Bücherliste Oktober 2021

Anmerkung: Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher und Zeitschriften bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Darüber hinaus höre ich eine Menge Podcasts, die ich hier zentral bespreche, und lese viele Artikel, die ich ausschnittsweise im Vermischten kommentiere. Ich erhebe weder Anspruch auf vollständige Inhaltsangaben noch darauf, vollwertige Rezensionen zu schreiben, sondern lege Schwerpunkte nach eigenem Gutdünken. Wenn bei einem Titel sowohl die englische als auch die deutsche Version angegeben sind, habe ich die jeweils erstgenannte gelesen und beziehe mich darauf. In vielen Fällen wurden die Bücher als Hörbücher konsumiert; dies ist nicht extra vermerkt.

Diesen Monat in Büchern: Verfassungsgeschichte, Krieg der Welt, Sandman, Schwertersturm, Pardona, Verlorener

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: Jugend

BÜCHER

Oliver Haardt – Bismarckes ewiger Bund

Ich muss zugeben, dass ich mich lange um die Lektüre von Haardts Mammutwerk gedrückt habe, obwohl es mich brennend interessiert hat. Einerseits sind 900 Seiten über die Verfassungsgeschichte des Kaiserreichs nicht eben eine auf die leichte Schulter zu nehmende Aufgabe, und andererseits ist der Preis des Bandes leider ziemlich hoch. Aber er wurde in den vergangenen beiden Jahren in der äußerst fruchtbaren Debatte um die Neuinterpretation der Geschichte des Kaiserreichs viel zu oft lobend erwähnt und referenziert, als dass ich um die Lektüre herumkommen würde. Und das ist eine gute Sache.

In neun Kapiteln seziert Haardt sowohl den Verfassungsprozess des Kaiserreichs als auch die Gründungsverhandlungen; die Rolle von Kaiser und Kanzler; die Entwicklung des Bundesrats und schließlich Parlament und Gerichtsbarkeit. Wer denkt, dass dies trockene Themen sind, liegt richtig; es braucht schon ein tieferes Interesse an diesen Themen, um sich durchzukämpfen.

Ich möchte eine strukturelle Kritik gleich zu Beginn voranstellen. Trotz des Umfangs von 900 Seiten wären 20 oder 30 zusätzliche Seiten, auf denen Haardt einen Überblick über die Verfassung des Kaiserreichs gibt, sehr willkommen gewesen, gerne auch mit gut verständlichen Schaubildern. Denn diese Kenntnisse werden offensichtlich vorausgesetzt, wenn in Kapiteln 2 und 3 die verschiedenen Optionen und Änderungsvorschläge diskutiert werden; wer die Verfassung des Kaiserreichs nicht im Kopf hat, verliert sich da schnell, weil die Referenz fehlt, gegen die diese Optionen abgewogen werden könnten.

Aber das ist ein geringes Manko, verglichen mit der reichhaltigen Lektüre. Ausführlich führt Haardt durch die verschiedenen Elemente der inneren Verfasstheit des Kaiserreichs und schwingt mit Lust den revisionistischen Hammer gegen viele Elemente scheinbar feststehenden Wissens. Zentral sind darin die Konzeption des „Fürstenbundes“ als legitimatorische Klammer, die mit der Zeit mehr und mehr zur Makulatur wird; die Herausbildung einer Reichs-Exekutive, die mit Wilhelm II. volle Gestalt annimmt; der Wandel des Bundesrats; die sich verändernde Position des Reichstags; die Herausbildung einer Judikative.

Das Buch ist sehr, sehr umfangreich, das sei noch einmal betont. Bedenkt man, dass es sich zudem hauptsächlich auf den Wandel eines einzelnen Verfassungsorgans, des Bundesrats, bezieht, wird deutlich, dass es ohne tiefe Vorkenntnisse kaum genießbar ist. Wer sich aber für Verfassungsgeschichte, Recht und Ähnliches begeistern kann, findet hier eine grandiose Studie der Verfassungsrealität des Kaiserreichs, die viele bisherige Annahmen in Frage stellt und dementsprechend kontrovers in der Fachwelt diskutiert wird.

Niall Ferguson – Krieg der Welt (Niall Ferguson – War of the world)
Ich war früher ein sehr großer Niall-Ferguson-Fan. Sein Durchbruchwerk, „A Pity of War“ (Der falsche Krieg), das sich ausführlich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt, hat mein Verständnis dieses Konflikts nachhaltig verändert und zutiefst geprägt. Entsprechend habe ich seinerzeit 2006, als der Nachfolgewälzer „Krieg der Welt“ erschien, diesen mit großer Begeisterung gelesen.

Danach hat sich Ferguson leider stark vom Historiker zum pundit gewandelt. Diverse Kolumnen und Fernsehauftritte haben in ihm die Tendenz, ohnehin stets vorhanden, zur Zu- und Überspitzung deutlich vertieft. Eine Tendenz, die sich wegen seiner schlechten analytischen Fähigkeiten zu Gegenwartsfragen, wo er stets bemerkenswert daneben liegt, nicht eben verbessert hat.

Aber das sagt mehr über mein heutiges Verhältnis zu ihm als über seine Bücher aus. Ich bin nun nach über 10 Jahren zum ersten Mal wieder zu „Krieg der Welt“ zurückgekehrt. Die These, die er hier vertritt, ist nicht neu: er plädiert dafür, die Zeit vom frühen 20. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als einen einzigen, gewaltigen Konflikt zu sehen, mit gelegentlichen Flauten und Waffenstillständen, mit Verschiebungen der Hauptaustragungsorte, aber großer innerer Konsistenz bis zum blutigen Finale des Zweiten Weltkriegs.

Diese These ist eine, die viel für sich hat und auf die ich an dieser Stelle gar nicht weiter eingehen will. Fergusons Fokus in diesem Band liegt auf der ethnischen Natur dieser Konflikte, dem Rassewahn, der die Welt ergriffen hat. Er zerreißt dabei mehrere Mythen in der Luft, so beispielsweise, dass eine heterogene Bevölkerung besonders anfällig für rassistisches Massenmorden wäre. Diese Nachweise sind wohl recherchiert und empirisch begründet und immer noch lesenswert.

Wesentlich problematischer aber sind einerseits seine Struktur und andererseits die bereits wesentlich stärker als in „A Pity of War“ durchbrechenden politischen Präferenzen.

Die Struktur des Buches lässt einen vernünftigen roten Faden vermissen. Ferguson reiht Kapitel aneinander, die mal größere, mal kleinere Zeitsprünge haben, hüpft von den britischen Mandatsgebieten nach dem Ersten Weltkrieg direkt zur Machtergreifung, ergeht sich seitenlang in einer Analyse einer Roosevelt-Rede, die er geschickt so zitiert, dass der Eindruck entsteht, Hitler habe sie gehalten, um dann bei der unoriginellen Erkenntnis zu landen, dass die USA demokratisch blieben. In solchen Momenten steht Ferguson die eigene Eitelkeit im Weg, steht das Narrativ zu sehr über der weitgehend ausbleibenden Analyse.

Noch problematisch sind seine stark parteiisch geprägten Einlassungen zum Faschismus. Während er völlig zu Recht hart mit den Kommunisten ins Gericht geht, verkündet er etwa voller Ernst, dass das Zentrum das unkorrumpierbare Herz des deutschen Konservatismus war, die einzige Partei, die sich Hitler bis zuletzt verweigerte. Zu der Schlussfolgerung kann man nur kommen, wenn man die Existenz der SPD komplett ignoriert. Auch die Rolle der KPD ist ihm nur die Erwähnung wert, dass beim BVG-Streik 1932 Nazis und Kommunisten Hand in Hand arbeiteten, auch hier ohne Analyse und Einordnung, was es kaum über mehr als eine Beschmutzung der KPD erhebt (nicht, dass dieser Laden mehr Beschmutzung brauchen würde…).

Dieses völlige Ausblenden der Sozialdemokratie ist mehr als merkwürdig, denn sie erfüllte, gerade in den USA, eine zentrale Rolle, und dasselbe gilt für Frankreich und Großbritannien in den 1930er Jahren. Aber Ferguson verteilt die Rollen von Gut und Böse klar, und seine Guten dürfen wohl keine Sozialdemokraten sein. Ergo schreibt er sie aus dem Narrativ. Das macht gute Propaganda, aber schlechte Geschichtsschreibung.

George R. R. Martin – A Storm of Swords (George R. R. Martin – Sturm der Schwerter)

Wie für die ASOIAF-Saga üblich bekommt hier ein exklusives Sneak-Peak in den Patreon, den ihr gerne unterstützen dürft.

Continuing my reread, I’ve now finished „A Storm of Swords“, and once again, I won’t assume you need any kind of synopsis and quickly delve into the analysis. In the first book, my main theme was early installement weirdness, and in the second book, I focused on the expanding scope of the story and the developing of some themes. „A Storm of Swords“ continues along these lines, but the two major aspects I want to discuss is the flurry of endings and what they’re purpose is, namely setting up the five-year gap.
If you’d poll the readers of ASOIAF, you’d likely arrive at the wrong opinion that „A Storm of Swords“ is the best book of the series. It’s easy to see why: While being the longest of the books, it also has the quickest pace, with resolutions to plot lines arriving close together, giving the book a bit of a breathless nature.
This contrasts decidedly with the two following volumes, the „Feastdance“, which will move at a much more deliberate pace, frustrating many readers, but leading to a much more satisfying experience in terms of depth and theme.
But let’s not get ahead of ourselves. Instead, let’s first see who graces us as new POV. We have a net win of one, since we gain Jaime and Samwell and lose Theon. Theon’s arc resolved nicely in „A Clash of Kings“, so there’s no need to revisit it here (and it did come as a shock when he came back in „A Dance with Dragons“!).
Speaking of shocks, Jaime’s introduction as a POV was the major splash that „A Storm of Swords“ made, at least until the Red Wedding rolled around. Jaime was the undisputed bad guy, and in „A Storm of Swords“, he embarks on a character arc that has the fandom arguing ever since. Is it a redemption arc? Is it not?
The quick answer is „no“. Jaime is definitely not the undisputed villain he was in the first two books anymore, because Martin does his usual, great trick of bringing him down to his lowest point, forcing us to accept his humanity, and making him understandble. See also Grejoy, Theon. Jaime is incredibly well written, and his chapters are a joy.
Our other new POV, Sam, usually doesn’t garner the same enthusiasm. Too often the fandom judges him as too whiny (a ridiculous charge, but that’s fandoms for you sometimes). But Sam, aside from his own character arc of becoming Sam the Slayer, Sam the Friend to Magic Stuff and finally Sam the Electioneer, is also a vital camera on the events north of the Wall (and in the end south of it). Ironically, his last chapters in „A Storm of Swords“ also show why Martin had to ship him to Braavos and then Oldtown first thing „A Feast for Crows“, because you really don’t need to Night’s Watch POVs at the Wall.
That leaves Davos, who unexpectedly returns from the dead and emancipates himself from „the guy that shows us what Stannis is up to“ to his own character arc of religious extremism (with his aborted terror attack on Melisandre) and the tenure as Hand to rescuing Edric Storm, because what’s one boy against the fate of all humanity? Exactly, everything. Davos‘ chapters are engrossing, incredibly well written and on the whole a marked improvement over „A Clash of Kings“.
Now, that leaves our existing case. I talked about a flurry of endings, and let’s jump through them. Catelyn’s arc ends rather tragically with the Red Wedding. I don’t see the need to talk about how well it’s done, because that’s done to death. The Red Wedding leaves the Riverlands and the North in shambles, in an ideal position to gloss over five years and say „and then, our character comes and does X“ in the following volume.
The same is true, of course, of Bran Stark, who ends his adorable journey through the North with another magic mentor, the mysterious Coldhands, from which a jump of five years is easily executed. The same is true of the Stark sisters: Arya travels to Braavos to start her assassin training, and Sansa is in the Eyrie, well positioned for same flashback in the next book of what happened then.
Jon is much more tricky. He’s Lord Commander now and has to content with Stannis, who could conclude his northern campaign about four times in the next five years with a book’s worth of plot to spare. Here, we see the Five-Year-Gap breaking apart already.
It’s not as bad for the Lannisters, since Jaime settles into being Lord Commander, ideally suited for some bitter flashbacks on Cersei and the court. Unforunately, there’s no world in which Cersei would just rule a bit and twiddle her thumbs for five years, so this can’t work at all. It’s better for Tyrion, who could conceivably be hid away at Illyrio’s and only re-emerge five years later, but come on, this would not be interesting at all.
Aside from the Starklings, Dany’s arc concludes the clearest with the gap in mind, because Meereen could have been dealt with in flashbacks then (which large parts of the fandom, being wrong, would have doubtlessly preferred).
But none of that came to pass in the end. However, the need to wrap everything up for this time jump to come into effect forced Martin to use an ungodly pace for the plot in an already very thick book, which makes the pacing overall worse than in „A Clash of Kings“ and „A Game of Thrones“. „A Storm of Swords“ is still the superior book, no question, but some things would have benefitted from a bit more breathing space.

Neill Gailman – The Sandman Deluxe Edition Vol. 2 (Deutsch)

Nachdem ich den ersten Sammelband erneut gelesen habe, habe ich mich natürlich auch an den zweiten gemacht. Mein Eindruck hat sich nicht grundsätzlich geändert. Sehr auffällig ist das hohe Ausmaß an Intertextualität in den weitgehend allein stehenden Zyklen.

Die Geschichten bauen letztlich auf ihrem eigenen Mythos auf, was mit Voranschreiten der Veröffentlichungen deutlicher wird. So begegnen wir bereits im ersten Sammelband Johanna Constantine, als sie Traum für ein Monster hält, das sie vernichten muss. Hier tritt sie wieder auf, dieses Mal als Verbündete von Traum.

Damit sind wir bei einem Punkt, der nicht zwingend negativ gewertet werden muss, mir aber dieses Mal mehr auffiel als bei der ersten Lektüre. Die Texte sind einerseits sehr angelsächsisch zentriert – Shakespeare, Marlowe und Konsorten haben ihre Auftritte -, befassen sich aber eigentlich mit Literatur und Narrativen allgemein.

Zudem ist auffällig, dass die historischen Ereignisse durch Traum und andere Fantasy-Kreaturen beeinflusst werden, was ich zumindest mit einem gewissen Unwohlsein verbinde. Denn wenn Robespierre und Saint Just in ihrer Revolution fallen, weil Johanna Constantine mit Orpheus‘ Kopf Magie wirkt, nimmt das der Autonomie der handelnden Personen einiges, so spannend die Reinterpretationen auch sein mögen.

Neill Gailman – The Sandman Deluxe Edition Vol. 3 (Deutsch)

Nach einiger Verzögerung (danke, Amazon) habe ich endlich auch den dritten Band der Sammelausgabe des Sandman-Epos in Händen. Ich fand die Lektüre etwas zwiespältiger als die des zweiten Bandes; manche Geschichten gaben mir wesentlich mehr als andere.

Wie bereits vorher wechseln sich kürzere One-Shots wie etwa ein Besuch des zweijährigen Daniel Hall in der Traumwelt mit größeren, über mehrere Teile verstreuten, eher seriell erzählten Geschichten ab.

Von letzteren finden sich drei große Stränge. Die erste Story greift die Figur Barbies wieder auf, die während des Findens des „Vortext“ im ersten Sammelband eine Nebenrolle einnahm.

Barbie wird zurück in ihre Traumwelt gerufen, in der sie als Prinzessin Barbara eine Fantasywelt retten soll. Die Bedrohung kommt durch den „Kuckuck“, der die Welt zerstören will, um aus dem Traum zu entkommen. Diese Geschichte verhandelt vor allem Fragen von Identität und Erinnerung und zieht ihre Kraft aus einer reichhaltigen Palette von Nebenfiguren, die Barbie auf ihrem Weg begleiten.

Weniger überzeugend fand ich den Road Trip, den Traum mit seiner Schwester Delirium unternimmt, um ihren verlorenen Bruder Zerstörung wiederzufinden, der seit fast vier Jahrhunderten verschwunden ist. Zerstörungs Abwesenheit wurde in den vergangenen Zyklen bereits immer wieder thematisiert, weswegen der Versuch, ihn zu finden, jetzt kaum als Überraschung kommt. Aber weder der Zeichenstil noch die eigentliche Geschichte haben mich wirklich gepackt.

Wie auch bereits im ersten Teil gibt es von Audible wieder eine Hörspielfassung. Diese umfasst in etwa die zweite Hälfte des zweiten und die erste Hälfe des dritten Sammelbands und ist von derselben hohen Qualität wie die erste, mit James McAvoy als Traum und einer Reihe anderer hochkaritäter Sprecher*innen in den anderen Rollen. Allerdings bleibt die vorherige Lektüre des Comics in meinen Augen Pflicht, wenn das Verständnis nicht darunter leiden soll.

Mháire Stritter – Kind des Goldenen Gottes: Pardona I

Nach sehr langer Zeit habe ich mich mal wieder hinreißen lassen, einen DSA-Roman zu kaufen. In einer geplanten Trilogie erzählt Mháire Stritter die Geschichte der Hochelfe Pardona, die sich immerhin über 5000 Jahre erstreckt. Die Dienerin des Namenlosen gehört zum klassischen Schurkenpantheon Aventuriens, und seit ich in den frühen 2000ern die Phileasson-Saga gemeistert habe, hat mich der Himmelsturm fasziniert, weswegen der Roman klar interessant für mich war.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines menschlichen, vermutlich nivesischen, Jägers und zweier Hochelfen. Pardonas Ankunft im Himmelsturm startet eine Serie schnell in den düsteren moralischen Bereich eskalierender Experimente, dem die nivesischen Jäger zum Opfer fallen. Die Auflehnung der aufrechten Hochelfen kommt zu spät, und Pardona ermordet Ometheon in einem kurzen, aber blutigen Bürgerkrieg.

Was an dem Roman gut funktioniert ist, dass Pardona niemals der Protagonist ist, sondern von außen betrachtet wird. Das hält das Mysterium genug aufrecht. Problematischer ist einerseits die Abhängigkeit vom Hintergrund – wer die Geschichte um die Hochelfen, Pardona, Pyrdacor und den Himmelsturm nicht wenigstens in Ansätzen kennt, dürfte Schwierigkeiten haben, der Handlung viel abzugewinnen (die Behauptung auf dem Klappentext, die Trilogie sei für Anfänger*innen geeignet, weil sie ja die ganze aventurische Geschichte abdecke, ist so lächerlich wie die Spielzeitangaben auf Brettspielpackungen).

Insgesamt ist mit die Geschichte zu diaologlastig; viel von den Gesprächen sind reine Exposition, in der neue Informationen und Diskussionen ausgetragen werden. Die Charaktere bleiben eher undefiniert; zentral sind eher Pardona und die Geschehnisse und Elemente. Es ist klar, dass ich als Leser Ehrfurcht vor der Hochelfenkultur und ihren Fähigkeiten haben soll, und ihre Darstellung ist gut gelungen und hinreichend interessant, aber als Roman bleibt insgesamt doch nur Mittelmaß. Unterhaltsam genug, sicherlich, aber nicht besonders bemerkenswert. Mal sehen ob ich die nächsten beiden Teile auch lesen werde.

Hans-Ulrich Treichel – Der Verlorene

Da ich einen Deutsch-Leistungskurs übernommen habe kam ich um die Lektüre von Hans-Ulrich Treichels „Der Verlorene“ nicht herum, der 2020/21 Abi-Lektüre ist. Meine Begeisterung hält sich, so muss man sagen, in überschaubaren Grenzen.

Zwar ist „Der Verlorene“ thematisch wenigstens ein Ausbruch aus der gähnenden Langeweile der Pflichtlektüren mit ihren mittelalten bürgerlichen Männern in der Midlife-Crisis, in die sich unerklärlich junge Frauen um die 20 verlieben. Aber viel spannender ist die Thematik dieses Romans auch nicht, schon gar nicht für junge Erwachsene des Jahres 2021.

Es geht um Vertriebene. Der Hauptcharakter, namenlos bleibend, lebt in Nordrhein-Westfalen bei einer Familie heimatvertriebener Ostdeutscher. Der Vater hat sich, Archetyp des Wirtschaftswunders, aus dem Nichts eine respektable Unternehmerexistenz aufgebaut. Beide Eltern kommen nicht über den Verlust des älteren Bruders des Erzählers hinweg, der im Januar 1945 verloren ging. Sie versuchen verzweifelt, ihn zu finden.

Diese Suche, das erlittene Trauma und die Unfähigkeit darüber zu reden einerseits und die zeittypische Prüderie und schwarze Pädagogik andererseits sorgen dafür, dass er Erzähler eine fragmentierte, unsichere Identität besitzt und nicht zu sich selbst findet.

„Der Verlorene“ ist eine dankbare Abilektüre, weil er mit sehr deutlichen Leitmotiven, einem klaren Aufbau, einfacher Sprache und wenigen, identifizierbaren Themen hantiert – kein Vergleich zu der im Vergleich geradezu lächerlich viel schwierigeren „Faust“-Lektüre, die die alternative Aufgabenstellung bietet.

Genau diese Faktoren aber machen den „Verlorenen“ auch zu einem freudlosen, wenig spannenden Werk. Es ist unglaublich künstlich, und jeder Charakter, jeder Ort ist letztlich nur eine Funktion eines literarischen Motivs. Diese Art von künstlich künstlerischen, anspruchsvollen Werken hab ich ehrlich gesagt gefressen. Im vorherigen Zyklus war es „Agnes“, das mich mit denselben Problemen abgestoßen hat. Leicht zu unterrichten, leicht zu interpretieren, aber schier unmöglich zu genießen, das ist mein Fazit auf dieser Art von Literatur, die vor allem dazu angetan ist, den Umgang mit ihr zu vergällen.

Johannes Wahl – Lektüreschlüssel „Der Verlorene“

Keine Schullektüre ohne Lektüreschlüssel. Ich empfehle die Anschaffung solcher Schlüssel grundsätzlich, und während meine Präferenz bei denen des Hauses Klett liegt, tun es die von Königs Erläuterungen ebenso – einzig Reclam überzeugt mich auf diesem Gebiet nicht sonderlich, aber das ist alles Geschmackssache.

Meine Beziehung zu den Lektüreschlüsseln ist eine, die auf pragmatischer Rationalität beruht: allein ihre Existenz – vom Verlag angepriesen zur Vorbereitung auf „die häufigsten Prüfungsfragen“ – zeigt das ganze Problem der gymnasialen Prüfungskultur und ihrer Vorbereitung auf. Es ist nicht notwendig, die Lektüre selbst gelesen zu haben, um Klausuren und Abitur zu bestehen; der Lektüreschlüssel und die Teilnahme am Unterricht tun es völlig.

Man mag das als gut, schlecht oder neutral bewerten, aber es zeigt doch deutlich den Stellenwert der Literatur als Literatur; ihre Hauptfunktion bleibt das Stellen und Rastern von Prüfungsaufgaben. –

Was macht die Klett-Lektüreschlüssel für mich die tauglichsten? Das immergleiche Schema von ausführlicher und gut strukturierter Inhaltsangabe, Charakteranalyse, Leitmotivanalyse und die in meinen Augen weitgehend nutzlosen, aber immer angehängten biographischen und zeitkontextgebundenen Informationen enthalten auf sehr händelbarem Raum alles, was notwendig ist. Nicht nur für Schüler*innen sondern, schmutziges Betriebsgeheimnis, auch für Lehrkräfte. Was natürlich erst recht dafür sorgt, dass man sich mit der Literatur abseits der ausgelatschten Pfade kaum beschäftigt. Lag da drüben nicht noch ein Stark-Prüfungsheft herum…? Und ein Einfach Deutsch…?

Eine letzte Anmerkung: wirklich verärgert hat mich das Kapitel zur Filmadaption. Hier zeigt sich die leider endemische und erschreckende Inkompetenz praktisch aller studierten Literaturwissenschaftler*innen, wenn es zur Filmanalyse kommt. Wahl beginnt seine Ausführungen mit dem unbegründeten Werturteil, die Filmumsetzung sei „gelungen“, um dann zu beschreiben, dass sie den „Lokalkolorit“ gut wiedergibt. Seine zusammenfassende Handlungsübersicht zeigt aber einerseits, dass wesentliche Änderungen im Handlungsverlauf vorgenommen wurden und andererseits, dass diese vor allem den Genrewechsel zur „Tragikomödie“ betreffen und vor allem den Anteil an Romanzen stark in die Höhe treiben. So wird eine komplette Liebesgeschichte für den Erzähler erfunden und die Beziehung zwischen seiner Mutter und Herrn Rudolph deutlich ausgeweitet. Das ist typisch für die deutschen Historienschmonzetten. Die zentralen Themen des Romans dagegen werden komplett geschnitten. Was daran „gelungen“ sein soll, bleibt ein Geheimnis Wahls. Ich bin der letzte, der werkgetreue Adaptionen fordert (ganz im Gegenteil), aber ich kann solche Aussagen doch nicht einfach nur raushauen und dann den Plot beschreiben und Feierabend machen!

ZEITSCHRIFTEN

Aus Politik und Zeitgeschichte – Jugend und Protest

Über die Jugend wird gerade viel gesprochen, weswegen eine wissenschaftliche Einordnungen sehr willkommen sind.

Dazu gehören Milieuanalysen wie ein Aufsatz über das „Chillen“, die genauer unter die Lupe nimmt, was Jugendliche eigentlich tun, wenn sie nichts tun. Wenig überraschend ist das eine ganze Menge, und das scheinbare Nichtstun enthält in Wahrheit eine ganze Reihe für die Charakterbildung sehr wichtiger Elemente.

Jugendliche Protestkultur wird aus zwei Perspektiven unter die Lupe genommen, einmal außereuropäisch (mit Blick auf Nordafrika), wo die völlige Perspektivlosigkeit jegliche Hoffnung auf Änderung erdrückt, und einmal eher soziologisch über die Protestformen von Jugendlichen hierzulande. Ich kann den Begriff „Generation Greta“ mittlerweile echt nicht mehr hören, der auch in diesem Heft mindestens an zwei unterschiedlichen Stellen aufkam. Seit Aufkommen der #FFF-Proteste 2019 hatte ich in meinen Oberstufenklassen jedenfalls noch keine begeisterten Klimaaktivist*innen und Greta-Fans. Das scheint mir alles maßlos übertrieben.

Ebenfalls verhandelt werden Fragen der Teilhabe, aber auf einem reichlich abstrakt-theoretischen Niveau, dem ich wenig abgewinnen konnte; spannender fand ich da die Darstellung der Debatte um das Wahlalter mit 16. Der Artikel enthielt sich einer Meinung und legte eher den Diskurs dar, der tatsächlich auf eine Senkung des Wahlalters hinauszulaufen scheint.

Insgesamt fand ich das Heft sehr bereichernd, weil die Jugend und ihr spezifischer, soziologischer Ort näher analysiert worden – was beides in der Politik wie in der Gesellschaft absolut fehlt.

{ 6 comments… add one }
  • schejtan 31. Oktober 2021, 11:26
  • Kirkd 2. November 2021, 09:52

    Ah, Herr Sasse ist im Fantasy Modus.

    Also ich sag es mal so: wenn man wie Du, eine mehr als 5000seitige Fantasy Saga, in der seit 10 Jahren kein neuer Band erschienen ist, immer wieder durchliest, dann mag einem ein Buch wie Storm of Swords zu dünn vorkommen. Aber das kann nicht der Massstab sein. Storm of Swords ist für seine 1000 Seiten noch immer vergleichsweise überladen und überkomplex, aber im Gegensatz zu Clash of Kings und Dance with Dragons ist es wenigstens durchweg packend zu lesen und im Gegensatz zu Dance with Dragons hat man bei der ersten Lektüre wenigstens weitgehend kapiert, was passiert.

    Aventurien Roman? Holy shit! Hab den Himmelsturm als Schüler mal mit Kumpels gemeistert, war ne feine Sache damals. Aber generell sind aventurische Elfen viel zu sehr eine unbrauchbare durchmythisierte Schablone. Hat schon seinen Grund, dass Bernhard Hennen mit seinen Elfenromanen seine Grundidee nochmal überarbeitet und verbessert hat. Nicht dass ich selbst ungestillten Bedarf an Elfenromanen hätte, aber wenn, würde ich wahrscheinlich zu denen greifen.

    • Stefan Sasse 2. November 2021, 10:09

      Letztlich wiederholst du meine Argumentation, nur von einem anderen Standpunkt aus. Selbstverständlich ist ASOS packender als ADWD, zieht mehr durch, ist spannender. Aber das ist bei Literatur ja immer so; je gehaltvoller, desto schwieriger. Ob man für seine Entspannungs- und Freizeitaktivitäten will/braucht muss ja dann jede*r selbst wissen.

      Die aventurischen Elfen waren und bleiben unspielbar. Da hat Hadmar von Wieser in den frühen 1990er Jahren ein ziemliches Ei gelegt, das bis heute DSA massiv zurückhält auf dem Gebiet. Ich hoffe mal, dass mit DSA5 deutliche Veränderungen kommen (der aktuelle Fokus auf die Hochelfen mit mehreren Romanen und Abenteuerkampagnen lässt hoffen), aber weder in DSA3 noch DSA4 waren die Elfen irgendwie spielbar. Ich versuch es gerade selbst mit einer Firnelelfe, und auch nur der Versuch, sich da an Hintergrund und Weltsicht zu halten, killt praktisch jedes Abenteuer. Total beknackt…

      • Kirkd 2. November 2021, 14:09

        Na, Martin ist schon ein Beispiel dafür, wie Materialfülle ausser Rand und Band gerät, andere Autoren sind da eben besser darin, mit Materialfülle umzugehen, es ist halt nicht so, dass ich bei Martin mit mehr Materialfülle mehr Lesevergnügen bekomme, sondern ich bekomme am Ende eben weniger.

        Das war ja nicht nur Wieser. Schon Kiesow hatte immer eine gehörige Skepsis, pubertierende Jungs gutaussehende Zauberwesen spielen zu lassen und die Sache entsprechend in der Beschreibung angelegt. Aber solange bei man keinen Fantasy Quellenbuch Blockwart in der Gruppe hat, lässt sich sowas in der Regel mit kleineren Anpassungen managen.

        • Stefan Sasse 2. November 2021, 14:28

          Ich weiß, dass es diese Ansicht gibt, aber sie ist falsch 😛 Aber ernsthaft, ja, klar. Das ist ein Nullsummenspiel ab einem gewissen Punkt.

          Bei den Elfen musst du den kompletten Hintergrund, das komplette Aventurien umwerfen, da geht es ja nicht um ein „-1KK, +1 IN“ oder so was. Die ganze Idee von badoc ist es letztlich, die da problematisch ist. Und so sehr ich die Gründungsleistung von Kiesow schätzen kann, so sehr lehne ich diverse seiner Schwerpunktsetzungen ab und bin froh, dass die alte Garde (gerade auch Leute wie Heike Kamaris und Jörg Raddatz, aber auch Thomas Römer und Konsorten) weg sind.

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