Eine Sprache gehört niemandem

Mein geschätzter Kollege Theophil hat postuliert, dass der zunehmende „falsche“ Sprachgebrauch innerhalb der EU-Institutionen das Englische zerstören würde. Dem liegt in meinen Augen eine grundlegende Fehleinschätzung zugrunde: dass es eine irgendwie „richtige“ Sprache gebe, die gewissermaßen ehern steht und an der sich alle Anwender zu messen haben. Das aber ist für das Englische ebenso falsch wie für das Deutsche, nur für das Englische wahrscheinlich noch falscher. Was übrigens auch kein Wort ist, aber trotzdem versteht es jeder, was uns direkt zum nächsten Punkt führt.

Sprache ist einem ständigen Wandel unterworfen. Das Deutsch, das zur Zeit der Gebrüder Grimm gesprochen wurde, die gewissermaßen Gründungsvater des „richtigen“ Sprachgebrauchs sind, weil sie als Erste ein umfassendes Lexikon aufgestellt haben, wird heute nur noch mit Mühe verstanden, und das „Hochdeutsch“, das Luther erfunden hat, enthält so viele Worte mit einer heute nicht mehr gebräuchlichen Bedeutung, dass man ein Studium braucht, um es zu verstehen. Deswegen ist etwa die Verwendung von „actual“ anstelle von „current“ zwar technisch gesehen falsch, aber offensichtlich bis zur Veröffentlichung des Reports niemandem aufgefallen. Ein viel bemühtes Beispiel hierfür im Deutschen ist übrigens das wunderbar bewährte „Sinn machen“, das technisch gesehen nicht existiert und „Sinn ergeben“ heißen müsste, weil „Sinn machen“ eine direkte (und falsche) Übersetzung aus dem englischen „makes sense“ ist. Von Bedeutung ist dieser Sachverhalt aber nur, wenn man damit angeben will, denn verstanden wird beides. Wahrscheinlich würden viele Deutsche inzwischen instinktiv „Sinn ergeben“ als falsch ansehen. Die englischsprachige Welt schlägt sich mit denselben Problemen herum, nur hat sie mit einer globalen Dimension zu kämpfen, die uns Deutschen völlig abgeht.

Deutsch nämlich, „richtiges Deutsch“ zumal, wird nur in wenigen Ländern gesprochen. Englisch dagegen ist eine weltweit verbreitete Sprache; wer mein Blog „The Nerdstream Era“ kennt weiß, dass jeder ohne das Eingreifen irgendeiner Sprachschutzbehörde darin schreiben und reden und seine Fehler hineinwursteln kann. Da Englisch effektiv auch die Sprache der Popkultur ist, und Popkultur ein globales Phänomen (siehe etwa hier), können merkwürdige Konstruktionen sehr schnell ihren Weg in die eigene Sprache zurückfinden. Früher war das eher ein Problem der englischen Sprachgemeinschaft selbst, wenn etwa irgendwelche lokalen Varianten zugunsten der bekannten anderen Variante wesentlich populärer sind (trucks sind einfach cooler als lorries) und über die üblichen Kanäle ihren Weg zurück finden. Meistens sitzen dann irgendwelche alten weißen Männer zusammen und beschweren sich ganz fürchterlich über den Sprachverfall der heutigen Jugend, aber das ist nun einmal der natürliche Verlauf der Dinge. Sprachen sind organisch, nicht in Stein gemeißelt. Sie verändern sich mit denen, die sie nutzen. Das Englische gehört daher schon längst nicht mehr denen, die es sprechen (anders als etwa das Deutsche, das auch gar niemand anderes haben will). Englisch ist letztlich, was andere als solches erkennen. It’s an actual fact in our current world.

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  • Kirkd 31. Mai 2013, 11:38

    Das Problem ist nicht der Wandel der Sprache durch neue Ausdrücke.

    Das Problem für das moderne Englisch wird eher der Verlust an (bei einer relevanten Anzahl an Sprechern verstandenen und verwendeten) Nuancen und Varianten sein. Englisch ist das Koine-Griechisch der Neuzeit. Jeder spricht es, aber jeder bleibt darin hinter seinem Ausdrucksvermögen (und Verständnis) zurück. Das Problem für die nächste Generation wird eher sein, über vulgären Sprachausdruck hinauszukommen, wenn man von einem Meer aus Frenglisch, Denglisch und Singlisch umgeben ist. Dabei wird das Verschwinden von Artikeln noch das geringste Problem sein. Problem Not there, Lucy solve problem.

    • Stefan Sasse 31. Mai 2013, 14:46

      Ja, aber diese Gefahr ist überhaupt nicht gegeben. Das Englisch, mit dem Schüler heute das Gymnasium verlassen (die wahrscheinlichste Art, sich selbst in Dauerkontakt mit Englisch zu bringen) ist im weltweiten Vergleich extrem gut. Und wenn das Englische mehr zum Alltag gehört, rostet es auch nicht so schnell ein. Ich weiß von meinem Schul-Französisch nichts mehr, das über „baguette et fromache“ hinausgeht, aber ich kann fließendes Englisch. Das eine brauch ich, das andere nicht. Die Notwendigkeit und die Qualität bedingen sich gegenseitig.

      • Kirkd 1. Juni 2013, 09:31

        Ich rede nicht von Gymnasialenglisch, ich rede von der Kommunikation von non native Speakern verschiedener Herkunft Das hat mit der heilen Welt Gymnasium nichts zu tun. Wer allen ernstes behauptet, das in solchem Umfeld gesprochene Englisch entspräche auch nur annähernd dem Ausdrucksvermögen der beteiligten Personen, der hat sehr niedrige Ansprüche an sprachlichen Ausdruck.

        • Kirkd 1. Juni 2013, 09:41

          Und nur zur Klarstellung: alle meine englischen Kollegen bestätigen kontinuierlich, dass das Problem nicht die Deutschen sind, die nach den Skandinaviern das beste Englisch sprechen. Das Problem sind die Chinesen, die Inder und die Spanier (in dieser Reihenfolge). Englisch als Weltsprache wird dadurch zu einem bedeutungsreduziertem Gemeinsprech. Da hilft es auch nichts, wenn ein paar Internatsnasen aus England und ein paar highschooljahrsozialiserte Deutsche superkultiviert sprechen. Den Sprachstandard bestimmen hält der chinesische Fabrikleiter, der amerikanische Einkaufsleiter, deren malaiischer Anwalt und der australische Banker bei einem Gespräch in Singapur.

          • Stefan Sasse 1. Juni 2013, 18:56

            Schon, aber das war doch schon immer so. Träger einer Sprachkultur (nicht der Sprache als solchen) waren solche Leute aber noch nie. Ich verstehe nicht, warum plötzlich eine Sprache „bedroht“ sein sollte, weil sich weltweit mehr Leute (wenn auch radebrechend) verständigen können.

        • Jun 6. Juni 2013, 15:42

          „non native Speakern“ – ist Denglisch wirklich so groß geworden…?

  • Theophil 31. Mai 2013, 11:40

    Natürlich hast Du grundsätzlich recht. Aber ein wichtiger Aspekt einer Sprache ist, damit verstanden zu werden. Insofern hat die globale Verwendung des Englischen schon das Problem, in so seltsame nationale Dialekte zu zerfallen, dass es an der Verständlichkeit eben mangelt.

    Natürlich gab es das Problem schon beim brit. und amer. Englisch aber es wird eben schlimmer, wenn man plötzlich von „budget axes“ liest und damit nicht gemeint ist, die Axt ans Budget zu legen, sondern vermutlich der Autor „axes budgetaires“ im Sinne hatte, oder ähnliche französische Sprachungetüme.

    • Stefan Sasse 31. Mai 2013, 14:44

      Das mag schon sein, aber solche Sprachverwirrungen wird es immer geben. Geh mal zum ersten Mal in nen Starbucks und versuch rauszufinden, was zur Hölle ein kleiner Kaffee ist.

  • Hans Hütt 31. Mai 2013, 12:17

    Über 70 Jahre vor den Grimms gabs schon den Adelung. Und was die Zerstörung der englischen Sprache betrifft, gibt es dazu aus einem Interview Wolfgang Schäubles eine hübsche Anekdote:

    „Mir tut jeder leid, der mein Englisch ertragen muss. Aber schlecht gesprochenes Englisch ist schließlich eine der am meisten gesprochenen Sprachen der Welt. Als Nicolas Sarkozy und ich noch Innenminister waren, hatte ich ihm mal vorgeschlagen, in den Ratssitzungen in Brüssel die Dolmetscher wegzulassen. Er hatte die Sorge, dass die Engländer dann einen großen Vorteil hätten. Ich habe ihm entgegnet, dass sie vielmehr einen großen Nachteil hätten, weil wir ihre Sprache zerstören würden.“ http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/wolfgang-schaeuble-im-gespraech-ohne-krise-bewegt-sich-nichts-12002704-b1.html

    • Stefan Sasse 31. Mai 2013, 14:43

      Ich verstehe immer noch nicht, warum die Sprache „zerstört“ wird.

  • Thomas R. Diehl 1. Juni 2013, 07:01

    Kurz zum „Sinn machen“: Machen und ergeben sind im Deutschen schon (sprichwörtlich) ewig Synonyme, siehe auch „eins und eins macht zwei“ oder „Das macht dann 17,95“ an der Kasse. Die Behauptung, es handele sich um einen Anglizismus, ist haltloser Unsinn selbsternannter Sprachschützer.
    Im Falle von „actual“ (=tatsächlich) allerdings ist es durchaus so, dass das Wort knatschverkehrt ist, weil es etwas völlig anderes bedeutet als „current“ (=aktuell, gegenwärtig). Nur geht das Englische davon nicht kaputt.

    • Stefan Sasse 1. Juni 2013, 18:56

      Danke für die Auflärung! Und genau das war mein Punkt. Es ist völlig bumms.

    • Gerald Fix 2. Juni 2013, 15:08

      Machen und ergeben sind nicht synonym. Machen beschreibt einen Vorgang vom Handelnden aus, ergeben betrachtet das Ergebnis. Zwei Wörter werden nicht dadurch synonym, dass sich ihre Bedeutung in einem engen Bereich überschneidet.

      Letztendlich ist bei „Sinn machen“ auch nicht ganz klar, was eigentlich ersetzt wird: „Sinn haben“ oder „Sinn ergeben“ – oder beides? Aber bitte, ein Problem ist das natürlich auch nicht.

      selbsternannte Sprachschützer
      Wer pflegt denn sonst so Sprachschützer zu ernennen, gibt’s da ’ne Kommission?

      • Stefan Sasse 2. Juni 2013, 17:48

        Ne, eben nicht, den Titel gibt’s nicht. Ich könnte mich Bombastus von Bummsfallera nennen oder Sprachschützer, macht keinen Unterschied. Ergibt keinen Unterschied? Hat keinen Unterschied? Ah, Sprache 🙂

  • Ralph M. 1. Juni 2013, 10:20

    Im grossen und ganzen stimme ich Stefan zu: Sprachen wandeln sich und das ist nichts schlechtes. Ein Aspekt klang hier aber noch nicht an und das ist die Vernachlässigung der eigenen Sprache zugunsten des Englischen. Wenn zum Beispiel in einem Land mit Forschertradition neuere Publikationen der wissenschaftlichen Literatur nur noch auf Englisch veröffentlicht werden, dann gehen die entsprechenden Worte in der Landessprache verschüttet. Neuere Erkenntnisse finden gar nicht mehr ihren Weg in die Landessprache. So kommt es, dass eine Sprache sich in zunkunfsgewandten Bereichen nicht mehr weiterentwickelt. über Biotechnologie kann man dann beispielsweise nur noch auf Englisch reden. Ironischerweise geht diese Form der Sprachentwicklungshemmung auf das Konto der gebildeten, mehrsprachigen Eliten.

    • Stefan Sasse 1. Juni 2013, 18:58

      Die Wissenschaft aber profitiert extrem davon. In vielen Wissenschaften ist es so, dass Werke, die in ihrer Ursprungssprache statt Englisch verfasst werden, kaum gelesen werden – wie auch, die Sprachkenntnisse hat ja fast keiner. Es ist auch kein echtes Problem, wenn irgendwelche Fachbegriffe verloren gehen – die sind meistens eh Fremdworte (macht es ehrlich einen Unterschied ob Politikwissenschaftler von „Interdependenz“ oder „interdependence“ reden?).

  • Rolf Ardmann 1. Juni 2013, 23:30

    Das ist die Ironie der Geschichte: eine Sprache breitet sich aus und kolonisiert andere und gleichzeitig verlieren die Initiatoren die Kontrolle und verlieren letzlich ihre Spache. Ich habe in den letzten 20 Jahren sehr viel Englisch gesprochen aber meistens mit Afrikanern, Osteuropäern und Asiaten. Für uns war der Gebrauch des Englischen ein Verlust an Differenzierung und es hat uns geschwächt aber andererseits eine Art von Basiskommunikation ermöglicht. Welche Folgen die Kommunikation in Englisch für all die „nicht native speaker“ haben wird, muss man noch sehen. Es ist sicher auch für sie ein Verlust.

    Ironischerweise verlieren die „native speaker“ ihre Sprache. Das ist der Preis des Inmperialismus. Das wird den Isländern so nicht passieren. Für mich ist beim Englischsprechen die Frage, was jetzt Kings English oder die Sprache Shakespeares ist, vollkommen irrelevant. Englisch ist jetzt unsere Sprache vom Nordpol bis Feuerland und so lange wir uns irgendwie verstehen, ist das gut. Die Engländer können dann in ihren Folkloregruppen „English for Natives“ sprechen und dazu Volkstänze einüben.

    • Stefan Sasse 2. Juni 2013, 10:17

      Die Reichhaltigkeit des sprachlichen Ausdrucks wird weiterhin ein Phänomen sozialer Schichten und Bildungsabschlüsse bleiben. Je höher, desto größer ist im allgemeinen die Fähigkeit des sprachlichen Ausdrucks.

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