Rezension: Brian Vaughn – Paper Girls: The complete story

Brian Vaughn – Paper Girls (Serie)

Brian K. Vaughan ist einer der profilierteren und umtriebigeren Comicautoren der letzten zwei Dekaden. Nicht nur hat er zusammen mit J. J. Abrams die ungeheuer einflussreiche Serie „Lost“ geschaffen; er hat auch mehrere epische Comic-Sagas vorgelegt (eine heißt passenderweise „Saga“). Die andere ist Paper Girls. Das Epos hat durch die leider kurzlebige Amazon-Serie größere Bekanntheit erlangt. Es ist nachvollziehbar, dass Amazon sich an dem Stoff versuchte; allzu gut scheint die Geschichte von vier pubertierenden Mädchen auf Selbstfindungstrip durch Zeit und Raum in den aktuellen Zeitgeist zu passen. Vermutlich hoffte man, das nächste „Stranger Things“ zu haben, was immer eine dumme Idee ist. Die gute Nachricht ist, dass Vaughans Geschichte nicht viel mit der Netflix-Serie zu tun hat; die schlechte, dass die miese Marketingstrategie Amazons und die Erwartungshaltung die Serie killten. Aber immerhin bleibt uns der Graphic Novel.

„Paper Girls“ erzählt die Geschichte von vier zwölfjährigen Mädchen – Erin Tieng, MacKenzie „Mac“ Coyle, KJ Brandman und Tiffany Quilkin –, die 1988 in der Vorstadt von Stony Stream, Ohio, Zeitungen austragen. Die Handlung beginnt in den frühen Morgenstunden nach Halloween, als Erin, die neu im Team ist, sich den anderen Mädchen anschließt.

Während ihrer Route treffen die Mädchen auf seltsame Gestalten, die wie Teenager wirken und eine unbekannte Sprache sprechen. Diese Begegnung führt zu einer Reihe merkwürdiger Ereignisse. Die Mädchen entdecken ein mysteriöses Gerät in einem verlassenen Keller. Als sie das Gerät aktivieren, werden sie in ein episches Abenteuer verwickelt, das sie durch verschiedene Zeiten und Dimensionen führt. Die Entdeckung dieses Geräts führt zu einer Kette von Ereignissen, die die Realität, wie sie sie kennen, in Frage stellen.

Die Mädchen geraten in einen interdimensionalen Krieg zwischen zwei Fraktionen von Zeitreisenden: den „Old-Timers“, die den Lauf der Geschichte bewahren wollen, und den „Teenagers“, die für Veränderung und Fortschritt kämpfen. Diese Auseinandersetzungen stellen die Freundschaft der Mädchen auf eine harte Probe und führen zu komplexen moralischen Dilemmata. Die Mädchen sind gezwungen, sich aufeinander zu verlassen, um die Bedrohungen zu überstehen, die auf sie zukommen.

Während ihrer Reisen werden die Mädchen mehrmals in die Zukunft katapultiert. Zunächst ins Jahr 2016, wo sie auf ihre älteren Ichs treffen und schockierende Einblicke in ihre eigenen Persönlichkeiten und Lebensentscheidungen erhalten. Diese Begegnungen sind oft schockierend und bieten tiefe Einblicke in ihre eigenen Persönlichkeiten und Lebensentscheidungen. Erin trifft auf ihr älteres Ich und muss erkennen, dass ihr Leben nicht so verläuft, wie sie es sich vorgestellt hat. Mac erfährt, dass sie in naher Zukunft an einer unheilbaren Krankheit stirbt, was sie dazu zwingt, sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen.

Später reisen sie noch weiter in eine dystopische Zukunft, in der die Auswirkungen des Zeitkriegs deutlicher sichtbar werden. Diese zukünftige Welt ist von technologischen Fortschritten und zugleich von gesellschaftlichen Rückschritten geprägt. Die Mädchen müssen sich nicht nur mit den physischen Bedrohungen auseinandersetzen, sondern auch mit den emotionalen und psychologischen Belastungen, die durch die Konfrontation mit ihrer eigenen Zukunft entstehen.

Erin kämpft mit ihrem Wunsch, die Zukunft zu kontrollieren und ihren Platz in der Welt zu finden. Mac, die sich oft tough und unnahbar gibt, muss sich mit der schmerzhaften Erkenntnis ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. KJ entdeckt ihre sexuelle Orientierung und die damit verbundenen Herausforderungen und Unsicherheiten. Diese Entdeckung bringt sie dazu, sich selbst und ihre Beziehungen zu anderen zu hinterfragen. Tiffany, die eine begeisterte Gamerin und Technikfan ist, hinterfragt ihre Fähigkeiten und ihren Wert, da sie sich inmitten der Zeitkrise oft hilflos fühlt. Sie muss lernen, ihre Intelligenz und ihr technisches Wissen zu nutzen, um ihre Freunde zu unterstützen und Lösungen für die Probleme zu finden, denen sie gegenüberstehen.

Im Laufe ihrer Abenteuer entdecken die Mädchen, dass ihre Handlungen Konsequenzen haben und dass Mut, Zusammenhalt und Freundschaft entscheidend sind, um die Herausforderungen zu meistern, die ihnen bevorstehen. Sie erkennen, dass sie nicht nur für ihre eigene Zukunft kämpfen, sondern auch für die Zukunft aller Menschen, die sie lieben und schätzen.

Die Geschichte entfaltet sich weiter, als die Mädchen in verschiedene Epochen reisen und dabei auf verschiedene Versionen ihrer selbst und anderer Charaktere treffen. Diese Begegnungen zwingen sie, ihre eigenen Entscheidungen und deren Auswirkungen zu überdenken. Sie lernen, dass ihre Identität und ihr Schicksal nicht in Stein gemeißelt sind, sondern durch ihre Handlungen und Entscheidungen geformt werden.

In einer besonders intensiven Phase ihrer Reise geraten die Mädchen in eine post-apokalyptische Zukunft, in der die Menschheit von einer unbekannten Macht unterdrückt wird. Sie treffen auf Widerstandskämpfer, die versuchen, die Kontrolle über ihre Welt zurückzugewinnen. Diese Begegnung zeigt den Mädchen die Bedeutung von Widerstand und den Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit.

Im Laufe der Serie entdecken die Mädchen wichtige Geheimnisse über ihre eigene Zukunft und die Welt um sie herum. Sie stehen vor der endgültigen Konfrontation mit den Kräften, die das Schicksal der Zeitlinien beeinflussen wollen. Ihr Ziel ist es, ihre eigene Zeitlinie zu bewahren und die Welt zu retten, wie sie sie kennen. Diese epische Schlacht erfordert Opfer und stellt ihre Freundschaft und ihren Mut auf die ultimative Probe.

Die Mädchen müssen nicht nur gegen äußere Feinde kämpfen, sondern auch ihre eigenen inneren Dämonen besiegen. Sie lernen, dass wahre Stärke aus der Zusammenarbeit und dem Vertrauen in die Fähigkeiten ihrer Freunde kommt. In ihrem letzten großen Kampf vereinen sie all ihr Wissen, ihre Fähigkeiten und ihren Mut, um gegen die Mächte anzutreten, die versuchen, die Kontrolle über die Zeit zu erlangen.

Am Ende ihrer Reise kehren die Mädchen verändert und gereift in ihre eigene Zeit zurück. Sie haben nicht nur ihre eigene Zukunft, sondern auch die Zukunft der Welt verändert. Ihre Erlebnisse haben sie gelehrt, dass jeder Mensch die Macht hat, die Welt zu verändern, wenn er den Mut hat, für das Richtige zu kämpfen.

„Paper Girls“ ist eine Menge. Die Handlung bewegt sich mit einer achterbahnartigen Geschwindigkeit, führt ständig neue Zeitlinien, Konzepte und Personen ein, faltet sich zurück und wirft die Mädchen von einer kosmischen Weltuntergangssituation in die nächste. Das hat einerseits seine Vorteile, wenn man den Umfang des Materials bedenkt, denn die Geschichte entwickelt eine manische Energie, die die Lesenden nie zur Ruhe kommen lässt und durch die Geschichte zieht. Ob Dinosaurier, Mutanten, fremde Sprachen, Zeitreisemechanismen, geheime Organisationen, riesige Killerroboter und vieles mehr – ständig kommen neue Konzepte ins Spiel, die den Status Quo aufbrechen und für wilde Situationen sorgen.

Dadurch werden nicht nur die Protagonistinnen selbst, sondern auch die Lesenden ständig aus der Komfortzone gerissen und müssen sich mit neuen Situationen und Ideen auseinandersetzen. Die Verwirrung der Mädchen und ihre „go with the flow“-Attitüde wird die der Lesenden, das Setting der 1980er Jahre SciFi-Story mit all ihren Verrücktheiten so durch die Gestaltung der Geschichte direkt transportiert.

Gleichzeitig führt dies natürlich zu einem gewissen Chaos, mit dem mitzuhalten nicht immer ganz leicht ist. Durch die verschachtelten Zeitlinien kommt es immer wieder vor, dass Ereignisse noch gar nicht passiert sind, aber ihre Schatten vorauswerfen, so dass die Charaktere auf Dinge reagieren, die weder sie noch die Lesenden vollständig verstehen. Ob man wegen des halsbrecherischen Tempos aber nur etwas verpasst hat oder ob es tatsächlich eine temporale Frage ist, bleibt dabei öfter unklar.

Das muss nicht zwingend ein Nachteil sein, weil es zum Tonfall der Geschichte passt. Wirklich ernstzunehmen ist die Handlung kaum, die mit einer geradezu kindlichen Logik funktioniert, in der Erwachsene üblicherweise nur als Hindernisse vorkommen und kaum die Kompetenz aufweisen, sich die eigenen Schuhe zu binden; ein Topos aller Abenteuerfilme für Kinder jener Zeit (man denke E.T. und Konsorten), der aus der Mode gekommen ist und hier eine Art erfrischendes Revival erlebt.

Gleichzeitig ist die Serie von einer pompös zur Schau gestellten Ernsthaftigkeit getragen und versucht sich an deutlich gehaltvolleren Themen. In der fernen Zukunft des Jahres 2016 (inklusive bereits heute eher veraltet wirkender Referenzen an den Wahlkampf und die „historische“ Clinton-Kandidatur, die die Entstehungszeit deutlich wiederspiegelt) befinden sich einige der Charaktere in Midlife-Crisis verschiedenster Couleur, und keine von ihnen ist geworden, was ihre zwölfjährigene Selbst sich erhofft hatten. Die Enttäuschung über die Realität des Erwachsenseins ist ein wichtiger Topos, der allerdings zwischen mit Lasern bewaffneten Pterodaktylen und riesigen Killerrobotern nicht immer voll zur Geltung kommen kann.

Das gilt auch für die Protagonistinnen selbst. Gerade Mac, deren Erkenntnis, dass sie in nur wenigen Jahren an einer noch undiagnostizierten Leukämie sterben wird, ihren Charakter schwer beeinflusst und eine Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit und dem Sinn eines kurzen Lebens beschäftigt, ist nie wirklich eine volle Trägerin dieser schweren Gedanken; zu verrückt ist die sich um sie herum entwickelnde Geschichte. Auch das Leitmotiv der Geschichte, die tiefe Bedeutung der Freundschaften, die vor der Pubertät geschlossen werden, kommt nicht immer voll zur Geltung (wenngleich Vaughan ihr im Finale den gebührenden Platz einräumt).

Generell sind die Protagonistinnen nicht wirklich in ihrer Anlage ernstzunehmen. Angeblich zwölf Jahre alt fühlen sie sich deutlich älter an und sind von dem Wahnsinn um sie herum kaum angegriffen. Das unterstreicht natürlich einerseits ihre Kindlichkeit – die fliegenden Laser-Dinosaurier sind eher kindliche Vorstellungswelt – wird aber angesichts der galaxieumspannenden Bedeutung des Plots und der mentalen Probleme, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, immer wieder zu einem Problem, das eine gewisse kognitive Dissonanz auslöst.

Neben der Freundschaft zieht sich der Konflikt zwischen zwei Generationen als zeitloses Element als Leitmotiv durch die Handlung und fühlt sich genauso wie dieses echt und bedeutsam an; Vaughans Entscheidung, diese beiden Punkte zum emotionalen Kern der Handlung zu machen, war sicher die richtige. Es geht dabei gar nicht um spezielle Generationen; auch in der Midlife-Crisis der 2016-Versionen der Charaktere spiegelt sich das Scheitern von Träumen, Wünschen und Hoffnungen gegen die prosaische Brutalität der realen Welt mit ihren Ansprüchen und Herausforderungen wieder.

„Paper Girls“ bietet so eine Gelegenheit, sich einerseits mit diesen Themen zu beschäftigen und andererseits ein wildes Abenteuer zu erleben, das mit der Logik eines Saturday-Morning-Cartoons operiert und sich auch oft seiner Ästhetik bedient. Wenn das nicht immer zu 100% zusammengeht, hält es die Saga zwar von literarischer Größe ab, schmälert aber das Lesevergnügen nur eingeschränkt.

{ 11 comments… add one }
  • cimourdain 25. Juni 2024, 17:05

    Eine kurze Frage zur Graphic Novel: Zumindest auf dem Titelbild wirken die Figuren und Gesichter von „Paper Girls“ sehr viel flacher und minimalistischer als bei den Saga-Comics. Ist dieser reduzierte Stil im ganzen Comic durchgezogen?

    • schejtan 25. Juni 2024, 17:16

      Ja.

    • Stefan Sasse 25. Juni 2024, 20:00

      Ja.

      • schejtan 25. Juni 2024, 21:48

        Um Al swearengen zu zitieren: don’t repeat what I’ve just said in different (actually the same) fucking word(s) 😉

    • cimourdain 26. Juni 2024, 08:33

      @schejtan, StefanSasse:
      So habe ich wenigstens eine Bestätigung aus zwei unabhängigen Quellen. Seid ihr bei der Folgefrage auch einig: Warum diese Gestaltungsvariante ? Das Cover verströmt so viel Sense of Wonder wie eine Broschüre beim Karriereberater. Die gucken auch noch so ernst. Brauchen junge Mädchen echt einen exzentrischen weißen Mann, dem sie hinterherdackeln, um beim Time – hopping Spaß zu haben ?

      • schejtan 26. Juni 2024, 10:46

        Ich mach es mir leicht und geh mal davon aus, dass es einfach nur Cliff Chiang’s generellem Stil entspricht, was eine schnelle Google image suche zu bestaetigen scheint.

        • cimourdain 26. Juni 2024, 11:26

          das hatte ich übersehen. Writer ungleich Illustrator. Danke

      • Stefan Sasse 26. Juni 2024, 11:54

        Ich meine, Zeichenstil ist immer eine Geschmacksfrage. Paper Girls ist etwas stilisierter als Saga. Manche mögen das, manche nicht. Ich mag den Stil von Saga auch mehr, aber ich bin auch kein Zeichen-Feinschmecker.

        • cimourdain 26. Juni 2024, 12:54

          Für mich ist der Stil auch typisch für eine Geschlechterdifferenz: Jungs dürfen sich „zwischen mit Lasern bewaffneten Pterodaktylen und riesigen Killerrobotern“ austoben. Mädchen müssen sich mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen, moralischen Dilemmata und ihrer Persönlichkeitsentwicklung auseinandersetzen.

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