Bohrleute 10: Endlich normale Leute, mit Jonas Schaible

Mit Jonas Schaible sprechen wir darüber, warum der Begriff des „Normalen“, den die AfD im Wahlkampf zu nutzen versuchte, so unglaublich aufgeladen ist und zu so heftigen Abwehrreaktionen führt.

Jonas‘ These hierzu ist, dass es einen „Normalitarismus“ gibt, eine Art Abwehrreaktion derer, deren gefühlte Normalität durch die Pluralisierung bedroht wird. Wir diskutieren, inwieweit diese These zur Erklärung der aktuellen Situation beiträgt.

Eine weitere Frage, der wir uns in diesem Zusammenhang widmen, ist die der Regierbarkeit. Macht die Pluralisierung es zunehmend schwieriger, wenn nicht sogar unmöglich, stabil zu regieren und die Herausforderungen der Zukunft – Stichwort Klimakrise – zu meistern?

Shownotes:

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{ 27 comments… add one }
  • CitizenK 22. November 2021, 17:42

    D in vielerlei Hinsicht allenfalls noch Mittelmaß – während viele hier es noch für ein Vorbild halten. Wird diese Erkenntnis eine Art PISA-Schock auslösen? Die Regierung in Kretschländ macht wenig Hoffnung mit ihrer Buchhalter-Mentalität: Nichtstun und Warten auf die Zahlen für die „Alarmstufe“ – man fasst es einfach nicht. Und bessere PISA-Ergebnisse werden es auch nicht richten, wie Sachsen zeigt.

    • Stefan Sasse 22. November 2021, 22:07

      Du siehst mich nur ratlos mit den Schultern zucken.

    • Kning4711 23. November 2021, 08:02

      Heute Morgen war bei uns im Radio (WDR5) ein kurzer Blick zu den Auslandskorrespondenten in Italien, Frankreich und Spanien. Die Öffentlichkeit dort ist doch sehr verwundert über die als organisiert geltenden Deutschen, die in Sachen Covid-Eindämmung kaum Fortschritte machen. Man fragt sich, wieso dieses hochentwickelte Land angesichts trauriger Vorbilder in seiner Nachbarschaft nicht die Kurve bekommt.
      Ja auch in diesen Ländern steigen die Inszidenzen, aber auf deutlich geringerem Niveau bei gleichzeitig höheren Impfquoten. Die Korrespondenten erklärten auch, dass die Menschen nicht mit Häme auf uns blicken, sondern mit Mitgefühl und Fassungslosigkeit.

      Wann wird dieser Alptraum endlich ein Ende nehmen? Meine letzte Hoffnung ist, das Krisen auch Helden gebären und der oder die kommende Gesundheitsminister(in) diesen in sich entdeckt. Die Führungskrise ist erschreckend und verstörend.

      • Thorsten Haupts 23. November 2021, 08:49

        Nichts da. Die Führungskrise ist genau das, was uns Medien über Jahrzehnte als Ideal verkauft haben – endlich mal keine starken Alphas, die führen wollen und (horrible dictu) Entscheidungen fällen. Wir haben genau das bekommen, was deutsche Leitmedien und deutsche Leitstudiengänge für Leitbilder halten. Dass man in Krisen Führung braucht, konnte ja in Medien, Behörden und NGOs/Verbänden keiner wissen (und das ist nur zur Hälfte ironisch gemeint).

        Unser politisches Führungspersonal wurde und wird von Medien und Feedbackschleifen ausgebildet. Wir haben exakt das bekommen, was zu erwarten war. Beschwerden darüber sind völlig sinnlos, solange sich das Sozialisations-Umfeld nicht ändert.

        Gruss,
        Thorsten Haupts

        • Erwin Gabriel 30. November 2021, 15:27

          @ Thorsten Haupts 23. November 2021, 08:49

          Wir haben exakt das bekommen, was zu erwarten war. Beschwerden darüber sind völlig sinnlos, solange sich das Sozialisations-Umfeld nicht ändert.

          So etwas von richtig.

          Ich kann mich nur an eine große Entscheidung der letzten 10 Jahre erinnern, die nicht durch Abwarten und Aussitzen alternativlos „gemacht“ wurde. Das war der übereilte Atomausstieg.

      • Stefan Sasse 23. November 2021, 11:17

        Da wird sich nichts mehr dran ändern. Das ist ja systemisch.

  • Lemmy Caution 22. November 2021, 20:54

    Zum den ersten paar Minuten.
    Sind Integrationskosten wirklich nur ein persönliches psychologisches Problem? Ich hatte nun in meinem bald ex-Projekt Probleme mit einem nahoststämmigen Menschen in einer management-artigen-Funktion. Der Punkt war dieser: Ich finds wichtig, dass man Kunden und Projektleiter auch schon einmal kritisieren darf, um so zu einer Verbesserung der Prozesse zu kommen. Das hintertrieb dieser Mensch aber systematisch. Nach seinem Verständnis scheint das gegen DIE REGELN zu verstossen. Und in seinem Kopf funktioniert Deutschland so gut, weil sich halt alle an DIE REGELN halten. Die sich aus Offenheit, Ehrlichkeit und nicht statusbasierten Arbeitsbeziehungen ergebenen Möglichkeiten existieren für den Tuppes einfach nicht. Er war nicht mal ein Vorgesetzter, aber ich empfand den zunehmend als ständiges Störfeuer auf 2 Beinen.
    Mit technischen Nahost-Leuten hatte ich eigentlich nie Probleme, auch wenn sie mir vorgesetzt waren. Mit solchen in einer eher management-artigen Rolle nun schon zum zweiten Mal. Liegt es an der spezifischen Persönlichkeit von den beiden Leuten und mir, oder hat es vielleicht auch kulturelle Ursachen?
    Irgendwie wird unser tägliches Mitarbeiter durch bestimmte Regeln implizit geprägt, die halt teilweise auch zwischen Kulturkreisen unterschiedlich sind. Mir ist es völlig egal, wenn ich morgens vor der Kaffeeküche warten muss, weil der ägyptische Kollege halt keinen anderen Gebetsraum hat.
    Aber wenn es um so zentrale Fragen wie dem normalen Umgang mit Autorität und (Budget)-Macht geht, wird es für mich zum Problem, das mir meinen Glauben in den Sinn meiner Arbeit verlieren läßt. Nach 4,5 Jahren sollte man natürlich sowieso sein Projekt wechseln, aber der Typ war halt ein wichtiger Grund, weil unser Vertrauensverhältnis seit vielen Monaten gestört war. Es war nun für mich kein existentielles Problem, weil ich direkt ein Anschlussprojekt finden konnte. Andere erleben das verschieden.
    Sind Wähler dieser nationalistischen Strömungen in Polen, Ungarn, Deutschland, Chile und bald massiv Frankreich alles unreflektierte Honks mit Modernitätsproblemen? Oder haben vielleicht manche unangenehme Erfahrungen gemacht? Diese Erfahrungen verteilen ja nicht gleich über alle Leute. Potentiert nicht vielleicht eine große Menge an Immigranten aus einer bestimmten Region diese Erfahrungen? Natürlich schaukeln die sich etwa in vielen Regionen Sachsens gegenseitig auf. Ich finde aber nicht, dass man das generalisieren sollte. Viele Dinge sind mir egal, aber in bestimmten Punkten beharre ich auf den common sense der Mehrheitskultur. Das habe ich mir fest vorgenommen.

    • Thorsten Haupts 23. November 2021, 08:57

      Sind Integrationskosten wirklich nur ein persönliches psychologisches Problem?

      Natürlich nicht. Leuten, die so etwas behaupten, fehlt es entweder an Lebenserfahrung oder an Verstand. Ich mache mit Andersdenkenden gerne einen persönlichen Spaziergang durch die Banlieus von Paris oder durch Mechelen in Belgien und mache sie auf die subtilen, aber verstörenden, Anpassungsmechanismen der ehemaligen Mehrheitsgesellschaft an arabischstämmige neue Mehrheiten aufmerksam.

      Das muss den Leuten nicht gefallen und das darf auch den Leuten nicht gefallen – der Rechtspopulismus ist mitnichten anlasslos vom Baum gefallen, weil einige Bösewichte gezündelt haben.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

      • CitizenK 23. November 2021, 09:23

        Welches sind diese „verstörenden Anpassungsmechanismen“?

        In den klassischen Einwanderungsländern gab es die Chinatowns und die Little Italies, was als folkloristisch und Tourismus-fördernd angesehen wurde (abgesehen von der Kriminalität).

        In Mannheim gibt es „Klein Istanbul“ mitten in der Innenstadt, was nicht als Problem wahrgenommen wird. Probleme gibt es bei Demos um die Kurdenfrage, wie in anderen Städten (Köln) auch. Zweitstimmen AfD bei der letzten BTW: 9,1 % – knapp unter dem Landesdurchschnitt BW (9,4 %).

        • Thorsten Haupts 23. November 2021, 12:00

          Zwischen little Italy und little Bagdad gibt´s ein Kulturgefälle von ca. 2 Jahrhunderten plus die mit Abstand schlimmste der drei monotheistischen Religionen aus dem Morgenland.

        • derwaechter 23. November 2021, 12:44

          Ich könnte mir vorstellen, dass z.B. offene Homosexualität oder das Tragen einer Kippa in diesen Gegenden eher vermieden wird. Das wäre schon ein verstörenderAnpassungsmechanismmus.

          • CitizenK 23. November 2021, 16:54

            Das ist wahr.

          • Stefan Sasse 23. November 2021, 18:09

            Völlig bei dir. Was ich mir nur wünschen würde ist, dass solche „verstörenden Anpassungsmechanismen“ bei No-Go-Areas in Ostdeutschland auch die Aufmerksamkeit bekämen, die sie verdienen.

            • Thorsten Haupts 23. November 2021, 19:05

              Yup!

            • CitizenK 24. November 2021, 09:07

              Ja! Zur Wahrheit gehört aber auch: Das sind nicht nur Migranten. Schon vor 20 Jahren haben wir einen Urlaub in einem ostdeutschen Bundesland abgebrochen, nachdem uns in einem Supermarkt von Neo-Nazis bedeutet worden war: National befreite Zone.

            • derwaechter 24. November 2021, 20:02

              Rechtsextremismus in Ostdeutschland bekommt keine, bzw. nicht genug, Aufmerksamkeit?

              Allein schon, dass No-Go Areas und National Befreite Zone Begriffe sind, die nicht weiter erklärt werden, deutet darauf hin, daß das Wissen über die Zustände im Osten als bekannt vorausgesetzt wird.

              • Thorsten Haupts 24. November 2021, 21:00

                Ja, aber es wird seit 30 Jahren viel zu wenig dagegen getan. Und damit meine ich nicht irgendwelche wirkungslosen Anti-Rechts-Laberprojekte. Einer der Gründe dafür ist einfach – diese Leute beleidigten und verwickelten bisher (das ändert sich vielleicht gerade) die Polizei nicht immer wieder in Strassenschlachten.

                Gruss,
                Thorsten Haupts

                • Stefan Sasse 25. November 2021, 07:35

                  Klar. Dass die Polizei die Antifa nicht leiden kann ist verständlich. Aber: gleichzeitig fällt auch eine unangenehme Nähe der Polizei zu diesen Leuten auf…

                  • Thorsten Haupts 25. November 2021, 19:40

                    ???? Motivieren Sie doch einfach Linke, in Polizei und Miltär zu gehen. Ohne das ist der default von Sicherheitskräften automatisch „rechts“ im weitesten Sinne. Und ebenso per default (Waffen, Hierarchie) attraktiv für Rechtsradikale. Weswegen es da ein paar mehr geben dürfte, als im Durchschnitt der Bevölkerung. Mehr allerdings auch nicht.

                    Gruss,
                    Thorsten Haupts

                    • Stefan Sasse 26. November 2021, 07:45

                      Klar. Aber da sind wir wieder bei der diskussion um den ÖR: die Präferenzen sind mir ja recht hupe, solange es nicht auf die Arbeit durchschlägt. Polizist*innen dürfen gerne konservativer/rechter sein, aber wenn sie halt mit Nazis kuscheln wird’s eklig. Und gerade in Sachsen ist das hart der Fall, oder denk mal an Hessen mit diesen ganzen Leaks.

              • Stefan Sasse 25. November 2021, 07:34

                Es weiß auch jeder um das Problem männlicher Migranten, darum geht es mir nicht. Wenn wir als Gesellschaft sagen „das ist ein Riesenproblem, das Priorität haben sollte“, dann sehe ich das bei keinem von beiden.

                • derwaechter 25. November 2021, 14:08

                  Stimmt!

                  Ich habe wohl „Aufmerksamkeit bekommen“ falsch verstanden

                  • Stefan Sasse 25. November 2021, 18:35

                    Mein Text ließ ja durchaus beide Interpretationen zu. No worries.

  • Thorsten Haupts 23. November 2021, 12:57

    Plus Frauen in bestimmten Kleidungen, die Ausweichbewegungen bei drohenden Begegnungen mit Jungmännergruppen, viele „Eingeborene“ (weisse Franzosen) nur noch in Gruppen unterwegs (besonders, aber nicht nur, Frauen), das Dominanzgehabe arabischer Männer in öffentlichen Verkehrsmitteln etc.

    Da gibt´s echt Leute, die sich nicht bereichert fühlen. Alles Rechtsradikale!

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • CitizenK 23. November 2021, 17:10

      Jetzt verstehe ich, was du gemeint hast. In Frankreich aber historisch bedingt wesentlich schlimmer als hier.

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