Rezension: Bill Bryson – At home. A short history of private life

Bill Bryson – At home. A short history of private life

Was ist eigentlich die Geschichte des Esstischs? Wie kommt es, dass wir einen Keller haben? Seit wann gibt es Toiletten? Und weshalb sind Schlafzimmer ein so privater Raum? Bill Bryson stellt alle diese Fragen (und viele mehr) und begibt sich auf eine Tour durch sein eigenes Haus, um anhand der verschiedenen Räume eine Geschichte des Alltags und des Privatlebens aufzuschreiben. Das Haus, das er mit seiner Familie in Norfolk bewohnt, dient ihm so als Absprungpunkt für die verschiedensten Themen und strukturiert das Buch auch gleich durch – von dem Grund und Boden, auf dem es steht zum Keller und bis hinauf zum Dach.

Den Beginn macht der Grund und Boden selbst. Brysons Haus ist ein ehemaliges Pfarrhaus, einst Zentrum des parishs. Um dessen Ursprüngen nachzuspüren geht er bis zur Invasion der Normannen zurück, die das heutige England überhaupt erst erkennbar geschaffen haben, und erläutert im Folgenden das Phänomen der ländlichen Pfarrer der Kirche von England in der Neuzeit. Diese Posten wurden an Mitglieder des Bürgertums vergeben, die dafür keine besonderen Qualitäten mitbrachten und sich oftmals wenig um ihren eigentlichen Job kümmerten. Das war auch nicht nötig, denn sie wurden durch eine prozentuale Abgabe auf landwirtschaftliche Erzeugnisse bezahlt – von der sie fürstlich leben und ihren Interessen nachgehen konnten.

Diese Interessen waren weitläufig. Bryson erzählt von Pfarrern, die naturwissenschaftliche Experimente machen, von Malern, von Musikern und Literaten. Das Ausmaß an wohlhabender Freizeit, das ihre formale Anstellung ihnen auf Kosten der ausgeplünderten Landbevölkerung gewährte, war beeindruckend – und führte zu weitläufigen Privathäusern. Eines von diesen bewohnt heutzutage Bryson. Es lebt dort kein Pfarrer mehr, weil die Industrielle Revolution die Einkommen der Bauern massiv fallen ließ – und damit auch die der Pfarrer. Landpfarrer ist heutzutage ein armer Beruf, den kaum mehr jemand freiwillig ergreift, und dazu wird auch noch erwartet, dass er wirklich ausgeübt wird. Horrible times.

Beeindruckend ist auch, wie exzessiv der bürgerliche Alltag der Neuzeit auf Heerscharen von Bediensteten beruhte. Der Mangel an Haushaltsgeräten sorgte dafür, dass Hausarbeit unglaublich arbeitsintensiv war. Diese Arbeit wurde von den Bürgerinnen nicht erbracht (von den Bürgern sowieso nicht!), weswegen sie der breiten, ausgebeuteten Unterschicht zufiel. Diese Dienstverhältnisse wiesen eine gewaltige Fluktuation auf (was zu der atemberaubend arroganten Angewohnheit vieler Arbeitgeber führte, die Angestellten in einer Position mit demselben Namen anzureden, um keine neuen lernen zu müssen), weil die Jobs mies bezahlt und die Angestellten wie der letzte Dreck behandelt wurden.

Je weiter die Technik voranschritt und je breiter die Wohlstandsbasis in der Bevölkerung wurde, desto mehr verlagerten sich diese Arbeiten von Dienstboten weg – zumindest im Bürgertum. Der Aristokratie galt es noch lange als Standesmerkmal, so sehr, dass sie zentrale Erfindungen wie Toiletten nicht in ihren Häusern installierten, weil das nur Bürgerliche nötig hatten; sie selbst besaßen ja Dienstboten für so etwas. Es ist absolut faszinierend, wie primitiv selbst die Oberschicht vor recht kurzer Zeit noch lebte.

Am augenscheinlichsten wird dies bei der Frage der Beleuchtung. Mit zahlreichen Beispielen zeigt Bryson, dass die Menschen bis in 20. Jahrhundert in einer Dunkelheit lebten, die für uns heute unvorstellbar ist. Menschen stießen auf Treppen und Straßen aneinander, weil sie sich nicht kommen sahen; das Essen auf dem Tisch war kaum zu erkennen, Kerzen waren teuer und offene Feuerstellen wärmten die Räume kaum (ständige Kälte war ein Begleiter der Dunkelheit) und verrußten sie hauptsächlich. Erst Gaslichter (stinkend, alles verschmutzend und gefährlich) und später elektrisches Licht schufen Abhilfe und veränderten den Alltag fundamental. Überraschend ist, dass entgegen der weit verbreiteten Vorstellung die Menschen trotzdem nicht mit Sonnenuntergang ins Bett gingen, im Gegenteil. Das Dinner zog sich gerne bis weit in die Nacht (bedient von Dienstboten, of course), ebenso Arbeit, Lektüre und andere Freizeittätigkeiten.

Ähnliche Beschreibungen finden wir für alle Räume des Hauses, vom Kinderzimmer (die Kindersterblichkeit früher war schrecklich, die Kindheit ebenso) über die Küche (absolute Schwerstarbeit) zum Schlafzimmer (Ratten, Ungeziefer und unhygienische Zustände). Man erfährt pausenlos neue, spannende Anekdoten über das Leben zwischen ungefähr 1600 und 1900, und das meiste davon lässt sich auf den Nenner bringen, wie schrecklich es früher im Vergleich zu heute war, vor allem, was die Hygiene und das Ausmaß der Hausarbeit anbelangt.

Bryson betont immer wieder die Unterschiede der sozialen Klassen, dass der Großteil der Bevölkerung weder Dienstboten noch mehrere Räume zur Verfügung hatte. Aber das ändert wenig daran, dass das Buch letztlich weitgehend den Alltag der bürgerlichen Oberschicht und der Aristokratie beschreibt – großzügig 15% der Bevölkerung, tendenziell eher weniger. Die Lebensrealitäten der „other half“ (nicht mathematisch) spielen eine untergeordnete Rolle. Das ist sicherlich seinem Ansatz geschuldet: er beschreibt als Mitglied der Oberschicht die Geschichte seines eigenen Lebensstils.

Aber das ist auch ein grundsätzliches Problem solcher Auseinandersetzungen. Die Lebensrealitäten der breiten Masse spielen bis heute in den Darstellungen die zweite Geige. Die irrige Vorstellung, dass Streichkonzerte und Candle-Light-Dinner repräsentative Erfahrungen der Bevölkerung der Aufklärungsepoche waren, hält sich hartnäckig, und über weite Strecken muss man Bryson gegen den Strich lesen, wenn man diesem Eindruck entkommen will.

Glücklicherweise ist das Leben des Buches selbst ein großes Vergnügen. Bryson ist nicht umsonst ein wohlhabender Bestsellerautor. Seine Sätze sind elegant, oft von feiner Ironie, und seine Struktur ist, obwohl sie einem ausgedehntem Assoziationsspaziergang gleicht, sinnvoll und lässt die Lesenden nie die Orientierung verlieren, selbst wenn das Narrativ von den Steinzeitmenschen in Stonehenge zur Einführung des Telefons springt. Im Kontext macht alles Sinn, und das ist keine Kleinigkeit.

Uneingeschränkte Empfehlung!

{ 16 comments… add one }
  • derwaechter 27. April 2022, 09:59

    Danke für den Tipp. Ich lese seine Bücher auch sehr gerne.

  • bfr 27. April 2022, 11:42

    Ich melde mich nochmal: Von Bryson kann man wirklich alle Bücher lesen (in meinem Fall eher verschlingen). Ein hervorragender Autor.
    Und noch zwei Empfehlungen in ähnlicher Richtung:
    Harari (der Israeli der Uni Jerusalem) Kurze Geschichte der Menschheit
    Nick Lane Der Funke des Lebens
    Das untere ein Überblick über die frühe chemische Evolutionsgeschichte und die Bedeutung des (Zell-)energieunsatzes. Ich wusste vorher nicht, dass die Zellen nich mit Elektronenspannungen (äquivalent unserem Strom) sondern mit Protonenspannungen (also Wasserstoffkernen) arbeiten.

    • Stefan Sasse 28. April 2022, 10:26

      Ich halte gar nichts von Harari. Ich hab die kurze Geschichte der Menschheit zu zwei Dritteln oder so gelesen und fand es furchtbar.

      Nick Lane sagt mir gar nichts, behalte ich mal im Auge.

  • Tim 27. April 2022, 11:49

    Bei Schlossbesichtigungen fällt mir immer wieder auf, wie barbarisch selbst der Hochadel lebte. Im 19. Jahrhundert gab es nirgendwo Weingläser, die auch nur ansatzweise gepflegten Weingenuss erlaubt hätten. Gut, der Wein damals war wahrscheinlich schon an sich weitgehend ungenießbar und ähnelte nur entfernt den Qualitätsprodukten, die wir heute in jedem Supermarkt erwarten.

    Man kann schon froh sein über die Entwicklung in den letzten 150 Jahren!

    • cimourdain 28. April 2022, 08:16

      Auf alten Stilleben sieht man schon öfter Gläser , die einen Körper hatten, wo sich Aromen sammeln konnten (v.a. Römerform-Gläser).
      Beim Wein gab es erhebliche Qualitätsunterschiede. Viele Weine wurden übel gepanscht , z.B. die Süße mit Bleiacetat ausgebaut.
      Apropos Blei: Auch unter feinen Leuten gab es die Unsitte, vor allem schwere Weine über längere Zeit in Bleiglasgefäßen (Dekanter, Karaffen) aufzubewahren, so dass die Säure das Blei herauslösen konnte.
      Kurz gefasst: Selbst wenn der Wein genießbar war, war das nicht unbedingt ein Genuss ohne Reue.

      • Tim 28. April 2022, 10:00

        Wenn es denn Aromen gab. 🙂 Die Keller“technik“ war damals dermaßen rudimentär, dass Fehlnoten wohl eher die Regel als eine Ausnahme waren. Wahrscheinlich war es bei den allermeisten Weinen ziemlich egal, aus welchen Gefäßformen man sie trank. Wichtig war vor allem der Alkoholgehalt, da man so ein hygienisch (halbwegs) einwandfreies Getränk hatte. 🙂

        • Stefan Sasse 28. April 2022, 10:32

          Die Weine wurden meist stark verdünnt getrunken, so dass der Alkoholgehalt eher nebensächlich war.

      • Stefan Sasse 28. April 2022, 10:32

        Wie ungesund die Leute lebten ist eh atemberaubend 😀

    • Stefan Sasse 28. April 2022, 10:27

      Ich würde das jetzt weniger an den Weingläsern sondern den fehlenden Toiletten festmachen, aber Zustimmung zur These. Ich bin sehr bewusst glücklich, heute zu leben und nicht früher. Deswegen habe ich auch so wenig Geduld mit diesen „früher war alles oder X besser als heute“ Geschwätzen.

      • Tim 28. April 2022, 10:32

        Toiletten? – An das fehlende WLAN denkst Du gar nicht?! 😉

  • Thorsten Haupts 27. April 2022, 15:10

    Gut, der Wein damals war wahrscheinlich schon an sich weitgehend ungenießbar …

    Nein :-).

  • cimourdain 28. April 2022, 08:39

    Passend zum Thema ein wirklich unterhaltsamer Youtube-Kanal über historische Rezepte mit einem guten Maß an Hintergrundinfos:
    https://www.youtube.com/channel/UCsaGKqPZnGp_7N80hcHySGQ

  • CitizenK 28. April 2022, 10:50

    „wie exzessiv der bürgerliche Alltag der Neuzeit auf Heerscharen von Bediensteten beruhte.“

    Das war hierzulande nicht anders. Noch in den 50ern gab es „Dienstmädchen“, sogar mancher Studienrat-Haushalt hatte noch eins. Berufsbezeichnung: „.. in Stellung bei…“

    Wo ist der deutsche Bryson?

    P.S. Danke übrigens für den Tip, ich kannte ihn bisher noch nicht.

    • Stefan Sasse 28. April 2022, 12:48

      Ja, aber UK ist da glaube ich noch mal ein krasserer Fall. Oder ist das nur, weil die das so feiern? (Stichwort Downton Abbey)

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