Bücherliste März 2021

Anmerkung: Dies ist einer in einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher und Zeitschriften bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Darüber hinaus höre ich eine Menge Podcasts, die ich hier zentral bespreche, und lese viele Artikel, die ich ausschnittsweise im Vermischten kommentiere. Ich erhebe weder Anspruch auf vollständige Inhaltsangaben noch darauf, vollwertige Rezensionen zu schreiben, sondern lege Schwerpunkte nach eigenem Gutdünken. Wenn bei einem Titel sowohl die englische als auch die deutsche Version angegeben sind, habe ich die jeweils erstgenannte gelesen und beziehe mich darauf. In vielen Fällen wurden die Bücher als Hörbücher konsumiert; dies ist nicht extra vermerkt.

Diesen Monat in Büchern: Europa nach dem Krieg, Geschichtsbild der Preußen, Ministerium der Zukunft, Streit, Furcht

Außerdem diesen Monat in Zeitschriften: Reichsgründung, Stuttgart, Chinakompetenz, Schwarze Null, Bevölkerungsschutz, Antirassismus

BÜCHER

Tony Judt – Postwar (Tony Judt – Geschichte Europas nach 1945)

Tony Judts Monsterwerk über die Geschichte Europas nach 1945 habe ich nun bereits zum dritten Mal gelesen. Das Buch ist zwar mittlerweile bereits leicht angestaubt – es ist 2004 erschienen – aber seine umfassende Betrachtung der Entwicklungslinien in Ost und West hat nichts von ihrer Relevanz verloren. Tatsächlich ist es Judts Hauptverdienst, die Geschichte Europas nicht analog zu den Trennlinien des Kalten Krieges mit dem Eisernen Vorhang zu spalten, sondern die Entwicklung der östlichen Satellitenstaaten Moskaus weiterhin fest in den europäischen Kontext einzubetten. Judt weist selbst wiederholt daraufhin, dass die große Tragik der Blockbildung war, Osteuropa im Bewusstsein der anderen Europäer aus dem Kontinent zu verbannen, quasi den Kontinent analog zu Adenauers Diktum an der Elbe aufhören zu lassen.

Man muss sich natürlich klar machen, dass Judts Werk eine Geschichtserzählung ist. Trotz intensiver Recherchen und einem hervorragenden Auge fürs Detail erzählt er das Große Ganze, macht umfassende Trends aus und ordnet die jeweiligen Nationalgeschichten darin ein. Angesichts der Masse von Themen und Akteuren ist das bei diesem Thema natürlich auch kaum anders vorstellbar, aber die Nähte lösen sich vor allem in den letzten Kapiteln des Buchs ein wenig, wo Judts Versuch der Erstellung eines solchen Narrativs notwendig von den Beschränkungen seiner Gegenwart begrenzt wird.

So ist etwa die Osterweiterung bei ihm ein Gegenwartsprozess, während wir mittlerweile fast 20 Jahre Zeit hatten, ihre Entwicklung zu sehen. Auch steckte er mitten im neoliberalen Reformdiskurs jener Jahre und dem Wandel der Sozialdemokratie, konnte ihren recht unmittelbar folgenden Absturz noch nicht voraussehen, genausowenig wie den Wiederaufstieg der Rechtsextremisten in allen Ländern Europas, der bei ihm allenfalls als entfernte Möglichkeit am Horizont wetterleuchtet. Gleiches gilt für den Brexit oder die große Euro-Schuldenkrise. Darauf mit dem benefit of hindsight zu zeigen ist natürlich leicht, aber es muss gleichzeitig unser Aufmerksamkeit darauf lenken, dass die Narrative der vorangegangenen Jahrzehnte nicht zwingend korrekter sein müssen.

Dieser Vorrede sei damit aber genug, denn zwar ist die Mahnung zur Vorsicht grundsätzlich angebracht; einen konkreten Verdachtsgrund aber habe ich nicht. Das Werk bleibt absolut empfehlenswert. Ich habe eine einzige stilistische Kritik: wann immer Judt über Kulturgeschichte schreibt, neigt er zum selbstreferenziellen Name-Dropping, das zwar seine eigene Bildung unter Beweis stellt, aber ansonsten denjenigen, die die beschriebenen Personen nicht kennen, nichts sagt und denjenigen, die sie kennen, zwar wohl ein wissendes Lächeln ermöglichen, sonst aber nur wenig Mehrwert bieten.

Wer die Epoche in europäischer Geschichte kennenlernen oder wieder auffrischen will, kann aber deutlich schlechtere Quellen finden als Judts „Geschichte Europas“, so viel steht fest.

Christopher Clark – Von Zeit und Macht (Christopher Clark – Time and Power)

Das Geschichtsverständnis der preußischen Herrscher ist eher ein Orchideenthema; wie dieses es auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hat, bleibt auch angesichts der eher sperrigne Prosa Clarks in diesem Band ein Rätsel. Ich würde annehmen, dass das eine Spätfolge Clarks Popularität um 2014 war, als er mit den „Schlafwandlern“ dem deutschen Feuilleton eine mehrere Monate andauernde Diskussion über die Kriegsschuldfrage spendierte, die man zuletzt in den 1970er Jahren ähnlich euphorisch diskutiert hatte.

Mit Clarks populäreren Themen aber – die ihm neben den Bestsellern auch eine eigene Doku-Serie „Die Deutschen“ im üblich-harmlosen deutschen Fernsehstil bescherten – hat dieses Buch wenig zu tun. Es handelt sich um ein klassisches Werk der historischen Wissenschaft, und so liest es sich auch.

Clark spürt dem Geschichtsverständnis des Großen Kurfürsten, Friedrich des Großen, Bismarcks und Hitlers nach. Dabei versucht er, deren spezifische Sichtweise herauszuarbeiten und in ihrer Zeit zu verorten. Der Große Kurfürst fällt ihm vor allem deswegen auf, weil er Geschichte erstmals (belegterweise) als eine Abfolge von Entscheidungsbäumen betrachtete. Friedrich Wilhelm verortete sich selbst in der Mitte eines Berater- und Ministerkreises, der verschiedene Möglichkeiten der Entscheidungsfindung hatte und diese navigieren musste.

Friedrich II. dagegen betrachtete Geschichte eher philosophisch, sah Wandlungsprozesse in der Gesellschaft eher als grundlegende Kräfte, die sich entfalteten. Paradoxerweise stellte er sich gleichzeitig als absoluten König dar, in völliger Kontrolle der Geschehnisse, und eliminierte Minsisteriale ebenso wie Landstände konsequent aus seiner Geschichtsschreibung, die er mit festem Blick auf die Nachwelt gestaltete. Er betrachtete den Staat als zeitloses Konzept und die Geschichte als Kreisbewegung. Entscheidungen waren für ihn daher kaum relevant; er konzentrierte sich auf den Ruhm, seinen Platz in der Geschichte und die Verwandtschaft mit den römischen Kaisern. Wenig überraschend, dass Hitler sich so geistesverwandt fühlte.

Bismarck hingegen stellt Clark als einen Schachspieler vor, der vor allem in geeigneten Augenblicken und Kräfteverhältnissen denkt. Er betont sowohl die Bedeutung des Schachspiels in Bismarcks Denken als prägende Metapher als auch die Bereitschaft, bestimmte Elemente des Spiels zu opfern, um ein Ziel zu erreichen – wenn sich die Gelegenheit bietet. Zentral ist zudem der Staat als Gedanke und Institution, ihm unterwirft sich Bismarck.

Die Nationalsozialisten zuletzt werden über die Einrichtung der Revolutionsmuseen vorgestellt, in denen sich das Regime als revolutionäre, im Abwehrkampf gegen den „roten Terror“ hervorgegangene Kraft in Szene setze.

Kim Stanley Robinson – The Ministry of Future

Ich habe für mein Patreon eine Rezension geschrieben:

I have a chequered history with Kim Stanley Robinson. I tried to read the Martian trilogy and finished „Red Mars“, but then I gave up a few chapters in of „Green Mars“. I read about the first third of „2312“ before I gave that one up. I was tempted by the premises of „New York 2140“ as well as „Aurora“, but I never quite dared to get disappointed again, even though they intrigued me. I can happily report that I finished his latest book, „The Ministry of the Future“.

There is something peculiar about Kim Stanley Robinsons novels. I think it is because they aren’t really novels; they lack almost all the characteristic novels usually tend to have. Like plots. Or characters. Or character development. There are actual chapters told from the perspective of what can only be described as forces, like photons, carbon or „the market“. Other chapters are written in the style of minutes taken from a meeting (relieving Robinson of the need for actual dialogue) or as oral history, in which someone describes an event or development, usually in the first person plural. Again, Robinson writes masses.

Oh, sure, stuff is happening in these books. And there are people, with names, who talk (at least occasionally). But in reality, the real protagonists are institutions, are masses of people. Whenever it comes to actual people, they are stand-ins. The trauma survivor. The politican. The glacier expert. The physicist. Yes, they have names, genders, ages, nationalities, but these serve only a function of cohesion.

When I say that the real protagonists are institutions and masses of people, this is not necessarily an indictment. It is difficult to tell such stories, and Robinson is a master of this craft. The storyline spans several decades, and while the continuity in personell stretches credulity, it is simply an outflow of him not caring about people. That the same person heads a minstry for 40 years is wildly unrealistic, but since that person isn’t really a character anyway but more a moving camera and conduit of ideas, it hardly matters.

The star of the show, umistakably, is Earth itself. It changes a lot. You might say, it is the central protagonist, and therefore, it has a clearly delienated character arc. Viewed like this, it’s the villain of the story, or at least an anti-hero, because it gets gradually worse, but of course, this is our fault. The fault of masses of people, of institutions, and, yes, individuals.

The story begins in the late 2020s. The central conceit is that the COP meeting of 2024 created an institution – feckless and ineffectual, but yet, an institution – that became known as the Ministry of the Future and tasked to look at the world from the perspective of people not yet born. It’s one of the tenets of climate activists made ministry, basically.

The ministry is trying to raise awareness of the measures that need to be taken, but of course, taken they are not. We know this from our own experience and news consumption. It’s therefore only consistent when Robinson lets India take point. Hit by a deadly heat wave, the Indians are the first to take drastic measures. In Robinson’s telling, these measures also spawn a terrorist organization, the „Children of Kali“, but more on them later.

We follow how several initiatives are pursued at the same time, and how they fall short. Pumping ice back onto Antarctica isn’t feasible, for example. Simultaneously, prevarication and resistance to change shove the achievable further and further away. These parts of the book are coming like an onslaught, a barrage of misery and pessimism. They draw you in like a horror story, because they are. They are in our rather near future, and Robisnon does a stellar job at describing them to us in detail as vivid as it is technocratic, scientifically accurate and detached. It only heightens the force of impact.

This force that the book unfolds, the making apparent and feelable of the often theoretical and abstract forces of climate change, is one of its main draws. It pulled me through the first half of it, keeping me awake far longer than I should have, reading page after page.

Another draw is the ethical dimension of it all. In the face of hundreds of million dying, fleeing their homelands and seeing their lives crash down all around them, is the system itself worth saving? Is capitalism able to cope with the challenges? Should central banks, this unelected earth government, as Robinson paints it, really try to fulfill their old mandate in the face of armageddon? Readers who know Robinson’s previous works can easily imagine the conclusion he arrives at.

The most uncomfortable question the book poses, a central dilemma, is terrorism. In short, Robinson poses the question of whether terrorism is not only a sane response to the behavior of bad actors, but also an ethical one. In the story, terrorists bring down planes full of business people, virtually ending commercial air traffic until the arrival of clean dirigibles. They sink container ships, forcing the shipping industry to come clean. They sabotage coal plants and force them shutting down.

Robinson makes clear that without terrorism, the belated changes to the world economy would not have come at all, and mankind would’ve been lost. And yet, the terrorists kill a lot of people, and it is heavily implied that the ministry’s „black wing“ is involved as well. Reading the fallout of climate change, one is hard-pressed not to feel righteous anger at „the guilty“, a phrase popping up open. It’s only on the fringes of the story, but Robinson leaves no doubt that basically all the big industrialists have been murdered by the time the story concludes. It’s a main ingredient of saving the Earth. Is it justified? You’re certainly excused for having more than a small queasy feeling in your stomach.

Closing off this review, I’d be remiss not to say that the last third of the book is a bit of a drag. The story is essentially revolved around the two-thirds-mark, with human society set on a clear trajectory. Emissions first pleteau and then, thanks to new tech, start to slowly decrease. Humanity is shrinking in number, and in the course of the „Half Earth“ – a plotpoint that goes over weirdly uncontroversial – leave half the planet to the rapdily regenerating wildlife.

From then on, we get some stories about how refugees can now settle in any country, thanks to a world citizenship, and what our main character is up to. The last part especially is extremely dull. Robinson has a tendency to dabble in stereotype anyway (all scientists are emotionless, talk on short, detailled sentences and care only for their field, for example), but the main character is utterly uninteresting and without characteristics, so I don’t really care about her retirement.

All in all, however, for all the interesting aspects above, I recommend the book.

Ian Leslie – Conflicted: Why arguments are tearing us apart and how they can bring us together

Ich habe mir dieses Buch nach einer glühenden Empfehlung auf Twitter geholt, und ich war schwer enttäuscht. Anstatt vernünftige Hinweise oder Tipps zu bekommen, wie man besser diskutieren und streiten kann, bietet das Buch vor allem einen sehr oberflächlichen Einblick über einen sehr selektiven Ausschnitt der psychologischen Forschung und massenhaft Narrativ als Polster, um auf die Seitenzahl zu kommen, die einen Buchdruck rechtfertigt.

Tatsächlich ist das Ding genau das, was an populärwissenschaftlichen Büchern schlecht ist und ihnen einen so miesen Ruf gibt (der dann, siehe Hewdig Richter, zu dünkelbeladenen Kritiken führen kann). Da werden einige Erkenntnisse aus vereinzelten Studien kurz skizziert, die an sich schon an die Banalität grenzen, um dann in ungemein ausführlichen Narrativen Beispiele zu geben – nicht aber Handlungsanweisungen oder Vorstellungen, wie man die Probleme umgehen kann.

Nur ein Beispiel: ein Kapitel beschäftigt sich mit unterschiedlichen Kulturen als Ursache für Missverständnisse. Soweit, so interessant. Am Beispiel des Waco-Incident von 1994 zeigt Leslie dabei auf, dass die Kultur des FBI (institutionalisiert, rechtsstaatlich) und die der belagerten Kuresh-Anhänger (evangelistisch, fanatisch) dafür sorgten, dass beide Seiten fundamental aneinander vorbeiredeten. Nur – ein Großteil des Kapitels ist den Schilderungen der Belagerung von Kureshs Zuflucht gewidmet, über die ich nun recht gut Bescheid weiß. Wie ich meine eigenen kulturellen Vorurteile erkennen und im Gespräch mit anderen berücksichtigen kann, weiß ich dagegen nach Abschluss des Kapitels immer noch nicht.

Der Rest des Buches gleitet in derselben Struktur dahin. So erfahre ich zwar, was für eine tolle Unternehmenskultur die Fluglinie Southwest Airlines hat, aber nicht, wie sie genau funktioniert und wie ich sie im eigenen Unternehmen durchsetzen könnte. Stattdessen bleibe ich auf dem Niveau eines Glückskeks-Zettels sitzen: die Abteilungen respektieren sich gegenseitig und arbeiten zusammen. Wahnsinn. Bitte nicht so viele Details. Dazu kommt noch der sermonhafte Tonfall, der unendlich auf die Nerven geht. „Wir“ können „heutzutage“ nicht „mehr“ richtig diskutieren (der sozialen Medien wegen, natürlich), weswegen es jemanden braucht, der in baldriangetränktem und völlig unverbindlichem Tonfall erklärt, dass es immer zwei Seiten gibt. Unerträglich. Aber für so was gibt es bei Amazon ja die Rückgabefunktion…

Einzig ein Element möchte ich explizit nennen, das mir eine neue und spannende Einsicht vermittelt hat (wenngleich auch hier die strukturelle Kritik anwendbar bleibt): Das im Alltag leicht zu beobachtende Faktum, dass Frauen in Gesprächen eher auf der emotionalen Meta-Ebene unterwegs sind und Männer auf der inhaltlichen Ebene, dass letztere oftmals die zugrundeliegenden Emotionen nicht verstehen, ist keine Sache, die von der Biologie herrührt, sondern eine von Machtverhältnissen. Männer sind genauso fähig wie Frauen, auf Emotionen zu achten, sie tun es nur nicht. Frauen übrigens auch nicht, wenn sie in Machtstellungen sind. Wie so oft ist das das zentrale Problem; Hierarchien in Geschlechter- und Kommunikationsverhältnissen.

Ira Katznelson – Fear Itself

In seiner Inaugurationsrede verkündete Franklin D. Roosevelt: „Das einzige, das wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst.“ Mit einer gehörigen Portion performativen Optimismus ging er dann daran, mit dem New Deal das moderne Amerika aufzubauen. Ira Katznelson aber fragt nach den Ursachen dieser Furcht, und wie sie die New-Deal-Ära bestimmte. Er gliedert diese Beobachtung grob in drei Teile.

Im ersten Teil befasst er sich mit der großen Systemkonkurrenz zum Faschismus. Vor allem Italien, aber zunehmend auch Nazi-Deutschland forderten mit ihren totalitären Antworten auf die Weltwirtschaftskrise eine Antwort. Katznelson stellt klar, dass die USA trotz einzelner faschistischer Sympathisanten (und noch vereinzelterer kommunistischer Parteigänger) nie in Gefahr war, diesen Pfad zu beschreiten. Die liberale Demokratie musste aber eine Antwort geben, und diese Antwort war der New Deal. Katznelson zeigt anhand vieler Beispiele, wie Planung und Kommandowirtschaft damals als Mittel der Wahl galten und welche Vorbildwirkung gerade das faschistische Italien entfaltete.

Im zweiten und größten Teil geht Katznelson auf die interne Furcht zweier Gruppen ein, die die Geschichte des New Deal maßgeblich mitbestimmten: die Republicans und die Democrats der Südstaaten, die Dixiecrats. Die mit Abstand größte Rolle spielen die Dixiecrats, deren offen gelebter Rassismus die Leitplanken des New Deal bestimmte. Auf ihre Stimmen war Roosevelt angewiesen, und die Abgeordneten stimmten wie ein Block gegen alles, was die Jim-Crow-Ordnung des Südens gefährdete. Die Struktur des New Deal – When Affirmative Action was White, in Katznelsons Titel seines anderen Buchs zum Thema – wurde daher durch sie vorgegeben. Wo immer Bundesgelder direkt in den Süden flossen und von den Südstaaten nach Gutdünken vergeben werden konnten, waren sie dafür; wo immer Regulierungen möglicherweise Schwarzen helfen könnten, waren sie dagegen.

Als der New Deal Ende in den 1940er Jahren zunehmend unter Beschuss geriet, verbündete sich diese Furcht der Südstaaten vor einem Ende der rassistischen Unterdrückungsordnung mit der der Republicans vor Verbesserungen für die arbeitenden Schichten. Bezeichnenderweise kleideten beide Gruppierungen ihre Furcht vor einer Erosion ihrer Privilegien – hier rassistisch motiviert, dort wirtschaftlich – in die Sprache von Verfassung und State’s Rights und nutzten die undemokratischen Strukturen des Senats, um Verbesserungen zu blockieren.

Die dritte Furcht ist dann die vor der Atombombe. Im selben Maße, wie der aktive New-Deal-Staat unter der Furcht von emanzipierten Arbeiter*innen und Schwarzen zurückgefahren wurde, entstand in rasantem Maße ein neuer, mächtiger Staatsapparat in CIA und militärisch-industriellem Komplex, unter maßgeblicher Führung derselben Dixiecrats und Republicans, die kurz zuvor noch händewringend vor einem zu mächtigen Staat gewarnt hatten.

Das Bild, das Katznelson zeichnet, ist in höchstem Maße ambivalent. Wer die New-Deal-Ära, die Katznelson völlig zurecht bis zu Trumans Präsidentschaft 1952 nachzeichnet, verstehen will, sollte dieses Buch lesen. Abgeraten werden muss lediglich von der Audible-Version; der salbungsvoll-pathetische Sing-Sang des Sprechers ist schwer zu ertragen.

ZEITSCHRIFTEN

Aus Politik und Zeitgeschichte – Stuttgart

Ich wohne zwar kaum 15km von der Hauptstadt Baden-Württembergs entfernt, aber mit Stuttgart bin ich nie warm geworden. Ich mag diese hässliche Stadt in ihrem Talkessel nicht. Zugegebenermaßen bin ich auch kein Großstadtmensch, vielleicht verschließt sie den Charme, von dem die Autor*innen dieses Hefts so beredt schreiben, auch vor mir. Aber auch die Lektüre dieses Hefts hat wenig daran geändert. Das liegt nicht ausschließlich an den Autor*innen; das erste Essay etwa gibt eine überzeugende Liebeserklärung an die Stadt von einem migrantischen Hip-Hop-Künstler, der mühelos den Bogen von Maultasche zu Protestkultur hinbekommt. Andere Essays allerdings überzeugen weniger.

Die Geschichte der Stadt ist etwa letztlich eine trockene Auflistung von Fakten. Gleich mehrere Essays beschäftigen sich mit der Protestkultur und ziehen bemühte Vergleiche zwischen 2010 und 2020, die aber wenig miteinander gemeinsam haben außer der Tatsache, dass irgendwie Polizei gegen irgendwie Demonstrantierende unterwegs war und es die Landeshauptstadt damit für kurze Zeit in den nationalen Fokus schaffte. Auch die sonstigen Versuche, eine spezifische Stuttgarter Kultur aufzuspüren, sind zwar sicherlich aller Ehren wert, ließen mich aber deutlich kalt.

Aus Politik und Zeitgeschichte – Chinakompetenz

Dass die Bedeutung Chinas in den letzten Jahren rasant gestiegen ist, ist keine rasend innovative Erkenntnis. Es ist aber Grund genug, sich die Frage zu stellen, wie viel Wissen eigentlich über das Riesenreich bekannt ist und woher wir es bekommen. Die Beiträge dieses Hefts befassen sich daher mit der Frage der „Chinakompetenz“. Die Bestandsaufnahme ist dabei eigentlich stets die gleiche: In Deutschland gibt es kaum ernstzunehmende China-Expert*innen; stattdessen sind hauptsächlich Berichte aus zweiter Hand und Ableitungen von Klischees vorhanden. Es wäre dringend geboten, hier intellektuell aufzustocken.

So weit, so gut. Die Beiträge des Heftes selbst hätten jedoch von einer deutlich stringenteren Chefredaktion und Lektorat profitiert, denn insgesamt bietet das Heft wenig mehr als meine obige Zusammenfassung, nur sehr ausführlich. Die immer gleiche Problemfeststellung wiederholt sich in den meisten Beiträgen mit latent unterschiedlicher Schwerpunktsetzung. Interessanter waren da eigentlich nur zwei Beiträge: einer, der sich mit der Beziehung von Menschenrechten und Wirtschaftsinteressen in der deutschen Chinapolitik befasst (so war etwa Schröder deutlich ignoranter gegenüber chinesischen Menschenrechtsverletzungen als Merkel, was mir nicht klar war) und einer, der Taiwan als das „andere China“ in den Fokus rückt und die Geschichte und Positionierung eines Landes, über das man außer dem „made in“ vor dem Namen sonst wenig weiß, in Kürze darzustellen vermag.

Aus Politik und Zeitgeschichte -150 Jahre Reichsgründung

Das 150jährige Jubiläum der Reichsgründung im Januar diesen Jahres hat für ein kurzes Aufflackern von Interesse an seiner Geschichte gesorgt, die einen veritablen kleinen Historiker*innenstreit ausgelöst hat, der in diversen Diskussionsrunden und Twitter-Austauschen verfolgt werden konnte. Dieser fruchtbare Streit, der etwa Hedwig Richter gegen Christoph Nonn oder Jürgen Zimmerer stellte, hat innerhalb von wenigen Wochen mein Verständnis des Kaiserreichs deutlich erschüttert, wovon ich noch lange profitieren werde.

Ein Wetterleuchten dieser Auseinandersetzung über den historischen Platz des Kaiserreichs findet man auch in diesem Heft, wenngleich die meisten Beiträge eng dem eigentlichen Gründungsakt verbunden bleiben und diesen unter die Lupe nehmen. Die konkurrierenden Deutungen Nonns und Richters aber fallen wohl selbst den unbedarfteren Lesenden auf.

Andere Beiträge befassen sich etwa mit der Darstellung des Gründungsakts in der Historienmalerei, eine sehr wertvolle Betrachtung, bedenkt man die Bedeutung, die das berühmte Gemälde Anton von Werners in der öffentlichen Erinnerung (so es eine gibt) hat. Auch die vergleichende Untersuchung der Bedeutung Versailles im historischen Gedächtnis von Deutschen und Franzosen war sehr lesenswert. Insgesamt ein rundes, rundum zu empfehlendes Heft!

Aus Politik und Zeitgeschichte – Schwarze Null

Die Schwarze Null gehört einerseits zu den deutschen Obsessionen unserer Zeit, ist aber andererseits auch ein Beispiel für erfolgreiche politische Werbung par excellence. Es ist daher nur angebracht, die Schwarze Null unter dem Gesichtspunkt der politischen Kommunikation zu betrachten, wie es dieses unbedingt empfehlenswerte Heft tut, und sie weniger als eine kohärente Wirtschaftspolitik anzusehen.

Die Autor*innen spüren hier der Frage nach, welche Rolle die Schwarze Null einerseits und das Konzept des „Sparens“ andererseits für die Deutschen haben und wie sie sich in den letzten zwanzig Jahren entwickelt haben. Dabei wird unter anderem herausgestellt, woher die überparteiliche Unterstützung der Schwarzen Null kam – hier die Hoffnung, den Sozialstaat zu beschneiden, dort die Hoffnung, Steuergeschenke für die Reichen zu verhindern – oder welche Rolle die EZB im deutschen politischen Diskurs einnimmt.

Die Wirkmächtigkeit des „Sparens“ und der Schwarzen Null ist so groß, dass sie in meinen Augen als beherrschendes Narrativ der letzten Dekaden gesehen werden muss, das wie nichts anderes die deutsche Politik bestimmt hat, noch vor der Flüchtlingskrise 2015 und wohl selbst mehr als die Corona-Pandemie. Die Beschäftigung mit diesem Narrativ – und damit die Lektüre dieses Hefts – seien dringend empfohlen.

Aus Politik und Zeitgeschichte – Bevölkerungsschutz

Es ist offensichtlich, was das Thema Bevölkerungsschutz gerade ein wenig aktueller macht als üblich, aber man wäre schief gewickelt würde man annehmen, dass es in diesem Heft um Corona geht. Tatsächlich drehen sich die Beiträge um Katastrophen und den Schutz vor denselben im Hinblick auf die Strukturen der Bundesrepublik. Da findet man etwa ein Essay, das sich mit der Frage beschäftigt, was eigentlich Katastrophen ausmacht. Ein weiterer Beitrag erklärt detailliert das Katastrophenschutzsystem in Deutschland. Wenig überraschend ist es föderal organisiert und ein wahrer Flickenteppich verschiedener überlappender Kompetenzen und Organisationen.

Für mich als Historiker spannend war die Frage, wie Katastrophenschutz sich nach dem Krieg entwickelt hat. Durch die Lektüre von „Die Stunde der Exekutive“ (siehe Bücherliste November 2020) war ich über die Zusammenhänge von THW, Luftschutz und Altnazis schon informiert. Es ist aber immer wieder spannend zu sehen, wie versucht wurde, bestimmte Kriegsstrukturen und Mentalitäten in den Katastrophenschutz zu retten und neu zu framen, und wie umfassend das scheiterte – unter anderem, weil sich das Bewusstsein durchsetzte, dass der Ausbau von Kellern in thermonuklearen Kriegen wenig hilft.

Die Überblicke über die Kompetenzen und Institutionen ist insgesamt etwas dröge, wenngleich informativ. Hervorhebenswert finde ich noch das Essay, das eine Verbindung zwischen der Wahrnehmung von Katastrophen einerseits und der Konstruktion von „Opfern“ auf der anderen Seite zeigt. Hier ist die historische Einordnung besonders bemerkenswert, in der aufgezeigt wird, wie über die Jahrzehnte die Ansprüche an die Rettenden, die Opfer tatsächlich am Leben zu erhalten, massiv gestiegen sind. Wo bis in die 1960er Jahre der „Abtransport“ der Opfer die Messlatte war, wurde es bis in die 1990er Jahre zunehmend die Frage, ob sie überlebten; heute dagegen geht es vor allem darum, wie gut die Heilung möglich ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte – (Anti-)Rassismus

Ein Thema, das gerade in aller Munde ist, ist der Rassismus. Es ist dabei, höflich gesagt, umstritten. Wenig überraschend ist daher, dass das vorliegende Heft versucht, beiden Seiten dieser allzuoft aggressiv geführten Debatte denselben Raum zu widmen und eine gewisse Ambivalenz herzustellen. Das gelingt im Großen und Ganzen auch und ist eine angenehme Leseerfahrung, weil bei der Auswahl der Beiträge anders als in den Talkshows darauf geachtet wurde, dass auch Leute zu Wort kommen, die etwas zu sagen haben und die am Thema interessiert sind.

Besonders auffällig war das für mich in einem Essay-Streit über die Frage, ob der Begriff „Rasse“ aus dem Grundgesetz gestrichen werden soll. Ich hatte vorher keine Meinung dazu und habe auch immer noch keine. Beide Essays hatten gute Punkte. So liest man Debatten gerne, und es wäre sehr angenehm, würden mehr Medienschaffende sich ein Beispiel an dieser Ausgabe der APuZ nehmen.

{ 2 comments… add one }
  • cimourdain 31. März 2021, 18:40

    Zu Clarks ‚Zeit und Macht‘ kommen mir drei Fragen:
    a) Warum setzt er Hitler in die ‚preussische‘ Traditionslinie?
    b) Auch wenn das Bild von Bismarck als Schachspieler immer wieder aufkommt, so habe ich in der Schachdatenbank meines Vertrauens keine Partien von ihm gefunden ( anders als z.B. Napoleon). Kann es sein, dass es ein bewusst gepflegtes öffentliches Image war?
    c) Gibt Clark irgendwelche Ausblicke im Hinblick auf die aktuelle Hohenzollern-Entschädigungs-Diskussion mit ihren diversen Verästelungen (soviel zum ‚Orchideenthema‘) ?

    Ach ja, falls dir nicht die Lust an ‚Earth as a protagonist‘ vergangen ist und du über den engen zeitlichen Horizont der jüngeren Geschichte hinausblicken möchtest: „Europa, die ersten 100 Millionen Jahre“ (Tim Flannery) ist gut lesbar und interessant.

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