Rezension: Aus Politik und Zeitgeschichte – 1848/49

Aus Politik und Zeitgeschichte – 1848/49

Das Jubiläum der Revolution von 1848/49 sorgt gerade für eine neue Hochzeit der Beschäftigung mit dem Thema, Die allerlei Neubewertungen und spannende neue Ansätze mit sich bringt. Ein Aufsatzband der APuZ kommt da wie gerufen, um einiges hinzuzufügen. Wer sich intensiv mit dem Thema beschäftigen will und es vor allem aus europäischer Perspektive betrachten, kommt derzeit um Christopher Clarks monumentalen Epos (hier rezensiert) nicht herum. Wir wollen sehen, was die Bundeszentrale für politische Bildung was in diesem Heft zusammenstellen konnte was und wie es sich in die größere Debatte einordnen lässt.

Im ersten Essay des Bandes von Claudia C. Gatzka, „1848/49 und der Ort des Revolutionären in der deutschen Geschichte„, begibt sich die Autorin auf eine Reise nach Frankfurt in die Paulskirche. Diese wurde anlässlich des Jubiläums neu hergerichtet und museal aufbereitet. Sie steht aber auch im Zentrum einer neuen Debatte, die sich unter anderem an der Forderung von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier entzündet hat, sie in ihren ursprünglichen Zustand zurück zu versetzen – was auch immer das genau heißen mag.

Gatzka jedenfalls beklagt eine Schlagseite des Diskurses über 1848, die sie als Übernahme der Narrative der Revolutionsgegner der damaligen Zeit identifiziert. Stets werde die Gewalt, die ihrer Ansicht nach die Wahl der Nationalversammlung überhaupt erst erzwungen hat und ohne die eine Revolution schlechterdings kaum vorstellbar ist, von den (letztlich undankbaren) liberalen und konservativen Reformern quasi ignoriert und geradezu peinlich berührt weggeschwiegen.

Die Autorin betont dabei, dass bei aller demokratischen Folklore klar sein muss, dass tatsächliche Demokraten damals eine ebenso kleine wie ungeliebte Minderheit waren, die direkt mit Unordnung, Unreife und Gewalt assoziiert wurden. Zugespitzt formuliert sie dies damit, dass die Toten des März 1848, die praktisch ausschließlich aus den unteren Schichten der Gesellschaft stammten, für die Elite, die ihr Opfer ausnutzte, dann quasi als Beweis für die politische Unreife des Volkes hergezogen wurden, das sich quasi habe totschießen lassen anstatt sich zur Wahl für die Nationalversammlung zu stellen – hier ist natürlich nur gab, weil der Druck der Straße sie erzwungen hatte.

Gatzka weist auch völlig zu Recht darauf hin, dass die Positionen von dem, was wir heute als links oder rechts betrachten, kaum auf 1848 anzuwenden sind. Gerade der offene Nationalismus, wir ihn heute selbstverständlich mit der politischen Rechten identifizieren, war damals ja dezidiert ein Projekt der politischen Linken. Auf diese Art führt der Essay schön in einige der Probleme der Betrachtung von 1848 ein: es kommt wieso häufig auf den Standpunkt an.

Mike Rapport, „Ursachen, Entwicklung und Erbe einer europäischen Revolution„, unternimmt in seinem Essay eine Kategorisierung der europäischen Revolutionen. Zuerst versucht er, in allgemeinen Begriffen die Ursachen der Revolutionen darzustellen. Grob gesagt geht es um nationalistische Konflikte, die Entstehung einer Zivilgesellschaft und die damit einhergehenden Ansprüche an die Regierungen, soziale Unruhen durch die sich verändernden Arbeitsumstände und die beginnende Emanzipation der Arbeiter und die Gegenreaktion des Bürgertums sowie die letzte europäische Hungersnot.

Danach postuliert er eine ideale Abfolge von Schritten, die Revolutionen von 1848/49 (und dem Anspruch nach letztlich alle folgenden ebenso) durchliefen. es beginnt mit den eigentlichen revolutionären Unruhen, die üblicherweise durch irgendwelche willkürlichen Elemente wie einen abgegebenen Schuss ausgelöst werden. Die eher nicht sonderlich revolutionsaffinen Liberalen werden durch die folgende Begeisterungswelle mitgetrieben. Darauf folgt eine Periode der Liberalisierung: aus Furcht ernennen die Monarchen liberale Minister und erfüllen einige Kernforderungen. Diese Epoche ist auch als Völkerfrühling bekannt.

Allein, sie dauerte nie lange. Stattdessen war sie stets von einer Phase der Polarisierung gefolgt, in der die überraschend erfolgreichen Revolutionäre sich untereinander bekämpften, weil sie sich nicht über die Richtung einig waren. Die folgende Reaktion des Adels war deswegen von Erfolg gekrönt, konnte er aber auch auf eine wesentlich bessere Ausgangslage durch höhere Organisation und klarere Ziele zurückgreifen. Am Ende stand die Zerstörung der Revolution.

Rapport beschließt sein Essay mit der Feststellung, dass ich von der radikalen Linken bis zur radikalen Rechten praktisch sämtliche Bewegungen auf die Ideale von 1848 berufen können. Die Revolution dient also als eine Art Spiegel, in dem alle erkennen, was Sie erkennen möchten.

Einen Überblick über die gesamte Forschung zum Thema 1848 gibt Theo Jung in „Fragen an 1848/49 – Ein Forschungsüberblick„. Er beginnt direkt mit den revolutionären Ereignissen selbst, die zu einer Zeit praktisch ausschließlich unter dem Eindruck ihres Scheiterns betrachtet wurden. Die ersten deutschen Betrachtungen der Revolution betonen, dass ja quasi nur nutzloses Geschwätz herausgekommen wäre. diese parlamentsfeindliche Ansicht einte links (Marx) wie rechts. Einige Veteranen der Revolution sahen dann mit der Reichsgründung das revolutionäre Projekt quasi nachträglich erfüllt; die prorussische Geschichtsschreibung versuchte ohnehin, es in den entsprechenden Kontext einzuordnen. Für Kritiker des kaiserlichen Obrigkeitsstaats wie Heinrich Mann waren die Liberalen von 1848 die zögerlichen Übeltäter, die eine große Chance hatten vergehen lassen und die Deutschland auf den unseligen Pfad gesetzt hatten – quasi ein Sonderweg, der 1848 begann.

Die Revolution von 1918/19 brachte dann ein neues Interesse an den revolutionären Ereignissen von 1848 hervor. Die Demokraten von Weimar versuchten, eine Traditionslinie zu 1848 zu bilden. Für die Gegner der Weimarer Republik, vor allem von rechts, bestätigt sich diese Traditionslinie allerdings vor allem darin, dass erneut ein „undeutsches“ Parlament vor die Entscheidungen aus „Blut und Eisen“ gesetzt worden war und nun nutzlose Reden schwang. Wie die Nationalsozialisten zum Thema standen, muss wohl nicht gesondert erwähnt werden.

Die deutsche Teilung brachte es mit sich, dass die Perspektiven auf 1848 stark divergierten. Jung spricht hier von einer Arbeitsteilung: während die Forschung in der DDR die Rolle des Heckerzugs, der Barrikadenkämpfer und der frühen Arbeiterbewegung betonte, stellte die Forschung der BRD Kontinuitätslinien zum Grundgesetz her. Von Seiten Westdeutschlands aus fand ab den 1970er Jahren mit dem Aufschwung der Gesellschaftsgeschichte zunehmend eine Synthese statt, die ihren Höhepunkt mit Hans Ulrich Wehler fand.

Das Jubiläum 1998 führte zu einer wahren Flut von Veröffentlichungen, die bisher unerreicht ist und das Thema für viele Nachwuchshistoriker*innen karrieretechnisch unattraktiv machte. Zwar wurden viele Forschungslücken in der Zwischenzeit geschlossen; große Überblickswerke allerdings fehlen. Jung schrieb diesen Artikel allerdings vor den Veröffentlichungen etwa Christopher Clarks, die er am Horizont dräuend erwähnt.

Die Rolle einer marginalisierten (politischen) Minderheit beschreibt Kerstin Wolff in „Frauen und die Revolution – 1848 als Frauenaufbruch„. Frauen spielten keine allzu große Rolle in der Revolution von 1848, besaßen sie doch weder das Aktive noch das passive Wahlrecht. Die Sitten der Zeit erlaubten ihnen auch kaum aktive politische Betätigung. Nichtsdestotrotz spielten sie eine aktivere Rolle als je zuvor in der deutschen politischen Geschichte. Besonders bekannt und berühmt ist ihre Teilnahme an den Barrikadenkämpfen, die unter den konservativeren Zeitgenossen (und das war die überwältigende Mehrheit) für scharfe Ablehnung und allerlei wilde Vorstellungen sorgte. Einige wenige Frauen bemühten sich auch um eine formelle Teilnahme am politischen Prozess und beklagten ihren Ausschluss aus demselben.

Die meisten jedoch kleideten ihr neues politisches Bewusstsein in geschlechterrollenverträgliche Formen. Dazu gehörte etwa das Abnehmen von Schwüren der neuen Bürgermilizen, dass diese sowohl Vaterland als auch Frauen mit ihrem Leben beschützen würden und das Überreichen der Fahnen. Auch das Herstellen schwarz-rot-goldener Wimpel und das stolze Tragen der nationalen Farben gehörten zu diesem Spektrum.

Zuletzt sollte nicht vergessen werden, dass die kleine Minderheit aktiverer Frauen ihre Arbeit fortsetzen würde. Louise Otto-Peters würde im Kaiserreich noch viel aktivistische Arbeit für die Sache der Frauen machen. Insgesamt aber bleibt die Rede vom Frauenaufbruch arg übertrieben: genauso wenig wie Olympe de Gouges einen Frauenaufbruch in der französischen Revolution bedeutete, tat Otto-Peters dies für die Revolution von 1848. Man muss vorsichtig damit sein, das absolut notwendige Anliegen der Sichtbarmachung von Frauen in der Geschichte zu überziehen, indem man versucht, den heutigen politischen Wunsch auf die Vergangenheit zurückzuprojizieren.

Jungs Theorie endete ja mit der Zerstörung der Revolution. Heike Bungert macht im Endeffekt dort weiter, indem sie nachforscht, wie es den politischen Flüchtlingen in die USA erging: in „Deutsche „Forty-Eighters“ in den USA“ schaut sie auf die Lebenswege einiger bekannterer solcher liberaler Flüchtlinge. Zwar sagt sie zu Beginn direkt, dass man sich hüten muss, eine zu hagiografische Erfolgsgeschichte zu schreiben, gleichwohl sorgt ihre Konzentration auf die bekanntesten Vertreter wie Carl Schurz oder Franz Sigl dafür, dass genau dieser Effekt eintritt. Allerdings gelingt ihr sehr gut die Balance zwischen den biographischen Überblicken einerseits und den strukturellen Erfolgen der Emigrant*innen im deutsch-amerikanischen Einwanderndenmilieu.

Diese strukturellen Erfolge finden sich hauptsächlich im Bildungsbereich. So waren die Emigrant*innen treibende Kräfte beim Ausbau des Kindergartenwesens, dass sie zwar nicht alleine aus der Taufe hoben, wie manchmal behauptet wird, aber zumindest maßgeblich mit prägten und ihm dass sie zumindest einige reformerische Ideen wie zum Beispiel die Fröbels mitbrachten. Ebenso relevant war ihre Rolle innerhalb der deutsch-amerikanischen Gemeinschaft selbst. Sie übernahmen viele Zeitungen und Kultureinrichtungen und sorgten so für einen großen Zusammenhalt dieser Gemeinschaft, was schon alleine deswegen wichtig war, weil viele von ihnen kein Englisch sprachen und wohl auch nie richtig lernten.

Ich finde diesen Aspekt besonders interessant. Die USA besaßen zu jener Zeit keinerlei Einschränkungen für Einwanderung aus Europa. Anforderungen an die Integration, wie wir sie heute als selbstverständlich sehen würden – gerade was den Erwerb der Landessprache angeht – existierten überhaupt nicht und wurden offensichtlich auch nicht so als notwendig betrachtet. Gleichzeitig waren zumindest die politischen Flüchtlinge allerdings hervorragende und wertvolle Ergänzungen der amerikanischen Gesellschaft, weil sie als Liberale natürlich erstklassig in die USA passten. Ich bin daher sehr unsicher, ob sich aus ihrer Geschichte irgendwelche Schlussfolgerungen für heute ableiten lassen – spannend ist die Frage dennoch trotzdem.

Der letzte Essay, „Demokratiestärkung durch Demokratiegeschichte? Beispiel 1848/49„, stammt von Michael Parak und beschäftigt sich mit der Frage, wie man mit der Erinnerung an 1848 erinnerungspolitisch umgehen soll. Er weist gleich zu Beginn darauf hin, dass unterschiedliche Demokratievorstellungen einerseits in unserer Gegenwart herrschen, andererseits aber sich Demokratievorstellungen generell über die Zeit geändert haben. Da 1848 vor allem aus dem Demokratiebildungsauftrag der Schulen gelesen wird, sieht er hier auch eine der großen Chancen des Themas, indem man die Ereignisse nutzt, um die Vielfältigkeit des Demokratiebegriffs herauszuarbeiten. Dadurch werde deutlich gemacht, dass Demokratie nie ein Endstatus ist, sondern vielmehr stets neu ausgehandelt werden muss.

Dazu biete 1848 relevante Lektionen über die Notwendigkeit, Demokratie zu erkämpfen und auch mit Rückschlägen fertig zu werden. Auch könne man viel über die Notwendigkeit und die Schwierigkeit sowie die Möglichkeiten zur Etablierung von Demokratie erlernen.

Er verortet 1848 in der Phase des Demokratie Etablierens, die gleichwohl gescheitert sei und so etwa Vergleichspunkte zum arabischen Frühling biete. Ich bin unsicher, inwieweit ich dem durchaus zustimmenswerten Ziel, ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Verteidigung von Demokratie zu wecken und zu erhalten, die Verankerung in den Ereignissen von vor 175 Jahren anhängen möchte. Der Vergleich kann Instruktiv sein, aber auch einschnürend wirken, wenn man ihn allzu wörtlich nimmt. Die Bedeutung von marginalisierten Minderheiten lässt sich dagegen problemlos, wie der Autor vorschlägt, genauso wie ihre Emanzipation am Beispiel von 1848 erarbeiten. Die Essays dieses Bandes haben dafür ja Beispiele geliefert. Das abschließende Plädoyer, sich Handlungsspielräume bewusst zu machen und stets neu zu erkämpfen, kann ich jedenfalls nur unterstreichen.

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