Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Hufeisendebatte
Die CDU und die ihr nahestehende Presse versucht gerade, in einem reichlich transparenten Manöver die LINKE und die AfD in einen Topf zu werfen und so eine Koalition mit der AfD vorzubereiten. Die gute Nachricht ist, dass sich dagegen in der liberalen Presse klarer Widerstand formiert. Bernd Ulrich etwa erklärt in der ZEIT, „Symmetrie ist die Ästhetik der Dummen„. Timo Lehmann sieht im Spiegel in der Ablehnung dieser Gleichsetzung gar die Rettung der Glaubwürdigkeit Merz‘, da die politische Lage einerseits und der Sachgegenstand andererseits alles andere völlig bescheuert wirken lasse.
Die hellsichtigste Analyse allerdings kommt, wie so oft, von Jonas Schaible. Er erklärt: „Mit dem falschen Hufeisen am Fuß kommt man nicht weit“ und definiert nicht LINKE und AfD als entgegengesetzte Pole, sondern AfD und CDU. Der Kernsatz des unbedingt lesenswerten Artikels lautet in meinen Augen: „Beide [CDU und LINKE] haben die problematischen Kräfte bisher nicht systematisch in Positionen gelassen, in denen sie den Kurs der Partei bestimmt hätten. Sie haben diese Kräfte nicht dauerhaft ihre Programmatik formulieren lassen. Beide haben sich als demokratietragende Kräfte bewährt, auf unterschiedliche Art, unterschiedlich lange und unterschiedlich oft, aber bewährt. Beide ziehen auch systemfeindliche Menschen an und integrieren sie in eine republiktragende Kraft. Die AfD macht das Gegenteil: Sie zieht republiktragende Menschen an und integriert sie in eine systemfeindliche Kraft. Sie macht sie der Republik abspenstig.“ Genau daraus resultiert die Notwendigkeit, der AfD eine negative Sonderstellung zuzuweisen, wie sie die LINKE nicht hat, die sicherlich von den politischen Positionen her der Gegenpol der CDU ist (und nicht die Grünen, by the by), aber nicht, was die Schicksalsfrage der Demokratie angeht. Dass die CDU das nicht versteht, ist mit ein Grund für ihre Zerbröselung gerade.
Dass die AfD in Sachsen-Anhalt Mitte ist, ist in den Worten Khûe Phams „Die Wahrheit, der wir uns stellen müssen„. Ich denke aber, dass es letztlich weitgehend irrelevant ist. In Sachsen-Anhalt werden die antidemokratischen Kräfte es entweder aus eigener Kraft schaffen oder Neuwahlen Klärung bringen müssen. Die CDU wäre irre, sich in eine Juniorpartnerschaft mit den Rechtsextremisten zu begeben. Dass so viele Leute in Sachsen-Anhalt der Überzeugung sind, die Demokratie abwählen zu müssen, ist bitter. Es wird aber nicht ungeschehen dadurch, dass man sich ihnen an den Hals wirft und es ihnen leichter macht. Die Hälfte des Landes will sie behalten, und auch die braucht eine Stimme, nicht einen Vollzugsbeamten.
2) Öffentliche Hinrichtungen in den USA
Die völlige Hilflosigkeit gegenüber den Trump’schen Perversionen wird in meinen Augen schon in Artikelüberschriften des Atlantic deutlich: „Public Execution Won’t Have the Effect Trump Intends„, „The Real Harm of a Public Execution„. Es sind Überschriften, wie sie für Policy-Diskussionen üblich sind. „Introducing Tariff’s on Burkina Faso Won’t Have the Effect Trump Intends“, „The Real Harm of Pre-K Reform“. Ich hoffe, die Beispiele machen deutlich, was mein Problem ist. Es fehlt jegliches Maß. Alles wird gleichbehandelt. Die Jahre der Trump-Regierung haben zu einer völligen Abstumpfung geführt. Es ist praktisch unmöglich, die Exzesse dieses Unmenschen überhaupt als solche zu benennen, die Sprache versagt angesichts der Vulgarität und schieren Zivilisationsbrüche. Dieses Muster ist seit 2015 zu beobachten, aber die völlige Unmöglichkeit, diesen Bruch zu benennen und zu beschreiben, ist deprimierend.
3) Kampf gegen Rechts
In der nicht endenden Diskussion darum, was man denn gegen den Aufstieg des Rechtsextremismus tun könnte, feiert Sebastian Fischer unter der Überschrift „SPD marschiert in Berlin und singt Nationalhymne: Auch so geht Kampf gegen rechts außen“ die Aktion der SPD-Bundestagsfraktion, zum Brandenburger Tor zu marschieren und dort die Nationalhymne zu singen. Ich stimme ihm grundsätzlich zu, es braucht solche symbolischen Akte, um das Feld nicht allein den Feinden der Demokratie zu überlassen. Natürlich ist das keine Lösung und wird von sich aus nur wenig bewirken, aber korrekt ist es dennoch. Für die CDU allerdings sollte es vor allem ein Hinweis darauf sein, wie sich die Debatte entfalten kann, wenn sie sich nach Rechts orientiert; siehe dazu auch der Artikel von Bernd Ulrich in 4).
Elisa Hoven und Frauke Rostalski indessen fragen, ob die Forderung von AfD-Politiker*innen, ihre Gegner strafrechtlich zu verfolgen, eine Begründung für das Parteiverbot darstellen könnte. Long story short, es ist kompliziert, aber das ist für mich nicht der relevante Punkt. Ich habe praktisch keine Hoffnung darauf, dass sich der Kampf gegen die AfD juristisch lösen lässt; die Debatte um das Parteiverbot halte ich für einen Zombie. Die Auseinandersetzung muss politisch geführt werden, und hier ist der Gegenstand eigentlich viel relevanter. Wir müssen uns das noch einmal klar machen: die AfD erklärt offen, im Fall einer Machtübernahme ihre politischen Gegner strafrechtlich zu verfolgen. Und mit einer solchen Partei wollen Teile der CDU zusammenarbeiten? Was braucht es eigentlich noch, dass man sieht, was das bedeutet? Gleichzeitig, und da sind wir wieder beim Hufeisen, wird die Vergesellschaftung eines Wohnkonzerns zur Schicksalsfrage erklärt, aber so etwas hingenommen? Da verrutschen Maßstäbe in einem eklatanten Ausmaß.
4) CDU
Ich vertrete schon länger die These, dass SPD/Grüne und CDU ihre Charakteristik gedreht haben. Wo früher Selbstzweifel und Selbstzerfleischung mit Flügelkämpfen und dauernde Seelsuche typisch linke Hobbys waren, während die CDU geschlossen und stabil stand, ist es heute umgekehrt. Jonas Schaible untersucht das, scharfsinnig wie stets, in seinem Artikel „Die CDU sucht sich seit Jahren selbst und ist jetzt dabei, sich ganz zu verlieren„. Er weist darauf hin, dass die Partei sich seit Jahren auch deswegen quält, weil sie ihre Lebenslügen nicht aufarbeitet. Das ist ja auch mein Tenor spätestens seit der Bundestagswahl 2024/25. Bernd Ulrich fragt währenddessen in der ZEIT, ob das C in der CDU für crazy stehe. Er fragt, wer eigentlich eine mit der AfD koalierende und ihre Positionen übernehmende CDU wählen sollte und entwirft das Szenario, dass dies einen Jungbrunnen für die SPD darstellen könnte, die sich als antifaschistische Kraft inszenieren könnte; siehe dazu auch die Bemerkung in 3). Angesichts der Dynamik 2025, wo dies der LINKEn zugutekam, die von der CDU praktisch im Alleingang in den zweistelligen Bereich gepusht wurde, ist das nicht eben unrealistisch. Auch Volker Wissing warnt: »Die Union betreibt ein sehr riskantes Spiel« Susanne Beyer erklärt zuletzt, „Warum der Kanzler trotz allem bleiben sollte„, vor allem mit dessen Alternativlosigkeit, und hofft auf seine Fähigkeit zur Selbstkritik. Da würde ich sie gerne selbst zitieren und bitten, die Gehirnregionen prüfen zu lassen, die für das Gedächtnis zuständig sind. Die Alternativlosigkeit Merz‘ indessen ist korrekt und auch ein ironischer Treppenwitz des Mannes, der seine Karriere seit fünfzehn Jahren vor allem dadurch definiert, gegen Merkels Idiom der Alternativlosigkeit anzuschreien.
5) Babylon Berlin
Angesichts des Staffel- und Serienfinales von „Babylon Berlin“, bei dem ein geheimer Krankenbericht Hitlers zur entscheidenden Sache hochgejazzt wurde, gibt es einige Kritik. Tobias Becker schreibt bei Geschichte der Gegenwart, dass hier ein „Vergessen durch Erinnern“ stattfinde, während der Autor der Romanvorlage indes beklagt, dass eine Verfälschung der Geschichte stattfinde. Hintergrund ist, dass die Serie einerseits die jüdischen Opfer weitgehend aus der Geschichte herausschreibt, andererseits die Hauptfigur zu einem Widerstandskämpfer macht und zuletzt insinuiert, dass die Machtergreifung der Nazis dadurch hätte abgewehrt werden können, dass ein medizinisches Gutachten über Hitlers Weltkriegsverletzung den Umschwung hätte bringen können. Dass die Nazis zudem auch noch als durch Großindustrielle gesteuertes Verschwörungsprodukt dargestellt werden, ist da nur noch die Kirsche auf der Sahnetorte. Ich habe selbst von „Babylon Berlin“ nur die Pilotfolge gesehen (siehe Serienliste), weil mir der Geschichtskitsch schon da übelst aufstieß. Bei dem, was ich hier lese, bin ich sicher, dass ich etwas auf den Fernseher geworfen hätte. Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, ist die Neigung des deutschen Geschichtsfernsehens, sich permanent als Widerstandskämpfer zu inszenieren und nur einige wenige böse Nazis und viele deutsche Opfer zu sehen, schon seit Jahrzehnten unerträglich. Dass diese Scheiße immer noch so abgezogen wird, ist einfach nur zum Verzweifeln.
Resterampe
a) Doppeltes Lottchen als Wahlfehler? (Verfassungsblog) Wen so was interessiert.
b) AfD und Religion in Sachsen-Anhalt: Zur Lage der Reformation (ZEIT).
c) August Hanning: »Bestechung ist in Europa wahnsinnig einfach« (ZEIT) Es geht um Aserbaidschan.
d) Warum steht die Moschee immer am Stadtrand? (ZEIT) Ungeheuer lesenswerter Essay.
e) Against historic normalization: Why AI is not the Manhattan project and why we must challenge ourselves to think the radically new. (Chartbook)
f) Frankreich-Wahlkampf: Wie zwei extreme Bewerber den Ton gegen Deutschland verschärfen (Spiegel). Siehe auch in der ZEIT: Schülerproteste in Frankreich: Hier brennen nicht nur Mülltonnen. Hier brennt ein System. Und Atlantic: The French Are Very Worried, and That’s Making Things Worse. Weiterer wichtiger Kontext: Frankreich hat ein Gewaltproblem – und das fängt bei der Polizei an.
g) Studium: Vom deutschen Aufstiegsversprechen ist wenig übrig geblieben (Spiegel).
h) WING COMMANDER III to get a surprise remaster after the discovery of the original source tapes. (Wertzone) Es gibt sie noch, die guten Neuigkeiten!
i) Direkte Demokratie: Nur Mut! (ZEIT) Nein. Einfach nein.
j) Das heilige Eigentum gibt es nicht. (Spiegel) Intellektuell wenig überzeugend, aber in der Stoßrichtung korrekt.
k) Trump’s Affection for Russia Is No Mystery (The Atlantic). You could say that.
Fertiggestellt am 14.10.2026


