Dieter Nuhr ärgert sich über einen dummen Witz von Keir Starmer über die AfD und die Klimakrise – Vermischtes 07.07.2026

Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Die „Fundstücke“ erhalten ausführlichere und thematisch gegliederte Hinführungen zu verschiedenen Artikeln aus den Weiten des Netzes dar. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels empfohlen; ich übernehme keine Garantie für die Richtigkeit oder Vollständigkeit der Zusammenfassungen. Für den Bezug in den Kommentaren sind nummerierte Zwischenüberschriften eingezogen, bitte auf die referieren. Dazu gibt es die „Resterampe“, in der ich nur kurz auf etwas verweise, das ich zwar bemerkenswert fand, aber zu dem ich keinen größeren Kommentar abgeben kann oder will. Auch diese ist geordnet (mit Buchstaben), so dass man sie gegebenenfalls in den Kommentaren referieren kann.

Fundstücke

1) Dieter Nuhr

Der Skandal de jour ist ein reichlich missratener Witz von Dieter Nuhr, der sich über Femizide lustig machte. Ich sehe in solchen Ausrutschern eine Art Unausweichlichkeit: das Geschäftsmodell dieser Leute ist Provokation im Graubereich des Erlaubten, daher kommt der Humor ja. Das „ich spreche aus was Sie nur denken“ ist die Idee des Ganzen. Wer ständig die Grenze dehnt, wird sie irgendwann zu weit überschreiten. Das ist quasi statistische Gewissheit. Und auch völlig unabhängig von der politischen Gesäßgeografie. Leider auch davon unabhängig ist das Beleidigte-Leberwurst-Spielen der dergestalt Gemaßregelten. Da wird dann immer die Kunstfreiheit hochgehalten und betont, dass Satire alles darf und so weiter. Klar, aber wenn sie für einen Skandal sorgt und daneben ist, dann ist sie das halt, und man muss dann mit dem Gegenwind leben. Entweder ist man der Überzeugung, alles richtig gemacht zu haben, und kann bei der Meinung bleiben – oder man gesteht halt ein, dass man vielleicht übers Ziel hinausgeschossen ist, sich schlecht ausgedrückt hat und so weiter. Aber ob Böhmermann oder Nuhr, das scheint nie zu gehen.

Zu Nuhr spezifisch noch ein paar Fundstücke. So erklärt Arno Frank im Spiegel: „Es ist das erleichterte Lachen der Überforderten, die sich in ihrer Ignoranz bereits häuslich eingerichtet haben.“ Ich finde hier vor allem die Beobachtung des Überfordertseins relevant, weil das ja genau das Problem ist, das die Leute mit dem Thema haben: sie fühlen sich von den neuen sozialen Normen überfordert. Und reagieren entsprechend pissig. Verheerender urteilt Simon Strauß in der FAZ: „Comedy, die sich selbst zur Alternativzentrale für politische Bildung degradiert und dabei Polemik mit Pointen verwechselt. Sie gibt sich zufrieden damit, wenn Köpfe nicken oder geschüttelt werden – das Lachen aber kommt einem bei ihr nicht einmal mehr bis zum Hals.“ Hier sieht man wieder einmal den Unterschied zwischen den echten Bürgerlichen (die Anstand und Niveau kennen) und denen, die nur so tun als ob. A propos: Anna Schneider sieht natürlich in „Dieter Nuhr keine Gefahr„. Nun, eine Gefahr erkenne ich auch nicht. Er hat halt daneben gelangt und spielt jetzt beleidigte Leberwurst (die es mit der eingeforderten Meinungsfreiheit natürlich nicht hat und nicht genehme Zeitungsartikel anwaltlich verfolgt; siehe „Einatmen, Dieter, ausatmen!„). Aber Strohmänner sind natürlich schön. By the way: noch vor Kurzem erklärte Fatina Kellani durch „das ZDF die nationale Sicherheit gefährdet“ (Böhmermann). Linke Satire ist also schon gefährlich.

2) Keir Starmers Ende

Keir Starmers unrümlicher Abgang aus der Downing Street 10 ist Anlass für diverse Analysen, wie Labour von einem gigantischen Wahlsieg so tief fallen konnte. Für mich ist das wenig überraschend; ich hatte schon anlässlich der Wahl kommentiert, dass das keine Pro-Labour-Mehrheit war, sondern ein frustrierter Vernichtungsschlag gegen eine konservative Partei, die sich völlig ins Abseits geschossen hatte – in einer Lage, in der unklar war, ob sie sich würde berappeln können oder ob Reform ihren Mantel übernehmen würde. Die Debatte dürfte nun weitgehend abgeschlossen sein. Entsprechend kann der neue Premier Burnham im Atlantic auch als „Britain’s Last Chance Before Farage“ gehandelt werden – genau das ist er nämlich. Gelingt es Burnham nicht, Labour zu stabilisieren, so werden die Rechtsradikalen mit Sicherheit das Land übernehmen. Dass Labour nicht mit maximaler Beliebigkeit würde die Leute halten können, dürfte wenig ebenso wenig überraschend gewesen sein; Steffen Lüdke beim Spiegel nennt Starmer deswegen „Sir Sowohlalsauch„.

Idiosynkratisch wird die britische Position grundsätzlich durch den Brexit, den Christoph Schlitz ambivalent als „ersten substanziellen Erfolg der Rechtspopulisten in Europa“ bezeichnet. Substanziell in dem Sinne, als dass er etwas massiv verändert hat, nicht in dem Sinne, dass er erfolgreich war. Aber gerade trotz des gigantischen Brexitdesasters steigt Reform in der Wählendengunst, war der Brexit doch stets eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde, ein tolles Programm, das noch nicht richtig versucht wurde, und wenn man nur härter brexitet, dann werden die versprochenen Milch und Honig fließen. Mit solchen Versprechen hat sich der Sozialismus immerhin vier Jahrzehnte an der Macht gehalten. Ebenfalls idiosynkratisch ist Großbritannien auf einem positiveren Feld, denn anders als die meisten demokratischen Politiker*innen hat man bei Labour erkannt, wer der schlimmste Feind ist, und versucht, „die Demokratie vor Elon Musk zu retten“. Hoffen wir, dass es gelingt.

Gleichzeitig ist auch auffällig, dass der massive Fall gar nicht an den politischen Handlungen selbst liegen kann. Die Regierung war, besonders verglichen mit ihren Torie-Vorgängerinnen, recht kompetent, skandalfrei und hatte diverse grundsätzlich gute Policies im Programm (siehe zu all dem auch hier). Ich halte den Grund dafür für tiefer gehend, und ich habe dazu auch bald jemanden im Podcast. Stay tuned!

3) Klimaschutz

Beim Klimaschutz haben wir es gerade wieder mit zahlreichen Horrormeldungen zu tun. Höchsttemperaturen in vielen europäischen Ländern (über 41 Grad in Deutschland, in Frankreich wird inzwischen die 50 auf die Wetterkarten gepinselt; Meere so warm wie noch nie um diese Jahreszeit, und so weiter). Getan wird relativ wenig. Stefan Weichelt hat einen lesenswerten Artikel zu den Kosten des Klimanichtschutzes, der ständigen Verzögerung an allen Ecken und Enden, und stellt da den Vergleich mit der Rente an. Ich erwarte jetzt nicht, dass Merz da eine Reform Vorschläge ausarbeiten lässt. In der Zwischenzeit haben wir völlig absurde Meldungen wie „Schulministerium erlaubt nun Hitzefrei für alle Schüler“, wo selbst einem Manuel Hagel nur einfällt, dass er ja auch schwitzende Kinder hat. Dass massiver Unterrichtsausfall eine adäquate Antwort auf die katatrophalen Schulgebäude sind, ist auch ulkig, vor allem vor dem Hintergrund der Debatte um die Corona-Ausfälle. By the way, Wärmepumpen sind immer günstiger als Gasheizungen. Immerhin gibt es auch gute Nachrichten, denn egal, wie sehr Katherina Reiche zu blockieren versucht, die Energiewende läuft auch ohne sie weiter.

4) AfD

Weiterhin bleibt das Feld der gewünschten Maßnahmen, was so gegen den Aufstieg der AfD alles tun sollte, disparat und widersprüchlich. Einige aktuelle Beispiele kann ich gleich liefern.

Da wäre einmal ein Forderungskatalog in der Welt, was die AfD jetzt tun muss, um koalitionsfähig zu werden. Ich sage ja schon lange, dass ich das für eine viel sinnvollere Herangehensweise halte als eine prinzipielle Ablehnung. Ironisch ist, wer den Artikel geschrieben hat: Bernd Lucke. Eher geschmacklos ist, dass er das mit der SPD 1959 vergleicht: ja sicher, Bad Godesberg war ein wichtiger Schritt zur Koalitionsfähigkeit, aber die SPD war eine demokratische Partei, auch 1949. Die AfD ist das nicht.

Etwas ambivalent bin ich in der Bewertung eines Spiegel-Leitartikels: Was hilft gegen den Aufstieg der Partei? Auf die Straßen! Von sich aus tut das nämlich erstmal nichts. Die größten Demonstrationen der deutschen Geschichte fanden gegen Rechts statt, und sie verpufften weitgehend, weil das Engagement der Zivilgesellschaft von der Politik nicht aufgegriffen wurde. Man könnte sogar sagen, dass da eine richtige Furcht davor bestand, eine Art Berührungsangst.

Und dann haben wir noch den Versuch, das Gute im Bösen zu sehen. Der konservative Althistoriker Michael Sommer sieht in dem, was die AfD an deutschen Schulen und Universitäten verändern will, durchaus richtige Elemente. Natürlich hat er damit nicht Unrecht, aber wenn man das Ganze eindampft, läuft es ein bisschen auf das alte Autobahnen-Argument hinaus. Nur weil auch die AfD feststellt, dass eine Bildungskrise besteht, wird das ja nicht falsch. Aber was daraus folgt, lässt Sommer genauso strategisch im Unklaren wie die anderen Apologeten. Ohne konkrete Forderungen, wie sie Lucke immerhin erhebt, ist das nutzlos. Und angesichts der klaren Gefahr der AfD gerade im Bildungsbereich („Lehrkräfte, die dagegenhalten, werden diffamiert, an den Pranger gestellt, eingeschüchtert“) und ihrer aggressiven und rechtlosen Drohungen muss man da echt aufpassen.

Resterampe

a) Klasse Kommentar zur Klimaanlagendebatte.

b) Die wahre Gefahr des KI-Plagiats.

c) Überall Faschisten? Keine Kritik an der Kritik, aber ich habe das Gefühl, es lohnt sich nicht wirklich, sich darüber aufzuregen. Die gleiche Zeitung hat ja auch kein Problem, inflationär den Sozialismusbegriff zu nutzen und überall die DDR zu wittern. Siehe zum Thema auch hier: Luigi Pantisano: Faschismus-Vergleich ist ahistorisch, unklug und gefährlich.

d) Plebiszitäres Verführungspotential direktdemokratischer Instrumente.

e) The Myth of SpaceX. Aktienmarkt doing Aktienmarkt things.

f) The Black Soldiers Who Changed the Meaning of the Civil War. Dieser Mythos von rechts, im Bürgerkrieg sei es nicht um Sklaverei gegangen, ist auch nicht totzukriegen.

g) Der kluge Podcast-Auftritt der Ricarda Lang.

h) Rewiring Democracy After Orbán. Dazu: Vom Regen in die Traufe? Wie Ungarns neue Regierung die Demokratie zerstört.

i) The Cult of Delayed Gratification Is a Lie. Es ist echt krass, wie viele dieser Stories nicht stimmen – und wie viel konkrete Programme darauf fußen.

j) MAGA-Pläne.

k) Vorauseilende Neutralität.

l) Wie ich neulich fast Katherina Reiche verteidigt hätte.

m) Wissenschaftliches Schreiben und KI – wie ein fundamentales Missverständnis die Lehrentwicklung blockiert.

n) Elon Musk ruft beiläufig zur Ermordung seiner innenpolitischen Gegner auf.

o) Zu Krugmans intellektueller Wende.

p) Deutschland scheitert bei der WM: Die Verzwergung einer einst großen Fußballnation. Der Doomerismus macht echt nirgends Halt.

q) Natürlich braucht es keine Brandmauer gegen links. Schneider wenigstens konsequent, wobei es aktuell halt auch egal ist. Es gibt dafür ja keine Mehrheiten. Schauen wir mal wie das klingt, wenn es tatsächlich welche geben könnte.


Fertiggestellt am 3.7.2026

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