Ich komme gerade aus vielerlei Gründen nicht dazu, für alle Dinge, die ich lese, eigene Rezensionen zu erstellen. Deswegen lasse ich eine alte Tradition wieder aufleben und erstelle hier eine Übersicht über einige Titel, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, mit einigen Anmerkungen. Die Titel dieser Liste wurden von Januar 2026 bis September 2026 gelesen. Alle Links führen zu Amazon; wenn ihr darüber bestellt, erhalte ich einen kleinen Anteil. Damit genug der Vorrede, los geht’s.
Robert Harris – Imperium (Hörbuch) (Englisch, Hörbuch)
Ich habe die Cicero-Trilogie von Robert Harris angehört. Ich kannte die ersten beiden Bücher schon, weil ich sie gelesen hatte, als sie herauskamen, habe sie aber irgendwie vergessen und deswegen nie den dritten Teil angehört. Der erste Band, „Imperium“, behandelt Ciceros Aufstieg und den Prozess gegen Verres als zentralen Inhalt. Die Handlung wird aus der Perspektive des Sklaven Tiro erzählt, einer historischen Figur, dem Sekretär Ciceros, der von Harris als Vehikel genutzt wird, um die Cicero auf Armlänge Abstand zu halten und etwas mehr Freiheit in der Bewertung seiner Handlungen und, vor allem, Überraschungen zu bekommen, indem Cicero Tiro nicht immer voll in seine Pläne einweiht, was das Spannungsmoment erhöht. Es ist ein recht einfacher Trick, aber Harris nutzt ihn effektiv und schreibt einen unterhaltsamen politischen Thriller im alten Rom.
Robert Harris – Titan (Hörbuch) (Englisch, Hörbuch)
Die Handlung setzt sich in „Titan“ fort, dem Herzstück der Serie. Wie der Titel bereits zeigt ist Cicero auf dem Höhepunkt von Macht und Ansehen, als er in die Verschwörung Catalinas verwickelt wird und diese Bedrohung des römischen Staatswesens beseitigen kann. Der folgende Abstieg Ciceros ist für mich die beste narrative Entscheidung Harris‘, da er gut aufzeigt, wie Cicero, berauscht von seinem eigenen Erfolg, zu einem eher peinlichen has-been wird, der dann weit offen für die Verwicklungen des Bona-Dea-Skandals wird. Etwas weniger gut funktioniert für mich die Figur Julius Cäsars, die klar als Antagonist aufgebaut wird und ein wenig zu sehr von der Vorkenntnis der Geschichte zehrt; Cäsar zeigt öfter Züge eines Bond-Bösewichts und hat eine Aura von Plotrüstung um sich, die der Spannung eher schadet als nützt.
Robert Harris – Dictator (Hörbuch) (Englisch, Hörbuch)
Im letzten Teil der Trilogie steht Harris vor dem strukturellen Problem, einen langen Abschnitt von Ciceros Leben beschreiben zu müssen, in dem mit Cäsars Aufstieg und Ermordung und dem folgenden Bürgerkrieg Antonius‘, Octavians und Crassus‘ zwar weltbewegende Ereignisse geschehen, Ciceros Rolle in diesen aber eher überschaubar war. Entsprechend wird Cicero eher zum Zeugen dieser Ereignisse, und da Tiro bereits Zeuge von Ciceros Handlungen ist, führt das zu einem Problem. Dieses Problem ist selbst verschuldet: Harris kann der Versuchung nicht widerstehen, die spannende Geschichte von Cäsar, Augustus und Octavian zu erzählen, für die sein gewählter Blickwinkel in Tiros Person und dem Fokus auf Cicero aber nicht gut geeignet ist. Entsprechend verkommen große Teile des Romans zu einer eher uninspirierten Nacherzählung dieser Ereignisse, die durch den großen zeitlichen Rahmen auch extrem unzusammenhängend daherkommt.
Randall Munroe – What if 2 (Hörbuch) (Deutsch, Hörbuch)
Ich lese „What if“ wie alle Werke Randall Munroes einfach immer wieder mit Genuss. Die absurden Fragestellungen, die Monroe auf der einen Seite mit heiligem Ernst und auf der anderen Seite einem geradezu albernen Sinn für das Groteske naturwissenschaftlich durchexerziert, sind ebenso lehrreich wie unterhaltsam. Man kann kaum nicht beeindruckt von dem enormen Fachwissen sein, das Munroe auf die Waage bringt, oder den vielen hochkarätigen Wissenschaftler*innen, die er zu den Fragen konsultiert. Dazu kommen die ungeheuer lustigen Zeichnungen, die generell zu Munroes Humor passen.
Aladin el-Mafalaani – Misstrauensgemeinschaften (Hörbuch)
Im Nova-Hörsaal habe ich einen Vortrag von Aladin el-Mafalaani gehört, in dem dieser kondensiert die Thesen seines neuen Buchs vorgestellt hat, dass Misstrauen grundlegend für die aktuelle Vertrauenskrise sei. El-Mafalaani führt damit eine Überlegung tiefer aus, die ich bereits seit einer ganzen Weile habe. Ich will im Folgenden seine Thesen kurz vorstellen:
In „Kapitel 1: Wem vertrauen Misstrauende?“ vertritt der Autor die These, dass Menschen, die gesellschaftlichen Institutionen oder Strukturen misstrauen, insbesondere anderen Misstrauenden Vertrauen entgegenbringen. Durch digitale Kommunikationsstrukturen sei es erheblich leichter geworden, sich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Misstrauen entstehe vor allem infolge zunehmender gesellschaftlicher Komplexität und Krisenanfälligkeit. Ein wachsendes gesellschaftliches Misstrauen könne dabei, so der Autor, zu einer Gefahr für die Demokratie werden.
„Kapitel 2: Vertrauen macht handlungsfähig“ verdeutlicht die Bedeutung von Vertrauen für individuelles und gesellschaftliches Handeln. Wer vertraue, könne darauf verzichten, Personen, Vorgänge oder Entscheidungen fortwährend zu kontrollieren. Vertrauen bleibe jedoch stets mit einem Risiko verbunden, da es missbraucht oder enttäuscht werden könne. Zugleich beruhe es wesentlich auf positiven Erfahrungen. Bei Bekannten, Freund oder Partner könne Vertrauen durch persönliche Erfahrungen entstehen und gefestigt werden. Das Vertrauen gegenüber fremden Personen, etwa im beruflichen Kontext, beruhe dagegen vor allem auf der Annahme, dass diese über die für eine bestimmte Aufgabe erforderliche Kompetenz verfügten. Vertrauen in gesellschaftliche Systeme wiederum hänge davon ab, ob diese ihre Funktionen zuverlässig erfüllten und die ihnen zugeschriebenen Aufgaben bewältigten.
„Kapitel 3: Vertrauen wird wichtiger, Misstrauen wahrscheinlicher“ widmet sich dem Zusammenhang zwischen zunehmender gesellschaftlicher Komplexität und wachsendem Misstrauen. El-Mafaalani führt hierfür unter anderem Globalisierung, Migration und Superdiversität, die Vielfalt von Lebensstilen, den demografischen Wandel sowie die sozialen Folgen des Klimawandels an. Mit wachsender Komplexität werde das Vertrauen in Expert und deren Fachwissen immer wichtiger. Expertise könne sich jedoch stets nur auf begrenzte Bereiche beziehen. Widersprüchliche Einschätzungen verschiedener Expert, wissenschaftliche Erkenntnisse mit begrenzter Aussagekraft und eine zunehmende Meinungsvielfalt könnten daher Skepsis hervorrufen. Verbinde sich diese Skepsis mit oberflächlichem, über das Internet erworbenem Wissen, könne daraus zunächst Unbehagen und schließlich Misstrauen entstehen. Populismus und Verschwörungsglaube seien demnach nicht primär Ursachen des Misstrauens. Vielmehr könnten sie bereits vorhandenes Misstrauen aufgreifen, kanalisieren und ihm eine bestimmte Richtung geben.
In „Kapitel 4: Misstrauen verbindet: Misstrauensgemeinschaften“ wird zunächst die gesellschaftliche Funktion von Misstrauen hervorgehoben. Als Bestandteil eines kritischen gesellschaftlichen „Frühwarnsystems“ könne es auf Missstände aufmerksam machen und sei deshalb nicht grundsätzlich negativ zu bewerten. Problematisch könne es jedoch werden, wenn sich alternative Strukturen etablierten, die bestehendes Misstrauen aufgriffen und verstärkten. El-Mafaalani nennt in diesem Zusammenhang Alternativmedizin, alternative Fakten, alternative Medien, alternatives Geld in Form von Kryptowährungen sowie Alternativparteien. Das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb solcher Misstrauensgemeinschaften entstehe unter anderem durch die gemeinsame Unterstützung dieser Alternativen. Auch die Suche nach Belegen für das geteilte Misstrauen schaffe verbindende Erfahrungen und gemeinsame Erzählungen. Die Entstehung solcher Misstrauensgemeinschaften sei zwar kein neues Phänomen, werde durch digitale Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten jedoch erheblich erleichtert.
George R. R. Martin – The World of Ice and Fire
Ich habe dieses Buch schon des Öfteren gelesen, aber mein letzter Read-Through ist schon eine Weile her. Meine Haltung zu Martins Werken außerhalb des Romanzyklus‘ hat sich nicht großartig geändert: mich holen die Beschreibungen einfach nicht ab, und mir fehlt auch die Freude daran, detektivisch nach Hinweisen auf die Haupthandlung zu suchen. Auch das Konstrukt, dass Maester sozusagen eine eigene Geschichte schreiben, funktioniert nur eingeschränkt für mich, und vor allem sprachlich ist es sehr repetitiv. Das ständige „or so the singers say“ etwa lässt mich irgendwann nur noch die Augen rollen, und auch wenn das Schematische des Textes in seiner Anlehnung an bestehende historische Geschichtswerke durchaus intendiert sein mag, so berührt mich das Endprodukt relativ wenig. Die Informationen, die wir bekommen, sind in vielen Fällen auch ungeheuer vage oder ebenfalls repetitiv. Für mich ist Westeros als Welt einfach nicht interessant genug, um ohne die brillanten Charaktere zu funktionieren.
Joachim Fernau – Disteln für Hagen
Ich habe in meiner Jugend sehr viel Joachim Fernau gelesen, er war einer der formativsten Schreiber meiner frühen intellektuellen Entwicklung. Sein humorvoller Stil und seine starken Meinungen schaffen einen attraktiven Mix, den mein junges Ich noch gar nicht wirklich identifizieren konnte. Da ich mich gerade wieder etwas mehr mit den Nibelungen beschäftige, habe ich „Disteln für Hagen“ einen neuen Leselauf gegeben. An seine Geschichtswerke traue ich mich nicht heran, die würde ich glaube ich nicht ertragen. Schon die Darstellung der Nibelungen ist mehr als fragwürdig; ein Germanistikstudium später hat man doch einen etwas anderen Blick als als Schüler. Aus heutiger Sicht kaum mehr nachvollziehbar ist der Versuch Fernaus, eine „deutsche Seele“ konstruieren zu wollen; irritierend vor allem seine Versuche, sie positiv von Franzosen, Briten und Amerikanern abzugrenzen. Das Buch wirkt auch als eine Art Zeitkapsel, weil so viele der Dinge, die Fernau als Menschheitskonstanten ausmacht, in Deutschland zumindest sehr tief verschüttet sind. Begeisterung der männlichen Jugend für Krieg und Führer jedenfalls ist auch 60 Jahre nach Erscheinen des Buches kaum auszumachen.
Konstantin Richter – 300 Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland-AG
Spätestens nach dem Podcast mit Klaus Seipp habe ich erkennen müssen, dass ich mich mit der Geschichte der Deutschland-AG relativ wenig auskenne. Richters neues Buch zum Thema kam daher wie gerufen. Leider kann ich nicht behaupten, dass es mir gefallen hätte. Die Idee, anhand der Biografien der großen Gründer eine Art Sittengemälde oder Kaleidoskop der damaligen Zeit darzustellen, ist grundsätzlich gut, aber leider ist das Buch viel zu oberflächlich und käut viele Stereotype über die jeweilige Epoche wieder. In weiten Teilen rutscht Richter zudem ins Hagiografische ab und stellt die jeweiligen Personen als große Vorbilder, Helden oder Ideale dar, die die Komplexität allzu arg reduzieren. Über die Heldengeschichten der Unternehmer fallen auch die vielen anderen Personen, die den Erfolg eines Unternehmens begründen, viel zu kurz. Stattdessen zeigt sich das Bild von Unternehmergrößen, die quasi im Alleingang gegen alle Widerstände und eigentlich immer autokratisch ihren Willen durchsetzen und dabei Erfolg haben. Das ist ein Bild von Unternehmertum, das ebenso aus der Zeit gefallen wie schädlich ist.


