Rezension: Christopher Clark – Revolutionary Spring: Fighting for a New World 1848-1849

Christopher Clark – Revolutionary Spring: Fighting for a New World 1848-1849 (Hörbuch) (Frühling der Revolution: Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt (Hörbuch))

Die Revolutionen von 1848 sind zwar seit Jahr und Tag Stoff in den Bildungsplänen der Republik, Favoriten der Schüler*innen waren sie aber noch nie. Christopher Clark, der ein neues Mammutwerk zu dieser Periode vorgelegt hat, kann das vollkommen nachvollziehen: „failure and complexity are an unappealing mix„, und Recht hat er. Als Schüler hat mich die Periode auch nicht interessiert, heute ist das anders. Umso besser, dass Clark sich des Themas annimmt und die nationalstaatliche Geschichtsschreibung der Vergangenheit – die er als Reaktion auf das Scheitern deutet – durchbricht und stattdessen eine Globalgeschichte der Revolutionen von 1848 vorlegt. Sein Anspruch ist das vollständige Durchdringen der Ursachen und Abläufe – sowohl der titelgebenden Frühjahrseuphorie als auch des furchtbaren Rückschlags der Reaktion.

Sein erstes Kapitel, „Social Questions“, befasst sich mit den sozio-ökonomischen Grundlagen. Auch wenn er die Idee vieler Linker, dass soziale Missstände Protest und Unruhe hervorrufen müssten als klar empirisch widerlegt zurückweist, sieht er in der „Sozialen Frage“ der Ära doch einen unverzichtbaren Hintergrund für das Geschehen. Im ersten Abschnitt, „The Politics of Description“, zeigt er die Bedeutung der neuen Wissenschaft der Soziologie auf, die die Armut – Menschheitskonstante seit Adam und Eva – erstmals fassbar machte und in nackten Zahlen eine moralische Empörung auslöste. Die Konservativen und Liberalen neigten (fälschlicherweise) dazu, die Schuld dazu bei den Armen selbst zu suchen, aber einige aufgeklärtere Zeitgenossen führten sie bereits auf die Zustände zurück. Georg Büchner würde zustimmen, wäre er nicht bereits an Krankheit verstorben.

Im nächsten Abschnitt, „Precarity and Crisis„, wendet Clark den Blick von der Außenperspektive Bourgeoisie ab, die vor allem in moralischer Empörung (wahlweise über die Zustände selbst oder aber die Arbeiter*innen, die sie dafür moralistisch verantwortlich machte) auf die Soziale frage blickte, hin zu den Betroffenen selbst. Die Zustände, in denen diese lebten, waren tatsächlich oft abartig. Wer sich je mit der Industrialisierung der Sozialen Frage beschäftigt hat, kennt die Beschreibungen zur Genüge: feuchte Löcher, in denen Leute in Großfamilien vegetierten, unhygienische Zustände, Mangelernährung, Tragen von Lumpen. Die Stunden waren lang, die Löhne niedrig. Frauen und Kinder wurden eingesetzt, um die ohnehin niedrigen Löhne weiter zu drücken. Es war offensichtlich, warum angesichts dieser Zustände die Leute unzufrieden waren.

Danach wendet sich Clark den Webern zu, den wohl unzufriedensten Menschen der Epoche. Das Textilhandwerk war durch eine Reihe von Faktoren in den 1840er Jahren unter Druck geraten. Neue Maschinen zerstörten Jobs und schufen nur niedriger bezahlte ungelernte Tätigkeiten, politische Konflikte unterbrachen Handelsbeziehungen, neue Rohstoffquellen wurden erschlossen, die Infrastruktur wurde besser und erlaubte größere Effizienz. All das drückte die Preise und sorgte für Aufstände der Weber. Clark zeigt einen Aufstand der Seidenweber in Lyon, die mit großer Effizienz vorgingen und kollektive Organisationsformen pionierten. Ihnen stellte sich die Nationalgarde entgegen, in der vor allem ihre Ausbeuter dienten – die hemmungslos Gewalt anwandten, um die soziale Ordnung aufrechtzuerhalten. Ein ähnliches Bild struktureller Machtdifferenzen zeigte sich in Prag, wo die Weber sich ebenfalls organisierten und von der habsburgischen Armee unterdrückt wurden, die das Recht der Arbeitgeber, Kartelle zu bilden und die Auspresser zu schützen, mit Waffengewalt schützte, um mit derselben Waffengewalt jegliche Arbeiterrechte zu verweigern.

Der wohl berühmteste Aufstand war der der schlesischen Weber, die durch die ländliche Struktur Schlesiens keine Chance auf dieselbe Organisation wie ihre Lyoner und Prager Gegenstücke hatten. Während letztere wenigstens unter der Hand nach der Niederschlagung Zugeständnisse bekamen, wurden die am heftigsten durch die Krise getroffenen schlesischen Weber rücksichtslos von der preußischen Armee niedergeschlagen, was vor allem durch Heinrich Heine, Gerhart Hauptmann und Käthe Kollwitz in der Kunst unsterblich gemacht wurde und die schlesischen Weber zum Inbegriff der Armut jener Zeit machte.

Zum Abschluss betrachtet Clark Galizien im Jahr 1846. Im Westen ist die dortige Aufstandswelle praktisch unbekannt und vergessen, aber in der Region hat sie bis heute wirkmächtige Mythen hinterlassen. Der Ursprung der Aufstände waren polnische Nationalisten, vor allem im Adel. Die Kleinfürsten riefen ihre Bauern bewaffnet zusammen, um die habsburgischen Autoritäten zu attackieren. Die Dinge liefen nicht wie geplant. Die Bauern, denen die polnischen Adeligen alle möglichen Versprechungen machten, glaubten ihren Herren kein Wort. Von ihnen waren sie nichts als Unterdrückung gewohnt, während die Habsburger wenigstens rudimentäre Hungerhilfen gesandt hatten. Die Bauern wandten sich gegen den Adel. Vielerorts entwaffneten und verhafteten sie ihre ehemaligen Herren; an anderen Orten eskalierte die Lage. Rund 1000 Menschen starben in den Unruhen, die von der habsburgischen Propaganda als Beweis für die Treue ihrer braven Bauern, von der polnischen Propaganda als Beweis für habsburgische Intrigen gesehen wurden. Beides war Unfug und führte beide Seiten zu Fehlinterpretationen der Lage.

Das zweite Kapitel, „Conjectures of Order“, beschäftigt sich mit Ordnung – herrschenden Systemen und jenen, die versuchen, neue zu schaffen.

Der erste Abschnitt, „It’s a Man’s World„, betrachtet die Rolle der Frauen. Wie der Titel schon sagt war das frühe 19. Jahrhundert eine von Männern dominierte Welt. Die Frauen waren rechtlich diskriminiert und sozial marginalisiert. Clark beleuchtet in diesem Abschnitt erste Frauenrechtler*innen: radikale Frauen auf der einen Seite forderten gleiche Rechte und Beteiligung am politischen Prozess, aber einige wenige radikale Männer forderten dassselbe. Doch selbst bei den demokratisch gesinntesten Zeitgenossen ging es üblicherweise nicht so weit, die Forderungen nach mehr Rechten auch auf das weibliche Geschlecht auszudehnen; das blieb eine absolute Minderheitenposition. Eng verknüpft waren eine erdrückende Sexualmoral, die politische Beteiligung als männlich konnotiert wahrnahm und in einer politischen Beteiligung von Frauen die Zerstörung männlicher und weiblicher Rollen und Identitäten sah. Eine Frau, die sich hier engagierte, trat aus dem Konsens der Züchtigkeit aus und war damit nicht mehr im patriarchalischen System integrierbar, ein Schritt, der nur für die allerwenigsten in Frage kam – unter großen persönlichen Opfern.

Gefolgt wird dieser Abschnitt von „Partisans of Liberty„, der den Blick auf die Liberalen lenkt. Clark weist daraufhin, dass der Liberalismus des 19. Jahrhunderts seinen Ursprung weniger in Großbritannien als in Südeuropa habe, wo auch die Begrifflichkeit „liberal“ ihren Ursprung nähme. So fand das erste klassische Experiment liberalen Regierungshandelns um 1820 in Spanien statt, ehe das ganze Projekt unter französischen Bajonetten endete, die eine autokratische Monarchie wiederherstellten – um das eigene System nicht zu gefährden. Der Liberalismus definiert sich (und definiert sich wohl auch immer noch) als moderate Kraft zwischen den Polen. Liberale glauben an eine langsame, überlegte Reform bestehender Zustände und eine Herrschaft der Besten (die natürlich identisch mit den Liberalen sind). Im 19. Jahrhundert müssen wir sie uns definitiv als von Demokraten getrennt denken: nichts lag den Liberalen ferner als Gleichberechtigung und Wahlrecht aller. Das wetterleuchtete als utopisches Fernziel, rhetorisch beschworen, aber nicht wirklich daran geglaubt. Die Vorstellung der Revolution war ihnen ein Gräuel, ihre Unordnung, ihr Chaos und ihre Gewalt.

Sie sahen eine bessere, fortschrittlichere Zukunft, die mit sicherer Hand geleitet herbeigeführt werden musste. Das Mittel hierfür war der Markt, dessen Kraft Wunderträume auslöste. Clark weist darauf hin, dass wir nicht mit unseren heutigen Konzepten von Märkten und den Erfahrungen von Finanz- und Weltwirtschaftskrisen auf diese liberalen Vorstellungen blicken dürfen; im 19. Jahrhundert waren Märkte ja noch fast nicht entwickelt, wurde Wirtschaftstätigkeit wie Meinung und Presse in engen Grenzen gehalten. Jegliche Liberalisierung hatte riesige Effekte – und diente gleichzeitig dazu, die Emotionen und Passionen der Massen unter Kontrolle zu halten.

Genau dieses Horrorszenario einer Revolution war der Endzweck der Radikalen, denen sich Clark als nächstes zuwendete. Sie waren der Überzeugung, dass die bestehende Ordnung ein Graus war, die die Bevölkerung unbotmäßig unterdrückte (sicherlich kein falscher Eindruck). Unter dem Überbegriff der „Radikalen“ darf man sich aber kein geeintes Lager vorstellen, das wie die Liberalen eine gemeinsame Ideologie geteilt hätte. Die Radikalen waren sich einig, dass es radikaler Lösungen bedurfte; welche das waren und welchen Zweck sie hatten, war dagegen hoch umstritten. Es gab demokratische Radikale, die aus heutiger Perspektive wohl in der CDU zu finden wären (weil sie so extremistische Forderungen wie ein gleiches Wahlrecht vertraten) als auch Proto-Sozialisten, die von einer gänzlich neuen, gerechten und gleichen Gesellschaft träumten.

Diese Träume der Radikalen waren die Albträume der Konservativen. Sie teilten die Einschätzung der Liberalen und Radikalen über ihre Gegenwart: Veränderungen dräuten am Horizont. Die Revolution, die die Radikalen wollten, war ihr absoluter Horror, und wenn sie die Liberalen davon reden hörten, die Revolution durch maßvolle und moderate Reformen und partielle Mitbestimmung zu verhindern, dann sahen sie als unweigerlichen Endpunkt Radikalisierung und Jakobinertum, das nur in Guillotine und einem neuen Napoleon enden konnte. Geschichte war eine Abfolge von Zyklen, die sich ständig wiederholten, was die Vorstellung eines echten Fortschritts ausschloss (und die Konservativen stets pessimistisch in die Zukunft und einen neuen Kreislauf revolutionärerer Gewalt fürchten ließ). Für die Konservativen ruhte die natürliche Ordnung in einem gottgegebenen Zustand, der vielleicht inkrementelle Veränderungen über Jahrzehnte erlaubte, aber nichts an der Einteilung der Welt in verschiedene Stände ändern konnte und durfte. Die Ungleichheiten waren Grundfeste der göttlichen Ordnung, sie mussten erhalten bleiben.

Der Vormärz war auch eine Periode der Religion. Clark gibt Einblicke in einige radikale Bewegungen der damaligen Zeit, etwa erste Ansätze der Ökumene (die damals wie heute unter Katholiken mehr Anhänger*innen fand als unter Protestant*innen) oder Gleichheitsideale einer Art „christlicher Soziallehre“, wie sie sich später herausarbeiten würde. Diese Leute befanden sich in einem harten Konflikt mit den Amtskirchen, die mit aller Schärfe diese „Irrlehren“ zu unterdrücken gedachten. Man sollte aber nicht den Fehler machen zu glauben, die Kirchen seien in dieser Zeit schwach; das Gegenteil war der Fall. Besonders die katholische Kirche, die durch die Revolutionszeit in eine Krise geraten war, erlebte ein riesiges Comeback. Die Menschen des Vormärz waren allgemein von großer Religiosität erfasst, und die katholische Kirche veränderte sich in jener Zeit in einem starken Ausmaß, das ihre moderne Ausgestaltung prägen sollte. Auch protestantische Bewegungen erlebten einen Aufschwung, der durchaus mit der amerikanischen Erweckungsbewegung jener Zeit vergleichbar war (wenngleich auch weniger radikal und emotional). Generell, so Clark, war die Epoche von einer tiefen und ernsten Religiosität bestimmt, die fruchtbare neue Verbindungen mit den politischen Vorstellungen der Epoche einging und so zu der Bedeutung der Revolutionen von 1848 beitrug.

In Clarkes nächstem Abschnitt, Patrioten und Nationen, befasst er sich mit einer damals noch völlig neuen, aber umso wirkmächtigeren Idee: dem Nationalismus. Die Idee der Nation war eine künstliche, auch wenn die Nationalisten alles versuchten, um irgendwelche „natürlichen“ Grenzen zu konstruieren. Gerade für Konservative war die Idee oft ein Gräuel, weil sie bestehende Traditionen umwarf und zudem mit einer radikalen Gleichheitsvorstellung verknüpft war: wo die Monarchen aktuell aus Gottes Gnaden regierten, waren sie, selbst mit absoluter Macht ausgestattet, in der Nation doch aus der Masse legitimiert, dem Anathema jedes Konservativen. Die Künstlichkeit der Idee erforderte seitens der Nationalisten einen gewaltigen Bildungsakt: großen Teilen der Bevölkerung musste nahegebracht werden, was die Nation war, wodurch sie sich definierte und dass sie alle dazu gehörten. Der Nationalismus war eine Bewegung vorrangig der jungen Männer, die sie auch mit Gewalt durchzusetzen versuchten. Gleichwohl sollte er nicht mit seinen Auswüchsen gegen Ende des 19. und vor allem dem Schlachten des 20. Jahrhunderts gleichgesetzt werden: zwar gab es genügend Geschmacklosigkeiten, wie den französisch-deutschen Konflikt um den Rhein („Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“), aber der Nationalismus war paradoxerweise eine gesamteuropäische Bewegung, und eine nicht unerhebliche Gruppe von Freiheitskämpfern focht in diversen nationalen Befreiungskämpfen. Der große Gegner aller Nationalisten waren die multiethnischen Reiche, allen voran das der Habsburger, weswegen sie in Wien auch ihren erbittertsten Gegner fanden. 

Nicht alle Menschen hatten allerdings überhaupt den Luxus, sich mit Politik beschäftigen zu können. Der Gegensatz von frei und unfrei war im 19. Jahrhundert noch wesentlich anders konnotiert als heute. Nicht nur waren die meisten europäischen Mächte im 19. Jahrhundert noch Sklavenmächte – die britischen Abolitionsbestrebungen wurden europäisch nicht geteilt, sondern vor allem (und nicht völlig zu Unrecht) als britische Interessenpolitik betrachtet -, die Intellektuellen der Zeit waren auch besessen von der Sklavereimetapher. Frauen waren die Sklavinnen der Männer, die Bürger waren durch die Fürsten versklavt, die Arbeiter von den Fabrikbesitzern, die Bauern von ihren Herren. Diese Masse der Sklavereivergleiche ging mit einer Relativierung und Verherrlichung der Sklaverei einher; die absurde Behauptung, den europäischen Bauern eringe es schlechter als den „zufriedenen“ Sklaven der Zuckerrohrplantagen, findet sich bei zahlreichen Autoren. Clark bemerkt, dass die realen Bedingungen der Sklaverei überhaupt keine Rolle spielten und die europäischen Liberalen und Radikalen auch merkwürdig ignorant gegenüber dem Schicksal Haitis waren.

Kapitel 3, „Confrontation“, beginnt mit dem Ausbruch der Julirevolution 1830 in Paris. Die wiederhergestellte Monarchie suchte den Konflikt mit dem vergleichsweise machtlosen liberalen Parlament, indem sie nach der konservativen Niederlage in den Parlamentswahlen 1830 den Befreiungsschlag gegen die Reformwünsche in massiver Unterdrückung suchte.

Der erste Abschnitt, „A liberal revolution„, geht genauer auf die folgende Revolution ein. Die Liberalen waren wenig überraschend wenig angetan vom Verfassungsbruch und Putsch des Königs, aber da satte 0,3% der Bevölkerung das Wahlrecht besaßen, war kaum damit zu rechnen, dass sich eine Bewegung der Massen für ihre Rechte einsetzen würde. Doch genau das geschah. In mehreren Städten, besonders Nantes und Paris, erhob sich die Bevölkerung und focht bittere Kämpfe gegen die Regierungstruppen. Hunderte von Toten waren die Folge, aber mit Hilfe von Veteranen aus den napoleonischen Kriegen, die erbeutete Kanonen bedienen konnten, wurde das Blatt gewendet. Der letzte Bourbonenkönig floh. Das Parlament wählte den Herzog von Orléans zum neuen König, erweiterte das Wahlrecht auf 0,5% der Bevölkerung, beschnitt sanft die Rechte der katholischen Kirche, gratulierte sich zur moderat-pragmatischen Vernunft und verklärte die Ruhe und Ordnung der Massen in der Revolution und ihr commitment zu liberalen Werten.

Das war zu früh gefreut, denn es blieb noch einige „Unfinished business“ übrig. In den nächsten Jahren kam es zu mehreren blutig niedergeschlagenen Aufständen des breiten Volkes, das in den kleinen Reformen der Liberalen nicht den Ausweg aus ihren eigenen Problemen, allen voran der sozialen Frage, erkannte und weitergehende Reformen forderte, die inzwischen die Beseitigung der Monarchie – gegenüber der auch die französischen Liberalen angesichts der enttäuschenden Performance ihres neu gewählten Souveräns merklich abgekühlt waren – als gegebene Forderung annahmen und sich in immer weitergehende Forderungen verstiegen.

Diese Sozialrevolutionäre schrieben nicht nur radikale Pamphlete und versuchten, Widerstand gegen den Staat zu organisieren, sondern wurden auch dafür verhaftet. Die radikale Rhetorik der Sozialrevolutionäre war in den 1830er Jahren nur auf die Linke beschränkt; erst ab 1848 sollten die Rechten und Liberalen sich ihrer Methoden ebenfalls bedienen. Die große taktische Neuerung dieser Sozialrevolutionäre mit ihren Forderungen nach Gleichheit war die Nutzung der Gerichte als öffentliche Bühne: sie sprachen dem Staat jede Legitimation ab, sie überhaupt abzuurteilen und zerbrachen den Konsens, dass Gesetze Konflikte regeln sollten.

Viele dieser Revolutionäre bedienten sich eines „Cult of Clandestinity„, niemand so sehr wie der italienische Revolutionär Buanarotti. Er bewegte sich von Versteck zu Versteck, Haftstrafe zu Haftstrafe und organisierte revolutionäre Zellen. Anders als die anderen Autoren der Epoche sah er die französische Revolution nicht in einer erfolgreichen Epoche 1789-1792, die durch die Übernahme Robesperries 1793 zerstört wurde. Er sah in Robespierre vielmehr ein leuchtendes Vorbild und schrieb die erste revisionistisch-positive Betrachtung. Seine Lektion? Kompromisse waren wertlos, was es brauchte war reinigende, revolutionäre Gewalt. Diese Idee würde im 20. Jahrhundert noch düsterste Konsequenzen haben.

Ähnliches gilt für die Ideen Mazinis, eines „Apostles of National Insurrection„. Mazini war ein radikaler Demokrat und glaubte an die Gleichheit aller Menschen, aber gleichzeitig war er der Überzeugung, dass das Kollektiv – die Nation – über allem zu stehen habe, weil Pflichten vereinten, während Rechte spalteten. Die Betonung von Rechten in der Französischen Revolution war seiner Ansicht nach der Hauptgrund für deren Scheitern. Es ist leicht zu sehen, warum die Faschisten ihn später kooptierten. Mazini initiierte permanent scheiternde bewaffnete Aufstände und war essenziell in der Herausbildung einer Nationalbewegung wie eines Nationalbewusstseins. Das hatte er mit seinem Gegenstück Garibaldi gemein, der anders als Mazini auch persönlich ein gewalttätiges Leben führte: in Uruguay und Argentinien erlernte Garibaldi das Handwerk des Gauchos und brachte das individualistische Freiheitsstreben dieser Gruppe in die italienische Nationalbewegung ein.

Indessen gärte es auch in Deutschland. In „Political Ferment in Germany“ verfolgt Clark die Ausbreitung der Ideen der Revolution von 1830 nach Deutschland, die zahlreiche kleine Aufstände inspirierte, die zur Verabschiedung von Verfassungen in den betroffenen Staaten führten. Das Hambacher Fest 1832 war eine riesige Veranstaltung, die die Macht der liberalen Netzwerke ebenso eindrucksvoll unter Beweis stellte wie das wachsende Gewicht der radikalen Linken und ihrer demokratischen Ideen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: die deutschen Fürsten verschärften unter Metternichts Federführung die Zensur radikal (und benutzten dazu die Taktiken der Opposition, was sie besonders effektiv machte). Es ist allerdings aufällig, wie sich Stück für Stück eine liberale, vernetzte Öffentlichkeit herausbildete, die landesgrenzenübergreifend in Kontakt miteinander war – eine essenzielle Vorbedingung für die Revolution von 1848.

Clark erzählt anhand Robert Blum, der aus armen Verhältnissen kommend – die „Soziale Frage“ am Lebendbeispiel – sich als Autodidakt hocharbeitete und bis 1847 radikalisierte, wie das in der Praxis oft aussah. Blum hatte sich einen Ruf als wichtigster Radikaler in Leipzig erarbeitet, und als die Stadt 1847 über die schlechte Versorgungslage in einen Aufstand zu rutschen drohte, übernahm er die Kontrolle und moderierte, lenkte die Energie in konstitutionelle Bahnen. So erbrachte er den Beleg, dass auch die Radikalen ernstzunehmende Verhandlungspartner waren, was im folgenden Jahr wichtig werden würde.

Wesentlich gewalttätiger ging es im „Schweizer Kulturkampf“ zu. Nord gegen Süd, Land gegen Stadt, liberal gegen konservativ und vor allem katholisch gegen protestantisch waren die großen Trennlinien, die zu einer Reihe regionalisierter Verfassungskonflikte und Bürgerkriege führten. Die Schweiz in den 1840er Jahren stellt das beste Beispiel für die zunehmende Bedeutung von Religion dar, die Clark in Kapitel 2 darlegte, und das nicht auf eine positive Art.

Im Osten indes fand die „Radikalisierung Ungarns“ statt. Die schlechte wirtschaftliche Lage sorgte 1825 für die Einberufung eines Parlaments. Wie in Frankreich konnte nur ein Bruchteil der Bevölkerung, vor allem Adelige, dieses wählen. Aber die Liberalen errangen auch hier Siege und forcierten eine nationale Entwicklungspolitik, die Wien zu verhindern versuchte. Reformer wie Lajos Kossuth und Mihály Táncsics trommelten für ein magyarisches Selbstverständnis, für eigene ungarische Werte und größere Autonomie. Die Habsburger bekämpften diese Bewegung mit allen Mitteln, aber letztlich gelang es ihnen nur, Märtyrer zu schaffen. Die ungarische Revolte aufzuhalten erwies sich als unmöglich.

In Frankreich indes zeigte sich die „Eclipse of a Bourgeois Monarchy„. Die Regierung nach 1830 schien der Triumph der Liberalen, aber die Zufriedenheit mit dem neuen Regime schwand zunehmend, und die reaktionäre Politik des „Bürgerkönigs“ entfremdete ihn auch von vielen Liberalen. Als die königliche Regierung im Frühjahr 1848 beschloss, die eigene Unterdrückungspolitik deutlich auszuweiten, explodierte die Situation stattdessen völlig – wie 1830, wie in vielen anderen Ländern auch.

Ein „Triumpf der Moderaten“ hatte auch in Italien stattgefunden. Trotz des Radikalismus eines Mazini oder Garibaldi war die Politik der 1830er und 1840er Jahre von einer Vorherrschaft der Liberalen gekennzeichnet. Der König von Piemont-Sardinien inszenierte sich als Hoffnungsfigur der nationalen Erneuerung, und die radikalen Vorstellungen von einer Gleichheit (und Partizipation!) aller Untertanen waren ihm genauso abscheulich wie den Liberalen, die auf seine Einigung des Landes hofften. Der Amtsantritt eines neuen Papstes schien im Kirchenstaat den Anbruch einer zarten Modernisierung zu verheißen (die bald enttäuscht wurde), und der Bourbone auf dem Thron Siziliens war derart reaktionär, dass er nicht einmal den Anspruch Piemonts attackierte, Italien einigen zu wollen, weil er die Idee völlig absurd fand.

Die Polizei und das Militär indessen taten in Clarkes Lesart nichts, um die Revolutionen aufzuhalten. In ihrer Konzentration auf die Unterdrückung revolutionärer Verschwörungen sahen sie den Wald vor lauter Bäumen nicht und wurden von der Massenerhebung völlig überrascht; das Militär, dessen Strategie im Rückzug auf wenige befestigte Punkte bestand, um der Umkreisung durch Verschwörer zu entgehen, war daher nicht imstande, die Ordnung aufrechtzuerhalten.

Verantwortlich für die konterrevolutionären Bestrebungen war Metternich. Der österreichische Fürst war bei weitem nicht der radikalste Konservative seiner Zeit; er war Wandel nicht grundsätzlich abgeneigt, sofern dieser langsam und mit den herrschenden Eliten vereinbar war. Als „The Rock of Order“ aber war er das Gesicht der alten Ordnung. Zudem verkrustete Metternichs Denken nach 1815 zunehmend, weswegen er nicht in der Lage gewesen sei, zwischen Reformern und Radikalen zu unterscheiden; für ihn seien alle Liberalen Radikale gewesen, was der Lage nicht unbedingt förderlich gewesen sei. Das Selbstverständnis Metternichs sei das eines Damms gewesen, der die flutartige Wucht der Veränderungen aufhält.

Die naheligende Folgemetapher ist die von „Cracks in the Dam„, die solche Versuche des Aufhaltens von Veränderungen als wenigstens prekär entlarven mussten. Clarke beschreibt zwei solcher Risse im Damm. Der erste war das Pontifikat Pius IX., der als „Reformpapst“ Erwartungen weckte, die er unmöglich erfüllen konnte. Die italienischen Nationalisten projizierten ihre Wünsche auf ihn, die er, abhängig von österreichischem Schutz, kaum erfüllen konnte. Nicht, dass die Bourbonen im Königreich beider Sizilien besser wären; sie riefen den Hass ihrer Untertanten durch offensive Missachtung von Reform- und Einigungswünschen auf sich. Einer ähnlichen Situation sah sich Preußen ausgesetzt: der König musste, um die notwendigen Investitionen ins Eisenbahnnetz vornehmen zu können, Schulden aufnehmen. Dies war aber nur mit Zustimmung des Landtags möglich. Als er diesen einberief, weigerte sich der Landtag nicht nur, ihm die Kredite zu gewähren; die Liberalen organisierten sich zudem gegen die partikularistisch-provinziellen Konservativen und erlebte dadurch einen Erweckungsmoment eigener Handlungsfähigkeit.

Eine weitere überclevere Metapher findet Clarke in „The Avalanche„, unter der er den kurzen Schweizer Bürgerkrieg der Föderation gegen den Sonderbund 1847 abhandelt. Der komplexe Krieg wurde in Europa intensiv beobachtet und auf die Formel einer liberalen Mehrheit gegen eine jesuitisch-reaktionäre Minderheit verdichtet. Die begeisterte Unterstützung, die die Föderation im liberalen Ausland bekam, ließ tief blicken.

Das war jedoch nichts gegen das in Kapitel 4, „Detonations – I Predict a Riot„, beschriebene Phänomen der sizilianischen Revolution im Februar 1848. Von Palermo ausgehend eskalierte eine Serie kleiner Aufstände durch Passivität, mangelndes Selbstvertrauen und Inkompetenz der Regierung in eine volle Revolution. Die Bourbonen hatten zu spät begonnen, zaghafte Reformen einzuleiten, und den Moment verpasst, in dem sie noch die revolutionäre Stimmung beschwichtigen konnten. Keine Maßnahme half, den unorganisierten Volkszorn einzudämmen, der zum Kontrollverlust über Palermo und Sizilien führte. Eine herausragende Rolle nahmen in dieser Revolution auch die britischen, französischen und amerikanischen Offiziere ein, die ihre Schiffe als neutrale Verhandlungspositionen anboten und mal mehr, mal weniger offenkundig für die Republikaner Partei ergriffen. Am Ende musste Ferdinand II. eine Verfassung für das Königreich versprechen.

Frankreich indessen blieb von revolutionären Unruhen nicht verschont. In „Nouvelles Diverses‚“ beschreibt Clarke die Erwartungshaltung einer kommenden Auseinandersetzung, die sich in Frankreich in jenen Tagen aufbaute. Während er die Idee einer sich durch Europa ausbreitenden „Welle“ der Revolution wegen mangelnder kausaler Zusammenhänge trotz der zeitlichen Korrelation ablehnt, betont er doch die international ausgerichtete Presse, die all die revolutionären Strömungen bündelte.

Nicht kausal von Palermo ausgelöst, aber fast zeitgleich fand „A Revolution in February“ in Paris statt. Der Versuch, ein politisches Bankett mit Forderungen nach mehr Repräsentation zu verbieten, sorgte für einen Massenauflauf unzufriedener Bürger*innen. Der fast unvermeidliche Schuss eines in Panik geratenden Soldaten ließ die Lage dann explodieren. Viele Nationalgardisten weigerten sich, ihre Posten anzutreten, und fraternisierten mit der Bevölkerung. Der König dankte ab, und eine neue Regierung proklamierte die Republik. Clarke stellt trocken fest, dass sich die Monarchen auf die falsche Revolution vorbereitet hatten: es gab keine Verschwörung elitärer Zirkel, sondern eine breite Bewegung zahlreicher sozialer Schichten. Bereits im Pariser Februar wurde allerdings sichtbar, dass die sozialen Probleme, die die breite Masse antrieben, den wohlhabenden Liberalen reichlich egal waren.

Die Revolution, nun bereits in Italien und Frankreich Erfolge feiernd, erreichte als nächstes Wien. Die Absetzung Metternichs, der die Geschehnisse gegenüber seiner Frau mit „We are Dead“ kommentierte, zeigte den Grad der revolutionären Erregung. Noch mehr als in Paris aber war es eine sozial gespaltene Revolution. Während in Wien selbst die Liberalen den Ton angaben und ihre Treue zum Kaiser betonten (während gleichzeitig in Budapest das Junge Ungarn ausgerufen und die Unabhängigkeit gefordert wurde), kämpfte in den Vororten die Arbeiterklasse für mehr Rechte – und wurde von Nationalgardisten zusammengeschossen, die eben noch in der Kernstadt die liberale Revolution getragen hatte.

Die Frage „Shall we be slaves?“ ertönte deswegen in den Arbeiterquartieren Wiens wie Budapests besonders laut. Clarke lenkt den Blick außerdem noch einmal nach Budapest, wo eine nationale Revolution in wildem Gange war und eine Delegation nach Wien entsandt wurde, um dort für die Rechte der Ungarn zu argumentieren. Von den dortigen Geschehnissen wurde die Delegation aber vollständig überrollt. Clarke betont zudem, dass die Krise die Schwäche des Throns gegenüber den adeligen Kabalen aufzeigte, die bereits vor der Revolution die Geschehnisse in Österreich bestimmt hätten; die scheinbare Alleinherrschaft Metternichs war nur eine Mirage.

Ähnliche Erlebnisse wie Wien machte Berlin kurz darauf. Die Forderung „Soldaten raus“ ertönte nach den heftigen Barrikadenkämpfen vom März. Diese wiederum waren das Resultat der bereits üblichen Eskalation: die Soldaten versuchten, demonstrierende Menschenmassen ohne allzuviel Gewalt aufzulösen, ein Schuss löste sich, panikartig breiteten sich Gerüchte aus, Barrikaden wurden gebaut. Clarke weist darauf hin, dass diese Barrikadenkämpfe in den bürgerlichen Vierteln stattfanden und einer kuriosen Arbeitsteilung unterlagen: gekämpft und gestorben wurde durch die unteren Schichten, während die Bürger sich auf passive Unterstützung beschränkten. Umgekehrt war die Begeisterung über die Zusagen Friedrich Wilhelm IV. bei ihnen besonders hoch, während die hungernden, ausgebeuteten Arbeiter für sich wenig Positives in einer versprochenen liberalen Verfassung erkennen mochten. Der preußische König agierte in Clarkes Erzählung allerdings sehr geschickt; ein revisionistischer Kontrapunkt zu früheren Darstellungen, in denen er sich schwach und inkompetent den Revolutionären auslieferte. Tatsächlich erhielt er das Ansehen der Monarchie, ein wichtiger Baustein für spätere Ereignisse.

Indessen findet sich der nächste revolutionäre Furor in den „Five Days of Milan„. Auch hier eskalierten Konflikte in Straßenkämpfe, dieses Mal mit der österreichischen Besatzungsarmee, und ein von Kaiser Ferdinand I. gesandter Botschafter konnte angesichts des Wiener Machtvakuums wenig ausrichten. Die Österreicher überließen strategisch den Milanesen das Feld, die der ungewissen Zukunft einer piedmontesischen Intervention entgegenharrten, die vor allem die Annexion der Lombardei und weniger das liberale Erwachen Italiens im Auge hatte.

Nicht überall in Europa herrschte allerdings Gewalt. Unter dem Schlagwort „The Dogs that didn’t bark“ betrachtet Clarke die Lage in den Niederlanden, wo der König durch rechtzeitige – ein zentraler Unterschied zu Wien, Berlin und Paris – Zugeständnisse an die Liberalen die Lage unter Kontrolle zu halten vermochte. Auch in Großbritannien kam es zu keiner Revolution, wenngleich Clarke betont, dass die über 100 Jahre geäußerte Selbstgefälligkeit der Briten darüber eher Glück und Zufall zu verdanken sei; allenfalls das frühe Aufkommen der Chartisten und das gewöhnt Sein an den Umgang mit sozialen Forderungen habe Großbritannien geholfen.

So in jedem Fall war „The End of the Beginning“ erreicht. Die Revolution hatte den Großteil Europas erfasst. Clarke stellt heraus, dass die meisten Monarchen sich gar nicht so sehr von den französischen Vorgängen beeindrucken ließen – diese wurden als sui generis aufgefasst – sondern von denen Mitteleuropas. Der niederländische König war von den Vorgängen in Sachsen-Weimar, der preußische König von denen in Wien nachhaltig erschüttert; Paris wurde eher als normal verworfen. Es war gerade die europäische Dimension der Revolution, die die Regierungen so verunsicherte und damit Raum öffnete.

Kapitel 5, „Regime Change„, beginnt die Folgen dieser Erschüttertung und Verunsicherung zu untersuchen.

Clarke betrachtet dafür zuerst den „Revolutionary Space„. Wir Menschen, so die These, sind räumliche Wesen. Die Revolutionszeit war die Hochphase der Cafés, in denen sich die bessere Gesellschaft (liberale Männer) zur politischen Diskussion und dem Austausch von Neuigkeiten traf. Sie waren quasi eine Art Schnittstelle zwischen den Geschehnissen auf der Straße und in den Regierungsgebäuden. Gleichzeitig setzte eine Umbenennung von Straßen in „Barrikadenstraße“ oder „Konstitutionsplatz“ ein, die die Revolution überhöhte.

Zu dieser Überhöhung gehörte auch „Honor your Dead„, die feierliche Bestattung der Toten der Aufstände. Dabei zeigte sich das Geschichtsbewusstsein der Revolutionäre, die bewusst bereits begannen, die gerade erst begonnene Revolution zu historisieren und ihre eigene Rolle zu inszenieren. Clarke betont, dass in den großen Bestattungen die Bruchlinien, die die Revolution später zerreißen würden, bereits sichtbar wurden. In Wien etwa wurden die proletarischen Toten ausgeschlossen und nur die Bürgerlichen beerdigt. In Berlin versuchte die evangelische Kirche, die Märzgeschehnisse als reinigendes Gewitter zu inszenieren, das das Verhältnis zwischen König und Volk geklärt und zum besseren gewandt habe, während radikalere Redner es eher in den Kontext einer größeren Erneuerung stellten, die noch zu bewerkstelligen war. Und so weiter.

Zumindest wo die Könige gestürzt waren, mussten die Revolutionäre selbst Verantwortung übernehmen. In „Establish a Government“ zeigt Clarke, wie sowohl in Paris als auch in Milan provisorische Regierungen gebildet wurden. Der Prozess geschah notwendig chaotisch und ohne klare Verfahrensregeln, und so war das Ergebnis sehr gemischt. Gut vernetzte wohlhabende Bürgerliche fanden sich plötzlich in Machtpositionen wieder, und die Zeitungen spielten eine enorme Rolle in der Propagierung von Kandidaten wie auch im Auswahlprozess. Indessen erfasste die Revolution weitere Orte: in Venedig brach sich die mittlerweile bekannte Kombination sozialer Proteste und liberaler Wünsche Bahn. Wie an vielen anderen Orten wurde eine Nationalgarde instituiert, die, allein aus den wohlhabenden Schichten bestehend, vor allem den Auftrag hatte, das Vermögen dieser Schichten zu stützen, aber auch gegen die Österreicher in Stellung gebracht werden konnte. Das Verweigern sowohl des Zutritts zur Nationalgarde als auch der Anerkennung der vorherigen Kampfesleistung gegenüber den unteren Schichten war ein hässliches Element jener sich überall in Europa wiederholenden Dynamiken.

Die Regierungsbildungen in Paris, Milan oder Palermo ersetzten eine bestehende Regierung. In Wien oder Berlin dagegen kamen neue Minister an die Macht, die sich diese mit alten Ministern und der weiter bestehenden monarchischen Exekutive teilen mussten. All diesen Fällen aber war gemein, dass die neuen Macht(teil)haber aus der Oberschicht kamen. Ihre liberalen Prägungen waren auf punktuelle Reformen zur Verbesserung ihrer Situation ausgerichtet; der breiten Mehrheit, deren Unzufriedenheit und Engagement die Revolution hervorgebracht hatte, konnten sie nur wenig bieten. Clarke spricht hier davon, dass sie die Revolution erbten, sie aber nicht hervorbrachten. Das war nur in Bukarest anders, wo eine kleine, stark französisch ausgerichtete Elite tatsächlich verschwörerisch eine Revolution in Gang setzte. Auch hier aber war es die schmale Oberschicht, die die Regierung zu ihren eigenen Zwecken übernahm. 

Zum Liberalismus gehört wie der Deckel zum Topf das Parlament. Überall in Europa wuchsen diese nun in einer Epidemie von „Elect a Parlament“ aus dem Boden. Auch hier waren die reichen Liberalen tonangebend; entweder, weil sich die neuen Parlamente aus bestehenden Vertretungen rekrutierten (die ja stets mit extrem engen Wählerkreisen konstituiert waren) oder weil die Auswahlprozesse wie bereits bei den Regierungen entsprechend angelegt waren. Diese Parlamente erfüllten zentrale Funktionen, auch wenn sie (oft) scheiterten: sie etablierten Regeln des parteiischen Streits und brachten diesen größeren Bevölkerungsschichten nahe (auch durch ein blühendes Zeitungswesen), sie schufen ein nationales Bewusstsein (besonders in Italien und Deutschland wichtig und irreversibel) und sie lieferten den Beweis für ein alternatives Regierungssystem. Diese Parlamente waren aber sehr moderat liberal; sie versuchten, die Revolution zu beenden (die, kaum zwei Monate alt, bereits schamhaft aus der Geschichte getilgt wurde) und die Forderungen der breiten Masse abzublocken, vor allem das immer wieder auftauchende Recht auf Arbeit. Aufällig ist, dass diese Parlamente oft bereits demokratischeren Wahlrechten gehorchten als ihre Vorgänger – und verlässlich konservative oder allenfalls moderate Mehrheiten produzierten. Die Radikalen reagierten darauf, wie Linke immer darauf reagieren: sie erklärten, dass das in Wahrheit nicht demokratisch sei und dass das Volk getäuscht werde, da es ja unter tatsächlich freien Bedingungen nicht umhin käme, so abzustimmen wie sie selbst.

Natürlich lag die Hauptaufgabe der meisten Versammlungen neben der eigenen Konstituierung in der Schaffung einer Verfassung, zumindest dem Selbstverständnis nach. Eine solche fehlte in vielen Ländern ja entweder noch oder bedurfte dringend der Liberalisierung. „Draft a Constitution“ war aber ein Schlachtruf, den nicht nur parlamentarische Liberale auf den Lippen führten. Clarke unterscheidet drei Arten von Verfassungen: präventive, in denen Monarchen quasi eine Liberalisierung „von oben“ verordneten oder die moderaten Liberalen das in die Hand nahmen, um eine Revolutuon zu verhindern; revolutionäre, in denen die Forderungen der Masse, die die Revolution eigentlich machte, zur Geltung kamen (keine von diesen überlebte die Revolution); und reaktionäre, mit denen die Monarchen auf die Revolution reagierten und die hauptsächlich den Sinn hatten, liberalere Entwürfe zu zerstören. So wurde etwa die preußische Verfassung 1849 explizit dazu erlassen, um die liberalere Waldeck-Charta auszuschalten. 1848/49, so das Fazit Clarkes, war der Höhepunkt des liberalen Verfassungsstrebens. Die Verfassungen wurden nun von Zielen, die man erreichen wollte, zu Mitteln. Er sieht einen Wandel von der Konstitutionalisierung zur Administration. Ab sofort würden die Bestrebungen sich darauf richten, die Regierungen selbst durch Partizipation und Verantwortlichkeit zu liberalisieren.

Damit wendet er sich Kapitel 6, „Emancipations„, zu. Das Wort „Emanzipation“, das aus dem römischen Recht für die Befreiung von Sklaven übernommen war, erlebte zu der Zeit eine Blüte. Es wurde für zahlreiche Gruppen geradezu inflationär verwendet.

Die wichtigste davon waren natürlich die Sklaven selbst. Für sie schlug „The Day of the Abolitionist„, als in Frankreich durch das Geschick Victor Schoelchers. Der Abolitionist schaffte es, durch parlamentarisches Geschick und einen festen moralischen Kompass die Versuche der Sklavenhalter, den Prozess aufzuhalten und durch Entschädigungsforderungen zu verhindern, effektiv zu blocken. Die Sklaven wurden endgültig befreit. Clarke betont auch die Rolle der Sklaven selbst: ohne eine ganze Reihe von Sklavenaufständen vor allem auf Martinique zwischen 1815 und 1848 hätte die Sklaverei niemals einen solchen Ansehensverlust erlitten, der Schoelchers Erfolg möglich gemacht hatte.

Insgesamt jedoch fiel das „Black 1848“ sehr gemischt aus. Die Begeisterung der Franzosen nahm schnell wieder ab, und die tatsächliche Umsetzung der Befreiung, vor allem ihrer Folgen, schleppte sich. Die Eliten vor Ort bemühten sich nach Kräften, die ehemaligen Sklaven durch Knebelverträge in wirtschaftlicher Abhängigkeit zu halten und bezahlten sie nur mit Anteilen an der Ernte. Dass sich auf diese Weise keine tragfähigen neuen Gesellschaften entwickeln konnten, liegt auf der Hand.

Die Rolle der Frauen indest ist schwierig zu bestimmen. Sie waren gewissermaßen „Waving from Windows„, und Clarke verweist darauf, dass die Quellenlage extrem schlecht ist: Schriftquellen über Frauenaktivitäten existieren kaum, weil die Männer das nicht für berichtenswert hielten, und die Darstellungen sind allesamt propagandistisch überhöht. Das gilt besonders für Schilderungen bewaffneter Frauen, die direkt in den Kampf ziehen; sie sind praktisch alle ein literarisches Genre, kein Tatsachenbericht, und wurden entweder aspirationell oder, häufiger, herabwürdigend eingesetzt. Welche Rolle den Frauen in den Kämpfen tatsächlich zukam, bleibt weitgehend unklar.

Weniger unklar ist ihre systematische Ausgrenzung aus dem politischen Prozess. Die Idee war, dass Frauen einerseits natürlich ungeeignet seien, sich politisch zu betätigen, es andererseits aber auch unschicklich sei. Ihnen gebühre der Platz zuhause. Viele „progressive“ Maßnahmen der Revolution konzentrierten sich deswegen darauf, die häusliche Sphäre und damit den Status der Frauen aufzuwerten. Diese Anerkennungsversuche wurden aber vielfach blockiert, und nirgendwo wird das so deutlich wie bei den beginnenden Kindergärten. Auf Fröbels Idee der Notwendigkeit frühkindlicher Erziehung aufbauend, wurden in der Revolutionszeit Kindergärten gegründet und formierten sich Vereinigungen von Frauen, die als Erzieherinnen arbeiten wollten. Diese Professionalisierung wurde erbittert bekämpft, weil JEDE Professionalisierung von Frauen als Angriff auf die patriarchalische Gesellschaftsordnung empfunden wurde, auch solche, die explizit in „weiblichen Sphären“ wie Kindeserziehung stattfanden.

Wesentlich besser ist die Quellenlage bezüglich der Emanzipation der Juden, die sich in einem Spannungsverhältnis von „Liberty and Risk„. Einerseits waren die Liberalen grundsätzlich Verfechter der Rechtsgleichheit, die sich entsprechend im Frühjahr 1848 in zahlreichen Verfassungen und ähnlichen Texten wiederfand. Aber Papier ist bekanntlich geduldig, und weder die unteren Schichten noch die Konservativen waren zur Emanzipation bereit. Während letztere mit politischen Manövern die Umsetzung blockierten, führten letztere – vor allem in Deutschland – Pogrome durch, die für Clarke direkt im Zusammenhang mit der Emanzipation stehen: ihre realistisch möglich Verwirklichung weckte jahrhundertelang leicht reaktivierbare Vorurteilsmixe, die sich in zerstörerischer Gewalt Bahn brachen. Die Liberalen kühlten demnach auch gegenüber der Idee und verfolgten sie nur halbherzig weiter. Zwar war ein Anfang gemacht; die vollständige Emanzipation aber musste bis in die 1870er Jahre warten, und die weitere Geschichte zeigt, wie gefährdet sie blieb.

Ein örtliches Phänomen der Wallachei war die „Liberation of the „Roma Slaves“„. Bis in die 1830er Jahre waren die Sinti und Roma in der rumänischen Gegend noch legal von Staat, Kirche und Privatleuten versklavt. Erstere Sklavenverhältnisse wurden in den 1830er Jahren aufgeläst; 1848 brachte auch die Abschaffung der Sklaverei von Privatleuten. Wie auf Martinique ließ die praktische Umsetzung auf sich warten: Es musste garantiert sein, dass die Vorbesitzer staatliche Entschädigung erhielten und dass die Sinti und Roma gesetzlich gezwungen wurden, weiter für sie zu arbeiten, damit sie keine Freizügigkeit besaßen. Man darf wohl sagen, dass sie in dieser Region Europas noch heute auf ihre Emanzipation warten.

Clarke verweist generell auf das Phänomen „The Time of Emancipation„: eine anfängliche Begeisterung kühlte sich schnell ab. Besonders bedrückend ist, dass die Gewalt und der Hass gegen die zu emanzipierenden Gruppen in dem Umfang zunahm, indem ihre Gewinnung von Rechten eine politische Möglichkeit und teils sogar Realität wurde. Auch dieses Phänomen lässt sich bedauerlicherweise heutzutage noch 1:1 nachvollziehen.

Damit leitet Clarke zu Kapitel 7, „Entropy„, über. Anhand einiger Gemälde der Epoche verdeutlicht er, dass die Revolution bereits im Frühjahr aus disparaten Gruppen bestand, die kaum einig fühlten und handelten.

Stattdessen sei eine „Vagabond Sovereignity“ zu beobachten: die Revolution hatte die Macht zwar aus den Händen der alten Eliten genommen (wenigstens teilweise); sie war aber noch nicht klar neu verteilt worden. Die politischen Wende drehten deswegen scharf und unberechenbar. Politische Akteure stiegen und fielen praktisch täglich. Auffällig für dieses Phänomen ist zudem der Aufstieg bewaffneter Gruppierungen aller Schattierungen. Zu Beginn waren es vor allem die Radikalen, die sich von Studenten- über Handwerksverbände in den Städten und in etwas, das Clarke aus dem Italienischen heraus als squadres bezeichnet, formierten. Genauso wie bei den Parlamenten galt auch hier, dass die Gegner der Radikalen (die oft mit Jagdgewehren des 18. Jahrhunderts und ähnlich untauglicher Ausrüstung aufliefen) wesentlich erfolgreicher und professioneller waren. Bald übertrafen deren bewaffnete Verbände die der Radikalen. Zudem verpassten die Radikalen vielfach die Chance (mit Ausnahme von Wien), die Macht dann auch tatsächlich zu sichern; allzu oft ließen sie sie fahren.

Die Radikalen versuchten sich angesichts ihrer offenbaren Schwäche durch einen „Radical Breakaway“ neue Geltung zu verschaffen und die Revolution erneut zu entfachen. Im deutschen Kontext sind hier vor allem Hecker und Struwe wichtig; Hecker vor allem wurde zu einer Ikone seiner Zeit, wenngleich Clarkes Behauptung, er sei im deutschen Südwesten heute noch berühmt, angesichts des durchschnittlichen Kenntnisstands über das 19. Jahrhundert haarsträubend ist. Auch in Italien und Österreich gab es solche radikalen Aufstände; nur in Österreich erreichten sie mit der Übernahme der Macht in Wien aber kurzfristigen Erfolg. Sie alle aber scheiterten innerhalb kürzester Zeit und wurden niedergeschlagen; die Anführer gingen oft ins Exil (Hecker und Struwe etwa in die USA, wo sie eine beachtliche zweite politische Karriere hinlegten). Die italienischen Radikalen im Besonderen hatten mit ihrem Aufstand allerdings nie reale Hoffnungen auch eine Machtübernahme verknüpft; sie sahen im heroischen Scheitern vielmehr einen Wert an sich, weil es eine neue Generation mobilisierte und die für revolutionäre Bewegungen so wichtigen Märtyrer schuf.

Der Gegensatz zwischen „Town and Country“ ist das nächste Thema Clarkes. Die schlechte wirtschaftliche Lage und die Konflikte um feudale Privilegien hatten viel revolutionäre Triebkraft mit sich gebracht. Nun waren neue oftmals neue Regierungen an der Macht, die mit der Herausforderung nach einer neuen Agrarpolitik konfrontiert waren. Während die Landbesitzer ihre Macht und ihren Besitz erhalten wollten, verlangten die Bauern nach fairem Ausgleich ihrer erbrachten Leistungen. Die Liberalen hatten hier neben ihrer natürlichen Vorliebe für die Begüterten das Problem, mit den Fragestellungen gar nicht vertraut zu sein. Die Konservativen hatten den Vorteil, die Lebenswelt der Bauern tatsächlich zu kennen (wenngleich aus einer herablassenden Perspektive), während die Liberalen im Endeffekt an diese heran, aber nicht mit ihnen redeten. Sie blieben Fremde aus der Stadt.

Ein gewaltiger Streitpunkt der Epoche waren die „National Questions„. Clarke betont, dass man nicht den Fehler machen sollte, späteren Narrativen der Nationalisten auf den Leim zu gehen, die das europäische Phänomen der Revolutionen kompartmentalisierten und ihren jeweils eigenen nationalen Werdegang einordneten, warnt aber zugleich vor einer Überkorrektur: die Menschen hätten durchaus nationale Gefühle gehabt, auch intensive, nur standen diese neben lokalen, regionalen und überregionalen Identitäten in einem viel fluideren Komplex.

Am Beispiel Italien zeigt er dabei schön auf, wie diese Gefühle nur Teile der Bevölkerung erfassten und vor allem die Herrschenden ausließen, die sich eher noch dynastisch begriffen: Piemont etwa führte Krieg gegen die Lombardei nicht zur Nationsgestaltung gegen die Österreicher, sondern zur dynastischen Vergrößerung, und enttäusche so die Nationalisten. In Österreich dagegen standen die Nationalisten vor der Herausforderung, dass ihre Sprachen oft nicht gesprochen wurden (und deswegen als regelrechter Kreuzzugp propagiert wurden) und die Trennlinien nicht nur an Sprache, sondern auch an Religion entlang liefen. Protestantische Polnisch Sprechende identifizierten sich mit Habsburg, katholische Deutsch Sprechende mit Polen. Es war ein wilder, unübersichtlicher Mix. Auch realpolitische Überlegungen kamen hinzu. Den Slawen war durchaus klar, dass ein deutscher Nationalstaat und damit die Auflösung Österreichs nicht in ihrem Interesse lag, da sie dann zwischen Deutschland und Russland erdrückt wurden (was ja dann in den 1930er Jahren Realität wurde).

Auch in Polen war der Nationalismus ein kompliziertes Gebilde. Im selben Atemzug, in dem sie für sich und ihre Errungenschaften die Anerkennung einforderten, verweigerten die Polen dieselbe den Ukrainern, die sie als zweitklassig und unwürdig herabwürdigten – mit effektiv denselben Argumenten, mit denen sie ihrerseits herabgewürdigt wurden. Der deutsche Nationalismus indessen entzündete sich in vollem Ausmaß im Krieg mit Dänemark. Dieser legte gleichzeitig die Schwächen der Revolution offen, als Preußen unilateral Frieden schloss und der erregten Nationalversammlung nichts als die nachträgliche Sanktionierung blieb. Die Ereignisse führten zu einer weiteren Radikalisierung der Linken, während die Gegenrevolution bereits offensichtlich an Fahrt aufnahm.

Die Revolution hatte im Februar in Paris begonnen; dass der in „A Revolution Shuts Itself Down“ beschrieben Anfang von Ende im Juni ebenfalls in Paris begann, ist daher nur folgerichtig. Die fluiden politischen Verhältnisse in der Hauptstadt wandelten sich rapide, als die Frage des Rechts auf Arbeit aufs Tablett kam. Die im Februar eingerichteten Werkstätten für die verarmenten, arbeitslosen Arbeiter belasteten die Staatskassen und waren den Moderaten ein Dorn im Auge. Sie entschlossen sich zur Schließung, was unter Teilen der Betroffenen für gewalttätige, aber zum Scheitern verurteilte Proteste sorgte. Die radikale Linke war damit am Ende, die Einheit der Revolution aufgelöst. Die spätere Verherrlichung der Geschehnisse etwa durch Marx weist Clarke zurück; er betont, dass Arbeiter und Handwerker auf beiden Seiten des Konflikts standen und sich gegenseitig bekämpften. Kein Klassenkampf in Sicht.

Zum Abschluss gibt Clarke in „In the Heat of the Century“ einige Metaphern aus Medizin und Wissenschaft, die um 1848 relevant waren, vom Blutkreislauf über Entropie und die Gewinnung von Energie durch Wärme. Diese haben das Ziel deutlich zu machen, dass die Revolution aus mehreren unterschiedlichen Strömungen bestand, die, wenn sie nicht koordiniert waren, schnell zu einer gegenseitigen Blockade auswachsen konnten. Und es ist genau diese Blockade, dieser Stopp im Blutstrom der Revolution, die sich die Gegenrevolution zunutze machte.

In Kapitel 8, „Counter Revolution – Naples in the Summer„, kehren wir ins Königreich beider Sizilien zurück. Nach der Gewährung einer Verfassung und der Wahl eines Parlaments im April vollzogen König und Regierung einen scharfen Schwenk. Der König verlankte von den Parlamentariern einen Eid, der ihm im Endeffekt Handlungsfreiheit gewährte und die Verfassung faktisch nutzlos machte. Die Parlamentarier weigerten sich, und Regierung und König taten, was Bismarck später ebenfalls tun würde: sie ignorierten Verfassung und Parlament und regierten einfach weiter. Der unvermeidliche Aufstand war schlecht koordiniert und bewaffnet; die Liberalen, deren Minister in der Regierung bereits die Politik des Königs mittrugen, hielten sich heraus. Da der König sich vorbereitet hatte, hatte der Aufstand keine Chance. Methodisch machte die Armee die Aufständischen nieder. Das Parlament durfte noch ein Dreivierteljahr weitertagen, was es zu seinem Schaden auch tat: bis dahin hatte es sich in seinen nutzlosen Veröffentlichungen, Pamphleten und Gesetzen hoffnungslos diskreditiert. Für Clarke steckt hier der Keim der späteren Spaltung Italiens, weil der Süden autoritäre Instinkte übrig behalten hätte: in dem Aufstand wandten sich große Teile der Bevölkerung GEGEN Verfassung und Demokratie und unterstützten den König, während sich die Liberalen diskreditierten (und für ihren Judasdienst vom König in einer Großen Säuberung teils verhaftet, teils in die Bedeutungslosigkeit geschickt wurden). Clarke sieht es allerdings als Zeichen für den Erfolg der liberalen Ideen, dass Ferdinand II. es nicht wagte, die Verfassung abzuschaffen – er beließ sie als symbolisches Dokument.

Auch in Österreich schlug das Pendel um: „The Empire strikes back“ (Clarke liebt seine Wortspiele und Metaphern). Der Blick wendet sich zuerst nach Prag, wo die Revolutionäre sich der dornigen Nationalitätenfrage gegenübersehen: der Versuch, Tschechen und Slowaken zu vereinen, schlägt ziemlich schnell fehl; mehr Autonomie zu gewinnen wird zu einem rein tschechischen Projekt, an dem sich weder die deutschsprachige Elite noch die Slowaken groß beteiligen. Zudem waren die tschechischen Liberalen nicht in der Lage, die Probleme der Mehrheitsbevölkerung zu verstehen oder in ihre Politik einzubeziehen. Als der österreichische Feldherr Windischgrätz, ein Erzkonservativer und ohnehin schon mit nervösem Zeigefinger auf Blut aus, den Vorwand erhielt (zeitgleich mit Radetzkys Erfolgen gegen den italienischen Aufstand, was die Stärke Österreichs zeige), schlug er die ganze Revolution schnell nieder.

Ähnlich erging es den Liberalen in der Wallachei (deren Gedandtschaft nach Paris dort just nach der Gegenrevolution eintraf und daher einen Vorgeschmack auf ihr eigenes nahendes Schicksal bekam) und in Ungarn, wo die Krone mit einer Mischung aus vorgetäuschter Verhandlungsbereitschaft und militärischer Gewalt die Kontrolle wieder an sich riss. Am übelsten erging es Wien, in dem die Barrikadenkämpfe des Sommers wesentlich mehr Tote kosteten als die des Frühjahrs – und auch hier wurde die Revolution extrem erfolgreich niedergekämpft. Es zeigte sich erneut, dass die Liberalen wie Radikalen es nicht geschafft hatten, die Unterstützung der Landbevölkerung zu gewinnen. Die Gegenrevolution war indessen so zuversichtlich, dass sie kein Problem damit sah, den Gesandten des Frankfurter Parlaments, Robert Blum, zu ermorden.

Doch nicht nur in Wien galt die Devise „The Iron Net Descends„. Friedrich Wilhelm sah sich stark genug, die Verfassung Preußens zu eliminieren, die ihm ein Dorn im Auge war. Der Widerstand der liberalen Abgeordneten war, um es kurz zu machen, recht überschaubar. Wesentlich blutiger lief die „Counter Revolution in a Very Small Place“ ab, auf den Ionischen Inseln. Diese standen unter britischer Herrschaft und hatten ebenfalls eine kleine liberale Revolution, die sich unter dem altersmilden Tory-Statthalter weitgehend frei entfalten konnte. Als ein junger Whig seinen Posten einnahm, glaubten die Ionier, Unterstützung gefunden zu haben. Stattdessen zeigte der Erzliberale sich als Feind der freiheitlichen ionischen Ordnung, stationierte Soldaten und schlug den Aufstand blutigst nieder, mitsamt liberaler Nutzung der Neunschwänzigen Katze, Mordschwadronen und dem vollen Arsenal britischer Gewaltherrschaft.

Das Ende des Jahres 1848 war jedoch von „The Second Wave“ gekennzeichnet, eine Welle zweiter, radikaler Revolutionen, die über Europa hinwegging. Den Aufschlag machte Italien, wo die Affäre mit dem „Reformpapst“ endgültig zu Ende ging, der, sich zur Gegenrevolution bekennend, Rom fluchtartig verließ. Dort entstand stattdessen die kurzlebige römische Republik, die den Beweis erbrachte, dass radikale Regierungen durchaus auch kompetent agieren konnten. Weitere radikale Aufstände mit ebenso kurzlebigen Regierungen und Verfassungen entstanden etwa in Baden (wo preußische Truppen den Aufstand niederschlugen) und in der Wallachei (wo russische Truppen das taten). Für Clarke zeigen diese Revolutionen einen Lernprozess auf der radikalen Linken, da sie über wesentlich bessere Vernetzung und Organisation verfügten als die Revolutionen im Frühjahr.

Gleichzeitig zeigten sie aber auch die mangelnde Unterstützung der radikalen Kräfte auf. Diese war zwar größer als die der Liberalen (die nie über ihre Unterstützung in den Eliten hinauskamen), aber immer noch wesentlich zu schmal, vor allem, weil die Landbevölkerung nicht gewonnen werden konnte. Natürlich sah die radikale Linke den Fehler nicht bei sich, sondern beim mangelhaften revolutionären Bewusstsein der Massen; Marx verglich sie mit „einem Sack Kartoffeln“. Die Gegenrevolution indessen war überall besser organisiert und schlug die Aufstände der zweiten Welle schnell nieder.

Die Revolutionen waren aber keine rein nationalen Ereignisse. „Geopolitics“ spielten eine entscheidende Rolle. Die Ordnung des Wiener Kongresses etwa hatte mehrere Verfassungen, etwa die der Schweiz und des Deutschen Bundes, garantiert, was revolutionäre Umstürze dort zu europäischen Angelegenheiten machte und Interventionen herausforderte oder ermöglichte. Was in einem Land geschah, hatte direkte Wechselwirkungen mit anderen Ländern. Entsprechend befruchteten sich die revolutionären Prozesse genauso gegenseitig wie die gegenrevolutionären. So etwa kann Russlands Rolle in der Unterdrückung des Ungarer Aufstands kaum überschätzt werden.

Eine intellektuelle Folge der Revolutionen war „The Birth of Realism Out of the Spirit of Counter-Revolution„. Sowohl für die Linken wie die Rechten war eine Konsequenz aus dem Scheitern der Revolution, die Welt in „realistischen“ Begriffen (im Sinne der politischen Theorie) zu erfassen. So einte sonst so disparate Akteure wie Marx und Bismarck ihre Einsicht, dass nicht Ideen, sondern Gewalt und Macht Geschichte machten. Zwar schrieben sie anderen Gründen das jeweilige Ergebnis zu – für Marx war alles der revolutionäre Druck des Proletariats, für Bismarck Eisen und Blut – aber in ihrer Analyse waren sie sich einig. Die Rechten würden diese Lektionen wesentlich gewinnbringender nutzen können als die Linken. Auffällig ist für Clarke die Rolle, die Russland von allen Beobachtenden zugesprochen wurde: seine Intervention bedeutete das Ende des Ungarischen Aufstands und verhinderte das Aufkeimen eines polnischen.

Clark beschließt seine Abhandlung der Revolutionen mit einer Würding von „The Dead„. Da wären einerseits die Märtyrer der Revolution, die es verstanden, ihren eigenen Tod in Szene zu setzen (mich erinnert diese Theatralik stark an das 18. Jahrhundert, als die gebildete Oberschicht es ebenfalls verstand, den eigenen Tod als Inszenierung zu gestalten). Memorabilia und romantisierte Erzählungen gab es noch und nöcher. Doch die meisten Menschen starben ohne großen Bekanntheitsgrad. Von Frauen sind, wenig überraschend, keine letzten Worte überliefert. Sie starben stumm. Dasselbe gilt für die unteren Klassen oder die Soldaten der Gegenrevolution. Und sie starben in großer Zahl, schon allein, weil die Soldaten der Gegenrevolution die Cholera durch Europa schleppten und eine veritable kleine Pandemie mit zehntausenden von Toten auslösten.

Damit geht es in Kapitel 9, „After 1848 – The Present is a Foreign Country„. Dessen erster Abschnitt, „Global 1848„, befasst sich mit den globalen Wirkungen der Revolutionen. Die langsamen Kommunikationswege – noch war der Telegraph nicht verbreitet – bedeuteten eine asynchrone, gleichzeitig komprimierte Wahrnehmung der Revolution im Ausland (weil etwa Australien erst mit vier Monaten Verspätung von der Februarrevolution erfuhr, dafür aber gleich drei Wochen Zeitungen als Stapel erhielt).

Zudem sorgten Fluchtbewegungen einerseits und erzwungenes Exil andererseits für einen Export der Revolution und ihrer Ideen. Für Großbritannien war dies ein Mittel gewesen, den eigenen revolutionären Druck zulasten seiner Kolonien abzubauen, was Langzeitfolgen in deren Beziehungen zum Mutterland haben würde. Das Osmanische Reich gerierte sich als liberal und progressiv und nahm zahlreiche Flüchtlinge auf, die es auch gegenüber den Auslieferungsforderungen besonders der als reaktionär wahrgenommenen Preußen und Russland verteidigte. Die so gewonnen liberalen Meriten halfen dem Osmanischen Reich, im Krimkrieg eine Welle der Sympathie in Frankreich und Großbritannien zu gewinnen, die sicherlich zu deren Kriegseintritt auf seiner Seite beitrug.

Aus diesen Entwicklungen ergaben sich „New Constellations„. Die Politiken und Ideologien von 1848 waren ungemein fluide. Zahlreiche Akteure, die sich im Frühjahr noch bei den Radikalen fanden und Forderungen nach mehr Rechten im Mund führten, wandelten sich zu moderaten Liberalen oder wechselten gar die Seiten ins reaktionäre Lager. Manche Monarchen, die vorher absolut regiert hatten (etwa der dänische König) ergaben sich in die Parlamentarisierung ihrer Herrschaft. Die Idee, dass die treibende Kraft hinter dem Staat in der Ausübung von Macht bestand, war 1789 noch eine des radikalen linken Flügels gewesen. Bismarck, Produkt der Revolution von 1848, war einer der vielen Konservativen, die sie für sich übernahmen und damit das Staats- und Politikverständnis komplett veränderten.

Er verweist auch darauf, dass das Zerrbild der Radikalen als „Kommunisten“, wie es sowohl die wenigen Kommunisten aus Selbstüberhöhung als auch die Konservativen als Schreckensfratze zeichneten, völlig übertrieben ist; effektiv seien sie eine Frühform der Sozialdemokraten gewesen, und die meisten hätten sich ja dann letztlich auch integriert. Es war 1848, die das heute geläufige Schema von Mitte-Links und Mitte-Rechts überhaupt erst schuf; beides Richtungen, die vor 1848 überhaupt keinen Sinn gemacht hatten und für die nächsten fast 200 Jahre entscheidende Pole bilden sollten.

All diese Änderungen waren dadurch möglich, dass man sich in „The Age of Circulation“ befand. 1848 sah einen Umsatz an Ideen und Menschen, der erstmals nicht primär durch marschierende Armeen herbeigerufen wurde, sondern unkontrollierbar aus den geänderten Lebensumständen entstand. Die stark gesunkenen Kosten für Printprodukte sorgten dafür, dass Zeitungen bald zum beherrschenden Kommunikationsmittel wurden. Hunderte von Produkten hatten vier- oder fünfstellige Auflagen.

Einer der großen Verteilerknoten für dieses neue Produkt waren die Bahnhöfe, an denen es die Zeitungen nun zu kaufen gab. Bahnhöfe schossen nach 1848 wie Pilze aus dem Boden, denn wie wir gleich sehen werden veränderte 1848 das Finanzverhalten von Staaten fundamental. Die Möglichkeit, quer durch das ganze Land (und Europa) zu reisen, ermöglichte eine Verteilung von Akteuren wie Ideen. Exilanten brachten die Ideen von 1848 mit in die Länder, in die sie auswanderten, während Aktivisten aller Couleur sich erstmals in größerem Umfang vernetzen konnten.

Das alles wurde durch den „Material Progress“ möglich, den ein fundamental geändertes Staatsverständnis mit sich brachte. Die preußische Krise 1847 war maßgeblich durch die Unmöglichkeit hervorgerufen worden, große Kredite aufzunehmen, die den Ausbau der Eisenbahn hätten erlauben können. Quer durch Europa war die herrschende Meinung gewesen, dass der Privatsektor dies zu besorgen hatte – eine angesichts der Investitionsumfänge hanebüchene Idee. Es war 1848, das die Gewissheit, dass der Staat nicht nur dafür sorgen musste, dass solcherlei Investitionen getätigt wurden, sondern auch, dass er die Legitimation und Möglichkeit besaß, in allen politischen Richtungen verankerte.

Gerade in Preußen machte die Verfassung, die eine liberale bis linksliberale Mehrheit ins Abgeordnetenhaus brachte, dies exemplarisch deutlich. Der damit einhergehende Machtverlust der traditionellen Konservativen beseitigte die Hindernisse, die bisher für die Investitionen bestanden hatten. Der König konnte so eine inoffizielle, eigentümliche Verbindung (new constellations, indeed) mit den Liberalen eingehen, die fundamental erklärten, jede noch so große Summe für den Infrastrukturausbau im Parlament freizugeben. Als Folge wuchs das preußische Schienennetz rapide an und stimulierte einen wirtschaftlichen Aufschwung, der jede vorherige Investition verzwergte.

All diese Entwicklungen fielen mit einer Revolution der Technik und der Arbeitsmethoden zusammen. Für Clark steht fest, dass ohne 1848 der wirtschaftliche Aufschwung in Europa wesentlich länger hätte auf sich warten lassen, weil der konservative Adel seine blockierende Position viel länger hätte aufrechterhalten können. Sieht man sich den Gewinn an industrieller Leistungskraft wie Lebensstandssteigerung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, fällt es schwer, diesem Urteil zu widersprechen.

Die deutlichsten Auswirkungen dieses Mentalitätswandels sieht man in „The Post-Revolutionary City„. In den Städten wurden die Infrastrukturprojekte besonders massiv vorangetrieben. Nach 1848 wurden etwa in praktisch allen Städten die alten Stadtmauern geschleift (wenngleich oft gegen erbitterten Widerstand der Konservativen, die sich von ihnen eine Schutzfunktion gegenüber Aufständen von Arbeitern erhofften und durch Mauern die sozialen Grenzen quasi betoniert sehen wollten) und durch breite Straßen mit modernen Repräsentativ- und Wohnbauten ersetzt; paradigmatisch steht hier die Ringstraße in Wien.

Auch die Wasserversorgung wurde nach 1848 komplett neu aufgestellt und erlaubte überhaupt erst das massive Wachstum der Städte im 19. und 20. Jahrhundert. Dies wird exemplarisch an Madrid deutlich, wo die Liberalen in den Cortez dieses Projekt mit besonderer Aufmerksamkeit angingen (vom Gewinn für die Volksgesundheit einmal ganz abgesehen). Die Rolle der Eisenbahnen wurde ja bereits erwähnt, deren große Knotenpunkte ebenfalls in den Städten lagen (und für die bedenkenlos die Armenquartiere vernichtet und die Menschen vertrieben wurden). Das Bekenntnis zur Großstadt, zusammen mit dem sich schon länger ankündigenden Trend zur Urbanisierung, war ein klares Merkmal der Moderne des 19. Jahrhunderts. Dazu gehörte auch moderne Stadtplanung, und das wiederum setzte, genauso wie die großen nationalstaatlichen Infrastrukturprojekte, leistungsfähige Verwaltung voraus. All diese Entwicklungen erhielten quasi durch 1848 einen Schub.

Der Umgang der Politik mit der Öffentlichkeit wurde durch 1848 ebenfalls nachhaltig geändert. In „From Censorship to Public Relations“ beschreibt Clark, dass die frühere Abschottung der Politik von jeglichem äußeren Einfluss nicht mehr aufrechterhalten werden konnte. Es gab nun eine breite politisch interessierte Bevölkerungsschicht, die einen Bedarf sowohl nach öffentlicher Debatte als auch nach den entsprechenden medialen Produkten besaß. Die früheren Zensurregime aber hatten sich als unzureichend erwiesen, um unerwünschte Ansichten blockieren zu können. Zu viele Regierungsbehörden, die sich gegenseitig blockierten und von den reaktionären Grundhaltungen der Amtsinhaber abhängig waren, waren dafür nötig, einmal abgesehen davon, dass die Zensur nur blockieren konnte, was bereits geschrieben war.

Deswegen schwenkten die Staaten auf aktive Pressearbeit um. Nach einer kurzen reaktionären Phase des Verbots fast aller Zeitungen und Magazine stieg die Zahl an Publikationen sprunghaft an und begann den medialen Massenmarkt zu schaffen, den wir heute kennen. Anstatt ihn komplett als Opposition zu begreifen, die zu unterdrücken war, begannen die Regierungen, eigenes Fachpersonal einzustellen, das als Spindoktoren, Stichwortgeber und Propagandisten fungierte. Teils brachten die Regierungen eigene Organe heraus; der Papst war dabei etwa ein Vorläufer, der eine Zeitung für „loyale“ Katholiken in Italien schuf. Auch das rechtliche Verhältnis von Presse und Staat wurde immer mehr geregelt und den Konflikten so die Schärfe genommen.

Die Ausnahme war, wie in so vielem, Russland, das eine wahre Terrorherrschaft errichtete, die selbst Loblieder auf den Zaren unterdrückte. Eine ständige Aura der Furcht war das beherrschende Merkmal der 1850er und 1860er Jahre im Zarenreich. Wenig überraschend war das Land bald die rückständigste der europäischen Großmächte.

Unter „Conclusions“ fasst Clark dann all diese Stränge noch einmal zusammen. 1848 war ein Motor der Modernisierung, weswegen die Frage nach dem Scheitern aus seiner Sicht falsch gestellt ist. Wer scheiterte mit was? Die radikalen Revolutionäre erreichten ihre Ziele nicht, aber die Konservativen fühlten sich oftmals auch nicht wie Gewinner, und sieht man den Bogen der Veränderungen nach 1848 an, so kann man sich des Eindrucks kaum verwehren, als wären die Revolutionen Taktgeber und Initialzündung für unsere heutige Welt gewesen.

Das Fazit, verwirrenderweise ebenfalls mit „Conclusions“ überschrieben, versucht dann den Bogen zur Gegenwart zu ziehen. Auch heute sieht Clark die Ideologien im Fluss wie schon lange nicht mehr. Die Mitte-Rechts- und Mitte-Links-Geographie, die 1848 produzierte, ist zunehmend wirkungslos. Neue Medien und Technologien erlauben die Zirkulation neuer Ideen, das Bestehende wird herausgefordert. Ich muss zugeben, dieses Kapitel als das am wenigsten ergiebige empfunden zu haben, weswegen ich meine Zusammenfassung hier auch stark abkürze. Es scheint mehr eine Pflichtübung gewesen zu sein, weil eine ordentliche Monographie ebenso zu enden hat. Besonders belastbar waren die Punkte jedenfalls nicht, dazu waren sie zu wenig entwickelt.

Aber das ist alles auch gar nicht notwendig. Das Buch lebt letztlich davon, dass die Lesenden ihre eigenen Schlüsse bereits bei der Lektüre ziehen können. Für mich waren mehrere Kontinuitätslinien augenfällig, die tatsächlich Strahlkraft in unsere Gegenwart haben.

Da wäre einerseits das Unvermögen von Radikalen und Liberalen, Mehrheiten außerhalb ihrer Ursprungsschichten, vor allem aber bei der Landbevölkerung zu organisieren. Frappant war für mich vor allem, wie schnell besonders die Radikalen immer bereit waren, ihre Lobesarien auf die Volkssouveränität über Bord zu werfen, wenn die gewünschen Wahlergebnisse nicht kamen. Stets war das die Schuld der von bösartigen Mächten belogenen einfachen Leute, denen (noch!) nicht zu trauen war, ein Zustand, der nur durch eine revolutionäre Regierung (natürlich nur für einen Übergang) beizukommen war. Es ist nicht schwer, hier den Schatten Lenins dräuen zu sehen.

Ebenso auffällig war für mich die völlige Ignoranz der Liberalen gegenüber den Lebensumständen der 99%. Wenn sie ihre Ziele von Verfassung und rechtlichen Privilegien für ihre Klasse erreicht hatten, erklärten sie mission accomplished und wurden zu unnachgiebigen Bewahrern des Status Quo. Keine Überraschung, dass hier später unheilige Bündnisse mit dem rechten Spektrum entstehen würden, wann immer dieser Status Quo durch Forderungen der Zukurzgekommen in Gefahr zu geraten schien; die Liberalen imaginierten hier die Gefahr eines radikalen Umsturzes, wo eher sozialdemokratische Reformer am Werk waren, routinemäßig zu hoch.

Aber auch die Konservativen neigten dazu, sich in die Tasche zu lügen. Clark betont gerne, dass zwar Liberale und Radikale die Landbevölkerung nicht gewinnen konnten, dass aber die Konservativen in ihrer Idee, es bestünde eine genuine Liebe zum Thron in der Masse der Armen – dass also die Könige quasi Repräsentanten einer schweigenden Mehrheit seien – völlig falsch lagen. Es war ihren Gegnern nur nicht gelungen, die Unzufriedenheit der Landbevölkerung richtig zu addressieren. Das bedeutete nicht, dass diese nicht unzufrieden waren. Die Vorstellung, die Mehrheit sei konservativ und auf der eigenen Seite, ist ein bis heute fortgesetzter Irrtum in diesem Spektrum.

So sehr ich das Buch auch mochte, so sehr würde ich mir manchmal wünschen, dass der starke Fokus auf Anekdoten in der angelsächsischen Geschichtsschreibung zurückgefahren werden könnte. Diese Geschichtenerzählerei macht es immer schwer, Trends von netten Ereignissen zu unterscheiden, und man muss komplett auf die Historiker*innen vertrauen, dass sie nur repräsentative Anekdoten wählen. Zudem würde es die Bücher wesentlich konziser und kürzer machen.

Als letzte Bemerkung – dies ist aber keine Schwäche Clarks – hat sich bei mir im letzten Kapitel der Appetit nach mehr eingestellt. Ich habe das Gefühl, dass eine Geschichte der ökonomischen Transformation, wie Clark sie hier eigentlich nur anreißen kann, ein echtes Thema für Adam Tooze wäre. Das wäre ein Klasse companion piece, das ich sofort verschlingen würde und das eine ohnehin unterbeleuchtete Dimension dieser Geschichte offenlegen würde.

Damit bleibt mir nichts, als zum Abschied eine unbedingte Empfehlung für das Buch auszusprechen. Für alle einschlägig Interessierten absolut großartig.

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