Bücherliste 2017/18

Bücher sind der Schlüssel zur Welt, und es gibt praktisch unendlich viele davon auf der Welt, und jedes Jahr kommen neue hinzu. Da das Leben kurz ist, möchte man nicht unbedingt mehrere Bücher anfangen und irgendwann feststellen, dass sie Mist sind und man bisher seine Zeit verschwendet hat. Andererseits ist es oft schwer, an gute Ideen für neue Bücher heranzukommen, wenn man sie nicht gerade durch Zufall findet. Ich stelle daher hier meine Bücherliste 2017/18 vor, die zwar nicht alle Bücher enthält, die ich in diesem Zeitraum gelesen habe, aber alle, die ich guten Gewissens weiterempfehlen kann oder doch wenigstens kommentieren will. Vielleicht findet ja jemand etwas Interessantes darin. Die meisten Bücher habe ich auf Englisch gelesen; wo vorhanden, habe ich Links auf die deutschen Versionen beigefügt. Alle Links führen direkt zu Amazon, und wer die Bücher über diese Links bestellt sorgt dafür, dass ein kleiner Teil des Preises von Amazon an mich geht. Kapitalismus! Artikel daher bookmarken und als ständige Referenz nutzen. 🙂

Jefferson Cowie – The Great Exception

Dieses Buch war eine meiner hauptsächlichen Quellen für die Artikelserie über Glanz und Elend der Sozialdemokratie. Es ist rundheraus empfehlenswert. Cowie übernimmt sich nicht in einem endlosen Wälzer, sondern macht seinen Punkt auf rund 250 Seiten, so dass das Buch zügig lesbar ist. Sein Stil ist außerdem flüssig und kommt ohne eine überflüssige Masse an Fachvokabular, Fremdworten und Bandwurmsätzen aus. Cowies grundsätzliche These ist, dass man den New Deal in den USA als die titelgebende große Ausnahme verstehen müsse. Anstatt ihn als logische Folge aus der Gilded Age und dem Zusammenbruch des Neoliberalismus in den 1920er Jahren zu lesen, der dann später quasi konsolidiert worden wäre, arbeitet er die prekäre Lage, aus der die New Dealer operierten, ebenso heraus wie die ungeplante und häufig improvisierte policy-Varianz dieser Ära. In Cowies Lesart ist Ronald Reagan demzufolge auch kein krasser Bruch und keine Revolution, sondern eine Restauration, die die Ausnahmezeit beendet. Ohne die Ausnahmetatbestände, die 1933 bis 1937 herrschten sieht er auch keine Renaissance des New Deal auftauchen. Sein Buch ist daher zwar pessimistisch, aber seine kohärente Darstellung der New-Deal-Zeit allein ist es wert gelesen zu werden, gibt er doch einen strukturierten Überblick und ordnet die Entwicklungen in einen analytischen Rahmen ein.

Henner Löffler – Wie Enten hausen

Wer sich für das Barks’sche Entenhausen interessiert, kommt an Henner Löfflers umfänglichen lexikalisch aufgebauten Werk eigentlich kaum vorbei. Von A wie Auto zu Z wie Zeitung findet sich alles, was den Kosmos Entenhauses bestimmt. Mit zahllosen Fußnoten unternimmt es Löffler, eine so kohärente Interpretation des Barks’schen Oevres wie möglich zu unternehmen. Für einschlägig Interessierte findet sich hier alles, was daran spannend ist, ohne gleich in den absurden Detailwahn der D.O.N.A.L.D.isten zu verfallen. Seine Vergleiche zwischen englischer Originalausgabe und detuscher Übersetzung sind zudem immer sehr instruktiv, und er teilt nicht die sentimentale Überbewertung von Erika Fuchs‘ Übersetzungen, wie sie etwa Ernst Horst (s.u.) aufweist.

Ernst Horst – Nur keine Sentimentalitäten! Wie Dr. Erika Fuchs Entenhausen nach Deutschland verlegte

Erika Fuchs ist eine der prägendsten Persönlichkeiten der deutschen Sprachentwicklung der letzten 70 Jahre, und dass sie in keinem Deutsch-Bildungsplan für die Schule auftaucht ist nur einmal mehr Ausdruck des allgemeinen Snobismus, der dieses Fach leider Gottes bestimmt. Ernst Horst hat keinerlei solche Berührungsängste. Er wurde in den 1950er Jahren mit Fuchs‘ Übersetzungen groß, und er unternimmt hier den Versuch, ihr ein Denkmal zu setzen. Detailliert setzt er sich mit Fuchs‘ Wirken auseinander, sowohl in ihrem Bezug zur deutschen Sprache (sie schuf solche Formulierungen wie „alter Freund und Kupferstecher“ und ließ zahllose Zitate aus den Klassikern einfließen) als auch in der Art, wie sie Entenhausen deutsch zu machen versuchte (wer sich je wunderte, warum Donald in den Lustigen Taschenbüchern „Schmalzkringel“ isst…Fuchs kannte Donuts nicht). Äußerst nachteilig ist jedoch Horsts reaktionäre politische Einstellung, die in dem Buch mehr und mehr durchschlägt und in immer längeren Tiraden gegen all das, was ihn an der Moderne stört, ausartet. Ich kenne trotzdem kein besseres Werk über Erika Fuchs und Entenhausen.

Anatol Stefanowitsch – Eine Frage der Moral – Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Anatol Stefanowitsch ist einer der profiliertesten deutschen Linguisten, nicht so sehr weil er bahnbrechende Forschungsergebnisse veröffentlicht (was er vielleicht tut, das weiß ich nur nicht, ich kenne mich auf dem Feld nicht aus, Linguistik habe ich im Studium gehasst), sondern weil er eine der wahrnehmbarsten öffentlichen Stimmen für gerechte Sprache, gendersensible Sprache und politisch korrekte Sprache ist. Wenig verwunderlich ist daher, dass der Duden-Verlag ihn beauftragt hat, eine kleine Fibel zur Rechtfertigung politischer Korrektheit zu schreiben. An Kritik an der solchen herrscht ja wahrlich kein Mangel, so dass eine kohärente und konzise Verteidigung derselben durchaus notwendig war. Und das liefert Stefanowitsch hier auch ab. Das Büchlein ist kaum 80 Seiten lang und groß gedruckt, man kann es locker in unter einer Stunde lesen. Teuer ist es auch nicht. Selbst wenn man politisch korrekte Sprache hasst sollte man es sich daher zu Gemüte führen, dass man wenigstens die Gegenposition einmal zur Kenntnis genommen hat, allein der intellektuellen Hygiene wegen.

Richard J. Evans – The Pursuit of Power // Richard J. Evans – Das europäische Jahrhundert

Richard J. Evans ist einer der profiliertesten Historiker; ich habe in der Vergangenheit bereits auf seine dreiteilige Serie zum Dritten Reich aufmerksam gemacht (hier, hier, hier jeweils in Englisch). In diesem Band untersucht er die europäische Geschichte des 19. Jahrhunderts in zehn Längs- und Querschnitten unter verschiedenen Gesichtspunkten, die er alle unter dem Oberbegriff des „pursuit of power“ subsumiert, der – so seine These – eine fundamentale Dynamik des 19. Jahrhunderts darstellte. So lesenswert alle diese zehn problemlos unabhängig voneinander lesbaren Längs- und Querschnitte auch sind, so wenig überzeugend fand ich letztlich die Oberthese des „pursuit of power“. Die deutsche „Übersetzung“ des Titels scheint mir da näher an der Wahrheit zu sein, und es drängt sich der Verdacht auf, dass Evans am Ende für ein strukturell relativ disparates Buch irgendein starkes Verkaufsargument brauchte. Davon sollte man sich aber nicht weiter stören lassen; der Mangel an einem Gesamtnarrativ sorgt zwar für ein stückiges Leseerlebnis, aber die einzelnen Kapitel selbst sind auf dem aktuellen Stand der Forschung, solide (wenngleich eher kompliziert und ein wenig dröge) geschrieben und geben dem einschlägig vorgebildeten Leser einen guten Überblick über die Epoche. Die letzte Einschränkung ist wichtig: ohne gewisse Grundkenntnisse wird die disparate Struktur des Buchs dem Leser das Genick brechen und jedem Verständnis im Weg stehen, was das Buch mit den „Totengräbern“ (s.u.) gemeinsam hat. Wer diese Vorkenntnisse mitbringt und den sachlich-historischen Stil nicht abstoßend findet sollte Evans aber unbedingt lesen.

James Holland – The War in the West: A New History Vol. 1 Germany Ascendant

Ganz anders als Evans liest sich dagegen Holland. Seine dreiteilige Serie über den Zweiten Weltkrieg im Westen ist ungeheuer flüssig und spannend zu lesen. Tolland verbindet ein hervorragendes Gefühl für Zeit und Ort mit biographischen Augenzeugenberichten und interessanten und Einblicke garantierenden Details. Man sollte nicht glauben, dass das Verfolgen der Geschicke und Alltagserlebnisse von Soldaten und Zivilisten über die ersten beiden Kriegsjahre neben kriegswirtschaftlichen Statistiken und Politikgeschichte ein sinniges Ganzes ergeben könnten, aber Holland hat ein ausgezeichnetes Gespür für historische Narrative. Er schafft es zudem, ständig neue und interessante Fakten einzubringen, die neue Blickwinkel ermöglichen und das bisherige Verständnis des Kriegs im Westen herausfordern, vom Sitzkrieg an der Westfront zum meist völlig in Vergessenheit geratenen Kampf in Skandinavien. Gerade letzterer erhält bei Holland eine wesentlich größere Stellung als etwa der Frankreichfeldzug, weil sich der Autor weniger im Nacherzählen sattsam bekannter Ereignisse übt, sondern diese durch neue Erkenntnisse besonders wirtschaftshistorischer Natur in einen ganz neuen Kontext stellt. Unbedingt empfehlenswert!

James Holland – The War in the West: A New History Vol. 2 The Allies Strike Back

Was im obigen Absatz zum ersten Teil der Serie gesagt wurde, stimmt unbeschnitten auch für den zweiten Teil. Holland stützt sich hier hauptsächlich auf den Balkanfeldzug und den Krieg in Nordafrika. Spannend ist, wie er mit dem Feldzug in der Sowjetunion umgeht. Dieser nimmt natürlich für den Kriegsverlauf, ebenso wie der beginnende Krieg im Pazifik, einen gewaltigen Raum ein, hat jedoch nichts mit dem Gegenstand seiner eigenen Erzählung zu tun. Holland schafft es tatsächlich, diese Großkonflikte nur dann einzubinden, wenn sie für sein eigentliches Narrativ interessant sind und dieses stützen und sinnvoll erweitern – oder sofern sie für das Verständnis notwendig sind. Nebenbei gelingt es ihm weiterhin, neue und erhellende Details in die Analyse einzubauen – etwa in einem umfassenden Vergleich, wie das Afrikakorps und die britische Armee mit den gewaltigen Herausforderungen für die Moral der Truppe in Nordafrika umgingen (die Briten nahmen einen gewissen Verfall schlichtweg als in einer Demokratie unvermeidlich hin und stoppte deswegen Offensiven, während die Wehrmacht mit drakonischen Strafen die Disziplin trotz schlechter Moral aufrecht erhielt und die Truppe herunterwirtschaftete). Auch hier unbedingte Empfehlung.

James S. A. Corey – Cibola Burn / James S.A. Corey – Cibola brennt (The Expanse 4)

Im vierten Band der Expanse-Reihe finden sich die Charaktere erstmals auf einem Planeten außerhalb des Sonnensystems wieder und vermitteln dort in einem Konflikt zwischen den Konzernen des Sonnensystems, die legalen Anspruch auf den Planeten haben, und den individualistischen Siedlern, die den Planeten als neue Frontier sahen und sich selbst hinschmuggelten. Zudem versucht Holden das Rätsel der alten Alien-Technologie und dem „Ermittler“ in Gestalt John Millers zu lösen. Der Roman selbst ist der schwächste der Reihe und könnte theoretisch komplett übersprungen werden, weiß aber wenigstens mit einem interessanten Grundkonflikt aufzuwarten: Die Konzerne haben einen deutlich verantwortungsvolleren und sinnvolleren Ansatz zur Besiedlung der neuen Planeten als die radikalen Siedler, haben jedoch auf der anderen Seite durch den riesigen Resourcenvorteil auch eine Versuchung, einfach nackte Gewalt anzuwenden. Wegen der holzschnittartig bösen Charaktere unter den Security-Kräften des Konzerns jedoch erreicht das nie das Niveau, das die Prämisse verspricht.

James S. A. Corey – Nemesis Games / James S. A. Corey – Nemesis-Spiele (The Expanse 5)

Der fünfte Band der Expanse-Reihe unternimmt einen literarisch interessanten Ansatz, indem er die vier Hauptcharaktere Holden, Naomi, Alex und Amos trennt und über das ganze Sonnensystem verteilt. Amos geht auf die Erde, um einige dunkle Hinterlassenschaften seiner kriminellen Vergangenheit aufzulösen, Alex versucht auf dem Mars mit seiner Ex-Frau reinen Tisch zu machen und Naomi versucht wie Amos, die Dämonen ihrer Vergangenheit zu bannen. Doch nichts geschieht wie erwartet, und innerhalb kürzester Zeit stehen die Charaktere mitten in tumultartigen Umwälzungen nach dem verheerendsten Terroranschlag der Geschichte der Menschheit. Besonders interessant fand ich das kontinuierliche Brechen der Leser-Erwartungen darüber, was als nächstes geschehen würde. Keiner der scheinbaren Hauptplotstränge war tatsächlich einer; tatsächlich lösen sich die ursprünglichen „Missionen“ der Charaktere innerhalb der ersten paar Kapitel und machen der eigentlichen durch die Hintertür eintretenden Hauptstory Platz.

James S. A. Corey – Babylon’s Ashes / James S. A. Corey – Babylons Asche (The Expanse 6)

Im Finale des eigentlichen Handlungsbogens der Expanse-Reihe kommen sämtliche Plots in einer explosiven Hetzjagd über das ganze Sonnensystem zusammen. Soziale und politische Ordnungen lösen sich auf. Besonders interessant aus politischer Sicht sind die Konsequenzen der tausend neuen Welten, die nun für eine Besiedlung offenstehen, und die Folgen des Terroranschlags auf die Erde. Plötzlich verschiebt sich die Macht massiv in Richtung der Belter. Diese Dynamik ist interessant. Der Band hat zudem mit 16 Charakteren die meisten POV-Charaktere irgendeines Expanse-Buchs, was zwar der über das System verteilten Story ebenso hilft wie dem Abschließen diverser Plotfäden, den Charakteren selbst aber nicht viel Raum zur Entfaltung bietet.

James S. A. Corey – Persepolis Rising (The Expanse 7)

Ich habe Band 6 der Reihe als eigentliches Finale bezeichnet. In Band 7 machen wir einen Zeitsprung von 30 Jahren in die Zukunft, und wie das bei solchen Zeitsprüngen in Romanen häufig ist wurde der Status Quo effektiv nur in die Zukunft fortgeschrieben, was nicht sonderlich spannend ist. Alle sind etwas älter und grauer und die Rocinante pfeift aus dem letzten Loch, aber ansonsten gab es bei den Charakteren keinerlei Veränderungen. Das ist die erste Enttäuschung. Die zweite ist, dass der eigentliche Plot – das Auftauchen der geheimnisvollen Siedler von Lakonia – ungeheuer generisch und wenig interessant ist. Letztlich attackieren außerirdische Invasoren das Sonnensystem und zwingen alle aufrechten Einwohner in einen Guerilla-Kampf. Die Philosophie der Lakonier ist der übliche 300-angehauchte Fascho-Mix, auch hier gibt es wenig Spannendes. Man wird sehen, was das Autorenteam daraus noch macht.

James S. A. Corey – Strange Dogs

Neben den Hauptromanen der Reihe haben James S. A. Corey auch einige Novellen geschrieben, darunter Strange Dogs. Die Story beleuchtet einige Hintergründe von Lakonia und ist tatsächlich interessant, hauptsächlich wegen des Horror-Aspekts, den die Geschichte einnimmt. Auf der anderen Seite darf man etwas beunruhigt ob der Technologien sein, die hier aufgebaut werden. Unter Umständen graben die Autoren da ein Logikloch, aus dem sie später nicht herauskommen. Diese Novelle war aber die beste, die ich bisher gelesen habe.

James S. A. Corey – The Vital Abyss

Wer der Überzeugung war, dass es dringend eine Novelle braucht um zu erfahren, was der (nicht besonders interessante) Wissenschaftler Cortazar seit seiner Gefangennahme getrieben hat, wird hier fündig. Die Story an sich bietet leider wenig Spannendes, weil Cortazar ein emotional toter Mensch ist. Und da ich Persepolis Rising zuvor gelesen hatte und die Struktur nicht gerade innovativ ist kommt bei der Frage, ob er die Gefangenschaft überlebt, auch kaum Spannung auf. Hoffentlich nicht…? Aber natürlich tut er es und wird weiterhin böse Dinge tun, die den Plot voranbringen. Kann man sich sparen.

Klaus Theweleit – Männerphantasien 1+2

Ein Klassiker aus den Siebzigerjahren stellt dieses Werk dar, in dem Klaus Theweleit die Faschisten besonders (aber nicht exklusiv) in Deutschland auf die spezifisch männlichen Fantasien hin untersucht, die diese hegen. Das Werk ist mehr als umfassend und bis heute meines Wissens nach nicht wirklich reproduziert worden, so dass es immer noch die einzige Quelle zu dem Thema darstellt. Es ist von einer teilweise tragiokomischen Natur, wie die SA-Sturmleute beziehungsunfähig waren, weil ihre Vorstellungen an Frauen und Beziehungen mit der Realität völlig inkompatibel waren. Theweleit ist allerdings extrem schwer zu lesen; das Buch ist voll vom typischen 1970er-Jahre-Jargon, enthält zahllose Anspielungen auf (damals) aktuelle Ereignisse und Trends und politisiert an allen Ecken und Enden. Es ist quasi das linksalternative Gegenstück zu Ernst Horsts Untersuchung Entenhausens, was das angeht. Empfehlen kann ich es daher nur bedingt, aber interessant ist es allemal.

Michael Kaminski – The Secret History of Star Wars

Uneingeschränkt empfehlen kann ich dagegen die „Secret History of Star Wars“. Michael Kaminski hat das zur Verfügung stehende Quellenmaterial in epischer Breite analysiert und interpretiert. Er vergleicht Drehbuchentwürfe miteinander und stellt diese den verschiedenen Einflüssen gegenüber, wertet Interview und Autobiographien aus und zieht natürlich die Filme selbst mit heran. Auf diese Art entsteht ein vollständiger Überblick über die Entstehungsgeschichte der klassischen und der Prequel-Trilogie. Kaminski gelingt es dabei auch, zahlreiche Klischees und erfundene Geschichten zu relativieren und falsifizieren, vom angeblichen Einfluss Campbells und des Monomythos‘ bis zur Idee, dass Lucas die gesamte Geschichte im Voraus geplant hatte. Nebenbei erfährt man auch einiges über die Prozesse bei der Entstehung von Drehbüchern, Filmen und moderner Blockbuster. Wer sich für Popkultur interessiert sollte dieses Buch lesen.

David Edgerton – The Shock of the Old

David Edgertons zentrale These ist, wie es der Buchtitel bereits werbewirksam ankündigt, eine Art Antidot zu technophilen Utopien. Wenn einmal wieder der neueste Hirnfurz von Elon Musk als gigantische, menschheitsrevolutionierende Errungenschaft angepriesen wird macht es Sinn, Edgerton herauszukramen und seiner Schilderung zu folgen, dass alte Technologien eine ungeheuer lange Halbwertszeit haben, manchmal überraschende Comebacks und erleben und so manche brillante neue Technologie sich als üble Sackgasse erweist. Eines von vielen, vielen Beispielen in dem Buch ist die Atomenergie: heute schalten wir unter gigantischem Aufwand die Meiler ab und kehren zum totgesagten Kohlestrom zurück, während man in den 1950er Jahren noch den privaten Atomreaktor um die nächste Ecke sah. Bedauerlicherweise ist Edgerton nur schlecht lesbar; dem Buch mangelt es an einer klaren Struktur, so dass es trotz aller guten Ideen und Ansätze ein unglaublich stückhaftes Werk bleibt, dessen zentrale Gedanken irgendwo zwischen Einwürfen und Exkursen verstreut bleiben.

Yuval Novah Harari – Homo Deus: A brief history of tomorrow // Yuval Novah Harari – Homo Deus: eine kurze Geschichte von morgen

Populärwissenschaftliche Bücher sind gerne gehypt, wenn sie irgendwelche steilen Thesen mit exotisch wirkenden Fachgebieten verbinden. Das gilt für solchen Schmarrn wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“, das ich hier nicht mit einer Verlinkung veredlen werde. Und es gilt für seitengewordene heiße Luft wie Yuval Novah Harari, dessen Bücher ständig die ersten Plätze der NYT-Bestsellerlisten besetzen. Im vorliegenden Werk entwirft Harari die These, dass der Mensch sich durch allerlei technologische Fortschritte in eine Art gottgleiche Position aufschwinge. Soweit, so belanglos. Ärgerlich wird es dadurch, dass Harari in irgendwelchen Fachgebieten wildert, in denen er nichts verloren hat und in denen er offensichtlich auch nur sehr oberflächliche Kenntnisse hat und uralte, mittlerweile stattsam widerlegte Narrative aufkocht, sei es Anthropologie, sei es Theoligie. Gerade in der Anthropologie sollte man sehr vorsichtig sein, aus irgendwelchen indigenen Stämmen eine mythische menschliche Vergangenheit als Naturzustand zusammenzubasteln, aber der Versuchung können offensichtlich nur wenige widerstehen. Hände weg von diesem Buch, oder wenn ihr es schon kaufen müsst, nutzt wenigstens die Links oben.

Al Gore – An Inconvenient Sequel – Truth to Power

Das Begleitbuch zu Al Gores neuem Film „An Inconvenient Sequel“ ist ein schön anzusehener, vollfarbiger Band voll protziger zweiseitiger Aufnahmen und viel Selbstgratulation zwischen einer ganzen Reihe von Daten und Fakten zum Klimawandel. Ich hatte den Band in der Hoffnung erstanden, ihn für den Unterricht hernehmen zu können, da Gore zwar anspruchsvoll, aber lesbar schreibt. Letztlich bin ich aber nicht die Zielgruppe. Gores Nonprofit, das Jahr für Jahr Klimabotschafter ausbildet, hat genau diese Klimabotschafter als solche auserkoren, weswegen das letzte Drittel des Buchs sich auch mit Aktivismusstrategien beschäftigt. Das ist natürlich sinnvoll, aber der US-zentrische Ansatz ist bei einer weltumspannenden Organisation (und Problematik!) etwas unglücklich, was weiter zu dem Eindruck beiträgt, das Buch sei an einem vorbeigeschrieben.

Arthur Goldschmidt Jr. – A Concise History of the Middle East

Der Mittlere Osten gehört zu jenen Regionen der Welt, über die man unbedingt mehr wissen sollte, aber häufig genug sehr wenig weiß, vor allem wenn es um den Zeitraum geht, der vor der für die aktuelle Nachrichtenlage unmittelbar relevanten Fakten liegt. Die „concise history“ war daher genau das, was ich suchte: in 25 Kapiteln wird die Geschichte der Region vom Iran bis Ägypten von Mohammed bis heute dargestellt. Etwas überraschend kam für mich dann doch der stark gegenwartsbezogene Fokus: In Kapitel 14 wird Israel gegründet, so dass für die ganzen Dynastien und Machtwechsel zwischen Mohammeds Tod und dem Ende des Ersten Weltkriegs mit dem breiten Pinsel gezeichnet wird, was als Einsteigergeschichte aber gar nicht schlecht ist. Die Autoren navigieren das Minenfeld verschiedener Religionen und Überzeugungen außerordentlich gut: sie haben zwar eine eigene Meinung, stellen aber immer erst neutral unterschiedliche Sichtweisen dar ehe sie erklären, welche sie selbst als überzeugend empfinden, und da es mehrere Autoren sind widersprechen sie sich teilweise sogar fundiert, so dass Mini-Debatten entstehen. Auch der Gegenwartsfokus war im Nachhinein ein Segen, weil man so endlich auch einmal eine ordentliche Geschichte des Nahostkonflikts aus Perspektive Saudi-Arabiens, Irans und (besonders spannend) Ägyptens bekommt. Die USA dagegen spielen kaum eine Rolle; es ist eine Geschichte des Mittleren Ostens, keine verkappte Geschichte der US-Außenpolitik. Das Buch ist daher sehr zu empfehlen.

Dale Carnegie – How to win friends and influence people // Dale Carnegie – Wie man Freunde gewinnt

Dale Carnegie schrieb den Klassiker aller Vertreter und Vorstände in den 1930er Jahren, und das merkt man dem Buch durchaus an. Die 17 Grundprinzipien, die Carnegie hier darlegt, sind allerdings reichlich zeitlos und für jeden, der entweder mit Menschen arbeitet oder generell seine „people skills“ verbessern will, zu unterschiedlichen Graden hilfreich. Als Historiker fand ich die zahllosen Beispiele aus der Praxis häufig amüsant, weil diese deutlich die wesentlich hierarchischere Zeit zwischen 1930 und 1970, als die verschiedenen Auflagen des Buchs entstanden, wiederspiegelt. Ob man die vorgestellten Techniken als unzulässige, verwerfliche Manipulatin empfindet oder als Grundlagen eines besseren Zusammenlebens sei dahingestellt. Als problematisch dürften Besucher dieses Blogs dagegen solche Vorschläge wie „nie über Politik diskutieren“ empfinden. Geht es rein darum, ob einen Leute sympathisch finden, ist das einfache Zustimmen natürlich zuträglicher, aber ob das gesamtgesellschaftlich so praktisch ist? Eine gesunde Skepsis darf man sich durchaus bewahren. Wenn jemand Vorschläge für aktuellere, brauchbarere Bücher in die Richtung hat, gerne in die Kommentare!

James Graham Wilson – The Triumph of Improvisation

Wilson stellt die Periode zwischen 1986 und 1991, als Reagan, Bush und Gorbatschow gemeinsam den Kalten Krieg beendeten, unter das Leitmotiv der Interpretation. Weder Sowjets noch Amerikaner folgten einem festgelegten Plan, sondern improvisierten in einer sich rapide wandelnden Welt Reaktionen, die letztlich zu dem – bei weitem nicht vorgezeichneten – Ergebnis des Zusammenbruchs der Sowjetunion führten. Wilson ist besonders positiv gegenüber dem außenpolitischen Establishment in Washington eingestellt, das unter Reagan an die Macht kam und in personeller Kontinuität zu Bush überlebte. Ohne Kritik bleibt das glücklicherweise nicht; besonders die tief ideologisch gefärbten Ansichten Reagans und seiner unmittelbaren Berater (die nicht aus dem wesentlich pragmatischeren und glücklicher agierenden Bush-Zirkel kamen) zerstörten immer wieder Fortschritte und setzten sie mutwillig aufs Spiel. Wilson ist besonders gut darin, die widersprüchlichen Fraktionen innerhalb des außenpolitischen Establishments auf beiden Seiten herauszuarbeiten und ständig deutlich zu machen, wo Alternativen bestanden und warum sich die Akteure so entschieden, wie sie sich entschieden, so dass das Ende des Kalten Krieges weniger als vorbestimmtes Ergebnis von strukturellen Faktoren oder brillanter magischer Fähigkeiten Reagans erscheint, sondern vielmehr als eines von vielen möglichen Ergebnissen, und eines, das die jeweiligen Akteure eigentlich nicht anstrebten. Unbedingt empfehlenswert!

George R. R. Martin – A Feast for Crows // George R. R. Martin – Zeit der Krähen, George R. R. Martin – Die dunkle Königin

Der vierte Teil des Zyklus vom „Lied von Eis und Feuer“, der inzwischen unter der Verfilmung „Game of Thrones“ wesentlich bekannter geworden ist, genießt in der Fangemeinde einen etwas gespaltenen Ruf. Ich gehöre zur (wachsenden) Gruppe derjenigen, die in diesem Band (und seinem Nachfolger, A Dance With Dragons, siehe unten) den (bisherigen) Höhepunkt der Saga sehen. In „Feast“, das die Hälfte der Geschichte mit einem Fokus auf King’s Landing, Dorne, den Iron Islands und Braavos bietet, entwirft Martin mit visionärem Blick überlappende Narrative und Leitmotive und hebt die Serie von ausgezeichneter Fantasyliteratur in den Status von Hochkultur. Es ist kein Wunder, dass der Schreibprozess sich so lange hinzog, wie er es tat. Selten war ein Titel so aussagekräftig wie hier. Um Euron Crowseye zu zitieren: „All of Westeros is dying.“ Der Verfall ist überall mit Händen zu greifen, das Abflauen nach dem „Sturm der Schwerter“. Normalerweise befassen sich Fantasygeschichten nie damit, wie jemand nach einem großen Krieg Frieden zu schließen versucht. Hier ist es der gesamte zweite Akt, und es zeigt sich schnell, dass der Sieg auf dem Schlachtfeld der einfache Teil war – eine Lektion, die so manchem Zeitgenossen zu lernen angeraten wäre.

Robert J. Gordon – The Rise and Fall of American Growth

In diesem absolut brillanten Werk, das zusammen mit Cowies „Great Exception“ eine Hauptquelle für die Artikelserie über Glanz und Elend der Sozialdemokratie war, zeigt Gordon die Entwicklung des amerikanischen Lebensstandards zwischen 1870 und 1970 auf. Das Buch ist in zwei Teile gespalten; einmal die Entwicklung zwischen 1870 und 1940 und einmal die zwischen 1940 und 1970. Der Grund für diese Spaltung ist eine von drei zentralen Thesen aus dem Buch: dass (These eins) der gigantische und nie dagewesene Anstieg des Lebensstandards seit 1870 (These zwei) einmalig und unwiederholbar durch (These drei) eine Reihe grundlegender Innovationen im Bereich des vernetzten Haushalts bedingt sei. Die wesentlichen Technologien waren 1940 alle erfunden, danach – so Gordons These – wurden sie verbreitet und verbessert. Spätestens 1970 hatte die gesamte amerikanische Gesellschaft vollen Zugang zu all diesen Technologien, weswegen sich seither das Wachstum unwiderruflich (siehe These zwei) verlangsamt hätte. Dieses Buch ist eine Offenbarung und sollte unbedingt gelesen werden.

Anselm Doering-Manteuffel – Nach dem Boom

Die dritte Hauptquelle für meine Artikelserie über Glanz und Elend der Sozialdemokratie stellt dieser kleine Band meines ehemaligen Lieblingsdozenten dar (mittlerweile emeritiert), in der er zusammen mit einigen anderen Wissenschaftlern eine konzise Geschichte des Ende des Nachkriegsbooms in den 1970er Jahren zeichnet und dafür strukturelle Gründe auszumachen versucht. Ich habe seinerzeit die Hauptseminare besucht, in denen die Grundthesen und das Quellenmaterial dafür durchgearbeitet wurden, und es war eine absolute Bereicherung. Wie leider bei deutschsprachigen historischen Werken üblich ist die Sprache allerdings sehr verdichtet: viele Fremdworte und Schachtelsätze sorgen dafür, dass sich die Gesamtlänge in Grenzen hält, aber angenehme Lektüre sieht anders aus. Dieses Buch ist Arbeit, aber es lohnt sich.

Rüdiger Barth – Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Republik

Dieses Buch habe ich ausführlich hier rezensiert.

Paul Elliot – Legions in Crisis

Wer an römische Legionen denkt, sieht sie im Normalfall in ihrer klassischen hochimperialen Form aufmarschieren, wie sie auf der Trajanssäule (und, anachronistisch, in Asterix) verewigt ist. Helme mit breitem Ohren- und Nackenschutz, Rüstung aus Metallstreifen, rechteckiger Schild und kurzer Gladius, dazu zwei Wurfspeere. Dass nach den „klassischen“ römischen Kaisern bis Marc Aurel noch gut drei Jahrhunderte folgten, ist zwar grundsätzlich bekannt, aber die Ära selbst weitgehend unbekannt, sieht man einmal vom klassischen wie falschen Gibbons’schen Narrativ des stetigen Niedergangs ab. Paul Elliot stellt in seinem Buch dar, wie sich die Legionen in der Zeit der Soldatenkaiser verändert haben. Wer schon immer wissen wollte, warum die Legionäre plötzlich ovale Schilde, lange Schwerter und Kettenhemden tragen, erfährt das hier. Das Buch ist leider nur eingeschränkt gut geschrieben und bekommt nie die Balance zwischen archäologischem Exkurs, ordentlicher Erklärung der Fachbegriffe und eigentlicher Analyse hin, aber das trifft auf viele Werke der Militärgeschichte zu, die eher von Amateuren geschrieben werden (und sich dann mangels Fachkenntnis gerne in steile Thesen verrennen, aber das tut Elliot glücklicherweise dank klug beschränkten Fokus‘ nicht). Von daher ist das Buch nur zu empfehlen, wenn man sich genug für die Militärgeschichte der Legionen interessiert, um über diese Mängel hinwegzusehen.

George R. R. Martin – A Dance with Dragons // George R. R. Martin – Der Sohn des Greifen, George R. R. Martin – Tanz der Drachen

Der bislang letzte Band des „Lied von Eis und Feuer“-Zyklus ist in meinen Augen der beste. Das ist in der Fangemeinde wie bei „Feast“ sehr umstritten, aber nirgendwo erreicht Martin ein derart hohes literarisches Niveau wie hier. Das geht wie bei anspruchsvolleren, komplexen Werken so häufig mit einem gewissen Verlust an Massenkompatibilität einher, der sich allerdings in Grenzen hält: Martin ist ein populärer UND literarischer Autor. So gute Prosa wie in diesem Band allerdings findet sich in den ersten Bänden nicht; Leitmotive sind mit ungeheurer Liebe zum Detail eingewoben, Symbole verstreut, und so weiter und so fort. Auch die Geschichte weiß, wenn man erst einmal über die ursprüngliche Enttäuschung der eigenen Erwartungen hinweg ist, zu begeistern. Ich finde auch immer den Vergleich mit The Expanse instruktiv: dort wird dem Leser alles was er will auf dem Silbertablett präsentiert, aber das macht es sicher nicht besser.

Frank Herbert – Dune // Frank Herbert – Dune: Der Wüstenplanet

Es ist schon knapp zwei Jahrzehnte her, dass ich den Wüstenplanet das letzte Mal gelesen habe. Meine Leseerfahrung dieses Mal ist…gemischt, um es milde auszudrücken. Auf der einen Seite bleibt der Roman ein absolut bahnbrechendes Werk der Science Fiction und läuft geradezu über vor wilden Ideen, die spannend sind und den Leser zum Nachdenken anregen. Auf der anderen Seite sind die Charaktere und die Geschichte ungeheuer langweilig erzählt. Kein einziger der vielen benannten Charaktere in diesem Buch verdient überhaupt die Bezeichnung Charakter; sie alle sind holzschnittartig und haben im Verlauf des Buchs keine Entwicklung. Jeder von ihnen ist zum Ende des Romans effektiv dieselbe Person wie zu Beginn, im Falle von Paul und Jessica Atreides haben sie effektiv nur aufgelevelt. Ich denke daher, ich werde den ursprünglichen Plan, die Lektüre zu nutzen und endlich auch die anderen vier Bände des Zyklus‘ zu lesen, aufgeben. Harte Science-Fiction war noch nie mein Genre, und „Dune“ hat mir wieder einmal gezeigt warum. Da doch lieber Expanse.

Adam Tooze – Crashed: How a decade of financial crisis changed the world // Adam Tooze – Crashed: Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben

Das erst diesen August erschienene Werk von Adam Tooze ist rundheraus empfehlenswert. Tooze, dessen vorherige Werke „Wages of Destruction // Ökonomie der Zerstörung“ und „The Deluge // Sintflut“ ebenfalls unbedingt gelesen werden sollten, ist ein weiteres Meisterwerk gelungen, dessen wirtschaftshistorische Untersuchung bestehende Annahmen über den Haufen wirft und durch geschickte, globale Analysen neue Ansätze zum Verständnis komplexer Themen schaffen kann. Tooze betrachtet die Finanzkrise als ein globales und andauerndes, nun in ihr zehntes Jahr gehendes, Phänomen. Allein das ist revolutionär. In seinem Buch baut er auf mehrere Kernthesen: 1) Die Finanzkrise ist ein amerikanisch-europäisches Produkt, weil die Finanzmärkte derart verschränkt waren, dass sich das gar nicht trennen lässt. 2) Da die Finanzmärkte global operieren, ist die Krise auch global. 3) Finanzpolitik und Finanzmärkte sind zwei Paar Stiefel. 4) Finanzpolitik ist Machtpolitik. 5) Eurokrise und Finanzkrise sind unterschiedliche Ausprägungen derselben Krise. Auf Basis dieser Prämissen betrachtet Tooze die Geschichte der letzten zehn Jahre und bindet damit alles von Subprime-Krediten zu Griechenland, von „Chimerica“ zu TPP, von Ukraine zu Brexit in diesen Zusammenhang ein. Wenn der geneigte Leser nur ein Buch aus dieser Liste lesen wird, sollte es dieses sein.

John Dolan – The War Nerd Illiad

Der „War Nerd“ ist vielen vermutlich besser über sein Blog zur Außenpolitik besonders des Mittleren und Fernen Ostens bekannt, der mittlerweile nach Patreon gewandert ist. Dieses Buchprojekt ist ein spannendes: Dolan schrieb den Gedichtepos des „Ilias“ in moderne Prosa um. Er erzählt dabei dezidiert nicht die Geschichte des Trojanischen Krieges, sondern nur den eigentlichen Teil der Ilias vom Streit zwischen Achilles und Agamemnon zum Begräbnis Hektors. Die Kenntnis der restlichen Geschichte wird schlicht vorausgesetzt. Was das Buch so spannend macht sind einerseits die modernen Übertragungen des alten Epos – erzählt in Prosa, weil „heutzutage Lyrikbände zwar noch gelegentlich publiziert, nicht aber gelesen werden“ – quasi Vers für Vers, aber verständlich mit einer geläufigen Bildsprache, andererseits aber gerade das Behalten des Archaischen Ursprungstexts. Dolan lässt uns in die Gedankenwelt dieser Leute eintauchen und schafft es, dass man die Haltungen von Göttern, Halbgöttern und Königen versteht, deren Mentalität eine uns völlig fremde darstellt. Darin besteht die eigentliche Leistung des sehr empfehlenswerten Buchs.

Timothy Snyder – Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin // Timothy Snyder – Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin

Ein Buch das schon länger auf meiner Leseliste lag und das ich nie abgeschlossen hatte war dieses. Im Sommer habe ich endlich die Muße dafür gefunden. Es war nicht leicht. Es gibt Bücher, die sind schwer zu lesen, psychologisch gesehen. Das hier gehört dazu. Ich musste Snyder immer wieder zur Seite legen und mich von der Lektüre erholen, weil das, was hier geschildert wird, einfach schwer zu ertragen ist. Die Geschichte der kommunistischen und nationalsozialistischen Massenmorde in Osteuropa ist immer wieder aufs Neue erschreckend, selbst wenn man denkt, man habe eigentlich genug darüber erfahren. – Snyders Buch ist ziemlich umstritten, weil er einerseits den Holocaust in eine direkte Relation zu Stalins Massenmorden setzt und diese direkt vergleicht (was ihm oft als Holocaust-Verharmlosung ausgelegt wird, was aber meiner Meinung nach nicht zutrifft) und andererseits, weil er Auschwitz für überbewertet hält und die Erinnerungspolitik attackiert. Für Snyder – und da hat er völlig Recht – wird das dem Thema nicht gerecht, weil der Großteil der Mordopfer der Nazis eben nicht in Auschwitz starb, sondern in den „Bloodlands“ durch fahrende Mordkommandos. Es lohnt sich, sich mit diesem Buch und seinen Thesen auseinanderzusetzen, auch wenn es schmerzt.

Christoph Mauch/Kiran Patel – Wettlauf um die Moderne. Die USA und Deutschland 1890 bis heute

Diese Aufsatzsammlung ist bereits etwas älter, und wenn ich „etwas älter“ sage, meine ich 2006. Dass zwölf Jahre in der Geschichtswissenschaft manchmal eine Ewigkeit bedeuten können, sieht man an dieser Essaysammlung ziemlich gut. Die Autoren, allesamt Experten für deutsche und amerikanische Geschichte, arbeiten immer in Tandems an einem Oberthema (Wirtschaft, Politik, Religion, Einwanderung, Gender, …) und vergleichen die Geschichte der USA und Deutschlands seit 1890. Das geschieht notwendigerweise in ziemlich breiten Pinselstrichen (das Buch ist „nur“ rund 600 Seiten lang), aber das ist nicht grundsätzlich das Problem. In einem in deutschen Geschichtswerken beständig auftauchenden Problem ist die Sprache extrem kondensiert, voller komplizierter Sätze und Fachworte, was die Lektüre eher trocken und anstrengend macht. Breite Vorkenntnisse werden offenkundig vorausgesetzt. Am spannendsten fand ich den Aspekt mit dem Erscheinungsdatum. In vielen der Essays ziehen die Autoren Bezüge zur Gegenwart – was teilweise zu spannenden Effekten führt, etwa wenn der Neo-Imperialismus der amerikanischen Außenpolitik als Grundannahme genommen wird oder die allgegenwärtigen Malls Grundlage der Analyse der Konsumkultur ist. Das war 2006 noch richtig, ist 2018 aber bereits wieder graue Vergangenheit. Verblüffend wie schnell so was manchmal geht.

Rick Wilson – Everything Trump touches dies

Dieses Buch des republikanischen Politikberaters Rick Wilson ist ein einziger langer Rant. Es ist zwar gelegentlich ganz interessant, wenn er sein Insiderwissen aus 30 Jahre Wahlkämpfen einbringt und die Perspektive eines staffers im Weißen Haus unter Trump mit großer (wenngleich ätzender) Einfühlsamkeit darlegt, aber im Großen und Ganzen schreibt sich hier ein Gründungsmitglied der Never-Trump-Conservatives seinen Frust von der Seele. Aber Hölle, er tut es unterhaltsam. Dieses Buch ist für all diejenigen, die Trump und die post-2010 GOP nicht leiden können, ein einziger großer Spaß. Politics as Entertaintment in Reinkultur. Die Tirade an Invektiven Wilsons hat eine geradezu kathartische Wirkung, und genau da liegt mit das Problem: auf einer Welle solchen Hasses wurde Trump schließlich in Weiße Haus gespült. Von daher bleibt die Leseerfahrung zutiefst ambivalent. Wer aber Bedarf nach einem solchen Buch hat, kann zugreifen, denn Wilson ist wenigstens interessant, spritzig und, vor allem, ehrlich: er geht schonungslos mit seinen eigenen Fehlern, Fehleinschätzungen und seiner eigenen Rolle im Abstieg der GOP ins Gericht. Und natürlich basht er permanent die Linken, wer also so was mag, wird hier auch finden was er sucht.

Joe Studwell – How Asia works

Wie bereits das von mir beim letzten Mal empfohlene Poor Economics (englisch, deutsch) ist dieses Buch dazu angetan, das Verständnis von Entwicklungspolitik beträchtlich zu erweitern. Wo sich Poor Economics mit Hilfsorganisationen und extremer Armut beschäftigt hat, sieht sich dieses Buch an, wie asiatische Staaten sich im 20. Jahrhundert industriell entwickelten – oder es nicht taten. Joe Studwell stellt dabei die These auf, dass alle erfolgreiche Entwicklungspolitik auf Friedrich List zurückgeht, dessen Ideen auch die westlichen Industriestaaten gefolgt seien (er nutzt die japanische Metapher des „ökonomischen Flusses“, den alle Länder, wenngleich zu unterschiedlichen Zeitpunkten, befahren). Er macht drei zentrale Punkte aus: Landreform (Privatbesitz von Land), Industrialisierungspolitik (sanfter Protektionismus) und „financial repression“ (Finanzierung derselben). Erst wenn diese Schritte abgeschlossen sind erfolgt der Anschluss an den Weltmarkt mit Deregulierung und Liberalisierung. Studwell geht sowohl mit den sozialistischen als auch den IMF-Entwicklungsideen hart ins Gericht. Seine Argumente sind neu, sie sind überzeugend und sie sollten deutlich mehr diskutiert werden, als sie es gerade werden.

{ 10 comments… add one }
  • kirkd 3. September 2018, 10:07

    Danke, ich nutze Deine Vorschläge gerne und dieses Mal ist besonders viel Vielversprechendes dabei. Bei Frank Herbert machst Du definitiv einen Fehler, kenne allerdings auch niemanden, der auf die Idee gekommen ist, nur ein Sechstel davon zu lesen. Die Einzelteile sind als alleinstehende Lektüre weitgehend sinnfrei.

    Hast Du Pläne das Jubiläumsthema 1918 zu bearbeiten? Ich bin gerade in Teil 3 von Döblins Neovmber 1918. Andreas Platthaus 1918/1919 und Klaus Gietinger November 1918 liegen bereit. Ich suche noch eine Empfehlung zur Münchener Räterepublik. Und: Gibt es was gutes zum Thema Freikorps?

    • Stefan Sasse 3. September 2018, 10:37

      Hatte ehrlich gesagt keine Pläne dazu, nein. Mein aktueller Interessensbereich ist eher Außenpolitik und Geschichte Asiens. Aber wenn du Lust hast eine Besprechung zu schreiben veröffentliche ich das gerne.

      • kirkd 3. September 2018, 12:39

        Ok, vielleicht komme ich darauf zurück.

        Re Asien, besonders empfehlen kann ich Chaudhuri: Trade and Civilisation in the Indian Ocean. Kein allzu langes Buch, dass aber sehr gut die Funktionsweise des Seehandels in dieser Region erklärt.

  • Blechmann 5. September 2018, 07:14

    Dune ist allerdings keine „harte Science Fiction“. Eher das Gegenteil.

    • Stefan Sasse 5. September 2018, 07:20

      Es ist halt nicht dieses typische Science Fantasy à la Star Wars, darauf wollte ich raus. SciFi ist gar nicht mein Fachgebiet, ich lese das normalerweise auch nicht^^

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