Rezension: Hedwig Richter – Eine deutsche Affäre

Mit ihrem Buch „Demokratie. Eine deutsche Affäre“ hat Hedwig Richter, Professorin für Geschichte an der Bundeswehruniversität in München, einen Bestseller hingelegt, der 2020/21 für eine lebendige Debatte gesorgt hat. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart untersucht sie in einem großen Bogen das Verhältnis der Deutschen zur Demokratie, und wie der Buchtitel schon verrät, stellt sie sich gegen die beliebten Sonderwegs-Narrative, die den Deutschen ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie unterstellen, und attestiert ihnen stattdessen eine „Affäre“ mit ihr.

Das mag auf den ersten Blick überraschen, ist aber auf den zweiten Blick gar nicht so weit hergeholt, vor allem, wenn man den historischen Rahmen anschaut. Freiheit und Parlemantarismus waren in Deutschland über Jahrzehnte praktisch gleichbedeutend mit der Nation. Von den Befreiungskriegen zum Vormärz, von 1848 bis zur Parlamentarisierung 1918, von Weimar über Herrenchiemsee lassen sich klare Kontinuitäten ausmachen. Die NS-Zeit ist es, die als der große Zivilisationsbruch einer allzu rosigen Betrachtung im Wege steht, ebenso wie die Obrigkeitsstaatlichkeit so vieler Aspekte des Kaiserreichs.

Richter stellt für die Argumentation vier zentrale Thesen auf, auf die sie im Verlauf immer wieder zurückkommt: Demokratie sei eine Sache von Eliten, die das allgemeine Wahlrecht eher gegen den Widerstand der breiten Masse durchgesetzt haben. Demokratie sei eine Sache von Reformen, wogegen Revolutionen sich (mit wenigen Ausnahmen) eher als schädlich gezeigt hätten. Demokratie sei „wesentlich eine Geschichte des Körpers, seiner Misshandlung, seiner Pflege, seines Darbens – und seiner Würde“. Und Demokratie sei eine internationale Geschichte.

Letzterer Punkt dürfte der Unstrittigste sein. Die europäische Dimension der Revolution(en) von 1848 etwa wird bereits seit Längerem in Forschung und Unterricht herausgestellt. Auch der Blick in die USA ist immer instruktiv, wo sich im 19. Jahrhundert ein Prozess der Demokratisierung vollzog, der schlussendlich sogar in einen Bürgerkrieg mündete. Während Richter zwar immer wieder den Blick aufs Ausland lenkt, bleibt der Fokus aber klar auf Deutschland gerichtet. Und hier spielen vor allem die ersten beiden Punkte eine zentrale Rolle.

Dass die Liberalen des frühen 19. Jahrhundert, die durch den Vormärz hindurch für Verfassung und Rechtsstaat stritten, zur Elite des Landes gehörten, dürfte unbestritten sein. Auffällig ist, dass die Wahlverfahren der damaligen Zeit mit unseren heutigen Ansprüchen – gleich und geheim – nichts zu tun hatten; sie waren langwierige und ätzende Rituale mit beschränkter Entscheidungsmacht. Konsequenterweise entzogen sich viele Menschen diesen Wahlen – und forderten die Liberalen eine Demokratisierung des Wahlrechts (die immer auch mit einer impliziten oder expliziten Wahlpflicht einherging!) GEGEN den Willen derjenigen, die damit beglückt werden sollten. Diesen langen und kleinschrittigen Prozess sieht Richter als essenziell für das lange Einüben demokratischer Verhaltensweisen an, die Deutschland später sehr zugutekommen würden.

Diese Rolle der Eliten paart sich mit einer Ablehnung von Revolutionen, die als schädlich für das demokratische Projekt gesehen werden. Vorbild ist dabei vor allem die Französische Revolution, die in der napoleonischen Tyrannei endete, ein Schicksal, das die Liberalen unbedingt vermeiden wollten. Daher ihre Präferenz für Reformen, eine Linie, die Richter vorbehaltlos als richtig betrachtet. Selbst in den Revolutionen von 1848 und 1918 sieht sie mehr Ansätze für reformerisches Vorgehen als radikale Umsturzpläne; die Vertreter von Letzteren bleiben stets eine winzige Minderheit, die denn auch, anders als etwa in Russland, nicht gegen die tradierten Vorlieben ankommen.

Der mit Abstand innovativste Ansatz von Richters Darstellungen aber ist ihre Betonung der Körpergeschichte. Aus der Verfügungsgewalt über den eigenen Körper leitet sie die Demokratisierung her: ohne eigenen Körper kann es keine politische Mitsprache geben. Diese Gleichsetzung sorgt bis heute für die natürliche Ausgrenzung von Unterschichten, Frauen, Minderheiten, Sklav*innen und Kindern. In dem Maße, in dem (natürlich über Reformen!) Gruppen die Verfügungsgewalt über ihre Körper erlangten, wurde ihr Ausschluss aus der Politik zunehmend schwieriger zu rechtfertigen und schrittweise überwunden, von der Abschaffung der Sklaverei über das preußische Dreiklassenwahlrecht bis zum Frauenwahlrecht.

In dieser Struktur führt Richter durch die deutsche (und schlaglichtartig internationale) Demokratiegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Vor allem die Hochzeit der Liberalen im 19. Jahrhundert wird dabei sehr positiv in Szene gesetzt, führt aber auch zu der bereits von mir jüngst angesprochenen Neubewertung des Kaiserreichs. Richter betont vorrangig die progressiven Elemente des Kaiserreichs. Sie verleugnet dessen dunkle Seiten nicht, hält sich aber abseits einer kurzen Benennung derselben überwiegend nicht groß mit ihnen auf. Aus meiner Sicht ist das unproblematisch, sind sie doch sattsam bekannt und geradezu überbetont.

Merklich ist ohnedies, dass die progressiven Seiten samt und sonders gerade nicht vom Obrigkeitsstaat herrühren, sondern im Gegensatz zu ihm stehen. Richter lenkt immer wieder den Blick auf die Bedeutung der Sozialdemokratie in der Demokratisierung weiter Unterschichten, sie hebt die Rolle der Frauenbewegung hervor und weiß den Machtkampf des Reichstags in Szene zu setzen, der gegen Ende des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg mit Macht nach vorne drängt.

Wesentlich kontroverser dürfte da schon die demokratisierende Wirkung des Ersten Weltkriegs sein. Denn dieser wird üblicherweise eher als Vorbedingung für den Absturz in die Schrecken des Nationalsozialismus erzählt, was auch nicht falsch und für Richter kein Widerspruch ist. In einem der kontroversesten Kapitel des Buches verbindet sie Nationalsozialismus (und Faschismus und Kommunismus) direkt mit der Demokratisierung: ohne eine egalitäre, stimmberechtigte Masse wären diese Totalitarismen nicht vorstellbar gewesen. Das ist sicherlich richtig, gleichwohl bleibt dieses Kapitel für mich das Unbefriedigendste. Ohne dass ich den Finger genau darauf legen könnte, woran das genau liegt, scheint es mir zu kursorisch, zu knapp gehalten und verdient eine stärkere, ausführlichere Analyse.

Am Ende geht Richter dann wohl etwas die Puste aus. Die Kapitel zur BRD lesen sich eher wie eine Pflichtübung, die im Telegrammstil die bekannten Entwicklungen aufzählt und in die Struktur ihres Buches packt. Auch die Ergänzungen zur DDR enthalten wenig Neues. Die spannenderen Elemente finden sich eher in den ersten zwei Dritteln, in der Entstehungsgeschichte der Demokratisierung, der Entwicklung des Vier-Ebenen-Modells und der Neubewertung des Kaiserreichs.

Empfehlenswert ist das Buch gleichwohl nachdrücklich. Zum Einen ist Richter, ungewöhnlich genug für deutsche Historiker*innen, leicht und eingänglich zu lesen, in Teilen sogar spritzig, und zum Anderen ist die Bedeutung von Demokratie, Demokratisierung und der damit verbundenen Mechanismen solcherart, dass die Beschäftigung mit ihnen, selbst wenn man den pointierten Thesen nicht vollen Herzens zustimmen mag, ungeheuer wertvoll.

Wer übrigens an einer „wissenschaftlicheren“ und wesentlich negativeren Rezension (einschließlich einer ausführlichen Replik Richters) interessiert ist, wird bei HSOZ-Kult fündig.

{ 44 comments… add one }
  • R.A. 17. Januar 2022, 10:17

    Sehr interessant.
    Die Körpertheorie kann ich nicht wirklich nachvollziehen, dazu muß man wohl das ganze Buch lesen.

    Das mit dem intensivem Verhältnis zur Demokratie würde ich auf jeden Fall unterschreiben.
    Insbesondere auch weil das vor dem betrachteten Zeitraum schon viel stärker ausgeprägt war als in den meisten Vergleichsländern: Nicht nur daß die relativ demokratisch regierten Städte politisch viel wichtiger waren als anderswo, die ganze Reichsstruktur mit Reichstag und Kaiserwahl war im Kern demokratischer als die üblichen Monarchien. Wenn natürlich auch auf die Mitwirkung einer Elite beschränkt. Aber eine breitere Elite als im übrigen Europa und die Mitwirkung war eben ganz tief institutionell verankert.

    Dazu kommt dann die besonders starke Rechtsstaattradition in Deutschland, die ja eng mit der Entwicklung der Demokratie zusammenhängt.

    • Stefan Sasse 17. Januar 2022, 10:43

      Sorry, wenn ich da keinen guten Job gemacht habe, aber die Lektüre lohnt!

      Korrekt, man muss aber aufpassen, das nicht überzubewerten. Es gab mehr Mitsprache- und Vetorechte, aber demokratisch war das nicht. Die Reichsstände waren der Adel. Auch die polnische Adelsrepublik war ja keine Demokratie. Ich finde es gerade Richters Verdienst zu zeigen, dass diese Elitenbeteiligung am Staatswesen eben noch nicht Demokratie konstitutiert.

      Korrekt.

      • R.A. 17. Januar 2022, 17:43

        „wenn ich da keinen guten Job gemacht habe“
        Hast Du, das war mehr ein Reminder für mich selber.

        „aber demokratisch war das nicht.“
        Im Rahmen der Zeitumstände schon. Bei den Reichsstädten als dritter Kammer waren fast keine Adeligen dabei.
        Es ist m. E. falsch, „Demokratie“ anhand moderner Maßstäbe zu definieren. Schon die attische Demokratie war die Herrschaft nur einer elitären Minderheit.
        Demokratie ist in meinen Augen, wenn gewählte Vertreter Entscheidungen treffen. In der polnischen Adelsrepublik ging es nicht um Wahl, sondern alle Adligen durften qua Geburtsrecht mitmachen.

        • Stefan Sasse 17. Januar 2022, 18:32

          Korrekt, deswegen fängt Richter ja auch zu um die Jahrhundertwende 18. zu 19. an, weil man erst da den Begriff im heutigen Sinne zu gebrauchen beginnt.

          • R.A. 17. Januar 2022, 20:17

            Das ist methodisch natürlich sinnvoll. Man kann das am moderneren Demokratie-Begriff festmachen und dann sind wir erst im 19. Jahrhundert.

            Aber wenn man speziell Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern betrachtet ist die Vorgeschichte m. E. relevant. Denn es ist halt ein Unterschied, ob ein Volk an eine absolut herrschende Monarchie gewohnt ist oder an eine, bei der es erhebliche Mitwirkungsmöglichkeiten gibt.

            Bei den meisten Vergleichsländern beschränken sich die Mitwirkungsmöglichkeiten ja rein aus Finanzielle, d.h. der Monarch muß sich zusätzliche Steuern genehmigen lassen. Ansonsten aber regiert er alleine. Auch das englische Parlament hatte bis ins 19. Jahrhundert wenig echte Mitwirkungsrechte, das französische ohnehin nicht.
            Dagegen hatte der Reichstag zusätzlich zu den Finanzfragen ein weitgehendes Gesetzgebungsrecht und durfte auch über Krieg und Frieden entscheiden – in den übrigen Monarchien undenkbar.

            • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 08:17

              Das war ja im HRRDN ein eher theoretischer Aspekt. Der Reichstag trat selten zusammen, und Kriege führen konnte das Reich eh nicht. Gleiches gilt für Finanzen – die Finanzen von was? Das Reich hatte ja praktisch keine. Das redest du glaube ich etwas zu schön.

              • R.A. 18. Januar 2022, 10:10

                „Der Reichstag trat selten zusammen …“
                Ganz im Gegenteil: Er trat häufig zusammen, oft auch gegen den Willen des Monarchen (ebenfalls in anderen Ländern undenkbar) und ab 1663 als „immerwährender Reichstag“ war er kontinuierlich tätig (auch sehr unüblich).

                „Kriege führen konnte das Reich eh nicht.“
                Es konnte und es hat Kriege geführt. Auch eigenständig ohne den Kaiser (das hat Ludwig XIV. richtig in Probleme gebracht).

                „Das Reich hatte ja praktisch keine.“
                Das Reich hatte keinen kontinuierlichen Haushalt, hat aber „projektgebunden“ (sprich für konkrete Kriege) erhebliche Steuersummen eingehoben und ausgegeben.

                „Das redest du glaube ich etwas zu schön.“
                Reichsverfassung in der frühen Neuzeit war ein Studienschwerpunkt.

                • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 10:13

                  I stand corrected. Da hast du mir schön die Oberflächlichkeit meiner Kenntnisse zur frühen Neuzeit aufgezeigt. Gar nicht meine Epoche. Danke dir!

  • Thorsten Haupts 17. Januar 2022, 11:25

    Der mit Abstand innovativste Ansatz von Richters Darstellungen aber ist ihre Betonung der Körpergeschichte.

    ??? Innovativ? Habeas Corpus war in der angelsächsischen Welt der zentrale Rechtsanspruch des Individuums gegen Übergriffigkeit der Obrigkeit seit (und vor) der Magna Charta.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Stefan Sasse 17. Januar 2022, 12:34

      1) Es geht um die Kategoriesierung als historische Kategorie.
      2) Richters Argumentation läuft auf die Demokratisierung genau dieser Idee raus. Dass die Briten früher draufkamen als die Deutschen ist unbestritten.

  • Thorsten Haupts 17. Januar 2022, 11:28

    … die ganze Reichsstruktur mit Reichstag und Kaiserwahl …

    Ja. Das HRRDN war im Kern eine Adelsrepublik – und die haben, siehe Polen, historisch nie funktioniert :-).

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Stefan Sasse 17. Januar 2022, 12:35

      „Nie funktioniert“ ist eine spannende Aussage für ein System, das Jahrhunderte Bestand hatte.

    • R.A. 17. Januar 2022, 17:45

      „Das HRRDN war im Kern eine Adelsrepublik“
      Nein. Die Reichsstädte als wesentliche Komponente des Reichstags waren (fast) nicht adlig.

      „und die haben, siehe Polen, historisch nie funktioniert“
      Das ist deutlich falsch.
      Polen hat über viele Jahrhundere sehr erfolgreich „funktioniert“, dito viele andere Adelsrepubliken (z. B. Venedig und andere italienische Stadtstaaten).
      Das Problem in Polen war letztlich das „liberum veto“, das gab es sonst nirgends.

  • CitizenK 17. Januar 2022, 11:38

    „die besonders starke Rechtsstaattradition in Deutschland“

    ?
    Magna Carta: 1225
    Habeas Corpus Act: 1679
    Bill of Rights England :1689
    Bill of Rights USA: 1789/91
    Code Civil: 1804

    Das Preußische Allgemeine Landrecht (1794) bewahrte die ständische Ordnung, z. B. die Gutsuntertänigkeit. Revision ab 1807 – allerdings nur formal, nicht materiell. Grundrechte in der Verfassung erst 1919.

    • Stefan Sasse 17. Januar 2022, 12:35

      Ich glaube, dass die Angelsachsen früher dran waren ist unbestritten, aber die Deutschen haben eine wesentlich stärkere Rechtsstaatstradition als, sagen wir, Polen.

      • cimourdain 17. Januar 2022, 19:06

        Polen hat sich 1791 ein Verfassung gegeben und ist damit unter den ‚modernen‘ Verfassungen nach westlichem Verständnis auf Platz 3 (nach Korsika und den USA) [Was mittelalterliche ‚Verfassungen betrifft, so ist das Statut von Kaschau zeitlich nicht so viel später als die Goldene Bulle]

    • R.A. 17. Januar 2022, 17:58

      „Magna Carta: 1225
      Habeas Corpus Act: 1679
      Bill of Rights England :1689“
      Da wurden letztlich nur Rechte formuliert, die auf dem Kontinent weitgehend schon gewährleistet waren (als Gewohnheitsrecht).
      Die Bedeutung dieser englischen Gesetze liegt darin, daß sie einen Prozeß gestartet haben, der ganz am Ende zur modernen Demokratie führten.
      Aber am Anfang startete dieser Prozeß auf einem extrem niedrigen Niveau.
      Durch die normannische Eroberung waren die vorher üblichen Untertanenrechte weitgehend abgeschafft worden, der englische König hatte eine viel stärkere Macht als seine kontinentalen Kollegen. Es hat lange gebraucht (bis zum englischen Bürgerkrieg) bis England überhaupt wieder auf Level war.

      Parallel hat sich in Deutschland ein Rechtsstaat entwickelt, der allen übrigen größeren Staaten deutlich überlegen war (war schlicht nötig, weil das Reich so groß und heterogen war, daß es gewisse Grundregeln brauchte die nicht nur lokales Gewohnheitsrecht waren).

      Das Reichskammergericht war eine bahnbrechende Entwicklung. Heute nur noch bekannt wegen der Kritik in seiner Spätzeit („lange Bank“), aber das war im Prinzip weltweit die erste Möglichkeit für Untertanen, nach gesetzlichen Vorgaben ihre Feudalherren zu verklagen. Und nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch durchsetzbar (konnte halt auch mal ein paar Jahrzehnte dauern …).

      Den Unterschied sieht man bis heute: Wenn französische Bauern unzufrieden waren, haben sie den Steuereintreiber erschlagen oder heute blockieren sie die Straßen. Deutsche Bauern haben Klage eingereicht (und oft Recht bekommen), heute geht man vors Verwaltungsgericht (eine sehr spezielle deutsche Institution).

      „Bill of Rights USA: 1789/91
      Code Civil: 1804“
      Das ist sehr spät. Da überholen die Amis das deutsche Vorbild und werden umgekehrt zum Vorbild für deutsche Reformer. Code Civil ist sehr spät (da ist das alte Reich fast schon platt) und nur beschränkt wirksam, da natürlich kein Untertan gegen Napoleons Diktatur klagen konnte.

      • Stefan Sasse 17. Januar 2022, 18:33

        Ah, mach das Reichskammergericht nicht schlecht, das kommt auch in einer Anekdote zu Friedrich II. vor 😉

      • CitizenK 17. Januar 2022, 19:05

        „Deutsche Bauern haben Klage eingereicht (und oft Recht bekommen)“

        In dieser Allgemeinheit eine sehr gewagte These. Das HRRDN (originelle Abkürzung, btw) bestand bis 1804, wenn ich mich nicht irre.

        Schon Jahrhunderte vorher kam es zu Aufständen (Bauernkrieg, Armer Konrad). Warum, wenn die Bauern auch zum Gericht hätten gehen können, um ihre Rechte zu wahren?

        • R.A. 17. Januar 2022, 19:40

          „Warum, wenn die Bauern auch zum Gericht hätten gehen können, um ihre Rechte zu wahren?“
          Verschiedene Gründe:
          – der Ausbau des Rechtssystems (eben auch für Untertanen) war eine späte Entwicklung (letzte beide Jahrhunderte des HRR). Vorher war der Aufstand die wesentliche Option.
          – Manchmal reichte die Geduld nicht für den Rechtsweg.
          – Religiöse Gründe waren nicht justiziabel.
          Letzteres war entscheidend für den „großen Bauernaufstand“, der im Kern reformatorisch begründet war. Daß dieser Bauernaufstand bis heute so präsent ist, liegt aber im wesentlichen daran, daß er eben eine Ausnahme war. In Deutschland waren solche Aufstände selten, anderswo die Regel.

          • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 08:16

            Die soziale Dimension sollte man da nicht wegreden; Religion war ja immer auch ein toller Legitimationsgrund.

          • CitizenK 21. Januar 2022, 17:24

            Eigentlich wollte ich Dich widerlegen – mit den 12 Artikeln der Bauerndelegation von Memmingen 1525. Beim Nachlesen zeigte sich dann, dass sie Deine Sicht eher bestätigen.

            Bundespräsident Köhler jedenfalls bei einer Rede zur Verleihung des „Memminger Freiheitspreises 1525“:
            „Damit stehen die Memminger Bauernartikel am Anfang eines Weges, der bis zu den Erklärungen der Menschenrechte und der überall geltenden Menschenwürde führt.“
            https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Horst-Koehler/Reden/2009/03/20090320_Rede.html

            (Der Initiator des Preises, MdL )“Müller erinnert sich an eine Reise nach Washington Mitte der 90er Jahre. An der Georgetown-Universität habe ihn die Vizepräsidentin sofort unterbrochen, als sie seinen Heimatort erfuhr, und sagte: „Memmingen, das ist die Stadt der zwölf Bauernartikel.“

            https://www.allgaeuer-zeitung.de/allgaeu/memmingen/joachim-gauck-kommt-nach-memmingen_arid-358273

        • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 08:14

          Wenn ein Bauer Klage eingereicht hat, dann war der schon ziemlich weit auf dem Pfad. Muss lesen können, muss den Wohlstand haben, etc. Das dürfte wenig repräsentativ für die Mehrheit sein.

          • R.A. 18. Januar 2022, 10:16

            „Die soziale Dimension sollte man da nicht wegreden“
            Natürlich hatte der Bauernaufstand eine ganz wesentliche soziale Dimension. Aber daß dieser Konflikt über einen Aufstand gelöst werden sollte lag an der religiösen Komponente – die hat eine gerichtliche Lösung verhindert.

            „Religion war ja immer auch ein toller Legitimationsgrund.“
            Ja. Das galt aber im wesentlichen für die Eliten. Es hat klare finanzielle und machtpolitische Gründe, daß die meisten Reichsstädte und Fürsten evangelisch wurden, der Kaiser und die Mehrzahl der Reichsritter katholisch blieben.
            Man sollte aber die wirklich religiöse Motivation gerade bei den einfachen Leuten nicht unterschätzen. Da hatten viel schlicht Angst um ihr Seelenheil, wenn sie an falschen Glaubenslehren festhalten würden.

            „Wenn ein Bauer Klage eingereicht hat …“
            Einer alleine war de facto unmöglich. Es klagte in der Regel eine Dorfgemeinschaft. Konnte ja auch mal eine Generation brauchen, bis die Klage durch war.
            Aber dann hatten sie nicht nur einen Papierbescheid, sondern der wurde dann auch gegen den Feudalherren durchgesetzt.

            • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 10:48

              Ich will die religiöse Komponente gar nicht unterschätzen. Das ist generell für alle Zeitalter bis zum 20. Jahrhundert wahr: die Leute waren religiös, und man sollte ihre Religiosität ernstnehmen, sonst kann man diese Gesellschaften auch nicht verstehen. Mein Hinweis war mehr: ist multikausal, nicht monokausal.

  • CitizenK 17. Januar 2022, 11:55

    Noch schärfer als Jansen kritisiert Wirsching, ein kompletter Verriss.
    https://www.hsozkult.de/journal/id/z6ann-111760

    Auch mich irritiert die apologetische Tendenz, so die Aussage: „Nimmt man die Geschichte ernst, sieht es gut aus für die Demokratie“. Nimmt man die Gegenwart ernst, sieht es nicht ganz so gut aus.

    Aber auch ich kann dem Buch etwas Gutes abgewinnen, nämlich Richters Aussage von der „kaum zu überschätzende Bedeutung der Sozialdemokratie für die Demokratisierung in Deutschland“. Den Gebildeten unter ihren Verächtern ins Stammbuch!

  • Kirkd 17. Januar 2022, 16:30

    Ja, Richters Stärken liegen darin, die Zivilgesellschaft des Kaiserreiches und seine fortlaufende Modernisierung herauszuarbeiten, statt sich an Kaiser, Kanonenbooten, Pickelhauben und ähnlichem abzuarbeiten. Natürlich ist der Faschismus und Nationalsozialismus ohne Demokratisierung nicht denkbar. Er ist eine Kombination aus Reaktionismus gegen die Demokratisierung als Ordnungs und Machtverlust, Antikommunismus und eben popoluistischer Massenmobiliserung, und da wird es eben für Richter zum Nachteil, dass man sich nicht so sehr mit den reaktionären Elementen des Kaiserreichs und seiner Geisteswelt aufhalten will.

    • Stefan Sasse 17. Januar 2022, 16:46

      Ja, sehe ich auch so.

      • CitizenK 18. Januar 2022, 08:41

        “ den reaktionären Elementen des Kaiserreichs und seiner Geisteswelt des Kaiserreiches….“

        … die halt auch nach dessen Ende nachwirkten: Dolchstoßlegende, Hitler-Prozess, Kapp-Putsch, Kampagne gegen Ebert, Hindenburg.

        • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 10:12

          Massiv sogar. Aber eben nicht exklusiv. Es gab auch ene demokratische Geisteswelt, die ebenfalls nachwirkte.

  • cimourdain 17. Januar 2022, 21:50

    Mich interessiert fast mehr als das Buch selber, warum dieses Buch von Journalisten in den Himmel gelobt und von Historkern derart verrissen wird. Es mag an der ‚Schreibe‘ der Autorin liegen oder an der saloppen Themenzusammenstellung. [Ich persönlich vermute, dass der wesentliche Grund ist, dass die Autorin massiv Rosinenpickerei betreibt, Tatsachen, die ihre Thesen stützen herausstreicht und andere verschweigt].

    Deshalb habe ich die interessanteste These genommen, den Zusammenhang zwischen Demokratiserung und körperlicher „Würde“ und anhand einer konkreten Frage untersucht. „Wann wurde in verschiedenen Ländern die körperliche Züchtigung an Schulen abgeschafft?“ [ Erschien mir passend, da es das Verhältnis zur Obrigkeit tangierte, ‚Subjekte‘ betraf, die sich nicht wehren kommten und eine Rückkopplung bildet, da sich Gewalt in der Erziehung auf den (politischen) Charakter auswirkt.]
    Die Ergebnisse waren für ‚alte‘ Demokratien ernüchternd: Frankreich 1991, UK 1998, in den USA steht es bis heute noch in einem Drittel der Staaten aus. Auch die BRD hat erst 1973 (Bayern 1979) das durchgesetzt. Aber dafür das (damals faschistische) Italien 1928, die Sowjetunion 1917, China und die DDR 1949. Den Rekord liefert übrigens das von Stefan Sasse gerne geschmähte Polen: 1783 !

    • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 08:19

      Es wird ja von Historiker*innen nicht durch die Bank verrissen. Wie gesagt, wir haben es hier mit einem neuen Historiker*innenstreit zu tun. Da gibt es eine größere Bandbreite von Meinungen. Warum Journalist*innen es mögen ist ziemlich offensichtlich: es ist aufregend, kann leicht rezipiert werden und geht gegen das, was „common knowledge“ ist, kurz: es ist Neuigkeit.

      Wobei natürlich auch hier relevant ist, wann das de facto abgeschafft wird und nicht nur de jure. Und ich möchte Polen nicht schmähen.

    • CitizenK 18. Januar 2022, 08:34

      “ von Journalisten in den Himmel gelobt….“

      Entlastungsfunktion – „die anderen waren (mindestens) auch nicht besser“?

      Interessanter Ansatz, könnte man weiter führen: Abschaffung von Folter und Körperstrafen, Gleichberechtigung, Wahlrecht, insbes. Frauenwahlrecht, Religionsfreiheit. Ergäbe eine ziemlich unterschiedliche Rangordnung. Die „älstesten“ Demokratien wären nicht immer vorne.

      • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 10:11

        Ich würde da gar nicht so sehr Ideologie vermuten, sondern wirklich den Neuigkeits- und Aufmerksamkeitswert herausstreichen. Galt ja seinerzeit etwa für Götz Aly auch.

    • Dennis 18. Januar 2022, 13:40

      Bei der Körperstrafen-Sache handelt es sich IMHO ja auch nicht um Demokratiefragen. Letztere ranken um die Fragestellung der Legitimation von Herrschaft, also klassisch um die so genannte Volkssouveränität versus old school, also Gottesgnadentum, wobei es in beiden Fällen Versionen noch und nöcher gibt, die aber NICHTS darüber aussagen, was eigentlich so alles gemacht wird – mit der legitimierten Herrschaft. Wieso muss die im demokratischen Fall irgendwie generell „gut“ sein ?

      Hier ein Demokratie-Beispiel aus Frankreich:

      https://www.urbia.de/magazin/familienleben/erziehung/kinder-schlagen-in-frankreich-erlaubt

      Ist allerdings veraltet, denn seit 2019 ist das nicht mehr erlaubt, in den Schulen schon lange nicht mehr. Wie gut, dass es dazu keine demokratische Volksabstimmung gab^.

      Okay, der übliche Einwand ist natürlich bekannt: Formal korrekt legitimierte Herrschaft derer da oben ist keinen Weisungen unterworfen und kann sich gesetzgeberisch auch gegen die Dummen da unten richten, auch wenn die in der Mehrheit sein mögen. Indem wir über Demokratie reden, reden wir also über Formen und nicht über materielle Inhalte, IMHO.

  • Lemmy Caution 18. Januar 2022, 00:54

    Hab ich mir direkt gekauft. Spannendes Thema. Über den Abgründen der chilenischen Politik grübelnd, verstehe ich eigentlich nicht wirklich, warum demokratische Elemente in diesem, meinem deutschen Umfeld so vergleichsweise gut funktionieren.

  • Dennis 18. Januar 2022, 12:47

    Zitat (in Referenz zum Buch):
    „Demokratie sei eine Sache von Eliten, die das allgemeine Wahlrecht eher gegen den Widerstand der breiten Masse durchgesetzt haben. “

    „Gegen den Widerstand“ ist wohl zu stark ausgedrückt, IMHO. Die breite Masse bekommt etwas, woran sie nur mäßig interessiert ist und was sie nicht unbedingt im Sinne eben jener Eliten zu handhaben gedenkt. Der letztere Fall heißt dann üblicherweise „Populismus“ und soll etwas anderes sein als Demokratie, weil sich der Demos als schlecht erzogener Lümmel zeigt.

    Das heißt also: Demokratie ist eine autoritäre Erwartungshaltung, bei der – falls die nicht erfüllt wird – die da unten, also der Demos mit Tadel rechnen muss. Um das zu vermeiden, belässt manfrau „komplizierte“ oder „schwierige“ Sachen lieber gleich bei den wissenden Eliten^.

    Aber Eliten sind halt nicht der Demos sondern ein durch herausragende Besonderheiten (wie auch immer definiert) geprägter kleiner Teil desselben. Am Ende des Tages heißt Demokratie als Eliteprojekt verstanden: Nur gespielt und nicht tatsächlich. Manfrau könnte einwenden: Demokratie im Vollbildmodus ist ja auch gar nicht möglich, also beschränken wir uns auf Inszenierungen, bzw. die Partizipation des Demos sollte vorsichtshalber beaufsichtigt werden bzw. es muss berücksichtigt werden, dass z.Zt. der Bildungsstatus da unten noch nicht ausreicht, vieles „zu kompliziert“ ist usw. usw. An Kautelen herrscht kein Mangel, für die es Gründe geben mag, die manfrau allerdings nicht verheimlichen sollte^.

    Zitat:
    „Demokratie sei „wesentlich eine Geschichte des Körpers, seiner Misshandlung, seiner Pflege, seines Darbens – und seiner Würde“. “

    Diese Betrachtung hat viel mit Freiheit aber wenig mit Demokratie zu tun. Zwei keineswegs deckungsgleiche Begriffe. Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit der Einfachheit halber in einem Eintopf zu verrühren ist problematisch, IMHO.

    Zitat:
    „Vorbild ist dabei vor allem die Französische Revolution, die in der napoleonischen Tyrannei endete,“

    Welchen Grund gibt es denn für die Annahme, das Tyrannei demokratiewidrig ist? Die starke Hand, die auch mal ordentlich zuschlägt, wird halt gebraucht; anders geht’s halt nicht. Wieso ist diese Auffassung oder Ähnliches nicht demokratiefähig? Sie ist es.

    Mit Demokratie ist ergo nicht einfach der Demos geeint ist, sondern ein qualifizierter, also ein wohlerzogener und „guter“, wobei wiederum verschiedene Auffassungen bestehen, unter welchen Umständen das der Fall ist, was wiederum heißt: Demokratie kann nicht an sich und nicht einfach so „gut“ sein – was aber die übliche Konnotation ist.

    • Stefan Sasse 18. Januar 2022, 14:48

      Ne, das ist damit nicht gemeint. Es gab durchaus Widerstände, die sie beschreibt, an dieser Partizipation. Richter zeigt auch, woher diese kam und dass sie durchaus begründet war.

      Das demokratische Partizipationsrecht setzt aber Freiheit des Körpers voraus, das ist ja gerade die These.

      Weil eine Tyrannei per Definition keine Demokratie sein kann, weil nicht demos, sondern Tyrann herrscht…?

  • Thorsten Haupts 22. Januar 2022, 22:43

    Bei dem medialen Bohei um Richter wird gerne vergesen, dass sie mitnichten alleine dasteht. Ich habe bei mir ein AFAIR 8 Jahre altes Buch vom Historiker Frank-Lothar Kroll „Geburt der Moderne“, der ebenfalls breit ausführt, warum das deutsche Kaiserreich kein Sonderweg war, sondern nur eine Spielart des westeuropäischen Mainstreams, insbesondere re Parlamentarismus und Demokratie.

    Noch mit der Fischer Kontroverse aufgewachsen und der linken medialen Erzählung von der Zwangsläufigkeit des Weges zwischen Kaierreich und Hitler indoktriniert, war das Buch (aus Langeweile in der Meyerschen mitgenommen) eine bisschen eine Überraschung.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Stefan Sasse 23. Januar 2022, 12:57

      Jepp, volle Unterstützung. Niall Ferguson macht das übrigens auch schon seit zwanzig Jahren, wo du den im anderen Beitrag erwähntest.

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