Pinocchio im Kanzleramt

Das Umfrageinstitut Forsa sendet Alarmzeichen. Das Vertrauen der Bürger in die Verfassungsinstituten ist auf einem absoluten Tiefstand. Es ist kein schleichender Prozess, sondern ein Absturz. Noch vor fünf Jahren hatten 75 Prozent großes Vertrauen in den Bundeskanzler, heute ist es nur noch jeder Fünfte. Friedrich Merz und vorher Olaf Scholz haben mit ihrer Politik, mehr aber noch mit ihrer Persönlichkeit dem Amt massiven Schaden zugefügt. 30 Prozent sind der Politik derart überdrüssig, dass sich nicht mehr wählen wollen. Das ist die gelbe Karte für die Parteien der Mitte: Aus Nichtwählern werden nach Erfahrung der Demoskopen häufig radikale Wähler, Wähler der AfD. Der Vertrauensentzug erfolgt nicht grundlos. Gegen den amtierenden Kanzler war die italienische Holzpuppe Pinocchio ein Ausbund an Ehrlichkeit.

Friedrich Merz war einstmals mit großen Versprechungen in die Politik gestartet. Noch als junger Fraktionsvorsitzender der Unionsfraktion wollte er die Steuererklärung auf dem Bierdeckel schaffen. Statt Finanzminister wurde er dann Lobbyist. Immerhin besser bezahlt denn als Politiker. Seine Rückkehr in die Politik verband er mit der Zuversicht, als Parteivorsitzender die AfD zu halbieren. Nach aktuellen Umfragen haben sich die Rechtsradikalen nahezu verdreifacht. Die Frage, wer in Deutschland die Nummer eins ist, ist nicht mehr offen. Während die AfD bei knapp unter 30 Prozent notiert, droht die Union unter die psychologisch wichtige Marke von 20 Prozent zu fallen. Von allen Wahlberechtigten wollen ohnehin nur noch 15 Prozent die Konservativen wählen. Mit solch desaströsen Werten löst sich jeder Gestaltungsanspruch auf. Aber den hat der Sauerländer ohnehin nicht.

Mit dem Versprechen „Wir halten an der Schuldenbremse des Grundgesetzes fest. Die Schulden von heute sind die Steuererhöhungen von morgen.“ drückte er die FDP am Wahlabend 2025 unter Wasser, denn das Versprechen solider Staatsfinanzen war das Kernversprechen der Liberalen und ihres Finanzministers Christan Lindner.

Plakativ versprach Merz, die Steuern zu senken um die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Der Solidaritätszuschlag solle abgeschafft werden. Damit gab es zumindest große Schnittmengen mit der SPD, die 95 Prozent der Steuerzahler entlasten wollte. So vereinbarten es die Koalitionäre auch bei der Regierungsbildung. Das Begehren, im Gegenzug die oberen fünf Prozent weiter zu belasten, bekanntlich alles weitgehend Milliardäre, schmetterte der Kanzler ab. Die Zitrone sei ausgequetscht.

Mit dem neuen Haushaltsentwurf des Finanzministers Klingbeil ist bekannt, wie der Nennwert lautet. Für das Jahr 2027 werden die Bürger um die verfassungsrechtlich vorgeschriebene Erhöhung des Grundfreibetrages entlastet. Zusätzlich erhalten Familien ein paar Euro mehr Kindergeld. Die Anpassung des Tarifs an die Preisentwicklung fällt dagegen weitgehend aus, die Regierung braucht das Geld aus der konfiskatorischen „Kalten Progression“. Dafür werden die oberen Einkommen mit der Erhöhung der Reichensteuer zusätzlich belastet, so ist es schließlich mit den Sozialdemokraten vereinbart. Dass die gleiche Gruppe durch die außerordentliche Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenzen in den Sozialversicherungen weiter ausgequetscht werden – hier ist nunmal die Anpassung an die Lohnerhöhung zwingend! – fällt da schon unter den Tisch.

Der SPD-Vorsitzende hat auf seine typisch trickreiche Taschenspielerart geliefert. Klingbeil mag von Finanzen nichts verstehen, wie man den politischen Gegner auflaufen und mit linken Spielchen ausmanövriert, da ist er Meister. Und die CDU steht belämmert da. Generell stellt sich allerdings für beide Parteien die Frage, von wem sie eigentlich noch gewählt werden wollen. Sie wursteln dahin und dem Publikum wird übel beim Zuschauen. Das Problem der Bürger: Die Eintrittskarten mussten sie trotzdem kaufen.

Der Bund kommt unter Schwarz-Rot weder vor noch zurück. Entscheidungsfähigkeit wird vorgetäuscht. Das politische Berlin starrt wie gelähmt auf die Wahltermine im Herbst. Das politische Ende von Lars Klingbeil und Bärbel Bas als SPD-Parteivorsitzende ist bei den erwartet desaströsen Wahlniederlagen absehbar. Die Ablösung der Spitze kommt wahrscheinlich mit dem Eingeständnis einher, dass die Idee mit der Doppelspitze ein Irrweg war. Um das schon früher zu erkennen, hätte man im Willy-Brandt-Haus einfach auf die ideologischen Scheuklappen verzichten müssen.

Auch die CDU steht vor entscheidenden Weichenstellungen. Der Rückhalt für den Parteivorsitzenden ist ohnehin auf dem Nullpunkt und wird auch durch den politischen Dilettantismus um die die abgesagte Steuerreform nicht gehoben. Aber inzwischen geht es nicht mehr nur um den Kanzler. Die Unfähigkeit der Regierung und ihres Spitzenmannes ziehen das Vertrauen in den Staat und die Demokratie nach unten. Die noch amtierende Koalition ist gescheitert noch bevor nur die Hälfte der Legislaturperiode um ist. Dem Autor ist kein Beispiel in 35 Jahren demoskopischer Begleitung in Erinnerung, wo sich ein Spitzenpolitiker von so desaströsen Umfragewerten je erholt hätte.

Ein Kanzlertausch ist unumgänglich. Danke an dieser Stelle für den Hinweis, dass dies parteipolitisch und verfassungsrechtlich sehr schwer umzusetzen ist. Aber es ist nötig. Möglich wäre eine Veränderung auf der Kanzlerposition durch eine verlorene Vertrauensfrage oder ein konstruktives Misstrauensvotum. Friedrich Merz könnte auch zurücktreten, dieser Weg steht ebenfalls offen. So viel zu den technischen Details. Offensichtlich begreift der Sauerländer wie sein Vorgänger die Besetzung des Kanzleramts als Lebensziel, nicht als Aufgabe. Denn wie Olaf Scholz ist auch Merz nicht gewillt, die Machtfülle seiner beiden Ämter als Parteivorsitzender und Regierungschef einzusetzen, um seine Vorstellungen von Politik durchzusetzen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hat er nämlich keine Vorstellungen, so devot und gleichzeitig kindisch aufsässig benimmt er sich. Merz hat sich als ein Politiker erwiesen, dessen Wort nichts zählt. Wenn der Kanzler etwas zusichert, wird mit Sicherheit das Gegenteil eintreten. Auf Loyalität darf ein solcher Mensch nicht zählen. Und Vertrauen verdient er schon gar nicht.

Die Ablösung des Unfähigen wird zur staatsbürgerlichen Pflicht der Abgeordneten der Koalition. Wie an der Börse bräuchte es für einen Stimmungsumschwung ein Momentum, einen Katalysator, der den Kurs wendet. In der Politik könnte das eine tiefgreifende Reform von staatlichen Systemen sein. Oder ein Jahrhundertereignis wie die Wiedervereinigung. Nur ist Deutschland bereits wiedervereinigt und die im Koalitionsvertrag ohnehin nur in sehr dünner Version vereinbarten Reformen des Steuer- und Sozialrechts scheitern nacheinander wegen politischer Unfähigkeit. Ohne Katalysator und damit ein Absinken unter die Schwelle von 20 Prozent verliert die Union ihre strukturelle Mehrheitsfähigkeit, die zwingend für die Stabilität der politischen Mitte ist.

Das Potential der AfD liegt demoskopisch zwischen 30 und 35 Prozent. Je offensichtlicher das Scheitern der Union, desto weiter wird die rechtsradikale Truppe das Potential ausschöpfen. Wenn das geschieht, ist eine sinnvolle Regierungsbildung jenseits einer Kanzlerin Alice Weidel nicht mehr denkbar. Gegen eine Alle-gegen-die-AfD-Koalition wäre die Ampel eine geordnete Formation gewesen.

Auch wenn CDU und SPD keine Vorstellungen eines funktionierenden Gemeinwesens haben – die sie tragenden Milieus haben sie. Es sind weitgehend konservativ und (klein-) bürgerlich denkende Menschen, welche die ehemals beherrschenden Volksparteien wählen. Sie sind tragend in Unternehmen als Fach- und Führungskräfte. Sie sind Rentner mit langer Karriere, aber selten arbeitslos. Immer noch sind sie meist verheiratet, träumen vom Eigenheim oder sind Kleinvermieter. Am Wochenende gehen sie zum Fußball, picknicken oder organisieren ihren Kleinverein. Sie grölen eher zu Maite Kelly als zu Taylor Swift. Sie sind selten alleinerziehend, aber haben häufiger mehr als ein Kind, keines hört auf den Namen Toben.

Die Politik verunmöglicht diesem Kern der Gesellschaft immer mehr ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben. Was die Menschen fühlen, nämlich dass der Staat ihnen die Luft zum Atmen nimmt, belegen Statistiken ganz offen. Die Bundesregierung lebt die Agonie vor, in der das Land nach sieben Jahren wirtschaftlicher Stagnation immer mehr versinkt.

Fortsetzung folgt.

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Es ist sicherlich aufgefallen, dass ich gerade nur noch wenig schreibe. Die aktuelle Folge besteht daher teils aus alten Links und ist eher knapp gehalten. Ich schreibe bald ausführlicher etwas zum Stand des Blogs.

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

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Im Reformdiskurs ist die Debatte um eine umfassende Rentenreform gegenüber dem Gesundheitssektor und der Grundsicherung etwas ins Hintertreffen geraten, aber das ist für uns kein Grund, nicht mit einem Experten darüber zu sprechen. Mit Klaus Seipp von der Hans-Böckler-Stiftung spreche ich über die Geschichte der Rentenversicherung, ihre Herausforderungen, Lösungsvorschläge, die Beamt*innen und vieles mehr.

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Ich verliere die Debatte

Stefan Pietsch hat mich gebeten, Stellung zu einem Artikel von Frank Lübberding zu beziehen. Er argumentiert, dass Deutschlands politische Krise weniger auf einzelne Regierungen als auf eine strukturelle Blockade des Parteiensystems zurückzuführen sei und vertritt die These, dass zwar rechnerische Mehrheiten für einen politischen Richtungswechsel existierten, diese jedoch wegen politischer Ausschlusskriterien nicht genutzt würden. Dadurch entstehe der Eindruck, Wahlen führten zwar zu neuen Regierungen, nicht aber zu neuer Politik. Als letzten echten Politikwechsel nennt der Autor den Regierungswechsel von 1998 zu Rot-Grün. Seitdem hätten sich zwar Koalitionen verändert, grundlegende Kurswechsel seien jedoch ausgeblieben. Angela Merkel habe gesellschaftliche Konflikte entschärft, indem sie Positionen ihrer politischen Gegner übernommen habe, etwa beim Atomausstieg. Dies habe zwar kurzfristig Stabilität geschaffen, langfristig aber die politische Auseinandersetzung und Korrektivfunktion der Opposition geschwächt.

Die gegenwärtige Bundesregierung versuche nun mit Reformpaketen und Bürokratieabbau eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Der Autor bezweifelt jedoch, dass technokratische Maßnahmen ausreichten, um das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. Statt echter Richtungsentscheidungen dominierten aus seiner Sicht Kompromisse und kleinste Anpassungen. Abschließend wird argumentiert, der Aufstieg der AfD sei Ausdruck dieser politischen Blockade. Solange die etablierten Parteien keinen klaren politischen Richtungswechsel ermöglichten, werde die Unzufriedenheit vieler Wähler weiter wachsen.

Im Gespräch mit Stefan, der völlig zu Recht vermutet hatte, dass sich an diesen Thesen der Kernunterschied zwischen unseren Sichtweisen manifestiert, kristallisierte sich heraus, dass er der Möglichkeit eines Durchbruchs durch die wahrgenommene Blockade größte Bedeutung einräumt. Weder die Ampel noch die Schwarz-Rote Koalition waren in der Lage, die Weichenstellungen der Republik fundamental zu ändern, eine Schwarz-Gelbe Koalition ist nicht in den Karten und von einer CDU-Grüne-Koalition, ob mit oder ohne SPD, sind auch keine radikalen Richtungswechsel zu erwarten.

Dieser Richtungswechsel – in seiner Hoffnung im Sinne eines eher rechtsliberalen Politikprogramms, also einem starken Zurückschneiden staatlicher Leistungen und Kompetenzen und einer Deregulierung der Wirtschaft, einer weiteren Verschärfung der Migrationspolitik und einem gesellschaftspolitischen Umschwungs in Richtung eines konservativ bis reaktionären Programms (etwa eine stärkere Betonung der Heteronormativität und einem weitgehenden Einstellen von Gleichstellungsmaßnahmen), aber grundsätzlich auch umgekehrt im Sinne einer klaren linken Mehrheit – wird von ihm nicht nur als demokratisch relevantes Prinzip gesehen, sondern auch als Wasserscheide, mithin als Zukunftsfrage des ganzen Landes.

Ich halte diese Sicht für verfehlt.

Dabei stimme ich der Analyse und Problembeschreibung Lübberdings wie Stefans zu. Gefühlt ist die Blockade jedenfalls sehr real. Ob SPD, CDU, Grüne oder FDP regieren, sie alle stoßen auf dieselben Hindernisse der Realität. Rechtsstaatliche Hindernisse etwa, die durch die Verrechtlichung der Politik mittlerweile endemisch sind. Wirtschaftliche Hindernisse, weil ein bestimmter Kurs vermutlich Verwerfungen innerhalb der Wirtschaft haben wird. Finanzielle Hindernisse, weil ein bestimmter Kurs aus dem Haushalt nicht finanzierbar ist. Ideologische Hindernisse, weil ein Koalitionspartner nicht bereit ist, einen bestimmten Kurs mitzutragen. Intergouvernmentale Hindernisse, weil die Zwänge internationaler Politik bestimmte Dinge verunmöglichen, von WTO bis EU.

Dazu kommen Faktoren, die bestimmte Politiken erzwingen. Deutschland ist Mitglied in der NATO und seine gesamte Außen- und Sicherheitspolitik baut darauf auf, egal, was auf LINKEn-Parteitagen erklärt wird. Der Atomausstieg wird nicht rückgäng gemacht werden, egal wie oft die CDU erklärt, man wolle dringend wieder Nuklearkraftwerke bauen. Deutschland ist strukturell ein Autofahrerland, auch wenn die Grünen noch den einen oder anderen Fahrradweg bauen. Russland ist auch dann ein Feind, der uns Böses will, wenn die SPD die Notwendigkeit von Verhandlungen betont. Und so weiter. Die Kombination aus Zwängen und Hindernissen engt die Politik enorm ein. Und das frustriert.

Warum also halte ich die Sicht für verfehlt? Einerseits natürlich politische Gründe. Die AfD ist keine demokratische Alternative, das Bündnis mit der CDU bei weitem nicht so offensichtlich passend, beide Parteien nicht in einem solchen Lager wie es sich manche vorstellen. Nehmen wir allein so offensichtliche Unterschiede wie die erinnerungspolitische Sicht. Die AfD will das Gedenken an den Holocaust, das die CDU sich nach langem, langem Widerstand zu einem Markenkern gemacht hat, so weit wie möglich abschaffen. Stattdessen pflegt die Partei eine DDR-Nostalgie, der der LINKEn in nichts nachsteht. Das Absingen von „Auferstanden aus Ruinen“ oder Tino Chrupallas Äußerung, er „lässt sich DDR nicht nehmen“ sind mit dem Selbstbild der CDU unvereinbar. Zumindest war es das nicht, als es um Kooperationen der LINKEn und der SPD ging, bei denen das ungeklärte Verhältnis der LINKEn zur DDR (wir erinnern uns an die Weigerung der Partei, sie als „Unrechtsstaat“ anzuerkennen) im Brustton der Empörung als maßgebliches Koalitionshindernis genannt wurde, und es steht mir fern, der CDU hier Heuchelei unterstellen zu wollen. Auch die EU-Feindlichkeit der AfD und ihre Russlandhörigkeit passen überhaupt nicht zur CDU. Auch hier kann ich nur darauf verweisen, dass Koalitionen im Bund zwischen der LINKEn und SPD und Grünen vor allem an außenpolitischen Fragen scheiterten. Das ist hier nicht anders.

Aber letztlich sind das CDU-interne Probleme, die mir egal sein können. Wenn die Abgeordneten eine 180-Grad-Wende mit sich vereinbaren können, sollen sie das eben machen. Wesentlich problematischer ist, dass die AfD auch schlicht keine demokratische, rechtsstaatliche Partei ist. Sie hat offensichtlich kein Problem mit der Billigung von Straftaten, macht keinen Hehl daraus, sich nicht an bestehende Gesetze halten zu wollen und ihre Gegner politisch zu drangsalieren, sobald sie an die Macht gekommen ist, spricht offen die Sprache des Bürgerkriegs und so weiter und so fort. Wenn man sich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel, der Teufel verändert einen selbst. Wie soll die CDU eine bürgerliche, demokratische Partei bleiben, wenn sie den flagranten Bruch rechtsstaatlicher Prinzipien geschehen lässt?

Und da sind wir leider bei dem Faktor, der die Zusammenarbeit mit der AfD so unglaublich attraktiv zu machen scheint. Denn scheinbar, so darf man die einschlägigen Meinungsbeiträge lesen, kann eine Koalition zwischen bürgerlichen Demokraten und protofaschsistischen Populisten ja die aktuelle Starre überwinden, quasi eine Politik aus einem Guss präsentieren und endlich wieder klare Alternativen bieten. Tatsächlich wird die AfD, einmal an die Macht gekommen, eine Kategorie der oben beschriebenen Hindernisse beseitigen können: die rechtsstaatlichen. Wir sehen das überall, wo ihresgleichen an die Macht kommt. Anders als demokratische Parteien lässt sie sich nicht von Gerichtsurteilen oder Gesetzestexten aufhalten. Sie wird den Gordischen Knoten durchschlagen suchen.

Funktionieren wird das auch nicht. Die Hoffnung, dass mit diesen Polithasardeuren eine kohärente Wirtschaftspolitik entstehen könnte, ist eine Phantasmagorie. Die Regeln der Politik lassen sich auch nicht von den Rechtspopulisten aushebeln. Sie werden den gleichen Realitäten gegenüberstehen, die sie nicht beeinflussen können und denen sie unterworfen sind. Auch das sieht man bei allen ihren Gegenstücken in anderen Nationen. Stattdessen werden sie umso entschiedener dort agieren, wo es ihnen möglich ist. Sie werden Recht beugen und brechen, Willkür walten lassen und ihre ganze Wut – von der sie wahrlich genug haben – an echten und eingebildeten Gegnern herauslassen, werden versuchen, Gesellschaftspolitik in ihrem Bild zu betreiben und wenn schon ein kraftloses und weiter blockiertes, dann doch wenigstens nationales Land zu schaffen – ein Projekt, das ebenfalls nur scheitern kann, aber zahllose Opfer auf seinem Weg zurücklassen wird.

Dazu trägt das Argument mit den scheinbar klar definierten Alternativen nicht, weil R2G ja gar keine Alternative darstellt. Weder ist es arithmetisch sonderlich wahrscheinlich, dass in der näheren Zukunft überhaupt je eine Parlamentsmehrheit dieser drei Parteien entstehen könnte; zudem ist ihr Zusammenwerfen in etwa genauso sinnvoll wie das von CDU und AfD und nur mit einer guten Portion Wunschdenkens und Augen Zukneifens möglich. Selbst wenn die SPD sich darauf einließe, sollte man sich hüten, die Grünen zu selbstgewiss und trunken von der eigenen Propaganda als genuinen Teil eines grünen Lagers zu sehen. Schließlich arbeitet die Partei seit geraumer Zeit auf bürgerliche Bündnisse hin, nicht auf linke. Die Partei mag in beide Richtungen offen sein, aber eine klare Zuordnung ist da nicht wirklich erkennbar, auf diversen Politikfeldern sind die Differenzen auch schier unüberbrückbar riesig. Zudem führen solche Polarisierungen nicht eben zu einer gesellschaftlichen Befriedung. Aktuell können Konservative generös erklären, für gleiches Recht für alle eintreten zu wollen, weil es der politischen Linken natürlich freistehe, auch eine Koalition zu bilden. Aber die Brandmauer ist auch erst ein Thema, seit die AfD groß genug für potenzielle Koalitionen ist, und die hysterische Abwehr gegen die LINKE hörte schlagartig auf, als R2G arithmetisch als Option zu existieren aufhörte.

Und dennoch: ich sehe, dass ich diese Debatte verliere. Denn auf die zentrale Frage von Stefan habe ich keine Antwort: Was ist die Alternative?

Niemand kann guten Gewissens behaupten wollen, dass eine Koalition von CDU und SPD, eine Koalition von CDU und Grünen oder gar eine von CDU, SPD und Grünen (und etwas anderes wird es absehbar nicht geben) in der Lage sein wird, die Probleme zu lösen. Ich glaube, das liegt daran, dass sie schlicht nicht lösbar sind. Bleibt die CDU standhaft, lädt sie nicht die Rechtsradikalen an die Macht ein, erkennt sie die Gefahr, die davon ausgeht, so ist das beste, auf das wir hoffen können, was in der k.u.k.-Monarchie als „Durchwursteln“ zum Regierungsprinzip erhoben worden war.

Ich kann schlichtweg nichts anbieten. Ich bin überzeugt, dass der Weg einer Koalition mit der AfD eine Mirage ist, die nur in Enttäuschung und Kollateralschäden enden kann. Aber ich kann nicht ernsthaft behaupten, dass die derzeitige Haltung bessere Ergebnisse zeitigen würde. Ich rutsche deswegen immer mehr in die resignierte Haltung, dass die Versuchung für die (leider vermutlich bald ehemaligen) Liberalen, Konservativen und Bürgerlichen, ihren Frust durch die scheinbar so naheliegende Alternative zu lösen und endlich ihre lang gehegten Wünsche erfüllen zu können, immer größer wird und ihre Gründe, ihr nicht nachzugeben, immer weniger überzeugend klingen. Bereits jetzt ist in zahlreichen bürgerlichen Bastionen das Verlangen mit Händen zu greifen. Ob NZZ oder Springer, ob der rechte Flügel der CDU unter (noch) Jens Spahn oder die FDP unter Kubicki, überall ist es überdeutlich sichtbar. Demgegenüber steht nur eine immer mattere Warnung vor dem Wolf, der zwar weiterhin real bleibt, aber auf die immer weniger Menschen hören wollen – und Ideen- und Visionslosigkeit. Und wo keine Alternative besteht, sehe ich nicht, wie meine Seite der Debatte noch gewinnen können soll.

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

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Der britische Autor Chris Clarke hat in seinem Substack „Parables“ eine Essayreihe mit dem Titel „Notes on Trust“ geschrieben. Ich wollte sie zuerst im Vermischten verlinken, fand aber die Analyse, obwohl sie sich auf die britischen Verhältnisse bezieht, derart relevant und gut gelungen, dass mich stattdessen entschied, Chris direkt zu kontaktieren und ihn zu bitten, sie übersetzen zu dürfen. Er hat mir das freundlicherweise genehmigt. Der vierte Teil der Serie findet sich im Folgenden, die weiteren Teile werden in den nächsten Tagen online gehen. Chris hat sich zudem bereit erklärt, im Podcast der Bohrleute mit mir über seine Thesen zu sprechen. 

In den vergangenen Tagen habe ich über einige Ursachen des geringen Vertrauens in die Politik geschrieben und dabei häufig Verständnis für die Schwierigkeiten moderner Regierungsführung geäußert. In diesem letzten Teil möchte ich mich jedoch einem Bereich zuwenden, in dem Politiker sich das Leben selbst unnötig schwer machen.

Ein guter Ausgangspunkt ist Kapitel 13 von Charles Dickens‘ erstem vollständigen Roman Die Pickwickier (The Pickwick Papers). Obwohl der Text vor fast 200 Jahren geschrieben wurde, bringt er den Kern des politischen Zynismus erstaunlich treffend auf den Punkt. [continue reading…]

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Anmerkungen zu Vertrauen – Transparenz

Der britische Autor Chris Clarke hat in seinem Substack „Parables“ eine Essayreihe mit dem Titel „Notes on Trust“ geschrieben. Ich wollte sie zuerst im Vermischten verlinken, fand aber die Analyse, obwohl sie sich auf die britischen Verhältnisse bezieht, derart relevant und gut gelungen, dass mich stattdessen entschied, Chris direkt zu kontaktieren und ihn zu bitten, sie übersetzen zu dürfen. Er hat mir das freundlicherweise genehmigt. Der dritte Teil der Serie findet sich im Folgenden, die weiteren Teile werden in den nächsten Tagen online gehen. Chris hat sich zudem bereit erklärt, im Podcast der Bohrleute mit mir über seine Thesen zu sprechen. 

Ich habe kürzlich zwei Beiträge über Vertrauen geschrieben. Im ersten vertrat ich die These, dass der Rückgang des politischen Vertrauens nicht auf zunehmendes Fehlverhalten oder schlechtere Regierungsarbeit zurückzuführen sei, sondern auf ein Umfeld, in dem Fehlverhalten und Versagen mit größerer Wahrscheinlichkeit aufgedeckt werden. Im zweiten Beitrag baute ich darauf auf und argumentierte, dass der Vertrauensverlust maßgeblich durch die intensive öffentliche Aufmerksamkeit des Informationszeitalters beeinflusst werde.

Dieser dritte Teil untersucht diese These ausführlicher und greift dabei auf einige internationale Vergleiche zurück. Im Mittelpunkt steht insbesondere die Idee des Moynihan-Gesetzes (Moynihan’s Law) im Zusammenhang mit politischem Vertrauen. Diese dem demokratischen US-Senator Pat Moynihan zugeschriebene Maxime lautet:

„Die Zahl der Menschenrechtsverletzungen in einem Land verhält sich stets umgekehrt proportional zur Zahl der von dort gemeldeten Beschwerden über Menschenrechtsverletzungen. Je mehr Beschwerden öffentlich geäußert werden, desto besser sind die Menschenrechte in diesem Land geschützt.“ [continue reading…]

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Anmerkungen zu Vertrauen – Grundlegende Ursachen

Der britische Autor Chris Clarke hat in seinem Substack „Parables“ eine Essayreihe mit dem Titel „Notes on Trust“ geschrieben. Ich wollte sie zuerst im Vermischten verlinken, fand aber die Analyse, obwohl sie sich auf die britischen Verhältnisse bezieht, derart relevant und gut gelungen, dass mich stattdessen entschied, Chris direkt zu kontaktieren und ihn zu bitten, sie übersetzen zu dürfen. Er hat mir das freundlicherweise genehmigt. Der zweite Teil der Serie findet sich im Folgenden, die weiteren Teile werden in den nächsten Tagen online gehen. Chris hat sich zudem bereit erklärt, im Podcast der Bohrleute mit mir über seine Thesen zu sprechen. 

Zuvor habe ich über vier „Scheinerklärungen“ für den Zusammenbruch des politischen Vertrauens im 21. Jahrhundert geschrieben (veranschaulicht durch die untenstehende Grafik). Mein zentrales Argument lautete, dass das Vertrauen nicht aus den Gründen zurückgegangen ist, die üblicherweise angenommen werden: weil auf den „Willen des Volkes“ nicht gehört werde, weil Regierungen ihre Aufgaben nicht erfüllten, weil die politischen Führer den Bezug zur Lebenswirklichkeit verloren hätten oder weil die Politik korrupt sei.

All diese Phänomene existieren zwar und untergraben das Vertrauen in unsere politischen Führer. Keines von ihnen ist jedoch neu oder hat sich gerade in dem Zeitraum besonders verschärft, in dem das Vertrauen tatsächlich dramatisch eingebrochen ist. Um die neue Politikverdrossenheit zu verstehen, müssen wir vielmehr die Rahmenbedingungen betrachten, unter denen Abgeordnete und politische Führer heute handeln. [continue reading…]

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Woher stammt der Vertrauensverlust in die Politik? Ist es, weil die Politiker*innen abgehoben oder korrupt sind? Weil sie inkompetent sind? Weil sie den Willen des Volkes missachten? Chris Clarke, Politikberater und Meinungsforscher, hat einen langen Essay zu dem Thema geschrieben, den wir hier diskutieren. In deutscher Übersetzung ist er bei Deliberation Daily veröffentlicht.

Der Original-Essay

Die Übersetzung [continue reading…]

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Anmerkungen zum Vertrauen – Scheinerklärungen

Der britische Autor Chris Clarke hat in seinem Substack „Parables“ eine Essayreihe mit dem Titel „Notes on Trust“ geschrieben. Ich wollte sie zuerst im Vermischten verlinken, fand aber die Analyse, obwohl sie sich auf die britischen Verhältnisse bezieht, derart relevant und gut gelungen, dass mich stattdessen entschied, Chris direkt zu kontaktieren und ihn zu bitten, sie übersetzen zu dürfen. Er hat mir das freundlicherweise genehmigt. Der erste Teil der Serie findet sich im Folgenden, die weiteren Teile werden in den nächsten Tagen online gehen. Chris hat sich zudem bereit erklärt, im Podcast der Bohrleute mit mir über seine Thesen zu sprechen. 

Das Vertrauen in die Politik befindet sich auf einem historischen Tiefpunkt. Dies gilt weithin als anerkannte Tatsache. Es handelt sich um ein Phänomen, das in den vergangenen zwei Jahrzehnten viele populistische Aufstände in den westlichen Ländern befeuert hat. Dennoch wurde den zugrunde liegenden Ursachen häufig nicht die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie verdienen.

Ich begann mich für dieses Thema zu interessieren, nachdem ich unzählige Fokusgruppen durchgeführt hatte, in denen ansonsten vernünftige Wähler mit einer stellenweise überwältigenden Verbitterung über Politiker sprachen. Anschließend beschäftigte ich mich mit der Literatur und den Daten darüber, woher diese Verbitterung stammt. Mein bleibender Eindruck ist, dass – auch wenn es nie ein goldenes Zeitalter des politischen Vertrauens gegeben hat – die gegenwärtige Entwicklung äußerst alarmierend ist. Sie lässt sich weder als vorübergehende Modeerscheinung abtun noch als neuer Normalzustand akzeptieren. [continue reading…]

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

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Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

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