Was 2020 passiert ist – Teil 1: Fragen


Die Wahl liegt nun bereits eine Woche zurück. Auch wenn das Ergebnis mittlerweile festzustehen scheint und Joe Biden der 46. Präsident der USA sein wird, so sind noch lange nicht alle Stimmen ausgezählt. Vieles bleibt daher noch unklar, und die eigentliche Analyse-Arbeit kann in weiten Teilen noch nicht einmal beginnen. Ich will daher den Aufmacher der ersten 2020-Nachlese vor allem damit beginnen, Fragen zu formulieren – Dinge, die wir aktuell schlicht nicht wissen, die ausführlich zu analysieren sich aber in den kommenden Jahren und Monaten lohnen wird. Im zweiten Teil werde ich dann zeigen, welche Lehren wir schon jetzt aus der Wahl und den vergangenen vier Jahren ziehen können, bevor ich im dritten und letzten Teil aufzeigen will, welche Folgen uns aus dieser Wahl erwachsen könnten.

Ohne allzu lange weitere Vorrede möchte ich daher direkt ins Thema springen. Der Artikel hat insgesamt keinen tollen roten Faden, weswegen ich ganz unverschämt einfach die einzelnen Punkten abarbeite. Aber das erleichtert immerhin die Kommentare 🙂

Polarisierung

Ein Fakt über die Wahl, das soweit ohne jeden Zweifel ist und als historisch bezeichnet werden darf, ist die Wahlbeteiligung. Noch nie haben so viele AmerikanerInnen bei einer Präsidentschaftswahl ihre Stimme abgegeben, was angesichts der demographischen Entwicklung des Landes (deutliches Bevölkerungsplus pro Jahr) jetzt natürlich erst einmal nur eingeschränkt überrascht, aber auch die relative Wahlbeteiligung dürfte einen Rekord aufstellen, zumindest für die jüngere Vergangenheit.

Eines ist offensichtlich: Anders als erwartet war die Rekordbeteiligung nicht eine Wiederholung von 2018, als eine „blaue Welle“ den Democrats gewaltige Gewinne im Repräsentantenhaus einbrachte, sondern eine „Double-Wave“, in der sowohl die Democrats ALS AUCH die Republicans ihre Wählerbasis in nie dagewesenen Zahlen an die Wahlurnen brachten. Unsere erste Frage ist, woran das liegt.

Es ist wenig überraschend, dass die zunehmende Polarisierung dabei eine gewichtige Rolle spielt, aber diese ist mittlerweile ein so allseitig bekanntes Phänomen, dass diese Feststellung alleine als banal gelten muss. Es gibt in jedem Fall bereits einige Auffälligkeiten, die jedes Erklärmodell mit einbeziehen muss. Dazu gehört einmal der ideologische Unterbau der USA: Amerika ist ein fundamental konservatives Land, wie uns Kevin Drum erinnert. Entsprechend sollte grundsätzlich nicht überraschen, dass viele Leute konservativ wählen, auch wenn es uns Progressive Jahr für Jahr auf dem falschen Fuß erwischt.

Dazu gehört aber auch, dass es in den USA einen „divide between two coalitions“ gibt, wie Perry Baker Jr. das auf 538 ausdrückt. Was er damit meint ist, dass die Polarisierung sich in den USA, anders als etwa in Deutschland, entlang klarer politischer Koalitionen manifestiert. Alle Diejenigen, die auf einer Seite dieses Polarisierungsspektrums sind, sehen sich zu der Koalition der Progressiven gehörig, und die andere Seite zu der der conservatives. Dadurch werden sämtliche Gegensätze in der Gesellschaft automatisch polarisiert und ins bestehende Parteiensystem eingeordnet. Leider geht daraus immer noch nicht hervor, warum sich die Leute so sortieren, wie sie es tun, und wie die Republicans es schaffen, trotz einer für ihre Koalition oft extrem nachteiligen Politik deren Loyalität zu erhalten.

Die Polarisierung scheint aber auch nicht so vollständig zu sein, wie das auf den ersten Blick scheint. Auch wenn zunehmend die Wahlergebnisse des Kongresses mit denen der Präsidentschaft kongruent sind und „split-ticket voting“ weitgehend der Vergangenheit angehört, so ist dies nicht auf allen Ebenen der Fall. In Pennsylvania etwa gewannen die Republicans die „down ballot races“, die 2016 noch von den Democrats gewonnen wurden – der Bundesstaat wechselte also hier komplett, gab einmal knapp Trump den Sieg und den Democrats viele Ämter auf Ebene der Counties und bei dieser Wahl umgekehrt Biden knapp den Sieg und dafür den Republicans diese Ämter. Offensichtlich sind die Polarisierungsmechanismen also komplizierter, als es auf den ersten Blick den Anschein hat, und man sollte vor allzu vorschnellen Erklärmustern zurückschrecken.

Demographie

Betrachtet man das Wahlergebnis nach Demographie, ist der Hinweis, dass noch nicht alle Stimmen ausgezählt sind, mit erneuter Verve angebracht. Wir können hier noch recht wenig sagen, und manche scheinbare Erkenntnisse könnten sich am Ende als hinfällig erweisen, weil sie statistische Artefakte des Auswertungsprozesses waren. Alle Teile dieses Absatzes sind daher mit einem deutlichen Konjunktiv zu versehen.

Ein Trend, der sich unzweifelhaft von 2016 und 2018 fortgesetzt hat, dabei aber unzweifelhaft auch hinter progressiven Erwartungen zurückblieb, war die fortgesetzte Wählerinnenwanderung zu den Democrats. In praktisch jeder demographischen Gruppe wählten Frauen mehrheitlich Joe Biden und die demokratischen KandidatInnen, in vielen Subgruppen sogar mit erdrückenden Mehrheiten (nur bei den Weißen ist es noch knapp in einem 50:50-Rahmen). Gleichzeitig kehrte ein Teil der weißen Männer anscheinend zur Partei zurück. Dieser Gender-Divide zieht sich durch sämtliche Gruppierungen.

Beginnen wir bei den Latinos. Es scheint, als hätte Trump hier, vor allem in Florida, deutliche Gewinne zu verzeichnen. Angesichts dessen, dass er auf einer Welle der Anti-Hispanic-Immigration-Agitation ins Amt gespült wurde, ist das erst einmal überraschend und verlangt nach einer Erklärung. Eine solche bietet der American Conservative, der die Hispanics als besonders anfällig gegenüber Populismus beschreibt. Ein weiterer Erklärungsansatz ist, dass die Latino-Männer den Machismo Trumps sehr attraktiv fanden. Aus meiner Sicht erklärt das aber nur eingeschränkt, warum diese Wählerwanderung dann nicht schon 2016 und 2018 sichtbar war. Eine Erklärung hierfür ist die Idee, dass im Wahlkampf 2020 der rassistische Hass seitens des Trump-Teams bewusst heruntergeschraubt wurde. Diesen Erkläransatz lehnen aber gerade die amerikanischen Konservativen vehement ab. All diese Faktoren wird man für eine Erklärung im Blick behalten müssen.

Eine ähnliche Überraschung hat das Abstimmungsverhalten der Afroamerikaner hervorgebracht, die hier bewusst im männlichen Genus bleiben. Denn während schwarze Frauen unverändert fast komplett für die Democrats stimmen, hat Trump (den aktuellen, unzuverlässigen…) Zahlen zufolge rund 20% der jungen männlichen Schwarzen für sich begeistern können. Die Erklärungsansätze gleichen sich mit denen der Hispanics. Auch hier ist noch völlig unklar, ob sich diese Stimmenverhältnisse am Ende so manifestiert haben werden und welche Ursachen das hat. Auffällig ist aktuell in jedem Fall, dass die meisten Analysen nur auf eine Bestätigung der eigenen Vorannehmen herauslaufen, eine leider häufige Krankheit solcher Analysen. Lassen wir daher erst einmal das große Fragezeichen stehen. Insgesamt aber bleiben die AfroamerikanerInnen ein entscheidender Faktor für den Wahlsieg der Democrats. Trump mag zwar mehr von ihnen als bei seiner letzten Wahl überzeugt haben, aber jedeR zusätzliche schwarze WählerIn ist zu 90% jemand, der/die die Stimme für die Democrats macht. So konnten in vielen Counties in Michigan allein durch eine Zunahme der schwarzen Wahlbeteiligung gewaltige Stimmgewinne gegenüber Clintons Performance 2016 erreicht werden.

Auch wenn sie nur eine recht kleine Wählergruppe sind, so gab es doch auch starke Verschiebungen bei den Native Americans. Besonders auffällig war dies im Fall der Navajo, die zu 97% für Biden stimmten! Das ist eine Steigerung um 50% gegenüber den Werten, die Clinton 2016 erzielen konnte. Auch hier gibt es eine Reihe von Erklärungsansätzen, unter anderem, dass die Native Americans besonders stark negativ von Trumps Wirtschafts- und Coronapolitik betroffen waren, aber ob das der entscheidende Faktor war bleibt nach wie vor unklar.

Die größten Verluste aber hat Trump bei den Weißen gemacht, deren überdurchschnittliche Unterstützung ihm 2016 einen knappen Sieg einfuhr. Während der grundsätzliche Graben zwischen den formalen Bildungsabschlüssen bestehen blieb – Menschen mit College-Abschluss wählen eher progressiv, Menschen ohne eher conservative – gab es eine merkliche Wanderung der gebildeten Weiße ins progressive Lager. Dieser grundsätzliche Trend existiert schon lange. Ich bin daher inhärent unsicher, ob nicht eher die hohe Zustimmungsrate Trumps in dieser Schicht 2016 die Ausnahme war als deren Zurückfließen ins progressive Lager mit dem harmloseren Biden.

Andere Erklärungsansätze sehen starke organisatorische Schwächen in Trumps „ground game„, aber da bin ich ehrlich gesagt eher skeptisch, weil ich die Bedeutung der Wahlkämpfe generell für deutlich überschätzt halte. Letztlich ist das die umgedrehte Version von „Clinton hat zu wenig Wisconsin besucht“, und ich hielt die Erklärung schon 2016 für falsch, da macht es wenig Sinn, sie jetzt passend zu finden. Auch nur eingeschränkt überzeugend ist für mich die Theorie, dass der Fallout von Trumps Trade War vor allem die red states getroffen habe, die daraufhin die Gefolgschaft aufkündigten. Diese Theorie hat den Vorteil, dass sie auch erklärt, warum die Democrats im Kongress unterperformed haben, aber ich halte das „economic anxiety„-Argument nach wie vor für fragwürdig. Auch hier bleiben daher viele Fragezeichen.

Die Corona-Pandemie

Wo wir gerade bei der Corona-Pandemie sind, eines der größten Fragezeichen ist der Einfluss der Pandemie und von Trumps Politik. Die Umfragen, die ein wesentlich eindeutigeres Wahlergebnis vorhersagten, wurden oftmals mit Trumps furchtbar inkompetenter Krisenpolitik erklärt. Angesichts des tatsächlichen Wahlergebnisses darf wohl konstatiert werden, dass viele seiner WählerInnen die Politik entweder nicht so schlimm fanden oder sie nicht zur Grundlage ihrer Wahlentscheidung machten. Wir müssen vorsichtig sein, eine der beiden Erklärungen vorschnell zu bevorzugen. Aktuell haben wir schlicht nicht genug Daten, um hier sicher etwas sagen zu können.

Hier finden wir übrigens auch die genau gegenteilige Erklärung, die vorher für Bidens Gewinne bei den Weißen herangezogen wurde: Dass die Krisenpolitik Trumps überwiegend den blue states geschadet habe, weswegen Biden diese auch überwältigend gewänne, während die red states weiter deutlich verloren gehen und die purple states knapp bleiben.

Ein weiterer Erklärungsansatz dafür, dass Trumps Politik nicht rundheraus von den WählerInnen verdammt wurde, könnte in der unterschiedlichen Betrachtungsweise der Pandemie durch die beiden (polarisierten!) Lager/Koalitionen liegen. Wo Progressive die Pandemie als eine Krankheit betrachten, die einzudämmen möglich ist, indem man dem Rat der WissenschaftlerInnen und ExpertInnen folgt, neigen conservatives dazu, sie wie eine Naturkatastrophe zu sehen, ein Akt Gottes, der nicht zu mitigieren ist und der ertragen werden muss.

Generell gilt, dass der geringe Einfluss der Corona-Politik auf die Wahl eine genauere Analyse verdient. Eventuell gilt hier auch wieder das Phänomen der „doppelten Welle“, und die Pandemie HATTE einen großen Einfluss, nur dass eben die Trump-Wählerschaft die Politik der Regierung gut findet. Ich halte das für weniger wahrscheinlich als dass sie seinen AnhängerInnen schlicht kein relevanter Wahlgrund war, weil andere Aspekte im Vordergrund standen, aber wir sollten auch hier nicht zu vorschnellen Schlüssen neigen.

Umfragen

Kommen wir zum Lieblings-Prügelknaben aller 2016-Möchtegern-Analysten: den Umfragen. Wie auch 2016 ist das Bild wesentlich komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Denn zwar hatten die Umfragen eine große Wahrscheinlichkeit für einen Biden-Erdrutschsieg vorhergesagt, aber Wahrscheinlichkeiten zu verstehen war schon 2016 weniger eine Stärke der Beobachtenden, ob in der Presse oder in der Bevölkerung selbst. Auch dieses Mal sind die Umfragen nicht so daneben, wie sie es auf den ersten Blick scheinen.

Auffällig ist etwas anderes: die massiven Qualitätsunterschiede. Wie auch 2016 sind manche Staaten wesentlich präziser vorhergesagt worden (Georgia) als andere (Wisconsin), die Voraussagen waren aber insgesamt (erneut) korrekt. Wie immer beträgt der Margin of error rund 3%! Aber: Trump wurde erneut unterschätzt, in denselben Staaten wie 2016. Das ist definitiv etwas, das Erklärungsbedarf erfordert.

Zudem gilt ganz besonders bei der Interpretation der Umfrageergebnisse, dass wir eine genaue Analyse erst mit genauen Wahlergebnissen machen können, und die sind noch unklar. In den Trends, wenngleich nicht in konkreten Zahlen, lagen die Institute bemerkenswert richtig.

Dazu kommt, dass Leute in alle Richtungen falschliegen. Nur werden die Trump-Propheten das auch dieses Mal wieder ganz schnell vergessen. Man nehme nur Matthew Walter in The Week:

In fact, my guess is that he will be re-elected and that his margin in the Electoral College will be similar to the one he enjoyed last time, and perhaps even larger. 

Diese Voraussage war schon vor der Wahl (der Artikel ist knapp zwei Wochen alt) auf nichts mehr als reinem contrarianism gegründet, diesem Wunsch, unbedingt etwas gegen den Strich zu bürsten. Die gleichen Leute sagten auch 2016 einen Trump-Sieg voraus und waren dann vier Jahre unerträglich selbstzufrieden. Aber bei einem Ereignis mit zwei möglichen Ausgängen ist richtig zu raten nicht sonderlich aufregend. Und die Tatsache, dass diese konträren Ergebnisse den Leuten nicht vorgehalten werden, während sich diejenigen, die bis zuletzt von einem Clinton-Sieg ausgingen, ewig die Häme anhören mussten, nervt, auch aus persönlichen Gründen. Ich will dieses Segment mit Nate Silver abschließen, der in einfachen Worten erklärt, warum Biden eine 90%-Siegeschance hatte:


‚Nuff said.

BLM und Co

Neben Corona beherrschte nach dem Mord an George Floyd auch #BlackLivesMatter leider wieder die Schlagzeilen. Leider nicht deswegen, weil ihr Anliegen so doof oder nervig wäre, sondern weil die zugrundeliegenden Probleme immer noch weitgehend unbearbeitet sind. Es gab eine große Angst im progressiven Spektrum, dass diese Aufmerksamkeit auf BLM den Democrats schaden und moderate WählerInnen (sprich: höfliche Rassisten) in Trumps Arme treiben könnte.

Mit offensichtlicher, hämischer Freude erklärt etwa der American Conservative genau das zum Grund für das überraschend starke Abschneiden Trumps. Das ist aber erst mal nur ein Bestätigen der priors, denn das sagen die conservatives seit Adam und Eva. Als Beleg nennt der Artikel, dass in Kenosha, wo nach dem Mord an einem weiteren Afroamerikaner durch die Polizei Unruhen ausbrachen, Trump seinen Stimmenanteil um etwa 3 Prozentpunkte verbessert hat. Soweit, so gut.

Nur: Auf der anderen Seite führte die Berichterstattung aber auch zu merklichen Zunahmen in der Registrierung und den Spenden bei den Democrats. Ich denke daher im Augenblick und ohne eine bessere Faktenlage, dass effektiv beides richtig ist: polarisierende Ereignisse mobilisieren beide Seiten. Das ist wenig überraschend und wurde weiter oben unter dem Modell der doppelten Welle bereits angesprochen. Aber ich bin offen für weitere Ideen.

Biden und die Democrats

Kommen wir zur Person Joe Bidens. Sein Sieg ist größer als der Kennedys oder Reagans, um eine Perspektive zu bieten. Und bereits jetzt arbeitet das Biden-Team am Stricken einer Legende daran, was seinen Erfolg ausmachte. So verbreitet sich aktuell etwa die Legende von der „least consultant-driven campaign in recent history„, einer Erzählung von Joe Biden als Instinktpolitiker. Gleiches gilt für die Idee, dass er ein quintessenzieller Zentrist sei. Das kann man glauben oder auch nicht, aber es war von Anfang an die vermarktete Persona, weswegen ich sehr vorsichtig wäre, auf solche Narrative hereinzufallen.

War Joe Biden, in den Worten Damon Linkers, „the only Democrat who could do it“? Biden war jedenfalls – konsistent mit allen Umfragefehlern – stets vor dem generic ballot der Democrats. Er war also in jedem Fall populärer als seine Partei, ein Spiegelbild zu Trump, der offensichtlich unpopulärer als seine Partei war (was übrigens nicht immer so war, die GOP ist generell unglaublich unpopulär!). Auf diese Art machte er es Trump unmöglich, sich wie 2016 als das geringere von zwei Übeln zu präsentieren. Bidens Zustimmungswerte wiesen den kompletten Wahlkampf hindurch ein positives Netto auf – ganz anders als Hillary Clinton, die zwar nicht ganz so negativ gesehen wurde wie Trump, aber eben doch deutlich negativ.

Die Frage ist, inwieweit Bidens Persönlichkeit zum Wahlsieg beitrug. Was ich damit meine ist: Ging die Strategie Bidens auf, einen bewusst entpersonalisierten Wahlkampf zu führen, in dem er als ein generischer Mensch auftrat, der eine Normalisierung nach der Trump-Ära anbot? Oder wurde spezifisch der Politiker Joe Biden gewählt? Das ist aktuell auch noch völlig unklar. Wie so häufig dürfte es ein guter Mix sein. Fakt ist, dass sich die Wahlkampfsstrategie, auf die Biden von Beginn der Vorwahlen an setzte, für ihn ausgezahlt hat.

Wesentlich umstrittener und relevanter aber ist die Frage, wie die Positionierung der Partei selbst den Wahlkampf beeinflusste. Da 2016 offensichtlich – spätestens seit dem Ergebnis 2018als ein dummer Zufall angesehen werden musste, bewegten sich die Democrats nicht wie sonst nach verlorenen Wahlen so häufig nach rechts, sondern nach links. Wenig überraschend erklären all diejenigen, die diese Bewegung ablehnen, dass darin der Grund für das schlechte Abschneiden der Partei zu suchen sei (was aber leider den Erfolg von 2018 nicht erklärt), während all diejenigen, die diese Bewegung gutheißen, darauf verweisen, dass die Partei nur hätte noch mehr nach links rücken müssen, um besser abzuschneiden.

Diese Debatte personalisiert sich bei der jungen Abgeordneten und dem Politik-Wunderkind Alexandria Ocasio-Cortez, die, wenig überraschend, letztere Position vertritt. Im Interview mit der New York Times verweist Ocasio-Cortez darauf, dass alle fünf Abgeordnete, denen sie half, ihre Wahl gewonnen, während all diejenigen, die sie ablehnten, verloren. Zumindest einige Daten hat AOC dabei auf ihrer Seite: Je konservativer die KandidatInnen in den Swing-Districts waren, desto eher verloren sie. Nur, besonders zugkräftig ist dieses Argument nicht. In sicheren demokratischen Distrikten zu gewinnen ist keine Kunst. Wer in Wahlkreisen mit linker Wählerschaft nach links rutscht, wird natürlich nicht dafür bestraft.

Ein weiteres Argument, das von den Linken für ihre Sicht der Dinge vorgebracht wird, sind die Exit-Polls, die eine gewaltige Popularität für traditionell progressive Themen von der Abtreibung über schärfere Waffengesetze zum Mindestlohn zeigen, aber exit polls sind trügerisch, und policy-Umfragen sowieso. Auf diese Umfragen ist daher nicht sonderlich viel zu geben.

Leider sind die Argumente der Gegenseite auch nicht besser, denn es sind dieselben Argumente, die die Moderaten seit Jahrzehnten gegen die Linken in Stellung bringen, bei Gewinn oder Verlust. Die Debatte ist generell unglaublich ritualisiert. Irgendwelche konkreten Informationen bekommen wir in der aktuellen Datenlage nicht, weswegen alles vor allem politisches Positionieren und der Versuch der Narrativ-Entwicklung ist. Beide Flügel versuchen, möglichst viel Einfluss auf die neue Regierung zu nehmen. Ich werde dies in den folgenden beiden Artikeln noch deutlich ausführlicher thematisieren.

Trump und die Republicans

Eine Sache wurde durch die Wahl noch einmal deutlich, auch wenn sie zumindest für mich keine große Überraschung war. Die WählerInnen mögen Trump WEIL er lügt, nicht trotz. Ansonsten beende ich den Artikel an dieser Stelle, denn zu Trump und der GOP gibt es keinerlei Fragezeichen. Alles, was hier vorhergesagt wurde, ist exakt so eingetreten. Nichts ist unklar. Wir beschäftigen uns mit diesen beiden daher mehr in den kommenden beiden Artikeln.

{ 52 comments… add one }
  • CitizenK 10. November 2020, 17:35

    „Im Kern ist Politik in Amerika heute ein Kampf zwischen denjenigen, die einen Collegeabschluss haben, und denjenigen, die lediglich eine Highschoolausbildung haben.“
    Jeffrey Sachs (im SPIEGEL-Interview)

    Gehst Du darauf auch noch ein?

    • Stefan Sasse 10. November 2020, 18:17

      Ich hab es ja im Artikel als eine cleavage erwähnt. Ich würde nicht unterschreiben wollen, dass das „im Kern“ ist, weil das Gleiche könnte ich ja dann über den Gender-Divide oder den White-Minority-Divide sagen. Es ist EINE, nicht DIE, Marke.

  • Floor Acita 10. November 2020, 17:45

    Danke für den Artikel, insbesondere für die offenen Fragen und den Verweis auf die weitere Auszählung. Ryan Lizza hat bspw letzte Woche einen für Politico üblich langen Artikel geschrieben, dessen ganze Prämisse war, dass Biden -zu dem Zeitpunkt- weder Michigan noch Wisconsin flippen konnte … was keine 4h später geschah… Manchmal wirken Journalisten wie Getriebene…

    Die m.E. am wenigsten überraschende Entwicklung, ich bin tatsächlich eher überrascht wie überrascht viele zu sein scheinen, ist der Trend der Latin communuty Floridas. Diese ist vor allem durch Exil-Kubaner in Miami geprägt und war schon immer „struktur-konservativ“, vor allem aber anti-kommunistisch. Ich würde also sobald möglich ein Wirken der Trump’schen „Democrats are socialists“ Strategie untersuchen – insbesondere jedoch im Kontrast zur nationsweiten Wirkung dieser Strategie. Wenn ich selbst mal spekulieren darf, my hunch is, dass diese bundesweit und andernorts eher neutral bis kontraproduktiv war, während sie insbesondere im Süden Floridas gezogen hat. Alles relativ natürlich, insgesamt ist ja der Süden Floridas progressiv, während der Norden, insbesondere Nord-West traditionell konservativ wählt…

    Die Diskussion innerhalb der Democrats erwarte ich auch, ist ja auch nicht neu. Ich würde AOCs Argumentation aber nicht nur auf die Gewinne von ihr unterstützten Kandidaten reduzieren. Gerade Georgia / Stacey Abrahams Ansatz sind m.E. bessere Argumente für die Sichtweise der Linken…

    Unabhängig davon / off-topic. Für die Zukunft wäre eventuell mal ein grundsätzlicher Artikel (/-serie) interessant zum Thema links, Linksextremismus, anti-establishment sentiment, (Links-) Populismus. Ich habe bei dem Themenkomplex leider sehr, sehr oft das Gefühl, dass gleiche Worte unterschiedlich interpretiert werden, bestimmte Gedanken nicht offen ausgesprochen werden, es sehr viele Missverständnisse aufgrund schwammiger oder sogar konträrer Definitionen kommt und insbesondere auch Personen, Standpunkte, Strategien in Abhängigkeit von Land und Zeitraum eingeordnet werden. Und das alles auch und gerade im Gegensatz zum Themenkomplex: rechts. Ob bspw eine bestimmte Haltung gegenüber Menschen unterschiedlicher Hautfarbe rechts oder mittig ist, scheint oft weniger von Ort und Zeit abzuhängen, als bspw die Haltung gegenüber einer allgemeinen, gesetzlichen Krankenversicherung..? Und was bedeutet es wenn Du bspw schreibst Bernie wäre Trump in Blau? Erwartest Du tatsächlich für die selbe Anzahl an Menschen eine ähnliche Gefährdung ihrer physichen Unversehrtheit oder gar ihres Lebens? Oder was macht einen zum Linkspopulisten? Und warum sind Normembrüche von links so viel gefährlicher als von rechts? Jedenfalls sind Du und bspw Ezra Klein sicher, dass a) die GOP für solche verantwortlich ist, dass b) die USA trotzdem im Moment unzweifelhaft eine Demokratie sind und c) dieses akut in Zweifel stehen würde, würden die Democrats anfangen im selben Masse Normen zu brechen. Warum? Was macht letztere(s) so viel gefährlicher..? Aber wie gesagt, dass nur am Rande. Ich bringe es nur hiet an, weil ich in diesen Fragen (und deren Beantwortung) die Grundlagen für die am Horizont sichtbar aufziehende Debatte innerhalb der Democrats, aber auch eventueller (weiterer) sozialdemokratischer Parteien „des Westens“ vermute und auch einen Hinweis auf die doch sehr unterschiedliche Interpretation der Person Corbyns, der Momentum Bewegung bzw Labour unter Corbyn…

    • Stefan Sasse 10. November 2020, 18:22

      Total beknackt, aber typisch Politico. Am besten hat das dieser Tweet zusammengefasst: https://twitter.com/marcusaroberts/status/1323939053415354368 Die sollten es echt besser wissen.

      Jein mit überraschend. Die Latinos waren schon immer die am meisten Pro-GOP minority, aber das beste war George W. Bush mit rund 40% bei denen. Und es war schon eine ordentliche Annahme anzunehmen dass der große Anti-Latino-Hetzer nicht so super beliebt bei denen ist.

      Stacey Abrams kommt noch 🙂

      Gute Idee, ich behalts im Hinterkopf.

      • Floor Acita 10. November 2020, 20:15

        Latinos insgesamt? Abwarten! Meine Spekulation bezieht sich ausschliesslich (wichtig!) und speziell auf Florida.

        Dem tweet ist nichts hinzuzufügen…

        • Stefan Sasse 10. November 2020, 20:46

          Ah, ja, Florida war wegen den Exilkubanern aber immer schon ein Sonderfall.

          • Ant_ 11. November 2020, 10:42

            Ist das nicht irgendwie eines der Hauptprobleme, dass Latino eine Gruppe ist, deren Nutzen für demoskopische Gründe vielleicht einfach ausgelaufen ist? Dort wurde schon immer viel an geteilten Werten und Interessen angenommen, vereint über den Marker „Wurzeln südlich von uns“, die so einheitlich anscheinend nicht vorhanden sind. Materielle Interessen divergieren wohl stark, und kulturell sind sie tatsächlich zumindest nah an der Republikanern verortet? Bin gespannt, wenn jemand einen guten Artikel in den nächsten Jahren findet wäre ich sehr erfreut davon zu hören!

  • schejtan 10. November 2020, 17:46

    Denn zwar hatten die Umfragen eine große Wahrscheinlichkeit für einen Biden-Erdrutschsieg vorhergesagt, aber Wahrscheinlichkeiten zu verstehen war schon 2016 weniger eine Stärke der Beobachtenden, ob in der Presse oder in der Bevölkerung selbst.

    Das faengt zum Beispiel damit an, dass Wahrscheinlichkeiten fuer einmalige Ereignisse unsinnig ist 🙂 Letztendlich hat Andy Hall mit seinem Tweet vollkommen recht; wenn ich nur (!) die Wahrscheinlichkeit in Betracht ziehe, laesst sich sich kein Urteil ueber die einzelnen Modelle faellen. Eigentlich weiss Nate Silver dass ja auch, zumindest wenn ich mich korrekt an sein Buch erinnere. Weswegen ich mich schon frage, weswegen er diesen Unsinn ueberhaupt mitmacht und sich nicht auf die sinnvollen Prognosen wie die Stimmverteilungen in den einzelnen Staaten beschraenkt.

    • Stefan Sasse 10. November 2020, 18:22

      Ich finde das Wahrscheinlichkeitenmodell gut. Und auch keinen Unsinn.

    • Dennis 10. November 2020, 20:54

      Klar, ganz richtig. Aber ein großer Vorteil is halt, dass dieses Aussagemuster IMMER richtig ist (100 %-Aussagen sollte man allerdings vermeiden) , also dass z.B. die Aussage „Trump wird mit 99 %iger Wahrscheinlichkeit gewinnen“ nie falsch ist, namentlich auch dann nicht, wenn er nicht gewinnt. Der extrem unwahrscheinliche Lotto-Tipper mit sechs Richtigen hat auch nichts falsch gemacht. Indes gibt es zig Millionen von Tippern, so dass die Wahrscheinlichkeit auf dieser Basis darstellbar ist, aber das hier besprochene Ereignis glücklicherweise nur einmal.

      Aber wie dem auch sei, die Demoskopiefritzen weisen natürlich ganz richtig auch immer darauf hin, dass es sich um KEINE Prognose handelt sondern um eine Feststellung zum Erhebungszeitpunkt mit einer gewissen Fehleranfälligkeit gem. der Stichprobenmethode (an dieser Stelle greift der Wahrscheinlichkeitsbegriff) mit Möglichkeit der Falschaussage der Befragten; dann noch die 51 Einzelwahlen auf die Elektoren durchrechnen; ganz einfach^. Wenn man in mehreren entscheidenden Staaten um Haaresbreite nah an 50/50 ist, wird das noch einfacher^. Wegen dieser Komplexität haben die Demoskopen in dieser Sache eigentlich immer recht.

      Eigentlich ist eine Wahl mit nur zwei „Parteien“ demoskopisch tatsächlich nicht soooo schwierig, wenn die direkt und einheitlich wäre, wie in Frankreich. Da lagen die Demoskopen bezüglich des zweiten Wahlganges bei allen Wahlen seit 1965 tatsächlich, insoweit zeitnah, stets richtig. Mitunter (z. B. 1974) wurde auch „50 % zu 50 %“ ausgesagt; klingt doof, weil scheinbar aussagelos, isses aber keineswegs, vielmehr seriös (tatsächlich waren es 50,8 zu 49,2) , also hinreichend „richtig“.

      • Stefan Sasse 10. November 2020, 22:16

        Nein, sorry. Die Aussage, dass Trump mit 99%iger Wahrscheinlichkeit gewinnt, wäre grotesk falsch gewesen. Die Demoskopen haben deswegen auch nicht „immer Recht“. Das Problem ist vielmehr, dass die Zahlen, die die Demoskopen produzieren, oft völlig falsch rezipiert werden. Dazu tragen sie gelegentlich auch oftmals selbst bei (ich sag nur „the needle“), aber das ändert nichts daran, dass diese Pauschalverdammung falsch ist.

        • Dennis 11. November 2020, 10:50

          Zitat Stefan Sasse:
          „Die Aussage, dass Trump mit 99%iger Wahrscheinlichkeit gewinnt, wäre grotesk falsch gewesen. “

          Wieso datt ? Die Aussage inkludiert „verlieren ist möglich“. Die Aussage ist in allen möglichen Fällen (das sind hier nicht sehr viele^) WAHR, also auch wenn er verliert, weil die behauptete Quote für verlieren/gewinnen bei einem einmaligen Ereignis UNMÖGLICH überprüft werden kann, also unsinnig ist, wie schejtan das ganz richtig sagt. Eine Prüfbasis für die richtige Quote verlieren/gewinnen hat man erst, wenn das Ereignis frequent auftritt. Es geht darum, die Wahrscheinlichkeitsbehauptung ex post anhand des wirklichen Lebens zu überprüfen, zu plausibilisieren; dabei ist jedes ex-ante-Wissen beim Test auszuschliessen. Letzteres dürfte der Punkt sein, über den man stolpert und der scheinbare aber falsche Plausibilität erzeugt. Entweder ex post oder ex ante; beides zu einem Cocktail verrühren führt dazu, dass man immer recht hat^.

          Wie soll sich die berechnete Wahrscheinlichkeit in der Wirklichkeit abbilden, wenn genau einmal gewürfelt wird ? Woher weiß man dann, dass ca. 16,66 % für die gewürfelte Augenzahl tatsächlich stimmt ? Jeder beliebige andere Wahrscheinlichkeit größer null ist vom Test her gesehen genauso richtig, weil man NICHTS hat, um Falschaussagen zu verwerfen. Mehrfach würfeln, dann werden falsche Aussagen zunehmend weggetestet. Das ist auch hier die EINZIGE Lösung. Mehrfach wählen. Für den präzisen Idealfall unendlich oft ^.

          • Stefan Sasse 11. November 2020, 12:30

            Wahrscheinlichkeit ist nichts binäres – entweder null Prozent oder „alles drin“. Klar KANN er gewinnen, die Frage, die die Wahrscheinlichkeit beantworten soll, ist, wie WAHRSCHEINLICH das ist. Ich kann im Lotto gewinnen, aber die Wahrscheinlichkeit ist extrem gering. Deswegen spiele ich kein Lotto. Ich kann nicht sagen „Aha, der Typ hat gewonnen, ergo war korrekt, dass das er mit 99%iger Wahrscheinlichkeit gewinnt“. Denn das war nicht seine Wahrscheinlichkeit! Er hat nur die Chancen geschlagen.

            • schejtan 11. November 2020, 12:43

              Ich kann nicht sagen „Aha, der Typ hat gewonnen, ergo war korrekt, dass das er mit 99%iger Wahrscheinlichkeit gewinnt“.

              Exakt. Genau deswegen ist diese Angabe von Wahrscheinlichkeiten ja sinnlos; sie laesst sich schicht und einfach nicht ueberpruefen.

              Hinzu kommt noch, dass, wie du ja auch schreibst, viele Menschen Probleme haben, Wahrscheinlichkeiten zu interpretieren. Letztendlich sehe ich, dass dieses Wahrscheinlichkeitsmodell eher verwirrend als hilfreich ist und die Demoskopen sich damit letztendlich selbt schaden (schoen zusammengefasst hier ).

              Und letztendlich frage ich mich: Welchen Erkenntnisgewinn habe ich dadurch? Was bringt es, wenn ein Modell statt 65%, 70% als Siegwahrscheinlichkeit angibt? Ist das wirklich soviel hilfreicher, als einfach die Aussage:“Ich sehen einen Vorteil fuer Biden“. Fuer mich ist das irgendwie nur ein Beispiel fuer die leider viel zu verbreitete Angewohnheit durch Zahlenwerte eine Genauigkeit vorzugaukeln, die es nicht gibt und auch nicht wirklich hilfreich ist.

              • Stefan Sasse 11. November 2020, 13:18

                Klar, die exakten Prozentwerte sind natürlich eine Illusion. Aber zwischen 70% und 90% und 50% bestehen halt Unterschiede. Die kann man noch verbalisieren.

          • Floor Acita 11. November 2020, 15:29

            Ist das nicht genau der Punkt? In ihre Modelle lassen die Interpreten Annahmen mit einfliessen, um mehrere „Ziehungen“ zu simulieren – vorangegangene Wahlen beeinflussen die konkret beobachtete Wahl… Stefan würde das vielleicht als „laws of political gravity“ beschreiben. In diese Annahmen müssen zwangsweise auch biases mit einfliessen. Andererseits ist ein einzelnes Ergebnis natürlich auch nicht ausreichend um ein anscheinend oder zumindest scheinbar gefestigtes Modell über ddn Haufen zu werfen..?

  • Stefan Sasse 10. November 2020, 18:28

    Kaum haue ich meinen Artikel raus bringt Nate Cohn einige frühe Spekulationen über das Problem mit den Umfragen: https://twitter.com/Nate_Cohn/status/1326210080484827140

  • Sebastian 11. November 2020, 08:18

    Moin Stefan,
    vielen Dank für die Denkanstöße. Mein Eindruck von Colin Woodards Artikelserie „Balkanized America“ (https://medium.com/s/balkanized-america) war, dass sie etwas zur Erklärung des Polarisierungsaspekts beitragen kann und hilft, die Aussage „Die USA sind ein konservatives Land“ differenzierter zu betrachten.

    • Stefan Sasse 11. November 2020, 10:44

      Ich glaube ehrlich gesagt, dass die Natur des Zwei-Parteiensystems dazu beiträgt, viele dieser Elemente zu überdecken und alle in diese zwei Koalitionen zu zwingen.

      • Sebastian 11. November 2020, 11:16

        Yep, da ist was dran, und das scheint Woodard durchaus auch bewusst zu sein. In einem der Artikel schreibt er, dass es in den Midlands kulturell am meisten Anschlussfähigkeiten in beide Richtungen und daher dort auch den meisten ’swing‘ gibt. In geringerem Maße sieht er auch Potential für eine blue wave im Far West, wenn die Dems es geschickt anstellen würden.

        • Stefan Sasse 11. November 2020, 12:30

          Was die ganzen Leute mit ihren cleveren Ideen, gegenüber welchen Schichten sich die Democrats öffnen sollten nie mitdenken – weswegen ich die meisten dieser takes auch für wertlos halte – ist, wo auf der anderen Seite verloren wird.

          • Sebastian 11. November 2020, 12:46

            Das Problem hat die andere Seite aber ja immer auch. Und es geht weniger um Schichten, als um kulturell abgrenzbare (Groß)Regionen, die sich möglicherweise auch relativ unabhängig voneinander bespielen ließen.

            Aber selbst wenn man sich nicht auf mögliche Policy Implications einlassen möchte, fand ich die Idee interessant, dass z.B. drei großregionale Blöcke in der „Red Coalition“ identifizierbar seien, in denen verschiedene Strömungen des Konservatismus dominieren und die daher auch nicht immer zwingend koalieren müssten – so als eine mögliche Perspektive auf die politische Landschaft der USA.

            • Stefan Sasse 11. November 2020, 13:24

              Korrekt, aber solange es eben ein konservatives und ein progressives Lager gibt sortieren die sich so. Vorher hattest du viel stärkere regionale Cluster, als etwa in den 1960er und 1970er Jahren die Parteien eher weniger wichtig waren, sich die Leute dafür aber in Untercaucuses sortierten. Das war auch nicht besser, nur anders.

      • Floor Acita 11. November 2020, 12:29

        Die interessante Frage ist aber ja, wie von Dir selbst im Artikel aufgeworfen, wieso wer, wann in welcher der beiden Koalitionen landet! Was bindet, was stösst ab? Wird gewechselt? Wann, von wem, unter welchen Bedingungen? Was wird, warum, priorisiert?Und … ändern sich Themen / Prioritäten? Mit der Zeit, der Kandidatin, dem Parteiprogramm, Wirtschaftslage, Flüchtlingswellen, dem Alter..?

  • Strubinsky 11. November 2020, 10:15

    es ist doch interessant zu erfahren, warum auch Trump so viele Stimmen eingefangen hat. Die persönlichen wirtschaftlichen Verhältnisse und Moralvorstellungen (Religion, Kommunismusangst) spielen eine sehr große Rolle. Ein bisschen Rassissmus ist ja nicht so schlimm, hauptsache mir geht es gut… Dass ein nicht im geringsten versteckter Faschismus durch einen Präsidenten und seine Gefolgschaft ersthaft zur Wahl ubd Diskussiob steht sagt viel. „Höfliche Rassisten“ trifft es ganz gut und zeigt die deutliche Gefahr der Erosion der demokratischen Gesellschaft.

    • Stefan Sasse 11. November 2020, 10:47

      Klar!

    • Erwin Gabriel 11. November 2020, 11:46

      Es ist doch interessant zu erfahren, warum auch Trump so viele Stimmen eingefangen hat. Die persönlichen wirtschaftlichen Verhältnisse und Moralvorstellungen (Religion, Kommunismusangst) spielen eine sehr große Rolle

      Unbedingt; es kann da nicht nur einen Grund geben. Sicherlich ist es so, wie Stefan sagt, dass das Zwei-Parteien-System einen nach links oder rechts zwingt, weil es zwischen diesen Polen nichts gibt. Und wenn erst mal da ist, zieht man das eben durch, ohne allzu genau zu hinterfragen, wer da eigentlich steht; vermutlich gibt es weniger Wechselwähler als hier.

      Ein bisschen Rassissmus ist ja nicht so schlimm, Hauptsache, mir geht es gut…

      Ich weiß, dass das ironisch gemeint ist, aber ja, das würde ich unterschreiben. Wer sagt, dass er frei von jeglichen Vorurteilen ist (ob die sich nun gegen Religion, Rasse, Staatsangehörigkeit, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder sonst was richten), hat sich entweder nicht gründlich hinterfragt, oder er lügt. Ich hinterfrage mich da immer wieder und werde immer wieder von meinen Töchtern hinterfragt 🙂 ); ich habe Vorurteile und Vorbehalte, und da sich die nicht in Aggression, sondern bestenfalls in Neugier und schlimmstenfalls mit Unverständnis und Zurückhaltung äußern, kann ich gut damit leben.

      Dass ein nicht im geringsten versteckter Faschismus durch einen Präsidenten und seine Gefolgschaft ernsthaft zur Wahl und Diskussion steht sagt viel.

      Ich habe ähnliche Effekte bei Leuten gesehen, die Probleme mit Merkels Flüchtlingspolitik 2015/1016 hatten, und die daraufhin ohne Diskussion und Hinterfragung in die Rechtsaußen-Ecke gestellt wurden. Die landeten als moderate Konservative bei der AfD, die ihnen zuhörte und Recht gab. Nun sind sie keine moderaten Konservativen mehr, sondern harte Rechtsausleger auf dem Weg zur Höcke-Gefolgschaft; sie haben nach und nach das Hinterfragen aufgegeben, und sind Zentimeterweise, in kleinen Schritten, weggerutscht.

      Ich war damals auf demselben Weg unterwegs, und vermutlich haben mich die Diskussionen und Auseinandersetzungen hier im Forum halbwegs bei der Stange gehalten. Ich habe damals hier immer wieder gefordert, den Dialog nicht mit Totschlag-Argumenten abzuwürgen, und stieß auf wenig Gegenliebe.

      Die Reaktionen in den USA sehe ich ähnlich. Natürlich gibt es eine erhebliche Anzahl von Leuten, die Trump erreicht hat, obwohl die Republikanische Partei sie nicht erreichen konnte. Leute, die mit Schaum vor dem Mund gegen Immigranten kämpfen, ohne zu verstehen, welchen Zusammenbruch das Land erleben würde, wenn man alle Farbigen, Latinos, Asiaten etc. herausnehmen würde. Und natürlich laufen da auch genug Leute breitbeinig und mit 9mm- oder .45-Potenzverstärker um die Hüfte geschnallt durch die Gegend und finden den neuen Sheriff geil.

      Aber es gibt andere, die nicht nur durch die Republikaner motiviert wurden, sondern auch durch die Demokraten. Wenn man die nicht schnell genug aus der Ecke kriegt (ist schwieriger als hier, da es nur zwei Seiten gibt), sind die vermutlich weg.

      • Stefan Sasse 11. November 2020, 12:31

        Jeder hat Vorurteile, völlig richtig. Unterbewussten bias, und so weiter. Das zu erkennen ist super wichtig.

        Danke für deine Selbsteinschätzung 2015/16.

        Stimme dir zu, dass es sehr schwierig ist, die Leute aus der Radikalisierung zurückzuholen.

        • Erwin Gabriel 11. November 2020, 17:34

          @ Stefan Sasse 11. November 2020, 12:31

          Stimme dir zu, dass es sehr schwierig ist, die Leute aus der Radikalisierung zurückzuholen.

          Da muss man ran, bevor die sich dort eingraben. Habe ich oft genug gesehen; irgendwann ist es zu spät. Deswegen immer wieder meine Forderung,mit denen zu reden, nicht nur über sie.

          Kaum etwas war für Hillary so vernichtend wie „basket of deployables“, selbst wenn das Zitat meist ohne den dazugehörigen Kontext verwendet wurde.

  • derwaechter 11. November 2020, 11:53

    Ich Frage mich, ob Trumps Groundgame ihm nicht sogar geholfen hat. Ich meine die haben doch zum Schluss Wahlkampf geführt, als gäbe es keine Pandemie. Grosse Rallies, Tür zu Tür Wahlkampf usw.
    Das galt ja für viele Republikaner.

    Die Demokraten hingegen haben sich selbst beschränkt.

    • Stefan Sasse 11. November 2020, 12:33

      Guter Punkt, hatte ich noch nicht auf dem Radar. Ich halte aber die Rallies für ziemlich bedeutungslos. Tür zu Tür ist relevant. Haben die Democrats sich hier mehr beschränkt? Weiß ich nichts drüber.

  • Stefan Sasse 11. November 2020, 15:06
  • Lemmy Caution 11. November 2020, 16:34

    Demographie – Latino Wähler:
    In Florida haben viele „Latinos“ Trump gewählt, im Südwesten Biden.
    Ronald Reagan hat irgendwann einmal bezüglich Lateinamerika erstaunt ausgerufen: „Those are all different countries“. Damit hatte er völlig recht.
    In Florida kommen halt viele aus Kuba und Venezuela. Denen gefällt der sehr harte Kurs in Sachen Wirtschaftssanktionen unter Trump. Ein Perser mit dem ich aktuell beruflich zusammenarbeite sieht dies übrigens genauso wegen den Wirtschaftssanktionen gegen den Iran.
    Im Südwesten haben viele ihre Wurzeln in Mexiko, Honduras und El Salvador. Denen gefällt der Zirkus um die Mauer nicht.
    Ich schaue manchmal die beliebte Polit TV Show von Jaime Bayly auf youtube. Die Sendung ist im Programm eines spanischsprachigen Senders in Florida. Bayly stammt aus Peru, ist politisch eher konservativ,… und der auf seine sehr eigene Art polemische Bayly äußert sich dediziert Anti-Trump.

    • Stefan Sasse 11. November 2020, 17:32

      Ja, guter Punkt.

    • Detlef Schulze 11. November 2020, 22:54

      @Lemmy Caution

      „Ein Perser mit dem ich aktuell beruflich zusammenarbeite sieht dies übrigens genauso wegen den Wirtschaftssanktionen gegen den Iran.“

      Interessant. Die Iraner, die ich kenne sind liberal, nicht religös und haben mit den Mullahs nichts am Hut. Gerade deshalb waren sie sehr unzufrieden mit Trump, aus Angst seine Anti-Iran-Politik könnte Hardlinern wie Ahmadinejad wieder an die Macht bringen.

      Sie haben natürlich völlig recht damit, dass die Exil-Kubaner (deren Nachfahren) und die Exil-Venezuelaner aus der reichen Oberschicht kommen, mit Sozialismus nicht viel am Hut haben und daher Trump wählen, während die armen Wirtschaftsflüchtlinge aus Mexico, Honduras oder Guatemala eher den Demokraten zugeneigt sind.

      Bei den Schwarzen ist es übrigens ähnlich. Die Nachfahren der Sklaven haben einen anderen kulturellen Hintergrund als die Einwanderer aus Afrika in der 1. und 2. Generation. Die letzteren kommen aus der Oberklasse in Afrika, sind zum Studium in die USA gekommen und geblieben. Ihnen geht es materiell ganz gut. Ich kenne afrikanische Einwanderer, die Trump gewählt haben, und zwar aus 1. religösen Gründen und 2. weil sie mit Sozialismus nichts am Hut haben (in der Reihenfolge). Alles Andere hat keine Rolle gespielt. Beide Gruppen sind aber doch eher konservativ und religös und vielleicht von den Werten eher den Republikanern zugeneigt.

      Grundsätzlich glaube ich, dass man mit der Analyse wie im Artikel oben nicht weit kommt. Die Wählerschaft in den USA ist sehr komplex und die Minderheitein sind nicht monolithisch. Und obwohl jemand vor 20 Jahren aus Mexiko eingewandert ist, kann er sehr wohl dafür sein weitere Einwanderung aus Mexiko zu unterbinden.

      Das Einzige, was man mit Sicherheit sagen kann, ist dass Leute in den großen Städten demokratisch wählen und die Landbevölkerung und Einwohner kleiner Städte die GOP wählen. Das ist im Uebrigen sowohl in New York und Pennsylvania so, als auch in Oregon, Texas, Minnesota, Wisconsins oder Iowa.

      • Lemmy Caution 12. November 2020, 07:25

        Mein persischer Kollege ist absolut gegen die Mullahs. Die iranischen Immigranten in Deutschland sind ja soweit ich weiß eine ziemlich spezielle Gruppe: Sie kommen meist aus der Mittelschicht.
        Er meint, dass aufgrund der Wirtschaftslage das Regime eventuell sogar gestürzt werden könnte. Deshalb ist er für Trump. Diese Haltung ist auch unter Venezolanern sehr verbreitet. Ich halte das für politisch problematisch. Es lässt sich nämlich auch so sehen: Letztlich hoffen diese im alten System privilegierten Gruppen die USA für die Restauration ihrer Privilegien einzuspannen.

        • Stefan Sasse 12. November 2020, 08:00

          Jepp. Aber das sind ja absolute Minderheiten. Wie Exil-Algerier, die die französischen Kommunisten unterstützen um die Unabhängigkeit ihres Landes zu forcieren. Das macht die Algerier aber nicht zu Kommunisten.

  • schejtan 11. November 2020, 18:12

    Die Wahrscheinlichkeiten aus diesen Modellen lassen sich praktisch halt gar nicht ueberpruefen, im Gegensatz zu zum Beispiel den Stimmverteilungen. Daher sollte man sie gleich ganz sein lassen, so aus wissenschaftlicher Sicht.

    • schejtan 11. November 2020, 18:13

      Ups, sollte antwort auf floor weiter oben sein

  • Stefan Sasse 11. November 2020, 19:48

    Nate Silver hat sich jetzt ausführlich zu der Umfragequalität zu Wort gemeldet:
    https://fivethirtyeight.com/features/the-polls-werent-great-but-thats-pretty-normal/

  • cimourdain 11. November 2020, 23:29

    Gegenfragen/ideen

    Warum beschreibst du Biden als Progressiven? Er ist nach normalem politischen Kompass ein klassischer konservativer Kandidat – im bisherigen politischen Verhalten, in den Wahlversprechen, in Habitus und Verhalten.

    Welche Lektionen werden die Demokraten eigentlich aus dieser beinahe-Niederlage ziehen? Wird für „sozial-Progressive“ (als Gegenstück zu „Identitäts-Progressiven“) das ein Pyrrhus-Sieg?
    https://www.counterpunch.org/2020/11/09/apart-from-defeating-trump-why-did-the-democrats-have-such-a-bad-election-day/

    Ein interessanter Standpunkt: Sind auch die liberalen Medien zu biased in der Verkündung des Wahlergebnisses gewesen? https://www.realclearpolitics.com/articles/2020/11/10/the_media_should_not_have_called_this_election_144624.html

    Eine Antwort zum Latino-Paradox: Trump hat sich um den Teil der Gruppe, den er erreichen konnte, aktiv bemüht: https://www.msn.com/en-us/news/politics/how-trump-grew-his-support-among-latinos/ar-BB1aQccO

    • Stefan Sasse 12. November 2020, 07:58

      1) Biden wäre vielleicht in Deutschland ein Konservativer (wobei ich selbst diese These fragwürdig finde), aber in den USA sicher nicht.

      2) Siehe mein aktueller Artikel und der folgende.

      3) Nein, ganz sicher nicht.

      4) Ja, das thematisiere ich ja.

  • CitizenK 12. November 2020, 08:05

    Wie geht es eigentlich weiter, wenn Murphy nicht unterschreibt?

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