest können sie nötigenfalls vergessen (und werden es auch, das menschliche Hirn arbeitet so). Meine Entscheidung ist, dass die Ursachen der Hyperinflation besonders wichtig sind. Es muss klar werden, dass nicht jede Inflation dasselbe ist. Im Fall Weimars bedeutet das eine politisch gewollte Spirale galoppierender Inflation mit dem bewussten Ziel einer Beinahe-Ruinierung der deutschen Wirtschaft, um außenpolitische Vorteile bei den Reparationsverhandlungen zu gewinnen, den Ruhrkampf bezahlen zu können und die Kriegsschulen loszuwerden.

Um die Schüler zu motivieren, soll der Unterricht in den Bildungsplänen nach Möglichkeit unter einer so genannten „Problematisierung“ stehen. Das bedeutet, dass die Schüler ein Problem herausfinden und dieses dann lösen. Die didaktische Theorie geht davon aus, dass dies die Schüler stärker motiviert als das gängige Vorgeben durch den Lehrer; sie werden quasi als Forscher aktiv. Meine Fragestellung, die den „Roten Faden“ der Stunde bietet, lautet: „Die Hyperinflation 1923 – ein Produkt des Krieges?“ Die Lösung dieser Fragestellung erfordert ein genaues Verständnis der Ursachen. Es liegt in der Natur der Gesellschaftswissenschaften, dass die Antworten auf diese Fragen häufig ambivalent ausfallen und einen Bewertungsakt durch den Schüler erfordern. Es gibt also in diesem Sinne keine „richtige“ Lösung. Die Schüler können zu einem Ja, einem Nein oder einem Teils-Teils kommen und das Stundenziel trotzdem erreichen. Entscheidend ist, dass sie diese Entscheidung begründen können. Das ist der Kerngedanke der Kompetenz: die Fakten nicht auf dem Präsentierteller zu bekommen, sondern Zusammenhänge zu erarbeiten und in einen Zusammenhang zu stellen.

Jede Stunde beginnt dabei mit dem so genannten „Einstieg“. Er hat die Funktion, die Schüler zu motivieren und in vielen Fällen die Fragestellung der Stunde zu erarbeiten. Idealerweise nimmt er Bezug auf die Lebenswelt der Schüler; das ist aber nicht immer möglich (wie in diesem Fall), besonders, wenn es sich um abstrakte Themen handelt. Gerade ethisch oder tagespolitisch relevante Themen bieten sich hier deutlich mehr an (Menschenwürde anhand Dschungelcamp, beispielsweise, oder Medienmechanismen anhand des Wulff-Rücktritts). Im konkreten Fall dieser Stunde präsentierte ich eine reichlich nüchterne Statistik über den Geldwert von 1914 bis 1923 mit der Frage, was auffällt. Zu erkennen sind dabei zwei Dinge: eine bereits 1914-1918 einsetzende massive Inflation, die Vermögen um rund 50% entwertet hat, ein Fortschreiten zu einem Wertverlust von rund 98% bis 1922 und dann die eigentliche Hyperinflation 1923. Zu diesem Zeitpunkt sollten sich die Schüler fragen, was hier los ist (und tun dies auch).

Da nicht erwartet werden kann, dass die ökonomischen Hintergründe jedem Schüler geläufig sind, folgt nun eine kurze Erläuterung durch den Lehrer (der so genannte „Lehrervortrag“, gerne „Frontalunterricht“ genannt), in dem Inflation als Phänomen erklärt wird, so dass alle auf dem gleichen Stand sind und die erforderlichen Kenntnisse besitzen. Erneut werden Fakten nicht zum Selbstzweck erläutert, sondern um sie konkret anzuwenden.

Daraufhin folgt das Herzstück der Stunde: die so genannte „Erarbeitungsphase“. In dieser Phase arbeiten die Schüler selbstständig mit vorgegebenem Arbeitsmaterial. Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine Mischung aus Quellenauszügen und Sekundärliteratur. Die Klasse wird dazu in zwei Gruppen geteilt: jeweils ein Sitznachbar erhält Texte und Quellen zur Inflation von 1914-1922, der andere Nachbar solche zur Hyperinflation 1923. Der Hintergedanke ist der, dass beide Phänomene jeweils unterschiedliche Ursachen haben (einmal die Substituierung fehlender Finanzmittel zur Kriegsfinanzierung mit der Notenpresse und das andere Mal die Finanzierung des Ruhrkampfs, ebenfalls mit der Notenpresse) und daher unabhängig betrachtet werden können. Nachdem die Aufgaben bearbeitet wurden, erklären sich die Schüler die Ergebnisse gegenseitig und übertragen sie in ein vorgefertigtes Arbeitsblatt. Dadurch trainieren sie gleich mehrere Kompetenzen: sie lernen vernünftig erklären und angemessen formulieren (sie müssen den Aufschrieb ja später noch verstehen, wenn die Klausur geschrieben wird). Gleichzeitig zwingt die Verantwortung für den Nachbarn (der ja richtige Ergebnisse braucht) zum sorgfältigen Arbeiten, anstatt sich auf den Erklärbär am Pult zu verlassen.

Nachdem die Geschehnisse so verstanden wurden, braucht es die Bewertung: war die Hyperinflation nun ein Produkt des Krieges oder hatte sie andere Ursachen? Es ist zu erwarten, dass die Schüler zu einem Sowohl-als-auch tendieren: die Kriegsfinanzierung bereitete den Boden, aber erst die politisch forcierte Finanzierung des Ruhrkampfs führte zu der absurden Hyperinflation, die noch heute das Gedächtnis der Deutschen bestimmt. Diese Ergebnisse werden im so genannten „Lehrer-Schüler-Gespräch“ gesammelt und geklärt – das klassisch Strecken, aufgerufen werden, gegebenenfalls korrigieren.

Damit ist die Stunde kurz vor ihrem Abschluss. Was jetzt noch fehlt ist die typische Frage vieler Menschen, wenn sie mit Geschichte konfrontiert sind: „Wozu müssen wir das denn eigentlich wissen?“ Das bedeutet: es braucht einen Bezug zur eigenen Lebenswirklichkeit. Diese Schlussphase einer jeden Stunde nennt sich der „Transfer“. Im vorliegenden Fall wurde dieser mit einer BILD-Schlagzeile anlässlich der Erhöhung der Inflationserwartung der EZB von 2% auf 2,1% („Inflationsalarm: Regierung weicht Euro auf!“). Die Schüler erkennen dabei schnell, dass es sich um einen vergleichsweise geringen Anstieg handelt. Die heftige Reaktion mit der Befürchtung auf eine schnell weiter steigende Inflation („slippery slope“) können sie nun aus den gewonnen Erkenntnissen der Stunde erklären. Sie verstehen damit auch etwas besser, wie historische Ereignisse durch die Generationen tradiert werde und noch heute unser Leben bestimmen. Sie können damit ihren eigenen Ort in der Gegenwart in einem historischen Kontext sehen – das genuine Ziel des Geschichtsunterrichts.

Damit ist die Stunde abgeschlossen. Ich habe sie tatsächlich so gehalten; es war meine Lehrprobenstunde im Fach Geschichte. Ich hoffe, dass die detaillierte Erklärung der Vorgänge etwas besser deutlich gemacht hat, worum es den Bildungsplänen geht und dass diese mitnichten eine Nivellierung zugunsten der Mittelmäßigkeit anstreben und das Faktenwissen zugunsten nebulöser Kompetenzbegriffe vernebeln. Wenn überhaupt ist der Unterricht vielmehr wesentlich anspruchsvoller geworden. Ein reines Wegdämmern während eines endlosen Lehrervortrags und späteres Bulimie-Lernen für die Klausur ist nicht mehr möglich, denn die Kompetenzen werden ja auch in den Klausuren abgefragt. Würde ich in der Klausur eine Aufgabe wie „Erörtere Gründe für den Untergang der Weimarer Republik“ stellen (was ich getan habe), so müssen die Schüler auch hier eigenständig entscheiden, welche Gründe sie als ausschlaggebend empfinden und diese entsprechend bewerten. Ein reines Erklären reicht dafür nicht aus.

Selbstverständlich ist es in der Realität des Schulalltags nicht immer möglich, solche perfekten Stunden zu gestalten. Weder bietet sich jedes Thema dafür an, noch haben Lehrer dazu die nötige Zeit. Eine Lehrprobenstunde wie diese wird drei bis vier Tage lang vorbereitet (und man macht an diesen drei bis vier Tagen sonst fast nichts anderes), ein Luxus, den man sich später nicht mehr leisten kann. Als Ideal, nach dem man strebt, ist es jedoch allemal das Richtige.

Für Interessierte gibt es den kompletten Lehrprobenentwurf mitsamt den verwendeten Arbeitsblättern, Materialien und der Analyse hier zum Download.

{ 9 comments… add one }

  • roteweste 20. Februar 2014, 12:17

    Als frisch ausgebildeter Lehrer kann ich mich deiner Einschätzung anschließen. Was mich während meiner Ausbildung überrascht hat ist, dass auch erfahrene Kollegen das Erlernen und Anwenden von Fähigkeiten höher Einschätzen als die Vermittlung von Wissen. Der Wandel in den Köpfen der Lehrperson hat also nicht erst seit der Einführung kompetenzorientierter Lehrpläne eingesetzt.

    Persönlich stört mich eine Tatsache. Geht man von einer ganz normalen 40 Stunden Woche aus, bleiben den Lehrern vielleicht noch 10 Stunden pro Woche für die reine Unterrichtsvorbereitung. „Schowstunden“ (der exakte Wortlaut einer Ausbilderin) können im Unterrichtsalltag definitiv nicht gehalten werden. Und hier liegt meiner Ansicht nach das Problem, denn es gibt (zumindest in meinen Fächern) sehr wenige Materialien mit denen man effektiv (und genau das ist das Zauberwort) kompetenzorientiert unterrichten kann. Wenn ich als Lehrer für jede Stunde selber herumwurschteln muss um möglichst viele Fähigkeiten der Schüler in meinen Unterricht anzusprechen und zu fördern, dann wird das Konzept an den Schulalltag scheitern. Das einzige was ich machen kann ist einen Abwechslungsreichen Unterricht für meine Schüler zu planen und dabei unterschiedliche Fähigkeiten im Blick zu haben. Ein ganzes Kompetenz-Konzept für jede Stunde zu entwickeln ist nicht möglich.

    Ein zweiter Kritikpunkt kommt ins Spiel, wenn es in die MINT-Fächer geht. Da sind Fähigkeiten sehr wohl mit ganz konkreten Wissensinhalten verknüpft. Und es kommt noch schlimmer. Die Fächer sind untereinander z.T. stark verknüpft. Der Physiklehrer klopft den Mathelehrer auf die Finger, wenn dieser nicht rechtzeitig die Winkelfunktionen eingeführt hat, die er für den Wechselstrom oder „schräge Würfe“ braucht. Gerade die Schulmathematik ist eigentlich ein Trauerspiel an sich, da es mit „richtiger Mathematik“ ™ nur am Rande zu tun hab. Anstatt logischer Denkweisen werden i.d.R. nur Formalisten eingeführt und abgearbeitet. Dies ist auch nicht anders möglich, da andere Fächer und der Lehrplan in Mathematik Druck machen. Unter diesen Gesichtspunkt ist ein kompetenzorientierter Unterricht (das Lieblingswort aller Lehrerausbilder) in der Breite nicht zu realisieren, da man viel zu sehr durch die Themen hastet. Mal hier ein bisschen logisches denken und da mal ein bisschen ist machbar, aber in der Breite kann ich mir das unter den jetzigen Rahmenbedingungen nicht vorstellen (und ich habs auch noch nicht gesehen).

    Vielen Dank für den Artikel btw. 😉

    • Stefan Sasse 20. Februar 2014, 19:57

      Klar, das habe ich ja im Artikel geschrieben – das ist der Idealfall. Effektiv kannst du eine richtig tolle Stunde pro Woche machen, der Rest muss „nur“ in Ordnung sein. Aber zum Glück sammelt sich das Unterrichtsmaterial ja wenigstens teilweise. Ich habe die obige Stunde dieses Jahr zum zweiten Mal unterrichtet. Auf die Art kriegt man dann ja einen ganz netten Fundus.
      Diese Art von Unterricht hat übrigens noch einen zweiten interessanten Nebeneffekt, der uns im Ref auch klar gesagt wurde: für die Schüler ist er irre anstrengend. Würden alle Stunden so sein, würden die am Rad gehen (und wir auch). Die brauchen manchmal die eher „eintönigeren“ Stunden als Kontrastprogramm zur Erholung.

      Was die MINT-Fächer angeht: absolut, da bestehen diese Kommunikationsprobleme. Aber gerade hier ist ja ein Fächerverbund dann wohl sinnvoll, oder?
      Und don’t get me started on Mathe. Dieses Fach ist völlig verdreht. Aber das wäre ein völlig eigener Artikel.

  • In Dubio 20. Februar 2014, 14:31

    Interessant ist viel mehr, wie wenig sich innerhalb von Jahrzehnten geändert hat. Schon zu meiner Zeit war in der Oberstufe des Gymnasiums die Anwendung von Wissen gefragt. Das erklärt jedoch nicht, warum heutige Abiturienten gefühlt eher mehr Wissenslücken haben.

    Außerdem finde ich, Du machst es Dir herzlich einfach. Dein Engagement sei nicht angezweifelt. Allerdings, das Deiner Schüler auch nicht. Gymnasiallehrer arbeiten mit jungen Menschen, die sich als die engagiertesten, motiviertesten und intelligentesten ihres Jahrgangs herausgestellt haben. Doch wie die letzte PISA-Studie gezeigt hat, haben wir uns da in Deutschland nicht verbessert. Das ist der Trend zum Mittelmaß, nicht zur Spitze. Warum rede ich eigentlich bei diesen Schülern von Motivation? Zu meiner Zeit hat das ein Lehrer gut zusammengefasst: „Ab jetzt sind Sie alle freiwillig hier. Wenn Sie keine Lust mehr haben, können Sie gehen.“

    Liegen in der Unterrichtsform die Bildungsprobleme unserer Zeit? Ich denke, nein. Ich bin in den letzten Jahren von zwei Seiten an andere Aspekte gestoßen. Vielen jungen Menschen mangelt es an Disziplin, Ausdauer und Beharrlichkeit, eine Sache durchzuziehen. Sie haben dazu häufig eine niedrige Frustrationsschwelle, die sie demotiviert. Motivation muss ich zuerst aus mir selber ziehen. Einige Jahre habe ich von betrieblicher Seite Azubis unterrichtet, deren Bildungshintergrund meist die Realschule war. Obwohl diese jungen Leute im Alter 18-20 Jahren durchaus motiviert waren, mussten sie regelrecht entertaint werden, um an einer Sache zu bleiben und der Wissensvermittlung zu folgen. Schon fünf Minuten Hinpläschern genügten, damit ein Teil der Gruppe wegkippte. Sie hatten also das Wollen zu Lernen, nicht jedoch die Fähigkeiten, die eben dafür Voraussetzung sind.

    Im Privaten habe ich es nun mehrmals erlebt, dass junge Leute nach einem mehrjährigen Weg die Ausbildung nach einigen Misserfolgen einfach abgebrochen haben, kurz vor Schluss. Da mangelt es an der Fähigkeit, eine Sache einfach durchzuziehen, selbst wenn sie keinen Spaß macht, aber es aus übergeordneten Gründen notwendig ist.

    Ich baue in Unternehmen Abteilungen auf und entwickle Geschäftsstrategien mit. Das ist häufig ein mühseliges Geschäft, denn es ist ein Umfeld, wo die Dinge eben nicht wohlgeordnet sind, manches nicht auf Anhieb klappt und Alternativen getestet werden müssen. Warum bist Du eigentlich nicht Grundschul-, Hauptschul- oder Realschullehrer geworden, wo man mit sehr problematischen Jugendlichen zu kämpfen hat?

    • Stefan Sasse 20. Februar 2014, 20:06

      Die Wissenslücken…ich weiß nicht wie real größer die im Vergleich zu früher sind. Vielleicht stellen wir sie inzwischen nur besser fest, analog zum rasanten „Anstieg“ bei manchen Krankheiten, die inzwischen halt diagnostiziert werden im Gegensatz zu früher.

      Solche Sprüche kann ich bringen, und ich sag das den Schülern auch immer wieder mal. Das ändert aber nichts daran, dass die zwischen 16 und 19 Jahren alt sind. In der Zeit sind sie schlicht noch nicht reif genug. Das wurde mittlerweile auch von der Hirnforschung hinreichend belegt und findet seinen Niederschlag in der Didaktik und Pädagogik.

      Motivationsprobleme sind real. Ich denke aber, die gab es schon immer. Jedes Mal, wenn meine Schüler in Geschichte keine Lust haben zwinge ich mich, mich an mich selbst im Biologieunterricht zu erinnern. Mein Verhalten damals ist mir inzwischen peinlich, aber ich war jung und wollte mit den hübschen Nebensitzerinnen über Beziehungsprobleme reden und nicht irgendwas von Helix-Ketten erfahren. C’est la vie. Ich kann das mit den oben beschriebenen Methoden teils ausgleichen, aber alles hat irgendwo Grenzen. Dass die Disziplin inzwischen geringer ist hängt damit zusammen, dass unsere Gesellschaft insgesamt liberaler geworden ist und nicht mehr so viel mit Zwängen arbeitet. Das ermöglicht ganz neue Arbeitsweisen, aber hat eben auch Schattenseiten. Sind nicht alle so, btw – ich habe eine Berufsoberschulenklasse, die ist der Traum. Alle dabei, alle motiviert. Da kannst 20 Minuten aus dem Raum gehen und wenn du wiederkommst reden sie alle angeregt über die Aufgabe, die du ihnen gegeben hast. Gibt es durchaus auch.

      Ironischerweise scheint mir die Ursache für diese Abbrecherei mehr bei den Eltern als bei den Schülern zu liegen. Denn die Eltern öffnen den Kindern einfach Alternativen zum geregelten Ablauf. Klar werden die dann auch wahrgenommen – Stichwort Unreife. Meine Eltern hätten das nie mitgemacht.

      Ich bin kein Pädagoge. Mir macht es schlicht keinen Spaß, mit problematischen Jugendlichen zu arbeiten. Da sollte man schon eine innere Motivation dazu haben. Genausowenig arbeite ich gerne mit der Unterstufe, btw. Meine Fähigkeiten liegen im Oberstufenunterricht, dem Vorbereiten auf ein Studium. Man sollte sich auf das konzentrieren was man kann, was Spaß macht und wo man gut ist, denke ich. Genauso hättest du ja theoretisch einen Nine-to-Five-Schreibtischjob annehmen können, denke ich, aber hast wohl die Herausforderung gesucht. So wie du das beschreibst wärst du in so einem normalen Ding eingegangen. 🙂

      • In Dubio 21. Februar 2014, 11:04

        Ich meine Disziplin nicht im Sinne von Gehorsam, sondern sich in einer Sache durchzubeißen. Die Schwestern davon sind Beharrlichkeit und Frustrationstoleranz. Das ist keine Frage der Alternativen, sondern von Einstellung, Druck und Wollen.

        Ich finde nicht, dass die Fähigkeit zur Disziplin grundsätzlich abgenommen hat, in den mittleren Schichten und prekären Verhältnissen wahrscheinlich. In meinem Verwandtenkreis hat eine junge Frau vor einiger Zeit ihr Studium beendet. Nachdem sie eine gute Position erhalten hatte, wurde sie zuerst in den Vertrieb geschoben, der nicht ihren Neigungen entsprach. Aber wahrscheinlich war das gut, denn so musste sie lernen, sich in einem ihr fremden Bereich durchzubeißen statt einfach Spaß zu haben. Umgekehrt gibt es eine junge Dame, die ihr Studium nach 4 1/2 Jahren jetzt ohne Abschluss beendet und eine Lehre mit 25 beginnt, weil sie nicht mehr die Kraft hat, die letzten, abschließenden mündlichen Prüfungen zu machen, wo es Hopp oder Topp heißt. Etwas tun weil es getan werden muss – das ist eben auch die Aufgabe von Erziehung.

        Eigentlich war mein Kommentar zum Kitzeln gedacht. Wenn ich in perfekte Verhältnisse käme, würde ich mich fragen, wozu man mich benötigt. For Living, soll man das tun, was einem liegt, natürlich.

        • Stefan Sasse 21. Februar 2014, 13:12

          Es mag sein. Ich weiß nur nicht, wie man diese These überprüfen soll.

  • rwetroja 23. März 2014, 01:28

    Hallo Stefan,

    interessante Themenauswahl. Für die Beantwortung Deiner Fragen an die Schüler scheinst Du jedoch den Lösungsraum künstlich begrenzt zu haben, da Du schon eine Vorauswahl für mögliche Antworten vorgenommen hast.

    Didaktisch wertvoller wäre ein ergebnisoffener Ansatz gewesen und nicht nur die Reduktion auf zwei von Dir gewünschte Möglichkeiten (auch wenn es die „richtigen“ sein sollten). Hätte es auch noch andere Erklärungsansätze für Inflation und Hyperinflation in dem von Dir beschriebenen Zeitraum gegeben?

    Will heissen:

    Wäre es für die Schüler möglich gewesen, begründet zu einer anderen Ursache von Inflation und Hyperinflation als der von Dir intendierten zu gelangen?

    Viele Grüße
    rwetroja

  • Shauni 8. September 2015, 18:12

    Hallo Stefan,

    ich finde, die Stunde klingt sehr interessant und würde gerne einen genaueren Blick darauf werfen. Besteht die Möglichkeit das Material noch zu erhalten, da es in der Dropbox nicht mehr abrufbar ist?

    Viele Grüße
    Shauni

  • proxon 8. November 2015, 10:59

    Leider funktioniert der Download-Link nicht…

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