Rezension: Shlomo Venecia – Inside the Gas Chambers. Eight Months in the Sonderkommando of Auschwitz

Shlomo Venecia – Inside the Gas Chambers. Eight Months in the Sonderkommando of Auschwitz (Hörbuch)

Der Holocaust gehört zu den historischen Ereignissen, die man wohl als die am weitesten bekannte und theoretisch best erforschte betrachten dürfte. Trotzdem ist das Wissen über den industriellen Massenmord an den Juden Europas erstaunlich dünn und oberflächlich, was selbst eigentlich versierten Menschen immer wieder klar wird, wenn sie sich den Details des grausigen Geschehens stellen. Angesichts der steigenden Zahlen von Holocaust-Relativierung und Holocaust-Leugnung ist gerade diese Auseinandersetzung immer wieder geboten, und aus historischer Perspektive schon alleine deswegen interessant, weil das Geschehen des singulären Ereignisses meist nur abstrakt bekannt ist. Sechs Millionen tote Juden – eine, wie das Vorwort feststellt, eher konservative Schätzung – sind eine Statistik. Weder die Schicksale dahinter noch die Abläufe des Massenmords werden dahinter sichtbar. Ein Mosaikstein dieser Abläufe ist die Arbeit der Sonderkommandos, der jüdischen Arbeiter, die die Drecksarbeit erledigten. Shlomo Venecia, italienisch-stämmiger Jude aus Griechenland, ist einer der wenigen Überlebenden der Sonderkommandos. Dieses Buch erzählt seine Geschichte. Venecia beginnt seine Erzählung in Kapitel 1, „Life before the Holocaust„, in dem er sein Leben in Saloniki und Athen vor 1943 bespricht. Der 1923 geborene Shlomo war nach dem frühen Tod seines Vaters 1935, eines stolzen Faschisten, mitverantwortlich für die Ernährung seiner in bitterer Armut lebenden Familie, eine Erfahrung, die ihn prägte („poor people have stronger characters„). Saloniki war ein Zentrum jüdischen Lebens; das jüdische Viertel war zu 90% jüdisch. Die meisten Juden dort waren bettelarm, aber es gab eine schmale, sehr wohlhabende Oberschicht (mit der Shlomo nichts zu tun hatte). Die italienische Staatsbürgerschaft beschützte die Familie Venecia bis zur Kapitulation Italiens 1943. Einer der letzten Akte der den Juden gewogenen italienischen Besatzer war es, ihnen ein Evakuierungsschiff bereitzustellen, das sie entweder nach Athen oder Sizilien bringen sollte. Die jüdische Oberschicht entschied im Alleingang für Athen, um ihre Unternehmen und ihren Wohlstand zu schützen – eine tödliche Entscheidung.

Zwar entging Shlomo einigen Deportationen, doch schließlich erwischten die Nazis ihn, indem sie den Juden eine Falle stellten: da sie sich täglich melden mussten, nutzten sie eine solche Meldung, um alle sich meldenden Juden gefangenzusetzen. Sie wurden dann in einen Zug gesetzt. Das Rote Kreuz versorgte die zusammengepferchten Menschen mit einigen Hilfspaketen und Decken (die Nazis erzwangen die Abgabe einiger dieser Pakete), was die Frage aufwirft, inwiefern das Rote Kreuz letztlich zu unfreiwilligen Helfenden des Holocaust wurde. Die Menschen konnten die elftägige Fahrt nur dank dieser Pakete überleben, und selbst dann verhungerten, verdurstete und erfroren etliche in den Viehwaggons. Shlomo und seine Cousins wollten aus dem Zug flüchten, wurden jedoch von den anderen Gefangenen zurückgehalten, die befürchteten, bei Ankunft als Repressalie erschossen zu werden. Auch hier werden bereits moralische Grautöne sichtbar, die sich im weiteren Verlauf verdichten werden.

Kapitel 2, „The first month in Auschwitz-Birkenau„, beginnt mit der Ankunft an der „Rampe“ in Auschwitz. Die ausgeklügelte Taktik der Nazis wird erneut offenbar: die ankommenden Menschen werden durch grelle Scheinwerfer, künstliche Hektik und infernalische Lärmkulisse desorientiert, so dass an Flucht oder Widerstand nicht zu denken ist. Venecia kann sich deswegen auch nicht an die genauen Wege erinnern, die sie nahmen, als sie nach Birkenau geschickt wurden, wo eine oberflächliche Selektion stattfand. Am nächsten Tag erfuhr er, dass seine Mutter und Schwester bereits vergast worden waren – nicht, dass er es glauben würde. Generell ist die Ungläubigkeit ein Leitmotiv der Erzählungen Überlebender: warum sollten die Nazis diesen Aufwand betreiben, nur um sie umzubringen? Es machte einfach keinen Sinn.

In der Quarantänebaracke hungerten die Gefangenen und lebten in Langeweile, den Erniedrigungen und Prügeln der Wachen und Kapos ausgesetzt, die sich aus nicht-jüdischen Gefangenen rekrutierten und ihre Macht über Leben und Tod genossen. Venecia nutzte die erste Chance, eine Arbeit im Lager zu bekommen (und dadurch bessere Verpflegung). Was er nicht wusste und wissen konnte war, dass er für das Sonderkommando rekrutiert wurde.

In Kapitel 3, „Sonderkommando: Initiation„, wird Venecia in die Arbeit mit den Sonderkommandos eingeführt. Zu Beginn muss er nur Unkraut an den Krematorien jäten, doch schon bald wird ihm bewusst, was hier passiert. Durch die Überlastung der Anlagen werden Gefangene auch in einer Behelfsbaracke („Bunker“) vergast, und das Sonderkommando muss die Toten durch den Schlamm in einen Graben schleppen, wo sie aufeinandergeschichtet und verbrannt werden. Die widerlichen Details dieser Arbeit und der Sadismus der SS-Wachen machen das Geschäft noch schlimmer, als es die Tätigkeit ohnehin ist. Venecia hat insofern Glück, als dass er den vergleichsweise leichten Job hat, den Leichen die Haare abzuschneiden und sie in Säcke zu verpacken. Ein anderer Gefangener muss die Goldzähne herausbrechen, was angesichts der schnell einsetzenden Leichenstarre erfordert, dass er die Kiefer aufstemmt.

Die Leichenstarre machte auch das Herausholen der Leichen aus den Gaskammern extrem schwierig. Die Kammern waren ohnehin voll von Blut, Exkrementen, Erbrochenem und anderen Flüssigkeiten, so dass die ohne Werkzeug arbeitenden Männer es schwer hatten, die hoffnungslos miteinander verwickelten Leichen auseinander und in den Aufzug zum Krematorium zu ziehen. Danach mussten sie die Kammer säubern und neu weißeln, damit die nächsten Ankömmlinge nichts bemerkten.

Eine gewisse Routine stellte sich ein, wie bereits der Titel von Kapitel 4, „Sonderkommando: the work continues„, lakonisch feststellt. Die Männer schalteten ihren Verstand fast vollkommen ab; immer wieder nutzt Venecia die Metapher von Robotern, und stellten nicht die Frage nach der Moral ihres Tuns. Ein Zug Neuankömmlinge musste innerhalb von 72 Stunden komplett beseitigt sein. Die grausigen Details der Arbeit – so mussten Knochen wie das Hüftgelenk, die nicht verbrannten, aus der Asche geholt und zermahlen werden – werden zu einem Alltagsrauschen, und es sagt viel über das Morden, dass permanent Horrorszenen aus diesem bereits unvorstellbaren Horror hervorstechen.

Besonders nennenswert ist der Kommandant aller Krematorien, Otto Moll, der besonders sadistisch ist und vor dem selbst die SS-Wachen in Furcht leben. Wo immer er auftaucht, arbeiten die Männer noch mehr um ihr Leben als ohnehin (Moll wurde glücklicherweise 1945 zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet, anders als andere namentlich identifizierte SS-Wächter). Die Opfer von Mengeles Experimenten zu beseitigen hinterließ ebenfalls über den Alltagshorror hinausreichende Eindrücke. Einmal überlebte ein zwei Monate altes Baby die Gaskammer; ein SS-Soldat erschoss es ohne mit der Wimper zu zucken. Überhaupt ist der Sadismus der SS-Leute ein konstantes Thema. Sie versuchten absichtlich, die letzten Stunden der Todgeweihten so schrecklich wie möglich zu machen, indem sie etwa in der Gaskammer das Licht willkürlich an- und ausschalteten.

Ein einschneidendes Ereignis findet in Kapitel 5, „The revolt of the Sonderkomamndo and the dismantling of the Crematoria„, seine Berücksichtigung. Die Revolte vom Oktober war mit dem polnischen Widerstand koordiniert, dessen Ziele aber konträr zu denen der Häftlinge liefen. Die Polen wollten möglichst viel Ressourcen aus dem Lager, um Waffen zu kaufen, und möglichst lange zu warten, um die Hilfe der Roten Armee zu bekommen, während die Häftlinge so früh wie möglich losschlagen wollten. Die Verzögerungen zogen sich über zehn Monate, und dass es den Sonderkommandos gelang, trotz der üblicherweise im Drei-Monats-Takt stattfindenden Ermordungen des Kommandos und der Ersetzung durch neue Häftlinge die Logistik und Planung intakt zu halten, ist ein kleines Wunder.

Dies funktionierte über seltene Kontakte ins Frauenlager, über die Pulver zu den Krematorien geschmuggelt wurde (die Frauen stellten Munition her). Die (jüdischen) Kapos des Sonderkommandos schafften es, einen Kern von Leuten intakt zu halten, der Planung und Durchführung übernahm. Das Ziel war theoretisch die Flucht, aber vor allem ging es darum, irgendetwas zu tun. Praktisch niemand rechnete mit einem ernsthaften Erfolg (die Parallele zum 20. Juli ist in meinen Augen offenkundig). Der Aufstand scheiterte natürlich. Überzeugt, verraten worden zu sein, begannen die Männer einem Krematorium früher als vereinbart. Ein weiteres schloss sich an. Als Venecias Krematorium vom Aufstand erfuhr, war dieser bereits weitgehend unterdrückt, so dass es sich nie beteiligte. Das rettete dem Sonderkommando das Leben. Die SS tötete die Männer, die das voll erwarteten, nicht, sondern behielt sie für die die restliche Arbeit.

Im Folgenden wurde Venecia hauptsächlich dafür eingesetzt, die Krematorien Stück für Stück auseinanderzunehmen. Die Arbeit war lang und gründlich und gehörte zu dem großen Versuch der Nazis, ihre Verbrechen zu verheimlichen. Danach begann der Todesmarsch: in langen Reihen wurden die überlebenden Häftlinge durch den Winter gejagt. Venecia konnte diesem Marsch überhaupt nur beitreten, weil es ihm gelang, aus dem Sonderkommando zu flüchten; die SS hatte vorgehabt, es zu liquidieren. Aber dafür waren die Männer inzwischen zu erfahren. Die Strapazen des Marsches ohne Unterkunft und Nahrung waren furchtbar, gehören aber mit den Erschießungen von schwachen Zurückgebliebenen zu den bekannteren Episoden des Holocaust. Vielleicht verwendet Venecia auch deswegen weniger Zeit darauf.

Gleiches gilt für Kapitel 6, „Mauthausen, Melk, and Ebensee„, das die letzten drei Lager beschreibt, in denen er dann ankommt. In Mauthausen wurde er zu Zwangsarbeit herangezogen. Die Geschichte ist voller Diebstähle unter den Gefangenen, dominiert stets von dem Versuch, irgendwie an etwas zu essen zu kommen. Am Ende gelang es den Gefangenen in Ebensee, ihre Ermordung durch die SS zu verhindern – vor allem, weil zu wenig Wachen da waren. Zu den letzten feigen Episoden dieser Bande gehört, dass sie sich auf die letzten Tage von nichts ahnenden Wehrmachtssoldaten ablösen ließen, die dann den Zorn der Amerikaner abbekommen würden.

Die Befreiung erlebten Venecia und seine verbliebenen Freunde und Familienmitglieder am Ende ihrer Kräfte. Sie waren immer noch in einem fast tiergleichen Zustand, plünderten die Amerikaner und die umliegenden Dörfer und versuchten, langsam wieder zu Kräften zu kommen. Über die Hälfte der Häftlinge starb in den Wochen nach der Befreiung, und Venecia selbst erkrankte schwer an Tuberkulose. Aus Furcht vor einem erneuten Holocaust nahm er nicht seinen alten Namen an, sondern ging als christlicher Italiener zurück. Es gelang ihm erst ein Jahrzehnt später, Kontakt zu seiner überlebenden Schwester aufzunehmen; kurz zuvor hatte er seinen Bruder bei dessen Emigration letztmalig getroffen. Erst in den 1990er Jahren begann Venecia über seine Erlebnisse zu sprechen und kehrte erstmals nach Auschwitz zurück. Motiviert wurde er vor allem von der Rückkehr des Rechtsextremismus (der kein allein deutsches Phänomen war). Er beschließt seine Schilderung mit der nüchternen Feststellung, dass er kein Glück in seinem Leben kennt. Stets kehren die Erinnerungen an Auschwitz zurück und belasten ihn.

Das letzte Kapitel, „The Shoa, Auschwitz and the Sonderkommando„, entstammt nicht mehr Venecias Hand, sondern kommt als historischer Kommentar. Es legt quasi als Grundlage den Verlauf der Shoa dar, beginnend bei den Judenboykotten 1933 (über die die Behauptung postuliert wird, es habe kaum negative Reaktionen in In- und Ausland gegeben, wo genau diese dazu führten, dass die Nazis ihre Taktik änderten und solche Maßnahmen bis zur Reichspogromnacht 1938 nicht wiederholten). Die kommenden Jahre waren von rechtlicher Diskriminierung gekennzeichnet, die ihren Gipfel in den „Rassegesetzen“ 1935 fand. Das Ziel war, die Juden zur Auswanderung zu treiben (was, worauf das Kapitel aber nicht eingeht, durch die gleichzeitige Ausplünderung natürlich konterkariert wurde).

Die Reichspogromnacht stellte eine erneute Verschärfung dar. Gleichzeitig begann eine Einweisung von Juden in Konzentrationslager, die zu diesem Zeitpunkt massiv ausgebaut wurden und ihren Charakter änderten (vorher dienten sie der Inhaftierung politischer Gegner). Dies betraf aber nur einzelne Gruppen, eine koordinierte Einweisung erfolgte erst im Krieg. Dieser markiert den Beginn der Massentötungen, vor allem ab 1941, zuerst in Erschießungskommandos und mit Gaswägen, dann zunehmend in spezialisierten Lagern. Die ersten Experimente fanden auch für die improvisierten Gaskammern (denen vor allem sowjetische Kriegsgefangene zum Opfer fielen) mit CO2 statt, doch das für Definizierung benutzte Zyklon B löste dieses bald ab.

Das System der Konzentrationslager erfuhr eine zweifache Ergänzung. Einerseits wurden zahlreiche Außenlager errichtet, vor allem in Auschwitz, in denen körperlich fähige Gefangene zu Tode gearbeitet wurden, und andererseits die Vernichtungslager, die im Falle Birkenaus in die reguläre Lagerstruktur integriert waren und im Falle von Chelmo, Majdanek, Treblinka und Belczek letztlich nur aus dem Ende der Bahnstrecke und den Gaskammern mit Krematorium bestanden. Der Höhepunkt der Leistungsfähigkeit war 1944 erreicht und fand seinen grausigen Ausdruck in der Vernichtung von über 400.000 ungarischen Juden binnen weniger Wochen. Danach wurden die Lager und viele der Beweise vernichtet, als die Rote Armee näherrückte. Die Todesmärsche begannen. Auch die Arbeit der Sonderkommandos wird in dem Kapitel noch einmal erklärt.

Die Lektüre von Shlomo Venecias Erinnerungen ist, wie man sich vermutlich denken kann, nicht gerade leichte Kost. Es bietet Antworten auf Fragen, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hatte – und Venecia beantwortet diese auf eine ausführliche Art, die mich an Vladek Spiegelman erinnert – selbst die Diktion, die wenigstens in der englischen Übersetzung durchkommt, erinnert an ihn, obwohl die beiden aus völlig anderen Kulturkreisen kommen (polnische Juden vs. Sephardim), etwa im ständigen Einschub des „anyway„. Wie Vladek Spiegelmanns Erzählung bleibt auch Shlomo Venecia eng an seinem eigenen Erleben; er weigert sich kategorisch, über Dinge zu sprechen, die er nicht aus eigener Anschauungn erlebt hat. Der Kosmos des Sonderkommandos war winzig; acht Monate im Krematorium und den Baracken darumherum. Trotzdem enthielten sie unvorstellbaren Horror, und dieser spiegelt sich in Venecias Antworten auf die Fragen, die ihm in dem Interviewformat gestellt werden. Ich fand mich immer wieder zustimmend nickend, wenn es um diese Fragen ging; ich hätte an denselben Stellen dieselben gestellt.

Da wäre zum Beispiel die Frage nach der Logistik der Gaskammern. Die Bilder, wie Menschen in den Keller steigen sind hinreichend bekannt, aber wie lange dieser Prozess dauerte und wie die SS die Kontrolle über die Todgeweihten behielt eher nicht. So ließ man Familien beieinander, nicht aus Menschlichkeit – die restlichen Prozesse und der ständige Sadismus bezeugen dies nachhaltig -, sondern weil das verhinderte, dass Flucht- oder Widerstandsgedanken entwickelt wurden. Das Hinuntersteigen, Entkleiden und Betreten der Gaskammer dauerte Stunden. Von dem Zeitpunkt, als die ersten Opfer die Kammer betraten, bis zum Verschließen derselben vergingen oft 60-90 Minuten – qualvolle Zeit, die durch die Prügel der SS und ihre psychologische Folter (die die Männer hauptsächlich aus Spaß durchführten) noch erhöht wurde. Da die Kammern so voll wie möglich gemacht wurden, wurden starke Männer zuletzt in die Kammern getrieben und so stark geprügelt, dass sie mit aller Macht hineindrängten – wodurch Kinder und Schwache bereits vor dem Gaseinwurf erquetscht und zu Tode getrampelt wurden.

Allzu stark hält sich auch noch der Irrglaube, dass der  Tod in den Kammern relativ schnell vonstatten ging. Wie Venecia trocken feststellt, sind 10-12 Minuten des nach Luft Schnappens eine lange Zeit. Dazu die Panik, die Schreie, die Enge, die Dunkelheit – das Martyrium ist beinahe unvorstellbar, umso mehr, als dass es keine überlebenden Augenzeugen gibt. Die SS-Männer distanzierten sich in ihrer Feigheit maximal von diesem mörderischen Tun: die Klappe über dem Gaseinwurf wurde vom Sonderkommando geöffnet und geschlossen; nur den Einwurf selbst betätigte ein SS-Mann. Auch beim Herausholen der Leichen und Reinigen der Kammern ließ sich die SS kaum blicken. Die Sonderkommandos arbeiteten recht eigenständig, aber unter ständigem Performancedruck: schafften sie eine „Ladung“ nicht innerhalb von 72 Stunden, liefen sie in Gefahr, selbst Teil der nächsten zu werden.

Da ist natürlich auch die Frage, ob die Sonderkommandos je eigene Verwandte vergasen mussten. Auch dieser Horror blieb ihnen nicht erspart. Venecia erzählt davon, wie sein Onkel Teil einer „Selektion“ wurde. Er traf ihn im Ausziehraum der Gaskammer, ein ausgemergeltes Skelett, dem Tode nahe. Die einzig menschlichen Gesten, die ihm blieben, waren ihm einen letzten Bissen Essen zu geben und ihn über die Qual des bevorstehenden Todes zu belügen. Sie umarmten sich kurz, bevor sich die Tür der Gaskammer hinter Venecias Onkel schloss.

Venecia beantwortet auch ausführlich die Frage, inwieweit die Gefangenen ihr Schicksal ahnten. Üblicherweise tat die Desorientierung der Ankunftsprozedur ihren Dienst und sorgte dafür, dass die in Zügen ankommenden Menschen nicht ahnten, was ihnen bevorstand. Eine andere Sache war das bereits mit den Deportierten aus den Ghettos. Sie, die schon als halbe Leichen ankamen, hatten jede Illusion über den Charakter der Deutschen und ihr Schicksal verloren, ahnten durchaus, was ihnen bevorstand, waren aber psychisch und körperlich so am Ende, dass sie meist willenlos in den Tod stolperten. Am deutlichsten stand Insassen des Lagers selbst ihr Schicksal vor Augen. Wer in Birkenau inhaftiert war, wusste um die Kammern. Meist vergasten die Nazis Häftlinge, die krank waren und dadurch bereits so geschwächt, dass sie keine Chance auf Widerstand hatten (etwa Venecias Onkel), oder sie deportierten die Häftlinge in ein anderes Lager wie Majdanek, um den Effekt der Desorientierung wieder auszunutzen.

Gab es Solidarität unter den Gefangenen? Für Venecia ist die Frage letztlich ein Kategorienfehler. Solidarität gibt es, wenn man etwas zu essen hat. Wer hungert, lebt in vollständigem Egoismus. Die Beschreibung des nagenden Hungergefühls, das alles andere überschattet, ist mehr als eindrücklich. Die blanke Not verhinderte jede Solidarisierung, machte die Vorstellung eines Austauschs komplett undenkbar. Jede Minute des Tages war auf das eigene, unmittelbare Überleben gerichtet. Dass es den Kapos des Sonderkommandos unter diesen Bedingungen überhaupt gelang, über Monate einen so komplexen Aufstand zu koordinieren, ist absolut beeindruckend.

Unterhielten sich die Häftlinge untereinander? Praktisch gar nicht. Auch diese Erzählung Venecias deckt sich mit denen anderer Überlebender. Die Reduzierung der Menschen auf das pure Überleben, die permanente Erschöpfung, der nagende Hunger machten jedes Gespräch undenkbar. Sie unterhielten sich nicht einmal über ihre unmittelbare Arbeit und ihren Allltag. Es ist ein vollkommenes Auslöschen der Identität; die Metapher der „Roboter“, die Venecia immer verwendet, hat auch hier ihren Ursprung. Auch über die Erlebnisse in den Lagern sprachen die Gefangenen kaum.

Die Haltung zum Reden über Auschwitz in den Jahren nach 1990 teilt Venecia ebenfalls mit anderen Überlebenden. Erste Versuche, nach dem Krieg über das Erlebte zu sprechen, scheiterten. Nicht an dem Unwillen der Überlebenden zu reden, sondern am Unwillen ihrer Umwelt, ihnen zuzuhören. Ihnen wurde vorgeworfen zu lügen, man hielt sie für verrückt, zweifelte ihre Worte an. Was mich so überrascht ist, dass das Verschließen gegenüber dem Thema, das Totschweigen, dann so lange hielt. Denn spätestens ab den Auschwitz-Prozessen oder doch wenigstens der Ausstrahlung von „Holocaust“ 1979 drehte sich der Wind diesbezüglich ja. Aber die Augenzeug*innenberichte nahmen tatsächlich erst in den 1990er Jahren an Fahrt auf. Wie schrecklich musste es gewesen sein, nicht nur diesen Horror zu erleben sondern dann auch noch das Erlebte abgesprochen zu bekommen, oft genug von jenen, die Denunziant*innen oder aktive Täter*innen gewesen waren.

Ich schreibe in der Rezension immer wieder „die Nazis“, aber es ist bemerkenswert, dass Venecia selbst in seinem Bericht immer von „die Deutschen“ spricht. Man kann es ihm nicht verübeln. Die einzigen Deutschen, denen er in diesen Tagen begegnete, waren Wehrmachts- und SS-Angehörige, und sie alle waren ausnahmslos willige Partizipierende am Holocaust, in den meisten Fällen mit sadistischem Vergnügen. Dieser Sadismus ist etwas, der ebenfalls eine Hervorherbung verdient. Denn die gleiche Fehleinschätzung von der „deutschen Effizienz“, einer angeblichen Kühle und technokratischen Distanziertheit, der die Opfer des Holocaust aufsaßen, teilen wir auch heute noch. Das Bild, das Venecia – und zahlreiche andere Überlebende – von den Tätern zeichnen ist kleiner, gewöhnlicher, banaler. Es sind trinkende, sadistische Gestalten. Keine Herrenrasse weit und breit.

Was das letzte Kapitel angeht sind die historischen Überblicksinformationen durchaus nützlich, doppeln sich aber stark mit den Erzählungen Venecias. Ich sehe, warum sie integriert wurden – Venecias intellektuelle Integrität, nur über seinen eigenen Erfahrungsbereich zu sprechen, lässt viele Details aus – aber gleichzeitig wäre hier eine bessere Anbindung an das Buch wünschenswert gewesen. Ich frage mich auch, ob das Kapitel vorzuschalten nicht besser gewesen wäre.

Das aber nimmt nichts von der eindrücklichen Qualität des Werkes. Venecias Schilderung ist von einer brutalen Intensität. Die Geschichten verfolgen mich teilweise immer noch, und die Details des Holocaust auf diese Art erzählt zu bekommen hilft einmal mehr, sich das Ausmaß und die ganze Brutalität, die furchtbare Entmenschlichung, vor Augen zu rufen. Der blanke Horror dieses Ereignisses geht allzu oft in einer ritualisierten, bereinigten Variante unter, weswegen gerade solcherlei Schilderungen so unglaublich notwendig sind. Ich spreche daher eine unbedingte Leseempfehlung aus.

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