Rezension: Roland D. Gerste – Die Heilung der Welt: Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840 – 1914

Roland D. Gerste – Die Heilung der Welt: Das Goldene Zeitalter der Medizin 1840 – 1914 (Hörbuch)

Für einen Großteil der Menschheitsgeschichte waren Krankheiten und Verletzungen persönliche Katastrophen. Zwar gab es eine Zunft von Heilenden aller Couleur, aber über den Quacksalberstatus kamen die wenigsten dieser Leute hinaus, egal wie gut sie es tatsächlich meinten. Diejenigen, die tatsächlich in der Lage waren, Operationen oder Behandlungen durchzuführen, verursachten bei ihren Patient*innen unsagbare Qualen. Die meisten Krankheiten, die heute durch Routineeingriffe beseitigt werden können, kamen einem Todesurteil gleich. Das alles änderte sich im 19. Jahrhundert, als die titelgebende „Heilung der Welt“ durch eine ganze Serie von Innovationen einsetzten, die die Medizin in ihr ebenso titelgegendes „Goldenes Zeitalter“ beförderten und eine neue Zeit für die Menschheit einläuteten, deren Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Dieser Aufbruchszeit der Medizin wendet sich Roland D. Gerste in diesem neuen Werk zu.

Den Beginn macht er nach einem kurzen thematischen Einstieg in Kapitel 1 mit „Menschenbilder“. Die Fotografie war zwar keine medizinische Erfindung, besaß aber auf die Medizin nachhaltige Auswirkungen – schon allein wegen des Wandels des Menschenbilds, das damit einherging. Endlich schien es möglich, objektive Darstellungen von Menschen anzufertigen. Auf die ersten Porträts folgten schnell auch Bilder der ersten Kranken – für die Medizingeschichte von unschätzbarem Wert. Aber besonders relevant war die Kombination von Mikroskop – dessen Beobachtungen bisher bestenfalls gezeichnet werden konnten – und Fotografie, die des ermöglichte, einen wesentlich größeren Wissensschatz als bisher anzulegen, der für die Ausbildung essenziell war.

In Kapitel 2, „Stille in Boston“, zeichnet die grundlegende Erfindung der Anästhesie nach. Vor 1846 waren chirurgische Eingriffe sehr beschränkt und nur unter massivem Schmerz möglich; mit der Erfindung der Anästhesie erleichterten sie nicht nur beiden Seiten den Eingriff, sondern ermöglichten endlich auch solche Operationen, die vorher wegen sich vor Schmerzen windenden Patient*innen unmöglich gewesen waren. Die großartige Botschaft wird leider durch hässliche Patentstreits überschattet, in denen Ausbeutung und Betrug für anderthalb Jahrhunderte verdeckten, wem die Ehre der Entdeckung eigentlich gebührt.

Kapitel 3, „Todbringende Hände“, führt eine ebenso grundlegende Neuerung der Medizin ein. Wie in einer Detektivgeschichte erzählt Gerste die Geschichte zweier benachbarter Krankenhäuser, in denen sich die Raten tödlichen Kindbettfiebers um ein Vielfaches unterschieden. In einem Krankenhaus starben über 20% der gebärenden Mütter, im anderen kaum 2-3% (eine ähnliche Rate wie bei Hausgeburten). Die Gründe des Kindbettfiebers lagen lange Zeit im Dunkeln, aber der donauschwäbische Arzt Semmelweiß fand schließlich heraus, dass wenn die vorher an Leichen arbeitenden Ärzte sich in einer Chlorlösung die Hände wuschen, die Todesraten deutlich sanken. Natürlich war es wahnsinnig schwierig, das Hände Waschen durchzusetzen; heute würde Semmelweiß vermutlich einfach am freiheitlichen Recht des Individuums auf schmutzige Hände scheitern. Damals konnte er seine neue Regel durchsetzen und unzählige Leben retten.

Kapitel 4, „Die Great Exhibition“, befasst sich mit derselben, die 1851 in England stattfand. Der „Crystal Palace“ ist das berühmteste Element dieser Ausstellung, aber Gerste benutzt das Kapitel vor allem, um zu zeigen, wie unterentwickelt sanitäre Standards waren (die Ausstellung hatte viel zu wenige der brandneuen Wassertoiletten) und dass um die Mitte des 19. Jahrhunderts noch immer vollkommen unklar war, wie Fortpflanzung funktionierte – der Zusammenhang zwischen Sex und Schwangerschaft war nur grundlegend, aber nicht einmal in den gröbsten Details verstanden.

In Kapitel 5, „Chloroform“, kehren wir zur Anästhesie zurück. Dieses Mal über den Arzt John Snow (nicht der Bastard von Ned Stark), der sie zwar nicht erfunden, aber ihre Anwendung professionalisiert hat. Vor Snow war die Anwendung von Äther und Chloroform ein reichlich riskantes Geschäft, das Patient*innen öfter einmal das Leben kostete. Snow verlor niemanden und brachte über neue Geräte das Chloroform auch in Bereiche, in denen es bisher außen vor geblieben war, vor allem die Geburten. Wenig überraschend, dass die katholische Kirche dagegen Sturm lief, weil es mit der Bibel nicht vereinbar war, Frauen Schmerzen zu nehmen. Diese gehörten zu Geburt und man könne „Gott nicht den Schreien berauben“, denn das führe zu einem Abfall vom Glauben. So was können auch nur Männer schreiben; Queen Victoria jedenfalls war begeistert, und damit war die Sache gegessen.

Auf die Krim geht es dann in Kapitel 6, „Die Frau mit der Lampe“, das sich (natürlich) mit Florence Nightingale beschäftigt, aber räumt auch Mary Seacole den ihr gebührenden Platz ein: die jamaikanisch-stämmige Krankenpflegerin war über anderthalb Jahrzehnte zugunsten der aus gutem Haus stammenden weißen Nightingale aus der Geschichte geschrieben worden. Der Krimkrieg wurde so zur Geburtsstunde des modernen Sanitätswesens. Auch andere moderne Erfindungen wie Eisenbahn und Fotografie feierten ihr Debüt in dem Konflikt.

In Kapitel 7, „Räder aus Stahl“, spielt die Eisenbahn die tragende Rolle. Die Schlüsseltechnologie des 19. Jahrhunderts, die wie keine andere mit Fortschritt verbunden ist, schuf durch zahlreiche Arbeitsunfälle ihre eigenen medizinischen Herausforderungen. Neu jedoch waren adie kulturpessimistischen, schier hysterischen Warnungen mancher Ärzte vor dem delirium furiosum, das angeblich beim Anblick der halsbrecherisch mit 30km/h dahinschießenden Eisenbahnen ausbrechen müsse. Wesentlich realer war das bei Eisenbahnunfällen erstmals auftretende Schleudertrauma, das zur Entdeckung von PTSD und psychosomatischen Erkrankungen führte. An dieser Stelle schiebt Gerste kurz eine Betrachtung des Einzelschicksals von Phineas Gage ein. Der Eisenbahnarbeiter erlitt eine schwere Hirnverletzung, die er zwar überlebte, die aber seine Psyche änderte. Gage wurde so unfreiwillig zu einem Wegbereiter der Neurologie.

Zurück auf das Gebiet von Krankheit und Pandemie geht in Kapitel 8, „Karte des Todes“, in dem einige Ärzte endlich Schluss mit dem antiken Dogma von „Miasmen“ als Auslösern von Krankheiten wie der Cholera machen und erstmals statistische Methoden anwenden, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. In diesem Fall ist es das Wasser, dessen Verschmutzung verantwortlich für den Transport der Keime ist – so wie Ratten die Große Pest des 14. Jahrhunderts verbreiteten. Die Pionierleistung John Snows an dieser Stelle war es, auf der titelgebenden „Karte des Todes“ akribisch den Cholerafällen nachzuspüren, eine verschmutzte Wasserpumpe als Quelle zu identifizieren, dies empirisch nachzuweisen und so für Wasserhygiene zu sorgen. Natürlich dauerte es noch Jahrzehnte, bis alle Stadtverwaltungen akzeptierten, dass sauberes Wasser tatsächlich die Krankheit verhinderte; Hamburg etwa brauchte noch in den 1880er Jahren eine verheerende Cholera-Epidemie mit tausenden von vermeidbaren Toten – ein Muster, das leider viele der in diesem Buch beschriebenen Welt-Heilungen teilen.

In Kapitel 9, „Bücher“, wendet sich Gersten zwei Werken zu, die mittelbaren Einfluss auf die Heilung der Welt haben würden. Einerseits geht es um Charles Darwin und seine Fahrt auf der „Beagle“; die Evolutionstheorie, deren Genese Gerste hier nachverfolgt, würde ich als essenziell zum Verständnis von Krankheiten erweisen. Auf der anderen Seite steht erneut Ignatz Semmelweiß, der seine Erkenntnisse zur Hygiene und Kindbettfieber mittlerweile – weit weniger erfolgreich als Darwin, weil nichts auf Publikumsgeschmack gebend und extrem aggressiv-polemisch argumentierend – zu Papier gebracht hatte. Zukünftige Ärztegenerationen würden seine Erkenntnisse jedoch nach und nach umsetzen.

Wesentlich praktischer geht es in Kapitel 10, „Rotes Kreuz“, zur Sache. Die Geschichte Henry Dunants kulminiert von seiner Gründung des CVJM – um jungen Männern einen christlichen Lebenswandel beizubringen – und Missionsversuchen in Algerien über seine harsche Ablehnung der Sklaverei in der Schlacht von Solferino, wo er die örtlichen Anwohner*innen und die Militärs dazu bringt, sämtliche Verwundeten ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zu versorgen – und die Idee für eine neue Organisation, die neutral sämtliche Kriegsopfer versorgen sollte, gebar. Dunants PR-Fähigkeiten waren gut ausgeprägt, und er gewann diverse gekrönte Häupter für seine Idee, die zur Genfer Konvention führten.

Diese Ideen kamen für den blutigsten Konflikt des 19. Jahrhunderts zu spät, dem sich Kapitel 11, „Wunden der Nation“, widmet. Ein weiteres Buch – Harrier Beecher Stowe mit ihrem Werk „Onkel Toms Hütte“, das über die Schrecken der Sklaverei ein breites Publikum sich empören ließ – steht am Anfang eines kurzen Abrisses der Geschichte des Bürgerkriegs, ehe Gerste sich der neuartigen Dimension des Konflikts zuwendet: die totale Mobilisierung der beiden amerikanischen Staaten und die riesigen involvierten Menschenmassen und damit Verwundeten. Anders als es die populäre Darstellung der „Bonesaws“ oft will, gesteht Gerste den Militärchirurgen durchaus große Fachkenntnis zu – diese war nur seinerzeit noch schwach ausgeprägt, so dass Amputationen oft die einzige Möglichkeit waren, den Verwundungen der Innovation des „Minié ball“, der furchtbare Verletzungen anrichtenden neuen Munition, zu begegnen.

Das Kapitel wird von einem weiteren Einzelschicksal, in diesem Fall James Madison deWolfs, gefolgt. Der Arzt war ein aufstrebendes Talent im amerikanischen Westen – und hatte das Unglück, zu Custers Kavalleriedivision zu gehören.

Das folgende 12. Kapitel, „Antisepsis“, sieht endlich die Bekämpfung des gewaltigen medizinischen Problems des Wundbrands. Der schottische Arzt Lister behandelte 1867 erstmals einen offenen Bruch mit Phenolsäure, die die bis dahin üblichen Infektionen – denen man durch präventive Amputation begegnete – verhinderte. Nicht nur wurden dadurch zahlreiche Verletzungen weniger tödlich oder verwandelten ihre Opfer in Krüppel, die am Rande der Gesellschaft leben mussten; plötzlich öffnete sich auch das Spektrum von Behandlungen, die möglich waren, etwa Operationen am Bauch, an der Brust oder am Kopf. Die Heilung der Welt schritt massiv voran. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet der Begründer der Antisepsis, Ignatz Semmelweiß, just an dem Tag starb, als Lister das Verfahren erstmals erfolgreich anwendete.

Ein weiteres Schicksal beschäftigt sich mit dem „Elefantenmann“ Joseph Merrick. Der missgebildete Merrick wurde auf Jahrmärkten zur Schau gestellt, ehe der Chirurg Frederick Treves ihn entdeckte, ihm Obdach zur Verfügung stellte und sich um ihn kümmerte. Für Gerste ist das ein Indikator dafür, dass der Fortschritt der Welt im 19. Jahrhundert nicht nur auf medizinischem Gebiet zu finden war, sondern auch im Umgang der Gesellschaft mit ihren schwächsten Mitgliedern.

Das dreizehnte Kapitel, „Augenlicht“, bringt die Medizin in einen Bereich, in dem vorher außer dem Stechen des Grauen Stars recht wenig möglich war (und das war schon eine reichlich unsichere Geschichte): die Augenchirurgie. Durch die Entwicklung neuer optischer Instrumente einerseits und der im vorigen Kapitel beleuchteten Antisepsis andererseits wurden plötzlich Operationen und ein viel tiefergehendes Verständnis vom Aufbau des Auges möglich, als dies bisher der Fall war. Der Fokus des Kapitels liegt auf Friedrich Graefe, dem wohl profiliertesten Augenarzt der Epoche, der quasi im Alleingang das Feld begründete und trotz schlechter Gesundheit durch enormen Arbeitseifer auffiel. Er operierte tausende von Menschen mit großartigen Ergebnissen und gehört damit in den Kanon der erinnerungswürdigen Gestalten jener an solchen nicht eben armen Zeit. Sein Leben wurde durch die Tuberkulose bereits mit 42 Jahren brutal beendet – just in dem Moment, als der Initiator der ersten internationalen Ärztekonferenz den Ausbruch des deutsch-französischen Kriegs erleben musste.

Dieser überschattete auch die Beziehung zwischen Louis Pasteur und Robert Koch. In Kapitel 14, „Erbfeinde“, sehen wir nicht nur, welche Auswirkungen die Pflichtimpfung der deutschen Soldaten gegenüber ihren ungeimpften französischen Gegnern hatte, sondern treffen endlich auch auf Pasteur, der als Inspiration bereits bei der Antisepsis auftauchte. Es war Koch, der zum ersten Mal Milzbranderreger richtig identifizierte und dann im Identifizieren der Tuberkuloserreger eine medizinische Revolution auslöste, die im Geist der damaligen Zeit als Wettkampf mit Pasteur und damit stellvertretend für die deutsch-französische „Erbfeindschaft“ geframed wurde.

Kapitel 15, „Wissenschaftsnation“, befasst sich weiter mit dem beginnenden Ruf Deutschlands als „Wissenschaftsnation“. Diese Idee verdankte das Land einer klaren Hinwendung zu den Naturwissenschaften, wie sie gegen Ende des 19. Jahrhunderts im ganzen Westen en vogue wurde. So strich man im Medizinstudium die bisher obligatorischen Geisteswissenschaften und führte stattdessen naturwissenschaftliche Kurse ein.

In Kapitel 16, „Kokain“, führt Gerste in die nächste Revolution der Anästhesie ein. Nach der Komplettbetäubung durch Äther und Chloroform sorgte die Erfindung beziehungsweise Entdeckung von Kokain dafür, dass es möglich wurde, lokale Betäubungen durchzuführen. Die offensichtlichsten Anwendungen waren bei zahnärztlichen Behandlungen, die vor der Erfindung derselben eine wahre Tortur gewesen waren. Entdeckt wurde die Anwendung aber für Augenoperation; die Selbstexperimente der betreffenden Augenärzte, die die Wirksamkeit ihres Mittels durch Herumstochern mit Nadeln auf ihrer Hornhaut testeten, sind allerdings ebenso wissenschaftsethisch unhaltbar wie skurril. Dass der Stoff gewisse Nebenwirkungen hatte, weswegen wir heute andere Dinge verwenden, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Kapitel 17, „Schwester Carolines Handschuhe“, kehrt zur Thematik der Infektionsverhinderung bei Operationen zurück. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Semmelweiß‘ Erkenntnis, dass Hygiene Infektionen vorbeugt, glücklicherweise weit herumgesprochen. Sicher war das alles natürlich trotzdem nur eingeschränkt, und für die Hände der Beteiligten darüberhinaus auch nicht eben gut. Wie der Zufall es wollte, verliebte sich ein reicher Oberarzt in eine Oberkrankenschwester mit Hautproblemen, die aber für ihren Job brannte und unbedingt in der Chirurgie arbeiten wollte. Er gab ein kleines Vermögen aus, um einen Prototyp dünner, aber widerstandsfähiger Gummihandschuhe produzieren lassen. Mit diesen konnte Schwester Caroline sogar Wunden zunähen – und ihre Hände schützen. Aus dem OP-Saal sind sie seither nicht wegzudenken.

Gefolgt wird dieses Kapitel vom Einzelschicksal James Garfields. Er litt darunter, dass Semmelweiß‘ Erkenntnisse selbst eine Generation später noch nicht überall bekannt und akzeptiert waren. Als er angeschossen wurde, fingerten diverse Ärzte mit nicht desinfizierten Fingern und Geräten in der Wunde herum. Dieselbe wäre nicht tödlich gewesen; der Eingriff der Ärzte war es. Dass so etwas mehr als 20 Jahre nach Semmelweiß‘ Erfindung an der wichtigsten Person des Landes möglich war, lässt einen nur mit Kopfschütteln zurück.

In Kapitel 18, „Tollwut und Cholera“, geht es, wenig überraschend, um Tollwut und Cholera. Die Tollwut war eine Krankheit, deren Ursachen zwar grundsätzlich bekannt waren – infizierte Tierbisse -, die aber mit den Methoden des 19. Jahrhunderts unheilbar war (und es auch mit denen des 21. Jahrhunderts leider bleibt). Allerdings wurde eine Imfpung entwickelt, die, wenn halbwegs rechtzeitig nach dem Biss verabreicht, zuverlässig vor der Tollwut schützte. Gerade für die Landbevölkerung bedeutete das eine immense Erleichterung. Die Cholera indes war zwar auf schmutziges Wasser zurückgeführt, aber noch bei weitem nicht geheilt. Hier zeitigte sich ein geradezu tragischer Fehlschluss einer medizinischen Koryphäe, die die Ursache an völlig falscher Stelle suchte und dadurch ineffektive Heilmethoden verordnete. Zur Ehrenrettung muss angebracht werden, dass die wahre Natur der Krankheit mit den Mitteln der Zeit auch noch nicht erkennbar war; das Antibiotikum harrte noch ein weiteres halbes Jahrhundert seiner Entdeckung. Unverzeihlich indessen bleibt, dass Hamburg durch seine Sparpolitik – das Großbürgertum sonderte sich weiter vom einfachen Volk ab und hatte solche Investitionen aus seiner Sicht nicht nötig – auch in den 1880er Jahren noch keine vernünftigen sanitären Anlagen besaß und deswegen die zweifelhafte Ehre hatte, der Hort der letzten Choleraepidemie in Deutschland zu sein.

Danach folgt das Einzelschicksal Elizabeth Strides‘, eines bestätigten Opfers von Jack the Ripper. Relevant ist das abgesehen vom Sozialporträt einer randständigen Gelegenheitsprostituierten vor allem, weil der Verdacht bestehen bleibt, Jack the Ripper sei Chirurg gewesen.

Das neunzehnte Kapitel, „Strahlenbilder“, widmet sich Wilhelm Conrad Röntgen. Von Haus aus Physiker und nicht Arzt, fand er zufällig bei Experimenten die Strahlen, die er X-Strahlen taufte. Als passionierter Fotograf kam er auf die Idee, Fotos von den Ergebnissen aufzunehmen – unter anderem der Hand seiner Frau (glücklicherweise verstrahlte er sie durch Zufall nicht, ein Schicksal, das späteren Opfern nicht erspart bleiben sollte). Er publizierte seine Erkenntnisse in physikalischen Fachkreisen, ohne an die Anwendungsbereiche für die Medizin zu denken. Seine bescheidene Natur, die öffentliche Auftritte ablehnte, trug weiter dazu bei, dass er die Wirkung verkannte. Glücklicherweise erstellte er in Handarbeit über 100 Fotografien und versendete diese an Bekannte, die anders als er die revolutionäre Bedeutung von Fotos des Skeletts sofort erkannten. Der Rest ist Geschichte.

An das Kapitel schließt sich das Schicksal Kaiserin Elisabeths an. Operationen am offenen Herzen blieben für die Chirurgie lange eine völlige Unmöglichkeit und galten als Höhepunkt der Verantwortungslosigkeit. Umso bemerkenswerter war, dass ein junger Arzt mehrere der oben genannten Erfindungen kombinierte und die erste erfolgreiche Herz-OP durchführte. Für die Kaiserin indes war das kein Trost: ihre Verletzung war zu tief und wurde zu spät bemerkt, als dass man sie hätte retten können, und so starb „Sissi“ an den Folgen des Attentats.

In Kapitel 20, „Jahrhundertwende“, versucht Gerste das Lebensgefühl am Ende der Dekade einzufangen. Mehrere medizinische Neuheiten und Persönlichkeiten trafen hier zusammen, aber wohl keine war so legendenumrankt wie Sigmund Freud, der quasi im Alleingang die Psychotherapie begründete. Damit war endlich auch eine menschenwürdigere Behandlung von Geisteskranken möglich, die bis dato unter unwürdigsten Umständen in „Irrenhäusern“ aufbewahrt worden waren. Nach dieser kurzen Behandlung reist Gerste gedanklich weiter nach Großbritannien, wo mit dem Tod Victorias auch eine Ära zu Ende geht. Die Royals hatten ein verqueres Verhältnis zu Ärzten; Victoria etwa ließ sich trotz zahlreicher Beschwerden nicht untersuchen, und der Thronfolger Edward wäre beinahe noch auf der Fahrt zu seiner Krönung gestorben, weil er sich dem Rat der Ärzte zur OP widersetzte. Er wurde dann der erste nach neuen Methoden geheilte Blinddarmpatient. Größeres Ansehen gewann die medizinische Kunst, wie die Naturwissenschaften generell, durch die Verleihung der ersten Nobelpreise. Gerste streicht heraus, dass die damaligen Gewürdigten wesentlich bekannter waren als die heutigen – Zeichen eines geänderten Diskurses, aber auch der bahnbrechenden Entdeckungen, die in Medizin und Chemie gemacht worden waren. Vor allem die Heilung der Diphterie, einer gefürchteten Krankheit von Kleinkindern, und die Grundlagenarbeit für die Behandlung von Polio, gehören dazu.

Auf dieses Kapitel folgt das Schicksal, von Adele Bloch-Bauer, der „Frau in Gold“. Das berühmte Gemälde eignete sich für diverse medizinische Analysen, da Bloch-Bauer an Meningitis litt.

Das einundzwanzigste Kapitel, befasst sich mit jüdischen Medizinern, von denen um die Jahrhundertwende mehrere prominent tätig waren. Ich finde es angesichts auf der Auflistung von Leistungen dieser spezifischen Gruppe, von denen die meisten aus Deutschland stammten, besonders auffällig, wie unglaublich bescheuert der Antisemitismus der Epoche einerseits, aber vor allem seine genozidale Steigerung unter den Nationalsozialisten andererseits waren. Selbst wenn man den Zweiten Weltkrieg komplett beiseite lassen würde ist der Schaden, den sie allein deswegen für das Land angerichtet haben, ungeheuer.

In Kapitel 22, „Menetekel“, erleben wir den Untergang der Titanic aus Sicht ihrer Schiffsarzts, O’Loughlin. Die Titanic verkörperte den Modernitätsanspruch der Epoche auch durch die verpflichtenden medizinischen Untersuchungen der Dritten Klasse, ohne die diese nicht an Bord gelassen wurden (und die einer syrischen Auswandererfamilie indirekt das Leben retteten, die nicht an Bord gelassen wurden). Die unfallträchtige Umgebung eines Schiffes sorgte für höheren Schiffarztbedarf, als man denken könnte. Es ist offenkundig, dass Gerste den Untergang hier als Untergang einer Epoche und Setup für das letzte Kapitel benutzt, was zwar sehr griffig, aber historisch nicht sonderlich tragfähig ist.

Das letzte Kapitel, „Unheilbar“, benutzt die Metapher von um 1910 unheilbaren Krankheiten als eine für die Epoche als Ganzes. Die Nervosität, die außenpolitischen Spannungen und dann der Beginn des Ersten Weltkriegs stehen so als stellvertretend für den Untergang des Fortschrittsglaubens einer Epoche. Der Krieg selbst erforderte natürlich einen massiven Aufbau eines Sanitätswesens, und den Soldaten kamen zahlreiche Innovationen zugute, die ihre Überlebenschanchen drastisch erhöhten (genauso wie Innovationen in Waffen und Logistik sie drastisch reduzierten).

Aber Gerste schließt nicht mit dem Krieg, sondern einem Epilog, „Pandemie“. Denn 1918 brach die so genannte „Spanische Grippe“ aus, die zwischen fünfzig und hundert Millionen Todesopfer weltweit forderte und damit wesentlich tödlicher als die Covid-Pandemie war. Gerste betont, dass sie nicht verglichen werden sollten: die Reaktionen der Politik, sowohl innen- als auch besonders außenpolitisch, waren wesentlich weniger umfassend als 2020ff., und die Menschen nahmen die Spanische Grippe gar nicht als den großen Einschnitt war, den sie angesichts der Opferzahlen darstellen sollte, weil hohe Opferzahlen durch Atemwegserkrankungen noch die Norm waren. Tatsächlich war die Spanische Grippe die letzte mörderische Pandemie in Westeuropa – auch eine Art Hoffnungsschimmer für die Zukunft, mit dem das Buch beschließt.

Insgesamt kann ich Gerstes Buch nur empfehlen. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf ein viel zu wenig diskutiertes Thema der Geschichte und kann zahlreiche Personen auflisten, die wesentlich bekannter sein sollten – weil sie, anders als imperialistische Staatenlenker, tatsächlich eindeutig zum Wohl der Menschheit beigetragen haben. Auch mochte ich das übergeordnete Narrativ der Zeit als einer sich als modern und fortschrittlich begreifenden. Gerste verengt dabei auch nicht zu sehr den Blick; immer wieder gelingen ihm Einbindungen der jeweiligen medizinischen Themen in Geschichte der Moderne des 19. Jahrhunderts. So beschreibt er die Biedermaier-Zeit und den Vormärz, die Revolutionen von 1848, den amerikanischen Bürgerkrieg und viele weitere Ereignisse, so sie passend erscheinen und vermag so, die medizinischen Innovationen in einen Gesamtkontext zu setzen. So dürfen mehr Geschichtswerke geschrieben sein.

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