Rezension: Charles Burnes – Black Hole

Charles Burnes – Black Hole

Die Jugend in der Highschool ist für die meisten keine sonderlich positiv erinnerte Zeit. Die Veränderungen der Pubertät, erste sexuelle Erfahrungen, Ausgrenzung und allseitiges Unverständnis kennzeichnen den Lebensabschnitt kurz vor der Volljährigkeit und werden mit schöner Regelmäßigkeit in Highschool-Dramen ebenso wie in Highschool-Komödien verarbeitet. Für viele Jugendliche ist das allerdings keine Zeit, die sie als besonders positiv wahrnehmen, sondern eine, die von Entfremdung, Isolation und allen Arten von sozialen Ängsten gekennzeichnet ist. Es liegt daher näher als es vielleicht auf den ersten Blick den Anschein hat, die Highschoolerfahrung als Horrorgeschichte zu inszenieren. Im Graphic Novel „Black Hole“ tut Charles Burns genau das. Das Resultat ist ebenso verstörend wie fesselnd.

Wir befinden uns in Seattle, Mitte der 1970er Jahre. Die Epoche selbst spielt für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle; ich habe den Verdacht, dass es Burns vor allem wichtig war, eine gewisse Distanz vom gesellschaftlichen Umgang mit Sexualkrankheiten einerseits und mit einigen technischen Neuheiten andererseits zu schaffen. Denn in den Vororten der Metropole, wo die Mittelschichtenkinder aufwachsen und in die Pubertät kommen, geht eine mysteriöse Krankheit um, die ausschließlich sexuell übertragen wird. Da in einer Zeit vor AIDS und im Fahrwasser der sexuellen Revolution eine ganze Menge ungeschützter Sex möglich ist, scheint das Setting in den 1970er Jahren ideal zu sein.

Die Krankheit lässt die Betroffenen Mutationen entwickeln. Manche sind eher unauffällig – ein kurzer Schwanz etwa, ein kleiner Mund am Halsansatz, dergleichen – andere dagegen wesentlich entstellender. Jugendliche, die von letzteren betroffen sind, fliehen in die umgebende Wildnis und leben dort in Zeltgemeinschaften von den Dingen, die sie bei ihrer Flucht mitgenommen haben und dem, was ihnen später von (ehemaligen) Freunden und Klassenkamerad*innen gebracht wird oder was sie auf gelegentlichen Touren zurück in die Stadt besorgen können. Die anderen sind mit der Krankheit alleine und müssen sehen, wie sie mit den Veränderungen klar kommen.

Die Geschichte folgt einigen vergleichsweise austauschbaren Jugendlichen, die sich infizieren. Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven erzählt: Chris, ein Mädchen, das sich auf einer Party infiziert als sie Sex mit Rob hat (der seine Mutation, einen zweiten Mund am Hals, geheimhält), und Keith, ein Junge, der auf der Suche nach seiner eigenen Identität ist. Keith ist unsterblich in Chris verliebt, die zwar nett zu ihm ist – als praktisch einziges Mädchen der Klasse – seine Gefühle aber nicht erwidert.

Im Verlauf der Geschichte fliehen Rob und Chris in die Wälder, wo sie eine Weile im Zelt leben – ein Stück abseits einer schon länger dort lebenden Gruppe stärker mutierter Jugendlicher – und langsam, aber sicher verwahrlosen. Hier lernen sie auch Dave kennen, der ein entstelltes Gesicht hat, aber so etwas wie der Sprecher der Gruppe ist. Keith indessen begegnet auf einer Party Eliza, einem selbstbestimmten Mädchen, die einen Schwanz hat. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen.

Im weiteren Verlauf der Geschichte finden Keith und Eliza zu einer halbwegs funktionierenden Beziehung. Auch sie fliehen aus dem vorstädtischen Seattle, allerdings nicht in die Wälder, sondern klassisch mit dem Auto ins Motel. Dave dagegen ermordet Rob, ehe er – Keiths Gutmütigkeit ausnutzend – auch den Rest der Teenagergruppe tötet und dann Selbstmord begeht. Chris, die nicht um das Schicksal Robs weiß und versucht, ihn zu finden, verzweifelt immer mehr und schwimmt am Ende der Geschichte in den Ozean hinaus, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Der Graphic Novel hat keinen sonderlich prägnanten Plot, was in der Inhaltszusammenfassung glaube ich bereits deutlich wird. Stattdessen besteht die Anziehungskraft eher in der Stimmung, die er entwirft, und den Themen, die er anspricht.

Was mir hier vor allem auffällt ist das Gefühl der Isolation und Einsamkeit, dass Burns‘ Teenager umgibt. Erwachsene sind praktisch komplett abwesend. Die Krankheit und ihre Mutationen sind allseits als Fakt akzeptiert; die Betroffenen werden ausgegrenzt, aber nicht mehr als im Rahmen anderer Ausgrenzungen, wie sie im Teenagerleben normal sind. Die Entstellungen und Mutationen sind Metaphern, das wird aus dem Text ziemlich deutlich, und das auf sich allein gestellt Sein der Teenager ebenso.

Gerade diese Isolation und Einsamkeit verbindet sich mit den unerklärlichen, nur Teenager betreffenden Mutationen aber zu einer insgesamt sehr potenten Metapher für die Pubertät. Schließlich ist kaum in Gefühl in dieser Zeit so dominant wie das, dass niemand einen versteht. Jeder Teenager ist immer der erste, der die Pubertät durchmacht. Die Probleme sind gewaltig, unlösbar, erstickend, ohne dass ein Ausweg erkennbar wäre. In dieser Hinsicht ist der Graphic Novel sehr realitätsnah und authentisch.

Etwas merkwürdiger fand ich das Konstrukt der sexuellen Übertragbarkeit und der schieren Menge von Sex generell. Mir fehlt da natürlich die Erfahrung der 1970er Jahre (und, sind wir ehrlich, das ist für meine eigene Teenagerzeit nicht viel besser), aber ich kann mir nicht vorstellen, dass damals Sexualität zwischen Heranwachsenden die Norm war. Es wird allerdings im Graphic Novel nie wirklich thematisiert, dass ja vor allem die Schönen und Beliebten diese Krankheit bekommen, weil sie diejenigen sind, die Sex haben. Die Betroffenen sind auch alle entsprechend attraktiv gezeichnet, aber in der Geschichte selbst ist dieser Aspekt merkwürdig unterbeleuchtet.

Was hervorragend funktioniert ist dagegen einerseits die Fluchtreaktion der Teenager. Die wird hier wörtlich genommen, weil die Betroffenen in die Wälder ziehen und dort ein Hobo-Leben führen (erneut, ohne dass je jemand nach ihnen sucht, was die Indifferenz der abwesenden Erwachsenen zeigt), aber man kennt das ja auch aus der jugendlichen Lebensrealität: die mentale Flucht vor sehr realen Problemen. Ich sehe das ja allzu oft in der Schule auch.

Das Ende der Geschichte mit Daves Gewaltexzess ist von einer Hoffnungs- und Ausweglosigkeit geprägt, die der ohnehin bedrückenden Stimmung die Krone aufsetzt. Dazu tragen auch die Zeichnungen bei. Der in schwarz-weiß gehaltene Graphic Novel arbeitet mit starken Kontrasten und viel, viel Schwarz. Die Kontraste zeichnen sich gegen eine allgegenwärtige Dunkelheit ab, die die Stimmung vorgibt. Eine aufbauende Lektüre ist der Graphic Novel sicherlich nicht, und die offene Darstellung von Sexualität und Mutationen gibt dem Ganzen eine perverse Seite, die vermutlich nicht jedermanns Sache ist. Aber die Lektüre beeindruckt nachhaltig und bleibt hängen.

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