Rezension: Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael – Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970

Anselm Doering-Manteuffel/Lutz Raphael – Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970

Ich erinnere mich noch gut daran, im Wintersemester 2006/2007 mein erstes Hauptseminar bei Anselm Doering-Manteuffel belegt zu haben: „Profile der 70er Jahre“. Damals war die Erforschung dieser Epoche gerade in den Anfängen. Die Zeitgeschichte hat immer das Problem, dass sie, wenn sie zu nahe an die Gegenwart rückt, nicht nur unter dem fehlenden Zugang zu Quellen leidet (die Sperrfristen der Archive sind unerbittlich), sondern dass zeitgenössische Debatten und Begrifflichkeiten die Diskussionen beeinflussen und verundeutlichen. Zusammen mit Lutz Raphael hat Doering-Manteuffel deswegen schon 2008 den Band „Nach dem Boom: Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970“ vorgelegt, der vor allem dazu dient, ein neues Grundgerüst für die Forschung über jene Epoche aufzubauen. Natürlich sorgte der Band in der Fachgemeinschaft für rege Diskussion, und so überarbeiteten die Autoren ihn und schärften ihre Argumente. Ich habe die dritte Auflage von 2010 gelesen und rezensiere diese hier.

Etwas strukturell gewöhnungsbedürftig startet der Band in einem Vorwort zur 2. Auflage direkt mit einer Reaktion auf die Kritik an den ersten zwei Auflagen. Die Autoren stellen erneut ihre Grundthese vor: das entscheidende Merkmal jener Zeit sei die Entwicklung der Wirtschaft hin zum digitalen Finanzkapitalismus. Damit verbunden sind Begriffe wie die Globalisierung und natürlich das World Wide Web. Beides sei durch einen gewaltigen technologischen Sprung in den 1990er Jahren massiv befördert worden. Die Autoren sprechen hier von einem „generationellen Bruch“, der die Lebenserfahrung der Menschen vorher und nachher trenne.

In ihrem Vorwort diskutieren sie auch diverse geschichtswissenschaftliche Meta-Debatten, die mir ehrlich gesagt schlicht zu hoch und die vor allem für die Forschung selbst von Interesse sind. Sie beenden es allerdings mit einer zweiten These, nämlich der eines revolutionären Umbruchs, der sich gleichwohl allmählich vollzogen habe und deswegen gerne unterschätzt werde. Stichworte seien hier die Preisgabe der klassischen Sozialdemokratie im Zuge des „dritten Wegs“ und die steigende Frauenerwerbstätigkeit.

Gefolgt wird das mit dem Vorwort zur 1. Auflage. Hier konkretisieren die Autoren den Anspruch, Problemgeschichte zu schreiben. Sie formulieren vier Arbeitshypothesen, vor allem um deutlich zu machen, dass sie keine festgefügten Theorien oder Antworten, sondern eben „Perspektiven“ bieten (was wohl in der Rezeption des ursprünglichen Bands nicht so klar war). Demnach sei die Epoche nach 1970 erstens eine Zeit des Strukturbruchs, zweitens durch die Gleichzeitigkeit und Ungleichzeitigkeit von Trends in ganz Westeuropa dominiert, benötige drittens in ihrer Erforschung eine neue Methodik, für die man sich vor allem aus den Sozialwissenschaften bedienen müsse und es sei viertens keine klare Epocheneinteilung möglich, da kausale Verschränkungen oft nicht auszumachen seien und stattdessen Gleichzeitigkeiten vorherrschten. Zudem formulieren sie bereits hier die These des generationellen Bruchs: manche Alterskohorten verfolgten die massiven Änderungen dieser Zeit nur als Zuschauer und würden von ihnen abgehängt.

Ich sage deswegen „strukturell gewöhnungsbedürftig“, weil die Vorworte auf eine gewisse Art sowohl die Kenntnis des Buches als auch der darum herrschenden Debatte voraussetzen und sich daher vor allem an das Fachpublikum richten; wie ich bereits erwähnte, bin ich da viel zu wenig drin, um alles nachvollziehen zu können, was im ohnehin nicht sonderlich zugänglichen Stil der Autoren beschrieben wird. Aber nun genug der Vorrede, wenden wir uns dem eigentlichen Band zu.

Er beginnt mit einer knappen Darstellung der Ära des Booms. Der Keynesianismus habe sich als Reaktion auf das Versagen der Neoklassik in der Vorkriegszeit durchgesetzt, ein großer Glaube an die Problemlösekompetenz des Staates habe vorgeherrscht. Der wirtschaftliche Aufstieg nach 1945 habe dem Westen massive Wohlfahrtsgewinne und ungeahnten und präzedenzlosen Lebensstandard gebracht. Ab 1970 habe die zunehmende Inflation, hervorgerufen durch eine Lohn-Preis-Spirale, die westlichen Wirtschaften immer stärker in die Krise gestrüzt. Das Rückgrat sei dem keynesianischen Konsens dann durch die Ölschocks 1973 und 1979 gebrochen worden, die die Energie stark verteuert und somit die Inflation weiter angeheizt hätten, während gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung zu stagnieren begonnen hätte.

Dies habe zu einem radikalen Gegenentwurf geführt: Gefordert wurde von der Avantgarde der Monetaristen der Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsgeschene und die Bekämpfung der Inflation durch die Kontrolle der Geldmenge über die Leitzinspolitik der Zentralbank. Gleichzeitig entwickelten sich zahlreiche Protestbewegungen (Umwelt, Gesellschaft, etc.) im gleichen Geist einer Abwehr gegen den Staat, dem die Problemlösung nicht mehr zugetraut wird.

Die Epoche sei zudem durch einen Strukturwandel geprägt, der sich vorrangig als Krise des männlichen Fabrikarbeiters manifestiere. Die Automatisierung habe die Arbeitswelt nachhaltig verändert, neue Qualifikationen waren nun gefragt. Gleichzeitig mit der durch den Strukturwandel entstehenden Arbeitslosigkeit und der Inflation habe der Westen eine Ausweitung des Sozialstaats erlebt. Dies habe ein scheinbares Paradox geschaffen: Der Boom kam erst Ende der 1960er Jahre bei den Menschen an (die Autoren bemühen hier das Wirtschaftswunder-Leitbild vom „schwitzenden Idyll“), die nun an Konsum gewöhnt seien. Dieser neue (und bisher nie erreichte) Wohlstand müsse seither auch in Krisenzeiten aufrechterhalten werden. Es sei quasi ein neuer gesellschaftlicher Konsens entstanden.

Von der Öffentlichkeit bei weitem nicht so breit wahrgenommen sei der Aufstieg der sozialwissenschaftlichen Diagnosen. Die Sozialwissenschaften seien eine „wesentlicher Bestandteil der Nachkriegsordnung“ und als solcher sehr wirkmächtig. Bereits in den Planungsbehörden der 1950er und 1960er Jahre seien Sozialwissenschaftler*innen sehr stark vertreten gewesen, aber besonders ab 1970 sei ihre Expertise sehr gefragt gewesen, um Gegenwartsdiagnosen anzustellen. Diese Gegenwartsdiagnosen untersuchen die Autoren im zweiten und größten Kapitel des Bands, einerseits um die zeitgenössischen Debatten besser zu verstehen, andererseits um deutlich zu machen, dass die zeithistorische Forschung sich von diesen Begrifflichkeiten lösen und ihr eigenes Forschungskorsett entwickeln muss.

Die erste solcherart untersuchte These ist zugleich die älteste, nämlich die Modernisierungsthese. „Modernisierung“ sei in den 1950er und 1960er Jahren durchweg positiv verstanden und als eine Art Dreischritt definiert worden: Die Aufgabe der Politik sei die Anpassung an die Herausforderung des Fortschritts (der ihr auch zugetraut worden sei), seine krisenfreie Bewältigung und zuletzt der Ausbau der Demokratie als Antwort auf „Eigendynamik“ der Industriegesellschaft. Dieses Modernisierungsverständnis sei Ende der 1960er Jahre mehr und mehr in die Kritik geraten und in den 1970er Jahren nicht mehr aufrechtzuerhalten gewesen.

Die erste der großen skeptischen Thesen war die Postmaterialismus-These, postuliert von Ronald Inglehart 1977. Sie beobachte einen Wandel der Bedürfnisse der Menschen von rein materiellem Wohlstand hin zur zu Entfaltung der Persönlichkeit und mehr Partizipation in Politik und Gesellschaft. Ingleharts Arbeit beruhe ihrerseits auf den Ideen Daniel Bells, der fälschlich das „Ende der Ideologie“ ausgerufen habe (wegen des in den 1960er vorherrschenden keynesianischem Konsens) und als erster von „Struktuewandel“ gesprochen hatte. Inglehart streiche demgegenüber aber die Bedeutung der Generationen hervor. Er mache den Postmaterialismus am Geburtsjahgang 1946 fest. Vorher habe Materialismus vorgeherrscht. Insgesamt betrachte er das alles aber als Übergangsphänomen, das auf eine generelle Entdramatisierung der Konflikte innerhalb der Gesellschaft verweise.

Habe Inglehart den Postmaterialismus weitgehend positiv gesehen, wende die Wertewandel-These Elisabeth Noelle-Neumanns diesen ins Negative, indem sie einen pejorativen Begriff der Moderne nutze. Sie beklage einen Verlust traditioneller Werte und betrachte die neuen, in den 1970er Jahren aufkommenden Werte als sowohl neu als auch schlecht.

Dass der materielle Wohlstand überhaupt erst einen Postmaterialismus ermögliche, formulierte zu jener Zeit erstmals Helmut Klage, indem er postulierte, dass genau der materielle Wohlstand erstmals ein Konsumverhalten über der reinen Existenzerhaltung ermögliche. Er spreche von einer „lockenden, von Überfluss und individueller Unabhängigkeit bestimmten Zukunft“. Genau die Ablehnung des elterlichen Materialismus sei also überhaupt erst durch genau diesen Materialismus möglich geworden.

Die 1980er Jahre hätten sich dann vor allem durch eine große Skepsis gegenüber Zukunftserwartungen generell ausgezeichnet. Ulrich Becks „Risikogesellschaft“ wird hier als als entscheidender Text genannt. In ihm würden sich die „chiliastischen“ Debatte über Technikfolgen der 1980er spiegeln. Sie würden ein gestiegenes oder überhaupt erst entstandenes Bewusstsein für die Risiken der Moderne ausdrücken, die der Einzelne nicht beeinflussen könne (etwa Atomkraft, Klimawandel oder Umweltverschmutzung). „Modernisierung“ werde erstmals in diesem Sinne negativ verstanden. Es sei allerdings wichtig zu betonen, dass Beck nicht grundsätzlich pessimistisch gewesen sei, sondern eine „reflexive Modernisierung“ als neues Leitbild gefordert habe, also ein kritisches Hinterfragen. In diesen Kontext gehöre auch die Debatte um die „Grenzen des Wachstums“ oder die wachsende Umweltbewegung. Die Autoren sehen einen gleichzeitigen Bedeutungsverlust nationaler Politik und und eine Ausweitung des Politischen, weil sich komplett neue Handlungsfelder auftue – die im Vorwort erwähnten Gleichzeitigkeiten.

Deutlich philosophischer wird es mit der Betrachtung der Postmoderne. Damit sei entgegen dem konservativen Zerrbild keine Beliebigkeit gemeint. Vielmehr sei „Postmoderne“ ein Gegenentwurf zum gesamtgesellschaftlichen „engineering„-Anspruch der 1960er Jahre. Bordieu und Foucault wiesen auf die Bedeutung sozialer Systeme, von Druck und Ressourcen(mangel) hin und blieben damit bis heute relevant. Sie verzichteten auf umfassende Deutungsangebote und offerierten stattdessen eine Azeptanz der Unsicherheit. Die Postmoderne verabschiede sich damit endgültig vom Lenkungsanspruch des keynesianischen Konsens‘.

Auf dem politischen Gebiet sei in den späten 1980er Jahren in Reaktion auf den Aufschwung des Neoliberalismsu vor allem das Konzept der „Neuen Mitte“ aufgetreten. Anthony Giddens postulierte den sogenannten „Dritten Weg“, nachdem sowohl der Osten als auch der Westen durch den Zusammenbruch des Ostblocks ihren Sinn verloren hätten. Globalisierung und Deregulierung würden nun in die sozialdemokratische Politikkonzeption integriert, eine Verbindung „althergebrachter Probleme mit den aktuellen Bedingungen der Risikogesellschaft“. Dahinter stehe das Konzept von „Mitte-links“ als der früheren Arbeiterschicht, die jetzt neue Mittelschicht geworden sei. Die „neue Mitte“ habe einen neuer Schlachtruf: „Gemeinschaft ist grundlegend für neue Politik“. Dies sei wesentlich attraktiver als der „there is no such thing as society„-Thatcherismus gewesen. Die Erfolge in den 1990er Jahren sprächen auch für sich.

Auch wirtschaftlich habe sich in den 1990er Jahren einiges getan. Der Soziologe Manuel Castells stellte die These vom „informationellen Kapitalismus“ auf und redete von der „Netzwerkgesellschaft“. Der technologische Wandel bringe einen „Formbruch“. Castells beschrieb die Gesellschaft als eine Matrix mit fluider, zufälliger Gesamtsituation. Die Bedeutung des damals gerade die Flügel spreizenden Internets sei hier erstmals sichtbar. Daraus resultiere eine neue Wirtschaftsform mit den Merkmalen des Informationalismus, der Globalisierung und der Vernetzung, ein Prozess, der in USA und Japan gestartet sei, während Westeuropa deutlich hinterherhänge. Diese Thesen würfen Fragen nach der Flexibilisierung der Arbeit auf, die zur neuen und zentralen Anforderung an die Beschäftigten werde. Folgen habe dies auch für die Identität, die mehr und mehr fragmentiere (man kann die Identitätspolitik-Debatten unserer Zeit vermutlich in dieser Tradition sehen). Daraus resultiere Ende der 1990er Jahre dann der „informationelle Kapitalismus“, der neue Technologie und liberale Entgrenzung erstmals vereine. Die Autoren sprechen lieber vom „digitalen Finanzmarktkapitalismus“, den sie für den zutreffenderen Begriff halten. Grundsätzlich aber seien die Konzepte von „rechts“ und „links“ damit endgültig vorbei. Alle Gegenwartsanalysen seien nun Analysen des ständigen Wandels.

Zuletzt spricht der Philosoph Hermann Lübbe 1990 von der „geschrumpften Gegenwart“. Er hebe damit vor allem auf die zunehmend starken Brüche in Erwerbsbiografien ab, ein Phänomen, das Paul Virilo als „rasender Stillstand“ beschreibt: da die in der Vergangenheit liegende Ausbildung nicht mehr eine lebenslange feste Anstellung garantierten, sei die Zukunft inhärent unsicher; daraus resuliere der Verlust der Zukunft und Vergangenheit und der Bedeutungsgewinn der Gegenwart.

Weitere Autoren beschreiben die Angst vor dem Verlust von Struktur, vor allem Hartmut Rosa. Für manche Betroffene sei diese Beschleunigung ein Gewinn, den Menschen am unteren Ende des Spektrums nehme sie aber letzte Ressource weg, die ihnen bleibe: Zeit. Daraus resultiere ein „Zwang zur Flexibilität“ (Richard Sennett). Die Autoren kommen daher zu dem pessimistischen Schluss, dass es keinen allgemeinen Freiheitsgewinn im digitalen Finanzkapitalismus gebe. Sie sehen genau hier die größte Notwendigkeit zeithistorischer Forschung.

Nach diesem Parforce-Ritt durch die Ideengeschichte kommen wir zum dritten und letzten Kapitel: den titelgebenden zeithistorischen Perspektiven. Die Autoren stellen erneut eine Arbeitshypothese auf: der Strukturbruch könne nicht von einem einzigen Punkt aus analysiert werden. Stattdessen sei die Aufgabe der Zeitgeschichte die Entwicklung eigener Kategorien und die Erschließung bestehender sozialwissenschaftlicher Ergebnisse. Mehrere etablierte Forschungsfelder werden ausgemacht:

Erstens die vergleichende Politikgeschichte Westeuropas seit den 1960er Jahren. Die Autoren machen hier vor allem bei der vergleichenden Forschung noch Bedarf aus, während sie in der nationalen und Detailforschung große Erkenntnisse sehen. Zweitens der Ausbau und Umbau der westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten. Auch hier sehen sie starke, auch vergleichende Forschung, die mittlerweile vor allem bezüglich des Ausbaus der Wohlfahrtsstaaten auch nach 1970 einen Konsens erreicht habe. Mehr forschende Aufmerksamkeit brauche vor allen der länderübergreifender Reformwandel vor allem seit 1990er Jahren.

Drittens wäre da die neue Armut und die Krise des sozialen Zusammenhalts. Hier bestehe ein sozialwissenschaftlicher europaweiter Aufschwung vergleichender Forschung seit 1990er Jahren, der für die Zeitgeschichte vor allem wegen den darin erkannten Exklusionsprozessen wertvoll sei. Viertens werden die Begleiterscheinungen und Folgen der Arbeitsmigration genannt. Die sozialwissenschaftliche Modernisierungsforschung erklären die Autoren unter anderem deswegen für weitgehend nutzlos, weil sie nur Detailbefunde ohne Wert für heute erbracht habe, da der Blick (in zeitgenössischer Verengung) noch nicht auf Migration gerichtet gewesen sei. Erst in jüngerer Zeit sei Migration als Phänomen überhaupt akzeptiert, ein gutes Beispiel dafür, wie die Scheuklappen der Gegenwart (unvermeidlich) die Forschungsfragen einengen.

Von all diesen Thesen ausgehend fordern die Autoren neue Themen für eine Zeitgeschichte nach dem Boom.

Der erste Komplex dreht sich um Industrieunternehmen und die industrielle Produktion. Sie stellen die Verbreitung des „fordistischen Produktionsmodells“ in der Gesellschaft in Frage, dessen „Krise“ in der traditonellen Geschichtsschreibung wie in der zeitgenössichen Sozialwissenschaft eine viel zu prominente Rolle einnehme und keine allumfassende Erfahrung darstelle. Als weitere Themenfelder sehen sie hier den Wandel des Selbstverständnisses von Unternehmer*innen und Manager*innen in den 1970er Jahren, die Änderung der Unternehmensbürokratie und -abläufe durch neue Technik und dei Neubewertung der Arbeit („Abschied vom Malocher“).

Der zweite Komplex sind die Infrastrukturen der Wissensgesellschaft. Die Bildungsexpansion seit den 1960er Jahren habe zu einem Anstieg wissensbasierter Tätigkeiten und einem Bedeutungsverlust körperlicher Arbeit geführt. Diese Infrastrukturen hätten eine Veränderung der Städte durch Wissensinstitutionen, vor allem die stark ausgebauten Universitäten, und die daraus resultierenden Ansprüche und Binnenmigratoon bedingt. Umgekehrt gehöre zu dem Thema auch der Verfall alter industrieller Strukturen.

Der dritte Komplex besteht aus Konsum, Konsumgesellschaft und Konsument*innengesellschaft. Die massive Erweiterung von Konsum und Wohlstand wurde bereits genannt. Ab den 1970er Jahren finde hier eine große Individualisierung statt, während der Konsum der 1950er und 1960er Jahre noch sehr standartisiert gewesen sei. Dies mache erstmals alternative Lebensentwürfe möglich. Für diesen Prozess bedeutsam sei auch der Aufstieg der (privaten) Medien. Die Autoren betonen die „Janusgesichtigkeit“ dieser Entwicklung, weil sie erst durch die Ausweitung der Sozialausgaben möglich geworden sei. Die disparate Quellenlage erschwere die Forschung massiv.

Der vierte Komplex dreht such um Geschlechterordnung und Körperbilder. Ab den 1960er Jahren sehen die Autoren eine Abkehr von der Idee des Körpers als mechanischem Apparat und eine eher medizinische und individuelle Betrachtung (diese These scheint mir etwa von Hedwig Richter aufgegriffen worden zu sein). Dies findet zeitgleich mit dem Abschied von klassichen Maschinen in der Wirtschaft (hier sehen wir erneut die Fragwürdigkeit der „Krise des Fordismus“). Die AIDS-Epidemie habe den medizinischen Blick stärker in Fokus gerückt. Die Autoren betonen auch die zunehmende Manipulierbarkeit des Körpers in der Konsument*innengesellschaft und seine Optimierung. Neue Zugänge zu Sexualität und der Geschlechterordnung verändern praktisch alles und seien noch unzureichend erforscht.

Der fünfte Komplex ist die Sinnsuche in neuen Erwartungshorizonten. Seit den 1960er Jahren sei ein deutliches Nachlassen der Bindekraft etablierter Kirchen zu beobachten (Tomas Brechenmacher spricht vom „Sog der Säkularisierung“). Die Menschen suchten neue Erklärungsansätze und neue Kombinationen bestehender Spritualität. Die Formen der Sinnsuche würden zunhemend privat, während ein „religiöser Kosmopolitismus“ im Aufschwung sei. Gleichzeitig sei aber eine wenngleich beschränkte Rückkehr des Fundamentalismus zu beobachten.

Die Autoren beenden ihren Band mit der Feststellung, dass es starke Umbrüche in der Zeitdiagnose und einen Wandel von Leitbegriffen gebe, vor allem bezüglich des Begriffs „postmodern“. Die Konzepte von „Fortschritt“ und „Modernisierung“ verlören ihre früher klar progressive Strahlkraft. Die Zeitgeschichte müsse eigene Begriffe entwickeln und schärfen.

Ich denke, es ist aus der Rezension deutlich geworden, dass dieser Diskussionsband sich an ein Fachpublikum richtet. Wer aber mit all diesen Meta-Diskussionen und ideengeschichtlichen Überblicken etwas anfangen kann, wird sicher sehr reich bedient. Die Kenntnis wenigstens der grundlegenden Konzepte wird aber klar vorausgesetzt. Die stark verdichtete und fremdwortreiche Sprache erleichtert den Zugang auch nicht eben.

{ 1 comment… add one }

Leave a Comment

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.