Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.
Fundstücke
1) Iran und die Springerpresse
Spannend ist zu sehen, wie sich die deutschen innenpolitischen Linien in der Bewertung des Irankriegs widerspiegeln. So zeigen sich etwa quasi in Echtzeit die realen Probleme mit dem Kontrarianismus, wie ihn manche Leute kultiviert haben. Da fällt etwa Ulf Poschardt auf, der letztes Jahr noch forderte, man solle Trump „in seine Gebete einschließen“ oder erklärte, „Niemand hat den Friedensnobelpreis so sehr verdient wie Trump„. Der konservative New-York-Times-Kolumnist Bret Stephens ist in einer ähnlichen Lage. Einigen Trump-Wählende versuchen sich herauszureden, dass niemand damit rechnen konnte, dass Trump das tun würde – was Unsinn bleibt.
Generell ist die Haltung der Springerpresse zu Trump bemerkenswert. Wie der Guardian berichtet, streicht der Springerverlag nun das pro-europäische Commitment und lässt nur das zu den USA bestehen. Auch die soziale Marktwirtschaft kommt nicht mehr vor. Da werden stillschweigend lang gehaltene Grundsätze abgeräumt. Noch krasser finde ich etwa, dass Ahmed Ansour in der Welt erklärt, das größte Problem Europas sei, dass es an das Völkerrecht glaube und nicht nackte Interessenpolitik betreibe, aber gleichzeitig behauptet, dass wir uns einem ideologischen amerikanischen Kreuzzug anschließen sollten. Dieser Widerspruch durchzieht die ganze neue Haltung des Springerverlags, die von Döpfner vorgegeben wird. Falls jemand meint, ich übertreibe: Leon de Winter findet in derselben Zeitung, „allein das [islamischer Fanatismus in Europa] wäre Grund genug, die Amerikaner zu unterstützen„, macht also das Argument, dass um islamischen Fanatismus in Europa zu bekämpfen, wir Krieg im Iran führen sollten. Das ist Irrsinn.
2) Lauf des Irankriegs
Der Krieg im Iran entwickelt sich immer mehr zu einem Desaster. Ziemlich offenkundig ist, dass Iran „the Upper Hand in the Upcoming Negotiations“ hat. Das Verhandlungsgenie Trump hat sich in eine Situation gebracht, in der er seinem Gegner mehr Verhandlungsmasse in die Hand gegeben hat, weil der Iran wesentlich mehr ökonomischen Schmerz verteilen kann als die US-Bombardements im Iran verursachen können. Die hilflose Rhetorik, das „Land in die Steinzeit zurückzubomben“, zeigt in ihren offensichtlichen Anleihen am Vietnamkrieg auf mehreren Ebenen die Aussichtslosigkeit der Vorstellung, dass das Zerstören irgendwelcher Infrastruktur den Zusammenbruch des Regimes bringen würde. Wenn die Geschichte eines zeigt, dann, dass Bomben die Solidarität der Bevölkerung mit dem Regime stärkt – wie abscheulich das Regime auch immer sein mag. Nazi-Deutschland, Kim Il-Sung, Vietminh, die Ayatollahs – immer dasselbe. Gute militärische Optionen haben die USA auch nicht; wie War on Rocks analysiert, ist die viel diskutierte Einnahme der vorgelagerten Insel Kharg keine gute Idee. Weniger, weil die USA sie nicht nehmen, sondern weil sie sie nicht halten könnten. Das fundamentale Problem der USA ist dasselbe wie in Vietnam, Irak oder Afghanistan – es ist für alle Beteiligten offenkundig, dass kein politisches Durchhaltevermögen besteht. Entsprechend hat, wie es im Spiegel so schön heißt, „dieser Krieg einen Gewinner. Donald Trump ist es nicht„. Inwiefern diese Vorteile tatsächlich bestehen und nicht eine Art Überreaktion der Trump-Kritiker*innen sind, ist allerdings durchaus umstritten. Elliot Cohen etwa erklärt „Three Things the Consensus Gets Wrong About the Iran War“ – einerseits, dass die USA keine Alliierten dabei hätten (nur keine europäischen), dass ein klarer Vorteil für Russland und China bestünde (diese leiden auch unter den ausbleibenden Lieferungen und der Störung des Welthandels) und dass der Iran selbst einen so großen Vorteil hätte (weil zusammengebombt werden halt trotzdem nicht gut ist). Es wird spannend sein zu sehen, welche Einschätzungen Bestand haben werden, aber dass der Irankrieg dumm war, dürfte sich halten.
3) Schwarzfahren
Eine der merkwürdigeren Diskussionen im Umfeld um Reformen gerade ist die um die Entkriminalisierung von Schwarzfahren. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie gerade jedes noch so kleine Detail sofort in riesige Grundsatzdebatten gezerrt wird, während die großen Fragen (Energiesicherheit und Ähnliches) merkwürdig unterdiskutiert bleiben. So etwa gibt es einen Leitartikel im Spiegel, der recht differenziert die These vertritt, „Schwarzfahren bestrafen? Nicht um jeden Preis„. In der Welt indes setzt Alan Posener den Gegenpunkt: „Gelegenheit macht Schwarzfahrer„. Das Witzige ist, dass sich beide Positionen nicht einmal ausschließen, denn die jeweiligen Kritiken sind beide korrekt. Es ist völlig bekloppt, dass der Staat so viel Geld ausgibt und Leute einsperrt, die schwarzfahren, und umgekehrt ist es auch nicht einsichtig, dass die Verkehrsbetriebe (und per Umweg die zahlenden Fahrgäste) quasi die Ungleichheit Deutschlands quersubventionieren sollen. Ungeachtet der Sachdiskussion teile ich Miriam Laus Frage nach der Zielgruppe der ganzen Operation; Ariane und ich hatten das ja auch im Podcast besprochen. Was genau glaubt die SPD, dass es wert macht, politisches Kapital in diese Forderung zu stecken? Egal, wie vernünftig sie sein mag.
4) Nostalgie
Der rechtsradikale Schauspieler und Regisseur Kevin Sorbo hat einen Post auf Twitter geteilt, in dem er ein Video von New York 1975 mit der Bemerkung versah, dass die Stadt damals so viel lebenswerter gewesen sei als heute. Es ist ein schönes Beispiel dafür, wie losgelöst von jeder Realität diese Nostalgieposts immer sind. In den 1970er Jahren war die Kriminalitätsrate New Yorks um Kategorien höher als heute, die Stadt war quasi das Musterbeispiel eines verfallenden Molochs. Hat Sorbo jemals „Taxi Driver“ gesehen? Noch in den 1980er Jahren hatte New York eine Mordrate, die sich gegenüber 1960 vervierfacht hatte – und heute GERINGER ist als 1960. Aber das ist für dieses Narrativ völlig uninteressant, weil hier blanke Ideologie steht: früher war gut, heute ist schlecht. Und dieses Schema wird einfach darüber geklatscht, Scheiß auf Fakten.
5) Tradwives
Wissenschaftler*innen haben das Tradwife-Phänomen untersucht und kamen zu, äh, überraschenden Ergebnissen. Ich zitiere gerne ausführlich: „This “tradwife” movement urges a return to traditional roles and, when researchers in the US recently set out to examine what kind of men support it, they expected to find a cohort fond of old-fashioned chivalry.“ Did you now? Daresay, how did this turn out? „The reality, they say, was rather different. Among young American men, the strongest predictor of support for the tradwife lifestyle was not gallantry but hostility towards women.“ Color me shocked. „“We were taken aback,” said Dr Rachael Robnett, a psychologist at the University of Nevada, in Las Vegas, and lead author of the study. Her team had thought that men drawn to the tradwife idea would display what academics call “benevolent sexism” — a belief that men should protect and provide for women. This seemed to them to fit with an ethos where he earns and she cooks and cares for the children. Instead, statistical tests found that the strongest predictor of male support for tradwife lifestyles was “hostile sexism”. This involves overtly negative beliefs about women, including that they manipulate men, exaggerate discrimination and should not expect equal power.“ No shit, Sherlock. Ich habe einen Palast in Venedig, den ich diesen Leuten gerne verkaufen würde. Siehe zum Thema auch diesen Artikel.
Resterampe
a) Die Rechtsradikalen in den USA entdecken gerade, dass Originalismus gar nicht immer ihren Interessen dient. Wie ich immer sage: praktisch niemand hat Prinzipien, das ist immer nur schöne Cover für die eigene Meinung.
b) Der Rechtsdrift der Jungwählenden scheint vor allem eine Legende zu sein. Siehe auch hier.
c) Nancy Pelosi behauptet, dass Hillary Clinton die qualifizierteste Präsidentschaftskandidatin seit Bush Senior war, und…nein. Es mag sein, dass sie sich in den Policies am besten auskannte, aber es gibt wesentlich mehr Qualifikationen für dieses Amt. Wahlen gewinnen etwa. Kommunizieren können. Clinton war eine der bestqualifizierten, keine Fragen, aber was den Mix an notwendigen Qualifikationen angeht, schlägt nichts Obama.
d) Weitere Katastrophenmeldung zu dummer KI-Nutzung.
e) Wenn es um Einmischung geht, misst Europa mit zweierlei Maß. Naja. Ungarn ist Mitglied der EU, da vergleicht die Welt hier schon Äpfel mit Birnen. So zu tun, als ob eine feindliche Regierung in Ungarn uns in der EU egal sein könnte, ist kompletter Quatsch. Und mein Bauchgefühl sagt mir, dass die Welt sich nicht gegen Einmischungen positionieren würde, wenn da Linksradikale davor stünden, die Macht zu übernehmen.
f) Donald Trump und die Poesiealbum-Geste: Die ganze Welt in seinem Händchen. Peak Spiegel-Journalismus.
g) The Onion trifft mal wieder den Nagel auf den Kopf.
h) Die realen Benzinpreise sind praktisch dieselben wie 1972.
i) Aus der Rubrik „total überraschend und unvorhersehbar“ dreht Liz Truss völlig ab und ist jetzt in der rechtsextremen Verschwörungsbubble.
j) Großbritannien fördert den Ausbau der Solarenergie und nennt spezifisch Deutschland als Vorbild.
k) Frankreich verbietet ab Ende 2026 neue Gasheizungen einzubauen.
l) Plötzlich lesen sie wieder. Sie haben immer gelesen. Man sollte die Weltuntergangsszenarien nicht zu ernst nehmen.
m) Der Economist hat was dazu, wie Frankreich der Champion im Kampf gegen Desinformation wurde. Braucht nicht mal ein Social-Media-Verbot 😉
n) Robert Misik wendet sich gegen Autoritarismus in der Kunst von Rechts wie Links.
o) Im Drohnen-Krieg ist Deutschland wehrlos. Es ist echt katastrophal, wie wir überall hinterherhängen. Und bei den Drohnen im Speziellen muss ich echt sagen: fuck die SPD. Die waren die Hauptblockierer über Jahre.
Fertiggestellt am 13.04.2026


