Die Mär vom Wirtschaftswunder

Jeder Staat hat seinen Gründungsmythos. Das Deutsche Reich hatte Sedan, die Weimarer Republik den Versailler Vertrag und die Revolution von 1918/19, Frankreich die Französische Revolution, England die Glorious Revolution, die USA den Unabhängigkeitskrieg. Die UdSSR hatte die Oktoberrevolution, China hat den Langen Marsch, Vietnam den Krieg gegen Frankreich und Israel den Krieg von 1948, den es mit Palästina als Gründungsmythos teilt. Die obige Aufzählung zeigt, dass Gründungsmythen nicht immer, aber doch meist positiv sind. Was die obige Darstellung noch nicht zeigt, was aber kurz skizziert werden soll, ist, dass diese Gründungsmythen historisch nie haltbar sind und stark eine bestimmte Deutung forcieren, die wichtige Tatsachen unter den Tisch fallen lässt. Sedan ist hier noch am Ehrlichsten; die gewonnene Schlacht gegen die Franzosen und anschließend die Ausrufung des Reiches im Spiegelsaal von Versailles sind faktisch belegte Ereignisse; freilich unterscheidet sich ihre Interpretation.

Mythen

Der „Sturm auf die Bastille“, wie er sicher nicht stattfand

Die Weimarer Republik wurde Zeit ihrer Existenz von der Dolchstoßlegende geplagt, die ihr negativer Gründungsmythos war – Versailles hing ihr wie ein Klotz am Bein, und nie konnte sich eine halbwegs objektive Deutung der Geschehnisse durchsetzen, was wie kein anderes Beispiel die Wichtigkeit einer fundierten historischen Wissenschaft zeigt, die Mythen dekonstruiert. Die Französische Revolution ist ebenfalls vergleichsweise “ehrlich”, obgleich der identifikationsstiftende Sturm auf die Bastille nie stattgefunden hat; er ist eine spätere Legende. Die Blutbäder, zu denen die Revolution später geriet, werden dagegen kaum unter den Tisch gekehrt. Englands Glorious Revolution wird gerne als Befreiungsakt des Volkes dargestellt, doch kann davon keine Rede sein: es ist die (adelige) Oberschicht, die hier gegen den König aufbegehrt und ihm Privilegien abtrotzt, die sie Jahrhunderte später in einem zähen und letztlich vergeblichen Abwehrkampf gegen das Volk verlieren wird. Die Amerikaner unterstützen die Unabhängigkeitsbewegung keinesfalls so einheitlich, wie das heute gerne dargestellt wird, tatsächlich waren kaum ein Drittel von ihnen Unabhängigkeitsbefürworter.

Auch weiß man heute, dass es mit der “Unterdrückung” durch England nicht sonderlich weit her war. Sowohl beim Langen Marsch als auch bei der Oktoberrevolution werden die zahllosen Opfer gerne unter den Tisch gekehrt; die Oktoberrevolution weiß außerdem mit dem “Sturm auf das Winterpalais” von St. Petersburg noch eine Bastille-Heldengeschichte aufzufahren, die so nie stattfand. Israels und Palästinas Gründungsmythos hingegen ist vor allem eine Schlacht um die Deutungshoheit über einen Krieg, dessen Ausgang und Verlauf außer Frage stehen. Nationalmythen gibt es überall, und oft steckt ein Körnchen Wahrheit und viel Klischee dahinter, das einen politischen Zweck erfüllt – den Bürgern ein Stück Identifikation und Vorbild zu bieten. Manche Mythen leisten diese Aufgabe besser als andere. Wir haben den Mythos vom Wirtschaftswunder.

Mythos Wirtschaftswunder

Der vergoldete millionste Käfer, Sinnbild

Zu Beginn der Auseinandersetzung soll der Mythos zuerst kurz beschrieben werden, wie er stets präsentiert wird: Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 lag Deutschland in Schutt und Asche. Die Menschen hausten in Ruinen, die Fabriken waren zerstört. Die „historische Uhr“ springt jetzt sofort auf 1948 um, die Jahre dazwischen finden im Allgemeinen nicht statt. Es kommt die Berlinblockade; der böse Russe zeigt sein wahres Gesicht, während der Amerikaner uns rettet und Schokolade an Minifallschirmen für Kinder abwirft. Dann kommen Marshallplan, die D-Mark, Erhard gibt die Wirtschaft frei und mit einem Schlag beginnt das Wirtschaftswunder. Es gibt viel zu kaufen, gleichzeitig hat man Geld, und die Wirtschaft brummt. Die Menschen verdienen Geld, fahren in Urlaub, und die BRD entwickelt sich rasant zum Konsumparadies. Das Wirtschaftswunder endet in den späten 1960er Jahren, passend zur Regierungsbeteiligung der SPD.

Warum nun ist das Wirtschaftswunder der Nationalmythos der Deutschen? Unter den oben präsentierten Nationalmythen sticht es heraus, denn es ist ein wirtschaftlicher, kein politischer Mythos. Kein Krieg, der gewonnen wurde, kein König, der gestürzt wurde. Das ist ungewöhnlich und es prägt die BRD noch heute auf vielfältige Art und Weise.

  • Zum einen besagt der Mythos, dass das Wirtschaftswunder massiv dadurch begünstigt wurde, dass sich der Staat heraushielt – Erhard gab entgegen dem Willen der Briten durch die Preise die Wirtschaft frei. Dieses Ressentiment gegen staatliche Steuerung kann auf der Klaviatur deutscher Gefühle ungeheuer leicht aktiviert werden.
  • Zum anderen ist die Hilfe der Amerikaner als Anschubleistung – Stichwort Marshallplan – Bestandteil des Mythos’. Dies war ungeheuer wichtig, um die Freundschaft zwischen Deutschland und den USA zu legitimieren und mit positiven Gefühlen aufzuladen.
  • Zum weiteren beruhen Gründungsmythen auf der Wirtschaftswunderzeit. Aldi, Lidl, dm – als pars pro toto – entstehen in dieser Zeit. Es ist die deutsche Version vom Tellerwäscher zum Millionär – weniger mit gewitzter Idee als mit eiserner Sparsamkeit und unglaublichem Fleiß zum Erfolg. Sie bestimmt noch heute diese überaus wichtigen Konzerne und damit den Alltag vieler Deutscher, die bei ihnen einkaufen.
  • Ludwig Erhard, 1957

    Ein letzter Punkt ist die fast grenzenlose Verehrung Erhards. Obwohl sich sein Part am Wirtschaftswunder eigentlich in Grenzen hält, wie wir später noch sehen werden, gilt er als wirtschaftlicher Übervater. Wer es heute schafft, sich mit ihm in eine Reihe zu stellen – wie es noch alle aufstrebenden WirtschaftspolitikerInnen getan haben – kann sich breiter Zustimmung fast sicher sein.

All diese Faktoren führen dazu, dass heutige Politik durch gezieltes Spielen auf der Klaviatur deutscher Gefühle mit Anklängen an das Wirtschaftswunder legitimiert werden kann. Man denke nur an Angela Merkels ewige “schwäbische Hausfrau”, eine der wohl dümmsten Metaphern der letzten Jahre. Deswegen ist es wichtig, diesen Mythos zu verstehen, anzuerkennen und zu dekonstruieren.

Das “Wunder” gibt es so eigentlich nicht. Die wirtschaftliche Entwicklung nach 1948 war eine Folge vieler Faktoren, von denen keiner allzu wundersam war. Eigentlich eignet sich die Entwicklung, die damals so viele Zeitgenossen auch und gerade im Ausland überraschte nicht zur mystischen Überhöhung, wie folgende Faktoren verdeutlichen sollen.

Eine Bestandsaufnahme

Offizielles Logo des Marshallplans

Der Marshallplan: Er war hauptsächlich eine Propagandaangelegenheit. Die bezahlten Beträge waren viel zu gering, um eine ernsthafte Wirkung auf die Ökonomie gehabt zu haben, wie ihnen fälschlicherweise oft unterstellt wird. Das heißt nicht, dass der Marshallplan bedeutungslos gewesen wäre. Seine wahre Wirkung lag in der Psychologie begründet: die Amerikaner, die das Schmuddelkind Deutschland unterstützten – damit wurden Absatzmärkte geöffnet. Deutsche Geschäftsleute konnten international verkehren. Außerdem war klar, dass zerstörerische Nachkriegspläne wie der Morgenthau-Plan endgültig vom Tisch waren und die Amerikaner planten, Deutschland in eine westlich-kapitalistisch geprägte Zone einzubeziehen. Die Unsicherheit, Gift für langfristige Investitionen, war vom Tisch. Der Wiederaufbau der Volkswirtschaften Westeuropas, vor allem Frankreichs und Großbritanniens, die dadurch nicht wie in den 1920er Jahren in eine toxische Spirale aus Kriegsschulden und Reparationen gezwungen wurden und stattdessen, anders als nach dem Ersten Weltkrieg, als Absatzmärkte für die deutsche Wirtschaft infrage kamen, spielte ebenfalls eine entscheidende Rolle.

Die Währungsreform: Fester Bestandteil des Mythos vom Wirtschaftswunder ist die Währungsreform von 1948. Das heißt jedoch nicht, dass sie nicht wichtig und bedeutend gewesen wäre. Die deutschen Finanzen waren 1947/48, wie nach dem Ersten Weltkrieg auch, durch eine Hyperinflation völlig zerrüttet (seit 1944 war die Kriegswirtschaft der Nazis eigentlich nur noch,davor zu Teilen, durch die Notenpresse erhalten worden). Wie 1923 kappte die neue Währung (damals Rentenmark, dieses Mal Deutsche Mark) die Altbestände rigoros. In einem egalitären Mythos erhielt jeder Bürger dasselbe Anfangskapital von rund 60 D-Mark, Sparguthaben wurden im Verhältnis 10:1 drastisch abgewertet – im Gegensatz zu Kapitalanlagen, was die Unternehmer deutlich begünstigte und von Anfang an mit einem großen Kapitalstock zum Wiederaufbau ausstattete. Diese Reform war überwiegend von den Amerikanern unter dem Finanzexperten Tennenbaum betrieben worden, wenngleich Erhard es verstand, sich den Ruhm dafür selbst umzuhängen.

Für die CDU auch 1978 noch ein Wahlkampfschlager

Erhards Reformen: Ebenfalls fester Bestandteil des Mythos‘, aber nicht weniger relevant, war Erhards Entschluss von 1948, gegen den ausdrücklichen Willen der Besatzer die Preise freizugeben. Dazu kamen weitere den Wünschen vor allem der Briten entgegengesetzte Wirtschaftsreformen, die die deutsche Wirtschaft klar auf einen kapitalistisch-wettbewerbsorientierten Kurs setzten. Diese Entscheidung sollte sich als ebenso wegweisend wie richtig erweisen.

Die Kriegswirtschaft: Es ist paradox, aber die zerstörerische Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten, die 1944-1947 zum völligen Zusammenbruch der deutschen Finanzen führte, hatte in ihrer expansiven Natur gleichzeitig ein starkes Fundament für den Nachkriegsboom gelegt. Zwar ist korrekt, dass 24% des westdeutschen Maschinenparks durch den Krieg zerstört worden waren. Aber die verbliebenen 76% lagen immer noch deutlich über dem Stand der Friedenswirtschaft von 1936! Zudem waren die im Krieg angeschafften Maschinen alle flexibel nutzbar und auf neuestem technischen Stand, konnten also leicht für die Friedenswirtschaft umgestellt werden. Zudem hatte die Kriegswirtschaft auf der Ausbeutung von Millionen von Zwangsarbeitern und der Extraktion riesiger Milliardenbeträge beruht, so dass viele dieser Investitionen effektiv nicht bezahlt wurden und zusätzlich der zerrütteten Wirtschaft des besetzten Europa aufgebürdet worden waren.

Luftangriff auf das Ruhrgebiet, 1943

Die Kriegszerstörungen: Es klingt banal, aber wenn man sich die Infrastruktur und Wirtschaft auf einer Skala von 0 (nicht vorhanden) bis 100 (perfekt) vorstellt, dann ist der Aufbau von 0 auf 70 leichter als von 95 auf 100, wie jeder weiß, der einmal eine sehr gute Leistung auf eine ausgezeichnete verbessern wollte. Es konnte nach 1945 eigentlich nur noch aufwärts gehen, die Frage war also nur, wie schnell. Das Wettrennen mit der DDR gewann die BRD jedenfalls klar- die Hypothek der sowjetischen Demontagen, harschen Reparationsbelastungen und zerstörerischen Wirtschaftspolitik erwies sich als wesentlich zu groß, um überwunden zu werden. Was jedoch selten bedacht wird ist Folgendes: nicht nur die Gebäude lagen in Schutt und Asche, sondern auch viele Maschinen – in der BRD immerhin 24% des Bestandes. Dazu kamen weitere Demontagen, wenngleich in geringerem Umfang als in der späteren DDR. Als man alles wieder aufbaute, wurden auch neue Maschinen angeschafft – das Neueste, was gerade verfügbar war. Damit verschaffte sich Deutschland schnell eine Führungsposition, paradoxerweise gerade gegenüber Ländern wie England, die von Kriegszerstörungen vergleichsweise verschont geblieben waren, woraus die große Überraschung über die schnelle Erholung – das “Wunder” – denn auch resultierte.

Die Ostgebiete: Zu den eher unerwartet positiven Nebenwirkungen des verlorenen Krieges gehörte, dass Deutschland sämtliche Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie verlor; die neue Bundesrepublik zudem praktisch alles östlich der Elbe Liegende. Der nicht zu unterschätzende Vorteil für die Erholung der westdeutschen Wirtschaft in diesen Verlusten, relativ etwa zur Weimarer Republik, bestand darin, dass die alte ostelbische Elite keinerlei Einfluss in der Politik mehr besaß. Schon im Kaiserreich war der ostelbische Adel ein ständiger Klotz am Bein gewesen, in Weimar nachgerade systemzersetzend. Die Bundesrepublik musste keine parasitäre, reaktionäre mit millionenschweren Subventionen durchfüttern, die jede wirtschaftliche und politische Modernisierung stur blockierte.

Die Reparationen: Anders als in der DDR, die bis 1954 aus einer wesentlich schlechteren Substanz pro Kopf eine Summe von rund 1080 Dollar an Reparations- und Besatzungskosten aufzubringen hatte, betrug diese in den Westzonen gerade einmal rund 150 Dollar. Auf der Londoner Schuldenkonferenz von 1953 wurde zudem die Frage der Vorkriegsschulden für Deutschland extrem vorteilhaft geklärt. Diese angesichts der Verheerungen des Krieges erstaunlich geringe Belastung trug in großem Maß dazu bei, dass die deutsche Wirtschaft wachsen konnte – im Gegensatz zu Weimar, dessen wesentlich schlechtere Ausgangslage durch Reparationen zusätzlich belastet worden war.

Der Fachkräfteboom: Der Krieg hatte außerdem dafür gesorgt, dass alte soziale Schranken niedergerissen worden waren. Der eklatante Fachkräftemangel an allen Fronten, realen wie sprichwörtlichen, hatte vorherige Ausbildungsbeschränkungen und lang verteidigte Besitzstände niedergerissen. Der verbliebene Arbeiterstamm, der bis Ende 1946 größtenteils aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, war daher außerordentlich gut ausgebildet. An vielen Stellen gelang es Unternehmern, selbst wenn sie ihre Kapitalanlagen an Bomben oder Demontagen verloren hatten, dank des Humankapitals schnell wieder aufzusteigen – vorausgesetzt, sie konnten es zusammenhalten. Aus dieser gegenseitigen Abhängigkeit entstand die viel gerühmte „Sozialpartnerschaft“.

Die Sozialpartnerschaft: Bereits 1946 wurden in den Westzonen, noch vor der Gründung von Gewerkschaften, Betriebsräte zugelassen. Diese Innovation sollte nicht unterschätzt werden, denn die Betriebsräte waren, anders als die Gewerkschaften zur Weimarer Zeit, wesentlich enger mit ihren jeweiligen Unternehmen verzahnt. Die Belegschaften identifizierten sich eng mit ihren jeweiligen Unternehmen und, was mindestens ebenso wichtig war, die Unternehmer sich mit ihren Belegschaften. Dadurch entstand eine hohe gegenseitige Loyalität, die zu der außerordentlichen hohen Produktivität der deutschen Facharbeiter wesentlich beitrug.

Keynes in Bretton Woods (rechts)

Bretton Woods: 1944 wurde in der Konferenz von Bretton Woods ein neues Weltwährungssystem beschlossen. Hauptverhandlungspartner waren die Briten und die Amerikaner, von denen Letztere erstmals von ihrem durch den Krieg errungenen Weltmachtstatus Gebrauch machten, den die Briten nicht besaßen. John Maynard Keynes, der die Verhandlungen für die Briten führte, kam mit seinen Vorschlägen kaum durch. Der Dollar wurde goldgedeckte internationale Leitwährung in einem System fester Wechselkurse, der IWF zur Stabilitätssicherung gegründet. Für Deutschland war dieses System ein echter Gewinn: die D-Mark wurde mit 4,80 DM pro Dollar drastisch unterbewertet, wie sich bald zeigen sollte. Diese Unterbewertung war ein Schlüssel im Erlangen des Titels „Exportweltmeister“, der in Deutschland heute noch wie ein Fetisch verehrt wird (obgleich er damals zugegeben noch nicht in Mode war; griffig ist er dennoch). Deutsche Produkte waren auf dem Weltmarkt extrem billig und brachten Devisen ins Land.

Lohnzurückhaltung: Beim Erreichen der astronomischen Exportüberschüsse ist neben der unterbewerteten D-Mark noch ein zweiter Faktor ausschlaggebend, auf den sich auch der heutige Exportboom der Nuller-Jahre stützt: die Lohnzurückhaltung der damaligen Zeit. Die Produktivität stieg deutlich schneller an als die Löhne, die Lohnstückkosten sanken. Die Unternehmer kamen somit schnell an Kapital, das sie dann wieder reinvestieren konnten. Zudem wurden dadurch die deutschen Produkte im internationalen Vergleich noch billiger als durch die generell hohe Produktivität und Effizienz der Wirtschaft und die unterbewertete D-Mark ohnehin bedingten. Dass dabei der deutsche Binnenmarkt ungeheuer schwächelte, ist ein Problem, an dem wir noch heute laborieren.

Koreakrieg

Der Koreakrieg: Das Wirtschaftswunder kam nicht schon 1948 mit der Einführung der D-Mark richtig in Schwung, sondern 1950 mit dem Beginn des Koreakriegs. Die USA, deren brummende Wirtschaft zu dieser Zeit den Weltmarkt beherrschte, mussten erneut ein großes Militärbudget stemmen und waren nicht mehr in der Lage, den Weltmarkt wie vorher zu beliefern. In die so entstandene Lücke sprangen die deutschen Produkte, die ansonsten deutlich schlechtere Chancen gehabt hätten. Auch der amerikanische Binnenmarkt, der zuvor – schon allein den Bedingungen der Kriegswirtschaft wegen – praktisch autark gewesen war, lechzte plötzlich nach Importen.

Die amerikanischen Importzölle: Alle bisher beschriebenen Faktoren, so günstig sie auch sind, hätten den deutschen Exporten nicht zum Durchbruch verholfen, wenn die USA die Wirtschaftspolitik aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg fortgeführt und sich protektionistisch verhalten hätten. Doch die USA senkten ihre Importzölle stark ab, obwohl es dafür keine objektive Veranlassung gab. Sie öffneten damit ihren Markt weit für die europäischen Produkte – und damit vor allem die deutschen. Der gestiegene amerikanische Bedarf an ausländischen Waren bei gleichzeitiger Öffnung ihres Marktes schuf einen Nachfragesog, für den die deutsche Exportwirtschaft prädestiniert war.

Die Kolonien: Aus deutscher Sicht ist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine vom Krieg verschonte. Friedlich möchte man sie nicht reinen Gewissens nennen, wenn man die Geschehnisse jenseits des Eisernen Vorhangs betrachtet, doch Kriege führten weder BRD noch DDR. Sie entsandten nicht einmal Truppen in Krisengebiete ihrer Verbündeten (obwohl sowohl Adenauer als auch Ulbricht und Honecker dies sehr wünschten). Frankreich und England dagegen, die beiden einzigen ernsthaften Konkurrenten Deutschlands in Europa, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in eine Reihe blutiger Auseinandersetzung in ihren Kolonien verwickelt, die sehr zeitaufreibend und teuer waren, Frankreich vor allem in Vietnam und Algerien, Großbritannien in Indien und im Nahen Osten, beide zusammen in Ägypten. Dies eröffnete Deutschland weitere Chancen.

Die EWG: 1952 schlossen die BRD, Frankreich, die BeNeLux-Staaten und Italien den Vertrag über die Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Montanunion genannt. Er gilt allgemein als Vorläufer für die Römischen Verträge von 1957, mit denen die EWG gegründet wurde. Dadurch wurde eine Zone ohne Handelsbarrieren geschaffen – eine weitere unheimliche Begünstigung für die deutschen Exporte. Gleichzeitig wurde das Rechtssystem des internationalen Handels stark vereinfacht. Analog zu der Abschaffung der Handelsbarrieren mit den USA brachte die Montanunion den innereuropäischen Handel in Schwung, vor allem mit Frankreich, der bis heute die Basis des deutschen Außenhandels stellt – immer noch gehen rund zwei Drittel der deutschen Exporte in die Europäische Union.

Gastarbeiter bei VW 1973

Die Gastarbeiter: Auch sie gehörten zum Wirtschaftswunder und korrelierten mit der Lohnzurückhaltung. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Arbeitskräfte schnell knapp, die boomende und damals noch recht personalintensive Wirtschaft brauchte dringend weitere. Deswegen wurden mit diversen Ländern, vor allem Spanien, Portugal, Italien und Griechenland (die Türkei folgte erst wesentlich später) Verträge abgeschlossen, die den reibungslosen Zu- und Abzug der Gastarbeiter regelten. Dadurch standen der Wirtschaft billige und willige Arbeitskräfte zur Verfügung, als sie sie benötigte und die sich später leicht wieder loswerden ließen.

Die Flüchtlinge. Sowohl die Vertriebenen aus den verlorenen deutschen Ostgebieten als auch die Flüchtlinge aus der SBZ/DDR bildeten ein großes Reservoir arbeitswilliger und (besonders im Fall der DDR-Flüchtlinge) qualifizierter Arbeitskräfte, auf das die BRD ohne vorherige Ausbildungskosten zugreifen konnte. Anfang der 1950er Jahre lebten auf dem Gebiet der BRD deutlich mehr Menschen als zu Beginn des Krieges, trotz der Kriegsverluste! Diese Bevölkerungsverdichtung und Urbanisierung erwies sich als gewaltiger Anschub für die Wirtschaft. Die überraschend reibungslose Integration der Flüchtlinge, die in Bayern etwa immerhin 25% der Gesamtbevölkerung ausmachten (!) tat ihr Übriges dazu und stellte einen Triumph staatlicher Umverteilungspolitik dar.

Der Sozialstaat: Besonders in der Zeit bis Ende 1948 gab es in Deutschland große Sympathien für ein sozialistisch orientiertes, planwirtschaftliches System, das auch die Briten favorisierten. Der Aufbau des Sozialstaats sicherte die Bedingungen der entstehenden Marktwirtschaft ab, da er eine erneute Systemkrise wie 1932 unwahrscheinlich erscheinen ließ. Dadurch waren planwirtschaftliche Elemente in Deutschland für die politische Diskussion langfristig vom Tisch. Wie auch die Sozialpartnerschaft diente der Sozialstaat als ungemein systemstabilisierend, was die Kontinuität und Sicherheit des Wirtschaftswachstums flankierend abdeckte.

Fazit

Es war folglich eine ganze Reihe von Gründen, die zu dem großen wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands in den 1950er und 1960er Jahren führte. Doch wie so oft ist der Erfolg von einst das Problem von heute. Die schlechte Binnennachfrage in Deutschland hat zu einer hohen Abhängigkeit vom Export gesorgt, wo der Boom der letzten Jahre nur aufgrund eines unglaublichen Lohndrucks möglich war. Der Fetisch Exportweltmeister, um den in Deutschland gerne wie um das Goldene Kalb getanzt wird, er fußt in der damaligen Zeit und ist integraler Bestandteil des Gründungsmythos Wirtschaftswunder. Die Dekonstruktion des Mythos, all das sei aus eigener Kraft erreicht worden, bestenfalls durch den Anschub des Marshallplans, ist wichtig, um sich der Erkenntnis zu stellen, dass die Bedingungen in der Welt wie in Deutschland heute nicht mehr dieselben sind wie anno 1950 – und dass es andere Rezepte braucht, um Wohlstand zu generieren. Die Stärkung des Binnenmarkts ist wichtig, und diese wird sich nur über Lohnsteigerungen erreichen lassen  – und zulasten einer zunehmend parasitären Exportwirtschaft.

Anmerkung: Dieser Artikel ist eine Überarbeitung des gleichnamigen Geschichtsblog-Artikels von 2010. 

{ 128 comments… add one }
  • Lemmy Caution 28. August 2020, 09:11

    In deiner Liste fehlt
    a) die rasche Integration der Flüchtlinge aus den Ostgebieten. In der bayrischen Variante des Wiederaufbau-Mythos sind die übrigens ziemlich präsent: Nämlich als Leute, die bereit waren neue Wege zu gehen.
    Protagonisten sind hier nicht die Oberschicht als „Ostelbische Junker“ sondern insbesondere die dort auch vorhandene Mittelschicht als Handwerker und Mittelbauern. Meine mütterlichen Großeltern starteten ihr Leben selbst solche Mittelbauern und im Freundeskreis meiner Eltern spielt(e) dies oft eine wichtige Rolle in der persönlichen Biographie.
    Neben aller Rhetorik der Vertriebenenverbände identifizierten sich halt viele dieser Leute sehr schnell mit dem neuen Staat, für den ihre Heimat Ausland war. Die meisten waren keine Innovatoren, sondern verrichteten als vermutlich echt nicht gut bezahlte Arbeiter ihren Dienst bis zur Rente. Sie erhielten Lastenausgleich, der hauptsächlich durch Vermögenssteuern finanziert war. Erstaunlich viele bauten mit dem Geld kleine Häuser.
    Im Falle meiner Mutter-Sippschaft spielte der Zusammenhalt der Familie eine zentrale Rolle. Unglaublich wie viel die sich seit den 50ern gegenseitig zwischen dem nördlichen Nordrhein Westfalen, Würzburg, Frankfurt und Nord-Harz gegenseitig besuchten.
    Der einzige von denen, der sich gemäß dem Klischee als Geschäftsmann versuchte, scheiterte ständig und erwies sich als echt übler Familientyrann.

    • Stefan Sasse 28. August 2020, 09:59

      Guter Punkt.

    • CitizenK 28. August 2020, 18:02

      Entspricht auch meinen Erfahrungen (Nord-Württemberg). Vielleicht sollte man aber noch erwähnen, dass der kleine wirtschaftliche Erfolg der Vertriebenen durch Familienzusammenhalt auch Neid und Missgunst mit sich brachte und Witze, die ich nicht zitieren möchte.

    • CitizenK 28. August 2020, 18:43

      Noch eine Ergänzung: Der Übergang gelang nicht ohne planwirtschaftliche Elemente. Voraussetzung für die Integration der Flüchtlinge war auch die Wohnraumbewirtschaftung (im kleinen Häuschen meiner Eltern waren zwei Flüchtlingsfamilien zwangsweise einquartiert) und der Lastenausgleich.

      • Ariane 29. August 2020, 03:43

        Jep, gerade Wohnraum war ein massives Problem. Da kamen die Zerstörungen und der Bevölkerungszuwachs der Vertriebenen zusammen. Hat glaub ich bis in die 50er selbst im Westen gedauert, bis man das gelöst hatte (und dann oft noch mit Bad im Flur und ähnlichem)

        Würde auch noch ergänzen, dass das gerade für die ländlichen Gebiete ein enormer Booster war. Da gab es durch die Bauern oft genug zu Essen und Platz und wenig Zerstörungen, deswegen wurden die Vertriebenen oft da angesiedelt (die Städte waren damals ja auch am Hungern) War in meiner Heimatstadt ähnlich, während der NS-Zeit war da recht wenig los, aber viele Vertriebene wurden auch da angesiedelt.

        Und das hab ich neulich in einer Reportage vom NDR glaub ich gelesen, die Bauern haben damals oft einen wahnsinnigen Reibach gemacht, weil zb sehr viele aus dem Ruhrgebiet mit ihrem halben Besitzstand nach Niedersachsen über die Dörfer gezogen sind, um Essen zu besorgen.

        Was ich von meiner Vater-Sippschaft (auch Sudetendeutsche) weiß ist, dass die je nach Dorf oft verteilt wurden. Meine Vorfahren kamen zb aus einer sudetendeutschen Ortschaft, die für ihre Glasfabrik (oder so) berühmt war, das war damals ja oft noch ganz spezialisiert. Dadurch hatte man dann oft auch gleich spezialisierte Facharbeiter auf einem Haufen

        • Stefan Sasse 29. August 2020, 09:01

          „Selbst im Westen“, du bist gut. In der DDR hatten sie das Wohnraumproblem bis 1989 nicht gelöst.

          • Ariane 29. August 2020, 23:39

            Ja, das war jetzt mehr auf den Mythos bezogen, dass im Westen direkt in den 50ern der Wohlstand ausbrach, das hat auch da länger gedauert.

  • Lemmy Caution 28. August 2020, 09:24

    b) DDR-Flüchtlinge
    Unter der Gruppe finden sich die dem Klischee entsprechenden Wirtschaftswunder-Existenzen.
    Aus dem Freundeskreis meiner Eltern und Eltern von Mitschülern kenne ich vier Personen, die nach Studium in der DDR und Flucht beruflich extrem erfolgreich waren. Die wurden in den 60ern und 7oern zu hohen Managern von größeren Unternehmen oder gründeten selbst rentable Kleinunternehmen.
    Möglicherweise existierte eine Disposition dieser Gruppe, den Zeitgeist von freier Marktwirtschaft und Kaltem Krieg besonders bereitwillig in der eigenen Lebensführung umzusetzen.

  • TBeermann 28. August 2020, 09:30

    Ich würde sogar noch weitergehen. Die Idee des Wirtschaftswunders enthält die Vorstellung, eines singulären Ereignisses, aber praktisch im gesamten Westen kam es in dieser Zeit zu einer vergleichbaren Entwicklung.

    Dazu kommt, wie du schon geschrieben hast, dass die zerstörten Produktionsmittel eigentlich überschaubar waren. Wohngebiete (vor allem im städtischen Bereich) und Infrastruktur waren deutlich schwerer betroffen, aber sobald die Transportinfrastruktur wieder funktionierte, konnten viele Betriebe die Produktion auch wieder hochfahren,

    Wichtig wäre auch, dass es mitnichten einen Neustart gab. Es waren nach dem Krieg im Großen und Ganzen die gleichen Akteure (abzüglich der „arisierten“ jüdischen Inhaber), die vor dem Krieg schon das Geschehen bestimmten (und für ihre Handlungen in der NS-Zeit nie zur Rechenschaft gezogen wurden).

    • Stefan Sasse 28. August 2020, 10:00

      Korrekt.

    • Ariane 29. August 2020, 03:25

      Jep. Da war vieles erhalten geblieben. Conti hat auch gerade erst seine NS-Geschichte aufarbeiten lassen (ist ja gut, dass sie das machen, aber das ist halt alles 70 Jahre zu spät)

      https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Studie-Conti-war-Rueckgrat-der-NS-Wirtschaft,continental696.html

      • TBeermann 29. August 2020, 09:21

        Das ist ein wichtiger Baustein, aber gerade diese Nicht-Sehen-Wollen macht in meinen Augen einen großen Teil des Mythos aus. Da liefen viele „Wirtschaftskapitäne“ mit Bundesverdienstkreuz un Co durch die Welt, die teilweise den Aufstieg der Nazis mit-finanziert hatten oder mindestens fleißig jüdische Betriebe arisierten. (Abgesehen davon, dass sie eben nicht von Null durch eigenen Brillanz alles neu aufbauten, sondern überwiegend auf viele Jahre, wenn nicht Generationen, mit dem entsprechenden Vermögen, Kontakten etc. aufwarten konnten).

        • Ariane 29. August 2020, 23:55

          Ich würde eventuell sogar noch einen Schritt weitergehen und denke, dass gerade dieses finanzielle Profitieren durch die NS-Zeit (und v.a. der Judenverfolgung) direkt mit dem Wirtschaftsmythos kollidiert, siehe das ewige Streiten um Entschädigungen der Zwangsarbeiter! Dieser Versuch der Bahlsen-Erbin einen Schindler-Mythos zu konstruieren, auch dieser Kunsthändler.

          Das passt auch zu Stefans vorherigem Artikel zu Widerstandsfilmen, in ganz vielen Organisationen, Firmen etc. wird dieser Mythos gepflegt, DIE wären rein vom Nationalsozialismus geblieben. Das ist glaub ich auch ein richtiger Generationenclash, man denke an die Wehrmachtausstellung, die Aufarbeitung der NS-Zeit im Außenministerium (von Rot-Grün übrigens beauftragt) etc.

          Und jedes Mal schwingt so eine Überraschung mit, dass xyz in Nazi-Verbrechen verstrickt war. Ja natürlich! Genau das ist die kollektive Schuld und Verantwortung, da gab es keine unschuldigen Flecken. Auch nicht bei meinen Vorfahren, die waren halt (glücklicherweise) zu arm und unbedeutend und hatten weder Möglichkeiten, Widerstand zu leisten noch sich großartig schuldig zu machen (soweit ich weiß jedenfalls).

          Und hier ist oft ein Clash, dass man von den Nazis auch profitiert hat, wenn man gerade kein KZ beaufsichtigt hat oder ähnliches. Das ist ja sehr ähnlich zur angloamerikanischen Debatte über die Kolonialzeit oder Sklaverei. Wie nimmt man eine Schuld an, ohne dass es mit einer persönlichen Schuld verbunden ist.

          Und nur weil andere Nationen das noch schlechter machen, heißt es nicht, dass es in Deutschland gut lief oder heute gut läuft. Man sieht ja gerade, wie brüchig der Konsens in dieser Frage ist.

          • TBeermann 30. August 2020, 09:22

            Auch wenn ich ihn sonst eher kritisch sehe, aber mit „Hitlers Volksstaat“ hat Götz Aly eine gute Übersicht veröffentlicht, wie sehr auch der Normalbürger vom Holocaust und vom Krieg profitierte – von Wohnungen der Verschleppten über Hausrat bis zu den „Schlepperlassen“, mit denen geregelt wurde, wie viel Ware die deutschen Soldaten bei Heimfahren aus den besetzten Gebieten mitnehmen durften (die zahlreichen Pakete Richtung Reich kamen dazu.)

            Was auch wichtig ist: Anhand vieler Originalquellen dokumentiert er auch, dass die Leute absolut wussten, wo diese Dinge herkamen.

          • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:26

            Du konntest kein großes Unternehmen im Dritten Reich sein und sauber bleiben, genauso wie du nicht in der Wehrmacht dienen und sauber bleiben konntest. Vebrecherische Regime wie die NS-Diktatur korrumpieren alles.

  • Hias 28. August 2020, 09:51

    Gute Übersicht und größtenteils Zustimmung.

    Für Bayern spielen ja die Sudetendeutschen eine enorm wichtige Rolle. Da die sudetendeutschen Gebiete stark industrialisiert waren, waren dies vor allem Facharbeiter, die dem noch stark landwirtschaftlich geprägten Bayern einen wichtigen Schub zur Industrialisierung gaben.

    Ein zweiter Punkt ist die Verlagerung von Firmen und Maschinen/Anlagen in den Westen. Siemens, Audi, Osram, AEG z.B. waren eigentlich Berliner Unternehmen, die in den Westen flohen und dabei auch einiges an Anlagen mitnahmen. Übrigens auch ein Grund, warum die Berliner Wirtschaft heute so schwach ist. Da fehlen die Unternehmen, die 1944-1948 geflohen sind.

    • cimourdain 28. August 2020, 15:00

      Das ist von Region zu Region sehr unterschiedlich gewesen. Facharbeiter sind in die Peripherie der Industriezentren Mittel- und Südbayerns gezogen. In der Oberpfalz oder Oberfranken waren die Flüchtlinge vor allem Niedriglohnempfänger, die zum Teil in Verlagssystem-Heimarbeit gearbeitet haben.

  • Marc 28. August 2020, 10:13

    Es ist doch eine sehr schöne Blaupause, wie man eine ökonomische Krise meistern kann. Ich würde es auf die kurze Formel Schuldenentlastung + wirtschaftliche Gestaltungsfreiräume eindampfen. Wir sind aber ein schlechter Schüler. Während der Euro-Krise haben wir den Krisenländern exakt das Gegenteil als Rezept verabreicht. Siehe da, es gab auch kein Euro-Wunder.

    – und dass es andere Rezepte braucht, um Wohlstand zu generieren.

    Vor allem benötigen wir zumindest europaweit einen New Green Deal. Außer wir hassen unsere Kinder und sie sollen für uns mit einen Siechtum auf einem Wüstenplaneten büßen.

  • Jens Happel 28. August 2020, 13:33

    Sehr schöner Artikel. Was du über „Die Ostgebiete“ geschrieben hast, wusste ich bislang nicht.

    wo der Boom der letzten Jahre nur aufgrund eines unglaublichen Lohndrucks möglich war

    Das stimmt ist aber nur ein Teil der Wahrheit. Das Problem ist gleichermaßen der Euro. Da wir hier mit den noch schwächeren Südländern zusammengebunden sind, wird die Aufwertung verhindert. So haben wir zur Zeit die Situation, dass der Euro für uns zu schwach ist und für den Süden zu stark.

    Eine Aufwertung würde den Lohndruck zumindest tweilweise kompensieren, da die Importpreise für Konsum sinken und so der Lohnabhängige trotz Lohnverzicht ein Stück weit mehr bekommt. Paradebeispiel ist der Urlaub im Süden.

    Gruß Jens

    • Stefan Sasse 28. August 2020, 14:47

      Klar, das war auch mehr ein Abschlusskommentar als eine Analyse, die den Umfang des Artikels deutlich spränge.

      • Jens Happel 28. August 2020, 16:44

        Ich wollte nur Klugscheißen! 😉

        Wirklich sehr guter Artikel!

        Und beim new green Deal wäre ich dabei. Schulden für Investitionen in eine sichere saubere Energie für die Zukunft sowie Moderniesierung des gesamten Verkehrswesen, würde die Umwelt vebesseren, Innovation schaffen und den Binnenmarkt stärken. Außerdem muss mehr für Bildung und Forschung getan werden.

        Wenn wir dann noch sinvvollere Regeln für den Euro fänden, wäre Europa zumnindest wirtschaftlich gut aufgestellt.

  • R.A. 28. August 2020, 14:28

    Auch hier würde ich sagen, daß die Überschrift nicht wirklich paßt.
    Du hast das Wirtschaftswunder und die Gründe dafür beschrieben – aber eine „Mär“ war es eben nicht, sondern historische Realität.

    Denn das mit dem „Wunder“ bezieht sich ja auf Erfolg vs. Erwartungshaltung und behauptet nicht, das Wunder wäre ohne Zutun der Beteiligten vom Himmel gefallen.
    Falls Schalke nächstes Jahr die Meisterschaft gewinnt wäre das auch so etwas wie ein Wunder. Weil es keiner vorher geglaubt hat. Und das würde nicht negiert dadurch daß man aufzählt, daß gute Spieler in der Mannschaft sind, daß der Trainer ein glückliches Händchen hatte und daß der Trainingsplan gut war.

    Natürlich war zu erwarten, daß Deutschland nicht so zerstört bleiben würde wie 1945 und daß es besser werden würde. Nach jedem Krieg gibt es einen Wiederaufbau und eine Besserung. Das „Wunder“ bezieht sich auf die Geschwindigkeit und das Ausmaß. Es wurde eben nicht nur „von 0 auf 70“ geschafft, während andere „von 95 auf 100“ schafften. Sondern es ging von „40 auf 110“, während andere „von 70 auf 100“ nicht hingekriegt haben.

    Nicht umsonst ist der Begriff ja gar nicht in Deutschland entstanden, sondern in England. Der Vergleichsmaßstab war natürlich auch nicht die DDR, sondern andere westliche Staaten, insbesondere auch die Siegermacht England.

    Das relativiert auch einige der von Dir aufgeführten Faktoren. Andere europäische Länder haben um Größenordnungen mehr Marshallplan-Gelder bekommen. Auch andere Länder haben Gastarbeiter angeworben oder hätten dies tun können. Es ist gut, moderne Maschinen hinzustellen, wenn die alten zerstört sind – aber es ist noch leichter, moderne Maschinen hinzustellen wenn die alten eben nur alt sind. Auch der Koreakrieg und die US-Import-Politik begünstigte alle Vergleichsländer genauso. Niedrige Reparationen zu zahlen war gut für Deutschland, aber Reparationen zu erhalten war noch besser für Frankreich und andere.

    Insofern: Ziemlich alle von Dir dargestellten Faktoren sind richtig. Aber eben kein Beleg dafür, daß man nicht von einem „Wunder“ sprechen könnte.

    Ansonsten: Exportüberschüsse sind kein Fetisch, sondern für ein Land wie Deutschland schlicht eine Lebensnotwendigkeit, da wir auf Rohstoffzukäufe angewiesen sind, viel Geld für Auslandsurlaube ausgeben wollen und notorisch schlecht sind mit Auslandsinvestitionen Geld zu verdienen (das machen die USA und UK viel besser, aber die haben halt auch nicht die deutschen Vorurteile gegen die Finanzwirtschaft).

    Aus der Geschichte des Wirtschaftswunders läßt sich deswegen auch Null Komma Nichts herleiten für die These, man müsse heute die Löhne in Deutschland steigern und die Binnennachfrage erhöhen.

    • Stefan Sasse 28. August 2020, 14:48

      Nein, ich bleibe bei meinem Punkt. Es ist nichts wundersames daran. Die Anfangsvorteile für das volkswirtschaftliche Wachstum waren enorm und werden in der deutschen Selbstbestätigung nur allzu gerne vergessen.

      • Dennis 28. August 2020, 16:16

        Zitat Stefan Sasse:
        „Nein, ich bleibe bei meinem Punkt. Es ist nichts wundersames daran.“

        Das stimmt durchaus. Darauf hat Erhard übrigens auch immer hingewiesen. Er hat den Begriff „Wirtschaftswunder“ mit genau diesem Argument abgelehnt, auch öffentlich. Er hat im Übrigen auch nicht behauptet „ich war’s“. Solche personenkultische Überhöhungen kamen von anderen – der übliche Politquatsch halt.

        Der Begriff ist ja auch sozusagen volkstümlich und bezeichnet nicht ein tatsächliches Wunder, wie man das z.B. aus der Bibel kennt, sondern heißt soviel wie „sozusagen wie ein Wunder“ und das ist durchaus plausibel. Das was da in einem historisch eigentlich ultra-kurzen Zeitraum von 10-15 Jahren nach 45 ökonomisch sich so ereignet hat, war schon erstaunlich; grenzte fast an ein Wunder^.

        Tatsächlich war es natürlich so, dass zahlreiche günstige Umstände zusammen flossen, was ja auch der Tenor deines Beitrages ist, der das ja alles sehr gut und faktenreich referiert. Es gab keine größeren Störungen oder Kaputtmacher. Die kamen grundlegend ab ca. Mitte 70er. Ab da war die Veranstaltung im Grunde beendet 🙁

        Und klar, es ist schon darauf hingewiesen worden: In anderen Ländern gab’s gleichzeitig auch Wunder (die Franzosen sprechen allerdings vom Ruhm^: Les Trente Glorieuses, also ca. 45-75). Die vermutete Genialität der „sozialen Marktwirtschaft“ alleine kann’s also nicht gewesen sein^. Macmillan in UK hat mit dem auch heute noch auf der Insel bekannten Spruch „most of our people have never had it so good“ anno ’59 mit Pauken und Trompeten die Wahl gewonnen.

        • Stefan Sasse 28. August 2020, 16:34

          Ja, deswegen habe ich auf die Reihe der Faktoren hingewiesen.
          Großbritannien ist in vielfacher Weise einen Sonderweg gefahren. Besonders gut bekommen ist ihm das nicht.

        • Ariane 29. August 2020, 23:59

          Jep, das ist ja Kern eines Mythos und es hat ja auch gewirkt, es war wirklich etwas verbindendes, identitätsstiftendes.

          Und das war wie du auch sagst, ein großer Vorteil bis in die 68er/70er hinein. Die Gesellschaft war da ziemlich im Gleichklang, gerade während die anderen Nationen außen- und innenpolitisch schwer gefordert waren und überall Konflikte zu bewältigen hatten. Das kollektive Trauma der Deutschen und die Verdrängung eben auch, hatten sozusagen auch die Ruhe, die Erfolge zu erzielen.

      • R.A. 29. August 2020, 12:27

        „Die Anfangsvorteile für das volkswirtschaftliche Wachstum waren enorm“
        Das ist schlicht falsch.
        Die Nachteile waren nicht so groß, wie die Optik der zerstörten Städte suggerierte. Aber in Summe stand Deutschland 1945 natürlich deutlich schlechter da als die Vergleichsstaaten.
        Und bis auf den Faktor „Kolonien“ waren auch die nach der Anfangssituation sich ergebenden Faktoren für alle gleich oder für Deutschland ungünstig.

        Bis auf die rein Deutschland-internen Faktoren, wie etwa die Sozialpartnerschaft. Aber das waren eben die Gründe, warum die Deutschen das Wunder trotz der schlechten Ausgangsvorausetzungen geschafft haben.

    • Jens Happel 28. August 2020, 16:48

      Ansonsten: Exportüberschüsse sind kein Fetisch, sondern für ein Land wie Deutschland schlicht eine Lebensnotwendigkeit, da wir auf Rohstoffzukäufe angewiesen sind, viel Geld für Auslandsurlaube ausgeben wollen

      Nein, dafür braucht man „nur“ Exporte. Wenn man das Geld, dann für Importe von Rohstoffen und Urlaube ausgibt, sollte die Leistungsbilanz wieder ausgegelichen sein. Ansonsten gibt man ständig dem Ausland ein Darlehn. Überschüsse sind kurzfristig ok, mittelfristig sollten die sich ausgleichen.

      • R.A. 29. August 2020, 12:23

        „dafür braucht man „nur“ Exporte. “
        Exporte alleine reichen nicht, man braucht Exportüberschüsse. Und zwar angesichts der vielen Geldflüsse ins Ausland sehr große.

        Ob man darüber hinaus auch Leistungsbilanzüberschüsse braucht kann man diskutieren. Die sind nützlich, um Vermögen aufzubauen. Aber natürlich reicht eine ausgeglichen Leistungsbilanz.

        Aber wie gesagt: Bei den Exporten (und nur um die ging es) sind erhebliche Überschüsse nötig.

  • cimourdain 28. August 2020, 14:59

    Sehr gute Übersicht, an der ich schön sehe, dass es in der Geschichte nie den einen Grund für eine Entwicklung gibt. Deshalb habe ich noch ein paar Puzzlesteine, die gut in deine Gesamtschau passen:

    Zu Flüchtlingen aus ‚Ostgebieten‘ und DDR hat Lemmy Caution alles gesagt. Guter Punkt.

    Zuverlässig funktionierende öffentliche Infrastruktur (Post, Bahn), die zu einem Gutteil bereits während der Besatzungszeit wiederaufgebaut wurde.

    Der Klüngel des Rheinischen Kapitalismus (Beispiel Adenauer – Abs), der durch die Verzahnung von Politik, Banken und Industrie den Unternehmern, die sich daran beteiligt haben, Protektion (und auch Skandalvertuschung), Finanzierungssicherheit und Kartellabsprachen (Das Kartellgesetz trat erst 1958 auf harten US-Druck in Kraft) gewährt hatte.

    Nachbemerkung, weil du ausführlich Gründungsmythen besprochen hast: Geht es nur mir so, oder verzichtet das moderne China auffällig0 auf so einen historischen Bezugspunkt. Obwohl sie sich gerne auf die historische Tradition allgemein berufen (5000 Jahre), liegt da weder auf der Revolution 1949 noch auf dem ‚Jahrhundert der Demütigung‘ oder den Glanzzeiten der Kaiserreiche ein besonderer Fokus.

    • Stefan Sasse 28. August 2020, 16:09

      Bin kein China-Experte, aber IMHO beziehen die sich durchaus auf die lange Geschichte Chinas als Weltmacht und „Reich der Mitte“.

      • cimourdain 29. August 2020, 08:42

        Genau darauf will ich raus. Sie beziehen sich auf eine Kontinuität, aber nicht auf ein Gründungsereignis, das deinen Beispielen (Glorious revolution, Unabhängigkeitskrig, etc) entsprechen würde. Allein, dass der 100te Jahrestag der Ausrufung der Republik (1912) und die Folgeereignisse ( wie z.B. die Bewegung des 4. mai) nicht groß zelebriert wurde, spricht Bände. [Dass in der eurozentrischen Wahrnehmung unserer Medien für solche Themen kein Platz ist, bin ich ja gewohnt]

  • Ralf 28. August 2020, 17:34

    Das “Wunder” gibt es so eigentlich nicht.

    Naja, das Wunder gibt es eigentlich schon. Du argumentierst ein bisschen wie jemand, dem das Wunder des Universums präsentiert wird, mit seinen Sternen, Planeten und Monden, mit Galaxien und schwarzen Löchern, mit Kometen und Meteoren, mit explodierenden Supernovae, Sonnen und Neutronensternen und dem Du anschließend Einsteins, Maxwells und Heisenbergs Gleichungen auf den Tisch haust und sagst „das lässt sich doch alles ohne Wunder erklären“ … 😉

    Tatsächlich ist der Aufstieg der BRD ein großes Wunder gewesen. Wer hätte im Mai 1945 darauf gewettet, dass das Land im Jahre 1965 so aussehen würde, wie es dann tatsächlich aussah? Praktisch jedes andere Land in Europa ist schlechter aus dem Krise des Zweiten Weltkriegs gekommen. Wer die Bilder der damals vollständig zerstörten deutschen Städte vor Augen hat, muss vor Erstaunen erschaudern, dass das am Ende alles so gut für uns geklappt hat. Die Wege zu scheitern sind immer wesentlich zahlreicher als die Wege erfolgreich zu sein. Die BRD hat viel richtig gemacht. Und ja, sicher auch ein günstiges Umfeld gehabt. Aber dass der schnelle Aufstieg so dramatisch war, das Land völlig umkrempelte, ist ein Wunder. Wenn auch ein Wunder, das man in der Retrospektive erklären kann. In der Retrospektive ist jedes Wunder erklärbar. Folglich handelt es sich bei dieser Erklärungsfähigkeit nicht um ein Alleinstellungsmerkmal von „Gründungsmythen“. Und es gibt nun wirklich schädlichere und unehrlichere Nationallegenden als den tatsächlich erfolgten, kraftvollen wirtschaftlichen Wiederaufstieg unseres besiegten, am Boden liegenden Landes.

    • CitizenK 28. August 2020, 18:33

      Richtig ist, es gab keine „Stunde Null“. Die materiellen Zerstörungen der wirtschaftlichen Grundlagen waren geringer als die Trümmer-Bilder vermuten lassen.

      Die mentalen Zerstörungen der Hitlerei haben dann paradoxerweise den Aufstieg vorangetrieben. Desillusionierung, Scham und Schuld wurden verdrängt und durch Arbeit betäubt. Schon Mitte hieß es „Wir sind wieder wer“. Was später, während der „Vergangenheitsbewältigung“, dann zu Recht beklagt wurde.

      • CitizenK 28. August 2020, 18:34

        „Mitte der Fünfzigerjahre“

      • Ralf 28. August 2020, 19:20

        es gab keine „Stunde Null“

        Das ist so, als wenn Du einem Modellbauer erzählst, er habe sein Flugzeug garnicht selber gebaut, weil er die Bäume, von denen das Balsaholz der Flügel stammt, nicht selbst gepflanzt hätte. Die “Stunde Null” meint einen dramatischen Tiefpunkt, nicht den Zustand unmittelbar nach der Schöpfung. Genauso wie das “Wunder” in “Wirtschaftswunder” keine übernatürlichen Geschehnisse meint, sondern einen bemerkenswerten und unerwarteten Aufstieg. Und in dem Sinne hat es sowohl eine “Stunde Null” als auch ein “Wirtschaftswunder” gegeben …

        • Stefan Sasse 28. August 2020, 22:29

          Nein, sorry. Der Mythos der Stunde Null besagt ein Anfangen aller auf dem gleichen extrem niedrigen Niveau. Und das war halt mal hart nicht wahr.

        • GerdHeiner 28. August 2020, 22:32

          Danke Ralf,

          so sehe ich es auch.

          Sasses Artikel ist wie immer eine bemerkenswerte Fleissarbeit, aber dennoch irgendwie dem Thema nicht gerecht.

          Als direkter Nachkriegs-Jahrgang habe ich den Anblick der Trümmerlandschaften in Frankfurt und Mainz noch gut vor Augen,..

          • Stefan Sasse 29. August 2020, 08:59

            Wie gesagt, ich bezweifle nicht die Trümmer, und wie ich schrieb war die Situation für Privatwohnungen verheerend und blieb es auch ein Jahrzehnt lang. Aber die industriellen Maschinenparks waren eben deutlich weniger getroffen.

            • TBeermann 29. August 2020, 09:24

              Was nicht zuletzt daran lag, dass sie deutlich besser vor Angriffen geschützt wurden, als Wohngebiete.

              • CitizenK 29. August 2020, 09:58

                Große Industrieareale konnte man nicht gegen Flächenbombardements „schützen“. Da spielte schon Harris‘ Strategie eine größere Rolle. Die unter der Erde wurden nach Kriegsende nicht mehr genutzt.
                Mir hat man das so erklärt: Briten und Franzosen konfiszierten im Rahmen der Reparationen die (veralteten) Maschinen, worauf die Deutschen dann notgedrungen neuere, modernere nutzten und damit konkurrenzfähiger wurden. Ob das so stimmt?

                • GerdHeiner 29. August 2020, 10:30

                  Zustimmung,
                  Beispiel Opel-Stammwerk in Rüsselsheim, man konnte weder das Werk noch die Stadt „schützen“, beides lag in Schutt und Asche.

                • TBeermann 29. August 2020, 11:11

                  Doch, konnte man tatsächlich sogar recht gut. Anfangs haben die Alliierten noch versucht, gezielt gegen Industrie vorzugehen. Gezielte Bombenabwürfe waren aber nur tagsüber möglich.

                  Nach der Operation Double Strike (17.08.1942) , bei der 60 Flugzeuge von FLAK und deutschen Jägern abgeschossen, 176 Weitere teils schwer beschigt und 600 alliierte Soldaten getötet wurden und ähnlich desaströsen Einsätze is etwa Oktober 1943, ging man zu Flächenbombardements über, die größtenteils auch nachts geflogen wurden. Und die trafen vor allem Wohngebiete, da dort wenig FLAK-Abwehr zu erwarten war und die auch nachts oft beleuchtet waren.

                  Natürlich wurden auch mal Industriebetriebe beschädigt, aber eben nicht überwiegend und die industriellen Strukturen nach Kriegsende waren umfangreicher als vor Kriegsbeginn, wie Stefan richtig geschrieben hat.

                  • CitizenK 29. August 2020, 13:42

                    Du weißt da offenbar Genaueres. Es kommt halt immer wieder die Frage: Warum Wohngebiete und nicht die Industrie – und nicht die Gleise nach Auschwitz?

                    • TBeermann 29. August 2020, 14:26

                      Weil die Industrie (zumindest die kriegswichtigen Betriebe) oft FLAK-Schutz hatten und sich die Alliierten das Ausmaß an Verlusten nicht leisten konnten, militärisch wie innenpolitisch.

                      Auschwitz dürfte für die Westalliierten vor dem D-Day kaum zu erreichen gewesen sein bzw. eventuell etwas früher durch die Eroberung Italiens. Schon Süddeutschland und das (heutige) Ostdeutschland haben die Reichweite der Bomber an ihre Grenzen gebracht.

                      1944 wäre es möglich gewesen, es wurden andere Ziele in der erweiterten Region angegriffen. Da muss man vermutlich schlicht sagen, dass die Alliierten zum einen den Holocaust (im Detail) erst recht spät verstanden und vor allem auch die Örtlichkeiten überblickten und dann auch schlicht andere Prioritäten hatten, nämlich den Krieg so schnell wie möglich zu beenden.

                      Abgesehen davon wäre ein Angriff auf die Bahnlinie symbolisch wichtig gewesen, die Schäden wären aber innerhalb von Tagen, wenn nicht Stunden, wieder repariert gewesen. (Zumal am Spätsommer/Herbst 1944 kaum noch Transporte nach Auschwitze stattfanden, sondern wenn eher von dort in weiter westlich gelegene Konzentrationslager).

                    • Stefan Sasse 29. August 2020, 21:26

                      Unter anderem, weil Gleise praktisch nicht zu treffen waren. Sonst hätten die Alliierten den gesamten und elementar wichtigen deutschen Schienenverkehr lahmgelegt. Die haben es ja nicht mal geschafft, die großen Verschiebebahnhöfe zu erwischen, von solchen Nebengleisen wie denen nach Auschwitz ganz zu schweigen. Davon abgesehen kam Auschwitz erst im Herbst 1944 in Reichweite der alliierten Bomber – da war der Holocaust im Vernichtungslager bereits rum und der Betrieb eingestellt. Selbst wenn sie bombardiert hätten, wäre es vergebens gewesen.

                    • Ariane 30. August 2020, 00:07

                      Die waren extrem unpräzise mit den Bombardements, selbst die Rendsburger Hochbrücke haben sie nicht getroffen, obwohl die ja logischerweise recht exponiert war.

                      Die Flächenbombardements waren da oft mit weniger Risiko und mehr „Effektivität“ dabei.

                    • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:27

                      Deswegen sind die Briten ja auf die Flächenbombardements umgeschwenkt. Das war ja erklärte Taktik.

                  • Stefan Sasse 29. August 2020, 21:21

                    Die RAF bombte nachts, die USAF bombte tagsüber mit „Präzisionsangriffen“.

                • R.A. 29. August 2020, 12:30

                  „Briten und Franzosen konfiszierten im Rahmen der Reparationen die (veralteten) Maschinen, worauf die Deutschen dann notgedrungen neuere, modernere nutzten und damit konkurrenzfähiger wurden.“
                  Das war in Teilbereichen so.
                  Aber es ist natürlich absurd daraus einen speziellen Vorteil für Deutschland zu machen.

                  Wenn die Sieger alte Maschinen haben und die Verlierer gar keine, dann ist das natürlich ein Vorteil für die Sieger. Und wenn dann die Verlierer neue Maschinen kaufen, die Sieger aber (trotz besserer Finanzausstattung) nicht – dann hat das nichts mit „besseren Ausgangsvoraussetzungen“ Deutschlands zu tun.

                • Stefan Sasse 29. August 2020, 21:19

                  Auch. Dass im Gegensatz zu GB oder FR zwangsläufig moderne Maschinen angeschafft werden mussten hat sicher geholfen. Aber die Demontagen waren nur in sehr kleinem Rahmen; die Bombenverluste waren da entscheidender. In der DDR war es andersrum. Die Sowjets haben demontiert wie die Wilden, und viel Neues kam halt auch nicht nach…

              • Stefan Sasse 29. August 2020, 21:18

                Hauptsächlich deswegen, weil die Wohngebiete wesentlich leichter zu treffen waren. Die Genauigkeit war gar nicht hoch genug, um einzelne Gebäude besser zu schützen als andere. Gebäude sind einfach auch wesentlich schneller wieder aufgebaut bzw. ersetzt als der Maschinenpark.

            • Ralf 29. August 2020, 10:24

              Ich bezweifele nicht die Erklärbarkeit des Wirtschaftswunders oder dass Deutschland auch unmittelbar nach dem Krieg noch ein Industrieland war. Ich bezweifele auch nicht, dass Nationallegenden immer auch ein bisschen Mythos, Magie, Übertreibung in die Erzählung mischen.

              Aber ich finde, Du überinterpretierst diese “Stunde Null”- und “Wirtschaftswunder”-Begriffe so dermaßen, dass dann völlig untergeht, wie dramatisch, wie überraschend, wie umfassend der Aufstieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg zur Wirtschaftsmacht war. Und das, obwohl man mit völlig zerstörten Städten anfing, mit Millionen Kriegstoten, mit Millionen Kriegsgefangenen, mit völlig ruinierten Staatsfinanzen, in einem Land, das auch moralisch am Boden war. Zwanzig Jahre später war man eine mächtige, international bewunderte Wirtschaftsnation, die nicht nur die DDR und z.B. Italien im direkten Vergleich meilenweit hinter sich gelassen hatte, sondern auch die Siegerländer wie Frankreich und England. Und ja, das alles kann man in der Retrospektive begründen. Nichts davon ist vom Himmel gefallen. Aber das nimmt dem Wirtschaftswunder nicht das Wunder. Und der Stunde Null nicht die Null. Es schmälert auch nicht den Fleiß und die Leistung der Deutschen nach dem Krieg. Und deshalb halte ich sowohl das Wirtschaftswunder als auch die Stunde Null für weitestgehend historisch. Beispiele für wirkliche Gründungsmythen, die aus ideologischen Gründen an den Haaren herbeigezogen wurden, wären eher so etwas wie die von Dir erwähnte Dolchstoßlegende. Die hat tatsächlich keinerlei Realitätsgehalt, der einer fairen historischen Betrachtung standhält.

              • R.A. 29. August 2020, 12:33

                „Und deshalb halte ich sowohl das Wirtschaftswunder als auch die Stunde Null für weitestgehend historisch.“
                Richtig.
                Man könnte auch sagen: Wenn diese erstaunliche Entwicklung nicht als „Wunder“ bezeichnet werden kann – was denn dann?

                Das „Wunder von Bern“ stellt auch niemand in Frage, obwohl das vergleichsweise unbedeutend war und ein Außenseitersieg im Fußball auch nicht so selten oder unwahrscheinlich ist.

                Mich verwundert schon der linke Eifer, den Deutschen ihr Wirtschaftswunder in Abrede zu stellen. Da kann man schon psychologische Gründe vermuten.

                • Stefan Sasse 29. August 2020, 21:22

                  Ja, ich hasse einfach Deutschland.

                  • Ariane 30. August 2020, 00:08

                    Ach Gottchen, sind wir schon wieder bei linken Landesverrätern? 🙂

                    • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:27

                      Da ist er immer schnell dieser Tage.

                    • Stefan Pietsch 30. August 2020, 09:42

                      Ist jetzt der Stil der Artikelschreiber so runtergekommen, über ihr Publikum zu spotten? Dazu hätte sich der kürzlich verstorbene Michael Spreng (Sprengsatz) niemals hergegeben.

                    • Ariane 30. August 2020, 11:08

                      Sagt derjenige, der gar keinen Kommentar mehr abgeben kann, ohne Leute zu beleidigen und zu verspotten.

                    • Stefan Sasse 30. August 2020, 13:04

                      Leute, lasst doch diese fruchtlose Auseinandersetzung.

                  • TBeermann 30. August 2020, 13:18

                    Nein, weil man ihn nicht so davonkommen lassen kann.

                  • Erwin Gabriel 30. August 2020, 18:18

                    @ Stefan Sasse 29. August 2020, 21:22

                    [Mich verwundert schon der linke Eifer, den Deutschen ihr Wirtschaftswunder in Abrede zu stellen. Da kann man schon psychologische Gründe vermuten.]

                    Da hast Du alles schön analysiert und umfassend beschrieben (danke dafür), und daraus die Schlußfolgerung gezogen, dass das deutsche Wirtschaftswunder kein „Wunder“ war.

                    Dann erklären Dir R.A., Ralf, und der eine oder andere mehr in wohlgesetzten Worten und mit logischen Argumenten, dass man den Begriff „Wunder“ nicht in Abrede stellen braucht, nur weil die Voraussetzungen nicht ganz zu schlimm waren wie gemeinhin angenommen.

                    Worüber letztendlich gestritten wird, ist die Interpretation des Wortes „Wunder“: Ludwig Erhard ist nicht über den Rhein gelaufen, und hat dessen Wasser in Wein verwandelt, das wisen wir alle. Aber die damalige Generation hat aus den damals herrschenden Möglichkeiten etwas gemacht, was damals keiner erwartete, und nicht einmal die Deutschen erhofften. Es brauchte viele Voraussetzungen – die wurden erfüllt. Es gab viele Geschehnisse, die diese Entwicklung hätten verhindern können – sie traten nicht ein.

                    Das kann man Wunder nennen (zumal ähnliche Entwicklungen bei Ländern mit besseren Votraussetzungen nicht eintraten), muss man aber nicht: dennoch halte ich die Argumente von R.A., Ralf, Gerd etc., den Begriff „Wunder“ als Kennzeichnung für die (trotz aller Erklärbarkeit) Besonderheit der Entwicklung stehen zu lassen, für überzeugender.

                    Nun vermutet R.A. an dieser Stelle psychologische Gründe (ich übrigens auch). Und Du reagierst mit

                    Ja, ich hasse einfach Deutschland.

                    und auf Arianes gleichzeitig albernen und überflüssigen Kommentar

                    Ach Gottchen, sind wir schon wieder bei linken Landesverrätern?

                    mit

                    Da ist er immer schnell dieser Tage.?

                    Zum einen war es bei weitem nicht die erste Replik von R.A., sondern es gab eine umfassende Diskussion. Dann kann ich mich nicht daran erinnern, dass Dir je einer „Landesverrat“ unterstellt hat, oder Dich auch nur ansatzweise in die Ecke Linker Landesverräter gerückt hat.

                    Im Gegesatz zu bestimmten Leuten, die hier im Blog Andersdenkenden als Erstreaktion gerne mal pathologischen Grünen- oder Linkenhass unterstellen, war das eine überaus dezente Äußerung von Unverständnis, und das nicht zum Einstieg, sondern als Abschluss einer ausführlichen Diskussion.

                    /

                    • Stefan Sasse 30. August 2020, 19:50

                      Mit dem Wunder: Ich geb euch den Punkt, ist überzeugend argumentiert.

                      Landesverräter bezog sich auf Stefan, nicht auf R.A.

                    • derwaechter 30. August 2020, 20:13

                      1A Analyse von Erwin Gabriel und gute Reaktion von Stefan.
                      Da können andere, die immer das letzte Wort haben müssen und nie einen
                      Deut von ihrer Linie abweichen können sich gerne mal eine Scheibe abschneiden.

                    • Stefan Sasse 30. August 2020, 20:49

                      Danke 😉

              • Dennis 29. August 2020, 13:55

                „Mythos“ is ja begrifflich vieldeutig (geworden; der Begriff hat immerhin schlappe 2000 Jahre plus x auf dem Buckel) und kann IMHO u.a. auch heißen: Ein historisches Ereignis, das es tatsächlich gab, das aber durch symbolhaftes Aufmotzen, Vereinfachen und durch das Weglassen komplexer Zusammenhänge zweckdienlich herausgeputzt wird. Also keine Lüge sondern eine für den täglichen Gebrauch etwas zurechtgeschliffene Tatsächlichkeit, gerne mit poetischer Namensgebung.

                Der Zweck wiederum ist identitätspolitisch – vermutlich so alt wie die Menschheit. So gesehen könnte man das hier besprochene wundersame Geschehen^ schon als ’ne Art Mythos bezeichnen. „Mär“ (die Überschrift bei Stefan; heißt ja eigentlich ausgedacht/erfunden) würde ich allerdings auch verneinen.

              • Stefan Sasse 29. August 2020, 21:20

                Da gebe ich dir durchaus Recht. Mir ging es auch in erster Linie darum, die Idee zu widerlegen, das habe mit dem besonderen Fleiß der Deutschen zu tun.

                • R.A. 30. August 2020, 16:02

                  „Mir ging es auch in erster Linie darum, die Idee zu widerlegen, das habe mit dem besonderen Fleiß der Deutschen zu tun.“
                  Wenn das Deine Aussage sein sollte – warum hast Du das nicht geschrieben?

                  Wobei die Argumentation: „Erstens gab es gar kein Wunder und zweitens lag das Wunder nicht am Fleiß“ nicht wo wirklich überzeugt.

                  Real spielt „Fleiß“ natürlich schon eine Rolle. Nicht weil die Deutschen den genetisch besser drauf hätten, sondern weil sie nach 1945 in einer Notlage waren, in der sie deutlich mehr ranklotzen mußten als in den Vergleichsländern.

      • Stefan Sasse 28. August 2020, 22:28

        Für die Unternehmen: ja. Für die Wohnungen waren die Zerstörungen ziemlich genau so wie sie aussahen.

      • Ariane 29. August 2020, 03:35

        Die mentalen Zerstörungen der Hitlerei haben dann paradoxerweise den Aufstieg vorangetrieben.

        Ich glaube auch, dass das eine Rolle spielte. Auch was den Mythos angeht, es ist ja völlig ungewöhnlich einen wirtschaftlichen Mythos zu haben. (bin auch der Meinung, dass diese Obsession mit Wirtschaft, Schwarze Null, etc damit zusammenhängt)

        Es war ja auch nicht nur Verdrängung durch Arbeit, sondern auch mit Konsum, ein gewisser Rückzug ins Private. Höchst verständlich natürlich, man wollte das alles vergessen und nach so einer Zeit gibt es ja auch einen gewissen Lebenshunger (so wie die Coronavorsichtigen sich alle nach Zusammenkünften sehnen vielleicht)
        Von daher käme psychologische Stunde Null vielleicht besser hin.

        • Erwin Gabriel 1. September 2020, 01:49

          @ Ariane 29. August 2020, 03:35

          Es war ja auch nicht nur Verdrängung durch Arbeit, sondern auch mit Konsum, ein gewisser Rückzug ins Private.

          Ja, Zustimmung; Biedermeier zwei mit viel Wurst, Bier und Volksmusik.

  • Stefan Pietsch 29. August 2020, 12:34

    Wie gehabt erzählst Du Deine eigenen Mythen, wenn es um wirtschaftliche Themen geht. Die Belastungen des Versailler Vertrages wurden in der damaligen Zeit als extrem hoch empfunden, eine Einschätzung, die sich im historischen Ablauf relativiert. Ich hätte Vergleiche erwartet. Oder das Wissen, dass Deutschland gemäß der Schuldenkonferenz von 1953 noch bis in die Neunzigerjahre hinein Schulden der Weimarer Republik tilgte. Günstig ist halt immer relativ.

    Es bleibt auch im Dunkeln, woher Du die Einschätzung hast, Dreiviertel der Industriebestände hätten überlebt. Für deutsche Großkonzerne wie Siemens und AEG galt das nicht, sie verloren ihre wertvollen Güter im Osten. Der größte Konzern, die IG Farben, wurde zuschlagen, die Eigentümer („Kapitaleigner“) saßen auf wertlosen Anteilsscheinen. Etwas mehr als linke Legenden hätte man schon erwartet.

    Der Mythos des Wirtschaftswunders endet mit dem Jahr 1990. Ab da hat dieses Land eine neue Erzählung. Vom Wirtschaftswunder spricht heute kaum noch jemand. Ich z.B., obwohl eher im Bereich Wirtschaft unterwegs, habe in 13 Jahren noch nie auf die Erzählung zurückgegriffen. Ich vermute mal, Deine Einschätzungen stammen von Ulrike Herrmann. Zumindest würde das auf Anhieb einiges erklären bis hin zu dem Punkt, warum Du bei Detailschilderungen nicht die Quellen offenlegst.

    Auch die Weimarer Republik hatte mit vielen Flüchtlingen zu kämpfen, auch nach 1918 verlor Deutschland Teile des Reiches. Die gleichen Umstände, aber nach 1945 andere Ergebnisse. Folglich muss die Politik eine andere gewesen sein.

    Nebenbei: die Gastarbeiter besorgten dem Land schon sehr bald massive Integrationsprobleme, die bis heute wirken. Auch da ist Deine Erzählung schräg, denn anders als die USA holte man nicht Talente, sondern Analphabeten, was vielen Migrationsidealisten bis heute als Blaupause gilt. Der Niedriglohnsektor, oft von Linken gerügt, wird wesentlich aus dem Pool jener gespeist, die nie in diesem Land angekommen sind.

    Die Belastungen von Wirtschaft und Bürgern waren nach 1948 nicht nur sehr gering, Staatsverschuldung gab es keine. Auch die wirtschaftliche Freiheit war groß, Unternehmen ließen sich sehr schnell gründen, der Papierkram blieb überschaubar. All das änderte sich mit der Kanzlerschaft Willy Brandts und besorgten dem Land die ersten veritablen Wirtschaftskrisen, die über die Zeit Brandts hinausdauerten. Und immer, wenn der Staat den wirtschaftlichen Zugriff lockerte wie in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre und nach 2005, erlebte das Land längere Erholungsphasen.

    Wie kommst Du auf die angebliche Binnenmarktschwäche Deutschlands? Weil Gewerkschaften, linke Wissenschaftler und Journalisten das so erzählen? Fakten, nicht Legenden.

    • Stefan Sasse 29. August 2020, 21:24

      Du liest mal wieder nicht genau, sondern haust sofort in die Tasten. Im Artikel steht, dass die 24% Verluste AUF DEM GEBIET DER BRD waren. Dass die Verluste in Ostelbien 100% betrugen ist ja wohl offenkundig.

      Habe Ulrike Herrmann nicht gelesen, deine Vorurteile musst du an dem Punkt leider begraben.

      1918 gab es die Vertreibungen nicht, daher waren die Flüchtlingszahlen wesentlich kleiner.

      Dass du die grundlegende Ökonomie der Gastarbeiter nicht verstehst, ist zwar bezeichnend, aber auch ein wenig erschreckend für jemand, der sich immer damit brüstet, Personalverantwortung zu tragen.

      Ja, sobald die Sozen regieren, geht’s abwärts. So ist das in Deutschland. Zumindest wenn man blind ideologisch argumentiert wie du.

      • Stefan Pietsch 29. August 2020, 22:55

        Ich habe Herrmann gelesen. Trotzdem wird mir politische Blindheit vorgeworfen.

        „Ökonomie der Gastarbeiter“? Ich habe den Begriff gegoggelt und nichts gefunden. Könntest Du in Bezug zu meinem Absatz erklären, was Du damit meinst? Die Analphabetenrate der Gastarbeiter war signifikant höher als die der aufnehmenden Gesellschaft. Bis heute ist der Anteil der Analphabeten unter denjenigen mit türkischem Migrationshintergrund höher als derjenigen ohne Migrationshintergrund und das Bildungsniveau in diesem Bereich ist ebenfalls niedriger. Bitte etwas detaillierter, wenn Du mich widerlegen willst.

        • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:20

          In Deutschland herrschte zu der Zeit ein massiver Arbeitskräftemangel. Der war eines der Haupthindernisse für schnelles Wachstum. Die Gastarbeiter beseitigten diesen Mangel. Dass die Gewerkschaften damals eine Gleichbezahlung durchgesetzt haben, hat zudem Lohndumping verhindert und damit keine Chancen für die indigene Bevölkerung zerstört.

          • Stefan Pietsch 30. August 2020, 10:13

            Es war eine sowohl sehr kurzsichtige als auch nicht passgenaue Migrationspolitik – kein Unterschied zu heute. Bereits nach wenigen Jahren (1973) musste ein Anwerbestopp verfügt werden, da die Wirtschaft in die erste Rezession stürzte und die Arbeitslosigkeit wuchs. Es waren an und ungelernte Arbeitskräfte, die nichts mit dem wachsenden Fachkräftemangel zu tun hatten – die immer gleiche Erzählung von Linken, man könne mit Analphabeten Spezialisten heranzüchten.

            Weder hatte die Politik noch die Migranten eine längerfristige Strategie. Die Regierung wollte ein sehr kurzfristiges Problem mit eine sehr langfristigen Politik, die Generationen tangierte, lösen und die Gastarbeiter hatten kein ernsthaftes Interesse, sesshaft zu werden. Sie waren reine Arbeitsmigranten, die nie die Absicht hegten, ihren Herkunftsländern den Rücken zu kehren.

            • CitizenK 30. August 2020, 10:32

              Anfangs nicht, nach wenigen Jahren aber sehr wohl. Kann man leicht an Klingelschildern in Hochhaussiedlungen erkennen.

              • Stefan Pietsch 30. August 2020, 10:49

                Auch Zeitreisende brauchen temporär eine Unterkunft. Und ein Namensschild.

            • TBeermann 30. August 2020, 11:16

              die immer gleiche Erzählung von Linken, man könne mit Analphabeten Spezialisten heranzüchten

              Drei oder vier Generationen davon arbeiteten die meisten Deutschen in Helferpositionen im primären Sektor und waren bestenfalls rudimentär gebildet, heute studiert mehr als die Hälfte eines Jahrgangs (ob das immer sinnvoll ist, ist eine andere Diskussion). Bei der Abiturquote ist der Anteil bei Menschen mit Migrationshintergrund mittlerweile gleichauf.

              Natürlich braucht so eine Entwicklung Zeit, genau wie sie in Deutschland Zeit gebraucht hat.

              Die Verstetigung der Migration hat vor allem der Anwerbestopp ausgelöst. Als den Menschen klar wurde, dass sie vermutlich nicht mehr zum arbeiten nach Deutschland zurückkehren könnten, wenn sie das Land verlassen würden, blieben sie hier.

              • Stefan Pietsch 30. August 2020, 11:48

                Haben Sie sich das aus den Fingern gesogen?

                Gemäß den PISA-Ergebnissen von 2015 bestehen zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund erhebliche Unterschiede, und zwar selbst dann, wenn sie hier geboren wurden.

                Das geht durch alle Bereiche: Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften:
                Ohne Migrationshintergrund 526 519 527
                Mit Migrationshintergrund 468 465 455
                Selbst zugewandert 431 446 434

                Insbesondere ist der Anteil der „Low-Performer“ bei Kindern mit Migrationshintergrund extrem hoch. Entsprechend sieht das dann bei den Bildungsabschlüssen aus. Selbst hier geborene Kinder aus Zuwandererelternhäusern können im Alter von 21-24 weit seltener auf einen akademischen Abschluss (47,8% | 55,6%) verweisen, dafür weit häufiger auf einen Hauptschulabschluss.
                https://www.iwkoeln.de/fileadmin/user_upload/Studien/IW-Analysen/PDF/2018/Analyse125_Integration_von_Kindern.pdf

                Dabei ist nicht unterschieden nach der Herkunft. Das könnten ja Sie übernehmen, denn da gibt es ebenfalls erhebliche Unterschiede. Dass heute so viele Abitur machen und studieren, ist der drastischen Absenkung der Niveaus geschuldet, so nähert man sich von unten eben an.

                • TBeermann 30. August 2020, 13:36

                  Hm…mich würde es eigentlich sehr wundern, wenn der Anteil der Menschen mit Universitätsabschluss gerade mal ein Prozent unter der Studierendenquote liegen würde.

                  Die BPB kommt aber auch zu anderen Zahlen:
                  https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/61649/migrationshintergrund-ii

                  Dass Menschen mit Migrationshintergrund noch nicht vollständig aufgeholt haben, ist so korrekt wie wenig überraschend. Wer über mehrere Generationen aus einer immer auf Bundesgebiet lebenden Arbeiterfamilie stammt, hat heute auch eine geringere Wahrscheinlichkeit auf eine Karriere als Akademiker, als jemand aus einer Akademikerfamilie, auch wenn die Begabung vorhanden ist.

                  • Stefan Pietsch 30. August 2020, 13:49

                    Bei der Abiturquote ist der Anteil bei Menschen mit Migrationshintergrund mittlerweile gleichauf.

                    Ihre Aussage. Und ich würde mich immer noch freuen, wenn Sie eine Aufgliederung nach Herkunft vorlegen könnten. Ich muss ja nicht alles machen.

                    • TBeermann 30. August 2020, 13:56

                      Wenn man den Link von den Bundezentrale für politische Bildung anklick, kommt da noch vor dem Text ein hübsches buntes Bild mit Balken. Die oberste Zeile davon behandelt den Anteil von Menschen mit Hochschulreife.

                    • Stefan Pietsch 30. August 2020, 14:00

                      Insgesamt sind Personen mit Migrationshintergrund im Vergleich zur Bevölkerung ohne Migrationshintergrund geringer qualifiziert und schlechter in den Arbeitsmarkt integriert.

                      Ist der Tenor des Beitrags.

                    • TBeermann 30. August 2020, 15:16

                      Das ist aber eine ganz andere Aussage als:

                      die immer gleiche Erzählung von Linken, man könne mit Analphabeten Spezialisten heranzüchten

                      Von der fragwürdigen Formulierung mal abgesehen, dauert es eben. Es hat auch hierzulande gedauert, aus einem Volk von Knechten, Mägden und Landarbeitern eine Bevölkerung zu entwickeln, bei der 50 % der jungen Menschen studieren können.

                      Es ist eigentlich eher eine Leistung, so schnell so weit gekommen zu sein. Immerhin hat sich ja auch Deutschland lange nicht all zu viel Mühe gegeben, die Menschen zu integrieren.

                    • Stefan Pietsch 30. August 2020, 15:42

                      Das ist eine andere Diskussion als die, um welche es in diesem Thread geht. Die Anwerbungen 1961 – 1973 passierten ja nicht, damit Deutschland 2020 / 2030 mal hervorragende türkisch-stämmige Digitalexperten hat. Das war auch nicht Stefans Behauptung noch meine Replik.

                      Aus klassischen Einwandererländern wie Kanada, USA und Großbritannien wissen wir, dass Zuwanderung in der ersten Generation ein Zuschussgeschäft, in der zweiten ein Nullsummenspiel und erst in der dritten Generation zu einem Gewinn für die Gesellschaft wird. Überproportional häufig ist die Bilanz bei den Nachkommen der Zuwanderer aus der Türkei wie dem arabischen Raum selbst in 4. Generation noch ein Minusgeschäft. Das gilt wie gesagt nicht für Migration generell, es gilt aber für die deutsche Variante und es gilt für Menschen bestimmter Herkunft. Dafür gibt es Gründe, die mit Kultur, Einstellungen und vielleicht auch Genpool zu tun haben. Nachkommen mit dem Namen „von Weizäcker“ promovieren halt deutlich häufiger als Nachkommen eines Schafzüchters.

                      Die Formulierung „Analphabet“ mag hart sein, ist aber nah der Realität. Es kamen als Gastarbeiter nicht vor allem Menschen aus den Metropolen Mailand, Turin, Istanbul, Ankara, sondern aus dem noch sehr unterentwickelten Hinterland der Zuwandererstaaten, wo Schulbesuche noch keine Selbstverständlichkeit waren.

                      Ich habe einigen Bezug zu Spanien. Dort ist unter den über 50jährigen der Anteil der Analphabeten noch sehr hoch. Man tritt der Türkei sicher nicht zu nahe, wenn man behauptet, dass der Bildungsstand in Spanien 1960 sicher höher war als am Bosporus.

                    • TBeermann 30. August 2020, 18:36

                      Wie auch? Die Anwerbung von Arbeitskräften hatte ja auch nicht die Ansicht, Einwanderung zu bewirken. Es wurden gezielt Menschen für geistig anspruchslose, aber körperlich anstrengende Positionen gesucht, die man in Deutschland immer schwerer besetzen konnte. Als solche – da würde ich Stefan Sasse zustimmen, waren sie für das industrielle Wachstum durchaus nicht unwichtig.

                      Aber das ist eben etwas vollkommen anderes, als Menschen mit der beidseitigen Intention einwandern zu lassen, dass sie sich dauerhaft niederlassen. (Dazu kommt noch der Aspekt, dass die Gastarbeiter durch das Zurückschicken von Geld in ihre Ursprungsländer die Handelsbilanzdefizite verkleinerten).

                      So weit so gut und bis zur Ölkrise funktionierte das ja auch einigermaßen. Nur hatten sich seitdem die Verhältnisse besonders in der Türkei deutlich verschlechtert, sowohl politisch, als auch wirtschaftlich. Die Menschen bleiben.

                      Spätestens an dieser Stelle hätte man die Menschen, die jetzt nun mal da waren, integrieren müssen. Dass das nicht passierte, muss man vor allem Schmidt und Kohl ankreiden. Statt Deutschkursen wurde muttersprachlicher Unterricht angeboten (und entgegen der Legenden der 90er und 2000er war es die Union, die das forderte, nicht die Grünen, die sich für Deutschkurse aussprachen), weil man immer noch so tat, als würden die Leute schon wieder gehen. Die vom Staat forcierte Gettoisierung wurde beibehalten. Von dem gezielten Schüren von Rassismus durch verschiedene Parteien bis hin zur SPD ganz zu schweigen. Dieser Unsinn hat uns als Gesellschaft große Teile einer ganzen Generation von Menschen mit Migrationshintergrund gekostet.

                    • Stefan Pietsch 30. August 2020, 19:04

                      Sie können Menschen nicht gegen ihren Willen integrieren. Und mit einem einfachen Sprachkurs lernt man nicht die Sprache eines Landes. Das lernt man nur durch permanenten täglichen Bedarf, durch Fernsehen, durch den Umgang mit Einheimischen statt Abgrenzung.

                      Wie andere westeuropäische Länder hatte Deutschland nie Probleme, eine Reihe unterschiedliche Nationalitäten zu integrieren. Zuletzt kamen vor 10 Jahren unzählige Griechen und Spanier ohne dass es dabei Integrationsprobleme gegeben hätte. Asiaten aller möglichen Nationen, Briten (!), Franzosen, Russen (-Deutsche), nicht zuletzt Niederländer, Amerikaner – alle wurden innerhalb einer Generation integriert und gingen in der Gesellschaft unter und ohne Klagen, diskriminiert zu werden.

                      Wo das nicht klappte – und in sämtlichen EU-Ländern nicht klappte – waren Zuwanderer aus der Türkei und dem arabischen Raum. Neuere Studien zeigen wie gleichförmig Einstellungen und Abgrenzungen dieser Gruppen zur Stammgesellschaft sind.

                      Man kann das als Indiz werten, dass die Gruppe der Zuwanderer die notwendige Integrationsleistung nicht erbracht haben. In den USA gibt es übrigens solche Integrationsprobleme nicht, was viel damit zu tun hat, dass dort niemand dauerhaft überleben kann, der nicht arbeitet und sich so in die Gesellschaft einbringt. In Europa ist dies mit seinem Sozialsystemen weit leichter möglich.

                    • Stefan Sasse 30. August 2020, 19:51

                      Die Behauptung, die Türken würden als Gruppe nicht arbeiten, ist…wow.

                    • Stefan Pietsch 30. August 2020, 20:00

                      Ist nicht gesagt worden. Aber Fakt ist, dass bezogen auf ihren Anteil an der Bevölkerung die Arbeitslosigkeit bei türkisch stämmigen Bürgern mit am höchsten ist und sie überproportional im Niedriglohnsektor und als Aufstocker beschäftigt sind.

                • CitizenK 30. August 2020, 13:59

                  Lt. Zahlen des Statistischen Bundesamts haben
                  „Fachhochschulreife oder Abitur“:
                  Deutsche ohne Mitgrationshintergrund 26,6 %
                  Deutsche mit Migrationshintergrund 30,5 %
                  https://www.dw.com/de/chancen-und-scheitern-schüler-mit-migrationshintergrund/a-37446020

                  • Stefan Pietsch 30. August 2020, 14:24

                    Plausibilisieren Sie bitte Ihre „Erkenntnisse“. Laut PISA-Test von 2015 liegen die Lernleistungen von Schülern mit Migrationshintergrund in allen Kategorien deutlich hinter jenen ohne Migrationshintergrund. Dennoch sind Sie der Überzeugung, Schulabgänger mit Migrationshintergrund könnten gebildeter als solche ohne sein.

                    Die logisch-schlüssige Begründung dafür würde ich gerne hören.

                    • CitizenK 30. August 2020, 14:41

                      Wenn Sie die Zahlen für falsch halten, forschen Sie doch beim DW nach.

                      Eine Möglichkeit für eine „logisch-schlüssige Begründung“ könnte sein: Die strengen sich mehr an, weil Bildung die einzige Möglichkeit für einen sozialen Aufstieg ist. Vermögen erben ist ja eher nicht. Müsste einen Anhänger der Leistungsgerechtigkeit doch begeistern.

                    • Stefan Pietsch 30. August 2020, 14:45

                      Wieso? Sie sind doch derjenige, der sich als schlau generieren will.

                      Die Erklärung liegt in der Aufsplitterung nach Herkunft, welche die „Verteidiger“ nicht liefern wollen. Tatsächlich ging es um (meine) Behauptung, mit ungebildeten Gastarbeitern die falschen Migranten geholt zu haben. Nun wird so getan, als wären die Nachkommen der aus der hinteren Türkei 1965 eingewanderten Analphabeten die Abiturienten von heute. Ganz so sieht es nicht aus.

                      Aber Sie scheinen wieder einmal nicht wissen zu wollen, so lange es in die Ideologie passt. Übrigens, die Erklärung findet sich bereits in Ihrem Link. Sie hätten ihn nur selbst lesen müssen. Und begreifen.

            • Stefan Sasse 30. August 2020, 13:02

              „Nach wenigen Jahren“ sind halt 20. Das ist ein ziemlich merkwürdiges Verständnis von „kurzfristig“. Dass man damals riesige Versäumnisse beging, ist glaube ich unbenommen. Aber die Gastarbeiter grundsätzlich zu holen war mit Sicherheit der korrekte Weg. Andernfalls kein Wirtschaftswunder in dem Ausmaß.

              • Stefan Pietsch 30. August 2020, 13:48

                Ein Gesetz der Ökonomie besagt, kurzfristige Probleme mit kurzfristigen Lösungen anzugehen, langfristige mit langfristigen Maßnahmen. In diesem Sinne war die Gastarbeiterregelung wie sie durchgeführt wurde, falsch. Tatsächlich ging man davon aus, das Wachstum wäret ewiglich und Menschen seien wie Maschinen. Typauswahl, Normierung und zum An- und Abschalten. Ich halte so etwas für keine kluge Politik. Sie war enorm kurzsichtig.

                Die wesentlichen Gastarbeiter-Regelungen wurden Mitte der Sechzigerjahre geschlossen und sind teilweise heute noch in Kraft. Das Abkommen mit der Türkei, eines der ältesten, stammt von 1961. Also, selbst bei großzügiger Auslegung sind es zwischen 8 und 13 Jahren, wobei unberücksichtigt bleibt, dass die Umkehrung der Situation bereits Ende der Sechziger- Anfang der Siebzigerjahre spürbar war. Politik reagiert ja nicht so schnell und umgekehrt benötigen Veränderungen wie Anwerbungen eben auch Anlaufzeit.

                Es ändert aber nichts daran, dass statt Facharbeiter im wesentlichen ungelernte Arbeitskräfte angeworben wurden. Und das ist für eine wachsende Ökonomie – auch in der damaligen Zeit – keine kluge Sache.

              • CitizenK 30. August 2020, 13:49

                Die Standard-Erzählung ist: Die Eltern wollten ein paar Jahre in Deutschland Geld verdienen und dann zurück. Dann wurden es immer mehr Jahre, die Kindern kamen in die Schule, und man blieb. Das kenne ich von mir bekannten Türken, Jugoslawen, Italienern. Spanier und Portugiesen gingen eher zurück.

                „Wir riefen Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen“.

                • Stefan Sasse 30. August 2020, 17:29

                  Die ist halt nicht wirklich zutreffend so, auch nicht Stefans.

                  • Erwin Gabriel 1. September 2020, 01:59

                    @ Stefan Sasse 30. August 2020, 17:29

                    Die ist halt nicht wirklich zutreffend so, auch nicht Stefans.

                    Auch nicht Deine oder Thorstens; es gibt keine homogene, einheitliche Situation.

      • Stefan Pietsch 29. August 2020, 22:59

        Zu den Flüchtlingen, mit denen die Weimarer Republik angeblich nicht zu kämpfen hatte:

        Bis Mitte der 1920er-Jahre wanderten ca. eine Million Menschen aus den abgetretenen Gebieten in das Rest-Reich zu. Es handelte sich um die größte unter allen Zuwanderungsbewegungen, die die Weimarer Republik zu bewältigen hatte.

        Allein aus Elsass-Lothringen kamen 120.000-150.000 Menschen in das Rest-Reich, weitere 16.000 Zuwanderer stammten aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Noch wesentlich umfangreicher war die Zuwanderung aus den Ostgebieten des Reiches, die nach dem Versailler Vertrag an Polen abgetreten worden waren. Bis Mitte 1925 zählte das Statistische Reichsamt 850.000 deutsche „Grenzlandvertriebene“ aus den polnischen Westgebieten. Hinzu kamen die etwa 120.000 „Deutschstämmigen“, die in den Kriegs- und Nachkriegswirren zwischen 1917 und 1921/22 aus dem ehemaligen Zarenreich ins Reich gekommen waren. Allerdings suchten rund die Hälfte von ihnen den Weg weiter nach Übersee oder wanderten zu Tausenden wieder zurück nach Polen oder in die UdSSR.

        Diese Abwanderung von „Deutschstämmigen“ aus dem ehemaligen Zarenreich gehört in den Kontext der Massenflucht vor der Russischen Revolution, dem damit verbundenen Systemwechsel und dem russischen Bürgerkrieg mit seinen Millionen Opfern. Am Ende betraf die Flucht aus den Gebieten des ehemaligen Zarenreiches wahrscheinlich anderthalb Millionen Menschen. Die Weimarer Republik war zunächst eines der Hauptziele dieser Fluchtbewegung: Wahrscheinlich zu hoch liegenden Schätzungen zufolge hielten sich 1922 und 1923 rund 600.000 russische Flüchtlinge im Reichsgebiet auf. Rund 360.000 von ihnen sollen 1923 allein in Berlin Asyl gefunden haben.
        https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration-ALT/56357/zwischenkriegszeit?p=all#:~:text=Die%20Weimarer%20Republik%20war%20zun%C3%A4chst%20eines%20der%20Hauptziele,sollen%201923%20allein%20in%20Berlin%20Asyl%20gefunden%20haben.

        Nicht nur für Historiker…

        • Ariane 30. August 2020, 00:25

          Demgegenüber sollten wir natürlich auch den Brain Drain durch Antisemitismus und Rassismus nicht vergessen, den es auch schon in der Weimarer Republik gab:
          Die im Ersten Weltkrieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit deutlich angestiegene Zahl der ost- und ostmitteleuropäischen Juden sank rasch wieder. Das lag nicht nur an jenen Weiterwanderungen, die durch antisemitische Ausschreitungen motiviert waren. Hinzu kamen auch die zunehmend restriktivere, auf Nicht-Integration zielende Asylpolitik und die angespannte wirtschaftliche Lage der frühen Jahre der Weimarer Republik.

          Diese Idee der homogenen Bevölkerung, die es ja auch schon am Ende des ersten Weltkrieges gab (siehe die deutsche Ostfront) war da immer noch in den Köpfen und hat für etliche Verheerungen gesorgt und hat eben auch häufig dazu geführt, dass viele dann eben ausgewandert sind.

          • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:27

            Dieser Brain Drain war aber mit Sicherheit kein Faktor für das Wirtschaftswunder, eher ein „trotzdem“.

        • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:23

          a) Ich schrieb, dass die Zahlen wesentlich kleiner waren, nicht, dass sie nicht existierten.
          b) Sie verteilten sich über einen größeren Zeitraum; vor allem fanden die Abwanderungen zeitverzögert mit der Niederlage statt, während sie 1945 direkt mit der Niederlage einsetzten. In den Jahren 1945 bis 1949 bewegten sich jährlich 10 Millionen Menschen über das Reichsgebiet, die dort vorher nicht gewohnt hatten. Das ist überhaupt kein Vergleich.

          • Stefan Pietsch 30. August 2020, 10:20

            Sie verteilen sich auf einen größeren Zeitraum.

            Tatsächlich? Du schriebst:
            Die Flüchtlinge. Sowohl die Vertriebenen aus den verlorenen deutschen Ostgebieten als auch die Flüchtlinge aus der SBZ/DDR bildeten ein großes Reservoir arbeitswilliger und (besonders im Fall der DDR-Flüchtlinge) qualifizierter Arbeitskräfte, auf das die BRD ohne vorherige Ausbildungskosten zugreifen konnte. Anfang der 1950er Jahre lebten auf dem Gebiet der BRD deutlich mehr Menschen als zu Beginn des Krieges, trotz der Kriegsverluste!

            Du schreibst sehr unspezifisch, aber aus dem Text geht hervor, dass Du einen Zeitraum von rund 7 bis 8 Jahren betrachtest. Das ist ziemlich exakt der Zeithorizont, den ich für die Weimarer Republik angeführt habe.

            Dabei bestreite ich gar nicht, dass die neu gegründete Bundesrepublik deutlich mehr Flüchtlinge zu bewältigen hatte, schließlich hatte das Reich nach 1945 mehr Gebiete verloren. Nur ist die Masse an Flüchtlingen in den Anfangsjahren keine Starthilfe, wenn es relativ wenig Arbeitsplätze gibt, aber viele Bürger, die von dem produktiven Kern versorgt werden müssen. Genau das unterstreicht die besondere Wirtschaftsleistung, doch Deine Erzählung geht umgekehrt.

            • Stefan Sasse 30. August 2020, 13:03

              Ich sehe was du meinst. Ja, da hast du vermutlich grundsätzlich Recht.

  • FS 29. August 2020, 20:07

    Also zunächst einmal: Weder Lidl noch dm sind Kinder des Wirtschaftswunders.

    Darüber hinaus bin ich etwas erstaunt über die Ansicht, dass Stefan Sasse hier eine historisch absonderliche These vertritt: Das meiste was hier anspricht ist in der deutschen Wirtschaftsgeschichte mit dem Namen Werner Abelshauser verbunden, dessen Dissertation zum Wirtschaftswunder 1975 veröffentlicht wurde. Siehe als kurzen Überblick zu dessen Ansichten zum Wirtschaftswunder die linken Umtrieben unverdächtige Wirtschaftswoche:
    https://www.wiwo.de/politik/deutschland/werner-abelshauser-die-wahren-gruende-des-wirtschaftswunders/19956934.html

    oder die Neue Westfälische (nebst Verlinkung zum Verlag, wo man sich die Dissertation für lau herunterladen kann, wenn man am Text interessiert ist):
    https://www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/21001744_Es-gab-kein-Wirtschaftswunder.html

    Abelshausers Ansichten zum Wirtschaftswunder waren nach der Veröffentlichung zwar unter Historikern umstritten (was nicht überrascht, da sie ja einen politisch zumindest für manche nützlichen Mythos ramponierten), sind aber inzwischen wirtschaftshistorisch so was wie die herrschende Meinung.

    • Stefan Sasse 29. August 2020, 21:28

      Abelshauser ist vor allem ein überzeugter Ordoliberaler. Ich habe seine deutsche Wirtschaftsgeschichte zwar vor zehn, fünfzehn Jahren mal gelesen, aber er ist sicherlich nicht meine Hauptquelle. Muss ich dich enttäuschen 🙂

      • FS 29. August 2020, 22:09

        „Abelshauser ist vor allem ein überzeugter Ordoliberaler“
        Möglich, ich kenne seine politischen Ansichten nicht, diese spielen aber auch insoweit keine Rolle, als seine Argumente zum Wirtschaftswunder trotzdem ziemlich große Ähnlichkeiten zu den deinen haben (vlt. überzeugen Stefan Pietsch die Argumente eines Ordoliberalen um so mehr).

        „er ist sicherlich nicht meine Hauptquelle“
        Nun, man kann sicherlich auf unterschiedlichen Wegen zu den gleichen Erkenntnissen kommen. Ich wollte auch mehr klarstellen, dass die von dir vorgebrachten Argumente nicht so ungewöhnlich für aktuelle Wirtschaftshistoriker sind, als hier eventuell von manchen gedacht.

        • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:19

          Kein Problem, ich wollte nur im Interesse der Transparenz sagen, dass ich mich nicht auf ihn beziehe. Aber mein Artikel gibt generell den Stand der historischen Forschung wieder. Deswegen ist es wenig überraschend, das bei mehreren Autoren zu sehen.

  • CitizenK 29. August 2020, 21:44

    Ein etwas anderer Blick auf Gründungsmythen:
    „The year 1945 was STUNDE NULL, Zero Hour. Germany started again. Unlike Russia and France with their military symbols, the US with the story of its founding fathers, or the UK, with its Rule Britannia teaching of history and Dad’s army war obsessions, Germany has nothing else to fall back on“
    (John Kampfner, Why the Germans do it Better)

    • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:18

      Only that’s not true.

      • CitizenK 30. August 2020, 10:07

        Ich würde das nicht so leicht abtun. Kampfner ist ein guter Beobachter.

        Ich erinnere daran, dass noch Anfang der 50er viele Deutsche zustimmten, dass der Nationalsozialismus „eine gute Idee war, die nur schlecht ausgeführt wurde“.

        Weitgehender Konsens unter Zeithistorikern auch darüber, dass die „westliche“ Idee der liberalen Demokratie ihre Legitimation ganz wesentlich durch den materiellen Wohlstand erhielt, den sie mit sich brachte. Eben das „Wirtschaftswunder“.

      • TBeermann 30. August 2020, 10:27

        Eigentlich schon, weil der Text ja genau das ausdrückt: Die „Stunde Null“ wurde erfunden und aufgeblasen, weil man keine anderen Anknüpfungspunkte hatte. Also bastelte man an der Erzählung, wie fleißig man sich selbst an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen habe und wie einmalig das sei.

        • Stefan Sasse 30. August 2020, 13:01

          Ah ich verstand das so dass 1945 Stunde Null war, also als Tatsachenbeschreibung, nicht als Beschreibung des Mythos. Dann klar, da gehe ich sofort mit.

  • Stefan Sasse 30. August 2020, 09:29

    Noch wegen des Vergleichs zum restlichen Europa übrigens: die Wachstumsraten der BRD-Volkswirtschaft unterschieden sich nicht signifikant von denen in den anderen westeuropäischen Ländern.

    • Stefan Pietsch 30. August 2020, 10:06

      Schon wieder so ein Mythos, guckst Du hier:
      https://de.statista.com/graphic/1/250066/bip-pro-kopf-in-ausgewaehlten-laendern-weltweit.jpg

      In den Jahren 1950 – 1970 stieg das Pro-Kopf-BIP in Deutschland spürbar schneller als in den anderen europäischen Ländern. So verlief die Kurve für Großbritannien wesentlich flacher. Auch erreichte Deutschland vergleichsweise spät das Vorkriegsniveau (1951), während dort die Skandinavier und Benelux bereits 1946 / 1947 angekommen waren und auch Frankreich sowie Italien nahmen schneller wieder Fahrt auf.

      Das durchschnittliche Wachstum Frankreichs belief sich zwischen 1950 und 1973 auf 4%, das der Niederlande sogar nur auf 3,4%. Die britische Wirtschaftsentwicklung lag noch weit darunter. Höhere Wachstumsraten zeigten nur die damals sehr unterentwickelten mediterranen Länder Spanien und Griechenland. Passt alles nicht so zu Deiner Erzählung.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Nachkriegsboom

      Dass Wirtschaftspolitik einen starken Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung hat, zeigte sich in Großbritannien in den Thatcher-Jahren bis hin zu Tony Blair. Nirgends sonst stieg das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in den Jahren 1980 – 2000 schneller als auf der Insel.
      https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/40/GDP_per_capita_big_four_Western_Europe.PNG

      • TBeermann 30. August 2020, 10:56

        Aber dann ist doch Großbritannien die Anomalie und nicht Deutschland. (Was auch auch durchaus Gründe hat, wie den Verlust der Kolonien etc.).

        Deutschland hat etwa zum gleichen Zeitpunkt das Vorkriegsniveau erreicht, wie die anderen Kriegsverlierer in Europa. Danach verlief die Entwicklung relativ parallel zu den meisten anderen Industrienationen, die Mittelmehrländer wuchsen noch etwas stärker, die westeuropäischen Nachbarn etwas langsamer. Diese weitgehend parallele Entwicklung fand aber unter deutlich unterschiedlichen wirtschaftpolitischen Ansätzen statt.

        • Stefan Sasse 30. August 2020, 13:03

          Großbritannien ist auch eine Anomalie.

        • R.A. 30. August 2020, 16:08

          Daß GB die Anomalie war lag wohl weniger am Verlust der Kolonien, sondern daran, daß sich GB nach dem Krieg das größte Maß an Sozialismus außerhalb des Ostblocks leistete. Die Verstaatlichungen dieser Zeit haben große Teile der bis dahin weltführenden englischen Industrie kaputt gemacht. Der damals fehlkonstruierte Wohlfahrtsstaat führt dazu, daß GB bis heute ein nur mäßiges Gesundheitssystem hinbekommt.
          Und die massiven Finanzproblem wg. der Labour-Nachkriegspolitik haben das Land zum kranken Mann Europas gemacht. Erst mit Thatcher ging es wieder aufwärts.

      • Stefan Sasse 30. August 2020, 12:57

        Aus dem verlinkten Artikel von dir geht hervor, dass Frankreich höhere jährliche Durchschnittswachstumsraten hatte als Deutschland…

        • Stefan Pietsch 30. August 2020, 13:57

          Nein. Das erste Schaubild enthält Frankreich nicht. Der dritte Link zeigt die Entwicklung ab 1970. Und im Mittelteil findet sich, dass das französische Wachstum zwischen 1950 und 1973 4% betrug, in Deutschland jedoch ein Viertel mehr. Deine Aussage war jedoch, dass die Entwicklung in den europäischen Ländern gleichförmig verlief, was nach allen genannten Kennziffern nicht richtig ist. Deutschland erreichte später das Vorkriegsniveau, das Wachstum war danach stärker trotz höheren Integrationsanforderungen.

          Übrigens ist zwischen der Kennziffer BIP und BIP pro Kopf zu unterscheiden. Wenn der Nenner durch die Anzahl der Einwohner bestimmt wird und dieser Wert im Zeitablauf schnell wächst (Migration), dann hat dies einen dämpfenden Effekt auf die Kennzahl und stellt höhere Anforderungen an die Wirtschaftskraft.

  • CitizenK 30. August 2020, 14:56

    Es heißt übrigens: „sich als schlau gerieren“
    https://www.duden.de/suchen/dudenonline/gerieren?utm_source=apple

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