Gibt es einen mutigen und fairen Krieg?

Jakob Augstein schreibt in seiner aktuellen Kolumne über das Drohnen-Desaster. Während er in seiner Argumentation am Ende zu einer durchaus richtigen Einschätzung kommt, ist der Weg dorthin gelinde gesagt fraglich. Dreht man seine Argumentation nämlich um, so sind die Folgen mehr als merkwürdig, besonders für jemanden, der sich als im Zweifel links stehend sieht. Effektiv spricht sich Augstein nämlich für blutigere Konflikte aus, die von deutschen Soldaten ausgefochten werden.

Natürlich tut er das nicht wirklich. Vermutlich will Augstein einfach überhaupt keinen bewaffneten Konflikt und befürchtet beim Einsatz der Drohnen eine niedrigere Schwelle der Gewaltanwendung. Aber so,  wie er in seinem Artikel argumentiert, kommt das nicht wirklich zum Tragen. Stattdessen verzettelt er sich auf einigen Nebenkriegsschauplätzen, die in allen möglichen Milieus wurzeln, aber sicher nicht im linken.

In dem abscheulichen Geschäft, das der Krieg ist, sind Drohnen besonders abscheulich. Sie sind die feige Waffe des weißen Mannes. Ihr Einsatz ist ohne Risiko für den Piloten, und für das Opfer gibt es keine Gegenwehr.

Mit diesem Satz steigt Augstein in den Artikel ein, und ich muss ehrlich sagen, ich verstehe ihn nicht. Ist es irgendwie ethisch vertretbarer, Terroristen durch ein SEAL-Team erschießen zu lassen? Muss man sie zu High Noon zum Duell herausfordern? Oder wäre die ultimative Mutprobe der Kampf Mano-a-Mano, mit Messer oder bloßen Fäusten? Was für eine Kategorie ist denn „feige“? War die NATO feige, als sie im Kosovokrieg statt Bodentruppen auf Luftschläge setzte? Waren die Amerikaner feige, als sie vor dem Einmarsch im Irak die Verteidigungsanlagen aus der Luft zerstörten? Sind Soldaten generell feige, weil sie die Tendenz haben, Feinde mit Schusswaffen auf Distanz zu töten? Und was ist „feige“ überhaupt für eine Kategorie?

Wie gesagt, ich unterstelle Augstein nicht, dass er für eine Form „mutigen“ Kriegs eintritt, in dem sich Gegner irgendwie (wie auch immer?) Auge in Auge gegenüberstehen sollen. Das Argument, dass der Einsatz ohne Risiko für den Piloten sei und es für die Opfer keine Gegenwehr gebe, trifft auch auf Bombenopfer oder Ziele eines Scharfschützen zu. Drohnen sind, wie Jan Falk und ich bereits diskutiert haben, nicht „besonders abscheulich“, wie Augstein das hier postuliert. De Maizière hat Recht, wenn er die Waffe als „ethisch neutral“ bezeichnet. Wie jede Waffe ist der Einsatz verwerflich. Hätte eine Drohne benutzt werden können, um Hitler beim Spaziergang im Garten der Reichskanzlei anno 1940 auszuschalten, wäre das abscheulich und feige gewesen?

Augstein entwertet mit diesem Ausflug in das Terrain von Mut und Tapferkeit seine eigene, folgende Argumentation, die mit der ethischen Frage ohnehin nichts zu tun hat sondern sich auf den vergleichsweise mundänen Beschaffungsskandal der Bundeswehr konzentriert. Der obige Satz als Einleitung des Artikels scheint geradezu gedankenlos hingeworfen und mehr wegen seinem Provokations- und Polarisierungspotenzial ausgewählt worden zu sein als weil er irgendwelche Einblicke erlaubt, denn eine Erklärung seiner Behauptung bleibt Augstein schuldig. Sie spielt für ihn später auch keine Rolle mehr. Und das sollte sie auch nicht, denn sie führt in die Irre. Den mutigen, tapferen, fairen Krieg gibt es nur in der Fantasie von selbst erklärten harten Männern, und die „Opfer“ des Drohnenschlags, die sich – traurig, traurig – nicht dagegen wehren können, haben davor junge Menschen mit Sprengstoffgürteln in den Selbstmord getrieben. Wer den fairen und mutigen Kampf sucht, wird nicht einmal in der Ilias fündig, denn dort schneiden die Helden sich durch Horden namenloser, ihnen dramatischer unterlegener Statisten um ihren Heldenstatus zu unterstreichen und im Duell gegen andere Helden zu zementieren. Krieg ist nie fair, nie mutig, immer abscheulich, egal, welche Waffe verwendet wird.

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  • epikur 28. Mai 2013, 06:54

    Den mutigen, tapferen, fairen Krieg gibt es nur in der Fantasie von selbst erklärten harten Männern, und die “Opfer” des Drohnenschlags, die sich – traurig, traurig – nicht dagegen wehren können, haben davor junge Menschen mit Sprengstoffgürteln in den Selbstmord getrieben.

    Als ob bei Drohnenangriffen, gezielten Tötungen und Ermordungen nur die „Terrorführer“ umgebracht werden würden. Zivilisten werden hier regelmäßig mit ermordet. Aber gut, das ist eben „traurig, traurig“.

    Und weil eh alle Kriege dreckig sind, kann man ruhig mit Drohnen weltweit gezielt (und ungezielt) Menschen ermorden, das Völkerrecht missachten, die Menschenrechte mit Füßen treten, den Rechtstaat aushebeln und so weiter. Sind eh nur die bösen Terroristen, die verdienen das ja auch so.

    Der ganze Artikel ist wieder ein Rechtfertigungs- und Legitimierungsversuch der Drohnenangriffe. Und obwohl es im damaligen Artikel jedemenge Gegenargumente gab, werden die hier einfach alle komplett ignoriert. Das nennt man Liberaler sein: ich höre mir alles an, es ist mir aber völlig egal und ich bleibe bei meiner Meinung. Aber die Linken sind ja so verbohrt und dogmatisch.

    • Stefan Sasse 28. Mai 2013, 10:10

      Kein Gegenargument hat mich davon überzeugt, dass es irgendwie besser wäre, wieder Bomben abzuwerfen oder in Länder einzumarschieren. Ja, mir wäre es auch lieber wenn das gar nicht getan werden würde. Aber solange es getan wird sollen sie Drohnen nehmen, die sind weniger abscheulich als Bomben. Und dieser Part in Augsteins Text ist einfach Kokolores.
      By the way, es gibt keine Überzeugen-Garantie. Genau das ist ja das Ding…

      • Moto 29. Mai 2013, 11:56

        @ Stefan Sasse

        Die Entscheidung, ob „es“ getan werden soll oder nicht, hängt aber eben auch davon ab, welches Risiko derjenige, der „es“ ins Auge fasst, selbst dabei eingeht. Die Alternativen sind doch nicht nur, „es“ mit oder ohne Drohne, sondern auch, „es“ ganz zu unterlassen. Dass die Möglichkeit des risikolosen Tötens „es“ wahrscheinlicher macht, scheint Dir nicht in den Sinn zu kommen, obwohl Du das Sichtwort „Hemmschwelle“ sogar erwähnst.

        Und dass die Waffe „ethisch neutral“ sein soll, frei nach dem Motto: „Nicht die Waffe ist gefährlich, sondern der Kerl, der sie trägt.“, könnte wirklich eins zu eins auch von der NRA stammen.

        Statt sachlich über die Drohnenwaffe zu diskutieren, arbeitest Du dich stattdessen an diesem völlig nebensächlichen Begriff „Feigheit“ ab. Zu „argumentieren“, indem man den Kernpunkt vermeidet und stattdessen einen großen Bohai um Nebenpunkte macht, ist eine uralte Propagandamasche, die, wenn ich ich richtig erinnere, schon Schopenhauer erwähnt (um 1830) …

        • Stefan Sasse 30. Mai 2013, 16:15

          In dem Artikel geht es um den Nebenpunkt Feigheit. Das war von Anfang an Absicht. Über Drohnen habe ich (mit Jan Falk) bereits geschrieben, kein Grund das alles noch einmal zu wiederholen.
          Und natürlich spielt das in die Entscheidung rein. Aber: diejenigen, die die Entscheidung über Angriffe treffen, sind auch ohne Drohnen nicht diejenigen, die sie ausfechten. Das Feigheitsargument greift also auch hier nicht.

          • Moto 30. Mai 2013, 17:39

            @ Stefan Sasse

            Zumindest die politischen Folgen von Entscheidungen für oder gegen Krieg (mit oder ohne Drohnen) treffen auch die Politiker, die diese Entscheidungen treffen, und Politiker beziehen diese möglichen Folgen durchaus in ihre Überlegungen ein ( wie etwa Schröder 2003 … ).

            Wenn das ganze tatsächlich nur ein Artikel über „Feigheit“ war, gut. Dann kann ich es wenigstens als Belanglosigkeit abhaken. Es ist nur eben so, dass sich für mich der Artikel, besonders in den letzten beiden Absätzen, eher wie eine Drohnen-Apologetik las (und immer noch liest). Tja, so können sich Wahrnehmungen unterscheiden …

          • Stefan Sasse 30. Mai 2013, 20:10

            Kommt drauf an, was du unter Drohnen-Apologetik verstehst. Ich sehe grundsätzlich kein Problem im Einsatz von Drohnen; ich sehe Probleme nur im Einsatz kriegerischer Mittel an sich. Wenn ein Einsatz aber sinnvoll ist, dann macht es auch Sinn, Drohnen einzusetzen, wenn diese sinnvoll sind (macht der Satz Sinn?).

          • Moto 31. Mai 2013, 11:00

            @ Stefan Sasse

            – „macht der Satz Sinn?“
            Grammatisch oder inhaltlich ? 🙂

            Du setzt die Entscheidung über den „Einsatz“ (noch so ein Euphemismus …) voraus und sagst dann: „Wenn schon Krieg, dann besser mit Drohnen.“. Mein Punkt ist aber eben, dass sich die Enscheidungen über Krieg (sorry: „Einsatz“) und „Einsatz von Drohnen“ nicht in dieser Form trennen lassen, weil Drohnen die Entscheidung pro „Einsatz“ leichter machen.

            Und das Problem der Mißbrauchsgefahren, die dadurch entstehen, dass die Drohnen die Grenzen zwischen Krieg und politisch motiviertem Mord verschwimmen lassen und rechtsstaatliche Garantien aushöhlen, habe ich damit noch nicht einmal angesprochen.

            „Krieg“ ist letztlich selbst eine Definitionsfrage. Die Fälle, in denen Kriege zu „Einsätzen“, „Aktionen“, „Operationen“, „Missionen“ oder ähnlichen Euphemismen umdefiniert wurden, sind Legion (diesen Blog eingeschlossen …). Und umgekehrt wurden wiederholt auch rein polizeiliche Einsätze zum „Krieg“ deklariert. Den „war on terror“ und „war on drugs“ haben wir schon. Mal sehen, wann es dem nächsten Politiker in den Kram passt, einen weiteren dieser „Kriege“ auszurufen. Die Verdächtigen dann aus 7000 Metern Höhe umzubrigen wäre sicher einfacher und billiger als diese ganze umständliche Polizei- und Justizarbeit.

            Aber wahrscheinlich bin ich nur ein Schwarzseher …

  • Ben 28. Mai 2013, 07:40

    Schlüssige Kritik an Augstein . DAnke für die Anregung.

  • pool 28. Mai 2013, 19:07

    Die Kriege, welche die USA geführt haben, waren ausnahmslos Hegemonialkriege. Und meistens ging es ums Öl. Sich gegen solche Übermacht zur Wehr zur setzen, ist zweifellos mutig.

    Es geht nicht um Drohnen oder Bomben, sondern um die Unfähigkeit gewisser Kreise zur Selbstbeschränkung. Und die Unfähigkeit vieler, sich diesen Kreisen in den Weg zu stellen.

    Drohnen sind Waffenfähig und werden in einer Absicht beschafft, der Absicht zum Töten, und sie setzen die Hemmschwelle zur Tötung enorm niedrig. Gleich, welche Beschwörungensformeln uns hier aufgetischt werden.

    Es kann ja wohl nicht sein, daß, nur weil eine Technik neu ist, sie auch gut ist, vor allem nicht in den Händen von Lügnern und Betrügern, welche selber mit Kriegen Geld verdienen und die Angst haben müssen vor dem eigenen Volk.

    Aber wahrscheinlich habe ich jetzt die Frage nicht verstanden?

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