Rezension: Grant Morrison – Supergods: What Masked Vigilantes, Miraculous Mutants, and a Sun God from Smallville Can Teach Us About Being Human

Grant Morrison – Supergods: What Masked Vigilantes, Miraculous Mutants, and a Sun God from Smallville Can Teach Us About Being Human

Superhelden sind spätestens seit Marvels präzendenzlosem Erfolgszug seit 2008 die bestimmenden Gestalten der Popkultur. In der kollektiven Fantasie haben sie mittlerweile die Allgegenwärtigkeit von „Cowboys und Indianern“ erreicht, die für über ein Jahrhundert ubiquitär waren. Superhelden gibt es mindestens seit dem Debüt des Manns aus Stahl 1938, das allgemein als Startpunkt genannt wird, und sie machten in ihrer Geschichte seither mehrere Evolutionen durch. Diese Evolutionen erzählt Grant Morrison, selbst berühmter Comicautor, in seinem vorliegenden Werk nach – ebenso wie er den Versuch unternimmt, ihren Einfluss auf das gesellschaftliche Unterbewusstsein nachzuvollziehen.

Wenig überraschend beginnt er mit Siegel und Schuster, den beiden jüdischen Autoren hinter Superman. Es ist mittlerweile keine sonderlich innovative Erkenntnis, dass einige Merkmale der jüdischen Erfahrung um 1938 herum auf den Superhelden durchgeschlagen haben, und dass Superman zu Anfang nicht einmal fliegen konnte (seine Fähigkeiten würde er erst später entwickeln) ist den einschlägig Gebildeten auch bereits bekannt. Aber der Erfolg der Action Comics sprach für sich, und mitten in der Weltwirtschaftskrise bot der bunte Kämpfer gegen Korruption und Verbrechen (bevor er begann, Außerirdische zu verprügeln, kümmerte sich Superman vor allem um Kleinstadtgangster) genügend Projektionsfläche für schwer nötigen Eskapismus.

Ein Jahr später bekam er von Bob Kane (der seine Mitautoren von Anfang an ausbootete und den Erfolg für sich allein reklamierte) Konkurrenz vom ebenso ikonischen Batman, der zwar weniger gut gezeichnet war, aber in der Idee des düsteren Kreuzritters der Nacht bis heute die Gemüter beschäftigt. Es ist wohl fair anzunehmen, dass er Superman als ikonischsten und bekanntesten Superhelden mittlerweile abgelöst hat. Die letzte ikonische Ergänzung des goldenen Kanons war Wonderwoman, ein Charakter, der als Proto-Feminstin und Bondage-Fan mehr als nur eine hochgezogene Augenbraue hervorrufen sollte (gleich mehr dazu), aber gerade deshalb auch so beliebt war.

Zahlreiche neue Superhelden, viele von ihnen heute nicht mehr bekannt, kamen dazu. Der Zweite Weltkrieg war ihre erste Hochphase. Die Superhelden bekämpften die Nazis und stellten sich in den Dienst patriotischer Landesverteidigung (wozu auch gehörte, dass Siegel und Schuster die Kontrolle über Superman verloren; jüdische Autoren an der Spitze der Verkörperung Amerikas ging den des Antisemitismus nicht fremden amerikanischen Behörden dann doch zu weit). Doch nach dem Krieg begann ein ebenso rascher Abstieg: Noir und Dime Novels liefen den Comics den Rang ab, und eine zunehmende moral panic erfasste die Branche.

Diese moral panic ist die erste von zahllosen konservativen backlashs gegen die Jugendkultur de jour, die von Rock’n’Roll über Filme hin zu Rollenspielen, Punk, Videospielen und Smartphones alle möglichen Entwicklungen erfassen würde. Stilbildend ist sie vor allem durch die Figur Fredric Werthams, eines Kreuzritters gegen eine nicht verstandene Kultur, dafür aber ohne jede Hemmung, Fachkenntnis oder intellektuelle Aufrichtigkeit. Mit seinem Buch „Seduction of the Innocent“ schürte er eine ohnehin überschäumende Panik, die zusammen mit dem zeitgleich laufenden Red Scare McCarthys einen potenten Mix einging. Es war die originale Cancel Culture, wie man heute nicht sagen würde, weil es von Konservativen ausging.

Comics zensierten sich selbst bis zur Selbstaufgabe und wurden geradezu absurd harmlos. Supermans Familie mitsamt Superhund oder Batmans albernste Abenteuer, aus deren Feeling sich später Adam Wests Batman-Serie entwickeln würde, stammten aus dieser Zeit. Das Goldene Zeitalter der Comics war zu Ende, und es gab nichts, das es zu ersetzen schien.

Zu Beginn der 1960er Jahre aber wendete sich das Blatt. Einige junge Talente bei dem Verlag, der später Marvel werden würde (und damals die Grundlagen für die Ausbeutung seiner Autoren und Zeichner (alles Männer) legte), schufen mit den Fantastischen Vier einen neuen Typus Superhelden: eine leicht dysfunktionale Familie. Die F4 revolutionierten das Comicgenre, aber bei weitem nicht so sehr wie der quintessenzielle Held des Silbernen Zeitalters: Spiderman.

Seine Revolution bestand darin, dass er ein jugendlicher Held war, mit all den typischen Problemen von Jugendlichen, der nicht der Sidekick eines Erwachsenen war. Sidekicks waren die geldmachende Erfindung des Goldenen Zeitalters, von Supergirl über Robin the Boywonder zu Bucky. Zum ersten Mal durften sich die jugendlichen Lesenden nun selbst mit dem Helden identifizieren, sich in ihrem Alltag in ihn hineinimaginieren.

Weitere Helden folgten. In den 1970er Jahren wurden die Geschichten esoterischer, trippiger. Der Drogenkonsum der Ära trug sicher das Seinige dazu bei. Antihelden kamen das erste Mal in Mode (vor allem der „Silver Surfer“), aber insgesamt begann das Genre etwas zu stagnieren. In dieser Epoche ändert sich auch der Erzählmodus des Buchs massiv. Der Autor war in dieser Zeit selbst Comic lesender Fan, und er strukturiert das weitere Buch nun autobiografisch.

Für mich begann dadurch der Lesegewinn deutlich zu sinken. Ich bin nicht am Leben Grant Morrisons interessiert, und Titel und Aufmachung des Buchs wiesen auch nicht darauf hin, dass die Hälfte eine Autobiografie werden würde. Seine Bekanntschaft mit den Autoren der folgenden Zeit, etwa Alan Moore oder Frank Miller, und seine persönliche Haltung zu deren Werken färbt auch massiv die weitere Erzählung, die von einer Geschichte der Superhelden zu einer Geschichte Grant Morrissons und seinem Verhältnis zur Superheldenindustrie wird.

Das ist stellenweise durchaus interessant, wo er etwa die wechselnden Arbeitsbedingungen der Industrie aufzeigt, in der man in den 1980er und 1990er Jahren tatsächlich Geld verdienen konnte anstatt wie vorher und seither völlig ausgebeutet zu werden. Aber auch hier bleibt Morrison wesentlich zu autobiografisch und auf seine eigene Erfahrung bezogen.

Gleichzeitig werden die Schilderungen wesentlich ausführlicher und die besprochenen Helden obskurer. Jeder Überblick, wie er für die „klassischen“ Epochen des Goldenen und Silbernen Zeitalters geschaffen worden war, geht verloren. Ich habe deswegen nach rund drei Vierteln die Lektüre abgebrochen.

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  • Olaf Kröger 17. August 2022, 15:16

    „Joel und Schuster“ -> Siegel und Shuster.

    „jüdische Autoren an der Spitze der Verkörperung Amerikas ging den des Antisemitismus nicht fremden amerikanischen Behörden dann doch zu weit“ Unwahrscheinlich. DC und Action Comics gehörten damals drei jüdischen Amerikanern, Harry Donenfeld, Jack Liebowitz und Max Gaines. Bei denen sollen die Behörden christliche Superman-Autoren durchgedrückt haben? Sie haben Martin Goodman, den Inhaber von Timely Comics, ja auch nicht gezwungen, Jack Kirby und Stan Lee von Captain America abzuziehen.

    • cimourdain 17. August 2022, 17:50

      Das stimmt. Vor allem Jerry Siegel war während des Krieges ein hochpatriotischer Werber für Kriegsanleihen etc gegen Nazi-Deutschland. Beim Zerwürfnis der beiden mit DC ging es um Tantiemen für die Rechte an der Figur Superman.

    • Stefan Sasse 17. August 2022, 20:47

      Ich beuge mich deinem überlegenen Fachwissen, vielleicht hab ich das falsch verstanden.

  • cimourdain 17. August 2022, 17:44

    Du machst es dir bei Frederic Wertham zu einfach. Der Mann war klar progressiv, was sein Engagement gegen die Segregation anging (Seine Gutachten spielten bei Brown vs Board of Education eine Rolle). Aber bei Comics hatte er sich verrannt: Eine Korrelation wahrgenommen (Viele Comicleser unter seinen Patienten ), eine Beobachtung gemacht ( Die Detective- und Horrorcomics jener Zeit waren explizit und brutal) und davon ausgehend nur noch das schlechte gesehen – wozu seine psychiatrische Herangehensweise beigetragen hat.

    • Stefan Sasse 17. August 2022, 20:51

      Für mich ist er im Endeffekt ein Manfred Spitzer, cranked up to eleven.

      • cimourdain 18. August 2022, 09:35

        Der Vergleich ist nicht falsch, beide sind – nachdem sie von konservativer Seite Publikum und Zuspruch erhalten haben – mit ihren Thesen hausieren gegangen.

        Mich interessiert aber der Anfangspunkt mehr: Wo biegt jemand falsch ab, dass aus guten Absichten (die ich ihm zubillige) so viel repressives Denken wird. Diese Frage ist auch für aktuelle Debatte um Sprach- und Meinungsfreiheit ziemlich relevant, wenn wir mal über das Niveau des ‚Aber die anderen…‘ Gebrülls herauskommen wollen.

        • Stefan Sasse 18. August 2022, 11:56

          Das ist eine gute Frage. Ich denke, zum einen hat der mediale und politische Zirkus damit zu tun. Der belohnt Polarisierung und Zuspitzung und rezipiert das alles auch nur so. Und gleichzeitig fängst du an, damit Geld zu machen. Das sind so externe Faktoren. Interne Faktoren sind, dass du zwangsläufig Widerspruch kriegst (jede öffentliche Meinungsäußerung erntet Widerspruch), und Menschen reagieren auf Widerspruch damit, dass sie sich versteifen, vor allem dann, wenn es öffentlich ist und mit ihrem Status, ihrer Identität verknüpft ist. So in aller Kürze.

        • Thorsten Haupts 18. August 2022, 15:27

          Schnappen Sie sich ein gutes Buch über Gruppendynamiken – innerhalb einer wie zwischen verschiedenen Gruppen. Damit bekommen Sie 90% der beobachtbaren Phänomene ohne grössere Restbestände erklärt.

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