Rezension: Hugh Howey – Wool

Hugh Howey – Wool (Hörbuch)

Eine der großen Überraschungen des TV-Jahres 2023 war die Apple-Serie „Silo“. Wie ich im Podcast mit Sean T. Collins ausführlich besprochen habe, überzeugt die Serie durch großartiges Worldbuilding, starke Charaktere und großartige Schauspielleistungen. Auch die Struktur der Geschichte und ihr Pacing sind großartig, kurz: unbedingte Sehempfehlung. Ich erfuhr erst nachdem ich die Serie gesehen hatte, dass diese auf einem Buch basiert (man sollte die Credits aufmerksamer verfolgen). Dieses Buch hat eine ähnliche Geschichte wie „The Martian“ hingelegt: ursprünglich hatte es seine Karriere als Onlineroman begonnen, wurde dann von einem Publisher entdeckt und mauserte sich zum Bestseller. In Howeys Fall war es das erste Kapitel, das nur als Kurzgeschichte konzipiert war (und das die erste Folge der Serie bildet), das online veröffentlicht wurde und aus dem dann der Rest des Buches entstand. Wie es sich im Gegensatz zur Serie verhält und ob es als eigenständiges Werk überzeugen kann, soll die folgende Rezension zeigen. Warnung: ich spoilere die Geschichte und damit auch große Teile der Serie. 

Die Handlung beginnt mit dem Sheriff (Holston) des unterirdischen Silos. Nach dem Verlust seiner Frau vor drei Jahren ist er psychisch angegriffen und erklärt, er wolle nach draußen. Das ist für die Silobewohnenden ein Kapitalverbrechen: die Welt draußen ist giftig und tödlich. Wer nach draußen will, wird zum „Putzen“ nach draußen geschickt: die durch die Umweltbelastung ständig verschmutzenden Linsen der Außenkameras des Silos werden von Todeskandidat*innen geputzt, die kurz darauf an der Außenwelt versterben. Holston aber glaubt nicht daran, dass die Außenwelt tatsächlich so tödlich ist. Tatsächlich sieht er draußen eine blühende Landschaft  – ehe er unter heftigen Krämpfen stirbt.

Das Silo braucht daher einen neuen Sheriff. In seinen Unterlagen hat Holston die Mechanikerin Juliette (genannt Jules) für den Posten ausersehen. Die Präsidentin des Silos, Joan, unternimmt mit Holstons Deputy Marnes eine Wanderung von der Spitze des Silos, in dem die administrative Elite lebt, bis ganz nach unten, wo die Mechaniker*innen den Laden am Laufen halten. Jules akzeptiert den Job unter der Bedingung, dass Joan einem „Energieurlaub“ zustimmt: einer Teilabschaltung des Generators, um diesen endlich zu reparieren. Bisher hatte die Regierung dies aus Furcht vor Unruhen nicht zugelassen. Die Unruhen treten denn auch nicht ein und der Generator wird repariert, so dass Jules alsbald ihren Job antreten kann. Sie hat allerdings von Beginn an einen Gegner im Chef der IT-Abteilung, Bernard, der einerseits böse auf sie ist, weil sie vor einigen Jahren Hitzeschutzband aus den Beständen der IT stahl (weil die für Mechanik vorgesehenen Bestände minderwertig sind) und ihr nicht vertraut, der andererseits aber keine Abschaltung der Serverinfrastruktur akzeptieren möchte. Jules ihrerseits ist keine Freundin von IT, die zwei Drittel der Energie des Silos verbraucht.

In der Folgezeit beginnt Jules mit Ermittlungen zum Tod Holstons – und einer geheimgehaltenen Affäre vor einigen Jahren. Immer wieder sind Menschen der Überzeugung, dass die Wirklichkeit nicht die ist, die ihnen die Silo-Regierung vorgaukelt. Dass die Präsidentin einem Giftanschlag zum Opfer fällt und Marnes kurz darauf ebenfalls ermordet wird, löst den Eindruck einer Verschwörung nicht unbedingt. Während sie versucht, Licht in das Dunkel zu bringen und diverse Klassenantagonismen zu bewältigen hat, freundet sich Jules mit Lucas an, einem IT-Techniker, der in seiner Freizeit versucht, das Geheimnis der hellen Punke am Himmel zu lösen und Sternenkarten zeichnet. Als Jules zu hinterfragen beginnt, was eigentlich in IT alles passiert und ob es nicht vielleicht doch eine Verschwörung gibt, hat Bernard genug. Der mittlerweile amtsführende Präsident zwingt sie zum Rücktritt und lässt sie kurz darauf verhaften und zum Putzen verurteilen. Ihre starken Beziehungen zu den Leuten in der Versorgung und den Freundschaften in Mechanik verdankt Jules denn aber ihr Leben: sie ersetzen das absichtlich schlechte Material der Schutzanzüge mit vernünftigem, so dass Jules die Welt draußen überleben kann.

Dabei zeigt sich, dass die Helme der „Putzenden“ ein Hologramm enthalten, das eine unzerstörte Welt vorgaukelt. In Wahrheit aber ist die Welt tatsächlich so tödlich und zerstört, wie die Siloführung behauptet. Das Geheimnis ist ein anderes: es gibt noch viel mehr andere Silos. Jules dringt am Ende ihres Sauerstoffs und ihrer Kräfte in ein benachbartes ein, nur um festzustellen, dass dort niemand mehr lebt. Die Struktur ist dieselbe wie in ihrer Heimat, aber es gab einen Aufstand, dem die ganze Population zum Opfer fiel – zumindest fast. Auf ihrem Streifzug durch die Dunkelheit begegnet sie Jimmy, dem scheinbar einzigen Überlebenden, der seit über einem Jahrzehnt im Silo überlebt. Mit ihm versucht sie, den Generator freizulegen – was zum Angriff einigerer weiterer Überlebender führt.

Gleichzeitig bricht in ihrem Heimatsilo beginnend in der Mechanik ein Aufstand los. Da Jules sich als erste geweigert hat, die Kameralinsen zu putzen, wurde der fragile gesellschaftliche Konsens des Silos bloßgelegt. Die starre hierarchische Ordnung steht plötzlich in Frage; das Tabu, die Außenwelt aktiv zu ignorieren, bricht zusammen. Unter Führung von Jules‘ altem Vorarbeiter plant Mechanik den Aufstand und rekrutiert viele weitere Leute. Die Aufständischen schaffen es unbemerkt in die Versorgungsabteilung, die zu rekrutieren ihnen gelingt. Der Plan ist, bis zur IT vorzudringen, diese auszuschalten und Bernard zum Rücktritt zu zwingen und dann die Geheimnisse offenzulegen, so dass das Silo informiert und demokratisch entscheiden kann, wie es weitergehen soll.

In der Zwischenzeit hat Bernard Lucas rekrutiert, der als sein Nachfolger dienen soll, und in die Geheimnisse des Silos eingeweiht. Bernard steht in Kontakt mit den Anführer*innen anderer Silos und erhält die Ordnung aufrecht, die auf einer Art Taktikhandbuch basiert, dem die Silos seit mittlerweile deutlich einem Jahrhundert folgen, um Aufstände zu vermeiden (wie sie Jules‘ neues Silo zerstört haben). Dabei wird auch die Antwort offengelegt, warum die Welt eigentlich zerstört ist: eine im Niedergang befindliche Großmacht (impliziert werden die USA) baute die Silos, um die eigene Gesellschaft zu retten, und zerstörte den Rest der Welt. Seither sind die Silobewohnenden gezwungen, wie Saatgut in einem Silo (daher der Name) auszuharren, bis sie die Welt einstmals wieder bevölkern können. Bernard erklärt, die Gründungsgeneration des Silos zu hassen, aber keine Wahl zu haben, als ihren Plan auszuführen, weil die Alternative der Untergang sei.

Die technische Überlegenheit von IT, die das Silo künstlich auf einem niedrigeren Stand hielten, wird für alle offenkundig, als die Aufständischen die Abteilung erreichen. Mit ihren improvisierten Waffen und einschüssigen Gewehren haben sie keine Chance gegen die militärische Organisation und automatischen Waffen von IT. Über Wochen erobern die Truppen von IT Stockwerk um Stockwerk zurück. In dieser Zeit kommuniziert Jules zuerst mit Bernard, später dann heimlich mit Lucas. Als die Truppen von IT die letzten Widerstandsnester ausräumen, gelingt es den Mechaniker*innen, über ein improvisiertes Funkgerät Kontakt zu Jules aufzunehmen und dadurch an alle Informationen zu kommen.

Als der Kontakt abbricht, entschließt sich Jules, mit einem konstruierten Anzug zurückzukehren. Die bevorstehende Hinrichtung Lucas‘, der sich gegen Bernard wandte, will sie als Anlass nehmen, um durch die sich öffnenden Türen ins Silo einzudringen. Der gefährliche Plan gelingt ihr, doch sie muss feststellen, dass nicht Lucas hingerichtet wird, sondern Bernard. Seine eigenen Untergebenen haben sich angesichts des Massakers und der Lügen gegen ihn gewandt. Der Roman endet mit Jules als Interimspräsidentin, die eine schonungslose Aufklärung und eine neue Ära im Geist von Transparenz und Offenheit ankündigt.

Mit einer der besten Aspekte des Romans (und sogar noch mehr der Serie) ist das Worldbuilding. Das Silo ist ein ungemein glaubhafter und in Details lebendiger Ort. Das Fehlen eines Aufzugs etwa zwingt alle Bewohner*innen, eine zentrale Wendeltreppe zu benutzen (eine mehrtätige Reise, wenn man das komplette Silo durchqueren will!). Das wiederum bedeutet, dass die Geschosse wenig Kontakt miteinander haben und die Macht von IT durch die Informationshoheit gewaltig ist. Auch viele andere Details sind gut durchdacht, was sowohl die technische Funktionsweise (Energie, Nahrung, Fortpflanzung, etc.) als auch die politische Organisation angeht. Das gilt erst Recht für die gesellschaftlich-mentalen Folgen; die Konsequenzen eines generationenlangen Lebens unter Tage mit der höchsten Priorität der Ressourcenkonservation werden in der Stagnation der Gesellschaft und den eingeschränkten Informationen mehr als deutlich.

Es ist nicht sonderlich schwierig, zwischen den Sektionen des Silos („Deep Down“, „Up Top“) die Klassenmetapher herauszulesen. Der Aufstand der Mechaniker*innen ist unschwer als Allegorie auf Arbeiteraufstände zu erkennen, die soziale Stratifizierung wird von den Charakteren explizit gemacht. Die Struktur des Silos führt zu einer Überbetonung dieser Klassenunterschiede, da kaum Kontakte zwischen den Ebenen bestehen und die sozialen Schichten sich weitgehend selbst reproduzieren, obwohl ostentativ eine soziale Mobilität möglich ist. All diese Aspekte machen Roman wie Serie für politisch Interessierte zu einem besonderen Vergnügen; dass Howey sich allzu direkter politischer Parallelen enthält, erlaubt ein großes Spektrum möglicher Interpretationen und Lesarten sowohl aus progressiver wie aus konservativer Sicht.

Als Fan der Serie war ich vom Roman jedoch enttäuscht. Die Serie ist tatsächlich wesentlich besser als das Buch. Trotz aller Kreativität Howeys gelingt es ihm nicht, einen guten Roman zu schreiben. Das liegt einerseits an den Figuren. Diese sind meist kaum mehr als Gefäße für Plotfunktionen und agieren nicht als sonderlich interessante Personen. Die Dialoge sind zweckmäßig, die Charakterisierung holzschnittartig. Wesentlich schlimmer aber ist die Offensichtlichkeit, mit der das alles passiert. Während in der Serie das Mysterium über eine komplette Staffel bewahrt wird, erfährt man im Roman bereits direkt zu Beginn, was Holston wiederfährt, und Bernard tritt von Beginn an mit der Subtilität eines besonders weichen Vorschlaghammers auf (was übrigens durch das Hörbuch nicht verbessert wird, in dem er mit schnarrender Bösewichtstimme spricht). Der Charakter Robert Sims aus der Serie fehlt komplett, und mit ihm ein kompletter Plotfaden, der Jules‘ Nachforschungen überhaupt erst interessant machte.

Viele Plotentwicklungen geschehen zudem quasi off-page oder im Vorbeigehen, ob das die Reparatur des Generators oder das Platzen der Nachforschungen ist. Der Versuch, dem ganzen intertextuelle Relevanz zu geben, indem Jules‘ Name auf einer Aufführung von Romeo und Julia und der (irgendwie halb verbotenen) Beschäftigung mit Shakespare ist, ist so platt, dass er völlig flach fällt. Die Intelligenz eines unterschätzten Charakters zu zeigen, indem er Shakespeare liest, und die Bösen gleichzeitig dagegen operieren zu lassen, ist nicht eben Zeichen großer Kunstfertigkeit.

Die Handlung im fast verlassenen Silo und der Aufstand leiden umso mehr daran, dass es keine Charaktere gibt, zu denen man als lesende Person einen Bezug aufbauen könnte. Öfter hat man das Gefühl, ein Sachbuch würde dem Ganzen mehr helfen als die Romanstruktur, mit der Howey nicht allzuviel anfängt. Die ganzen Stärken seines Werkes sind in der Welt des Silos, und jemand bei Apple muss das erkannt haben, denn die Serie baut die Charaktere und die Handlung deutlich aus und verwandelt sie in ein kleines Meisterwerk, während der Roman mich zwar durch das „ich will wissen, was dahintersteckt und wie es ausgeht“ durch die Lektüre zu ziehen vermag – aber eben nicht mehr.

{ 7 comments… add one }
  • Thorsten Haupts 28. Februar 2024, 12:40

    Interessante Besprechung, obwohl ich die Film-Serie nicht kenne. Die Characterisierung des Romans am Ende erinnert mich an meine langjährigen Vorbehalte gegen einer der SF-Legenden – Isaac Asimov – und dessen „Romane“, deren menschliche und robotische Bewohner immer seeeehr holzschnittartig daherkamen und eher Gefässe für Ideen denn lebende Individuen repräsentieren.

    Ist – das nur ganz nebenbei – nicht das erste Mal, dass eine Verfilmung besser ist, als das Buch, auf dem die Verfilmung beruht (und natürlich vice versa).

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Stefan Sasse 28. Februar 2024, 13:45

      The Expanse ist die Verfilmung meiner Meinung nach auch besser als das Buch. Foundation ebenso. Und, ketzerisch, ich weiß, Herr der Ringe.

      Was SciFi angeht: ist auch mein Problem mit dem Genre.

      • Thorsten Haupts 28. Februar 2024, 14:38

        Was SciFi generell angeht – ich berate Dich gerne auf die besseren Werke des Genres (von dem ich ohne Perry Rhodan etwa 150 Bücher zu Hause und weitere 150 weggeworfen habe). Da gibt´s schon ne Menge. Als Einstieg:

        „Sternenflut“ – David Brin 2013

      • Thorsten Haupts 28. Februar 2024, 14:50

        Und, ketzerisch, ich weiß, Herr der Ringe.

        Nah. Tolkiens Buch-Charactere sind auch mehr Archetypen als lebende Menschen bzw. Menschenähnliche. Passd scho.

Leave a Comment

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.