Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Europas Verteidigung
Jonas Schaible wundert sich in seinem neuesten Newsletter darüber, dass die Aussagen von Spahn und Rutte, dass Europa ohne die USA wehrlos sei und sich nicht verteidigen könnte, so merkwürdig unbesprochen bleiben. Denn wenn wir wirklich geliefert wären ohne die USA und völlig schutzlos, dann können wir echt einpacken. Ich glaube aber auch, das ist viel Hysterie. Ja, die europäischen Armeen sind gerade nicht in einer blendenden Verfassung. Aber zum einen wird daran gearbeitet, das zu ändern. Und zum anderen glaube ich nicht, dass in einem realen Kriegszustand, in dem das europäische Kernterritorium betroffen wäre, also mit einer Umstellung zu voller Kriegswirtschaft, Europa nicht sich zu verteidigen in der Lage wäre. Der Preis dafür wäre hoch, und vieles an fehlender Ausrüstung und Kompetenzen würde letztlich durch Menschenleben wettgemacht werden müssen. Aber das ist nicht dasselbe wie völlig wehrlos. Europa verzwergt sich da auch etwas. Wir sind nicht ein kollektives Luxemburg.
2) Marco Rubio in München
Bei der Münchner Sicherheitskonferenz schlug dieses Jahr nicht J. D. Vance auf, sondern Außenminister Rubio. Aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen wird das von zahlreichenden Beobachtenden mit einer ungeheuren Bedeutung aufgeladen (Nico Lange vergleicht dieses Phänomen mit einer „toxischen Beziehung“; Regina Laska analysiert die Rede und die Reaktionen hier ausführlich); Majid Sattar versteigt sich etwa in der FAZ sogar zu der Behauptung, dass mit ihm als Präsidentschaftsbewerber 2028 zu rechnen sei und konzediert, er sei der einzige, auf den sich Europa noch verlassen könne. Sorry, da ist gar nichts, auf das man sich verlassen könnte. Wer glaubt, dass Rubio sich gegen MAGA stellen und das Ganze auch noch gewinnen könnte, ist ein Traumtänzer. Er wird sich nicht dagegen stellen, wenn sein Boss im Oval Office etwas anderes befiehlt. Diese Fantasien, dass man einzelne Leute aus Trumps Umgebung quasi für sich in Anspruch nehmen und gegen ihn ausspielen könnte, ist genau das: Fantasie. Rubio ist einer der letzten, die noch den alten republikanischen Ethos von außenpolitischen Alleingängen und so weiter haben, aber damit steht er ziemlich allein auf weiter Flur. Als Präsidentschaftskandidat hat er sich 2016 disqualifiziert.
Auch witzig ist übrigens, wie sehr wieder einmal vom Standpunkt abhängt, ob man Ratschläge toll findet oder nicht. So ist etwa der Welt-Kolumnist Marc Felix Serrao begeistert von Rubios Einmischung in Europas Angelegenheiten und klopft dafür, „Massenmigration“ endlich als Problem zu begreifen, weil ansonsten „in 20 bis 30 Jahren Europa anders aussieht“. Irgendwie klang das anders, als Baerbock die Einhaltung der Menschenrechte anmahnte; das war ein absolutes No-Go. Inhaltlich nimmt Thorsten Dittkun den rassistischen Blödsinn von Marc Felix Serrao auseinander. Es ist auffällig, wie der da mit Begriffen von „unbestreitbar wahr“ um sich wirft, während es sehr bestreitbar unwahr ist. Was übrigens nicht heißt, dass Migration nicht ein Thema wäre, aber halt nicht wegen diesen völkischen Albtraumszenarien.
3) Der Indigo-Blob
Immer wieder kommt in der Diskussion die Frage auf, ob „die Medien“ einen linken Einschlag haben oder nicht. Das grundlegende Misstrauen aus der Rechten ist zwar ohnehin unabhängig von Empirie, weil es auf Wahrnehmung beruht, aber eine Untersuchung ist schon allein deswegen nötig, weil eine vernünftige Analyse nur möglich ist, wenn wir die Realität korrekt beschreiben können. Nate Silver postuliert in einem Artikel die Existenz eines „Indigo Blobs“; seine Argumente beziehen sich dabei auf die US-Medienlandschaft, aber ich denke, sie sind mit einigen Anpassungen auch für Deutschland anwendbar. Seine Datenanalyse ergibt drei relevante Datenpunkte. Die ersten beiden sind, glaube ich, für die USA weitgehend unstrittig: die „rechten“ Medien (vor allem FOX News) sind WESENTLICH parteiischer als einerseits die „linken“ Medien (etwa MSNBC) und die „Mainstream“-Medien (etwa CNN oder NBC) und gleichzeitig gibt es wesentlich mehr nicht-rechte Medien. Somit entsteht eine Unwucht: die unparteeischeRE (man beachte den Komparativ) Berichterstattung gibt es bei den Mainstream-Medien, aber diese sind eben nicht unparteiisch.
Hier kommt der dritte und für die Diskussion auch in Deutschland relevante Punkt ins Spiel, nämlich Silvers Verweis auf den Indigo-Blob: der Mainstream der Medien tickt Mitte-Links. Nicht stark, aber grundsätzlich vorhanden und wahrnehmbar. Das Problem allerdings darauf zu reduzieren, nun einseitig eine Behauptung aufzustellen, die seien parteiisch und man müsse das System zerstören, halte ich für zu kurz gesprungen, denn mit einer weiteren Radikalisierung ist ja auch niemand geholfen. Und die ist in Deutschland ja bei weitem noch nicht so weit wie in den USA. Für den Mainstream dürfte der Befund ebenfalls gelten: ZEIT, Spiegel und Co befinden sich auf Silvers Metrik vermutlich auch irgendwo zwischen 0 und -3. Der Unterschied ist unser rechts Biotop. Die FAZ ist locker das Äquivalent, während die Welt zwar deutlich radikalisiert ist, aber bei weitem nicht auf FOX-Niveau herumschwimmt. Das ist aktuell noch NIUS‘ und Apollo News‘ alleiniger Bezugsraum. Als letzte Bemerkung halte ich Silvers Konzentration auf Twitter für ebenso korrekt wie irrelevant. Wie die Nutzendenbasis tatsächlich in der Masse aussieht ist ja völlig irrelevant. Auch wenn nur 30% der Nutzenden rechts sein sollten, sehen die ja trotzdem keine linken Inhalte. Die Follower- und Filterblasenstruktur sorgt ja dafür. Und ein besseres Bild der realen Bevölkerung bekommen Journalist*innen und Politiker*innen auch nicht, wenn sie neben der woken Crowd auch Nazis in die Timeline bekommen. Das Resultat sehen wir gerade auch im Scheitern eines vernünftigen Umgangs mit der AfD.
4) Mit Rechten reden
Simon Sahner schreibt auf 54books eine Art Rückblick auf das Buch „Mit Rechten reden“ (Raus aus der Manege – Warum öffentliches Reden mit Rechten ein Problem ist“). Er postuliert, dass derzeit mehr mit Rechten gesprochen werde als je zuvor (soweit wahr) und dass dies offensichtlich keinen Effekt auf deren Anziehungskraft habe (ebenfalls wahr). Seine These ist, dass dies daran liegt, dass die rechte Blase anders als die konservative, liberale und linksliberale Mitte nicht an einem echten Austausch interessiert ist. Die Vorstellung, man entlarve die Rechtsradikalen und -extremen und könnte diese dadurch bezwingen, führe in die Irre, weil deren Anhänger*innen immun gegen solche Entlarvungen seien und sich nur als Opfer inszenierten und bestätigt sähen. This is true as far as it goes, aber das Phänomen ist ja grundsätzlich eher eine psychologische Konstante. Niemand kommt gut mit kognitiver Dissonanz klar, und alle politischen Richtungen sind sehr gut darin, „Widerlegungen“ der anderen Seite zu ignorieren. Ich denke, der größere Unterschied besteht in der Resistenz gegenüber Skandalen, aber das ist auch nur eine Frage des Trainings: Verantwortlichkeit ist in der DNA der demokratischen Parteien, die hier Selbstreinigungsprozesse haben, die den Extremisten schlicht völlig abgehen, die in Kategorien von „wir gegen die“ denken. Grundsätzlich wäre dies auch der politischen Mitte antrainierbar, und wir können gottfroh sein, dass unsere politische Kultur schlicht eine andere ist. Letztlich beschreibt Sahner damit auch nur einmal mehr, dass es offensichtlich nichts taugt, mit Rechten zu reden, um sie zu demaskieren oder zurückzukonvertieren. Eine Lösung für das Problem findet sich aber auch nicht.
Resterampe
a) Also, manchmal ist Marcel Fratzscher echt eine Heiße-Luft-Maschine. Der Artikel hat eine super interessante Prämisse, aber keine Struktur, mäandert rum und wiederholt vor allem Allgemeinplätze.
b) Bret Deveraux hat einen großartigen Artikel zu bewaffneten Aufständen und gewaltfreiem Protest. Er nimmt darin auch starken Bezug auf das von mir rezensierte „Waging a good war“.
c) Marc Röhlig schreibt im Spiegel vom „Epstein in allen Männern„, und ich weiß nicht, wie sehr ich diese Argumentationslinie mag. Auf der einen Seite beschreibt er reale Probleme, die ich hier im Blog ja auch oft genug anprangere, aber auf der anderen Seite halte ich es für schwierig, dazu die Brechstange des Epstein-Vergleichs zu benutzen. Das hat für mich akute Gefahr, der Nazivergleich der Genderfragen zu werden.
d) Eine Umfrage ergibt, dass ein großer Teil der Deutschen denkt, in den 1980er Jahren sei das Leben besser gewesen als heute. Was für ein Unfug. Außenpolitisch war damals noch Kalter Krieg und Atomkriegsgefahr, die AIDS-Epidemie griff um sich, die Lebenserwartung war niedriger, das Fernsehprogramm auch nicht besser, die Gesundheitsversorgung wesentlich schlechter, der Segen globalen Handels mit seiner Auswahl günstiger Konsumgüter noch nicht da, und so weiter und so fort. Diese toxische Nostalgie, ich krieg die Krise.
e) Ukrainische Drohnenpiloten haben ein Manöver mit NATO-Truppen gemacht und letztere ziemlich eingeseift. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig die Unterstützung und Kooperation mit der Ukraine für unsere Sicherheit ist. Die Erfahrungen der ukrainischen Armee sind ungeheuer wertvoll.
f) Zum Thema „kein rechtsextremer Antisemitismus“.
g) Der „Verein der deutschen Sprache“ blamiert sich wieder mal. Das beste ist, dass sie dann, wie alle Ideologen, die Korrektur nutzen, um zu zeigen, dass sie Recht hatten 😀
h) Kritik an der Martenstein-Rede. Genau deswegen macht es auch so wenig Sinn, ständig auf diesen Meinungsfreiheitsunsinn reinzufallen.
i) Zur Debatte um die Washington Post hier noch etwas zur Abschaffung der Rezensionssparte und zu den wirtschaftlichen Grundlagen.
j) Die WTO kritisiert Chinas Handelsüberschuss als das Gleichgewicht des Handels gefährdend. Die Argumentation kommt mir aus den 2000er Jahren für Deutschland bekannt vor und ist für China genauso richtig.
Fertiggestellt am 24.02.2026



zu 3) „nämlich Silvers Verweis auf den Indigo-Blob: der Mainstream der Medien tickt Mitte-Links. “
Die rechts-links- Einordnung ist ja keine objektive und macht daher nur Sinn im Vergleich zur Einstellung der Menschen in einer Gesellschaft. Wenn der Satz oben so stimmt bedeutet das entweder
1. Die Menschen konsumieren im Mittel linkere Medien als es ihrer eigenen Einstellung entspricht.
oder
2. Die Menschen konsumieren eher linke Medien, weil die (im Mittel) besser sind (besser geschrieben, besser recherchiert, fundiertere Information erhalten etc.)
oder
3. Linke und rechte Medien werden gleichviel konsumiert, aber es gibt mehr kleine linke Medien und wenig große rechte Medien. Dann gibt es aber keine „Unwucht“.
oder
4. Die Gruppierung in rechte und linke Medien geschieht nicht im Vergleich zur Einstellung der Gesellschaft (ich habe die Veroeffentlichung nicht gelesen, aus der die Daten stammen).
oder
5. Die These stimmt nicht.
Die Thesen schließen sich gar nicht alle gegenseitig aus.
Zu 3)
Geht IMHO wieder einmal am eigentlichen Problem vorbei: In nahezu allen gesellschaftspolitischen Fragen steht eine grosse Mehrheit der Medien (und aller Bildungseinrichtungen) sehr deutlich links der Bevölkerungsmehrheit, soweit sich das in Umfragen überhaupt ermitteln lässt. Dasselbe gilt für die deutschen Parteien mit Ausnahme der AfD, aber unter Einschluss der Union. Und diese Realität überlagert die Medienwahrnehmung.
Zu 1) nur zwei Anmerkungen:
1) Im Moment ist re Kriegstauglichkeit (der einzige Sinn und Zweck von Armeen) Europa tatsächlich ein grösseres Luxemburg
2) Stefans Anmerkung Aber zum einen wird daran gearbeitet, das zu ändern. hat bisher keine beobachtbare Basis in der Realität (Personaleserven, Munitionsbevorratung, europäische Rüstungsproduktion etc.)
Selbst ein aktueller (und ausserordentlich freundlicher) Artikel der ZEIT bestätigt im Ergebnis meine o.g. Schlussfolgerung unter 2). Nein, ich bin kein Pessimist, als Projektmanager und Reserveoffizier nur trainierter Realist.
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-02/zeitenwende-bundeswehr-einsatzbereitschaft-olaf-scholz
Nicht dass es mit der Idee der europäischen Idee weit her ist, aber ich finde, es ist ein deutlicher Unterschied, ob wir hier von Deutschland alleine oder Europa (meinetwegen noch getrennt EU/NATO) sprechen.
Selbst eine geschwächte NATO ohne die USA wäre noch etwas anderes als jedes europäische Land komplett allein auf weiter Flur.
Stimmt soweit, ändert aber nichts an dem kriegsuntüchtigen Zustand der Bundeswehr. Der einzige Sinn und Zweck einer Armee ist Kriegstüchtigkeit. Erfüllt sie diesen nicht, ist jeder Euro dafür letztlich rausgeschmissenes Geld. Für ihre jetzige Leistungsfähigkeit sind unsere Streitkräfte enorm überteuert, was nicht die Schuld der Militärs ist.
Das war ja aber gar nicht die Frage, sondern ob die NATO/EU ohne die USA wehrlos sind. Sind sie nicht. Sinn und Zweck der Bündnisse, ist ja gerade, dass nicht jedes Land für sich alleine kämpfen muss.
Ja, in Deutschland siehts nicht so rosig aus. Aber ich glaube der Schritt ist auch größer als bei anderen EU-Ländern, weil Deutschland so ein schwieriges Verhältnis zu allem Militärischem hat.
Das fällt mir als Linker mit der Außenseiterposition der eher positiven Einstellung zur Bundeswehr vielleicht mehr auf, aber ich finde es erstaunlich und beachtlich, wie problemlos die Aufrüstungsinitiative sowohl in der Politik als auch in der Mehrheit der Bevölkerung angenommen wird. Dass man sich recht übergreifend darauf einigt, dass eine kriegstüchtige Bundeswehr erstrebenswert ist, scheint mir gar nicht so wenig.
Für meinen Geschmack geht ein solcher Defätismus zur Zukunft des sogenannten Westen zu weit. Manche Autoren wie der ins Deutsche übersetzte Franzose Emmanuel Todd oder auch Jeffrey Sachs zu weit. Dieser geniesserartig ausgelebte Defätismus bringt überhaupt nichts.
Wir müssen auf jeden Fall einiges ändern, um mit unserem System bestehen zu können, aber Psychologie wird noch wichtiger sein als Militär. Ich hör mir Todd manchmal an, aber unter Selbstzwang.
Die Russische Armee hat auch deutliche Schwächen und der Selbstbehauptungswille der Skandinavier, Polen und Balten ist gottseidank besser ausgeprägt als unserer.
3) Der Indigo-Blob
Das Problem mit Deinen Interpretationen ist, dass Du „Mitte“ als einen eigenen, definierten Punkt ansiehst. „Mitte“ ist aber in jeder Demokratie anders bestimmt.
Aus dem Parlament abgeleitet befindet sich in Deutschland die politische Mitte derzeit an der Kante zwischen Konservativen wie Carsten Linnemann und dem Arbeitnehmerflügel der CDU. Die betrachtest den Schnittpunkt an der Kante von Politikern wie Habeck und Hasselmann und dem postmateriellen Milieu. Auf der linken Seite dieser Definition von Mitte befinden sich aber nur so 25 bis höchstens 30 Prozent der Deutschen.
Ja, die werden von den ÖR-Medien und vom SPIEGEL angesprochen. Sonst aber wenig. Es ist ja augenfällig, dass sämtliche „Fehler“ von ARD und ZDF in Berichterstattung und Reportagen ausschließlich in Richtung links-öko gingen. Das sind keine Fehler, wie sie passieren können, das ist Ideologie.
Mitte ist ein Spektrum, kein Punkt. Davon abgesehen sind die Leute, die sich als Mitte sehen, so inkonsistent, dass keine Partei sie abbildet und abbilden kann.
Ja. Aber wenn man sagt, die in Blasen lebenden AfD-Anhänger seien keine Mitte, dann trifft das eigentlich auf die ebenfalls in Blasen lebenden Grünen-Anhänger zu.
Jedenfalls, weder die Periorisierung von Themen noch die Meinungssetzung in den ÖR bilden große Schnittmengen mit den regelmäßigen Umfragen und Wahlnachbefragungen.
Du müsstest schon Argumente haben, warum aus Deiner Sicht der SPIEGEL Mitte repräsentiert, die WELT und die BILD aber nicht. Da lese ich nichts von Dir. Alles außer Bauchgrummeln.
Ich habe das erst heute in der Schule erklärt, weil mich Schülerinnen nach dem Mitte-Begriff gefragt haben. Ich denke, eine häufige Verwirrung kommt daher, dass es Policy-Übereinstimmungen gibt, die quer durch die politischen Lager schneiden. Ein Beispiel: die Grünen sind bei ihren Positionen zu Gendern, Transrechten, Migration etc. alles, aber nicht Mitte. Da sind sie ziemlich radikal. Bei Themen wie der Unterstützung der Ukraine dagegen sind sie bombenfest mittig. Die CDU hat eine sehr mittige Position bei der Migrationsfrage, aber ist so was von nicht Mitte, was ihre Haltung zu Teilzeit, Krankschreibungen oder Zahnersatzleistungen angeht. Und so weiter. Es kann völlig problemlos sein, dass die AfD Positionen im Portfolio hat, denen eine breite Mehrheit zustimmt. Dasselbe gilt auch für die LINKE. Aber das macht sie nicht als Ganzes Mitte.
Ich halte es nicht für zulässig, Einzelmaßnahmen nach Parteiproporz zu sortieren. Das geben auch die soziologischen Studien nicht her. Man kann Grün wählen und gegen Zahnersatzleistungen auf Kasse sein. Es geht um prinzipielle Einstellungen.
Gendern: Zweidrittel der Bevölkerung lehnen Gendern ab, das ist die Mehrheitsposition von AfD bis SPD-Wählern.
Transrechte: Was soll das sein?? Die große Mehrheit versammelt sich hinter der Position des Grundgesetzes.
Migration: Zweidrittel befürworten eine klare Kontrolle der Zuwanderung, zwanzig Prozent lehnen das ab.
System der GKV und Rentenversicherung: Eine große Mehrheit befürwortet deren Dominanz, aber das ist weit bis zur CDU und AfD mehrheitsfähig. Anders verhält es sich beim Mietrecht: Linke befürworten stark den Mieterschutz, Rechte betonen die Freiheit von Vermietern.
Das ist doch genau mein Punkt. Ich bin bei manchen Feldern sehr in der Minderheit, in anderen sehr in der Mehrheit. Und die entsprechen nicht einem Parteiprogramm.
Das sehe ich nicht so. So skizzierst Du eine Wohlfühloase, wo Du Dich immer als „Mitte“ definieren kannst.
Was ist prägend, wie ist das Wertesystem gezeichnet, mit dem eine Zuordnung zu Milieus und die Einordnung in die parlamentarischen Schemata möglich sind? Du hast eine klar linke Prägung in Deinen sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Einstellungen, von Deinen Überzeugungen zu Staat & Migration, Klima und Dominanz des Staates ohnehin. Auf Anhieb fällt mir kein Bereich ein, in dem man Dich auf der Schablone eindeutig mittig-rechts einordnen könnte. Du bist so klar links profiliert wie ich rechts profiliert bin. Der Unterschied: Einige meiner politischen Überzeugungen lassen sich nicht einmal deutsch fassen, finden sich in merklicher Zahl überhaupt nur in anderen Ländern.
Und weil das alles so ist, ist es Dir so unmöglich eine rechte Partei zu wählen wie ich auf großem Abstand zu allen linken Parteien stehe. Allerdings haben sich auch die Parteien verändert. Noch 2011/2012 hätte ich mir die Wahl einer SPD unter Führung von Peer Steinbrück vorstellen können. 1998 habe ich immer noch geholfen, Gerhard Schröder zum Kanzler zu machen. Die SPD hat sich eindeutig von mir wegbewegt, nicht ich mich von der SPD.
Wie Stefan Sasse schon sagt: Die meisten Menschen verorten sich bei verschiedenen Punkten halt unterschiedlich und sie verändern auch ihre Einstellung. Die von dir gerne mal hervorgebrachten „die Linken“, d.h. Leute die nur solche Positionen vertreten, gibt es zwar, aber es werden immer weniger, auch weil unsere Gesellschaft altert.
Nach der Kündigung meines Spiegel-online Abbos bleibt nur noch Le Monde online, die ich aber auch nicht oft lese. Ich hatte als Student mit wenig Geld Handelsblatt und Spiegel abboniert. Die Zeit habe ich gebraucht von meinen Eltern eine Woche später gelesen. Für die Politik reichen mir die zahlreichen guten Audio-Formate aus. Da höre ich quer durch den Garten der politischen Grundhaltungen, recht ausgeglichen zwischen den Hauptsprachen und wenig in Portugiesisch, obwohl ich aktuell Bock auf Brasilien habe, aber das hält mein Energielevel nicht aus.
Ich check jetzt auch ein bisschen mein Medienabbos-Budget. Ich gebe ja nun jeden Monat zusätzlich 37 Euro für Claude Code und Mistral KIs aus, die ich steuerlich geltend mache. Außerdem werde ich mir den Kobo Colour EReader kaufen, um mehr in Europa zu kaufen und weil EPub als Format für mich Vorteile hat.
Dann noch 3 IT E-Learning Plattformen, wo ich auch eine bald feuern werde. Ach-ja. Und Lingoda Video-Konferenz-Französisch-Stunden. Letzteres könnte ich ersetzen, aber ich bin das da gewöhnt und werde bis zum Ende durchziehen. Der Umfang des Kurses schlägt jede Universität um Längen, was natürlich auch geschäftliche Gründe hat.
Es fehlt dann auch irgendwann einfach an Zeit
d) Ein Thema, über das ich vor kurzem erst eine Diskussion hatte, deshalb relativieren sich mir die Punkte, die du aufführst, doch sehr:
i) Atomkrieg: Weltuntergangsuhr 1984 war 3 Minuten vor 12, heute sind es 85 Sekunden
ii) Aids: ist, wenn du den gesellschaftlichen Impact ansiehst, ziemlich schwach gegenüber Corona. Vor allem sehe ich die mittelfristige gesellschaftliche Reaktion auf Aids positiv ( Anerkennung von Homosexualität und Kondomen) und auf Corona negativ (Errichtung einer „Anschreigesellschaft“)
iii) Lebenserwartung: Eindeutige Verbesserung, kleiner Wermutstropfen ist, dass die fast nur bei der oberen Hälfte der Einkommen ankommt.
iv) Fernsehprogramm: kein Urteil, reine Geschmackssache [Ich erlaube mir allerdings einen „cheap shot“ mit der Anmerkung, dass es damals wenigstens keiner gemerkt hat, wenn die Bilder in ZDF-Nachrichten gefälscht waren]
v) Gesundheitsversorgung: Durchwachsen; Einerseits ist die Ärztedichte deutlich höher; Andererseits wurden damals Zahnersatz, Sehhilfen und Psychotherapie fast immer von der Krankenkasse voll übernommen.
vi) günstige Konsumgüter: Muss man in Relation sehen, da die Grundaussage „Damals konnte ein Facharbeiter mit seinem Einkommen einer 4-köpfigen Familie einen vernünftigen Lebensstandard liefern (und heute nicht mehr).“ richtig ist, auch wenn man es wie immer je nach konkreten Umständen etwas differenzierter betrachten muss.
i) Der Unterschied ist nicht wirklich spürbar.
ii) AIDS in den 80ern war eine Katastrophe für die Betroffenen und wurde stigmatisiert. Die positiven Effekte, die du nennst, kamen erst in den 1990er Jahren.
iii) Ja.
iv) Ich habe heute viel besseres Zeug und kann es mir aussuchen. Muss halt nur lineares Fernsehen weglassen.
v) Pychotherapie war massiv stigmatisiert, Sehhilfen waren Kassenmodelle und Zahnersatz Lichtjahre vom heutigen Niveau entfernt.
vi) Das war auch damals nicht richtig.
Zu ii ein Zusatz:
AIDS war ebenso eine Katastrophe für das Sexualleben junger Leute (ich rede hier aus der ehemaligen Betroffenheitsperspektive). Ende der siebziger/Anfang der achtziger war eine Phase, in der Sex sich als Hobby etablierte, was durch das AIDS-Risiko (damals lebensgefährlich) rigoros abgewürgt wurde. Er war in einem Ausmass „einfach“ zu bekommen (junge Männer wie Frauen), das sich heute junge Leute nicht mehr vorstellen können, und das ohne Indernet und Tinder.
Danke!
i) Risiken sind erst dann spürbar, wenn sie eintreten, aber wenn du ansiehst, wie viele Deutsche (siehe Fundstücke 1 und 2 ) einen Weltkrieg 3 für akzeptabel halten, hat das BAS mit seiner Einschätzung nicht unrecht.
ii) Ich spreche von mittelfristig – wir befinden uns im Jahr 5 nach Corona. Im Vergleich ist das ca. 1990 (AIDS wurde erst 1985 groß thematisiert, davor war es ein „Randphänomen“). Und 1990 gab es es die Solidaritätsschleifen und Kondomwerbung im Fernsehen.
iv) Du meinst also, dass das Fernsehprogramm besser ist, wenn man nicht fernsieht. Das galt auch früher, da konnte man sich in Videotheken „das gute Zeug“ (und das „so schlecht, dass es wieder gut ist Zeug“) besorgen.
v) Lieber eine hässliche Brille als keine Brille
vi) Wie gesagt, sicher nicht in toto, aber insgesamt ist da die reale Situation anders geworden.
Aber du begehst in iv) und v) (und indirekt vi) ) den Trugschluss, dass du technologische Fortschritte, die es unumstritten gegeben hat, mit den gesellschaftlichen Rückschritten aufrechnest.
i) Ich weiß nicht, wo das aus den Fundstücken 1 und 2 abliest.
ii) Ok, fair, aber 1990 ist halt nicht die 80er. 🙂
iv) Ja, aber damals war die Trennung Film und Fernsehen noch viel schärfer als heute. Das serielle Erzählen ist um Kategorien besser geworden. Darauf wollte ich raus.
v) True.
Vielleicht.
d) Eine Umfrage ergibt, dass ein großer Teil der Deutschen denkt, in den 1980er Jahren sei das Leben besser gewesen als heute.
War so. Die Achtziger waren nur Anfangs noch im Kalten Krieg gefangen, ab 1985 setzte das Tauwetter ein, das 1989 in der größten friedlichen Revolution mündete. Die Wirtschaft boomte, die Löhne wuchsen und der Optimismus war groß. Um 1985 herum hatte das Leben eine Leichtigkeit.
Die Filme waren auch besser (von Bond abgesehen) und spiegelten den Zeitgeist. Von der Musik zehrt man heute noch. Die Gesundheitsversorgung galt damals noch als vorbildlich, die Wartezeiten wurden noch nicht in Stunden gemessen. Und ja, welche Waren? Nein, die Zeit der Wegwerfprodukte war noch nicht gekommen.
h) Kritik an der Martenstein-Rede. Genau deswegen macht es auch so wenig Sinn, ständig auf diesen Meinungsfreiheitsunsinn reinzufallen.
„Meinungsfreiheitsunsinn“. Das geht ja schon als Unwort des Jahres durch. Solange die AfD nicht wegen ihrer vermeintlichen verfassungsfeindlichen Umtriebe verboten ist, geht sie als normale Partei durch. In Bremen schaffen sie es ja sogar, einer solchen Partei das Vertrauen auszusprechen.
In einer Demokratie hat eigentlich nur einer zu bestimmen, wer satisfaktionsfähig ist und wer nicht. Wer das nur in Frage stellt, schafft das demokratische Votum ab. Gerade Sozialdemokraten und Grüne behaupten seit über einem halben Jahrzehnt und mehr, die AfD sei eine verfassungsfeindliche Partei. Wenn das so wäre, hätten sie den Fall längst nach Karlsruhe tragen müssen. Warum es nicht passiert ist, hat nichts mit Rücksichtnahme auf Partei und Wähler zu tun. Es ist die Angst sich zu blamieren.
Artikel 21 (2) Grundgesetz ist bereits eine Anomalie in westlichen Demokratien. Das Verbot von Parteien ist prinzipiell nicht vorgesehen, es ist eigentlich ein Machtmittel in Autokratien und Diktaturen. Wenn man eine Partei verbieten will, die im Westen jeden fünften und im Osten 35-40 Prozent erreicht, bekommt man Schwierigkeiten, das demokratisch zu begründen.
Eine weitere deutsche Anomalie ist der Verfassungsschutz. Es ist der einzige westliche Sicherheitsdienst, der darauf gerichtet ist, die politische Gesinnung seiner Bürger zu überwachen und zu kontrollieren. Auch dies ist in freiheitlichen Gesellschaften so nicht vorgesehen.
Es gab 1949 gute Gründe zur Vorsicht. Aber wer Notbremsen nicht auf den absoluten Ausnahmebereich reduziert, macht sie zur Karikatur.
j) Besonders grotesk in diesem Zusammenhang ist, dass Merz in China den chinesischen Handelsüberschuss gegenüber Deutschland kritisiert. Das ist der Kanzler jenes Landes, dass mit seiner «Beggar-thy-Neighbor-Politik» seit über 50 Jahren auf Kosten seiner Nachbarn lebt. Und diese dann noch wegen ihrer Staatsschulden beschimpft. Das erste ist einfach Unverschämt, das zweite ein weiterer Beweis dafür, dass die Union über keinerlei «Wirtschaftskompetenz» verfügt.
2) Der allerpeinlichste Moment der Rede ereignete sich unmittelbar im Anschluss an die Rede, als auf ein Signal Söders hin Wadephul und Pistorius sich nicht entblödeten, Standing Ovation zu spenden. Denn hat Rubio dasselbe wie JF Vance im Jahr zuvor in München gesagt, nur etwas «freundlicher» verpackt. Den Titel «Scheiße in Strumpfhose» hat er sich damit redlich verdient, aber unsere Repräsentanten kriechen diesem auch noch in der Allerwertesten.
g) Die wollten einen billigen Witz auf Basis dessen machen, dass sich gendern -egal in welcher Form – nicht konsequent durchhalten lässt (siehe derwaechters regelmäßige Hinweise darauf) (*).
Dass sie diesen Witz erklären müssen, ist eher ein Nachweis, wie schwer sich Leute im Internet mit uneigentlicher Rede tun.
Aber auf einer anderen Ebene geht der Witz tatsächlich auf Kosten der Sprachschützer (oder -schützenden?): Schiffe SIND grammatikalisch „trans“(-genus), weil da alles que(e)r zu Konventionen läuft. Obwohl „das Schiff“ ein (unbestrittenes) Neutrum ist, wird es selbst mit männlichem Namen weiblich behandelt: „Die Wilhelm Gustloff“. Ausnahme: Es hat eine Aufgabe, dann wird es männlich „Der Flugzeugträger“ (oder „Flugzeuge tragende“ ?) . Diesbezüglich also ein fröhliches „Ship happens“
(*) Auch hier machst du dich dessen „schuldig“, wenn du etwa unter 3) von „Nutzendenbasis“, aber nicht von „Followenden- (blase)“ sprichst.
True 🙂
Diesbezüglich also ein fröhliches „Ship happens“
Nice one!
Grundsätzlich natürlich begrüßenswert, wenn sich ganz Deutschland mal mit nautischer Grammatik beschäftigt!
zu 2) Nach dem was ich bei Ronsheimer gehört habe, glaube ich auch nicht, dass Rubio eine Option als Kandidat darstellt. Die Neoreaktionären haben die Republikanische Partei übernommen und da gibts JD Vance. Manche Leute bekommen einfach den Transatlantik nicht aus ihren Gedanken, der aber für die Republikaner keine Rolle mehr spielt.
Europa ist auch nicht so Rubios Ding. Der konzentriert sich auf einem Regime Change auf Kuba.
g) Verein deutscher Sprache.
Völlig durchgeknallt und hoffnungslos. 🙂
Wegen mir sollten die bei Grammatik- und Rechtschreibreformen Profis konsultieren, die mindestens 7 oder 8 wirklich beherrschen und deshalb wissen, worauf es wirklich ankommt.
Aber lustig war es schon, hat mich ein bisschen an den Spaß erinnert, als Rechtsdrehende meinten, Fahrspurende wäre gegendert 😀
Im Übrigen ist die nachgeschobene Erkärung des Sprachvereins natürlich ganz daneben, denn das einzig relevante Partizip hier war tatsächlich eisbrechend. Eine notschleppende Neuwerk mit Defekt wäre keine News gewesen während unserer nördlichen Eiszeit hier.
Und nein, ich liebe die Volten der deutschen Grammatik. 😀
j) Ähnliche Kritik gabe es bis in die zweite Hälfte der 80er gegen Japan, das dann schmerzhafte Kompromisse einging. Ich war damals eher auf Seiten Japans, aber ich habe meine Meinung bis heute geändert.
In Frankreich ging vor ein paar Wochen eine Unternehmerin durch die Medien, die behauptete, von einer Allianz aus EU-Bürokraten und deutschen Wettbewerbern mit harten Bandagen aus dem Markt verdrängt worden zu sein. Das müsste man sich aber genauer anschauen. https://www.youtube.com/watch?v=VKPoFW5kYqo [baguette language mit übersetzbaren Untertiteln]
4) Das was du hier theoretisch erörterst, zerbröselt komplett, wenn du dir das Praxisbeispiel in Fundstück h) ansiehst. Da ist ein Format, das erzwingt(!), mit „Rechten“ und deren Fürsprecher zu reden bzw. als Mindestmaß ihnen zuzuhören. Und das Ergebnis ist für manche Progressive so unerträglich, dass sie sich – siehe die letzten 3 Absätze von h) – lieber von jedem Gesprächsformat verabschieden. Das du dazu das Unwort (in dem Punkt gebe ich Stefan Pietsch recht) „Meinungsfreiheitsunsinn“ beisteuerst, ist da nur das Sahnehäubchen.
Ich finde halt diese hysterisch-apokalyptische Kritik Unsinn, dass die Meinungsfreiheit quasi nicht mehr da sei.
Bitte halte mal wieder eine Unterrichtsstunde zu dem schönen Satz „Wehret den Anfängen“. Wenn die Meinungsfreiheit weg ist, können wir das hier gar nicht mehr diskutieren. Aber dass sie bedroht ist, wird von allen möglichenSeiten, auch von außen attestiert. Und bedroht ist sie, weil ihre „Einschränkungen“ immer öfter weniger durch allgemeingültige Gesetze als durch politische Willkür stattfinden.
Jo, aber halt nicht dadurch, dass ein paar Studierende protestieren oder Meinungsartikel im Internet erscheinen oder jemand auf Twitter böse zu dir ist. Viel schlimmer ist etwa dieses Scheiß Gesetz. Staatliche Repressionen sind das Problem.
Das ganze Durcheinander kommt doch daher, dass es die klassische Rechte selbst war, die den Begriff ab Nachkriegszeit streng vermieden hat und auf „christlich“ und „Mitte“ umgestiegen ist, weil sich das – jedenfalls damals – schöner anhörte. Ebenso wurden „konservativ“ und „kapitalistisch“ vom Tisch genommen. Die Idee war: Gar nicht versuchen, hergebrachte Polit-Begriffe, die Staub oder gar Schmutz angesetzt hatten, sauber zu schrubben, sondern in der Schmuddelecke liegen lassen und durch eine Art Neusprech ersetzen. Sehr erfolgreich, während die SPD trotzig weiterhin altertümlich mit „sozialistisch“ daher kam, auf dem Abstellgleis also.
Das Martenstein-Argument heutzutage, dass links und rechts zwei demokratisch gleichwertige Antagonismen seien, hat zwar die Logik für sich, nutzt aber nichts, weil es im Polittheater nicht darauf ankommt, was dies oder jenes „eigentlich“ heißt oder wie das philosophisch zu deuten ist. Die eigene Melodie muss sich nur sauber anhören, und schmutzig die der anderen. Wenn Begriffe geeignet sind, diese Konnotation herzustellen, sind das gute Begriffe. Mehr braucht man nicht. Zum Beispiel muss man glauben, dass Linksextreme nicht „wirklich links“ seien, während Rechte und Rechtsextreme – wie auch für Stefan Sasse im Artikel – selbstverständlich in dieselbe Tüte gehören. Das ist schon mal die halbe Miete im Hegemonialkampf.
Ich behaupte, dass es weit weniger um die Rechts-Links Gesaäßgeographie geht, als in der Debatte (auch von Martenstein) dargestellt. Das Thema Meinungsfreiheit ist ja auch bei Linksaußen-Medien (z.B. NDS) groß oder bei den Gegnern der „Coronamaßnahmen“ (nur staatskritisch ohne Richtung).
Ja, und es war auch bei den NDS Quatsch!
Den NDS ging es um „Gegen-Öffentlichkeit“, das ist etwas anderes.
War eines der ersten Medien, deren Absinken von „links und halbwegs seriös“ in „links und vollkommen daneben“ zu beobachten keine Freude war.
Gut beschrieben. So ging es mir auch.
Jep. Gibts die eigentlich noch oder sind die schon woanders aufgegangen?
Ich finde auch, dass die NDS ein bemerkenswertes Beispiel für echt schnelle Selbstradikalisierung waren und ich würde fast unterstellen, dass dieses fließende „wir sind die Gegen-Öffentlichkeit“ zu „Meinungsfreiheit bedroht“ nicht ganz unschuldig ist/war.
Yes!
h) Kritik an der Martenstein-Rede.
Es ist natürlich dumm, wenn man etwas kritisiert, von dem man keine Ahnung hat. Martensteins Rede fand im Rahmen eines Debattenforums statt. Dabei steht es den Teilnehmern nicht frei (!), sich die Rolle auszusuchen. Sie wird bei Los zugeteilt.
Die Kritik an Martensteins Auftritt zeigt, das wir – also die meisten Deutschen – verlernt haben, worum es in einer Demokratie geht: Argumente auszutauschen, zu diskutieren und mit Worten zu kämpfen.
Welcher Idiot würde als Verteidiger seinen Mandanten an die Wand nageln, so wie es der Autor in dem Link fordert?
Das ist nicht korrekt, es stand ihm frei, einen persönlichen Beitrag einzubringen, und das hat er getan. Der ist ja auch konsistent mit seiner sonstigen Haltung. Aber du hast insofern einen Punkt, als dass das natürlich intendiert war.
Davon abgesehen ist mir völlig unklar, wie du darauf kommst, wir hätten verlernt, zu diskutieren und mit Worten zu kämpfen, wo genau das hier passiert: die Rede wird kritisiert, mit Argumenten. Was genau forderst du hier, dass man sich nicht mit dem Gegenstand auseinandersetzen sollte, weil…?
Harald Martenstein hat gestern bei Markus Lanz die Geschichte selbst erzählt. Das Prinzip beruht auf den englischen Debattierclubs. Ich fand das Konzept immer faszinierend. In England bekommt man irgendein Unsinnsthema („Brauchen wir Strümpfe im Sommer“ z.B.) und die Kontrahenten müssen Argumente dafür und dagegen finden.
Martenstein folgte einer Einladung. Er hat sich nicht aufgedrängt. Dann hat er in den Topf gegriffen und die Verteidigung der AfD gezogen. Wo ist das Problem?
Nun, die Fähigkeit zu diskutieren ist nun wahrlich sehr eingeschränkt. Auch hier hantieren manche lieber mit Meinungen als mit Fakten und Argumenten. So interpretieren viele Fakten auch als etwas so Objektives, dass es immer nur eine Sichtweise zulassen würde – weshalb sie dann einen Teil der Fakten ignorieren, statt sie zu einer Gegenwaffe zu formen.
Du hast einen Ignoranten verlinkt. Wieder einmal.
Martenstein folgte einer Einladung. Er hat sich nicht aufgedrängt. Dann hat er in den Topf gegriffen und die Verteidigung der AfD gezogen. Wo ist das Problem?
Ach tatsächlich? Damit wechsle ich meine Position – die öffentlichen Kritiker sind Arschlöcher reinsten Wassers, wenn sie das wussten!
Die Homepage des Veranstalters sagt dazu nichts. In dem Konzept wird er als „Sachverständiger“ geführt. Aber offensichtlich wussten es viele Leute nicht, wenn es denn stimmt. Das ist die Gefahr des Internets, leider.
Zu h)
Wer solchen Leuten diese Bühne gibt, ohne sie zu konfrontieren, betreibt keine Debattenöffnung.
Einverstanden! Äh – unter dem Vorbehalt, dass das auch für die ganzen linken Quatschkram-Kulturkampfpostionen gilt. Ich bin GAAANZ sicher, der Autor der zitierten Zeilen würde sich dieser Forderung sofort anschliessen, oder?
Also, würdest du zum Beispiel so eine Gaza-Apologetin einladen und nicht widersprechen, dann würde ich das auch nicht als wertvolle „Öffnung des Debattenraums“ sehen.
Ich würde Dir das Gesagte auch nicht unterstellen. Vielen anderen schon – die haben jede Menge Entschuldigungen dafür parat, warum man DIES sagen darf, DAS aber nicht. Und das kann ich jederzeit mit Beispielen aus dem Netz belegen. Gilt für alle Seiten des politischen Spektrums, leider – free speech ist die menschliche Ausnahme, Zensur der Regelfall. Menschheitskonstante.
Gruss,
Thorsten Haupts
Genau, das ist ja auch mein Dauerpunkt. Es existieren keine Free-Speech-Absolutisten (und wünschenswert wäre das eh nicht). Daher bleibt uns nichts als ein permanenter Aushandlungsprozess.
1)Aufrüstung
Europa verzwergt sich da auch etwas. Wir sind nicht ein kollektives Luxemburg.
Das denke ich auch. Und bei aller Unterstützung für die Ukraine, die jetzige Aufrüstungsinitiative (die schon nicht gering ist), es handelt sich immer noch um einen Konflikt, der Europa (bzw. dessen Institutionen) nur indirekt an der Außengrenze betrifft und genau auch deswegen nicht mal annähernd in die Nähe von „Umstellung auf volle Kriegswirtschaft“ kommt.
Das unterschätzt massiv die Mechanismen, die in einer Akutkrise (zb Invasion in Polen) wirksam werden würden. Klingt bisschen nach den Leuten, die felsenfest überzeugt waren, Russland würde die Ukraine in 3 Tagen überrennen. Gegen eine nur halbwegs vereinte EU/NATO wäre das noch unwahrscheinlicher.
Btw auch für die USA, sollte tatsächlich ein enger Verbündeter wie Polen akut angegriffen werden, bin ich auch nicht mehr vom „Schulternzucken“ überzeugt, Trump hin oder her.
4) Ich gebe zu, mich ödet die Debatte, ob man nun mit Rechten (öffentlich) reden soll oder nicht, eher ein bisschen an.
Hatte ich schon bei diesem Familienunternehmen-Lobbyverband. Ph solange ich nicht mit denen reden muss, sollen sie doch. (anscheinend ja auch, um sie zu demaskieren oder so)
Mal abgesehen von der offensichtlichen Unwirksamkeit erscheint mir die ganze Idee etwas quatschig, weil es ja schon voraussetzt, dass sowieso kein ernsthafter „Debattenbeitrag“ zu erwarten ist.
Die Frage, ob da überhaupt etwas relevantes herauskommen könnte, dürfte ja auch gerne mal gestellt werden. Denn was soll man mit einem AfDler in einem Format, bei dem er erstmal erklärt, dies als manipuliert abzulehnen. Um dann über Änderungen in einem System zu sprechen, das er auch als manipuliert (oder sonstwas) ablehnt und umstürzen möchte.
Nicht dass ich der größte Freund des jetzigen Talkshowformats bin, aber das funktioniert nur, wenn alle das Format als tauglich akzeptieren und innerhalb der geltenden Rechtsnormen diskutieren (zb Renteneintrittsalter hoch oder runter -> ja, Rente wegwerfen/Euthanasieprogramm etc -> Nein)
c) Marc Röhlig schreibt im Spiegel vom „Epstein in allen Männern„, und ich weiß nicht, wie sehr ich diese Argumentationslinie mag
Tja hm, ich empfinde die Argumentation auch als merkwürdig. Grundsätzlich begrüßenswert, wenn Männer selbstkritisch auf das männlich dominierte System blicken, die direkte Linie zur Epstein-Sache aber deutlich drüber.
Selbstkritisch auf die Berichterstattung schauen war übrigens nicht mehr drin.
Wenn ich lese, dass das gelegentlich zu einem Sexskandal mit minderjährigen Gespielinnen wird. Siehe hier Fotostrecke von Epsteins Inseln, Villen und Yachten möchte ich Röhrig doch wieder beipflichten. Das macht unangemessene Journalisten nicht zu Sexualstraftätern. Und ich halte es für fatal, diese Ebenen zu vermischen.
Konnte man btw gut an diesem „Manuel Hagel schwärmt von rehbraunen Augen einer 16jährigen sehen“ – die einen meinen, das wäre knapp vor dem nächsten Epstein, während andere sich nicht zu schade waren, das damit zu relativieren, dass er ja immerhin nicht auf einer Insel Sex mit der fast erwachsenen 16jährigen hatte.
Nein, er ist kein Epstein und es ist trotzdem nicht ok.
Und ja, es ist ein Problem, an sich dass das außerhalb des Wahlkampfs vermutlich keine Nachricht wäre, weil es so verdammt alltäglich ist.
Hab mir das Video gerade angesehen. Er sagte exakt „braune Haare, rehbraune Augen“ und nicht mehr. Er war 29, sie 16. Ich sehe den Skandal nicht und bitte um Aufklärung?
Nicht alles, was unangemessen ist, ist auch ein Skandal. Es geht mir dabei nicht um Hagel, die Reaktion war ok.
Es ist diese Relativierung, die mich ankotzt und die ich für weitaus schlimmer halte als die Sache an sich. Es scheint ja furchtbar schwer zu sein, den Satz „Das war/ist unangemessen“ einfach für sich stehenzulassen.
Ist mir egal, wer und warum das macht, aber jede Relativierung bricht das auf. Dann verlassen wir den Konsens von „war unangemessen“ und landen eben doch wieder bei „ist doch nichts dabei“.
Weil er war doch erst 29, boys will be boys. Männer sind so – but not all men! Das Mädchen war immerhin 16 und nicht 14. Er hat was Nettes gesagt, sie sollte sich über das Kompliment freuen! Oder hier bitte kein Fass deswegen aufmachen.
Er selbst war erwachsen genug für ein „war scheiße, sorry“. Er braucht keine 124 Leute, die verkünden, dass sein Verhalten doch vollkommen ok war.
Was war da unangemessen?? Das ist ein längeres Interview in einer megalockeren Atmosphäre, im Hintergrund sitzen ein paar Frauen, die jedes Wort mitbekommen. Hagel erzählt von einem öffentlichen Termin mit der Begegnung mit Schülern. Hagel erzählt von den positiven Reaktionen und wie er innerlich empfunden hat.
Ein junger Mann gibt zu, dass er (auch) auf das Äußere einer jungen Frau (Erinnerung: 16jährige dürfen in diesem Land wählen) geachtet hat. Hätte er hervorheben sollen, wie klug sie sei? Er hatte doch nur wenige Sätze mit ihr gewechselt!
Was ist der Skandal? Was ist da unangemessen? Hier geht es um spontane Gedanken von jemanden, dafür müssen wir uns inzwischen schämen? Gedanken taugen inzwischen zum Skandal in diesem Land?!
Übrigens, keine der anwesenden Frauen hat sich bei der Schilderung empört.
https://www.youtube.com/watch?v=VxBBRr0a9Dk
Minute 5:00
Dem „unangemessen“ stimme ich zu, wenn man es dann dabei belässt. Ich hätte es eher als unprofessionell characterisiert, aber der Unterschied ist marginal.
Ich würde rede gerne verstehen, was genau an Hagels wenigen Sätzen – um mehr geht es ja nicht – unangemessen war.
Vor 35 Jahren schwärmte ein Kollege in der Wirtschaftsprüfung von einem Bankmandat, wo nur hübsche Frauen arbeiten würden. Neun insgesamt. Mehr nicht.
Im Alter von Anfang Dreißig war ich das erste Mal im Headquarter in Tel Aviv. Zum Kick-off-Termin erschien unter anderem eine junge Israelin 23-27 Jahre) mit einem sehr exponierten Dekolleté. Nicht nur das, sie hatte eine Oberweite von E bis F. Natürlich fand ich das Mega attraktiv und insgeheim habe ich es bewundert. Nur gesagt habe ich nichts. Aber vergessen habe ich es auch nie.
Heute würden viele Verklemmte sich sagen: unangemessen! Natürlich von mir. Gerade die Grünen haben inzwischen ein Moralempfinden, das weit über die katholische Kirche hinausgeht. Nicht einmal mehr die Gedanken sind frei.
Nu mal halblang. Es ist absolut nicht unangemessen, den Körper einer Kollegin zu bewundern, wer auch immer der Scheiss erzählt darf sich in die Hölle verziehen.
Unprofessionell bei Hagel war nicht seine behagliche und verbal nichtsexuelle Erinnerung, sondern die Tatsache, dass er private Gedanken in seiner Funktion als Landtagsabgeordneter öffentlich machte, anstatt sie in einem privaten Gespräch zu äussern. Aber das ist auch schon alles und für sich genommen kein grosser Patzer. Er hat halt nur das Pech, dass Wahlkampf ist und seine bzw. die Unionsgegner sonst nix gefunden haben, was sie ihm anhängen können.
Gruss,
Thorsten Haupts
Das war eine kleine Runde. Das waren weder ARD oder ZDF, noch SPIEGEL, WELT oder nur die taz. Hagel hat zu dem Thema „Bürgerkontakt in schwierigem Umfeld“ erzählt, wie nicht so untypische Begegnungen ablaufen. Und das dafür eigentlich Interessante geht völlig unter: Dass die Schülerin das Treffen (nach seiner Schilderung) gar nicht unangenehm empfand, sondern im Gegenteil mit einem positiven Eindruck nach Hause ging. Und auch in der Gaststätte, wo das aufgenommen wurde, hat sich damals niemand aufgeregt. So falsch kann nicht gewesen sein, was und wie er die Geschichte erzählt hat.
Das eigentlich Abstoßende ist etwas ganz Anderes. Ich finde die Grünen nur noch zum Kotzen. Das ist klassisches Negative Campaigning, wie es aus guten Gründen den meisten Europäern übel aufstößt. Wie kommt das Wahlkampfteam von Cem Özdemir zu dem Schnipsel? Dafür benötigt man erstens eine Zielsetzung („Finde Negatives über den Gegner“) als auch viel Zeit und strukturiertes Vorgehen. Sie brauchen Tage, um das zu finden. Irgendwo auf Youtube war die Aufzeichnung, dann müssen dreißig Minuten gesichtet werden und jede der Aussagen kategorisiert und auf ihre Skandalisierbarkeit abgeklopft werden.
Das war nicht nur professionell, sondern entsprechend aufwendig und teuer. Das erfolgt nicht ohne Genehmigung der Partei, des Spitzenkandidaten und der Wahlkampfführung. Das Ziel war vorgegeben und die Ressourcen freigegeben.
Einfach nur zum Kotzen.
Wir treffen uns da dann durchaus. Dass einige Aktivisten die Vita einies Kandidaten viele Jahre in die Vergangenheit durchforsten, um etwas negatives zu finden, ist das eine Miese. Dass ein 8 Jahre (!) alter Videoschnipsel mit weitgehend harmlosen Bemerkungen von angeblich seriösen Medien bundesweit breit aufgegriffen und ausgewalzt wird – okay, zur Kenntnis genommen. Offenbar fühlen sich Linke und Grüne im Schlamm wohl, wie das ausgeht, können wir gerade in den USA besichtigen.
Ruhig, Brauner. Das war eine Abgeordnete, und nicht die Partei. Die hat nichts damit gemacht und hat da ja auch kein Interesse daran. Die Abgeordnete, die das gepostet hat, war aus Berlin, nicht aus BaWü. Und die BaWü-Grünen sind im Wahlkampf und würden das sicherlich nicht machen, die müssen ja mit dem Mann bald regieren.
Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Zoe Mayer aus Karlsruhe hat das Video gepostet, also aus dem Baden-Württembergischen Landesverband. Und wie ist sie daran gekommen?
Es braucht eine klare Zielsetzung, es braucht viel Zeit und damit Ressourcen, um das zu finden. Mit KI ist das nicht zu machen.
So naiv kann doch keiner sein, dass das kurz vor der Wahl aus Özdemirs direktem Umfeld getwittert wird. Seit wann beschäftigst Du Dich mit Politik, Stefan?!?
Ich hatte gelesen, die sei aus Berlin. Mein Fehler.
Was die Ressourcen angeht: ich vermute eher, das hat irgendwer ausgegraben. Es ist das Internet. Aber klar, kann auch sein, dass sie es gesucht und gefunden haben, ich weiß es nicht. So oder so taugt es nicht zum Skandal.
Danke. Das gibt mir nochmal Gelegenheit, Grundsätzliches zu sagen. Voran: Laut ZEIT behauptet Zoe Mayer, ihr sei der Clip „zugespielt“ worden. Von wem? Einer unbekannten Bundestagsabgeordneten, deren Netzwerk mit Sicherheit vorrangig in ihrem Landesverband liegt. Warum übrigens nicht Journalisten, die sich ja bei handfesten Skandalen als bester Verteiler anbieten? Mein Punkt ist, die Umstände machen ein systematisches, professionelles Vorgehen sehr wahrscheinlich. Wie findet man so etwas? Erstmal braucht es ein Ziel. Daran gehen die Maßnahmen, die Suche. Das Raster wird als einem Kriterium nach Datum gezogen. Texte sind leichter zu analysieren als Videosnipsel. Das Team musste also sieben Jahre zurückgehen und selbst in den Sparten suchen, dann die ganzen Sequenzen analysieren um hier vier Worte herauszudestillieren. Anschließend skandalisieren Grüne Spitzenpolitiker (unter anderem Felix Banazak) und mit ihnen sympathisierende Medien das Ganze.
Warum emotionalisiert mich das? Mein Bild ist durch Filme wie eigenes Erleben geprägt. In den Filmen „The Ides of March“ von und mit George Clooney als auch in „The American President“ mit Michael Douglas werden politische Methoden thematisiert.
In „The Ides of March“ wird ein junger Berater des Kandidaten Opfer einer Intrige. Der Presse werden Informationen über sein Treffen mit der Gegenseite zugespielt, mit dem er nicht sofort transparent umgegangen ist.
In „The American President“ beginnt der verwitwete Präsident eine Liebesbeziehung mit einer Politikstrategin. Der republikanische Herausforderer findet in der Vergangenheit ein Bild, auf dem die Geliebte, Sydney Ellen Wade, im Alter von Anfang 20 eine Fahne verbrennt – in den USA ein schlimmes Vergehen. Es sind gemalte Skandale.
Wie sehr sich die Milieus und Werte verschoben haben, sieht man im historischen Vergleich. Vor dreißig Jahren begann die Lewinsky-Affäre. Der damalige Präsident Bill Clinton wurde von dem Sonderstaatsanwalt Kenneth Starr und den Republikanern beschuldigt, über seine Beziehung zu der Praktikantin Monica Lewinsky die Unwahrheit gesagt zu haben. Das Ganze gipfelte in einem Amtsenthebungsverfahren.
Die Empörung außerhalb der USA, gerade in Deutschland, war groß. Aus verschiedenen Gründen wurde der Umgang mit der sexuellen Beziehung als Lappalie angesehen, was die Öffentlichkeit nichts anzugehen habe – selbst wenn es im Oval Office stattfindet und vom mächtigsten Mann der Welt ausgeht.
Ich bin bis heute auf der Seite Bill Clintons. Was wäre der Welt erspart geblieben, wenn Lewinsky nie politisches Thema geworden wäre. Auf Clinton folgte der intellektuell ungeeignete George W. Bush, der politisch impotente Barak Obama und Donald Trump. Ach so, und noch der halbsenile Joe Biden. Trump hat alles Moralische in die Tonne getreten.
In Deutschland regen wir uns inzwischen über vier völlig harmlose Worte auf: Braune Haare, rehbraune Augen. Ich selbst wurde vor über 15 Jahren in einem Arbeitsgerichtsverfahren von der Gegenseite beschuldigt, eine unangemessene Bemerkung zu einer Mitarbeiterin (weder Kollegin noch in meinem Team) gemacht zu machen, weshalb eine weitere Zusammenarbeit unmöglich wäre. Es war ein rein taktisches Manöver, das die Richterin sofort durchschaute und dem Anwalt regelrecht über den Mund fuhr.
Willst Du wirklich in einem Land leben, wo nur der Verdacht eines falschen Wortes und die Interpretation von vier Worten Menschen ruinieren können? Wir sind nicht mehr bei den Anfängen und es wird Zeit, dagegen aufzustehen.
Zugespielt haben kann das auch irgendjemand per Instagram. Wie gesagt, da brauchst keine Verschwörungstheorie für.
Ich stimme dir bei Clinton völlig zu.
Und ich habe hier jetzt auch schon mehrfach und deutlich gesagt, dass ich das für keinen Skandal halte und thematisiere das auch nicht groß.
Ich bin bis heute auf der Seite Bill Clintons. Was wäre der Welt erspart geblieben, wenn Lewinsky nie politisches Thema geworden wäre.
War auch totaler Schwachsinn, vor allem in der Breite und Tiefe, in der das über Monate ausgewalzt wurde. Hat mich damals erstmals ernsthaft an den US-Republikanern zweifeln lassen.
Hat ihnen aber auch geschadet. Die Midterms 1998 waren ein Desaster für die Partei.
Heute würden viele Verklemmte sich sagen: unangemessen! Natürlich von mir. Gerade die Grünen haben inzwischen ein Moralempfinden, das weit über die katholische Kirche hinausgeht.
Werde ich so nicht unterschreiben, aber die Beobachtung hat eine wahren Kern: Seit einigen Jahren gibt es einen unausgesprochenen Pakt zwischen vertrockneten Akademikern, religiösen Fundamentalisten und Progressiven, der die westliche Sexualmoral langsam aber beständig auf den Stand der sechziger des letzten Jahrhunderts zurücktreibt. Da sowas immer in Wellenbewegungen kommt, überrascht mich das nicht sonderlich und es passt sehr gut zu der muslimischen Masseneinwanderung, die wir uns freiwillig angetan haben. Kratzt mich persönlich nicht mehr und die Jüngeren werden schon einen Weg finden, damit umzugehen. Mit gesellschaftlicher Doppelmoral sind alle zivilisierten Gesellschaften ja wohlvertraut, das ist eine Menschheitskonstante.
Gruss,
Thorsten Haupts
Ist ja ganz erstaunlich wie wir von „es ist unangemessen, wenn ein 29jähriger Politiker auf einer öffentlichen Veranstaltung über das Aussehen einer 16jährigen redet“ gelandet sind bei:
Grüne und vertrocknete Akademiker nehmen mit ihrer verklemmten Sexualmoral jedem die Freude.
Habt Sex soviel ihr wollt. Aber Frauen sind nicht auf der Welt, damit Männer öffentlich deren Aussehen bewerten können, damit auch alle anderen Bescheid wissen.
Vielleicht überlegt ihr auch mal kurz, dass das für Frauen gar nicht mal so lustig ist. Diese 16jährige war ja auch einfach nur auf einer Schülerveranstaltung und nächsten Tag schwärmt einer der Typen auf einer öffentlichen Wahlkampfveranstaltung von ihrem Aussehen? Das ist maximal unangenehm.
Und eher nicht so ein Grund mit großen Worten zu beklagen, dass verklemmte Akademiker und vertrocknete Progressive hier irgendwie mit überbordender Sexualmoral Männern die Freude nehmen.
(..) wie wir von „es ist unangemessen, wenn ein 29jähriger Politiker auf einer öffentlichen Veranstaltung über das Aussehen einer 16jährigen redet“ gelandet sind (..).
Stimmt ja nicht. Das war nicht Caren Miosga oder eine Wahlkampfrede. Das war eine normale Gaststätte mit einem völlig unbekannten Interviewer, eine Bier (titelgebend für die Sendung) und ein paar Gästen. Und er hat in über einer Minute zu dem Thema „mit wenig politikinteressierten Menschen ins Gespräch kommen“ zwei Worte der äußerlichen Beschreibung verwendet.
Aber Frauen sind nicht auf der Welt, damit Männer öffentlich deren Aussehen bewerten können, damit auch alle anderen Bescheid wissen.
Da ist keine Bewertung. Er hat gesagt, welche Augenfarbe und welche Haarfarbe eine Schülerin hatte. Ein Niclas Süle muss es sich seit Jahren gefallen lassen, dass über sein Gewicht räsoniert wird. Mit welchem Recht äußern sich Journalisten und Fans zu möglichen Gewichtsproblemen eines Spielers?? Auf Transfermarkt.de kann jeder nachlesen, wieviel ein Spieler wiegt, wie groß er ist und wie alt. Das hat eigentlich niemanden zu interessieren, aber dem Problem nehmen sich die Moralisten nicht an.
Diese 16jährige war ja auch einfach nur auf einer Schülerveranstaltung und nächsten Tag schwärmt einer der Typen auf einer öffentlichen Wahlkampfveranstaltung von ihrem Aussehen?
Das war weder am nächsten noch am übernächsten Tag.
Nachdem geklärt ist, dass Deine Kritikpunkte völlig unberechtigt sind, wirst Du sicher Deine Position überdenken. Übrigens: Haben die Grünen bei Dir vor der Haustür nicht einen echten demokratischen Skandal an den Hacken? Wird man darüber bei Euch im Podcast mal etwas hören?
Nachdem geklärt ist, dass Deine Kritikpunkte völlig unberechtigt sind, wirst Du sicher Deine Position überdenken.
Oh ja natürlich Herr Pietsch. Vielen Dank, dass sie auf meinen Kommentar reagiert haben, um mich zurechtzuweisen.
Sobald ich meine Position überdacht habe, werde ich natürlich sofort das nächste Podcast-Thema nach Ihren Wünschen vorbereiten.
Liebe Ariane, wir sind doch per Du. Und das bin ich bekanntlich nicht mit jedem. Das ist ja auch eine gewisse Wertschätzung.
Ich hatte mich bisher nicht für das Thema interessiert. Heute morgen wollte ich es mir auf Youtube ansehen. Ergebnis: In der Suchanfrage kommen erst einmal tausend Interpretationen, was Hagel angeblich gesagt und gemeint habe. Ich weiß nicht, wer sich das Video im Original angesehen hat, wahrscheinlich nicht viele.
Vielleicht erinnerst Du Dich noch, dass ich jungen Menschen immer Bonuspunkte gebe, weil ich sie typischerweise erst ab 30 als wirklich erwachsen ansehe. Das interpretiere ich positiv wie negativ. So habe ich Kevin Kühnert nicht seinen Unsinn über Verstaatlichungen zur Last gelegt, weil er damals noch 29 war. Ich habe übrigens auch nie verlangt, dass er sich später als Generalsekretär für den Unsinn entschuldigt noch war ich je der Ansicht, dass er für politische Ämter nicht tragbar sei.
Warum sollte ich im Falle Hagel die Welt anders sehen, zumal der damalige Generalsekretär der Landes-CDU nichts Anrüchiges oder Unanständiges damals gesagt hat? Wie erklärst Du Dir, dass damals niemand den geringsten Anstoß an seinen Schilderungen nahm, schon gar nicht die Damen im Hintergrund?
Heute empören einige sich darüber – weil sie sich empören wollen. Und deswegen sprechen sie einem Politiker die Eignung für politische Ämter ab. Das ist doch völlig weird. Das ist kein Skandal, sich als Regierungspartei gemein mit einem militanten Gruppe zu machen ist es.
Es wäre nett, wenn man die Wertschätzung auch im gesamten Beitrag merkt und nicht nur in einem duzen oder siezen.
Vielleicht scrollst du nochmal hoch, ich hatte den Hagelfall nur als Beispiel auf einen Kommentar zu Stefan gebracht, der wiederum auf einen Kommentar über Epstein reagierte.
Meine Empörung über Hagel ist nicht groß, außer dass es unangemessen ist, dass er als 29jähriger Politiker diese Kommentare über eine 16jährige abgibt und dass die jetzige Reaktion von ihm ok war.
Und dass es gut wäre, das einfach so stehenzulassen und eben nicht zu versuchen, das zu relativieren, in dem man diese Unangemessenheit gleich wieder in Frage stellt, die er selbst eingestanden hat.
Insofern könnte man fragen, worüber du dich empörst, da ich selbst viel näher an Hagels Position dran bin.
Meine Grundprämisse bleibt ja, es ist unangemessen und das zu relativieren macht es schlimmer. Und ich fänds echt gut, wenn der Konsens wäre, dass man außerhalb des privaten Umfelds keine Kommentare über das Aussehen von Frauen – denen man begegnet ist (speziell Minderjährige!) – unterlässt.
Die ganze Geschichte ist doch fingiert und inszeniert. Da sucht ein Kandidat für das Ministerpräsidentenamt Schmutz gegen seinen Kontrahenten und stößt auf eine kaum anstößige Bemerkung von vor vielen, vielen Jahren in einer Gaststätte.
Bemerkungen über das Äußere eines Menschen sind das, was ich aufgezählt habe. Das passiert jeden Tag an jedem Ort ohne dass es als aufregenswert angesehen wird. Es gibt für einen jungen Politiker unangenehmere Termine an einer Schule mit 80 Prozent Mädchenanteil? Eine, die ihn ansprach, hatte braune Augen und braune Haare? Die Farbe von Augen und Haaren sind keine unzulässige Beschreibung. Nirgends, an keinem Ort der Welt.
Vor kurzem schrieb eine Journalistin in der WELT, sie höre auf mit Dates. Ihr Grund: Männer interessierten sich nicht für ihr Aussehen, für ihre Spitzenwäsche, für ihre Aufmachung.
https://www.welt.de/kultur/plus698c41923c09ee32bcddca77/valentinstag-romantik-fehlanzeige-ich-habe-keine-lust-mehr-auf-dates-und-ja-es-liegt-an-den-maennern.html?icid=search.product.onsitesearch
Wie kommt eine Journalistin dazu, in aller Öffentlichkeit über ihre Spitzenhöschen zu schreiben und Männern ganz allgemein zu unterstellen, daran nicht interessiert zu sein?
Ich hatte meine beiden Repliken sichtbar für jede/n klar getrennt – also ist klar, dass mein Beitrag zur Regression der Sexualmoral keine Verbindung zu der Diskussion über Hagels Beitrag hatte, oder?
Ja, bist nur bisschen versehentlich mit ins Kreuzfeuer geraten, weil ich mich über den Schwenk des Themas aufgeregt hab 😉
Tatsächlich nicht, ich hatte es auch so gelesen.
Ich halte aber die These auch nicht für richtig. Ich sehe durchaus die Verschiebung, aber nicht zurück zu den 60ern.
Okay, dann sagen wir zu den 50ern^. Die 60er – sagen wir mal ab 2. Drittel 60er^, waren durchaus im Hinblick auf dieses allseits interessierende Thema zunehmend fortschrittlich-liberal; nach damaliger Diktion, nach heutiger Diktion: sexistisch. Ein Begriff, den damals niemand kannte und das, was damit gemeint ist, wurde eher unter „Adenauer-Mief“ abgebucht. Die „Aktion saubere Leinwand“, gegründet 1964 sinnigerweise in Schweinfurt, wurde weitgehend verlacht und ist nach kurzer Zeit wieder eingegangen.
Da gab es u.a. das Satiremagazin pardon, das Leib- und Magenblatt der politischen Linken, bei dem zeitweilig auch Alice Schwarzer Redakteurin war, und das mit hohen Auflagen und reichlich Werbung für fortschrittliche^ Männersachen, wie Whisky, Gauloises und durchaus teuren Prestigeprodukten für den „modernen“ Haushalt,
ordentlich Geld gemacht hat. Im Übrigen von Franz-Josef Strauß mit zahlreichen Prozessen überzogen. Da kommt man mit lechts und rinks schon arg durcheinander, aber wie fluid diese beliebten Begriffe so sind, hatten wir ja schon in zahlreichen anderen Zusammenhängen.
Hier ein linkes Titelblatt von 1964:
https://images.artbooks.eu/1000-1000/559/art-55908-04-50e6.jpg
Tempora mutantur, nos et mutamur in illis, sach ich mal so auf bildungsbürgerlich.
Man sollte sich nicht Illusionen darüber machen, wie verbreitet das damals war. Die Mehrheit war auch in den 60ern sehr konservativ.
… aber nicht zurück zu den 60ern.
Wenn ich die Ziele der religiösen Fundamentalisten (in Europa überwiegend Muslime) und der Progressiven zusammenrechne, gehen wir noch weit darüber hinaus zurück.
Vielleicht, macht nur keinen Sinn.
Und auch da sehen wir die Doppelmoral und das Campaigning der Grünen. Die Partei kann sich jahrzehntelang über das Ehegattensplitting aufregen, wie schädlich das für die Frauenerwerbstätigkeit sei. Dass muslimische Frauen in diesem Land noch nie besonders erwerbstätig waren, und zwar schon vor der Flüchtlingskrise, hat sie nie interessiert. Noch haben Grüne Politiker je ein Wort darüber verloren.
Diese Geschichte mit Hagel trieft vor moralischer Empörung und Heuchelei. Und es ist kein Zufall, dass es von den Grünen kommt.
Kommt mal runter. Hagel kann sich darüber eigentlich freuen – bei seinen bisherigen Bekanntheitswerten. Wenn das Video wirklich vom Grünen-Wahlkampfteam lanciert wurde, hat es ein Eigentor geschossen.
Kann sein, kann nicht sein. Verrät nur vieles über den Mindset moderner Wahlkämpfer UND den angeblich seriöser Medien. Baaaah …
Prinzipien, Werte und Überzeugungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie universell gelten – ohne Ansehen der Person, der Partei, der Richtung.
Sie sagen, Negative Campaigning ist okay. Dann gilt das und nimmt Ihnen jede Möglichkeit, dieses Wahlkampfinstrument zu kritisieren – nicht in den USA und nicht bei der Union.
Negative Campaigning funktioniert, sonst würde es nicht eingesetzt. Gerade die Grünen sind da nicht zimperlich, auch im Bundestagswahlkampf 2021 nutzte man die Möglichkeiten, über den Wahlkampfmanager Nathanael Liminski den CDU-Kandidaten Armin Laschet eine christlich-fundamentalistische Agenda anzudichten.
Okay, ich hab’s mir notiert, wie Sie zu Negative Campaigning und solch absurden Überzeichnungen stehen.
Ach herrje. Erinnern Sie sich an „Willy Frahm“? Bewunderter Staatsmann. Aber halt nicht von links.
Sind Sie Willy Frahm? Wie Sie wissen, war ich immer Team Schmidt, was weitgehend Team Brandt ausschließt. Nur hat das alles nichts mit unserem Diskussionsgegenstand und Ihrer Rechtfertigung von Negative Campaigning zu tun.
Wurde es nicht, siehe mein anderer Kommentar.
Ja, so geht es mir auch. Doofe Formulierung, er sagt sie war doof, fertig. Weitergehen.
c) Im Artikel wird auch die Tatsache unterschlagen, daß ja auch Frauen wie Kathryn Ruemmler und Nicole Junkermann von Epsteins Netzwerk profitierten. Der Skandal läßt sich weder auf den Gender- noch auf den Klassenaspekt reduzieren.
Naja, ich denke, der Trend ist schon recht eindeutig.
Es sind auf jeden Fall mehr Männer, gar keine Frage, aber eben auch Frauen, sowohl bei den krassen Verbrechen, allen voran Ghislaine Maxwell, als auch bei den weniger krassen Sachen, wie Reisen, Geldgeschenke oder einfach nur vom Netzwerk profitiren, wie z.B. Mette Marit, Kathryn Ruemmler oder Mona Juul.
Ich bin generell immer skeptisch, wenn aus geringen Zahlen Rückschlüsse auf die Gesamtheit gezogen werden. 90% aller Mörder sind Männer klingt nach einem Männerproblem. 0.015% aller Männer werden Mörder eher nicht.
Dieses „wir Männer“ Ding, wie in dem Kommentar, finde ich deshalb auch meist wenig zielführend. Ich fühle mich da auf jeden Fall gar nicht angesprochen. Ich nehme für mich in Anspruch noch nie etwas gesagt oder getan zu haben, dass einem Kindervergewaltiger den Eindruck vermittelt haben könnte, sein Verhalten sei irgendwie in Ordnung.
Wenn der Kommentator dann auch noch von diesen wirklich schlimmen Verbrechen von Epstein und Co (Vergewaltigung von Minderjährigen!) irgendwie eine Linie zu „Kolleginnen oder Freundinnen ins Wort zu fallen“ zieht ist er meines Erachtens völlig abgedreht.
Abgesehen davon halte ich auch die Beobachtung an sich für einseitig. Meine Erfahrung ist, dass diese Ins-Wort-Faller auch vor z.B. jüngeren Kollegen, oder mir selbst, nicht halt machen. Frauen begegnet das im Schnitt bestimmt öfter, gar keine Frage. Aber ist ins Wort Fallen primär ein Geschlechterproblem? Eher nicht.
Ich seh deinen Punkt schon, aber auch bei einem geringen Subset ist der Gender-Divide doch sehr augenfällig. Das gilt ja auch für andere Themen wie sexuelle Belästigung. Not all men, but always a man, um den Slogan mal zu recyclen.
Not always, but mostly. Die Unterscheidung ist schon wichtig. Frauen implizit die Fähigkeit zu bösen Taten abzusprechen ist auch eine Form der Diskriminierung.
Unterschiede (im Durchschnitt wohlgemerkt) zwischen den Geschlechtern sind real. Die sehe ich glaube ich sogar mehr als Du. Aber anderes Thema .
Mein Punkt ist daher auch gar nicht den Genderdivide in Frage zu stellen, sondern die daraus gezogenen Schlüsse. Um beim Beispiel Mord zu bleiben. Wer Mordraten senken will ist schlecht beraten irgendwie bei Männern anzufangen. Gesellschaften mit weniger Morden zeichnen sich nicht primär durch andere Männer aus, sondern z.B. durch weniger Waffen, bessere Strafverfolgung, weniger Ungleichheit, funktionierende Psychiatrie usw usf.
Das heißt auch überhaupt nicht, dass z.B. Männlichkeitsideale nicht auch eine Rolle spielen und angegangen werden können und sollten. Aber vom ins Wort fallen zum sexuellem Missbrauch Minderjähriger? Oder vom schwäbischen Blogger zum Amerikanischen Milliardär, weil „wir Männer“? Ich weiß nicht…
Ja, da bin ich völlig bei dir.
Hat mich mal sehr beeindruckt, das Argument. Bevor ich anfing, nachzudenken. Wer ist im Schnitt der deutlich physisch stärkere, wenn ein Mann und eine Frau zusammentreffen? Praktisch immer der Mann, so gross sind die biologischen Vorteile. Wer ist bei irgendeiner Art von Aggression (sexuelle Belästigung eingeschlossen) im Schnitt im Nachteil? Der physisch Schwächere!
Dass Männer also eher zu verbaler und physischer Gewalt greifen, als Frauen, ist ihrer Biologie geschuldet, dass Frauen das eher nicht tun, ebenso. Die weibliche Zurückhaltung bei verbaler und physischer Gewalt ist Selbstschutz und nicht überlegene Ethik.
Last but not least ist angesichts der Prozentzahlenverhältnisse (Männer die vergewaltigen oder morden/alle Männer) die ganze Diskussion ohnehin blühender Unsinn. Die mehr als 99% der Männer, die NICHT vergewaltigen oder morden, sind niemals für die 0,x Prozent der Männer verantwortlich. die das tun. Und ganz nebenbei führt auch kein gerader oder direkter Weg von juvenilem Hinterherpfeifen zu sexuellem Missbrauch Minderjähriger. Die ganze Debatte ist eine einzige Nebelkerze und hat aus Sicht der Aktivisten nur den Zweck, dass Männer sich für ihr Mannsein schämen. Ich denke nicht dran.
Gruss,
Thorsten Haupts
Nicht (nur) Männlichkeit und Frauenhass, sondern physische Stärke macht durchaus Sinn. Ich meine mich zu erinnern, dass z.B. Partnergewalt in gleichgeschlechtlichen Beziehungen nicht seltener (oder vielleicht sogar häufiger?) ist. Würde auch für die These sprechen.
Besserer Schutz von Opfern und Haltungsänderungen in der Gesellschaft, wie z.B. Ächtung von Ausnutzen körperlicher Überlegenheit wären dann allerdings durchaus auch vernünftige Ansätze. Sind wahrscheinlich auch ein wichtiger Grund dafür, dass Gewalt gegen Frauen, und Gewalt an sich heutzutage viel seltener sind als früher. Nur immer noch nicht selten genug.
«. Die ganze Debatte ist eine einzige Nebelkerze und hat aus Sicht der Aktivisten nur den Zweck, dass Männer sich für ihr Mannsein schämen. Ich denke nicht dran.»
Ich würde denen da gar nicht unbedingt sinistre Motive Unterstellen. Ich habe den Eindruck, dass Leute wie z.B. der Kommentator im verlinkten Artikel, dass durchaus ernsthaft glauben.
Es behauptet auch niemand, dass du verantwortlich wärst. Ich fühl mich dafür auch nicht verantwortlich.
„Aber genügt das? Ist es nur das »System Epstein«, um das es hier geht – oder nicht eher ein »System Mann«?
Vielleicht sollte Mann nicht nur über Epstein reden – sondern auch über den Epstein in uns!“
Das kann man durchaus als Vorwurf der Mitverantwortlichkeit lesen.
„Nein. Pelicots Vergewaltiger sind Normalos, sind Männer wie wir. Und auch Epsteins Kumpane sind Männer wie wir. Oder es sind Männer, die mal wie wir waren. Denen womöglich aber niemand rechtzeitig Grenzen aufgezeigt hat.
Aus Angst? Aus Bequemlichkeit? Oder aus mangelndem Unrechtsbewusstsein? Wir Männer sollten dringend Antworten auf unsere Gleichgültigkeit finden“
Und auch Epsteins Kumpane sind Männer wie wir. Oder es sind Männer, die mal wie wir waren.
Genau da ist der (bewusste?) Denkfehler.
Warum sollte der bewusst sein? Gibt es dafür Anhaltspunkte?
Ausser Plausibilitätserwägungen für intelligente Akademiker – keine. Die allerdings sprechen sehr dafür (ja, ich weiss …).
Plausibilitätserwägungen sprechen m.E. deutlich eher für die ehrliche Sorge, dass mit „den Männern“ was nicht stimmt und „wir Männer“ da einen Einfluss drauf haben, als für eine versteckte Agenda eines (männlichen!) Aktivisten der möchte, dass Männer sich für ihr Mannsein schämen.
Was sollte da überhaupt das Motiv sein? Männer- (also selbst-) hass?
(Selbsthass)
Yup. Googeln Sie bei Zeit und Gelegenheit mal Robin DiAngelo, die nach Buchverkäufen populärste CriticalWhiteness/Rassismus- Theoretikerin der Welt. Für sie ist jede weisse Person weltweit automatisch Rassist qua Sozialisation. Und wirklich nur weisse. Eine andere Erklärung als Selbsthass für diesen gequirlte Scheisse habe ich schlicht nicht.
Habe sowas das erste Mal an den westdeutschen Hochschulen der achtziger gesehen, wo ein ganzer Haufen von Professoren ernsthaft verbreitete, nur der demokratisch-kapitalistische Westen könne militaristisch und imperialistisch sein, obwohl das Anschauungsmaterial für die faktische Widerlegung dieser These vor der Haustür lag. Wenn ich extreme Dummheit (ausgebildete Akademiker) als Ursache ausschliessen kann, bleibt nur noch (hier westlicher) Selbsthass.
Gruss,
Thorsten Haupts
Wir reden hier von einem Speigel-Journalisten („Stipendiat der Journalistischen Förderung der Konrad-Adenauer-Stiftung“.). Sehe die Verbindung zu Robin DiAngelo jetzt nur bedingt 🙂
Dachte, es ging (prinzipiell) um die Frage, wie und warum ich auf „Selbsthass“ komme?
f) Siehe dazu die Hockeyschlägerkurve auf S. 80:
https://berlin-monitor.de/wp-content/uploads/2026/02/BerlinMonitor2025_Aktuell.pdf
Überraschend. 😀