Bücherliste April 2020, erste Hälfte


Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Je nachdem wie sich das einpflegt werde auch auch auf andere Medien und Formate eingehen, die ich als relevant empfinde. Vorerst ist das Verfahren experimentell, bitte gebt mir daher entsprechend Feedback! Dieser Monat lässt sich so produktiv an, dass ich ihn in zwei Hälften spalte. Bisher gelesen: Krieg in den Entwicklungsländern, eine Übersetzung der Ilias, vergleichende Betrachtungen der beiden deutschen Teilstaaten, eine Geschichte der Berliner Republik, eine Tiefenbetrachtung des nuklearen Rüstungswettlaufs und eine des deutschen Parlamentarismus‘.

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: Die Stunde Null.

Gary Brecher – The War Nerd Dispatches

Gary Brecher, für diejenigen, die ihn nicht kennen, ist das Pseudonym des freiberuflichen Autors John Dolan. Er bezeichnet sich selbst als „Kriegsfan“ und schreibt seit fast 20 Jahren über alle möglichen Konflikte weltweit und die Länder, in denen diese stattfinden. Zwischen 2012 und 2013 arbeitete er für ein nur kurz existierendes Magazin und schrieb alle zwei Wochen ein Essay; die entsprechenden Texte sind in diesem Band zusammengefasst.

Brecher ist eine sehr eigentümliche Figur. In ein bestimmtes ideologisches Lager einordnen lässt er sich nicht. So dürften alle eher rechtsgerichteten Leser seine grundsätzliche Begeisterung für Krieg teilen, ebenso seine Philosophie von der Welt und der Menschheit als Anarchie, in der sich der Stärkste durchsetzt und eine Tendenz zu ethnisch homogenen Nationalstaaten besteht. Ebenso freuen dürften sie sich über seine Ablehnung von Entwicklungshilfe. Gleichzeitig dürften sie sich aber von seiner klaren Verurteilung der westlichen Interventionspolitik und der Verantwortlichkeit der Rüstungsindustrie abgestoßen fühlen, ebenso von seiner Begründung der Ablehnung von Entwicklungshilfe, die er als Tarnung für die Erhaltung des Chaos in der Dritten Welt durch den Westen sieht. Da dürften sich Linke eher zuhause fühlen.

Diese Parodoxie (zumindest wenn man das übliche Links-Rechts-Schema anlegt) wird durch seinen Stil auf die Spitze getrieben, der sehr unterhaltsam ist, aber gleichzeitig in Tom-Friedman-kompatiblen Anekdoten und breiten Pauschalisierungen arbeitet. Dadurch bekommt man ein farbenfrohes Bild von Regionen, Herrschern und örtlichen Machtgruppen, von denen man noch nie zuvor gehört hat, aber es bleibt natürlich immer die Frage, wie viel unter dem Stil an Differenz und Tiefe begraben wird.

Nichtsdestotrotz kann niemand bestreiten, dass Brecher ein extrem fundiertes Wissen besitzt. Seine Analysen und Prognosen sind deutlich stichhaltiger als das, was man in irgendeinem anderen Medium zum Thema finden kann, vor allem von den hochbezahlten Kolumnisten der großen Blätter und Nachrichtensender (worauf er gerne hinweist). Sieht man sich an, auf welchem Niveau Brecher die Guerilla-Kriege, ihre Taktik und interne Logik beschreiben kann, muss man über die normale massenmediale Berichterstattung nur weinen.

Es schadet daher auch nicht sonderlich, dass die Artikel in diesem Sammelband zwischen sieben und acht Jahren alt sind. Brecher nutzt die jeweiligen tagesaktuellen Geschehnisse ohnehin nur als Aufhänger, um grundlegende Punkte anzusprechen – ob über das Alltagsleben in Saudi-Arabien, die Zusammensetzung der syrischen Bürgerkriegsparteien, die Zusammenhänge der Ethnien und der Bürgerkriege Zentralafrikas und vieles, vieles mehr. Die Lektüre ist eine absolute Bereicherung, und Brechers Werk uneingeschränkt zu empfehlen – auch, wenn man die grundsätzliche Attitüde des Mannes ablehnt. Oder vielleicht gerade dann.

John Dolan (Gary Brecher) – The War Nerd Iliad

Dolan schreibt nicht nur als War Nerd über Guerillakriege in der Dritten Welt, sondern hat es auch auf sich genommen, die Ilias zu übersetzen. Oder, man muss es genauer sagen, zu paraphrasieren. Wie Dolan im Vorwort so treffend erklärt: Lyrik in Buchlänge wird zwar gelegentlich noch geschrieben, aber nicht gelesen. Unser Zeitalter ist ein Zeitalter der Prosa. Da Dolan selbst Lyrik schreibt, muss er es wohl wissen.

Die Prämisse dieser Übersetzung der Ilias ist, dass Dolan die grundsätzliche Geisteshaltung der Bronzezeit beibehält, eine Geisteshaltung, die uns mehr als fremd ist. Er modernisiert die Geschichte in diesem Sinne nicht. Die Modernisierung ist auf sprachlicher Ebene, verbunden mit einigen Erklärungen, wo sie notwendig sind, die allerdings ebenfalls die Mentalität der Bronzezeit erhalten. Was heißt das konkret?

In Dolans Ilias bekommen wir nicht nur die Paraphrase der einzelnen Verse aus Homers epischem Werk, in dem Speere in irgendwelche Gesichter gestoßen werden (und ja, das wird bei Homer in blutigem Detail ausgedichtet), sondern auch die lakonischen Erklärungen, warum die Leute agieren wie sie agieren. So macht Dolan keinen Hehl daraus, dass die Ilias auch ein Klassenkampf ist, in dem einzig die Adeligen zählen und die Fußtruppen reines Kanonenfutter sind. Er beschreibt die Plünderungen der Gefallenen (und wie gefährlich sie sind, weil man beim Bücken verletzlich ist) und dass die Streitwagen ein ineffektives Statussymbol sind.

Auch die Götter und ihr Eingreifen auf dem Schlachtfeld werden beschrieben, auf eine Art, die deutlich zeigt, wie der Olymp von den Griechen wahrgenommen wurde und gleichzeitig einen tiefen Einblick in die Psyche der antiken Griechen gibt. Die Ilias wird in ihrer Bedeutung nicht ohne Grund mit der Bibel gleichgesetzt, was ihre Wirkung als fundamentalen Text der Kultur angeht.

Auch für dieses Buch gilt daher eine absolute Kaufempfehlung. Wie Lektüre ist grandios, die Einblicke die man gewinnt wertvoll.

Florian Meinel – Vertrauensfrage. Zur Krise des Parlamentarismus

Quasi als Folgelektüre für meine Serie zum real existierenden Parlamentarismus ist dieses Buch zu empfehlen. Als Wort der Warnung gleich vorweg ist es sicherlich angeraten, auf dem in meinen Artikeln dargestellten Niveau über die entsprechenden Institutionen und Regeln Bescheid zu wissen, denn Meinel hält sich nicht mit langen Erklärungen auf, sondern geht in die Details.

Er diskutiert dabei solche medialen Dauerbrenner wie den Fraktionszwang nur am Rande, eher mit Irritation, dass jemand immer noch die gleiche dumme Diskussion wiederholt, sondern geht direkt in die Verfassungstheorie. Seine zentrale These ist die: Die Struktur des bundesrepublikanischen Parlamentarismus‘ ist durch das Grundgesetz nicht vorgegeben, sondern hat sich über die Zeit des Bestehens der BRD mehrfach gewandelt, vor allem, aber bei weitem nicht ausschließlich, durch das Parlament selbst. 

Diese Prozesse zeichnet Meinel, beginnend mit einem Blick auf die Kontinuitäten zur Weimarer Verfassung, nach. Für mich überraschend ist dabei, wie wenig Aussage das Grundgesetz eigentlich zur Struktur des Parlamentarismus tatsächlich macht. Dass etwa BundeskanzlerIn und Kabinett eine Mehrheit im Bundestag haben und diesem angehören ist eine Konvention, die in den ersten, entscheidenden Jahren getroffen wurde. Theoretisch wäre auch eine antagonistischere Stellung möglich gewesen.

Die Kernfrage, auf die Meinel immer wieder zurückkommt, ist die: Wie soll der Bundestag eine Regierung kontrollieren, die nur Regierung ist, weil sie im Bundestag eine Mehrheit hat? Das ist ein Paradoxon, das nie geklärt wurde. Aus diesem Paradoxon leitet Meinel dann die vielen Pekuliaritäten der deutschen Verfassungswirklichkeit ab, von der informellen Großen Koalition zum Wirken der Ausschüsse über vieles mehr. Gleiches gilt für die Rolle der Länder und des Bundesverfassungsgerichts.

Meinels Erkenntnisse sind tiefgreifend. Sie verändern den Blick auf die Realität des politischen Systems und stellen die Fragen viel grundsätzlicher als die meisten, die sich über politische Prozesse beklagen, aber gleichzeitig auch wesentlich fachkompetenter und tiefgreifender, als es diejenigen tun, die glauben, in der Freiheit des Mandats und dem Fraktionszwang den Beweis gefunden zu haben, dass wir keine Demokratie haben. Gerade diesen „Experten“ sei das Buch dringend anempfohlen, aber auch anderen an der Struktur des Parlamentarismus Interessierten sei es dringend ans Herz gelegt.

Fred Kaplan – The Bomb. Presidents, Generals and the Secret History of Nuclear War

Nukleare Abschreckung schien lange Zeit ein Problem der Vergangenheit zu sein, ein Thema für den Geschichtsunterricht. MAD, kubanische Raketenkrise, Glasnost, Ende. Spätestens seit Trumps „Fire and Fury“-Rede aber ist das Thema wieder in den Vordergrund gerückt, und Fred Kaplan unternimmt es hier, eine etwas andere Geschichte der atomaren Sicherheitspolitik zu schreiben. Mit großem Erfolg, muss man sagen.

Was Kaplan schreibt ist letztlich eine Geschichte einer Behörde, die sich jeder Kontrolle entzieht. Es ist faszinierend, wie eine Administration nach der anderen von Eisenhower bis heute ins Amt kommt, die Pläne für den Kriegsfall sieht, von den Planern Revisionen fordert und – nichts geschieht.

Kaplan zeigt in seinem Buch detailliert die Logik des nuklearen Schlagabtauschs auf, die tatsächlich bei weitem nicht so simpel ist, wie man auf den ersten Blick annimmt. Ein Beispiel: Alle Beteiligten sind sich grundsätzlich einig, dass 40 in Atom-U-Booten stationierte, auf sowjetische Städte zielende Raketen genug sind, um abzuschrecken. Aber weil klar ist, dass es sich hierbei um die Vernichtung praktisch allen Lebens handelt (schon allein wegen des radioaktiven Staubs, der in die Atmosphäre geworfen würde) ist fraglich, ob eine rationale Person diese Bomben einsetzt. Wenn also die Sowjetunion nun Westeuropa angreift – würde der amerikanische Präsident dann, wie Charles deGaulle fragte, „Paris gegen New York tauschen“? Vermutlich nicht, und damit erlischt die Abschreckung.

Ergo braucht es Kurz- und Mittelstreckenraketen, die auf Truppenkonzentrationen gefeuert werden. Niemand glaubt, dass der Krieg eingedämmt werden könnte, aber gerade WEIL die Eskalation todsicher folgt, ist durch den Aufbau zusätzlicher Waffen die Abschreckung wieder intakt – und so weiter und so weiter. Jede Lücke, jede neue Technologie erfordert eine neue Reaktion, eine neue Runde im Rüstungswettlauf.

Doch das ist nur der eine Teil. Der andere Teil ist ein permanenter Wettkampf der Teilstreitkräfte („inter-service rivalry„, ein bekanntes Problem), bei dem jede Teilstreitkraft so viel Budget wie möglich für sich in Anspruch nehmen will, um so mehr Einfluss und Posten zu bekommen. Das führt zu einer völligen Eskalation der Ansprüche und Entkopplung von jeglicher strategischen Realität – soweit, dass auf ein sowjetisches Ersatzflugfeld, das nur in den Sommermonaten überhaupt benutzt werden kann und das ausschließlich für aus einem atomaren Einsatz ZURÜCKKEHRENDE Bomber gedacht ist (dubious proposition right there) sage und schreibe 27 Sprengköpfe zielten. Der Großraum Moskau wurde von weit über 600 Sprengköpfen anvisiert.

Kaplan zeichnet nach, wie die zuständige Behörde SAC sich völlig insulierte und ihre Geheimnisse vor den jeweiligen Verteidigungsministern versteckte und so zwischen 1962, als McNamara zum ersten Mal eine Begrenzung forderte, und 1988, als Bush die Wahl gewann, direkte Befehle des Präsidenten zu einer Kürzung missachtete, ohne dass dieser das auch nur merkte! Nur in einem kurzen Zeitraum unter Bush gelang es dem Verteidigungsministerium überhaupt, so etwas wie zivile Kontrolle zu etablieren, eine Kontrolle, die unter Clinton durch die entsprechende Blockadepolitik der Republicans (natürlich….) wieder verloren ging.

Für jeden, der sich auch nur ein wenig für das Thema interessiert, ist dieses Buch eine absolute Empfehlung. Man dringt zwar tief in das Hasennest ein, aber es lohnt sich…

Manfred Görtemaker – Die Berliner Republik

Die Trennung der Geschichte der BRD in die „Bonner Republik“ 1949-1990 und die Berliner Republik (seither) war Anfang der 1990er Jahre noch hoch umstritten, aber inzwischen ist deutlich geworden, was für eine Zäsur der Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin darstellt. Manfred Görtemaker unternimmt es in diesem kleinen Bändchen, nachzuzeichnen, welche Ereignisse in dieser Epoche liegen und warum sie eine solche Abkehr von den politischen Routinen Bonns darstellen.

Hierzu verfolgen wir den Zusammenbruch der DDR und die Politik Kohls, gehen in die 1990er Jahre, in denen Treuhand und Aufbau Ost das Land vor ungeahnte Probleme stellen und betrachten dort auch den gleichzeitigen Wandel der Außenpolitik hin zu einer interventionistischeren Ader. Unter den gleichen Auspizien steht dann auch die Betrachtung der Rot-Grünen Ära, ehe Görtemaker mit dem Übergang zur Regierung Merkel – mehr Kontinuität als Bruch – seine Betrachtung schließt.

So gern ich eine gute Geschichte dieser Ära lesen würde, so wenig kann ich leider dieses Buch empfehlen. Görtemaker begeht in dem Band in meinen Augen gleich zwei Kardinalfehler. Zum Einen lässt er seine persönlichen politischen Überzeugungen als Prämissen einfließen. Alles, womit er übereinstimmt, wird als hartes Fakt gehandhabt, alles andere maximal als unsaubere Alternative ausgeschlossen. Grundsätzlich ist es kein Problem, wenn ein Historiker eigene Ansichten in die Analyse einbringt, aber Görtemaker macht seine Prämissen und Werturteile weder deutlich (etwas, das selbst im Nebenfach Geschichte in der Oberstufe als zwingende Voraussetzung mehr als ausreichender Noten gilt), noch liefert er irgendwelche Begründungen für seine Behauptungen. Sie stehen einfach nur als axiomatische Urteile da.

Der zweite Kardinalsfehler ist die Beschränkung der Geschichte auf die Felder der Außenpolitik und der großen Regierungsvorlagen. Das Einzige, was in dem ganzen Buch überhaupt diskutiert wird, ist deutsche Außenpolitik auf der einen und große Reformvorschläge aus dem Kanzleramt andererseits. Gesellschaftlicher Wandel und ähnliche „weiche“ Themen kommen gar nicht vor, so dass Görtemakers Geschichte sich liest wie eine, die in den 1960er Jahren verfasst wurde.

Die ganze Ära Rot-Grün etwa beschränkt sich auf Kosovo, Afghanistan, Irak, Elbeflut und Hartz-IV. That’s it. Der Atomausstieg wird am Rande erwähnt, die restliche Umweltpolitik kommt gar nicht vor, auch werden gesellschaftliche Umbrüche in der Sozialgesetzgebung genauso wenig verhandelt wie das neue Staatsbürgerschaftsrecht (und die rassistische Hetze der CDU dagegen). Görtemaker steht offensichtlich voll hinter Schröders Maxime, dass es sich bei all dem nur um „Gedöns“ handelt, das der Aufmerksamkeit eines echten Historikers (weiß, männlich, fortgeschrittenes Alter, versteht sich von selbst) nicht wert ist. Finger weg von solch angestaubtem Kram.

Udo Wengst/Hermann Kentner – Das doppelte Deutschland. 40 Jahre Systemkonkurrenz

Die Idee hinter dem vorliegenden Band ist eine Aufsatzsammlung, in der ein bestimmtes Querschnittsthema anhand eines bestimmten Ereignisses aufgegriffen und vertieft wird. So behandelt ein Essay unter dem Ereignis „Mauerbau“ die gesamte Geschichte der Grenzübergänge (oder ihr Verhindern), kümmert sich ein Essay mit dem letzten gesamtdeutschen Kirchentag um die Beziehung der Evangelischen Kirche in Ost und West, wird anhand der Einladung Thomas Manns nach Weimar die Literaturpolitik beider deutscher Teilstaaten verglichen, und so weiter.

Der Vorteil des Essay-Formats ist klar. Einzelne Aspekte, die sonst in Gesamtabhandlungen in einem Absatz untergehen würden oder gar nicht erwähnt würden (looking at you, Görtemaker) kommen zu ihrem vollem Recht. Wie viel man aus ihnen jeweils herauszieht, liegt natürlich auch immer ein wenig am Eigeninteresse. Ich muss zugeben, bei manchen Essays deutlich aufmerksamer gelesen zu haben als an anderen, aber dafür bietet das Werk ja auch genug davon. Man kann quasi à la carte lesen.

Der Nachteil ist klar der, dass eine solide Grundkenntnis der Geschichte beider deutscher Staaten und der zugrunde liegenden Systeme und Dynamiken schon vorausgesetzt wird. Es wird schwierig, Kirchenpolitik einzuordnen, wenn einem nicht klar ist, was Jugendweihe und FDJ sind. Daher sei hier kurz die Warnung abgegeben, dass das kein Werk für Einsteiger ist.

Jedem aber, der sich für die grundsätzliche Prämisse eines Vergleichs zwischen beiden Teilstaaten interessiert, sei dieser Band engstens ans Herz gelegt. Wer dagegen einfach nur eine Überblicksgeschichte sucht, muss weiter schauen.

ZEITSCHRIFTEN

GEO Epoche – Die Stunde Null

„Die Stunde Null“ ist ein Thema, bei dem ich erst einmal instinktiv aufstöhne. Sie ist ein typischer Guido-Knopp-kompatibler Mythos, eine Meistererzählung ähnlich dem „Wirtschaftswunder“, die ungefähr so viel Bezug zu realen historischen Gegebenheiten hatte wie der Sturm auf die Bastille mit der Populärversion, die sich die Franzosen jedes Jahr erzählen.

Umso beruhigender ist es, dass die GEO-Epoche-Redaktion es geschafft hat (wie in fast jeder Ausgabe) der Versuchung zu widerstehen, einfach nur die übliche Guido-Knopp-Narrativität drüber zu knallen und es gut sein zu lassen. Stattdessen wird in mehreren Artikeln die Zeit zwischen (grob) 1945 und 1947 ausführlich beleuchtet. Zeitzeugen kommen dabei ebenso zu Wort wie die Autoren selbst, so dass eine vielschichtige Collage an Erfahrungen entsteht, die allein die Vorstellung, es habe eine für alle Deutschen auch nur ähnliche Stunde Null gegeben, Lügen straft.

So verzichtet die Redaktion etwa darauf, den Mythos der Trümmerfrauen wiederzukäuen und erwähnt nur kurz am Rande, dass diese von den Besatzungsmächten gezwungen wurden. Hungersnot und Mangel werden thematisiert, der Schwarzmarkt, die Flucht hochrangiger Nazis (am Beispiel von Mengele) mit Hilfe der katholischen Kirche und der argentinischen Diktatur, die Entnazifizierung, die Willkür der Besatzungsbehörden. Es gibt noch weitere Themen, aber der Band ist wie praktisch immer absolut empfehlenswert.

{ 3 comments… add one }
  • Ariane 11. April 2020, 19:12

    Bin ja immer wieder erstaunt, wieviel du so in einem Monat zusammenliest, Respekt! Und schöne Tipps dabei.

    1. Ilias
    Das will ich haben! Und dann gibts das nur auf Englisch und auch nur als Buch. Herrje, da brauch ich immer doppelt solange. Ist das sehr kompliziertes Englisch für Nicht-Muttersprachler/Englischlehrer oder kriegen das Leute hin, die so halbwegs passables Englisch können wie ich? (Mein passives Englisch ist meist deutlich besser^^)

    Ich liebe Neuinterpretationen von alten Sagen und Mythen, Gilgamesch, Artus-Sage, Ilias.
    Kennst du von Dan Simmons – Ilium & Olympus? Total abgedreht, irgendwie Science-Fiction und in der Zukunft spielen „Nachmenschen“ als Götter die Ilias nach. Und dann kommen noch Roboter aus dem Jupiterraum, weil die Götter die Physik mit ihrem Spielkram zerstören (schöne Analogie zur Umweltproblematik) und auf der Erde leben nur noch ein paar normale Menschen und da geht dann alles den Bach runter. Und nebenbei wird auf Shakespeare Bezug genommen, weil Prospero und Setibos auch „mitspielen“.

    Eins meiner liebsten Hörbücher und sehr abgefahren und verschachtelt, gleichzeitig aber auch sehr unterhaltsam und tiefgründig. Ich hab da zwischendurch immer mal rumgegooglet, um die philosophischen Diskussionen besser zu verstehen.

    2. Vertrauensfrage
    Sehr spannend, danke für den Tipp.
    Wie soll der Bundestag eine Regierung kontrollieren, die nur Regierung ist, weil sie im Bundestag eine Mehrheit hat? Das ist ein Paradoxon, das nie geklärt wurde.

    Ich meine, wir hatten das auch mal während der Thüringenkrise diskutiert. Das ist schon erstaunlich, wie unscharf die Verfassung da ist. Hätte es gar nicht für möglich gehalten, dass irgendwer Kanzler oder Landeschef werden kann, der nicht im Parlament sitzt.

    Und was mir beim Thema wieder einfällt? Ich glaub Merkel hat noch nie auch nur einmal die Vertrauensfrage im Parlament gestellt. Bei all den Krisen und Streitereien, die so passiert sind, höchst erstaunlich. Das war bei Kohl doch bestimmt anders?

    3. Atomkrieg
    Ich muss ja zugeben, ich hab früher viel Clancy gelesen und durch die Bücher sozusagen das erste Mal mehr über Atomwaffen erfahren, als das was man als Laie halt so weiß. Der ist ja irgendwie ein unheimlicher Nostradamus. Flugzeug in ein Gebäude jagen, Ebola-Epidemie gab es auch und verrückter Präsident, der eine Atombombe werfen will, was nur Jack Ryan verhindern kann, war auch dabei.
    Weiß gar nicht mehr, in welchem Roman das war, aber wenn Trump wieder von Atomwaffen anfängt, muss ich immer dran denken. Hoffentlich sitzt da oben dann auch ein Jack Ryan rum.

    Das Thema ist auf jeden Fall spannender und grusliger als nur „Atombomben gefährlich“. Gibt ja auch viele verrückte Geschichten auf russischer Seite, die dann noch mit veraltetem Material versuchen, mitzuhalten und dann Vogelschwärme mit Nuklearraketen verwechseln. Es sieht zwar nicht danach aus, aber ich hab wenig Lust auf einen neuen kalten Krieg mit noch mehr Atommächten und unberechenbaren Machos an der Spitze. Siehe Ölkrieg, den sie jetzt doch mal beigelegt haben.

    4. DDR vs BRD
    Auch sehr spannend. Hab ja seit ein paar Jahren durch den Mann eine ganze Ossi-Familie dazugewonnen (auch mit so einer typisch verschachtelten Familiengeschichte) und das ist immer wieder Thema. Die sind ja 1990 direkt nach Niedersachsen gezogen.
    Was ich übrigens echt schwierig finde: Man hat völlig andere Kindheitserinnerungen. Westdeutsche einer Generation haben ja eigentlich so eine Art gemeinsamen „Erinnerungspool“, welches Lego man toll fand und welche Serien man immer geguckt hat und meistens kennen alle noch die Themes davon auswendig. Und das ist immer, was bei ihm dann einfach nicht da ist. Er war mit der FDJ auf Usedom oder sowas.
    Sonst bemerkt man im Alltag die Unterschiede ja selten, aber da wirds dann plötzlich ganz deutlich. Er hat nicht mal Knight Rider oder Batman geguckt! Skandal^^

    • Stefan Sasse 11. April 2020, 20:57

      1) Leichtes Englisch ist es sicherlich nicht. Gibt’s bei Amazon keine Leseprobe?
      2) Ja, und bei Schröder. Darauf geht Meinel übrigens auch ein: Merkel brauchte die Vertrauensfrage nicht, weil sie immer auf die SPD vertrauen konnte – auch und gerade 2009-2013.
      3) Echo aller Furcht. ^^
      4) 😀

  • derwaechter 12. April 2020, 20:16

    “ Analysen und Prognosen sind deutlich stichhaltiger als das, was man in irgendeinem anderen Medium zum Thema finden kann, vor allem von den hochbezahlten Kolumnisten der großen Blätter und Nachrichtensender“

    Wenn ich mich informieren will greife ich auch die Arbeit von Reporter und „normalen“ Journalisten zurück und nicht auf Kolumnisten.

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