Bohrleute 18: Ostpolitische Mythen und Legenden

Im Ukrainekrieg stehen nicht nur Truppen einander im Kampf gegenüber, sondern auch historische Narrative. Die deutsche Außenpolitik im Besonderen wird von Legenden aus der Zeit der Ostpolitik dominiert, die mit der historischen Realität wenig zu tun haben, aber einen gemeinsamen Mythen-Raum bilden, der gerade scheppernd zusammenbricht.

Mit dem Osteuropa-Historiker Dr. Jan C. Behrends spricht Stefan Sasse darüber, welche Mythen aus der Ostpolitik entspringen, welchen Wahrheitsgehalt sie haben und wie sie die deutsche Haltung maßgeblich mitbestimmen. In dem Zusammenhang stellen wir uns auch den Leerstellen der historischen Erinnerung und fragen uns etwa, warum die Ukraine immer noch nicht wirklich als Staat wahrgenommen und Osteuropa generell als Verfügungsmasse betrachtet wird.

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{ 12 comments… add one }
  • Lemmy Caution 11. April 2022, 14:32

    Habs mir mit großem Interesse in der homeoffice Mittagspause angehört.
    Kann ich jedem absolut empfehlen.
    Ich fände für eine Nachfolge-Sendung einen tieferen historischen Einstieg in den Raum für die Zeit 1700 bis 1900 interessant. Viele Dinge haben sich für mich erst vor kurzem erschlossen:
    – Geschichte Rußland als europäische Großmacht begann erst mit dem Nordischen Krieg 1700 bis 1721
    – Herrschaft Rußlands über Belarus begann erst mit der 2./3. Teilung Polens, zeitlich parallel zur Französischen Revolution.
    – Nationenbildung in Osteuropa in der Zeit ist praktisch für jedes Land faszinierend, v.a. auch unter der Berücksichtigung der Vielvölkerstaatspolitik des kulturell vergleichsweise liberalem Österreich-Ungarns.

    • Stefan Sasse 11. April 2022, 17:05

      Ja, wenn man einmal anfängt, will man gar nicht aufhören! Danke für das Lob.

    • cimourdain 12. April 2022, 09:16

      Ich würde sogar noch ein bisschen weiter in die Vergangenheit ausholen:
      – Eroberung Nowgorods im späten 15.Jahrhundert (und damit Machtstellung an der Ostsee)
      – Aufstieg der Romanow nach der Smuta
      – Chmelnitzky-Aufstand Mitte 17. Jh und daraus heraus die russischen Ansprüche in der Ukraine

      • Stefan Sasse 12. April 2022, 11:25

        Gar nicht mein Expertisebereich, muss ich zugegeben.

      • Lemmy Caution 12. April 2022, 11:34

        … oder die richtig krassen Sachen…
        Wenn da so ein Master-Geostratege von denen pathetisches Zeug wie „Rußland kehrt seine 300-jährige Geschichte der Zuwendung zum Westen um“ faselt, was meinen die damit?
        In der zweiten Hälfte des 16. Jhdt war das hier Thema. :

        https://de.wikipedia.org/wiki/Opritschnina
        –quote
        Bei der Bevölkerung lösten die Opritschniki große Furcht aus, wozu auch bereits ihr Äußeres geeignet war. Sie waren in schwarze Umhänge, ähnlich den Mönchskutten, gekleidet und trugen einen Besen und einen Hundekopf als Insignien. Der Besen symbolisierte den „Reinigungsauftrag“, der Hundekopf galt als Symbol der Wachsamkeit und Unterwürfigkeit, des blinden Gehorsams Zar Iwan IV. gegenüber.

        Davor dominierten die Mongolischen Horden die Szene…

        • cimourdain 12. April 2022, 14:40

          Filmreif unheimlich – geneigte ‚Linienzieher‘ könnten von dort eine Tradition gruseliger Geheimdienste über die Sonder-Prikazy (z.B. zur Verfolgung der Dekabristen) und die Ochrana bis zu Tscheka, GPU, KGB und FSB ziehen.

  • CitizenK 11. April 2022, 17:02

    Mit Interesse und Gewinn gehört. Danke.

    Wozu ich gern noch etwas erfahren hätte: Fühlen sich die Russen (bzw. ihre Elite) wirklich bedroht (als subjektive „Wahrheit“) oder ist das nur ein Vorwand zur Rechtfertigung?

  • Dennis 12. April 2022, 21:48

    Ja, sehr instruktiv, der podcast – vielen Dank dafür. Hab such ganz brav von der ersten bis zur letzten Minute zugehört.

    Rapallo wurde kurz erwähnt. Passt auch deswegen gut, weil es exakt in diesen Tagen 100-Jahr-Feiern geben könnte, wird aber vermutlich eher vermieden^.

    Es dreht sich ja im Podcast viel um die allzeit verdächtige SPD mit ihrem Ost-Schmuddelimage momentan, indes – und das kam, glaub ich, nicht so heraus, oder ich hab nicht richtig zugehört – ist es so, dass es sich bei diesem berüchtigten R-Vertrag damals eindeutig um ein „Projekt“ der politischen Rechten handelte. Die SPD stand lediglich daneben und hat zähneknirschend zugeguckt.

    Auf russischer/sowjetischer Seite war der seltsame Wanderer zwischen den Welten und Salonbolschewist Karl Radek (ursprünglich aus k.u.k-Lemberg) aktiv bzw. in deren Diensten, der sich insbesondere prächtig mit dem stramm-rechten General von Seeckt verstand, für den Rapallo eine Herzensangelegenheit war. Lag alles sehr, sehr quer zum ideologisch Erwartbaren.

    Der Jubel jedenfalls war bei der politischen Rechten groß, die SPD und namentlich Ebert hielten sich sehr bedeckt und bedenklich, zumal Typen wie Radek natürlich bei der damaligen SPD verhaßt waren. Der wurde dann später von Stalin ins Arbeitslager geworfen und ist dort gestorben, vermutlich ermordet.

    Deutscherseits war der Reichskanzler Wirth, federführend, dem vor allem daran gelegen war, dass Polen möglichst von der Bildfläche wieder verschwindet; und der wiederum (gestorben 1956) wurde nach ’45 dann ganz logisch in der CDU einer der nationalistischen Kritiker Adenauers von rechts (davon gab es gar nicht so wenige), obschon sozialpolitisch eher links blinkend; sehr kompliziert^. Wurde natürlich von Adenauer kalt abgefertigt.

    Mit der SPD hatte das alles wenig bis nichts zu tun. Russland-Kitsch ist in der SPD (historisch MSPD) ein ziemlich neues Ding, eigentlich erst post-Schmidtianisch so ab den 80ern allmählich entstanden.

    • Stefan Sasse 13. April 2022, 09:39

      Nein, wir haben Rapallo nur kurz erwähnt. Weimar würde sicherlich seine ganz eigene Aufmerksamkeit verdienen, und wie du schon richtig schreibst, sieht man sehr gut, dass hier ein Russland-Hufeisen existiert. Das gibt es ja mit LINKE und AfD bis heute.

      Die SPD der 1920er Jahre war sehr russlandfeindlich, schon allein, weil das in der SPD lange Tradition ist (Bebel: „Wenn es gegen Russland geht, nehme selbst ich die Flinte nochmal in die Hand“). Das ändert sich eigentlich erst mit der Ostpolitik, da dann aber nachhaltig.

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