Rezension: Evan Puschak – Escape into Meaning

Evan Puschak – Escape into Meaning (Hörbuch)

Evan Puschak ist den einen oder anderen vielleicht als „The Nerdwriter“ bekannt, einem YouTube-Kanal, in dem er in kurzen Video-Essays über Kunst und Popkultur spricht und von Shakespeare-Sonetten über Picasso hin zu Superman alle möglichen Themen mit ruhigem, persönlichem und sehr kenntnisreichem Blick analysiert. Puschaks Stil ist die Konzentration auf einzelne Elemente, die er dafür in großer Tiefe analysiert, und ein großer Schatz an intertextuellen Referenzpunkten, mit denen er die Kunst einerseits mit Bedeutung versieht und andererseits interessant macht. Nun hat er ein Buch geschrieben, in dem er ihn zehn Essays verschiedene (bestenfalls grob verknüpfte) Themen bespricht. Ich habe mir natürlich das Hörbuch besorgt, das er selbst liest, denn ich möchte seinen bestechenden Stil nicht missen.

Im ersten Essay – Kapitel 1 – beschäftigt er sich mit „Emmerson’s Magic“. Er stellt den Betrachtungen des Poeten einen sehr persönlichen Bericht über seine Erfahrungen in der Highschool und der bedrückenden Atmosphäre, die jegliches Lernen verhinderte, voran. Es ging um Noten und um das Erfüllen von Erwartungen, aber echte Erkenntnis blieb aus, Interesse wurde nicht geweckt. Das ist eine Kritik, die ich nur emphatisch teilen kann und die nicht auf das amerikanische Schulsystem beschränkt ist. Ganz anders sieht Puschak die „college experience„: die großen Freiheiten und das weitgehende Fehlen von Notendruck in seinem Studiengang (film studies, natürlich) erlaubte ihm, Erfahrungen zu machen und eigene Interessen zu entwickeln.

Puschak beschreibt die Entdeckung des Autoren Ralph Walo Emmerson als formativ. Seine Essays öffneten seinen Horizont. Er beschreibt die grandiose Prosa des Autoren einerseits und seinen Blick auf die Welt andererseits; für Puschak ist Emmerson ein stets enthusiastischer Neunjähriger, der mit großen Erkenntnissen und großem Blick auf die Welt schaut – der „wohl eloquenteste Neunjährige der Weltgeschichte“, in seinen Worten. Gleichzeitig sieht er auch die Grenzen. Emmersons Arroganz wurde zu seiner eigenen, und aus heutiger Sicht schaut Puschak eher beschämft auf den scheinbar allumfassenden Wissensstand des Frühzwanzigers, ein Gefühl, das ich nur zu gut nachvollziehen kann.

Kapitel 2 – „I think the Internet wants be my mind“ – formuliert die wenig innovative Grundthese von der Entgrenzung des Internets und dass das Internet das Denken übernehme: man bekomme Meinungen zu Themen, bevor man sie selbst entwickeln könne quasi vorgegeben. Puchak zeigt dies am Beispiel einiger Internetkontroversen um Filme oder andere Medien auf: bevor man das fragliche Produkt selbst gesehen, gelesen oder gespielt hat, weiß man bereits, was man darüber denkt beziehungsweise zu denken hat. Diese Art von group think ist natürlich nicht auf Popkultur begrenzt, aber die Beschäftigung mit ihr ist etwas sicherer für Puschak als das Ganze auch noch auf Politik zu beziehen.

Das dritte Kapitel, „The comforts of Cyberpunk“, zeigt Puschak dagegen eher als intellektuellen Außenseiter, wenn er beschreibt, dass das Cyberpunk-Genre auf ihn eine beruhigende und versichernde Wirkung hat. Die Vorstellung des sich selbst Verlierens im Moloch einer Großstadt, die im Cyberpunk als dystopischer Albtraum dargestellt ist, hat für Puschak einen eskapistischen Effekt: Es ist gleichzeitig auch eine Flucht aus der Verantwortung des Hier und Jetzt. Das macht Cyberpunk wesentlich eskapistischer als die sonst so verschriene Fantasy, was durchaus ein interessanter Gedanke ist.

Puschak sieht im Cyberpunk zudem eine Reflexion der jeweiligen zeitgenössischen Probleme der Epoche auf Zukunft (nicht umsonst etwa sind so viele Megakonzerne der Shadowrun-Welt japanisch, um mal ein eigenes Beispiel beizusteuern), eine Übertreibung kontemporärer Zustände (etwa Kapitalismuskritik, ein Grundtopos des Genres). Für Puschak ist Cyberpunk daher im besten Sinne letztlich bedeutungslos, weil er sich auf das Hier und Jetzt bezieht. Er sieht ihn als eine Realitätsflucht in eine ästhetisch ansprechende Welt, wie etwa bei Blade Runner. Es sei erneut betont, dass Puschak das weder schlecht findet noch dass sich darin das Genre erschöpft; es ist lediglich ein Aspekt, den er hier untersucht.

Weniger kontrovers ist das vierte Kapitel, „When experts disagree“. Puschak sieht es als eine große Belastung für ihn selbst als Bürger in einer Demokratie, Entscheidungen über fundamental unklare und komplexe Themen treffen zu müssen. Er beginnt diese Betrachtung mit der Klimakrise, indem er den „97% der Wissenschaftler*innen“-Konsens auseinandernimmt, dem er hinterhergespürt ist (dasselbe tut übrigens auch Mai Thi Nguyen-Kim, deren „Kleinste Gemeinsame Wirklichkeit“ ich hier besprochen habe). Hier gibt es tatsächlich einen Konsens, was „nur“ das Problem der richtigen Antwort darauf übrig lässt; fast schon verzweifelt reflektiert Puschak aber, dass die Politisierung des Themas quasi automatisch dafür sorge, dass eine der beiden Parteien – die Republicans – eine Gegenposition einnimmt.

Bereits hier zeigt sich in meinen Augen eine große Schwäche seiner Analyse, die zeigt, dass er damit gut beraten ist, normalerweise auf politische Äußerungen zu verzichten. Denn diese Politisierung ist US-spezifisch; in Großbritannien etwa gibt es zwar auch ein Mehrheitswahlrecht, aber die Tories sind keine Klimaleugner. Auch wenn er Folgenden über Wirtschaftsthemen wie den Mindestlohn spricht, bei dem es schlicht keinen Konsens unter Expert*innen gibt und daher fast nur bleibt, sich der jeweils eigenen politischen Fraktion anzuschließen – was ja selbst die Wirtschaftswissenschaftler*innen tun – und feststellt, dass alle Medien einen gewissen Einschlag haben, stellt er wenig rasend Neues fest. Seine Zurückhaltung für politische Diskussionen hätte sich vom privaten Bereich besser auch auf das Buch erstreckt, ist aber auf dieses Kapitel begrenzt.

Bereits in Kapitel 5, das mit dem titelgebenden „Escape into meaning“ überschrieben ist, befasst sich mit der Bedeutung des „Herr der Ringe“, das für Puschak genauso wie Cyberpunk eine zentrale Bedeutung einnimmt. Er beschreibt sein eigenes Verhältnis zu dem Stoff und entwickelt auf Basis einer Tolkien-Äußerung die Theorie, dass Fantasy eine „zweite Welt“ aufbaue, der auch wesentlich mehr Bedeutung als Cyberpunk zukomme. Sowohl im Schreiben als auch im Konsum von Fantasy bestehe eine „Flucht in Bedeutung“, die daraus resultiert, dass eine komplett parallele Welt mit einem eigenen Mythos besteht, innerhalb dessen Geschichten stattfinden, die ständig mit neuer Bedeutung aufgeladen werden und sich bei mehrfacher Lektüre auf sich selbst beziehen. Die Beschreibung Puschaks erinnert mich ein wenig an religiöse Texte, und da Puschak selbst allein die Herr-der-Ringe-Filme mehr als 50mal gesehen hat liegt der Vergleich sicher nicht allzu fern.

Kapitel 6 kommt mit einer „Ode to public benches“ wieder sehr stark an unsere eigenen Realität heran. Puschak spricht vom öffentlichen Raum als Möglichkeit des Ruhens in der Masse – der Vergleich zum dritten Kapitel drängt sich auf -, von wo aus man Menschen beobachten kann. Solche öffentlichen Orte sind für ihn aber auch ein Ort des Sozialisierens, an dem man andere Menschen kennenlernen kann. Solche zufälligen Begegnungen hält Puschak (wohl nicht zu Unrecht) für einen zentralen Bestandteil gesunder Gesellschaften. Das macht es umso schlimmer, dass solche öffentlichen Plätze in den Betondschungeln unserer für das Auto gemachten Städte rar sind. Puschak beschäftigt sich ausgiebig mit Barcelona als Gegenbeispiel, in dem er auch seit mehreren Jahren lebt. Die Stadt arbeitet bereits seit mehreren Jahren erfolgreich daran, den Autos den öffentlichen Raum zu entziehen und ihn an Menschen zurückzugeben.

In Kapitel 7 geht es wieder zurück zur Popkultur. Puschak beschreibt seinen Ansatz „Thinking in oevres“ anhand von Tarantinos zehn Filmen (von denen aktuell neun existieren) und erklärt, dass Tarantino sein künstlerisches Leben in seiner Filmografie wiedergespiegelt sieht. Das unterscheidet ihn deutlich von Regisseur*innen und Künstler*innen generell, die nicht in oevres denken und alle mögliche Arbeit annehmen. Puschak bemerkt etwa, dass es so etwas wie „schlechte Scorceses“ gibt oder dass Hitchcock besser in den 1960er statt 1970er Jahren mit dem Filmemachen aufgehört hätte. Als etwas ungewöhnlichen Vergleich zu Tarantino zieht er den Poeten Richard Yates heran, dessen Lebenswerk ebenfalls in seiner Gesamtheit gesehen werden muss und vom Autor mit großer Bewusstheit angelegt wurde. Puschak rundet das Essay mit einer kurzen Analyse des Tarantino’schen oevre ab, die für Cineast*innen zwar nichts Neues enthält, aber immer willkommen ist.

Der Bezug zu Tarantino bleibt im 8. Kapitel durch den Einstieg erhalten, denn das Zitat von Bösewicht Bill aus der Kill-Bill-Reihe, in dem dieser erklärt, dass Clark Kent die Verkleidung Supermans sei, mit der er seine Sicht der Menschheit wiederspiegle, hält Puschak fundamental falsch. Unter der Überschrift „Superman is Clark Kent“ referiert er die Bedeutung der Figur Clark Kent, die oft verkannt werde. Tatsächlich sei Clark Kent die Person, Superman das Kostüm, wie bei allen anderen Superhelden auch.

Die (laut Puschak sträflich unterschätzten) Möglichkeiten der Figur zeigt er anhand einer Analyse der Serie „Smallville“ auf, bei der sich sofort meinen generationellen Überlapp mit Puschak erkenne; „Smallville“ war für mich auch die erste Erfahrung mit dem Serienformat, und ich mochte es seinerzeit aus denselben Gründen wie er (wenngleich es heute praktisch nicht mehr watchable ist). Er vergleicht das mit der Armut der Clark-Kent-Figur in den aktuellen Filmen und schließt sein Essay mit einem Rückbezug auf das Tarantino-Zitat: Bill liegt definitiv falsch. Puschak erlaubt aber eine Trennung von Tarantino, ist Bill doch der Bösewicht des Films. Das unterbewertet Puchak in meinen Augen; Bill liegt DEFINITIV falsch, weil er in allem falsch liegt. Er spricht in der Szene ja auch nicht über Superman und Clark Kent, sondern über Beatrix Kiddo und „The Bride“, und auch hier liegt er so falsch, wie man nur liegen kann.

Etwas weniger ernst wird es in Kapitel 9, „Jerry Seinfeld’s intangibles“. Puschak konstatiert, dass die aktuelle Comedy (Colbert, Bee, Oliver, etc.) sehr aktivistisch sei (das macht sie nicht schlecht, mind you) und kontrastiert sie mit dem bewusst unpolitischen Humor Jerry Seinfelds, der vor allem in den 1990er und frühen 2000er Jahren aktiv war. Seinfeld analysierte die Absurditäten der Moderne, vor allem den suburban lifestyle. Diese Art der Comedy ist laut Puschak außer Mode gekommen. Das Kapitel enthält außerdem einige Betrachtungen der Schwierigkeit, überhaupt ein erfolgreicher Comedian zu sein. Man müsse sowohl verständlich (lucid) als auch witzig (funny) sein, also ein großartiger Kommunikator. Comedians, so Puschak, seien die besten Kommunikatoren, weil das Publikum sie erbarmungslos alle 12 Sekunden bewerte. Das ist sicherlich wahr.

Das letzte große Kapitel, „On Friendship“, wird grundsätzlich. Anders als Familie sucht man sich Freunde aus, und für Puschak, der lange Zeit nur wenige Freunde besaß und unter Anfällen von Einsamkeit litt (I feel you, man) ist das ein besonders wichtiges Thema. Freundschaft besteht für Puschak vor allem aus gemeinsamem Erleben, dem miteinander Zeit verbringen und Reden, sowohl über das Selbstbild als auch über das Fremdbild der anderen und das Refletieren von beidem.

In meinen Augen unterbeleuchtet Puschak hier, vermutlich aus Gründen seines Alters, das Problem, Freundschaften in den 30er und 40er Jahren des eigenen Lebens zu erhalten und zu schließen, aber der Fokus auf gegenseitigem Zuhören, Respektieren und Helfen ist absolut korrekt, ebenso die Wichtigkeit der ständigen Pflege der Freunschaft, ohne die sie eingeht. Freundschaften sind schließlich, so Puschak, „the only true source of happiness„. Wie wahr.

Den Abschluss macht das kurze Kapitel 11, „Writing a book“, in dem Puschak seinen Arbeitsprozess und seine Probleme vernünftiger Arbeitszeiteinteilung reflektiert. Ich kann das sehr gut nachempfinden, mein eigenes Verhältnis zu kontinuierlichen, organisierten Arbeitsprozessen ist wohl am besten mit „ambivalent“ zu umschreiben.

Insgesamt ist die Lektüre sehr angenehm, das Buch ist nicht übermäßig dick (doesn’t overstay its welcome, wie die Angelsachsen unnachahmlich sagen) und ist besonders als Hörbuch sehr zu empfehlen.

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