Rezension: Neil Gaiman – Sandman Deluxe Edition 5

Neil Gaiman – Sandman Deluxe Edition 5

Mit dem fünften Sammelband findet die Sandman-Saga ihr Ende – und ich habe fünf hübsche Hardcover-Gesamtausgaben in meinem Comicregal stehen. Diese haben zwar leider den Nachteil, dass manchmal die nahe an der Falz liegenden Bilder schwer erkennbar beziehungsweise der Text dort unleserlich ist, weil der Rand arg knapp gehalten wurde und die Bände ziemlich dick sind, aber dieses Mini-Detail ist so ziemlich der einzige Kritikpunkt, den ich gegenüber diesen Werken habe. Das Einzige, was ich an dem Kauf der insgesamt fünf Wälzer bereue ist, sie nicht schon viel früher gelesen zu haben.

Ich erwähnte bereits, dass in diesem Band die Saga ihr Ende findet. Nachdem Traum am Ende des vierten Bandes durch die Furien vernichtet wurde – der Abschluss zahlreicher Plotfäden, die sich bis weit in die griechische Antike zurückstrecken – befasst sich die erste Geschichte dieses Bandes, die zugleich die letzte im durchgehenden Handlungsstrang ist, mit dem Begräbnis Traums, während seine neue Inkarnation – „Ideen sind unsterblich“, wie Lucien Matthew mitteilt – ohne Wissen über die Welt, aber im vollen Bewusstsein seiner Aufgabe ängstlich darauf wartet, seine Geschwister zu treffen.

Das Begräbnis findet, passenderweise, in der Traumwelt statt und hat zahllose Gäste, die aus den bisherigen Geschichten oder der Mythologie bekannt sind. Vermischt mit philosophischen Betrachtungen über die Natur der „Endlosen“, von Träumen und der conditia humana sind dabei Erinnerungen und Reminiszenzen der Charaktere, die dem Prozedere eine bedeutungsschwangere, traurige gravitas geben, wie sie dem Abschluss eines Epos gebührt.

Gleichzeitig findet ein paralleler Handlungsstrang mit Matthew im Zentrum statt. Der Rabe ist traurig und wütend zugleich, weigert sich, an den Feierlichkeiten teilzunehmen und hat kein Interesse daran, weiter im Traumreich zu dienen. Er will weiter, worin auch immer dieses „weiter“ bestehen mag (man ist sich allseits aber sehr sicher, dass es mit Traums Schwester Tod zu tun haben wird). In Gesprächen mit der neuen Inkarnation Traums und mit Lucien aber lässt sich Traum schließlich doch dazu bereit erklären, Traum als Berater zu dienen. Ob das eine Beförderung darstellt, eine Bürde oder beides, bleibt letztlich offen.

Die weiteren Geschichten des Bandes sind im bekannten Anthologien-Stil gehalten. So begleiten wir William Shakespeare beim Verfassen seines letzten Dramas, und dem zweiten, das er Traum schuldet. Shakespeare reflektiert über sein Leben und sein (sehr eingeschränktes) Familienglück und fragt sich, ob es den Preis am Ende wert war. Berühmt ist er nun, aber wäre er vielleicht mit einer „normalen“ bürgerlichen Existenz glücklicher gewesen? Eine Antwort auf diese Frage erhält er nicht, nicht von Traum und nicht von sonstwem, und da ist der Titan der Schriftstellerei so menschlich wie selten zuvor.

Ich bin trotzdem weiterhin kein großer Fan des Shakespeare-Plots, der, wenig überraschend, der Favorit der meisten Kritiker*innen ist (man denke vor allem an die Sommernachtsgeschichte im zweiten Sammelband, die den „Sandman“-Epos in den Pantheon der Literatur geschossen hat, in dem sonst nur noch „Watchmen“ zu finden ist). Es ist mir zu…provinziell, beinahe schon. Ja, Shakespeare ist der wichtigste englische Dichter, aber Traum ist eine kosmische Figur, und seine Begeisterung für Shakespeare, anstatt für Dichter*innen anderer Kulturkreise, scheint mir arg eine angelächsische Nabelschau. Ja, Gaiman umgeht das Problem durch die vielen Facetten von Traums Persönlichkeit, aber da wir als Lesende nur diese Perspektive haben, ist das kein echter Trost.

Eine andere große Geschichte ist künstlerisch interessanter, weil sie einen anderen Kulturkreis zugänglich macht, in diesem Fall die Welt japanischer Mythen. Ein buddhistischer Mönch wird von einem Fuchs und einem Waschbär geplagt, die eine Wette am Laufen haben. Die Füchsin verliebt sich in den Mönch und versucht, ihn vor Dämonen zu beschützen; das führt in eine Reise ins Traumreich bis vor Traums Thron. Die Geschichte ist im Band doppelt enthalten: einmal mit Zeichnungen eines japanischen Künstlers im Wasserfarbenstil, mit dem Text als Prosa daneben abgedruckt, einmal als klassischer Comic. Ich bevorzugte tatsächlich den Wasserfarbenstil, der der Geschichte angemessener erscheint und sie als künstlerisch interessanter erscheinen lässt, zumindest für mich.

Insgesamt mochte ich den eigentlichen, durchgehenden „Sandman“-Handlungsstrang am Liebsten, konnte aber mit den meisten Anthologien auch etwas anfangen (am wenigsten tatsächlich mit denen des vierten Sammelbandes). Rückblickend stellt sich für mich die Frage, ob eine Anordnung im Sammelband in getrennter Form nicht sinnvoller gewesen wäre, aber so bleibt die Geschichte verworrener, facettenreicher und – dafür – schwieriger zu folgen. Alles hat seinen eigenen Payoff, fürchte ich. So oder so bleibt eine unbedingte Empfehlung für alle Sandman-Bände bestehen.

{ 3 comments… add one }
  • cimourdain 24. Februar 2022, 16:38

    Über die Besprechung habe ich mich gefreut. Zum einen ist etwas gesunder Eskapismus eine Abwechslung nach all den Büchern um Geld und Krieg. Zum anderen habe ich selber ein Faible für Gaiman und möchte dir als nächstes ‚American Gods‘ vorschlagen.
    Zwei Geek-Kommentare will ich mir dennoch nicht verkneifen:
    1. Deine Sammlung ist wohl noch nicht vollständig. Dir fehlt noch das Prequel ‚The Sandman: Overture‘.
    2. Der Zeichner hinter der ‚Dream Hunters‘ Geschichte ist Yoshitaka Amano, der Designer hinter der ‚Final Fantasy‘ Videospielserie.

    • Stefan Sasse 24. Februar 2022, 19:37

      Werd’s mir anschauen!
      1) Oh, das ist da nicht enthalten? Prüf ich.
      2) Ahhhh! Danke.

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