Adam Tooze – Wages of Destruction (Hörbuch) (Ökonomie der Zerstörung)
Wie wenig am NationalSOZIALISMUS neben wohlklingender Phrase an Substanz zu finden war zeigt Kapitel 5, „Volksgemeinschaft on a budget„. Von der KdF zu den großen Feierlichkeiten des Regimes über sein Winterhilfswerk wurden viele Initiativen rhetorisch zu gewaltigen Kraftanstrengungen aufgeblasen, die insgesamt ziemlich wenig Substanz hatten. Das ist auch kein Wunder, denn das Regime besaß für mehr überhaupt nicht die Mittel. Die angebliche Volksgemeinschaft musste ohne eine Unterfütterung durch einen funktionierenden Sozialstaat auskommen.
Stattdessen blieb das Deutsche Reich eine deutliche Klassengesellschaft. In den Städten lebten die Arbeiter immer noch in reichlich erbärmlichen Umständen, und selbst das Bürgertum genoss einen Lebensstandard, der kaum an den von amerikanischen Facharbeitern heranreichte, von ihren Klassengenossen in den US-Metropolen ganz zu schweigen. Die größten wahrnehmbaren Effekte besaß die „Volksgemeinschaft“ in den erzwungenen Gemeinschaftsmaßnahmen (von denen etwa Sebastian Haffner in seiner „Geschichte eines Deutschen“ aus erster Hand berichtet), bei denen der ungewaschene Plebs in Machtpositionen gesetzt wurde, um der Bourgeoisie einmal ordentlich einzuheizen. Solche Maßnahmen dienten aber dem Bedienen von kleinbürgerlichen Ressentiments, die die NS-Führung selbst hegte, als dass eine strukturierte und geplante Auflösung von Klassen wie im Sowjetkommunismus angestrebt worden wäre.
Die mörderischen Energien der Nazis richteten sich vielmehr auf jene Elemente, die man bewusst aus der „Volksgemeinschaft“ exkludierte: auf der einen Seite die rassisch als minderwertig gebrandmarkten Juden, Sinti/Roma und Slawen, auf der anderen Seite ideologische Gegner wie Sozialdemokraten, Kommunisten oder Zeugen Jehovas. Sie wurden in das rapide expandierende Netz an Lagern gesteckt, die in dieser Zeit aus dem Boden wucherten.
Eine spezielle Gruppe war die Bauernschaft, die Thema von Kapitel 6, „Saving the peasants„, ist. Aus ideologischen Gründen war die deutsche Landwirtschaft für die Nazis von großer Bedeutung. Sie war einerseits seit dem frühen Kaiserreich notorisch ineffizient und konnte nur dank massiver staatlicher Hilfen überhaupt überleben; die große Rolle der Junkerklasse im Lobbying des Kaiserreichs und Weimar reflektiert dies ebenso wie ihre ideologische Nähe und frühe Unterstützung für die Nazis. Auf der anderen Seite gab es eine Reihe von kleinen Familienbetrieben auf marginalem Land, die ebenfalls nicht sonderlich rentabel waren. Der ganze Sektor basierte immer noch auf körperlicher Arbeit; mechanisiert war noch so gut wie nichts (anders als etwa in den wesentlich effizienteren USA oder Großbritannien und selbst Frankreich mit seinem großen und fragmentierten, aber mit wesentlich besserem Boden ausgestatteten Agrarsektor).
Deutschlands Rolle als Nahrungsmittelimporteur war für Hitler und Chefideologen Darré nicht akzeptabel. Hier manifestierte sich die Lebensraumideologie in ihrer krassesten Form: die Lösung für die unzweifelhaft vorhandene Landnot war nicht Rationalisierung und Mechanisierung, sondern gewaltsame Eroberung und ethnische Säuberung. Die Ablehnung von Mechanisierung und Rationalisierung hatte neben der unzweifelhaften Rolle der Ideologie auch wirtschaftliche Ursachen: die deutsche Volkswirtschaft war schlicht nicht in der Lage, die Mechanisierung zu stemmen. Alle entsprechenden Ressourcen gingen, wie wir noch sehen werden, in die Aufrüstung.
Gleichzeitig mussten aus ideologischen Gründen die kleinen Betriebe erhalten bleiben. Die Nationalsozialisten schufen deswegen das so genannte Erbhofsystem: wer arische Vorfahren bis mindestens 1800 nachweisen konnte und eine Reihe strenger Auflagen akzeptierte (strikte Primogenitur und Entrechtung der anderen Familienmitglieder, vor allem Frauen; Verkaufsverbot; Hypothekenverbot) kam in den Genuss umfangreicher Schutzmaßnahmen und durfte sich fortan „Bauer“ nennen; alle anderen mussten sich mit der Bezeichnung „Landwirt“ zufriedengeben. Das ursprüngliche Gesetz war völlig starr und unpraktikabel, wurde aber mit dem Input der Betroffenen schnell erweitert und flexibilisiert – ein Schema, das auch in der Industrie durch die Partnerschaft der Nazis mit der Wirtschaft (siehe Kapitel 4) Anwendung fand.
In der Propaganda wurde die Rolle des Bauernstandes immer wieder betont. Tooze beschreibt ausführlich das Reichserntedankfest 1934, bei dem Hitler – noch nahbar – von zehntausenden Bauern, die man aus ganz Deutschland zu einer beeindruckenden Massenveranstaltung und Demonstration der Organisationsfähigkeiten und oberflächlichen „Modernität“ des Regimes zusammengezogen hatte, diese Rolle publikumswirksam in Szene setzen konnte. Wie wir noch sehen werden, konnten die Nazis in der Praxis die wirtschaftlichen Fliehkräfte trotzdem bestenfalls teilweise aufhalten.
Abschnitt 2, „War in Europe„, beschreibt den Weg in den Krieg und die ersten Kriegsjahre. Das Ziel der Nationalsozialisten war von Anfang an das Führen eines rücksichtslosen Eroberungskriegs. Unklar waren nur Zeitpunkt und Strategie, aber die Zielrichtung einer Expansion nach Osten war ideologisch von Beginn an festgelegt und fand ihren Niederschlag auch in der Wirtschaftspolitik.
Den klarsten Ausdruck fand das in den in Kapitel 7, „1936: Four years to war„, behandelten Vier-Jahres-Plänen. Unter Hermann Göring entstanden neue Konglomerate und Behörden, die eine unglaubliche Konzentration vor allem der stahlerzeugenden Industrie herbeiführten, die die Größe von US Steel erreichte – nicht im Umfang, aber in der Konzentration. Tooze stellt auch die Rolle der technologischen Veränderungen heraus. So war Anfang der 1930er Jahre noch das aus Holz und Leinwand gebaute Flugzeug Stand der Technik; das Rüstungsprogramm von 1936 sah den Bau tausender Vollmetallflugzeuge vor, und 1943 würden die ersten Jetflugzeuge von deutschem Boden abheben. Das verschlang immense Ressourcen. Dasselbe galt für den durch interne Ränkespiele massiv aufgeheizten Flottenbau, und in abgespecktem Maße auch für die Wehrmacht: die Panzer, die Deutschland Mitte der 1930er Jahre besaß, waren Panzer I und II, mit Maschinengewehren ausgestattet: kaum die Waffen, die später den Blitzkriegmythos begründen sollten.
Bei alledem aber blieb die deutsche Armee eine „arme“ Armee. Auch wenn das Ziel ausgegeben wurde, mechanisierte Divisionen aufzustellen, so würde der Großteil der Soldaten doch zu Fuß gehen und die Artillerie von Pferden gezogen werden. Die Hybris, die aus den Plänen spricht, wird durch den nüchternen Stil Toozes, in dem dieser die Zahlen auflistet und die Pläne und Herausforderungen beschreibt, umso krasser deutlich.
Auch auf finanziellem Gebiet hatte das Dritte Reich von Beginn an mit erheblichen Problemen zu kämpfen – insbesondere im Hinblick auf seine Zahlungsbilanz. Deutschlands starke Abhängigkeit von Rohstoffimporten, die mit dem wirtschaftlichen Wiederaufschwung nach der Weltwirtschaftskrise noch zunahm, traf auf chronisch schwache Exportleistungen. Die Folge war ein permanenter Devisenmangel, der die Beschaffung jener Materialien blockierte, die für eine wirklich umfassende Aufrüstung nötig gewesen wären. In der Rüstungspolitik trat dieser Engpass noch deutlicher zutage – und zwar umso bedrohlicher, als die potenziellen Gegner Deutschlands ihre eigenen Rüstungsprogramme massiv beschleunigten. Großbritannien, Frankreich und die USA reagierten damit zumindest teilweise auf das aggressive Auftreten des Regimes seit 1933.
Die Kriegsplanungen bedeuteten einen unaufhaltsamen Vormarsch in Richtung Krieg spätestens ab 1936. Kapitel 8, „Into the danger zone„, zeigt auf, dass von Beginn an die Innen- und Außenpolitik des Dritten Reiches auf die kompromisslose Durchsetzung ideologischer Ziele ausgerichtet war. In der Industrie bedeutete dies die absolute Priorität für Rüstungsproduktion. Tatsächlich gelang es dem Regime, den Anteil der Militärausgaben am Sozialprodukt innerhalb von sechs Jahren von unter einem Prozent auf fast zwanzig Prozent zu steigern – die größte friedenszeitliche Ressourcenverschiebung zugunsten des Militärs, die je ein kapitalistischer Staat vollzogen hat. Das Ausmaß dieser Rüstungsausgaben spottete jeder Beschreibung und erforderte eine Konzentration von Ressourcen.
Das bedeutete einerseits, dass der private Konsum dramatisch unterdrückt werden musste; auf der anderen Seite musste das Regime aber den inflationären Druck durch die massive staatliche Nachfrage (bei Vollbeschäftigung!) abfangen. Die mangelnden Ressourcen (vor allem an Stahl und anderen Metallen) erforderten ein Quotierungssystem, das die Kräfte des Marktes hier weitgehend ausschaltete; der Erhalt eines privaten Wirtschaftssystems und die garantiert hohen Renditen hielten den Widerstand seitens der Wirtschaft in engen Grenzen. Um den inflationären Druck weiter unter Kontrolle zu halten, wurden Preis- und Lohnstopps verordnet und mit drakonischen Strafen durchgesetzt. Ab 1938 wurde zudem ein Kommandosystem für Arbeit eingeführt, bei dem Arbeiter zwischen den verschiedenen Industrien verschoben wurden; ein ineffizientes System, zu dem es aber mangels Anpassungsmöglichkeiten über den Preis keine Alternative gab.
Bis 1938 hatte sich zudem das Devisenproblem dramatisch zugespitzt. Ein Symptom zeigte sich ausgerechnet bei der Umsetzung eines zentralen ideologischen Ziels: der Emigration der jüdischen Bevölkerung. Nach einem anfänglichen Höhepunkt 1933 stagnierte die Zahl der Auswandernden bei rund 20.000 pro Jahr. Tooze argumentiert, das entscheidende Hindernis seien die „extrem hohen Kosten der Auswanderung“ gewesen, die wiederum auf denselben strukturellen Mangel zurückzuführen seien, der nahezu alle Bereiche der NS-Politik belastete: den Mangel an Devisen. Ohne ausreichende Rücklagen in Fremdwährung ließen sich deutsche Juden kaum zur Emigration bewegen. Schon hier zeigt sich, wie ökonomische Realitäten ideologische Ansprüche unterliefen.
Parallel dazu betrieb Deutschland eine zunehmend aggressive Außenpolitik. 1938 kulminierte diese im „Anschluss“ Österreichs im März sowie in der Annexion des Sudetenlands im Oktober. Während der Anschluss kaum Protest hervorrief, verschärfte er die Spannungen in Europa erheblich, da deutsche Truppen nun die westliche Hälfte der Tschechoslowakei von drei Seiten bedrohten. Diese Lage eskalierte in der sogenannten Maikrise vom 20./21. Mai, als Gerüchte über einen bevorstehenden Angriff zur Mobilisierung tschechoslowakischer Reservisten führten. Entscheidend war, dass Großbritannien und Frankreich hier erstmals demonstrativ klarstellten, sie würden der Tschechoslowakei im Kriegsfall beistehen. Diese Machtdemonstration prägte die strategischen Schlussfolgerungen Berlins nachhaltig. Die Krise hatte auch Auswirkungen auf die Wirtschaft: die Mobilisierung der Armee, vor allem in Bayern, zeigte die Funktionsfähigkeit der Logistik einerseits und die zu erwartenden Verwerfungen andererseits allzu deutlich auf. Die Abhängigkeit Deutschlands von der Landwirtschaft etwa zeigte sich schon darin, dass Hitler den Zeitpunkt für den geplanten Krieg gegen die Tschechoslowakei auf Oktober setzte, also nachdem die Ernte komplett eingefahren war, weil das Mobilisieren der Bevölkerung vorher die Nahrungsmittelproduktion gefährdet hätte.
Dieser Krieg fand nicht statt. Wie in Kapitel 9, „Nothing to gain by waiting„, ausgeführt wird, gestatten Großbritannien und Frankreich Hitler schließlich dennoch, das Sudetenland zu übernehmen (im Münchner Abkommen vom 30. September). Aber die Maikrise hatte eine Botschaft übermittelt, die die Nationalsozialisten niemals vergessen würden. Seit dieser Krise „begann Hitler ernsthaft über die Notwendigkeit eines großen Krieges im Westen nachzudenken, als Vorspiel für seinen geplanten Vorstoß gegen die Sowjetunion [während er zuvor zumindest auf britische Duldung gehofft hatte]“. Dies sei „die entscheidende Lehre gewesen, die in Berlin bis zum Frühsommer 1938 gezogen wurde“, unabhängig von den späteren Ereignissen in München. Das Dritte Reich musste das britische Empire fortan „als eine Kraft betrachten, die Hitlers Traum von einer Eroberung im Osten entgegenstand“. Darüber hinaus hatten deutsche Militärplaner stets angenommen, dass Großbritannien und Frankreich im Falle eines Krieges von der enormen wirtschaftlichen Macht der Vereinigten Staaten unterstützt würden – also erneut jene gewaltige Allianz bilden könnten, die Deutschland bereits im Ersten Weltkrieg besiegt hatte.
Weiter geht es in Teil 3.



Nach Deinem richtig fetten Lob für Toozes Buch warte ich ehrlich gesagt noch immer auf die neuen oder zusätzlichen Erkenntnisse. Bisher war das, was Du referierst, der Stand der historischen Forschung vor etwa 10 bis 20 Jahren, soweit ich das als reiner Amateur mitgenommen habe?
Gruss,
Thorsten Haupts
Das Buch ist ja von 2006. Dementsprechend würde der Zeitraum durchaus passen: er schuf ja quasi das Standardwerk zum Thema. Und gerade Overy und Aly werden dadurch ziemlich widerlegt.
Meine Information stammt aus Büchern und Websites von anderen, Toozes Name tauchte nicht einmal auf. Von daher wäre meine Vermutung, es war nicht seine Quellenforschung?
Inwiefern wird Götz Aly „widerlegt“? Anekdotisch: Auch Familienmitglieder (passive Nazi-Gegner) waren beeindruckt, als arme Leute zum ersten Mal Urlaub mit KdF machen zu können.
Siehe hier https://taz.de/Einfach-verkalkuliert/!635819/ und hier https://taz.de/Doch-falsch-gerechnet–weil-falsch-gedacht/!634818/
Aly versucht, mit Hilfe reiner Finanzrechnungen zu belegen, die Nazis hätten das deutsche Volk auf Kosten anderer europäischer Völker geschont und sich so seine Zustimmung erkauft. Und das ist einfach deshalb Blödsinn, weil es auf die tatsächlichen Belastungen ankommt, nicht auf die buchhalterischen. Die deutsche Kriegswirtschaft hat – nur ein Beispiel – die zivile Textilproduktion fast vollständig zum Erliegen gebracht, anständige Kleidung war in Deutschland ab 1942 praktisch nicht mehr zu bekommen, unabhängig davon, ob man dafür das notwendige Geld hatte.
Grob simplifiziert ist es eigentlich sehr einfach zu verstehen: Papiergeld alleine nützt in einer Kriegswirtschaft niemandem, wenn man dafür nichts mehr kaufen kann. Und spätestens ab 1942 war die deutsche Zivilbevölkerung – im Vergleich zur britischen oder gar amerikanischen – massiv unterversorgt. Massenhafte erzwungene Betriebsschliessungen wegen staatlich orchestrierter Materialmängel, kein Benzin für Privatfahrzeuge, keine brauchbaren Textilien, Lebensmittel-Unterversorgung, überbeanspruchte Wehrpflichtige (Deutschland hatte kein Rotationsprinzip, alle Truppen waren abgesehen von kurzen Urlaubszeiten über die gesamte Kriegsperiode rund um die Uhr im Einsatz) etc. DAS waren die realen Kriegskosten, nicht die Saldenmechaniken von Steuern und Kriegsanleihen und DAS macht Alys Rechnungen praktisch einfach irrelevant.
Gruss,
Thorsten Haupts
Exakt. Und das arbeitet Tooze sehr gut heraus.
Und deswegen ist es auch so wichtig, das zu untersuchen und nicht auf Propaganda oder Feelings gegenüber der Idee des „sozialen Volksstaats“ einzugehen.
Bei Deinem zweiten Absatz bin ich mir – genau wie Dennis – nicht so sicher. Vor der Folie der Weltwirtschaftskrise 1929 kann die Kombination aus Vollbeschäftigung und KdF etc. durchaus Wirkung entfaltet haben, auch wenn die daraus gewonnene Propaganda massiv übertrieben war.
Ja, die Vollbeschäftigung sicher. Ich sage ja auch nicht, dass die Lage nicht besser war als 1929ff., und Tooze auch nicht. Worum es geht ist die Betonung des niedrigen Lebensstandards und die Widerlegung der Vorstellung, dass KdF und Co einen großen Umfang gehabt hätten, dass also die Nazis quasi einen Proto-Sozialstaat hingestellt hätten. Das ist anachronistisch, und das weist Tooze nach, nicht mehr, nicht weniger.
Zitat Stefan Sasse:
„Wie wenig am NationalSOZIALISMUS neben wohlklingender Phrase an Substanz zu finden war zeigt Kapitel 5, „Volksgemeinschaft on a budget„. Von der KdF zu den großen Feierlichkeiten des Regimes über sein Winterhilfswerk wurden viele Initiativen rhetorisch zu gewaltigen Kraftanstrengungen aufgeblasen, die insgesamt ziemlich wenig Substanz hatten.“
Okay, aber es kommt auf die politische Wahrnehmung beim Publikum an. Das ist die SUBSTANZ. Erbsenzählen à la Tooze verbunden mit dem Nachweis, dass die Leut die Dinge „falsch“ beurteilten bzw. „irrtümlich“ einen Wohlfühlfaktor spürten, der doch von den Zahlen gar nicht gedeckt sei, hilft nicht weiter. Zahlen, Daten, Fakten müssten a) zeitgenössisch zugänglich sein und b) müssten die Leut sich dafür interessieren. a) traf bei Adolf sowieso nicht zu und b) trifft so gut wie nie zu. Hat er Goebbels den Leuten beispielsweise die Vergleichsdaten betreffend Massenwohlstand in Großbritannien präsentiert? Vermutlich eher nicht^. Und Hjalmar Schachts riskante Mefo-Wechsel bzw. Wechselreiterei haben auch nicht sonderlich beunruhigt. Das ist auch heut noch so. Wenns Geld gibt, fragt keiner groß danach, ob in inwieweit das realwirtschaftlich abgesichert wird oder wo das herkommt.
Es kommt auf den gefühlsmäßigen Eindruck draußen im Lande an. Die trockene Empirie betreffend all die finanzpolitischen Sachverhalte, in allerlei Zahlenfriedhöfen ausgedrückt, ist am Ende des Tages politisch nebensächlich. Auch bescheidene Gaben fürs Volk reichen, wenn das propagandistisch geschickt ausgerollt wird.
Der Tooze mag sich über Myriaden nationaler und internationaler Dokumente gebeugt haben, die nahelegen mögen, dass die Leut in ökonomischer Hinsicht auf gar keinen Fall mit Adolf hätten zufrieden sein sein dürfen. Kann sein, aber Politik geht halt anders.
Und klar, kollektivistisch verspürte Sozialwärme, wesentlich angeheizt auch durch angebliche gefährliche und zu exkludierende, wenn nicht zu vernichtende, „Feinde“, ist „wissenschaftlich“ keineswegs irgendwas mit Sozialismus, auch da haben sich die Leut womöglich gründlich „geirrt“, insofern die Verhältnisse als irgendwie „sozialistisch“ empfunden wurden. So gesehen, lebt die Politik nur von Irrtümern, lebt aber ganz gut damit.
Nur, darum geht es Tooze ja nicht. Er widerlegt damit Argumentationen, dass die Nazis signifikante Mittel da rein pusteten, um dadurch den genannten Effekt zu erzielen. Diese „Erbsenzählerei“ ist Wissenschaft. Und die Propaganda macht es ja gerade sehr schwer herauszufinden, was „die Leute“ wirklich gedacht und gefühlt haben. Dazu braucht es Wissenschaft, und die kannst du mit Verweis auf die Behauptung von „feelings“ schon beiseite lassen, aber du müsstest den Beweis für deine These schon erbringen.
Nun, Politik ist eine kommunikative Angelegenheit mit tatsächlichen Menschen und keine Laboruntersuchung mit ausgedachten Menschen. Politisch zeigt sich Signifikanz im Übrigen bei der Wirkung beim Adressaten, worauf es letztlich nur ankommt, und wenn man dabei mit wenigen Mitteln viel erreicht, ist das politisch doch keine schlechte Bilanz^, mal abgesehen von moralischen Fragestellungen.
Ich ach mal so: Der Tooze überschätzt IMHO den homo oeconomicus, mindestens mal den homo macro-oeconimicus, beträchtlich. Der Aly argumentiert zwar auch wesentlich materialistisch, fokussiert aber stärker auf die kleine Erlebniswelt der je eigenen Haushalte und kommt damit der Lebensrealität schon deutlich näher. Kleine Gaben nach der vielfach existenzvernichtenden Wirtschaftskrise machten da schon was aus. Schuldenfinanziert? Na und, wer interessiert sich denn dafür? Und sodann allerlei Opportunitätskosten „unten“ wegen der Rüstung. Okay, kann man so sehen, ließ sich beim Volk indes propagandistisch wegbügeln und gut ist (aus der Sicht des Regimes).
Die Zustimmung zur Hitlerei (kann man auch als feeling bezeichnen^) jedenfalls bis zu Kriegszeiten, lässt sich mittelbar durchaus messen, namentlich auch anhand der Lage danach. Es gibt da u.a. demoskopische Untersuchungen der US-Militärregierung kurz nach der Veranstaltung. Ca. 30 % lehnten retrospektiv die NS-Umtriebe ab, für eine Mehrheit um die 60 % handelte es sich indes grundsätzlich um eine „gute Idee“.
Der Begriff „Wohlfühldiktatur“ hat also seine Berechtigung und all die Datenhuberei, die makroökonomischen Zahlen, Daten, Fakten waren doch häßlich und kein Grund zum Wohlfühlen, ist halt eine unpolitische Denke.
Sorry, da muss ich fundamental widersprechen.