McKinsey berät einen Soja essenden Trump gegen das Versinken in Teergruben – Vermischtes 12.02.2020

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.

1) Teergruben sind die neuen Verhinderungsdiskurse

Eine Weile habe ich in Vorträgen und Publikationen immer wieder auf Verhinderungsdiskurse hingewiesen, mit denen verhindert wird, dass sich insbesondere die durch die Digitalisierung möglich gewordenen pädagogischen Neuerungen an Schulen durchsetzen. Ein Beispiel dafür ist der Datenschutz und Urheberrecht, mit dem immer wieder Verunsicherung bei Lehrkräften geschaffen wurde, die erste Schritte mit digitalen Methoden machen wollten. Auch die langweilige Frage nach dem Mehrwert ist Teil einer Verhinderungsstrategie: Mit einem seltsamen Vergleich wird eine Art Beweislastumkehr vorgenommen, die dazu führt, dass neue Lernverfahren erst etwas beweisen mussten, was bereits benutzte nie beweisen könnten: Dass sie besser funktionieren als solche, die ganz anders funktionieren. Mittlerweile nehme ich eine Verschiebung war. Werden intensive Debatten geführt, geht es nicht mehr darum, eine Transformation zu verhindern, sondern sie zu verzögern, Akteur*innen zu zermürben. Auf Twitter hat Matz (?) vorgeschlagen, den Begriff der Teergrube dafür zu verwenden […] Dabei handelt es sich um ein Verfahren der Spam-Bekämpfung, bei dem unerwünschte Netzwerkverbindungen verlangsamt und Verbindungspartner blockiert werden. Die Diskussion über WhatsApp an Schulen ist ein ideales Beispiel für eine Teergrube: Wer die Diskussion führt, ist nicht gegen Digitalisierung oder gar Chats, nur halt gegen WhatsApp als Tool. Dieser Widerstand führt nun bei allen, die Chats mit Lernenden führen, dazu, dass sie auf andere Werkzeuge ausweichen müssen, bei denen der Netzwerkeffekt weniger gut spielt. Die Verbindung wird verlangsamt, die innovativen Lehrkräfte werden mit Arbeit und einer Diskussion blockiert, die sie daran hindert, weitere Entwicklungsschritte umzusetzen. Wer sich für WhatsApp ausspricht, erscheint verantwortungslos, unbedarft, korrumpiert. (Philipp Wampfler, Schule Social Media)

Ich mag die Analogie mit den Teergruben. Die Idee eines „Verhinderungsdiskurses“ fasst in Worte, wofür ich bisher nicht wirklich einen Begriff hatte. Beispiele dafür wäre zum Beispiel die ewige Frage nach der Finanzierung von diesem oder jenem Vorhaben, ob es nun um Klimaschutz oder Medicare for All geht. Nie geht es da tatsächlich um eine Diskussion, wie das denn zu finanzieren wäre; es geht um die Verhinderung des Diskurses, das Versenken des Themas in einer zähen Teergrube. Es hat schon seinen Grund, dass die Republicans sich nie auf die Frage einließen, wie man Trumps beknackte Mauer finanzieren könne.

Ich bin etwas unsicher, ob ich das leidige Thema „Political Correctness“ auch in diesen Kontext einordnen würde. Auch hier geht es ja um die Verhinderung eines Diskurses, aber die Vertreter von Political Correctness haben das ja als offene Zielsetzung, während etwa die Teergrube der Finanzierungsfrage über ihre wahre Natur hinwegtäuscht. Was meint ihr? Ist es analytisch sinnvoll, das zusammen zu sehen, oder sind das verschiedene Phänomene?

2) Socialism May Be Just What the Service Economy Needs

And the service industries of the future may not be as subject to the magic of free markets as agriculture and manufacturing. Prices in health care are not very good signals of cost and value because of asymmetric information, uncertainty and other problems; this is why you don’t often see people price-shopping for health services. As for education, its benefits lie in the distant future and are hard to gauge in advance; many people derive great benefit from college, but the economic gains don’t seem closely related to the price paid. And when people don’t know what they’re getting or aren’t able to shop around, competition can’t work its magic. It’s no coincidence that health insurance and college are two of the main industries Sanders is targeting for nationalization or quasi-nationalization. Indeed, these services are already nationalized in most advanced countries, and public education is already public. The structural shift to service economies might thus give socialism an advantage it never enjoyed in the 20th century. Even if this is true, however, a shift toward socialism carries big risks. The incredible efficiency of physical goods-making industries tends to get taken for granted these days, but heavy regulation and taxation of these industries could make food, energy, transportation, housing and consumer items more expensive. And rising prices would increase the temptation for misguided measures — such as price controls — that could hurt the economy. So if the new socialists can stick to the service industries, they may find success where their 20th century predecessors failed. But if they interfere too much with industries where markets work well, they might find themselves repeating old mistakes. (Noah Smith, Bloomberg)

Ich stimme Smith grundsätzlich darin zu, dass ein funktionierender Markt gerade im Bildungs- und Gesundheitssektor praktisch unmöglich ist. Aus gutem Grund werden diese beiden Sektoren in den meisten europäischen Ländern auch streng reglementiert und produzieren wesentlich bessere Ergebnisse in der Breite, als dies für die unreglementierter agierenden Gegenstücke in den USA (und in geringerem Maße Großbritannien) gilt. Ebenso unterstütze ich völlig seine Warnung davor, zu sehr in das produzierende Gewerbe einzugreifen.

Aber die größte Herausforderung der service economy lässt Smith in diesem Artikel unangesprochen: Was Fabrikarbeit im 19. Jahrhundert war, ist heutzutage ein Großteil des Dienstleistungssektors. Hier finden sich die schlechtesten Arbeitsbedingungen, die meiste Ausbeutung, die niedrigsten Löhne in der Volkswirtschaft. Seit über 20 Jahren scheitert praktisch jeder Versuch, das etwas einzuhegen. Die Gewerkschaften kriegen keinen Fuß auf den Boden, und der Staat hat – nach immerhin über einem Jahrzehnt harten politischen Kampfes – kaum mehr geschafft, als mit dem Mindestlohn eine absolute Untergrenze der Ausbeutung einzuziehen. Hier ist noch viel Luft nach oben.

3) Tweet

Ich bin immer wieder bass erstaunt darüber, welche ungeheure Unkenntnis über das deutsche Steuersystem vorherrscht. Grundsätzliche Elemente eines progressiven Steuersystems bleiben weiterhin unverstanden. FDP-Politiker und Wirtschaftslobbyisten müssen sich entweder vorwerfen lassen, selbst elementare Grundbestandteile des Steuersystems nicht zu verstehen. Oder sie verzerren das Bild absichtlich so, dass ein falscher Eindruck entsteht. Man könnte es auch, weniger generös, Lügen nennen.

Und diese Legenden werden beständig wiederholt. Ich sehe die Folge davon permanent. Nicht nur gehen Schüler ständig davon aus, dass beim Überschreiten einer Tarifgrenze das GANZE Gehalt vom neuen Steuersatz betroffen ist; auch gestandene Arbeitnehmer haben nicht die geringste Ahnung, wie hoch eigentlich die Steuern tatsächlich sind. Und das, obwohl sie sich jährlich mit Steuererklärungen und -bescheiden herumschlagen müssen und monatlich eine Abrechnung bekommen. Es gibt keinen Sektor, auf dem umfassende Desinformation so durchschlagende Effekte hatte wie dieser. Chapeau, Wirtschaftsliberale, muss man euch lassen.

4) Stop Blaming Democrats for Republican Intransigence

That theory was embraced by both Obama’s critics on the left and most of the mainstream media. For the latter, it became the basis of their obsession with bothsiderism. Any failures of Obama to successfully negotiate with Republicans were explained by a lack of compromise on both sides. None of that took into consideration the fact that, on the day of Obama’s inauguration, Republicans settled on a policy of total obstruction. Their position was that, no matter the issue or the proposed solution, they would vote as a block against it. We are now witnessing how far Republicans are willing to go with that level of intransigence in their refusal to hold Donald Trump accountable. Senate Republicans will not only refuse to hear from witnesses, they will vote to exonerate the most corrupt president in this country’s history. While the Green Lantern theory was initially tied to the presidency, we’re already watching it be applied to congressional Democrats.  […] As Josh Marshall wrote, “there’s always a strong tendency to take consistent and insistent misbehavior as a baseline.” So because Republicans have now become the party of intransigence, that is the new norm and gets a pass when it comes to accountability. The burden is placed on Democrats to conjure up some magic trick to stop Republicans from employing a strategy that has worked marvelously for them—partly because the media fails to identify the source of the problem. […] All of those people have accurately diagnosed the problem. It doesn’t lie with the lack of magical powers on the part of Democrats. Instead, it is the way that Republicans have determined to march in lock-step to defend the indefensible. (Nancy LeThourneau, Washington Monthly)

Die Argumentationsweise findet sich seit vielen Jahren in den meisten einschlägigen Medien und ist auch nicht auf die USA beschränkt. Die Rechtsextremisten tun irgendetwas Schlechtes, und daraufhin stellt man die Frage, warum die Linken sie dazu gezwungen haben. Im Falle des Impeachment ist das besonders absurd. Wie können die Democrats es auch wagen, Trump wegen seiner Vergehen zur Rechenschaft zu ziehen? Da ist es ja klar, dass die GOP-Senatoren ihn unbedingt unterstützen müssen. Hätten sie das Verfahren nicht eröffnet, dann…wäre genau das gleiche passiert. Spätestens hier bricht das Argument auseinander.

Dasselbe können wir auch hinsichtlich der Wähler beobachten. „Schuld sind immer die anderen“, habe ich das Phänomen in meinem Artikel zum Thema genannt. Die haben quasi gar keine andere Wahl als Trump oder Höcke zu wählen, schließlich werden sie für die Entscheidung, die sie bereits getroffen haben, ja kritisiert! Es ist eine Infantilisierung der Politik.

5) Her mit den Schulden

Es ist also sinnvoll, wenn die Staatsschuldenpolitik auf das Preissignal reagiert, das die Zinsen von Staatsanleihen senden. Insbesondere langfristige Staatsanleihen spielen hier eine Rolle. Ihre Zinsen zeigen, wie der Markt zukünftige Refinanzierungsrisiken einschätzt. Wenn neue Staatsschulden langlaufend sind, bleiben fiskalische Risiken jedenfalls bei einer kurzfristigen Änderung des Zinsumfeldes klein. Eine gute Staatsschuldenpolitik sollte auf Zinssignale reagieren. In dieser Hinsicht ist die in Artikel 109 des Grundgesetzes verankerte Schuldenbremse defizitär. Sie ignoriert die Möglichkeit, dass Zinsen niedriger sind als die gesamtwirtschaftliche nominale Wachstumsrate. Dieses Politikumfeld erfordert, wie gezeigt, eine völlig andere Staatsschuldenpolitik: Eine Erhöhung des Staatsschuldenziels wird zum Selbstzweck, um heutige und alle zukünftigen Generationen zu entlasten. Denn entweder führt ein höheres Staatsschuldenziel, nötigenfalls in konzertierter Aktion mit den europäischen Partnern, zu einer wünschenswerten Erhöhung der Zinsen auf liquide Anlagen und entlastet damit die Sparer; oder es führt zumindest zu einer dauerhaften Entlastung der Steuerzahler, falls es so nicht gelingt, die gleichgewichtigen Zinsen zu erhöhen. Deutschland sollte daher seine aktuelle Politik überdenken und mehr Schulden wagen. Während sich all dies aus ökonomischer Theorie klar ableiten lässt, ist es nicht möglich, aus der hohen Nachfrage der Unternehmen nach liquiden Anlagemöglichkeiten Schlussfolgerungen über die optimale Größe und Zusammensetzung der Staatsausgaben zu ziehen. Insofern ist unser Plädoyer für mehr Staatsschulden nicht notwendigerweise eines für mehr Staatskonsum oder mehr staatliche Investitionen. Dies ist ein anderes Thema mit anderen Zielkonflikten. Wie die fiskalischen Spielräume eines höheren Schuldenziels genutzt würden, bleibt im politischen Abwägungsprozess. Höhere Transfers sind ebenso denkbar wie mehr Investitionen in öffentliche Güter oder in einen Deutschland-Fonds, mehr Personal im öffentlichen Dienst oder schlicht niedrigere Steuern. Politisch wäre also für alle Couleur etwas dabei. (Rüdiger Bachmann/Christian Beyer, FAZ)

Ich halte diesen Artikel für einen weiteren Beleg dafür, dass sich das Overton-Fenster verschiebt. Zwar haben die Befürworter der Austeritätspolitik aktuell noch Oberwasser. Aber die schwarze Null und die schwäbische Hausfrau geraten zunehmend unter Druck. Ich denke, in 10-15 Jahren werden wir an einem Punkt sein, an dem ein neuer wirtschaftswissenschaftlicher Konsens Staatsschulden grundsätzlich anders sieht, und dieser Konsens wird dann auch als neuer Konsens auf die Redaktionen niederschlagen. Die Frage ist nur, ob die Bedingungen dann noch so günstig sein werden wie heute. Vermutlich nicht.

6) Democrats Are Freaking Out About Mike Bloomberg

Sanders and Bloomberg each symbolize something much bigger than themselves. They’ve each promised to support the eventual Democratic nominee—Sanders insists that the prospect of another Trump win is more important than ideological differences between Democrats, and Bloomberg has pledged to keep his billion-dollar operation going whether he wins or not. But would Bloomberg really keep his fortune pumping to help elect a socialist, especially after losing at the convention? And would Sanders really back a billionaire moderate who got party insiders to throw him the nomination? “There are going to be a lot of people who are going to be very upset if they feel like the election was stolen from them by a cabal of corporate types,” Jeff Weaver, Sanders’s top strategist and generally the most reliable reflection of the senator’s thinking, told me a few weeks ago. Comments like this make me think of the day in Philadelphia in 2016 when Hillary Clinton was officially nominated and dozens of Sanders supporters staged a walkout. Some were holding Sanders signs. Some had put Sanders campaign stickers over their mouths, to show that they’d been silenced. That was after Sanders had given a speech urging his supporters to unify behind Clinton. But people who were there that afternoon told me they felt like they had to keep up the fight, even without the candidate. Enough Sanders supporters remained so disenchanted that they stayed home on Election Day, or voted for Jill Stein or Trump. Even some of Clinton’s most devoted supporters have admitted privately that they’d be uncomfortable with Bloomberg grabbing the nomination from Sanders. The risk of fracture within the party seems enormous. (Edward-Isaac Dovere, The Atlantic)

Ich glaube keinem der beiden. Klar werden sie  die notwendigen Geräusche machen, um innerparteiliche Geschlossenheit zu demonstrieren und sich gegen Vorwürfe immunisieren. Aber Sanders, der rückhaltlos eine Bloomberg-Kandidatur unterstützt? Bloomberg, der seine Ressourcen in gleichem Umfang wie für sich selbst zur Wahl eines erklärten Sozialisten bereitstellt? Ich sehe es einfach nicht.

7) Why Men Think Plant-Based Meat Will Turn Them Into Women

The tension in the commercial derives from the divide between fast-food consumer bases, which skew male, and vegan consumer bases, which skew decidedly less so. Yet the manly Burger King customers ultimately come away open-minded—if not altogether converted—and say they’re more inclined to order an Impossible option tomorrow. Though it’s never addressed head-on in the ad, there’s a clear subtext of sexual stigma: Are they really man enough to eat a soy burger? Among at least some vegan-curious men, plant-based proteins are inextricably tied to gender. Thought-leading bros like the podcast guru Joe Rogan and the pop/clinical psychologist Jordan Peterson have turned to all-meat diets, fueling an eating trend that appeals to a sense of purity or natural order, despite knowing the burden of their choices on the planet. Taken to an extreme, some men believe that the primary ingredient in the Impossible Whopper and countless other vegan products will literally turn them into women. […] It’s rare to hear anyone admit that they made a mistake when arguing for a diet they believe in. Once a way of eating becomes central to our identities, we default to believing whatever evidence supports the fact that we’ve chosen wisely and are living virtuously. The world is ordered, and our understanding of it is coherent. Plus, admitting you’re wrong can make you grow breasts. I read that online. (James Hamblin, The Atlantic)

Die Soja-Verächter aus dem Maskulistenspektrum sind eine dieser vielen merkwürdigen Subgruppen, die aus dem Milieu der gefeierten toxischen Männlichkeit kommen. Ich habe das Phänomen das erste Mal durch ein YouTube-Video des Influenzers HBomberguy kennengelernt. Es gibt in dieser Subkultur tatsächlich die Ansicht – oder Verschwörungstheorie, oder wie auch immer man das nennt – dass durch eine vegetarische Ernährung (oder eine vegane, oder eine sojabasierte, je nach Spinner) zu einer Veränderung des Hormonhaushalts führt, die dann „echte Männer“ zerstört.

Effektiv handelt es sich um die Nahrungsmittelvariante der „großen Umvolkung“, weil natürlich immer die Verschwörungstheorie mitkommt, dass die linksgrünversifften Gutmenschen eine riesige Verschwörung am laufen haben, die durch das Zwingen der Bevölkerung auf einen veganen/vegetarischen Kurs (mit Soja!) die Männer zerstören und so das Land zur Übernahme durch die Feministen bereit machen soll.

Im Kampf gegen diese sinistre Verschwörung ist dann natürlich jedes Mittel Recht, und das ist, wo dieser harmlose Unfug aus dem Dunstkreis der extremistischen Spinner plötzlich sehr relevant werden kann. Genauso wie bei #Gamergate und der Problematik mit der Gamerszene finden sich hier nämlich ebenfalls auffällig viele Verbindungen ins Milieu der neuen Rechtsterroristen.

8) How McKinsey Destroyed the Middle Class

In the middle of the last century, management saturated American corporations. Every worker, from the CEO down to production personnel, served partly as a manager, participating in planning and coordination along an unbroken continuum in which each job closely resembled its nearest neighbor. Elaborately layered middle managers—or “organization men”—coordinated production among long-term employees. In turn, companies taught workers the skills they needed to rise up the ranks. At IBM, for example, a 40-year worker might spend more than four years, or 10 percent, of his work life in fully paid, IBM-provided training. Mid-century labor unions (which represented a third of the private-sector workforce), organized the lower rungs of a company’s hierarchy into an additional control center—as part of what the United States Supreme Court, writing in 1960, called “industrial self-government”—and in this way also contributed to the management function. Even production workers became, on account of lifetime employment and workplace training, functionally the lowest-level managers. They were charged with planning and coordinating the development of their own skills to serve the long-run interests of their employers. […] Middle managers, able to plan and coordinate production independently of elite-executive control, shared not just the responsibilities but also the income and status gained from running their companies. Top executives enjoyed commensurately less control and captured lower incomes. This democratic approach to management compressed the distribution of income and status. (Daniel Markovitz)

Der Einbruch der betriebseigenen Fortbildungen ist in der Tat eine schwerwiegende Entwicklung der letzten 40 oder 50 Jahre, und ich denke, es ist fair, ihm das Label „McKinsey“ umzuhängen, denn niemand war so einflussreich darin wie die berühmteste und größte Beratungsagentur. Wenig überraschend, schließlich profitierte sie am meisten davon und schuf sich so auch ihre eigene Nachfrage.

Während sich die Firmen so mittelfristig mit ihrer eigenen Kürzungspolitik ins Knie schossen, um kurzfristig Gewinne zu realisieren (für die sich die Chefetagen dann mit sprunghaft steigenden Gehältern entlohnen ließen), zogen sie eine Decke durch ihre Unternehmen, die kaum mehr zu durchbrechen war. Die interne Mobilität aber hatte nicht nur auf die Gleichheit in der Gesellschaft Auswirkungen, sondern eben auch auf die Unternehmen selbst.

Die nomadenhaften Funktionärseliten, die mit immer gleichen Lebensläufen zwischen Firmen hin- und herwechseln, mögen zwar auf dem Papier mehr Erfahrung mitbringen als die früheren Karrieren, die im selben Unternehmen verbracht wurden. Aber sie haben auch den Nachteil, dass sie absurderweise nur wenig neue Perspektiven mitbringen, keine Bindung zum Unternehmen haben und oft dessen Kerngeschäft gar nicht verstehen. Es gibt eben keine Entwicklung ohne Nachteile, und letztere werden immer sichtbarer.

9) Ist es radikal, Jungen beizubringen, nicht zu vergewaltigen? 

Doch auf welchem Wissensstand sind wir als Eltern, Bezugspersonen und Lehrer*innen? Ich bin 35 Jahre alt und habe den Begriff »konsensualer Sex« erst irgendwann im Zuge des #aufschrei-Hashtags kennengelernt. Etwas sieben Jahre ist das her. Für das diffuse Unwohlsein rund um den Sex meiner Jugend und teilweise bis ins Erwachsenenalter haben mir erst feministische Diskurse in sozialen Netzwerken die Sprache gegeben. Die #Metoo-Debatte hat für viele Menschen bewirkt, Jahre später verstehen zu können, dass das, was sie als vielleicht schlechten oder komischen Sex in Erinnerung hatten, etwas war, das gegen ihren Willen geschehen ist. Das es vielleicht schon sexuelle Nötigung war, möglicherweise eine Vergewaltigung. Dennoch empfinden viele Erwachsene verbalen Konsens als zuviel verlangt. Menschen in meinem Alter, nicht nur Männer, machten erst über »Nein heißt Nein« Witze, und das Konzept »Ja heißt Ja« ging ihnen dann erst recht zu weit: »Schützt uns jetzt nur noch eine schriftliche Einwilligung vor einer Falschbeschuldigung?« Dass in ihrer Sexualität bislang nonverbale Kommunikation gereicht hat, um sich zweifelsfrei zu verständigen, begreifen die Kritiker*innen der aktiven Einwilligung nicht als Glück oder Zufall, sondern fälschlicherweise als Standard. Der »enthusiastic consent« hingegen könnte vielen anderen ersparen, schlechte Erfahrungen zu machen. […] Eine Studie der US-Sozialorganisation Confi über Übergriffe auf Universitätsgeländen unter 18- bis 25-Jährigen kam zu dem Ergebnis, dass einer von vier jungen Männern der Überzeugung war, Frauen müssten zum Sex überredet werden. Von den Frauen glaubte das nur eine von zehn. 16 Prozent der Männer stimmten der Aussage zu, es könne nicht als sexueller Übergriff gelten, wenn beide betrunken seien, während dem nur fünf Prozent der Frauen zustimmten. Diese Unterschiede entstehen nicht, weil angeblich eine gewisse Aggressivität in der Natur von Männern liegt, sondern weil unsere Gesellschaft den Stereotyp »der Mann als Eroberer« noch immer vermittelt und belohnt. […] Wissen allein reicht jedoch nicht. Was sexualisierte Gewalt zusätzlich reduzieren könnte, während es Jungen und Männer gleichzeitig glücklicher macht, sind flexiblere und insgesamt mehr Modelle von Männlichkeit, mit denen sie sich identifizieren können. Denn wenn Jungen und Männer sich starren Männlichkeitsnormen unterwerfen, neigen sie nicht nur mehr dazu, andere zu belästigen oder zu schikanieren, sie werden auch selbst eher Opfer von Gewalt. Sie trinken mehr Alkohol, geraten häufiger in Autounfälle und neigen eher zu sexuell riskantem Verhalten. Während der Druck auf Mädchen, sich in einer bestimmten Art und Weise zu verhalten, um akzeptiert zu sein, mittlerweile geringer geworden ist, ist der Druck auf Jungen, sich im Rahmen eines engen Stereotyps zu verhalten, immer noch groß. (Theresa Bücker, SZ)

In den letzten Jahren sind massive Veränderungen auf diesem Gebiet eingetreten, die absolut hoffnungsvoll stimmen. Es gibt ein neues gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für die Problematik, das überhaupt erst das Ausmaß des Problems offenlegt. Ja, die Zahl der Männer, die sexuelle Gewalt immer noch als unproblematisch oder normal betrachten, ist beängstigend hoch. Aber auf der anderen Seite wird das Ganze überhaupt erst einmal thematisiert und kann dann in Elternhäusern, Kindergärten und Schulen aufgegriffen werden, so dass eine neue Generation mit weniger toxischer Männlichkeit heranwächst – und dann ihrerseits wiederum eine noch bessere Generation hervorbringt.

10) Democrats Have Successfully Implemented a 50-State Strategy

Following the debacle in Iowa and the refusal of Senate Republicans to hold Trump accountable, the “Democrats in disarray” crowd is having a field day. As someone who tends to chafe at conventional wisdom, I thought I’d go against the grain and bring you some good news about Democrats. Almost no one is noticing that the party has successfully implemented a 50-state strategy when it comes to fundraising. Howard Dean is the one who popularized the idea of a 50-state strategy back in 2005. What most people don’t know is that in promoting that idea, he was posing a direct challenge to the Democratic “establishment” of his day. Prior to his chairmanship of the DNC, the party was the focal point for fundraising and its leadership doled money out to candidates in a top-down strategy based on who they thought would be viable. Very little of that money was spent to support state parties or candidates in red states or districts that were deemed to be unviable. […] The Democratic candidates outraised Republicans $55 million to $49 million last quarter. One thing to keep in mind about those numbers is that Republicans will be defending 23 seats in 2020, while the Democrats will be defending 12. [….] What we have is a Republican Party that has become increasingly dependent on large donations from outside groups and a Democratic Party fueled by grassroots donations directly to candidates. That is how a 50-state strategy is attempting to level the playing field in the era of Citizens United. (Nancy LeThourneau, Washington Monthly) 

Ich bin gespannt, ob diese Strategie Früchte tragen wird. Angesichts der Absage diverser Kandidaten an Großspenden von der Wallstreet muss die Partei zwangsläufig die Basis ihrer Spender vergrößern; die 50-Staaten-Strategie ist somit weniger brillanter Schachzug als bittere Notwendigkeit. Aber es ist gut, dass der DNC die Problematik erkannt hat und flexibel genug war, entsprechend darauf zu reagieren. Mittel- und langfristig mögen sich diese erhöhte Sichtbarkeit und Mobilisierung sogar in Wahlerfolgen niederschlagen.

Insgesamt aber bin ich ziemlich skeptisch, inwieweit das als Strategie tragfähig ist. Keine Wahl einer solchen kommt ohne Nachteile aus, und die 50-Staaten-Strategie hat den Nachteil, dass der Fokus verloren geht. Letztlich entscheidet sich die Wahl immer noch an einigen wenigen Battleground States, und die massive Polarisierung (das Gesetz der 42%) trägt seinen Teil dazu bei, dass plötzliche, überraschende realignments unter den Staaten eher unwahrscheinlich bleiben dürften.

11) You’ll Never Know Which Candidate Is Electable

So it’s fair to say that our notion of electability is, at some level, related to our individual knee-jerk social biases — things like the color of a person’s skin, or the way they present their gender to the world. We take those ingredients and we make assumptions about that person. We make assumptions about what other people might think about that person. We make assumptions about what researchers want us to say when they ask about our biases. We make a stew — reactions and reactions to reactions. It’s virtually impossible to avoid bias in perceptions of electability, said Alan Abramowitz, professor of political science at Emory University. “Just about anything that affects how you feel about a candidate could affect assessment of electability,” he said. Media narratives, in turn, often prey on these biases, which only makes them stronger. In lifting up electability as a marker of fitness, we’ve inadvertently created a system that caters to whatever our imagined lowest common denominator might be. You might want to vote for a black, female candidate, goes the narrative … but other voters are racist and sexist and so you can’t. […] A June 2019 Ipsos poll, for example, found that 74 percent of Democrats and Independents said they’d be comfortable voting for a female president, but only 33 percent of those same people believed their neighbors would be as open-minded. The effect captured in that Ipsos poll is so common, social scientists use it in their research to make sure participants aren’t just blowing some woke-sounding smoke. “People aren’t stupid,” Bauer told me. If you just ask who they like as a candidate, they’ll figure out that you’re trying to see if they’re sexist. “But asking if you think they’ll win is asking if you think other people will vote for that candidate. It takes social desirability pressure off the individual.” But when polls turn up results like that, are they showing that Democrats are secretly more sexist than they let on? Are they showing Democrats are unfairly contemptuous of their fellow Americans? Maybe a little of both? It’s hard to say, but it does demonstrate how hard it is to predict electability based on what you think other people think. […] Ideologues are elected more often than they used to be. Outsiders are elected more often, too. And the percentage of true swing voters is shrinking, Utych said. So does that mean someone like Sanders is more electable and someone like former Vice President Joe Biden is less electable? Electability here becomes a game of divining which group is more important to winning — swing voters or the partisan base. But that’s no more accurate than trying to estimate how sexist your neighbors are. “Which segment is bigger … there’s not great information on that,” Utych said. “Anything you say is just guessing.” (Maggie Koerth, 538)

Ich habe das an anderer Stelle auch schon geschrieben, aber electability ist ein ähnlich schwammiger Begriff wie mandate und ist im Endeffekt nur ein zunehmend schlecht verhüllter Versuch, die eigenen politischen Interessen absolut zu setzen und zu objektivieren. Electable ist, wer meine Ansichten vertritt. Ein mandate hat, wer versucht, meine Meinung durchzusetzen. Beides aber ist letztlich Kaffeesatzleserei.

Die electability zeigt sich am Wahltag. Das stärkste Argument gegen sie als Analysekategorie ist die Wahl Donald Trumps. Wenn jemand unelectable war, dann er, und es war offensichtlich irrelevant. Auch die große Stärke Bernie Sanders‘ spricht gegen die Theorie. Auf der anderen Seite ist die Polarisierung in den USA asymmetrisch; die Democrats sollten nicht glauben, mit so viel durchkommen zu können wie die Republicans. Für sie gelten Normen, Regeln des Anstands und ein Bedürfnis nach Kompromissen nämlich noch.

Das mandate auf der anderen Seite wird immer dann bemüht, wenn NACH einer Wahl die Gewählten irgendetwas tun wollen; wahlweise, um es zu legitimieren, wahlweise, um es abzulehnen. Wir haben das auch bei der Thüringenwahl gesehen, wo allerlei Kaffeesätze gelesen wurden, um den wahren Willen der Thüringer angesichts der unklaren Machtverhältnisse herauszubekommen. Es ist alles Quatsch. Politiker haben ein mandate durch ihre Wahl, das umzusetzen, wofür sie eine Mehrheit oder die entsprechenden verfassungsmäßigen Befugnisse haben. Alles weitere zeigt die nächste Wahl.

{ 62 comments… add one }
  • derwaechter 12. Februar 2020, 08:52

    1)
    Das ist auf jeden Fall ein Phänomen und auch eine gute Analogie.
    Ich sehe das Problem allerdings darin, dass auch valide Gegenargumente mit dem Begriff einfach zur Seite geschoben werden.

    Wie im Ursprungsbeispiel Bildungspolitik. Wenn es um grosse Investitionen oder einschneidende Änderungen geht (iPads in Klassenzimmer, smarte Tafeln, kleinere Klassen etc.) ist die
    “ die langweilige Frage nach dem Mehrwert“ durchaus sinnvoll.

    • Stefan Sasse 12. Februar 2020, 09:05

      Das mit dem Mehrwert ist eine Meta-Diskussion unter Lehrern, deswegen erklärt Wampfler nicht, was er meint. Schau mal hier: https://bobblume.de/2018/09/19/digital-nicht-noch-ein-artikel-ueber-den-mehrwert/

      • derwaechter 12. Februar 2020, 09:52

        Würde ja für andere Beispiele auch gelten. Man würfe dem Gegenüber „Teergrubing“ 🙂 vor anstatt sich mit vernünftigen Gegenargumenten auseinanderzusetzen

        • cimourdain 13. Februar 2020, 00:50

          Was diesen Vorwurf selbst metadiskurstheoretisch zu einer Teergrube für eine kritische Diskussion machen würde.

        • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 06:36

          Ich bin dafür dass Teergrubing ein Wort wird. 🙂

          • derwaechter 13. Februar 2020, 12:36

            Danke 🙂

      • CitizenK 12. Februar 2020, 13:24

        Den Vorteil/Mehrwert gibt es auch dann, wenn man mit alten Methoden unterrichtet. Jeder, der in den kleinen Pausen zum Kartenzimmer hetzte um vergilbte und veraltete „Medien“ zu holen oder den Videowagen mit den klemmenden Rädern durch die Flure schob, weiß das.

  • derwaechter 12. Februar 2020, 09:05

    7) solche Überschriften gehen mir ziemlich auf den Senkel. „Männer“ glauben das nämlich garantiert nicht . Die allermeisten werden von dieses abstrusen Theorie noch nie gehört haben.

  • TBeermann 12. Februar 2020, 09:47

    2. Der Artikel spricht wichtige Dinge an. Vor allem ist der Dienstleistungssektor in der USA schon sehr viel weiter (im negativen Sinne). Viele haben Null-Stunden-Verträge und müssen auf Abruf bereit stehen, ohne die Chance, ihr Leben selbst zu organisieren, weil sie nicht wissen, wann sie arbeiten. Oder noch extremer: Es werden nur noch einzelne Arbeitsschritte an Freelancer vergeben. So hat der Einzelne werde einen Überblick über das gesamt Projekt noch eine Ahnung, wer die anderen Schritte durchführt. Dadurch ist auch eine Organisation der Arbeiter unmöglich.

    3. Das ist tatsächlich ein großes Problem, weil es den Diskurs regelmäßig komplett verzerrt. Ich gehe dabei auch nicht davon aus, dass die ganzen „konservativen“ und wirtschaftsliberalen Teilnehmer an der Debatte hier tatsächlich ehrlich Unkenntnis an den Tag legen. Wenn ich – zugegeben Akademiker, aber ohne wirtschaftlichen Abschluss – das System grundsätzlich verstehe, dann sollte jemand, der sich hauptsächlich mit Wirtschaft befasst (oder das zumindest vorgibt), so etwas Grundsätzliches auch überblicken.

    Man muss also davon ausgehen, dass absichtlich falsche Darstellungen beibehalten und verbreitet werden, um die eigene Agenda zu fördern.

    4. Die Argumentation fängt oft ja sogar noch deutlich früher an, dass angeblich schon die Politik des linken Spektrum die Menschen in die Arme der Rechten treibe. Was dann aber an gleichen Rechten für Minderheiten so schlimm sein soll, dass man deswegen geradezu keine andere Wahl hat, als sich zu radikalisieren, konnte mir so noch keiner Erklären.

    In den USA fasst es das Maher Zitat in meinen Augen gut zusammen: How did we get from „the party of personal responsibility“ to „look what you made me do“? Eine rationale Diskussion ist da einfach nicht mehr möglich. Man kann eigentlich nur hoffen, dass dieses Verhalten nach Trump wieder von der Partei abfällt, sonst wird es auch langfristig noch gefährlich.

    8. Der Artikel ist mir vor ein paar Tagen schon über den Weg gelaufen und ich finde ihn extrem wichtig, weil er verschiedene Punkte verbindet, die ich für mich in den letzten Jahren nicht selbst zusammengesetzt hatte.

    Diskussionen, dass die Arbeit in vielen Formen in immer kleinere Abschnitte des Prozesses aufgesplittet wird und der Einzelne immer weniger qualifizierte Tätigkeiten durchführt, hatte ich in den letzten Jahren öfter. Genau so die Frage, wie oft viel seltener ein Aufstieg innerhalb einer Firma geworden ist, allein weil die entsprechenden Positionen fehlen.

    • Ralf 12. Februar 2020, 19:44

      Man muss also davon ausgehen, dass absichtlich falsche Darstellungen beibehalten und verbreitet werden, um die eigene Agenda zu fördern.

      Ich muss schmunzeln, wie vorsichtig und in alle Richtungen absichernd das hier und auch schon im ursprünglichen Text von Stefan Sasse formuliert wird. Als wäre nicht kristallklar, dass hier von Eliten gelogen wird, dass sich die Balken biegen, mit dem Ziel Interessen durchzusetzen.

    • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 06:36

      Stimme in allen Punkten zu.

  • Stefan Pietsch 12. Februar 2020, 10:21

    3) Tweet

    Die neuen SPD-Chefs Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken versuchen sich in Neusprech. Seit ewigen Zeiten geltende Definitionen werden aufgebohrt aus sektiererischem Interesse. Seit einigen Wochen ebnen sie rhetorisch die zwei Ebenen Grenzsteuersatz und Durchschnittssteuersatz zu einem ein. Dabei weist jeder Steuerbescheid beide Sätze aus.

    Dabei geht es um einen einfachen Sachverhalt: ein Techniker mit einem zu versteuernden Einkommen von 52.000 Euro zahlt bei der nächsten Gehaltserhöhung auf seine 200 Euro 84 Euro Einkommensteuer plus Soli plus KiSt – also 42% zuzüglich der anderen Abgaben. Ein Gesellschafter-Geschäftsführer mit einem steuerpflichtigen Lohneinkommen von 1.000.000 Euro erhält darüber hinaus eine Gewinnausschüttung von 1.000.000 Euro und zahlt hierauf (Reichensteuer außer Ansatz) 420.000 Euro Einkommensteuer zuzüglich Soli und Kirchensteuer. Beide zahlen auf den Zugewinn 42% Einkommensteuer, obwohl der eine zur Mittelklasse gehört und der andere finanziell auf Rosen gebettet ist. Dass die SPD dies neuerdings für gerecht ansieht, spricht nicht für die Partei. Vor allem kann sie das ihren bisherigen Anhängern nicht verständlich machen.

    Doch egal welchen Vergleich man anstellt, er fällt niemals vorteilhaft für Deutschland aus. Deswegen wollen auch die wenigsten, die eine Wahl haben, sich hier taxieren lassen. Ich hatte Kollegen, die Einkommensverlagerungen in niedriger besteuernde Länder vorgenommen haben, notfalls durch Aufspaltung. Und ich hatte Kollegen, die peinlich darauf bedacht waren, keine 180 Tage sich in Deutschland aufzuhalten, um in den Niederlanden besteuert zu werden, wozu sie öfter einen Home Office Tag einschoben.

    Die SPD wirft Nebelkerzen und die letzten verbliebenen Anhänger irren in dem Dunst umher. Und soll man wirklich jemanden zuhören, der als Regierungspolitiker die Verfassung als nette Nice-to-have-Regeln links liegen ließ und trotzdem sämtliche finanzpolitischen Ziele verfehlte, die er sich selbst gesetzt hatte? So jemand arbeitet auf eigene Rechnung und nur auf eigene Rechnung, um Versagen zu kaschieren.

    • cimourdain 13. Februar 2020, 13:51

      a) Auf dem Einkommensteuerbescheid ist weder Grenz- noch Durchschnittssteuersatz angegeben. Die Berechnung geht direkt vom zu versteuernden Einkommen auf die resultierende Steuerlast, was auch der Formel in §32a Abs.1 EStG entspricht – dort ist auch kein Steuersatz direkt angegeben, um diesen zu erhalten, müssen Sie (mathematisch) differenzieren. Ausnahme ist nur bei Progressionsvorbehalt – z.B. Lohnersatzleistungen – dort ist der anzuwendende (Durchschnitts-)Steuersatz angegeben, weil er abweicht.
      b) ‚(Reichensteuer außer Ansatz)‘ ist genau die Art Irreführung, die von Stefan Sasse moniert wird. Übersetzt heißt das so viel wie: ‚Ich ignoriere die unterschiedlichen (Grenz)Steuersätze, rechne ein wenig und komme zu dem Ergebnis, dass die (Grenz-)Steuersätze gleich sind.‘

      • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 14:41

        Es war zumindest meiner Erinnerung nach zeitweise angegeben. Und über Elster werden meines Wissens nach ebenfalls beide Sätze ausgewiesen.

        • cimourdain 13. Februar 2020, 23:43

          Es könnte sein, dass der Grenzsteuersatz angegeben wurde, bevor 1990 der stückweise Lineartarif konsequent eingeführt wurde. Davor war der Steuersatz nicht ganz so leicht ersichtlich und wegen des unregelmäßigen Tarifverlaufs war die Gestaltung mittels Verschieben von Einnahmen oder Ausgaben über Veranlagungszeiträume wesentlich attraktiver.

  • R.A. 12. Februar 2020, 11:03

    1.) „Beispiele dafür wäre zum Beispiel die ewige Frage nach der Finanzierung von diesem oder jenem Vorhaben …“
    Ich halte es für absurd die völlig notwendige Frage nach der Finanzierung für eine „Teergrube“ zu halten. Bei jedem politischen Vorschlag müssen alle Vor- und Nachteile sachlich analysiert und ins Verhältnis gesetzt werden. Und da gehören die Kosten als Nachteil immer mit in die Diskussion. Die bei einer Entscheidung auszublenden wäre unverantwortlich.

    2.) „Hier finden sich die schlechtesten Arbeitsbedingungen, die meiste Ausbeutung, die niedrigsten Löhne in der Volkswirtschaft.“
    Logisch – im größten Sektor der Volkswirtschaft finden sich auch die meisten Fälle dieser Art. Und es finden sich dort auch die meisten Fälle von sehr guten Arbeitsbedingungen und den höchsten Löhnen.
    Das Problem der Gewerkschaften (und staatlicher Regulatoren) ist schlicht, daß sie mit dieser Vielfalt überfordert sind, weil sie nur die „one size fits all“-Strategie fahren. Und weil sie immer noch krampfhaft versuchen die Methoden des alten Fabrikzeitalters auf den neue Dienstleistungsbereich anzuwenden. Kann nicht funktionieren.

    3.) „Ich bin immer wieder bass erstaunt darüber, welche ungeheure Unkenntnis über das deutsche Steuersystem vorherrscht. “
    Richtig. Wie gerade die neue SPD-Spitze demonstriert hat, die Durchschnitts- und Grenzsteuersatz konsequent verwechselt.
    Nur warum die Unkenntnis linker Politiker über das Steuersystem den Wirtschaftsliberalen anzulasten ist bleibt Dein Geheimnis.

    4.) Niemand hat irgendjemand gezwungen. Aber die auf allen Seiten üblichen Mechanismen der Solidarisierung bei Angriffen von außen nicht versteht, der kann halt keine erfolgreiche Politik betreiben.
    Das Impeachment war Scheitern mit Ansage und wird Trump wesentlich zur Wiederwahl verhelfen. Und das kann man nicht den Reps anlasten.

    5.) Noch so ein Artikel der wesentliche Aspekte ignoriert. Einerseits die Tatsache daß schon die normalen Staatseinnahmen reichlich fließen und alle nötigen Investitionen finanzieren könnten – wenn man die politischen Prioritäten richtig setzen würde. Und andererseits die schlichte Tatsache, daß Zinszahlungen nur ein Teil der Rechnung ist, der wesentlichere ist die Rückzahlung.

    6.) Tatsächlich eine etwas naive Hoffnung. Da kämpft jeder nur für sich selber.

    7.) Erstaunlich wirre Verschwörungstheorie. Aber ein völlig irrelevantes Randphänomen.

    8.) McKinsey hat mit dieser Entwicklung wohl nur wenig zu tun. Fakt ist halt, daß die lebenslangen Arbeitsverhältnisse bei ein und derselben Firma nicht mehr die Norm sind. Arbeitnehmer sind viel eher als früher bereit zu wechseln, wenn die Konkurrenz attraktiver erscheint. Und deswegen ist es natürlich nicht mehr sinnvoll für die Firmen in eine Ausbildung zu investieren, die der Ausgebildete hinterher mitnehmen und bei der Konkurrenz versilbern kann.
    Und diesen Trend wird man auch nicht umdrehen können, da wohl niemand die freie Wahl des Arbeitsplatzes einschränken will.

    9.) Was für ein dämlicher Strohmann. Niemand bringt Jungen bei, daß Vergewaltigung ok wäre. Vielmehr ist es normal und überall üblich ihnen beizubringen, daß es nicht ok ist. Der Artikel ist schlicht Murks, weil er von einer selbst konstruierten und grottenfalschen Basis ausgeht.

    • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 06:44

      1) Verkenn nicht die Argumentation. Klar ist die Finanzierung ein relevantes Thema. Aber wenn sie benutzt wird, um etwas zu verhindern, ist es eine Teergrube.
      2) Ja, das ist sicherlich ein Problem, aber eben eines, auf das keine Antwort gefunden wurde und wo die Politik sich auch einfach raushält. Und dass es ein Problem ist, stellst du ja auch nicht in Frage oder?
      3) Weil die davon massiv profitieren, aber das habe ich ja geschrieben, weswegen „Geheimnis“ mit „Erklärung im Text“ in dem Fall synonym ist.
      4) Bullshit.
      6) 🙁
      8) Sorry, aber diese schönen Narrative von den flexibleren Arbeitnehmern sind sicherlich nicht die Ursache. Die absolute Großzahl will nämlich diese Norm erhalten, das beklagt ja Stefan immer so wortreich.
      9) Sagt ja auch keiner. Die Kritik ist, dass es problematisch zu sein scheint, ihnen beizubringen, es nicht zu tun.

      • R.A. 13. Februar 2020, 11:01

        1.) Wenn ein Vorschlag die „wie bezahlen wir das“-Frage nicht übersteht, dann ist das eine völlig sinnvolle Verhinderung. Man muß immer begründen können, warum ein Vorschlag das aufzuwendende Geld wert ist.
        2.) Ich bin mir nicht sicher, ob da wirklich ein systematisches Problem besteht. Daß jemand weniger bezahlt bekommt als er sich das wünscht ist per se noch kein Problem. Seriöse Untersuchungen dazu habe ich bisher nicht gesehen.
        3.) Vom komplizierten Steuersystem profitieren in erster Linie die Verteilungspolitiker. Weil systematisch verschleiert wird wer eigentlich zahlt und wer profitiert – und deswegen kann man immer noch eine Steuerforderung draufpacken.
        4.) Warten wir mal das Wahlergebnis ab.
        8.) Das mit der „absoluten Großzahl“ bezweifle ich. Der Knackpunkt ist: Je besser jemand ausgebildet ist, desto wechselbereiter ist er. Bleiben wollen in erster Linie die, die auch sonst Veränderungen scheuen – auch bei der Qualifizierung.
        9.) Ist nicht problematisch, sondern (schon immer!) schon immer selbstverständlich. Jeder Junge bekommt beigebracht, daß Vergewaltigung nicht sein darf.
        Problematisch wird es erst, wenn der Vergewaltigungsbegriff umdefiniert wird und plötzlich völlig normale und von beiden Geschlechtern normalerweise als richtig empfundene Verhaltensweisen umfaßt.

        • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 14:19

          1) Nein, da verwechselst du zwei Sachen. Deine Frage ist absolut gerechtfertigt und wird auch von Progressiven nicht bestritten. Was ein Verhinderungsdiskurs wäre ist zu sagen, dass Sachen das zwar wert WÄREN, aber dann quasi die Gelder nicht als verfügbar wegzudiskutieren und zu versuchen, einen Konflikt aufzumachen, indem du Streit zwischen denen mit der sinnvollen Maßnahme und den Besitzstandswahrern produzierst.
          2) Naja, der Niedriglohnsektor heißt nicht umsonst so, und freiwillig ist da keiner drin. Die soziale Mobilität ist katastrophal, und so weiter.
          3) Nein, komplizierte Steuerrechte bevorteilen diejenigen, die in der Lage sind, sie zu nutzen – ob Milliardäre, Verteilungspolitiker oder Niedriglöhner.
          8) Jede entsprechende Umfrage gibt riesige Mehrheiten dafür. Erneut, Stefan kritisiert das ja dauernd!
          9) Tut er ja zum Glück nicht.

          • R.A. 14. Februar 2020, 15:18

            1.) Jein. „Schön, aber“ kann natürlich ein Verhinderungsdiskurs sein, wenn das „schön“ gar nicht ehrlich gemeint ist und real jedes „aber“ genutzt wird, weil man das „schön“ nicht argumentativ angehen kann.

            „indem du Streit zwischen denen mit der sinnvollen Maßnahme und den Besitzstandswahrern produzierst.“
            Dieser Streit dagegen ist legitim und muß auch explizit geführt werden. Wenn eine Maßnahme Besitzstände angreift kann dies berechtigt sein, muß aber transparent gemacht werden. Und dann ist politisch zu entscheiden, ob nun die neue Maßnahme oder der Besitzstand Vorrang kriegt.
            Unehrlich ist dagegen die übliche Vorgehensweise, daß man so tut als würde eine neue Maßnahme nur Vorteile bringen und niemandem würde etwas weggenommen. Das ist bei Finanzverteilung immer falsch.

            „Naja, der Niedriglohnsektor heißt nicht umsonst so, und freiwillig ist da keiner drin.“
            Das meinte ich ja: Jeder hätte gerne mehr Geld. Aber das ist nicht per se ein Problem.

            3.) Alles richtig.

            8) „Jede entsprechende Umfrage gibt riesige Mehrheiten dafür.“
            Solche Umfragen sind Banane. Selbstverständlich würde jeder gerne seinen Arbeitsplatz behalten, solange ER möchte. Aber selbstverständlich wechseln auch die Leute, die in der Umfrage solche Mehrheiten erzeugen, gerne mal den Job wenn sie woanders grüneres Gras sehen.
            Ich habe dazu keine Zahlen gefunden, aber ich gehe schon davon aus, daß jährlich ein substantieller Teil der deutschen Arbeitnehmer aus eigenem Antrieb den Arbeitgeber wechselt. Und da ist es für Arbeitgeber nur begrenzt schlau, diese Fluktuation zu fördern.

            • Stefan Sasse 14. Februar 2020, 17:05

              1) Klar. Man kann diese Debatte ehrlich führen, aber das gleiche geht ja auch in die andere Richtung. Stefan finanziert seine Steuersenkungen mit Verweis darauf, dass der Staat ineffizient arbeite und niemand Einbußen hätte, wenn man kürze. Das kann man annehmen. Genauso kann man annehmen, dass sich neue Programme auflegen ließen, ohne dass dies die Finanzen negativ beeinträchtige.
              8) Ich bin jetzt verwirrt. Worüber hatten wir Dissens? 😀

  • Stefan Pietsch 12. Februar 2020, 12:18

    1) Teergruben sind die neuen Verhinderungsdiskurse

    Das kann man auch mit dem leidigen Steuerthema so sehen. Längst sind Steuersenkungen angezeigt, längst steht Deutschland an der Spitze der persönlichen Einkommensbelastungen in der OECD, längst lamentieren Arbeitnehmervertreter doch die Politik, insbesondere das linke Lager, gibt sich hartherzig. Während der Staat im Geld schwimmt und inzwischen nicht mehr weiß wie noch ausgeben, fehlt es an Cent für eine Steuerreform.

    Aber das meintest Du nicht, oder?

    • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 06:45

      Wann waren denn von eurer Warte aus Steuersenkungen nicht „längst angezeigt“? ^^

      • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 10:32

        Das ist eine arg seltsame Frage und sie hängt nicht damit zusammen, dass Du kein Steuerexperte bist. Letzte Woche habe ich dies ausführlich in einem Artikel begründet.

        Es geht nur formaljuristisch um Steuersenkungen. Der Staat legt in einer demokratisch begründeten Entscheidung seine Besteuerungsprinzipien fest. Dies geschah zuletzt im Jahr 2000, also vor 20 Jahren. Jemand mit niedrigem (relativen) Einkommen wird niedrig besteuert, jemand mit mittlerem Einkommen mittel usw. Ist das soweit für Dich verständlich? Wenn jedoch 20 Jahre später jemand mit niedrigem Einkommen so besteuert wird wie jemand zuvor mit mittlerem, und ein Mittelklasseverdiener so wie zuvor ein Topverdiener, stimmt die Besteuerung nicht mehr mit den festgelegten Prinzipien überein. Wir haben nunmal einen starren Steuertarif, der sich nicht automatisch an Einkommensentwicklungen anpasst. Daher wäre eigentlich jährlich eine gesetzliche Neujustierung erforderlich, aber das ist kaum praktikabel.

        Das System hat ausschließlich Vorteile für den Staat. Völlig ohne parlamentarische Debatten wird die Einnahmebasis des Staates nicht nur absolut, sondern auch relativ ausgeweitet. Stell‘ Dir vor, Deiner Frau steht ein Anteil von Deinem Einkommen zu. Ihr habt festgelegt, wenn Du 1.000 Euro verdienst, musst Du ihr 10% geben, wenn Du 2.000 Euro hast 20% und wenn Du bei 4.000 Euro angelangt bist, beträgt Deine Abgabe 50%. Nun war das dummerweise vor 12 Jahren, als Du ein Einstiegsgehalt von gut 1.000 Euro hattest. Jetzt bist Du bei 4.500 Euro angelangt (alle Zahlen fiktiv!) ohne dass Du Dich wohlhabend fühlst (was Du noch 2008 getan hättest, mit dem Ausblick, Dein Einkommen mehr als zu verdreifachen). Ich wette, Du hättest jetzt nichts Dringlicheres zu tun als in Verhandlungen mit Deiner Frau zu kommen, denn so war das ja mal nicht gedacht.

        Um Dir mal die Dimensionen klar zu machen, um die es geht:
        2010 kassierte der Staat von einem BIP in Höhe von 2,56 Billionen Euro rund 8% über Steuern auf Einkommen ab, nämlich 204 Milliarden Euro.

        Von 2010 bis 2018 stieg das BIP um 3,4 Billionen Euro. Das ist das, was die Bürger mehr verdienten. Dem Staat hätten nach den Besteuerungsprinzipien wohl 8% über die Einkommensbesteuerung zugestanden, gehst Du d’accor? Das wären 272 Milliarden Euro, die der Staat in dieser Zeit mehr eingenommen hätte.

        Weißt Du, wieviel es tatsächlich war? Unglaubliche 649 Milliarden Euro hat der Staat von 2010 bis 2018 zusätzlich von den Einkommen und Gewinnen abgegriffen, also 19% des Zugewinns. Hätte der Staat sich an seine Besteuerungsprinzipien gehalten, wären die Bürger 376 Milliarden Euro reicher. Gewendet auf die Zahl der Einkommensteuerzahler wären das allein für diesen Zeitraum rund 8.400 Euro mehr. Für jeden!

        Die „Steuersenkungsfetischisten“ wollen nur, dass der Staat das Geld herausrückt, was er zu viel einnimmt. Das ist bescheiden, Stefan. Wenn das erfüllt ist, ist alles gut. Linke dagegen wollen wirklich, dass der Staat Jahr für Jahr mehr vom eigenen Einkommen erhält und das noch nach Möglichkeit ohne öffentliche Debatte. Schöne Grüße an Deine Frau! 😉
        https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Volkswirtschaftliche-Gesamtrechnungen-Inlandsprodukt/_inhalt.html#sprg227266
        https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Steuern/Steuerschaetzungen_und_Steuereinnahmen/4-kassenmaessige-steuereinnahmen-nach-steuergruppen-mit-aufteilung-auf-direkte-und-indirekte-steuern-1970-bis-2017.html

        • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 14:13

          Ich habe überhaupt kein Problem damit, Steuersätze, Mindestlohn und so weiter an die Inflation zu indizieren. Das sollte das Problem doch lösen, oder? Die Grenzen steigen einfach automatisch mit der Preissteigerungsrate mit, wenngleich mit einem Jahr Verzögerung oder so.

          • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 14:23

            Sicher, nur wollten dies die staatstragenden Parteien Union und SPD nie. Ich hatte schon früher darüber geschrieben. Das aus dem 19. Jahrhundert stammende System bietet Staat und Parteien nur Vorteile. Einerseits sorgt es für höhere Steuereinnahmen als durch demokratischen Beschluss vereinbart. Andererseits garantiert es denn Parteien, sich alle 10-15 Jahre als große Steuerreformer in Szene setzen zu können. Eine Win-Win-Situation zulasten der Steuerzahler.

            Bist Du nun über die Notwendigkeit einer „großen“ Steuerreform überzeugt?

            • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 14:42

              Nein 😀 Ich sehe die Kritik, aber ich finde
              a) die Lage nicht als so kaputt, dass ich eine große Steuerreform als notwendig ansehen und befürchte
              b) dass diese große Steuerreform sehr einseitig ausgenutzt würde, wie unter Rot-Grün – zugunsten der Reichen, die sich die Beeinflussung leisten können. Da lieber mit dem jetztigen unperfekten System weiter, das insgesamt fairer ist.

              • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 14:46

                Komisches Demokratieverständnis. Du bist damit einverstanden, dass Bürger in einem Maße gemolken werden, was nie so entschieden worden ist? Hast Du die Berechnung verstanden?

                • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 15:22

                  Ich denke schon, und ich sehe es nicht als melken. Ich krieg für meine Steuern ja viel zurück.

                  • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 15:31

                    Nochmal, zwei Dinge sind die Eckdaten:

                    a) Es fehlt das demokratische Mandat. Im Zeitablauf gibt der Steuertarif nicht mehr das Prinzip der Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit (so sie mal festgelegt wurde) wieder.

                    b) Die individuelle Besteuerung ist zu hoch. Das zeigt die Kritik der Vertreter von Menschen mit eher kleinerem Portemonnaie (Huber 2013; Dietmar Bartsch 2020).

                    Bekommst Du wirklich so viel mehr öffentliche Leistung wie in sämtlichen (!) anderen OECD-Staaten, vorneweg Schweiz? Never ever! Also red‘ Dir die Besteuerung nicht schön.

                    • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 20:07

                      Gut. Angenommen wir machen deine Reform. Wo kürzt du?

                    • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 20:17

                      Kürzen? Wieso kürzen? Der Staat macht eine kurz- und mittelfristige Finanzplanung. Diese baut auf der Steuerschätzung auf. Nun lagen in den letzten Jahren die tatsächlichen Einnahmen stets deutlich über der Prognose und dem ursprünglichen Haushaltsansatz. Schon von daher müssen Mittel im mittleren zweistelligen Milliardenbereich frei sein, schon gar, wenn es nicht um den Haushalt 2020, sondern die der Jahre 2022 – 2025 geht. Denn die wahrscheinlich auch dort anfallenden Überschüsse können wirklich nicht verplant sein.

                      Und tatsächlich: der Finanzminister hat eine Reserve von knapp 50 Milliarden Euro im Haushalt eingestellt, die zwar betitelt ist, wo aber kein Finanzwissenschaftler glaubt, dass sie zur Auszahlung kommen. Das ist einfach eine de facto ungebundene Rücklage, die das Haushaltsrecht so nicht vorsieht.

                      Und nochmal zum Grundsatz: ich erwarte, dass der Staat mir nicht mehr abknöpft, als es mal nach Prinzipien vereinbart wurde. Fast 400 Milliarden Euro einfach so in den wenigen Jahren von 2010 – 2018 zusätzlich abzugreifen, ist Raubrittertum. Der Sheriff von Nottingham hätte seine Freude daran. Wo ist Robin Hood, wenn man ihn mal wirklich braucht?

                    • Stefan Sasse 14. Februar 2020, 06:41

                      Den Reichen nehmen und den Armen geben ist er.

                      Meine Befürchtung ist halt, dass jede große Steuerreform zum Deckmantel dafür wird, die Steuerlast von oben nach unten umzuverteilen. Die einzige Chance, die ich für so ein Projekt sehe, ist eine komplett überparteiliche Zusammenarbeit, aber die Chancen DAFÜR sind auch wiederum nicht gerade gut…

                    • Stefan Pietsch 14. Februar 2020, 10:00

                      Den Reichen nehmen und den Armen geben ist er.

                      Dann sollte er langsam seinen Job erledigen.

                    • Stefan Sasse 14. Februar 2020, 10:57

                      Ich zerstöre nur ungern deine Illusionen, aber Robin Hood ist eine nicht-existente Sagenfigur. Ich fürchte, politischen Wandel musst du selbst mitanschieben. 🙂

                    • Stefan Pietsch 14. Februar 2020, 11:15

                      Stimmt nicht! Es gibt viele Filme über ihn, er spricht mit amerikanischem Akzent und sieht aus wie Kevin Costner in jung.

          • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 14:25

            Ach so, beim Mindestlohn wie den Hartz-IV-Sätzen als auch in den meisten anderen Bereichen des Sozial- und Arbeitsrechts haben wir de facto solche Indexierungen. Nur seltsamerweise im Steuerrecht nicht, das gilt übrigens auch für den Grundfreibetrag. Das wird Gründe haben, oder?

            • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 14:43

              Klar. Ich kann mich aber auch nicht erinnern, dass die FDP das vorgeschlagen hätte. Und erneut, von mir aus gerne.

              • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 14:44

                Das hat sie mehrmals in der Geschichte, sowohl unter Kohl als auch bei der letzten großen Reform.

            • cimourdain 14. Februar 2020, 12:14

              Zumindest beim Grundfreibetrag gibt es eine indirekte automatische Anpassung an die Lebensverhältnisse: Er muss seit Mitte der 90er regelmäßig an das (von einer Expertenkommission festgestellte) sächliche Existenzminimum angepasst werden. Deshalb erhöht er sich fast jedes Jahr.

              • Stefan Pietsch 14. Februar 2020, 12:19

                … was nur mit Parlamentsbeschluss geht. Wie an anderer Stelle erwähnt, wollte sich Sigmar Gabriel seine Zustimmung 2013 abkaufen lassen im Gegenzug für eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Mit anderen Worten: er wollte einen Deal zwischen verfassungsrechtlich gebotenem und politischen Verhalten machen.

  • Ariane 12. Februar 2020, 14:54

    zu 1)
    Die Analogie mit der Teergrube gefällt mir sehr, endlich ein Wort für diese Verhinderungsdiskurse 🙂
    Das regt mich nämlich häufig auf, gerade weil meiner Meinung nach die progressive Seite sich da häufig ein wenig dumm anstellt, Strategien dagegen zu entwickeln. Denn: Es weiß doch jeder, dass es Schwachsinn ist, dass Mexikaner die Mauer bezahlen oder Steuersenkungen sich auf wundersame Weise selbst finanzieren. Aber der größte Blödsinn reicht, um die Debatte zu beenden, so breitflächig wird nämlich nicht mehr nachgefragt, ob es auch noch realistische Ideen gibt.
    Das hat viel mit Themensetzung bzw überhaupt „beim Thema bleiben“ zu tun, denn nehmen wir mal die SPD als größte Dummköpfe dagegen. Die streitet sich lieber monatelang intern herum, wechselt vielleicht noch den Vorsitzenden aus und kommt dann stolz wie Oskar mit einem 100seitigen Finanzierungspaket für zb Freibier jeden Donnerstag um die Ecke. Das liest kein Mensch, das wird von Journalisten abgescannt, um in diesem Wust die 10 Cent-Steuererhöhung zu finden und dann wird wochenlang darüber diskutiert, anstatt zu fragen, ob Freibier am Donnerstag überhaupt ne gute Idee ist. Am Ende bleibt eh nur hängen, dass die Sozen den Leuten ans Geld wollen und sie verlieren die Wahl (und das Thema Freibier ist vergessen).
    Also ja, ich denke es ist dringend nötig, dass gerade die progressive Seite Strategien entwickelt, um solche Abschweifungen zu verhindern, damit ihre eigentlichen Themen überhaupt beachtet werden.

    Zur Political Correctness: Schwierig. Ich finde schon, dass Political Correctness eigentlich ein eigenes Thema für sich ist. Meiner Erfahrung nach findet in Diskussionen aber häufig eine Vermischung zwischen Rassismus und Political Correctness statt. Ich persönlich habs häufig erlebt (auch hier im Blog), dass das Thema allgemeiner, struktureller Rassismus ist, zb dass ein Mohammed Mustafa schwieriger einen Job findet und in kürzester Zeit landet man irgendwie immer bei Negerkuss und Zigeneuerschnitzel. Egal wo die Diskussion startet, am Ende gehts immer um Namen für Schnitzel und Gebäck, totale Zermürbungstaktik.

    • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 06:46

      Stimme völlig zu.

      Guter Punkt mit dem strukturellen Rassismus.

  • cimourdain 13. Februar 2020, 00:48

    1) Ich finde da die ursprüngliche Verwendung von Teergrube in der Informatik als Spamschutz aufschlussreich: Um zu verhindern, dass zu viel Spam eingeht, wird der Eingang verlangsamt. Auf Diskussionen übertragen hiesse das, dass solch eine Argumention nützlich ist, um aktionistische Vorschläge oder ’steter Tropfen – irgendwann kommt meine Idee durch‘ Strategien zu verhindern.
    3) Hier gibt es hier auch bei dem ‚mündigen Bürger‘ eine gewisse Holschuld ( nachdem die Medien sehr viel Desinformation liefern), sich mit einem unbequemen Thema ( Man muss rechnen, Gesetze sorgfältig lesen und kann nicht ein schnelles Urteil bilden ) auseinanderzusetzen. Hier finden sich zum Beispiel viele hilfreiche Korrekturen:
    https://steuermythen.de/
    7) Ernährungsthemen sind immer von viel Ideologie durchzogen, deswegen ist es schwierig, verlässliche Quellen zu finden. Aber es lohnt sich, auch den Hintergrund des Soja – Östrogen Narrativs aufzuspüren. Es handelt sich nämlich um eine direkt spiegelbildliche Antwort auf das Thema ‚Hormonfleisch‘, wo Östrogen auch eine zentrale Rolle spielte (was wieder zu ‚Fleisch macht impotent‘ verkürzt wurde. Darauf wurde veröffentlicht, dass bestimmte Sojaprodukte (Sojamilch und -öl) eine um Größenordnungen höhere Östrogenkonzentration enthalten – mit der beschriebenen gedanklichen Verkürzung bei geneigten Personen.

    • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 06:48

      1) Wie würde das funktionieren?
      3) Korrekt.
      7) Meine Güte, was für ein Sumpf 😀 Danke für den Hintergrund.

  • Ariane 13. Februar 2020, 09:59

    zu 9) noch

    Ich fand den Artikel „Jungen beibringen, nicht zu vergewaltigen“ sehr gut, aber die Überschrift ist totaler Mist. Da ist die Teergrube aufgestellt, bevor irgendwer weiß, worum es geht. Sieht man ja auch an den bisherigen Kommentaren dazu.

    Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass der ganze Themenkomplex „Wie bereiten wir Erwachsenen Teenager auf ihre ersten Schritte draußen und/oder in der Sexualität vor?“ unbedingt genderneutralisiert werden müsste.
    Die Problematik ist ähnlich wie in dem alten Artikel, bei dem es um Angst auf der Straße geht. Mädchen starten ihre ersten Erfahrungen mit 100 Sicherheitshinweisen und Notfallplänen im Gepäck. Und bei Jungen herrscht da eher eine Leerstelle, die werden ein bisschen alleine gelassen und müssen selbst sehen, wie sie klarkommen. Und ja, das müsste viel konkreter werden als „Vergewaltigung ist doof und Frauen sollte man respektieren“, damit kann ja kein Mensch was anfangen.

    Ich möchte hier für die eher männliche Runde mal ein typisches Beispiel bringen. Für Mädchen wird in jedem Heftchen, Internetseite, Aufklärungsunterricht die Frage behandelt: „Mein Freund möchte Sex, ich noch nicht. Was tun?“ Ich behaupte mal, wirklich jedes Mädchen hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und zwar völlig unabhängig davon, ob diese Situation jemals eintritt. Aber wie beim ersten Ausgehen startet man irgendwie vorbereitet.
    Und hier ist meine Sorge, dass so eine Vorbereitung bei Jungen zu kurz kommt. Meine Frage an die Männer: Gibt es ein Äquivalent dazu, wie Jungen mit solchen Fragen umgehen sollten? Möglichst außerhalb einer Machovariante wie „Wie raube ich meiner Freundin die Jungfräulichkeit?“
    Denn natürlich ist es Quatsch, der einen Hälfte der Jugendlichen beizubringen, Grenzen zu setzen. Ohne mit der anderen Hälfte darüber zu reden, wie man solche Grenzen erkennt und respektiert, kein Wunder, dass es bei einer solchen Schieflage zu Schwierigkeiten kommt.

    Und hier würde ich noch einen beträchtlichen Schritt weitergehen als im Artikel. Wir sollten Jungen nicht nur beibringen, wie man Grenzen anerkennt, sondern vor allem auch wie sie selbst Grenzen setzen können. Gerade weil sie ständig gegen dieses übermächtige Bild des starken, sexgeilen Mannes ankämpfen müssen. Der Fall könnte ja auch umgekehrt sein. Wie soll ein Junge reagieren, wenn er noch nicht soweit ist?
    Und ich würde das noch erweitern, auch männliche Teenager sollten wissen, wie sie sicher nach Hause kommen und Gefahren auf der Straße vermeiden. Auch Männer sollten wissen, wie sie ungewollte sexuelle Avancen zurückweisen, dass es nicht ihre Schuld ist, wenn doch etwas passiert und wo sie Hilfe finden können etc.
    Denn nochmal: Mädchen und Frauen lernen das heutzutage, ohne oder bevor sie selbst in solche Situationen kommen.
    Und ich bin überzeugt, wenn wir diese Vorbereitungen gleichmäßiger verteilen, könnten wir etliche der heutigen Probleme lösen oder zumindest abschwächen.

    • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 10:47

      Liebe Ariane, anscheinend lamentierst Du über etwas, wo Du Dich selbst nicht up-to-date hältst. Tatsächlich beobachten Forscher seit sehr langer Zeit, dass Jugendliche und insbesondere Jungen rücksichtsvoller und verantwortungsbewusster werden. Das Thema Verhütung und Safer Sex ist danach nicht nur bei Mädchen, sondern auch bei Jungen gut aufgehoben.

      Überraschendes Ergebnis einer Studie: Mädchen und Jungen haben heutzutage weniger Sex als vor fünf Jahren. Und Jungen achten jetzt so gut auf Verhütung wie Mädchen.
      https://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2010-09/studie-jugend-sexualitaet

      Das war 2010. Fünf Jahre später:
      Jugendliche achten heute beim Sex mehr auf Verhütung als vorherige Generationen. Romantische Vorstellungen haben Konjunktur: Jugendliche warten beim ersten Mal auf den richtigen Partner.
      https://www.dw.com/de/studie-safer-sex-ist-bei-jugendlichen-in/a-18846299

      Also, ab und zu ein bisschen studieren, dann reduziert sich auch die Zahl der Vorurteile. 😉

      • Ariane 13. Februar 2020, 11:30

        Also, ab und zu ein bisschen studieren, dann reduziert sich auch die Zahl der Vorurteile

        Ähm ja, es wäre schön wenn du meinen Kommentar und den zugehörigen Artikel vielleicht richtig lesen würdest, bevor du mir Vorurteile unterstellst. Ansonsten müsste ich dir teergrubing vorwerfen 😉

        Es geht mir hier explizit nicht um technische Basics in der Sexualaufklärung! Natürlich findet die auch bei Jungen statt, wäre ja schlimm wenn nicht. Aber das ist eben nur eine Seite der Medaille.
        Die andere ist eigene Wünsche zu erkennen, zu kommunizieren und angemessen auf die Wünsche des Gegenübers zu reagieren – das ist übrigens viel komplizierter als Verhütung.

        Daher möchte ich nochmals auf mein Beispiel „Partner will Sex, ich noch nicht. Was tun?“ verweisen und meine Frage, ob ähnliche Fragestellungen auch unter Jungen und Männern irgendwie vorkommen.
        Denn ja, für Mädchen werden diese und ähnliche Problematiken ausführlich thematisiert und behandelt. Und wenn Jungen dann wirklich nur wissen, wie man ordnungsgemäß ein Kondom verwendet, dann sind sie einfach gnadenlos unvorbereitet. Das hilft dann nämlich nicht weiter.

        • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 11:46

          Nochmal: viele Studien der letzten Jahrzehnte zeigen, dass Deine Wünsche immer mehr in die Tat umgesetzt werden. Ich kenne keine Studie, die mit Deiner Ansicht in den Trends konform geht.

          Aber es bleibt ein biologisches Phänomen, dass derjenige, der im Falle einer Schwangerschaft die Hauptlast trägt, sorgfältiger bei der Partnerwahl ist. Deswegen sind Männer wesentlich interessierter an One-Night-Stands als Frauen. Und wenn sich Wunsch und Wirklichkeit treffen, ist dagegen doch nichts zu sagen. Nun von Männern zu fordern, dass sie auch sorgfältiger bei der Auswahl ihrer Sexualpartner vorgehen, bedeutet nichts anderes als das biologische Geschäft der Frauen zu besorgen. Doch wozu? Beide Geschlechter leben gut damit, wie es ist.

          Gut, das passt nicht zur Genderstreaming-Welt, wohl aber zur Biologie. Du wirst damit leben müssen.

          • Ariane 13. Februar 2020, 12:54

            Nun von Männern zu fordern, dass sie auch sorgfältiger bei der Auswahl ihrer Sexualpartner vorgehen,

            ??? Darüber hab ich doch gar nicht geschrieben, ist mir im Übrigen auch total egal, ob die Leute für immer Jungfrau bleiben wollen oder dreimal am Tag die Sexualpartner wechseln. Das spielt auch für die Thematik hier überhaupt keine Rolle.

            wenn Männer nicht wollen, gibt es dafür meist sichtbare Zeichen der Unmöglichkeit. Da ist kein Bedarf mehr am Diskutieren.

            Ja ähm, danke für das anschauliche Beispiel. Genau solche Sätze und Einstellungen sind das Problem. Natürlich gibt es einen Bedarf an Diskussionen, auch für Jungen und Männer. Oder zieht ihr euch wirklich lieber die Hosen runter, anstatt einfach mal den Mund aufzumachen, wenn ihr gerade keine Lust auf sexuelle Aktivität habt??
            Und im umgekehrten Fall, ihr wollt und der Gegenpart nicht, was dann? Ohne die Gefühle des anderen zu verletzten und eure Wünsche völlig zu ignorieren? Das kann man auch nur durch Diskussionen lösen.
            Und niemand weiß die perfekte Lösung einfach so aus dem Nichts heraus, das muss man überlegen und lernen. Und wenn wir Männern schon den Bedarf daran einfach „wegnehmen“, werden wir die Probleme nicht annähernd lösen.

            • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 14:27

              Ich kann wahrlich nichts darüber sagen, wie andere Männer sich verhalten, wenn sie keine Lust haben. Ich kenne nur ein paar Männer Deiner Generation, die sich von ihrer Partnerin alles diktieren lassen. Sie heiraten, ohne es selbst zu wollen, „sie“ bekommen Kinder, weil ihre Partnerin sie dazu nötig. Da ist die Frage, wie sie sich kommunikativer verhalten, wenn sie keine sexuelle Lust haben, sicher eher ein kleines Problem.

              • Ariane 13. Februar 2020, 15:33

                Sie heiraten, ohne es selbst zu wollen, „sie“ bekommen Kinder, weil ihre Partnerin sie dazu nötig.

                Danke für die weiteren Beispiele. Genau darum geht es doch. In einer Partnerschaft muss man alles aushandeln, ob es um Sex, Ehe oder anderes geht. Es ist höchst selten, dass zwei Partner zum exakt gleichen Zeitpunkt dasselbe wollen und natürlich stellt sich dann die Frage, wie Wünsche umgesetzt werden können, ohne jemand anderen zu nötigen oder selbst genötigt zu werden. Und wenn du meinst, dass Frauen die Männer zu Ehe und Kindern gegen ihren Willen nötigen, dann sollten die aber ganz dringend und unbedingt lernen, ihre Wünsche zu kommunizieren.

        • Stefan Pietsch 13. Februar 2020, 11:51

          Ergänzung: wenn Männer nicht wollen, gibt es dafür meist sichtbare Zeichen der Unmöglichkeit. Da ist kein Bedarf mehr am Diskutieren.

          • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 14:21

            Das ist leider ein Irrtum. Die Korrelation zwischen Lust und männlicher Erektion beträgt gerade einmal 50% (bei Frauen 10%!!!).

      • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 14:13

        Ja, es tut sich viel – weil viel getan wird. Das ist ja kein Automatismus!

    • Stefan Sasse 13. Februar 2020, 14:12

      Ich hab zu dem Thema erst gestern ein Buch fertiggelesen, das ich in der nächsten Bücherliste bespreche. ^^

      • Ariane 13. Februar 2020, 15:34

        Sehr gut, da bin ich ja schon sehr gespannt 🙂

  • CitizenK 15. Februar 2020, 11:42

    „Wo ist Robin Hood, wenn man ihn mal wirklich braucht“.

    Wenn der bei Ihnen auftritt (oft), denke ich: Michael Kohlhaas. Die Hütte brennt, aber über was wird gestritten? Über Steuern für Wohlhabende. Kalte Progression und Rechtfertigung des Soli – ist ja richtig. Aber warum kaprizieren sich Bürger, die unzweifelhaft im Wohlstand leben, so darauf? Wenn Liberale deshalb die politische Orientierung verlieren – Steuerreform sofort!

    • Stefan Pietsch 15. Februar 2020, 12:40

      Die kalte Progression ist ein Problem von Gering- und Mittelverdienern, nicht von Wohlhabenden. Der Soli hat etwas mit Rechtsstaatlichkeit und politischer Glaubwürdigkeit zu tun – in der heutigen Zeit gerade im Streit mit einer Partei, die behauptet, dies vom rechten Rand her zu verkörpern, nicht ganz unwesentlich. Ich schreibe dazu gerade etwas.

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