Rezension: Nathaniel Rich – Losing Earth

Nathaniel Rich – Losing Earth

Wissenschaftler*innen warnen: Die Erde erhitzt sich, und der Klimawandel ist menschengemacht. Es ist das Verbrennen von CO2, und die Aussichten sind düster. Politiker von Democrats und Republicans tun sich zusammen, um Lösungen zu finden. Exxon Mobile erkennt die Zeichen der Zeit und gründet eine Abteilung mit Millionenbudget, um den Konzern auf eine Zukunft nach fossilen Energien vorzubereiten und an die Spitze des technologischen Wandels zu setzen. Das Thema „globale Erwärmung“ ist das der Zukunft; es wird die kommenden Dekaden maßgeblich bestimmen. Großer politischer und wirtschaftlicher Wandel stehen ins Haus. – Das Jahr ist 1979, und der „Coal Report“ wurde gerade veröffentlicht. Informationen, die einschlägig gebildeten Wissenschaftler*innen bereits seit 1880 (!), spätestens seit 1939 bewusst sind, haben erstmals höhere Ebenen der Politik erreicht. In den kommenden Jahren wird die Zukunft, in der entscheidende Handlungen zur Rettung des Planeten unternommen werden, verlorengehen. Nathaniel Richs Buch ist die Geschichte hinter diesem Verlust.

Das Narrativ beginnt mit einem Bericht, der die Zusammenhänge zum ersten Mal klar zur Sprache bringt – vorausgesetzt, man ist bereit, mehrere hundert Seiten eines wissenschaftlichen Berichts zu lesen. Wie so oft spielte der Zufall eine große Rolle und brachte eine Person ins Scheinwerferlicht, die eher unwahrscheinlich wäre. In diesem Fall ist es Rafe Pomerance, ein Aktivist ohne besonderen Fokus und bar jeder wissenschaftlichen Ausbildung, aber mit viel natürlichem Charisma und magischen familiären Verbindungen in den US-Politikbetrieb. Pomerance ist eine der zwei Hauptfiguren – man kann vermutlich auch „Helden“ sagen -, anhand derer Rich die Geschichte erzählt.

Pomerance war im Zentrum der ersten wissenschaftlichen Konferenz zum Thema Klimawandel – und erkannte schnell, dass mit den Wissenschaftler*innen kein Staat zu machen war. Zu vorsichtig und voll traditioneller Zurückhaltung, sich bloß nicht in die Politik einzumischen, konnte sich die Konferenz nicht einmal dazu durchringen, das Ausmaß der Gefahr klar zu benennen, aus Furcht, als parteiisch oder gar politisch zu gelten. Die wenig öffentlichkeitsaffinen Wissenschaftler*innen waren zudem wenig dazu angetan, Schlagzeilen zu generieren. Pomerance suchte einen Helden, der PR-wirksam war – und fand ihn in James Hansen. Der Klimawissenschaftler besaß einen spröden Charme mit dem Geruch von Dinern des Mittleren Westens, was ihn für praktisch alle Politiker*innen wie Medienschaffenden attraktiv machte. Und er war bereit, Klartext zu sprechen.

Das gelang auch. Noch 1979 entstand ein einzigartiger „bipartisan moment„, wie die Amerikaner*innen sagen. Es schien offenkundig, wohin die Reise ging. Klimawandel war eine gewaltige Herausforderung, sie betraf alle und war daher so überparteilich wie noch irgendetwas. Einige besonders Visionäre sprachen bereits von der Notwendigkeit, die Sowjetunion mit einzubinden. Die Verantwortlichen von Exxon Mobile zeigten großes Interesse und waren sich darüber im Klaren, was der Klimawandel für ihr Geschäftsmodell bedeutete. Sie gründeten eine Abteilung mit einem Budget von 600.000 Dollar im Jahr – mehr, als die Klimaforschenden insgesamt vom Staat bekamen – und begannen eine Kommunikationsoffensive mit Selbstverpflichtungen, sich innerhalb der kommenden Dekade von fossilen Energien zu verabschieden und der erste CO2-freie Konzern der USA zu werden.

Dann kam die Wahl 1981. Ronald Reagan löste Jimmy Carter ab und nominierte Extremisten an die Spitze der relevanten Institutionen. Der Versuch, die EPA (Environmental Protection Agency), von Richard Nixon gegründet, abzuschaffen, scheiterte zwar glücklicherweise. Aber William Ruckelshaus, der den Posten übernahm und die klimaengatierte Anne Gorsuch ablöste, hatte vor allem ein Mantra: die Abschaffung so vieler Regulierungen wie möglich und die Förderung des Abbaus fossiler Energien wo immer möglich. Naturschutzgebiete, Nationalparks, nichts war vor der Zerstörungswut der Reagan’schen Ideologen sicher.

Gleichzeitig schaufelten die Klimawissenschaftler*innen eifrig am Grab der Sache mit. Auf der großen Konferenz „Changing Climate“ von 1983 zerstritten sich die Wissenschaftler*innen heillos in Detailfragen. Aus Furcht, in politische Auseinandersetzungen gezogen zu werden, ließen sie sich nicht auf konkrete Aussagen festnageln, blieben im wissenschaftlichen Jargon und weigerten sich, ein gemeinsames Statement mit Aufforderung zum Handeln zu unterschreiben.

Dies führte zu dem fatalen Anschein, dass die Lage nicht dramatisch wäre und Zeit bestünde. Exxon strich seine Abteilung und erklärte, nun doch bei fossilen Energien bleiben zu wollen, die von der Reagan-Regierung politisch massiv unterstützt wurden. Das Geld lag auf der Straße. Stattdessen etablierte sich ein Narrativ, das wir bis heute kennen: der Klimawandel ist ein Problem der Zukunft, und bis dahin werden irgendwelche tollen Technologien erfunden, die es für uns lösen werden.

In den folgenden 1980er Jahren gab es praktisch keine Fortschritte. Reagan blockierte jeden Versuch, irgendwelche Regulierungen zu schaffen. Man muss dankbar sein, dass es ihm nicht gelang, die wenigen bestehenden Regelungen nicht vollständig zu zerstören. Das Ausmaß aber, in dem diese Regierung die Sache letztlich weltweit zurückwarf, ist kaum zu überschätzen. Unter Reagan wurde das Leugnen des Klimawandels zur Kernidentität der Konservativen. Der bipartisan moment war vorbei und würde nicht wieder kommen.

Neue Hoffnung kam 1987/88. Hier begann die Geschichte des „Ozonlochs“. Diese ist insofern bemerkenswert, als dass es weder eine Ozonschicht noch ein Loch in derselben gibt. Trotzdem machte das Narrativ vom Ozonloch eine beeindruckende Karriere, weil es, im Gegensatz zu den abstrakten Szenarien des Klimawandels, greifbar war. Journalist*innen und Politiker*innen fachten nachgerade eine Ozonloch-Panik an, mit Angst vor Erblindung und allen möglichen Krebsarten. Wissenschaftlich war das alles großer Quatsch, aber innerhalb kürzester Zeit war das massiv schädliche Treibhausgas FCKW, das seit den 1930er Jahren in die Atmosphäre geblasen wurde und für die Hälfte (!) der Erderwärmung verantwortlich war, verboten. Für Pomerance und Hansen war das ein Hoffnungsschimmer. Es brauchte ein ähnlich greifbares Narrativ, das den Mittelweg zwischen Größe der Herausforderung einerseits und Eindruck von Handlungsfähigkeit andererseits ebenso wie die Ozonlochgeschichte schaffte (ich habe das als Sandwichproblem der Politik beschrieben).

Daraus entstand 1989 der Versuch, mit Emissionszielen etwas Ähnliches wie die Bekämpfung des Ozonlochs zu erreichen. Anders als die vielen Szenarien waren Emissionsziele konkret. Pomerance hatte gelernt, die Wissenschaft komplett zu ignorieren und die Zahl von 20% Reduktion bis 2000 in den Raum geworfen – wissenschaftlich null belegt, aber greifbar, leicht verständlich und in einem absehbaren Zeitraum. Die Lösung, davon war Pomerance überzeugt, konnte nicht aus der Wissenschaft kommen. Der Klimawandel war ein politisches Problem, und die Lösung musste politisch gefunden werden.

An dieser Stelle ist es vielleicht interessant, die Rolle von Al Gore zu beleuchten. Der Senator aus Tennessee taucht in Richs Narrativ immer wieder auf. Er gehört zu den ersten Politikern, die Anfang der 1980er Jahre das Klimawandelthema ernstnehmen und Gesetzesvorschläge einbringen, und er schuf quasi im Alleingang einen neuen Ausschuss, der sich mit Zukunftsfragen auf wissenschaftlicher Basis auseinandersetzte. 1988 kandidierte er bei den primaries, um das Klimawandelthema zu promoten. Nur, zum Helden taugt er nicht. Rich kann seine Enttäuschung kaum verbergen, wenn er beschreibt, wie Gore das Klimawandelthema sowohl 1983 als auch 1988 fallenlässt, als es an Wirksamkeit verlor. Den Wahlkampf 1988 bestritt er – erfolglos – mit rechten Kulturkampfthemen wie dem Adoptionsverbot für Homosexuelle oder der Wiedereinführung des Gebets in öffentlichen Schulen. Auch die Politik ist, soviel wird deutlich, sicherlich kein Erfolgsgarant für die größte Aufgabe der Menschheit.

Trotzdem war das Jahr 1989 der Höhepunkt der Hoffnungen auf ein Angehen der beginnenden Klimakrise. Die niederländische Regierung war Gastgeber des ersten diplomatischen Gipfeltreffens zur Bewältigung der Krise und hatte einen Plan vorgelegt, der deutliche Emissionsbeschränkungen vorsah. Zwar blieben diese hinter Pomerances Wert von 20% bis 2000 zurück, aber es wäre ein Vertragswerk, auf dem aufgebaut werden konnte. Zahlreiche Nationen hatten ihre Bereitschaft erklärt, das Papier zu unterzeichnen.

Es war an dieser Stelle, dass die Politik erneut ihr Haupt erhob. Dieses Mal bewies sie, wie viel Einfluss eine einzelne Person besitzen konnte – um Guten wie im Schlechten. George H. W. Bush hatte rhetorisch seine Bereitschaft zur Unterzeichnung erklärt und ließ sich bereits als „Klimapräsident“ feiern. Aber wo Al Gore unermessliche Verdienste bei der ersten Welle der Öffentlichkeitsarbeit zu Beginn der 1980er Jahre erworben hatte, so zeigte nun Bushs Stabschef John Sununu das Gegenteil.

Er glaubte nicht an den Konsens der Wissenschaft und erklärte rundheraus, dass es sich um „technischen Firlefanz“ handle; in Wahrheit sei die Kapazität der Ozeane, überschüssige Wärme aufzunehmen, viel höher, als die Klimawissenschaftler*innen behaupteten. Der Wirtschaft seien daher schwerwiegende Einbußen zu ersparen. Praktisch im Alleingang blockierte Sununu die Arbeit der US-Wissenschaftler*innen (die als Bundesangstellte der direkten Weisungshoheit des Weißen Hauses unterlagen) und schwor die US-Diplomaten auf eine Blockadelinie ein. Die finale Verhandlungs-Sitzung in Den Hag, die eigentlich vor allem formellen Charakter hatte – das Papier war ja monatelang diskutiert worden und harrte nur der Unterschriften – dauerte über 15 Stunden und endete mit einem Formelkompromiss ohne jede Durchsetzungskraft, einer Absichtserklärung ohne konkrete Absichten. Die USA hatten, im Verein mit Japan, Großbritannien und der Sowjetunion, denen ein eigener Anteil an dieser Schande gebührt, ein weltweites Abkommen blockiert. Es war das erste und sollte nicht das letzte sein. In einer Ironie der Geschichte würde der nächste derartige Versuch von Al Gore betrieben und vom Sohn George H. W. Buhs blockiert werden – das Kyoto-Abkommen.

Nach einer vergeudeten Dekade standen der Menschheit drei weitere vergeudetete Dekaden bevor. Wir sind gerade drauf und dran, dem noch eine fünfte hinzuzufügen. Unsere Kinder werden uns einst verfluchen. In der Zwischenzeit können wir uns immerhin sicher sein, dass die Akteure in den Geschichtsbüchern verewigt werden. Das ist wenigstens ein schmaler Trost.

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