Rezension: Paul Jankowski – All against all. The Long Winter of 1933 and the Origins of the Second World War (Teil 1)

Paul Jankowski – All against all. The Long Winter of 1933 and the Origins of the Second World War (Hörbuch) (Das Wanken der Welt – Wie 1933 der Weltfrieden verspielt wurde)

Angesichts des Kriegs in der Ukraine und der steigenden internationalen Spannungen in den frühen 2020er Jahren generell ist die Frage nach der Vermeidung von Kriegen angesichts der Herausforderung autokratischer oder diktatorischer Systeme aktuell wie lange nicht mehr. Zwischen Rufen von „Nie wieder Appeasement!“ und „Verhandlungen statt Waffen“ wird die Diskussion allzugerne auf die Vorgänge des Jahres 1938 verengt, die kaum in Betracht zieht, welche Chancen es vielleicht vorher bereits gegeben hätte. Paul Jankowski jedenfalls geht einige Jahre in der Geschichte zurück und betrachtet den Winter 1932/33, in dem in seinen Augen der Weltfrieden tatsächlich verspielt wurde. Dazu entführt er die Lesenden nach Genf, wo 1932 die große internationale Abrüstungskonferenz tagte – das größte Treffen hochrangiger Diplomanten und Staatschefs seit den Verhandlungen des Versailler Vertrags.

Bevor Jankowski sein großes Narrativ entfaltet, beschäftigt er sich in einem Vorwort noch ausführlich mit der Frage des Realismus – im Sinne der politischen Theorie. Diese postuliert, dass Staaten in ihren Verhältnissen untereinander, unabhängig von ihrer vorherrschenden Ideologie, Staatsform oder regierenden Person, in eine Art anarchischen Hobbes’schen „Alle gegen Alle“ (daher der Titel des Buchs) verfallen, in dem sie andere Staaten fürchten und nach möglichst großer Sicherheit für sich selbst trachten. Jankowski steht dieser Idee eher kritisch gegenüber (wobei er es sich natürlich recht einfach macht, indem er gegen eine recht holzschnittartige Version des Realismus argumentiert, die Politikwissenschaftler*innen, die diese tatsächlich vertreten, vermutlich die Haare zu Berge stehen lässt). Er argumentiert, dass die spezifischen ideologischen Fanatismen eine gewaltige Rolle spielten und es problemlos hätte andere Entwicklungen geben können, die eine mulilaterale, durch Abkommen, gemeinsame Institutionen und Verträge gekennzeichnete Weltordnung wie unsere heutige produziert hätten.

Das führt unweigerlich zu der Frage, inwieweit 1932/33 ein Referenzpunkt für unsere Gegenwart ist. Jankowski beantwortet die Frage mit einem klaren „nicht besonders“; er erachtet die Welt um 1900 für wesentlich relevanter. Den Grund dafür sieht er nicht so sehr in der Unsicherheit per se, die auch unsere Gegenwart plagt, sondern im aktuellen Fehlen eines ideologischen Grundkonflikts wie dem zwischen Faschismus, Kommunismus und Liberalismus in den 1920er und 1930er Jahren und der, wie er es nennt, apolaren Weltordnung. Anstatt wie vor 1900 eine multipolare Welt zu haben, wie im Kalten Krieg eine bipolare oder wie in den 1990er Jahren eine unipolare zeichnete sich die von 1932/33 dadurch aus, stets wechselnde, extrem fluide Pole zu haben, mit manchen Ländern, die versuchten welche zu werden und anderen, die diese Funktion bewusst und entschieden ablehnten.

Der Möglichkeitsrahmen der Geschichte ist ihm dabei ungemein wichtig. Es gibt keinen Automatismus in die Ereignisse der späteren 1930er Jahre, auch nicht aus der jeweiligen Ideologie. Der amerikanische Exzeptionalismus etwa, so erklärt Jankowski, konnte genauso zur Rechtfertigung und ideologischen Überhöhung des Isolationismus wie zu dem des Interventionismus dienen und tat ja auch beides zu verschiedenen Punkten des 20. Jahrhunderts.

Aber nun genug der Vorrede, das eigentliche Narrativ beginnt in Kapitel 1, „Locust Years“. Die „gefressene Zeit“ betrifft in einem größeren, allgemeineren Rahmen die gesamte Nachkriegsära, in der sich die Wirtschaften der Welt nie vollständig von den Kriegswirren erholten und in denen sie stets unter ihren Möglichkeiten blieben, stets verbunden mit Kriegskrediten, Reparationen und der Notwendigkeit, die Schäden der Kriegszeit zu beheben und die Folgewirkungen zu verwalten. Die eigentliche, beinahe schon biblische Heuschreckenplage beginnt aber 1929 mit der Weltwirtschaftskrise, die 1931 mit zahlreichen Bankencrashs und einer deflationären Spirale ihren Höhepunkt erreicht.

Jankowski beschreibt die Weltwirtschaftskrise vor allem als psychologisches Ereignis; in den Streit um ihre Ursachen und die genauen ökonomischen Abläufe mischt er sich nicht sonderlich ein. Stattdessen ist für ihn relevant, wie die Betroffenen in einer Ära ohne wirksame Sozialstaaten entwurzelt werden, wie jede Arbeit nicht mehr der eigenen Identitätsbildung dient, sondern nur noch dem eigenen Überleben, und wie eine fatalistische Hoffnungslosigkeit sich der Menschen bemächtigt. Für mich erweckte Jankowskis Narrativ den Eindruck eines Zeitverlusts, eines Verlusts jeglicher Zukunft: die Menschen lebten nur noch in der Gegenwart, ohne den Luxus, Zukunftspläne zu machen.

Das, wenig überraschend, war für die Stabilität liberaler Regime nicht sonderlich gut. Stattdessen gab es Gruppierungen von Menschen, die wenig zu tun und noch weniger zu verlieren hatten. Gleichzeitig zeigt Janowski bereits hier die scharfe ideologische Spaltung jener Zeit auf: die Krise ist eine Krise des Kapitalismus und des Liberalismus, und sowohl Faschismus als auch Kommunismus bieten radikale Heilsversprechen in scharfer Abgrenzung, die zwar überwiegend keine Mehrheiten finden, aber mit immer mehr gewaltbereiten Anhängern willens sind, diese durchzusetzen.

Die Theorie, diese Aggression unterfüttert, ist die eines manichäischen Weltbilds der Weltwirtschaft, in der es industriell und agrikulturell produzierende Staaten geben muss und in denen ein Wachstum der einen Seite notwendig eine Schmälerung der anderen bedeutet. Ein vormals agrarischer Staat, der sich industrialisiert, wird abhängig von Lieferungen agrarischer Staaten. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit mächtiger Industriestaaten, eine Peripherie agrarischer Satellitenstaaten zu unterhalten, die die notwendige Nahrung liefern, und diese von einer Weiterentwicklung abzuhalten. Es ist das Weltbild brutaler Eroberer und Diktatoren, das mit den liberalen Gedanken von Wachstum und Effizienz für alle wenig anfangen kann – verständlich in den Heuschreckenjahren, in denen das wie blanker Hohn erscheint, aber deswegen nicht weniger irregeleitet.

Die Szene derart gesetzt beleuchtet Jankowski in Kapitel 2, „Rom and Tokyo“, die Rolle Italiens und Japans.

Japan hatte mit seiner Annexion Mandschukos 1931 als erstes die Brandfackel an die liberale Weltordnung gelegt (siehe dazu mein Artikel hier). Da aber China kein gleichwertig akzeptiertes Mitglied der „Weltgemeinschaft“ war – einerseits wegen seiner inneren Zerrissenheit ohne klare Regierung, andererseits aus rassistischen Motiven – sahen die Großmächte darüber hinweg. Es gab wenig Interesse, Geld oder gar Blut für den Erhalt der territorialen Integrität der Mandschurei zu investieren, weder in den USA noch in Europa.

Doch die Lage wurde mit dem japanischen Angriff auf Shanghai, der zeitlich genau mit dem Beginn der Abrüstungskonferenz in Genf zusammenfiel und diese von Beginn an überschattete, wesentlich kompliziert. Hier war eine kosmopolitisch, seit Jahrzehnten auch europäisch geprägte Stadt, in der zahlreiche europäische Eliten ein- und ausgingen und nun auch von den Kämpfen (sofern man den Beschuss der Stadt durch japanische Kriegsschiffe und die Stürmung der Stadt als solche bezeichnen will) betroffen waren.

Japan war in den 1920er Jahren ein Musterbild des liberalen Staats gewesen. Seine Währung war ohne Fehl und Tadel an den Goldstandard angelegt, sein Parlament von den wirtschaftlichen Eliten dominiert, seine Einhaltung internationaler Verträge wie des Flottenabkommens von 1922 ohne jeglichen Makel. Doch angesichts der Weltwirtschaftkrise, die die Absatzmärkte gegenüber japanischen Produkten verschloss und damit wirtschaftliche Deprivationen in das Land brachten, auf die die Regierung keine Antwort hatte, ließen die Stimmen der japanischen Politik, die für territoriale Expansion und eine Art „japanischen Völkerbund“ in Asien drängten (ein Wetterleuchten der „Großasiatischen Wohlstandssphäre“ späterer Jahre) erstarken.

Dieses Erstarken nahm gleichzeitig die Form politischer Gewalt an, mit rechten Attentaten auf liberale Politiker, die bezeichnenderweise in der breiten Öffentlichkeit zwar in allgemeiner Form verurteilt wurden – ohne aber je auf die zugrundeliegende politischen Motive einzugehen oder die dahinterstehenden Forderungen und Theorien zu thematisieren. Bei der Lektüre kann man sich eines unguten Gefühls in der Magengrube angesichts unseres heutigen Umgangs mit rechter Gewalt nicht ganz erwehren. Die eigentliche Machtübernahme des Militärs aber steht noch aus; Japan befindet sich noch auf Messers Schneide.

Italien, bereits seit einem Jahrzehnt ein faschistischer Staat und mitten in den Jubiläumsfeiern für sein erstes Jahrzehnt, beschreibt Jankowski als grundsätzlich instabil. Seine Wirtschaft steht in keinem Verhältnis zu seinen Aspirationen. Seit zehn Jahren ist die Rhetorik auf den Erwerb eines großen Kolonialreichs gerichtet, ohne dass Italien die Möglichkeiten hätte, dieses zu erwerben. Zwar hatte man Eriträa als Kolonie gewonnen, aber bereits die Abpressung Korfus von Griechenland und der Erwerb Libyens dehnte die vorhandenen Ressourcen über den Zerreißpunkt, rief andere europäische Mächte auf die Bühne.

Mussolini machte aus der Not eine Tugend, inszenierte Italien trotz aller rhetorischen Aggression, deren „Imperium! Imperium!“-Rufe liberale Beobachtende natürlich als reine Rhetorik für die tumben Massen identifizierten, die sicherlich auf höherer Ebene einer rationalen Politik Platz machen musste – aber wenn Jankowski ein Leimotiv betont, dann, dass Ideologie, Fanatismus und fehlgeleitete Ideen gerade auf dieser Ebene furchtbare Konsequenzen haben.

Generell ist auffällig, wie das flexible Verständnis gegenüber der Verpflichtung internationaler Verträge des Duce dem Hitlers später gleicht. Das faschistische Italien benahm sich als mustergültiger Nationalstaat unter Nationalstaaten, schloss Abkommen und Kompromisse und erlaubte es den liberalen Staaten stets, seine Aggressionen als einmalige Ausrutscher abzutun – genauso wie bei Japan. Mussolini betätigte sich als Friedensbringer und versuchte, auf Ebene des Völkerbunds zu vermitteln. Obwohl Italien stets ein Auge auf Deutschland als potenziellem Verbündeten hatte, betätigte es sich als Garantiemacht der Grenzen von Versailles – bis es Mussolini in den Kram passte, das nicht mehr zu tun.

Deutschland indessen, das Subjekt des 3. Kapitels „Berlin“, sah sich in einer noch viel prononcierteren, aber vergleichbaren Abwärtsspirale wie Japan. Jankowski beschreibt die sattsam bekannte Geschichte des Endes der Demokratie nach dem Bruch der Großen Koalition 1930, den Präsidialregimen Brünings, dann Papens, und des Aufstiegs der Nationalsozialisten. Er legt viel Gewicht darauf, wie unwahrscheinlich Hitler als zukünftiger Diktator schien. Fast alle Beobachtende der damaligen Zeit betrachteten ihn als durchschnittlichen, wenig interessanten, ins Hysterische neigenden Kleinbürger, der niemals das Zeug haben könnte, ein Land wie Deutschland zu regieren, ein Emporkömmling und Schwätzer.

Ähnliches galt für die NSDAP selbst, ein Haufen gewaltbereiter Schläger, die sich Straßenschlachten mit den Kommunisten lieferten, deren eigene Gewaltbereitschaft und Ablehnung der Demokratie der der Nazis in nichts nachstand (wenngleich sich Jankowski wenig mit den Kommunisten aufhält; er schätzt ihre Bedeutung – ich denke korrekt – als abgesehen von ihrer Blockade insgesamt als gering ein und konzentriert sich zu Recht auf die Vorgänge auf der Rechten).

Aus der Abfolge von Wahlen in Weimar konstruiert Jankowski ein Bild der demokratischen Ermüdung. Das Land befindet sich in einer tiefen Verfassungskrise, und niemand glaubt, dass die Wahlen von November 1932 – die den narrativen Rahmen des Kapitels bilden – irgendetwas ändern werden. Tatsächlich tun sie das auch nicht. Jankowski verwehrt sich gegen die häufige Erklärung, nach der die Wahlverluste der NSDAP den Anfang vom Ende der Partei bedeutet hätten. Sie war immer noch stärkste Partei, ihre Gegner hatten eher noch mehr verloren. Ich halte diese Erklärung für unvollständig, aber die Analyse dieser Vorgänge bildet auch nicht den Fokus des Buchs, weswegen ich den Punkt nicht weiter vertiefen will.

Stattdessen beschäftigt sich Jankowski ausführlich mit den Wahlkämpfen und spezifisch der NS-Ideologie und -Rhetorik selbst, in denen er ein beeindruckendes Fehlen jeder Außenpolitik ausmacht. Die vermeintliche Harmlosigkeit Hitlers sieht er in dem Resultat der bewussten Strategie des späteren Diktators, die eigene Politik möglichst vage zu halten, die „Niederlage“ 1932 als Ergebnis einer Stärkung der sozialistischen Rhetorik zulasten typischer rechtsextremer Identitätspolitik. Ungeachtet des Namens der Partei und den nominallen Verankerungen von Kapitalismuskritik im Parteiprogramm von 1924 und gelegentlich der Rhetorik war das kein besonders wirksamer Magnet für Wählende; diese kamen für das Ressentiment über Versailles, den Hass auf Linke und Juden, die Bereitschaft zu einer radikalen Durchschlagung des Gordischen Knotens.

Über Außenpolitik habe man nichts erfahren, von keiner Partei. Deswegen sei es für Zeitgenoss*innen auch so schwer gewesen, Hitlers spätere Politik vorherzusenen: rhetorisch war er fast nicht von anderen Rechten zu unterscheiden; Substanz gab es überhaupt nicht (noch weniger als beim Rest), weswegen alle Wählenden die NSDAP als ihre persönliche Projektionsfläche gebrauchen konnten. Man sah in ihr die eigenen Positionen und ignorierte alles, was nicht dazu passte. Dass kein Nazis je auf Reichsebene Verantwortung getragen hatte, erschwerte diese Einschätzung zusätzlich.

Deutschland Ende 1932 bewegte sich daher im Stand einer ständigen Verfassungskrise, im Unklaren darüber, was man mit seiner größten aber so manifest zur politischen Verantwortung ungeeigneten Partei tun sollte, von Politikern regiert, die die Ablehnung der breiten Masse als Ausweis ihrer Eignung betrachteten. Das Reich verlangte nach Aufrüstung und Akzeptanz auf internationaler Ebene, nach einer Zerschlagung der „Fesseln von Versailles“ (die real kaum mehr vorhanden waren) und befasste sich vor allem mit sich selbst und einer ungewissen Zukunft.

Überhaupt nicht ungewiss dagegen war die Zukunft für den Diktator der Sowjetunion, Josef Stalin. Im 4. Kapitel „Moscow“ beleuchtet Jankowski die Lage der UdSSR. Diese feierte das fünfzehnjährige Jubiläum der Revolution mit gewaltigen Paraden, die von den ausländischen Diplomaten und Journalisten mit einem gewissen Befremden beobachtet wurden: die Sowjetunion war ein fundamental unbekannter Staat, der sich jeder Einordnung zu entziehen schien. Im einen Moment aggressiv und die Weltrevolution proklamierend, im anderen Verträge schließend und eine normale Außenpolitik betreibend.

Ihre Rhetorik war internationalistisch und pazifistisch, ihre Handlungen nationalistisch und beliziös. Die Sowjetunion steckte in ihrem Fünf-Jahres-Plan, der der Aufrüstung diente. Stolz proklamierte man Produktionszahlen von Panzern, ließ Geschütze auf dem Roten Platz auffahren und trainierte die Arbeiter in den Fabriken in Drills für den Ernstfall. Scharfsichtige ausländische Beobachter erkannten, dass viele Fabriken in der Lage waren, auf Zuruf auf Kriegsproduktion umzuschalten, und dass selbst ausländische Lizenzmodelle „made in the USSR“ waren. Das Land hatte gewaltige Mengen militärischen Materials aufgebaut und pflegte einen Kult der Offensive.

Die Gegner wechselten mit den propagandistischen Moden. Mal war es der Dauerbrenner einer polnischen Offensive in einer grotesken Wiederholung des Kriegs 1920-1922, mal war es eine Intervention der kapitalistischen Mächte in einem nicht minder absurden Reenactment der Intervention 1917-1920, mal Frankreich, das die Rolle des zentralen Bösewichts spielte. Ein wiederbewaffnetes Deutschland schien genaus gefährlich wie es 1932 Japan war, gegen das man mit großem propagandistischen Applomb Truppen mobilisierte und an die Grenze zur Mandschurei entsandte.

Diese ostentative Verschwendung von Ressourcen geschah zu einer Zeit, in der eine gewaltige Hungersnot die Ukraine heimsuchte und die Menschen im ganzen Land Not litten. Daran schuld waren natürlich ausländische Agitatoren und Sabotage, eine völlig abwegige, aber mit ihrer eigenen Logik und tödlichen Konsequenz durchgezogene Linie. Die miese Lage ließ real existierende Opposition und Putschpläne aufkommen, die Stalin ironischerweise bei weitem nicht so blutig niederschlug wie die völlig eingebildete Opposition und Putschpläne 1938 in der „Großen Säuberung“. Die Sowjetunion sah sich von Gegnern umzingelt, bedroht und gleichzeitig bereit, die Revolution in die Welt zu tragen.

All das nahm man im weit entfernten Amerika praktisch nicht zur Kenntnis. Das 5. Kapitel, „New York“, spielt während der Wahlen im November 1932 – eine auffällige Parallele zum dritten, in Deutschland angesiedelten Kapitel. Die Ähnlichkeiten enden nicht beim Datum. Der Wettstreit zwischen Herbert Hoover und Franklin D. Roosevelt beschäftigte sich praktisch nicht mit Außenpolitik. Stattdessen spielte das Ausland allenfalls als Schuldiger des Crashs von 1929 eine Rolle. Die amerikanischen Wählenden wollten nichts weniger als einen Schuldenerlass oder eine Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten. Weder Hoover noch Roosevelt versprachen etwas anderes.

Roosevelt gewann die Wahl mit den Stimmen der isolationistischen Teile des Landes, vor allem des Westens, die nach Schutzzöllen und einer klaren Absage zu Interventionen und Einmischung verlangten. Sein Programm, der New Deal, war praktisch ohne Substanz, ein Versprechen der Tat (wo Hoover nur eine Verwaltung des Status Quo bot), eine Tat, die in sich unklar war und unklar sein sollte. Interventionisten konnten hineindenken, dass Roosevelt schon aktiv würde, sobald er die Wahl gewonnen hätte; Isolationisten, dass er einer der ihren war und sie verteidigen würde.

So oder so zwangen die politischen Umstände den neu gewählten Präsidenten dazu, den Isolationisten zu folgen. Die Vorstellung, dass die USA die Mandschurei gegen japanische Aggression verteidigen würden, war absurd. Die Lage des Landes zeigt sich am deutlichsten darin, dass es zwar den Kellogg-Briand-Pakt ratifiziert hatte, der kriegerische Aggression verbot, aber kein Statut zur Durchsetzung dieses Verbots enthielt, während es den Völkerbundsvertrag, der ein solches enthielt, nicht ratitifiziert hatte. Dies führte dazu, dass Amerika sich „überall einmischte, aber nirgendwo handelte“. Die einzige Ausnahme war Lateinamerika, das es weiterhin als seinen persönlichen Hinterhof betrachtete. Hier leitete Roosevelt mit der „Politik der guten Nachbarschaft“ einen sanften Kurswechsel ein, der aber in seinem Verzicht auf militärische Interventionen auch hauptsächlich den ohnehin prävalenten isolationistischen Neigungen der Öffentlichkeit entsprach.

Unzufriedenheit mit dem Status Quo herrschte auch bei den eigentlichen Siegern von 1918. Das 6. Kapitel, „London and Paris“, öffnet mit den Feierlichkeiten zum Waffenstillstand am 11.11., die in Großbritannien wie Frankreich sehr zivile und nüchterne, geradezu melancholische Züge annahmen. Der Erste Weltkrieg war in seinem Ausgang auch für diese Länder kein Grund zur Zufriedenheit. Vielmehr wünschte man nichts mehr, als eine weitere solche Kalamität zu vermeiden – wenngleich die jeweilige Analysen und Handlungswünsche komplett andere waren.

In Frankreich war ein über 50jähriger Prozess abgeschlossen, in dem die Linke und Rechte ihre Haltung zu Krieg und Deutschland komplett getauscht hatten. War es 1871 noch die Konservative Partei, die davor warnte, dass eine Stimme für Gambetta Krieg bedeute und für Frieden und zivilen Wiederaufbau agitierte, war es 1932 die französische Rechte, die gegen jedes weitere Zugeständnis an Deutschland wetterte und für harten militärischen Druck plädierte. Tod und Begräbnis von Aristide Briand im selben Jahr markierten diesbezüglich das Ende einer Ära. Seine pazifistische Grundhaltung und der Versuch, mit Deutschland ein Auskommen zu finden und es in ein internationales System einzubinden, wurde von der Rechten als gescheitert zurückgewiesen – eine Ansicht, die spätestens mit dem Exit der deutschen Delegation von der Rüstungskontrollkonferenz in Genf bestätigt zu werden schien.

Nichts beschäftigte Frankreich so sehr wie der Versuch, Sicherheitsgarantien zu erlangen. Doch Russland war eine feindliche Macht, Großbritannien weigerte sich, die Entente Cordiale von 1904 wiederaufzulegen, geschweige denn ein festeres Bündnis, und die USA hatten hinreichend deutlich gemacht, dass sie die ganze Intervention von 1917-1918 als riesigen Fehler betrachteten und den Franzosen nicht helfen würden, im Gegenteil. Die Kriegskredite mussten bezahlt werden, auch wenn Deutschlands Reparationen fielen. Die Bündnisse, die Frankreich mit Polen und der Tschechoslowakei geschlossen hatte, waren von mehr als zweifelhaftem Wert – für beide Seiten.

Der Mangel an waffenfähigen Männern – um dem Ganzen psychologisch die Krone aufzusetzen, würden aktuell die nicht geborenen Kinder des Ersten Weltkriegs dienen – und an Material sowie der Mangel an verlässlichen Partnern trug zu einer Festungsmentalität der französischen Rechten bei, die ihren betongewordenen Ausdruck im Bau der Maginotlinie fand. Auch die Linke war damit zufrieden, zeigte die Maginotlinie doch aller Welt deutlich den rein defensiven Ausdruck französischer Politik. Die ganze Strategie erlaubte eine Offensive nur nach einer langsamen, gründlichen Mobilisierung. Auf eine solche richtete sich die französische Strategie im Umgang mit dem Albtraum einer neuerlichen deutschen Bewaffnung.

In Großbritannien war der Pazifismus stärker ausgeprägt als in irgendeiner anderen europäischen Großmacht. Man war sich in den 1920er Jahren sicher geworden, dass der größte Fehler das hineinziehen Lassen in die Politik der europäischen Festlandsmächte gewesen war. Die Rufe Deutschlands nach Gleichberechtigung hatten deswegen in Großbritannien ein offenes Ohr gefunden; Frankreich hatte als der größte Blockierer eines friedlichen Europa gegolten. Doch angesichts des deutschen Verhaltens in Genf wurde immer mehr deutlich, dass Deutschland nicht der britischen Politik folgte – wie sie durch den Briand-Kellog-Pakt und viele ähnliche Abkommen in den 1920er Jahren erforderlich war – und ein Abrüsten der Welt auf sein Niveau verfolgte, sondern stattdessen Aufrüstung, full stop, um größer und besser zu werden als seine Nachbarn. Langsam und voller Unwohlsein kam diese Erkenntnis in London an.

Die britische Politik aber blieb zerrissen zwischen zahlreichen Polen. Das Empire, dessen Erhalt die oberste Staatsräson darstellte, knirschte an allen Ecken und Enden und erforderte einen permanenten, delikaten Ausgleichsprozess. Die Weltwirtschaftskrise, in der ausgerechnet Großbritannien mit seinem Abschied vom Goldstandard 1931 und der Einführung aggressiver Schutzzölle 1932 die liberale Weltordnung der Ideologie des Freien Handels zu Grabe trug, erschwerte dies zusätzlich und erforderte eine Beschwichtigungspolitik gegenüber den USA, denn das Land konnte nicht riskieren, dass Dominions wie Kanada sich jemals zwischen dem Mutterland und dem großen Nachbarn im Süden entscheiden würden müssen. Zu klar war, wie diese Entscheidung ausfallen musste. Diese Erwägungen schränkten den Spielraum der Briten massiv ein, fraßen politisches Kapital und ließen wenig Raum für Geschehnisse in Osteuropa.

Das 7. Kapitel, „Warsaw and Budapest“, befasst sich mit eben jenen. Angesichts von Feierlichkeiten der Polen zur Neugründung ihres Staats und zum Sieg über die Rote Armee 1922 (die Anzahl der Jubiläen, die 1932 gefeiert wurden, ist beeindruckend) entwirft Jankowski ein Bild der Lage des bedrängten Staats im Verhältnis zu seinem deutschen Nachbarn. Polnischer Nationalismus und unbedingter Überlebenswille angesichts mehrerer Teilungen traf auf deutschen Nationalismus. Die deutsche Innenpolitik beeinflusste hier massiv die Außenpolitik, weil die Rechtsradikalen den Polnischen Korridor und die Situation in Schlesien nutzten, um Panik zu schüren und mittels dieser Panik ihre Machtbasis zu erhalten: nirgendwo war noch so eine parasitäre Adelsklasse an der Macht wie in Ostpreußen, und sie tat alles, um im Verbund mit ihren Verbündeten diese Situation zu erhalten.

Polen selbst sah sich nicht zu Unrecht akut bedroht. Es existierte erst seit 1919 wieder als eigenständiger Staat und galt vielen Reaktionären in Deutschland wie Sowjetunion als unnatürliches, zu zerstörendes Gebilde. Seine Allianz mit Frankreich half den französischen Sicherheitsinteressen, aber wegen der defensiven französischen Taktik einerseits und dem Szenario, dass Deutschland das Rheinland im Konfliktfall unbesetzt ließe und nur einen Krieg im Osten führte, nicht den polnischen. Pilsudski, dem polnischen Schattendiktator, blieb daher wenig Alternative als seine Hauptgegner, Deutschland und die Sowjetunion, gegeneinander auszuspielen.

Die Ungarn demgegenüber waren die wohl vom Krieg am meisten gezeichnete Nation. Zwar hatte Österreich mehr Gebietsverlust erlitten, aber die österreichische Republik hatte sich mit ihrem neuen Status abgefunden. Anders Ungarn. Das Land war auf Revision eingeschworen, und die 1932 neu vereidigte Regierung wollte nichts mehr, als die durch die Präzedenzfälle mit Deutschland brüchig gewordene Nachkriegsordnung zu beseitigen. Dazu brauchte sie Verbündete. Polen und die Sowjetunion fielen aus, Frankreich ebenso. Budapest wandte den Blick daher nach Rom.

Auch seine Nachbarn waren häufig genug keine Freunde des Status Quo. Bulgarien hatte wie Ungarn Land an Rumänien verloren und wollte es zurück, und keiner seiner Nachbarn mochte das neue Königreich Jugoslawien, das diverse Konfliktlinien mit Italien besaß – ob über die Hafenstadt Fiume oder über den Status von Albanien. Osteuropa war beherrscht von Ressentiments und Revisionismus.

Solcherart die Szene bereitet, geht Jankowski in den zweiten Teil seines Werks über.

{ 0 comments… add one }

Leave a Comment

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.