Sado-Maso Europolitik

Ein Gastbeitrag von Nicolai Hähnle

Anlässlich des Wahlergebnisses in Griechenland schreibt Stefan Sasse einen klugen Kommentar, in dem er unter anderem den wichtigen Hinweis gibt:

Die Belastungen, denen die Griechen ausgesetzt sind, sind in einer Demokratie auf die Dauer nicht zu ertragen, und für die Griechen gehen sie mittlerweile in die Halbzeit einer Dekade. Den Deutschen reichten seinerzeit zweieinhalb Jahre unter solchen wirtschaftlichen Bedingungen, um alle Demokraten zum Teufel zu wünschen und ihr Glück im Autoritarismus zu suchen.

Davor aber schreibt er:

Das BIP des Landes ist gewaltig eingebrochen, und mit ihm die Gehälter, Löhne und Sozialleistungen, auf denen der bisherige griechische Lebensstandard fußte. Man mag dies wie die meisten Staaten der Europäischen Union, Deutschland voran, als eine ökonomisch notwendige und schmerzhafte Anpassungsoperation sehen, an deren Ende ein gesundes Griechenland den Kampf um wirtschaftlichen Wohlstand erneut aufnehmen kann. In der Realität aber ist die Frage, ob diese Sicht richtig ist – die an dieser Stelle auch nicht beantwortet werden kann – völlig irrelevant.

Ich kann verstehen, dass Stefan dieses Fass an dieser Stelle nicht aufmachen wollte, aber die Frage ist alles andere als irrelevant. Wenn wir aus der ersten großen Wirtschaftskrise der Eurozone lernen wollen, müssen wir diese Frage richtig beantworten.

Da gibt es keinen Zweifel: Die deutsche Mainstream-Position ist gefährlicher, quasi-religiöser, und sadistisch-masochistischer Unfug.

Das ist drastisch formuliert, aber auf mehreren Ebenen gut begründbar. Zunächst ist die Position quasi-religiös: sie fußt nicht auf sauberer volkswirtschaftlicher Analyse, sondern auf dem unreflektierten Glauben an die Lehren der schwäbischen Hausfrau, die aber makroökonomisch nicht anwendbar sind. Ja, es gibt deutsche Ökonomen – auch akademischer Couleur – die im deutschen Mainstream schwimmen.
International sind diese Ökonomen ziemlich isoliert.

Stefan hat bereits erklärt, wieso die Position gefährlich ist – siehe das Zitat eingangs. Vor allem aber ist die Position Unfug, nämlich sachlich falsch. Es gibt Situationen, in denen ein Land tatsächlich wirtschaftlich schwierige Zeiten durchleben muss. Aber solche Situationen sehen anders aus, und können von Demokratien auch gut überlebt werden. Man denke zum Beispiel an Großbritannien oder die USA im Zweiten Weltkrieg. Die Anstrengungen des Krieges hatten drastische wirtschaftliche Konsequenzen, und die Menschen mussten tatsächlich „ihre Gürtel enger schnallen“. Aber da waren die Gründe für jeden klar erkennbar, weshalb daraus keine Probe für die Demokratie wurde. Und, was auch noch auffallen sollte: es gab keine Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil: wer immer irgendwie wirtschaftlich oder militärisch einsetzbar war wurde eingesetzt.

Warum konnte die Arbeitslosigkeit in Griechenland über 25% steigen? Es ist offensichtlich, dass es den Menschen in Griechenland besser ginge, wenn dort mehr Menschen arbeiten und daher mehr produziert würde. Tatsächlich ist Arbeitslosigkeit immer Verschwendung und nie zwangsläufig notwendig.

Wenn Griechenland 2009 aus dem Euro ausgetreten wäre, dann stünde das Land heute zweifellos deutlich besser da. Das lehren uns die historischen Erfahrungen, die vor dem Zweiten Weltkrieg mit der Aufgabe des Goldstandards gemacht wurden – der Austritt aus dem Euro wäre analog dazu. Ja, eine wieder eingeführte Drachme, oder wie auch immer die neue von Griechenland ausgegebene Währung dann genannt würde, hätte zunächst deutlich an Wert verloren. Aber gleichzeitig hätte die griechische Regierung die Handlungsfreiheit gehabt, um Vollbeschäftigung zu erreichen. Die Wirtschaft wäre wieder besser gelaufen, und eine Wirtschaft, die gut läuft, ist gleichzeitig eine flexiblere und anpassungsfähigere Wirtschaft.

Wenn ich Alexis Tsipras wäre, würde ich deshalb auch den griechischen Austritt als „nukleare Option“ auf dem Verhandlungstisch belassen. Langfristig gesehen braucht Griechenland den Euro nicht wirklich. Aber die Eurozone braucht Griechenland als Mitglied, um langfristig zu überleben: ein „Grexit“ würde in der nächsten Krise Nachahmer finden. Wir stellen also fest: das griechische Leid ist unnötig, wenn man bereit ist, den Euro aufzugeben. Damit ist die deutsche Position sachlich falsch. Aber was, wenn man den Euro beibehalten will?

Die deutsche Position basiert auf einem Fünkchen Wahrheit. Wenn die relative Produktivität, insbesondere gemessen als Marktwert der produzierten Güter dividiert durch dafür gezahlte Gehälter und Löhne, zwischen zwei Ländern verschieden ist, dann führt dies mittelfristig zu einem Ungleichgewicht im Handel zwischen diesen Ländern. Wenn die Länder verschiedene Währung verwenden, dann führt dieses Ungleichgewicht zu einer Verschiebung des Wechselkurses, so dass sich die relative Produktivität und damit der Handel wieder ausgleicht.

Innerhalb der Eurozone gibt es keine Wechselkurse, so dass sich die Handelsströme nicht automatisch ausgleichen. Den Handelsströmen stehen in der Bilanz Geldströme gegenüber, so dass sich das (relativ gemessen) unproduktivere Land auf Dauer verschuldet. In den meisten ähnlich gestrickten Situationen wird politisch ein direkter Ausgleich geschaffen, so zum Beispiel innerhalb Deutschlands ganz explizit durch den Länderfinanzausgleich. Es gibt aber auch einen impliziten Ausgleich durch die Steuern und Ausgaben der Bundesregierung, die einen signifikanten Teil der Wirtschaftsleistung ausmachen.

Zwischen Griechenland und dem Rest der Eurozone gibt es keinen direkten Ausgleich dieser Form. Die einzige Alternative wäre also ein Angleichen der relativen Produktivität. Hier behauptet die deutsche Position, dass dies nur möglich ist, indem die Löhne und Gehälter in Griechenland jahrelang nicht steigen oder sogar fallen. Das ist offensichtlich falsch, denn schließlich könnten die Löhne und Gehälter auch einfach in Deutschland (und einigen anderen Ländern) einige Jahre lang deutlich schneller steigen.

tl;dr: Die deutsche Position basiert auf den Irrglauben,

  1. dass der Ausgleich in relativer Produktivität durch griechisches Leid und Lohndumping geschehen muss anstatt durch Belohnung deutscher und anderer Arbeiter und Angestellter (weshalb ich die deutsche Position sadistisch- masochistisch nenne), und
  2. dass irgendein Währungsraum der Welt langfristig ohne politische Finanzausgleiche (egal ob explizit oder implizit) funktionieren könnte.

{ 5 comments… add one }

  • In Dubio 26. Januar 2015, 16:23

    Das generelle Problem mit dem Artikel ist seine Absolutheit. Die „deutsche“ Position wird als „quasi-religiös“ gebrandmarkt, obwohl die gesamten Nordländer der Eurozone sowie Großbritannien als Nicht-Mitglied der Eurozone genauso stehen. Deutsche Wissenschaftler werden als isoliert dargestellt, ohne Namen zu nennen. Wahrscheinlich hat der Autor hier die auch in den USA keinesfalls unumstrittenen Nobelpreisträger Stieglitz und Krugman im Hinterkopf. Tatsächlich gibt es international in der Wissenschaftszunft keine einheitliche Lehrmeinung zur Krise der Eurozone.

    Und:
    Wenn Griechenland 2009 aus dem Euro ausgetreten wäre, dann stünde das Land heute zweifellos deutlich besser da.

    Da liegt man in der Ecke und schüttelt ungläubig den Kopf. Alles, was nicht der eigenen Position entspricht, als „Unsinn“ abtun, aber kein Verständnis für das weitgehend diffuse Meinungsbild genau in dieser Frage in Politik und Wissenschaft zu haben. Auch 80% der Griechen als direkt Betroffene lehnen einen Austritt aus dem Währungsverbund vehement ab. Aber die sind ja einfach nur fehlgeleitet.

    Der Artikel bietet Einladung zur Diskussion, sondern ein Dogma. Doch dafür gehe ich lieber in die Kirche. Die katholische.

    • Wolf-Dieter 29. Januar 2015, 19:27

      @In Dubio – Da liegt man in der Ecke (…) – ohne deine Kompetenz zu bezweifeln würde ich es vorziehen, wenn du deine Antithese begründest anstelle persönlicher Unterstellungen. (Ich bin wirklich interessiert.)

  • Nicolai Hähnle 27. Januar 2015, 18:26

    Dass dass drastisch formuliert ist steht ja im Text bereits selber, da erzählst du nichts Neues 🙂

    Der Punkt, dass Griechenland mit einem Euro-Austritt damals heute besser dastünde (auch wenn das Tal vielleicht etwas tiefer gewesen wäre) ist aber ein wichtiger – und dabei bleibe ich. Du hast ja auch keine stichhaltigen Argumente dagegen 😛

    Dass die Griechen das selbst nicht wollen ist in Ordnung. Deswegen sind sie auch noch lange nicht dumm oder so. Man muss seine Prioritäten eben setzen. Ich finde den Euro auch gut, und kann das daher sehr gut nachvollziehen. Aber man darf deswegen die Augen nicht vor der Realität verschließen, dass ein Euro-Austritt für Griechenland positiv gewesen wäre. (Das lässt sich natürlich im Nachhinein auch mit größerer Sicherheit sagen als aus der damaligen Position heraus. Damals war ja noch nicht garantiert abzusehen, wie verbissen und brutal die Sparpolitik eingefordert werden würde, wie fatal sich der Irrglaube an Reinhart&Rogoff halten würde, und so weiter.)

  • Nicolai Hähnle 27. Januar 2015, 18:28

    Noch zur Klarstellung: Wenn ich sage, dass der Euro-Austritt positiv gewesen wäre, dann meine ich das rein bezogen auf die volkswirtschaftliche Entwicklung. Gut denkbar, dass es anderweitig negative Folgen gehabt hätte.

  • In Dubio 30. Januar 2015, 21:06

    Gerade die Vor- und Nachteile eines Euroaustritts war und ist in der nationalen und internationalen Wissenschaft so umstritten wie kaum ein anderes Thema. Das Wesen der Sozialwissenschaften ist eben auch, dass man hinterher höchst selten beweisen kann, dass ein anderer Weg besser gewesen wäre. Das ist der Unterschied zu den Naturwissenschaften. Sich hinzustellen und trotz dieses wissenschaftlichen Mankos zu behaupten, „aber anders wäre es besser gewesen“, zeugt abseits aller sonstigen Argumente von enormer Chuzpe. Ich hätte mich das 2009, 2010, 2011 nicht in dieser Eindeutigkeit zu trauen gewagt, obwohl mir ein Austritt sympathisch gewesen wäre.

    Warum? Aus dem gleichen Grund, warum die Griechen eben nicht die Eurozone verlassen wollen. Nur die Mitgliedschaft in diesem Club sichert ihnen permanente Unterstützungsleistungen und bis vor kurzem ein ungeahntes Drohpotential, wie es sich Andrea Papandreou nicht besser hätte wünschen können.

    Entsprechend agiert der neu gewählte Ministerpräsident: er versucht nicht zu verhandeln, sondern zu erpressen.

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