Eine erste Nachlese zur Bundestagswahl, Teil 2: FDP, Grüne, LINKE und AfD

Nachdem die Bundestagswahl nun eine Woche gelaufen ist und sich der Staub etwas gelegt hat, können wir nach der Blitzanalyse zum Wahlmontag auf den Bohrleuten einen etwas distanziereren Blick auf die Geschehnisse werfen. Ich habe kein übergreifendes Narrativ anzubieten und bin auch noch nicht vermessen genug, eine Rundumanalyse der Situation anbieten zu wollen; zu sehr ist alles noch im Flux und durch den „Nebel des Krieges“ verschleiert. Stattdessen werde ich nach Parteien geordnet einerseits versuchen, etwas mehr Analyse in die Ergebnisse zu bringen, den Wahlkampf noch einmal betrachten und die strategische Situation verdeutlichen. Gleichzeitig möchte ich auch versuchen, gegen einige eher dümmliche Narrative vorzugehen, die sich leider in der qualitativ nicht eben berauschenden Berichterstattung finden lassen. Und nun genug der Vorrede, in medias res.

Dieser Artikel ist eine Fortsetzung meiner Nachlese zur Bundestagswahl 2021. Teil 1 findet sich hier.

FDP

Wenn sich an der FDP diesen Wahlkampf etwas zeigt, dann, dass Erfolg und Misserfolg in dieser Wahl sich nicht (nur) an den Prozenten bemessen. Die FDP hat gemessen an ihren Umfragen etwas unter dem teilweise prognostizierten Potential abgeschnitten, aber bei keiner Partei war, abgesehen von den individuellen Mandaten, in diesem Wahlkampf so egal, ob es am Ende 9, 11 oder 13 Prozent werden. Die Stärke der FDP bemisst sich in ihrer strategischen Position als Zünglein an der Waage. (Fast) keine Koalition kann ohne sie geschlossen werden, und es war letztlich an Lindner und seiner Truppe, die Bedingungen zu stellen. Unabhängig von ihren Prozenten kämpft die FDP oberhalb ihrer eigenen Gewichtsklasse. In jeder Koalition sind sie der kleinste Partner, aber Lindner platzte bereits im Wahlkampf fast vor Selbstvertrauen – völlig zu Recht, angesichts des professionellen Wahlkampfs und eben jener strategischen Positionierung.

Auch wenn sich die Umfrageträume nicht vollständig erfüllt haben, braucht sich Lindner wahrlich nicht zu verstecken. Seine Liberalen sind stabil zweistellig, haben die AfD solide deklassiert und auf die Rolle der kleinsten „echten“ Bundestagsfraktion zurechtgestutzt. Das Ergebnis der Wahl hat bei der FDP die wenigsten Überraschungen hervorgebracht, einfach weil ihre strategisch-professionelle Positionierung solche Überraschungen extrem unwahrscheinlich gemacht hat. Man darf durchaus den Hut vor den Strateg*innen der Partei ziehen.

Die einzige wirkliche Überraschung war das starke Abschneiden der Partei bei den Erstwählenden. Mit einem knappen Prozent Vorsprung raubten die Liberalen diesen Titel den Grünen, die bisher immer die natürlichsten Anwärter darauf gewesen waren und in vielen Erhebungen (und Wahlen!) jenseits der 30% bei den Erstwählenden verbuchten. Diese Gruppe ist zwar klein, aber sehr symbolträchtig, vor allem in dem, was sich gerade gerne als „Zukunftskoalition“ in Szene zu setzen versucht. Die SPD präsentiert sich jung und divers. Die FDP wird von jungen Menschen gewählt. Ein feiner Unterschied möchte man meinen, aber sicher kein unbedeutender. Ob es sich dabei um ein Ausnahmeereignis gehandelt hat oder nicht, werden wir erst bei der nächsten Bundestagswahl sehen können.

Bedauerlich ist vor allem die Masse an miesen Meinungsstücken, die seit der Veröffentlichung der Zahlen zu lesen waren und die irgendwelche blödsinnigen Narrative oder persönliche Vorlieben als Analyse verkauften. Zwei Dinge stehen bezüglich der Erstwählenden fest.

Erstens, KEINE Partei kann wirklich für sich verbuchen, „die“ Erstwählenden/jungen Menschen auf ihrer Seite zu haben. Die FDP hatte 23%, die Grünen 22%. Beides liegt unter dem Wahlergebnis der SPD, und wir würden nie behaupten, dass die Sozialdemokraten für „die“ Deutschen stehen. Die FDP war attraktiver als bisher für Erstwählende, und die Grünen weniger. Das ist bereits eine deutliche Verschiebung, aber sie wird gerade notorisch überspitzt – übrigens ähnlich wie vor zwei Jahren, als unter Konservativen blanke Panik ausbrach, weil scheinbar alle Menschen dieser Altersgruppe Greta zu sein schienen, was genauso übertrieben war.

Zweitens, die Gruppe der Erstwählenden ist ziemlich klein. Sie ist daher weniger für das Gesamtergebnis relevant als wegen der Signalwirkung, die von ihr ausgeht. Die grundsätzliche Tendenz haben wir bereits länger – CDU und SPD weit abgeschlagen, LINKE und AfD einsame Schlusslichter, Sonstige sehr hoch im Kurs. Diese Wahl hat auch bei der SPD einen Anstieg gesehen (15% gegenüber den 10% der CDU, wo die beiden normalerweise fast gleichauf lagen), aber das Signal zeigt ziemlich deutlich, dass eine Pluralität der Erstwählenden unter den etablierten Parteien grün oder gelb wählt.

Fragt sich, woran das liegt. Und um es deutlich zu machen: aktuell weiß das keiner so genau. Erstwählende sind weitgehend unerforscht und werden auch kaum in Umfragen besonders berücksichtigt. Aktuell klatschen alle nur ihr Lieblingsnarrativ auf das Phänomen. Da liest man, dass die Erstwählenden natürlich individueller und deswegen an Aktien interessiert sind und daher FDP wählen, oder man liest, dass sie alle doof und/oder manipuliert sind und nicht verstehen, dass die FDP ihre Zukunft zerstört. Ich erspare mir in beiden Fällen, auf den Unfug zu verlinken. Was wir aktuell haben, ist anekdotische Evidenz, bestenfalls. Die meisten Leute schreiben schlicht ihre Vorurteile runter. Da ich relativ leichten Zugang zu anekdotischer Evidenz habe (sehe ich doch fünf Tage in der Woche Erstwählende, die zudem nicht weglaufen können) habe ich meine eigenen Fragen gestellt. Zwei Faktoren wurden mir genannt:

Erstens haben wir die Bedeutung finanziellen Wohlstands für die Zukunftspläne, und natürlich ist keine Partei ideologisch so mit zukünftigem Wohlstand verknüpft wie die FDP. Hier verbindet sich also die Hoffnung auf eine gute Zukunft mit der Wahlentscheidung, und es scheint mir durchaus bemerkenswert, dass dieser Wohlstand mit Börse, Finanzanlagen und Einzelarbeitsverträgen assoziiert wird. Da haben gewisse andere gesellschaftliche Gruppierungen durchaus Werbung für Tarifverträge zu machen, wenn sie konkurrieren wollen. Dazu wurde bessere Arbeit in sozialen Netzwerken genannt. Nun sind die sozialen Medien sicherlich nicht wahlentscheidend, aber dass die 18-22jährigen diese mehr nutzen als die CDU wählenden Rentnerkohorten dürfte keine sonderlich gewagte Annahme sein, und dass die FDP besseren Wahlkampf als die Grünen machte, haben wir bereits etabliert.

Ich habe noch eine zusätzliche eigene Theorie auf diesen multikausalen Haufen zu werfen: Die Assoziation der Grünen mit Verboten schadet ihnen in dieser Altersgruppe ebenfalls massiv, vor allem das Tempolimit. Wann immer wir im Rahmen des Deutschunterrichts (Erörterung) auf dieses Thema kommen, habe ich eine SEHR lebendige Klasse vor mir, die wesentlich engagierter für ihr Recht, den elterlichen Boliden über die Autobahn zu jagen, streitet als für irgendetwas anderes (ganz besonders Klimawandel im Übrigen, der keine solche Begeisterung weckt). An und für sich ist das wenig überraschend, weil Rasen nun einmal eine Provenienz der Männer und der Jugend ist. Aber auch hier gilt – keine Ahnung ob das stimmt und wenn ja, wie viel es ausmacht. Wir werden das weiterhin beobachten müssen.

Oh, und natürlich sehe ich meine Analyse eines grün-gelben „Fortschrittslagers“ angesichts dieser Ergebnisse einmal mehr bestätigt. Auch etwas, das mir anekdotisch so wiedergegeben wurde. Den selbstreferenziellen Jubler müsst ihr mir erlauben.

Die Grünen

Ich weiß ehrlich gesagt nicht großartig, was ich zum Ergebnis der Grünen schreiben sollte, was ich nicht bereits vorher in Artikeln und Podcasts gesagt habe. Das Ergebnis ist gemessen an 2017 toll und gemessen am Potenzial ein Desaster, und nicht einmal die fanatischsten Anhänger*innen der Partei versuchen, es sonderlich schönzureden. Es war zu einem guten Teil das Ergebnis eines miesen Wahlkampfs, und der war zu einem guten Teil in der Verantwortung der Spitzenkandidatin und ihrer Fehltritte. Man kann nur hoffen, dass die Partei davon gelernt hat.

Einen einzigen zusätzlichen Kommentar hätte ich zu der These, dass Baerbock Opfer von Männerintrigen wurde. Sie wird aus dem progressiven Lager gerade immer wieder geäußert. Für mich ist die Situation sehr vergleichbar mit Hillary Clintons Niederlage 2016. War Baerbock Opfer von Sexismus? Unzweifelhaft. War das ausschlaggebend? Unzweifelhaft nicht. Sie wurde Opfer zahlreicher Fehler, Unterlassungen und geradezu wahnwitzigen Entscheidungen, die sie teils selbst getroffen hat, die teils von der Partei als Ganzem getroffen wurden. Da kam der Sexismus noch oben drauf, aber ich wäre überrascht, wenn er mehr als 0,5% am Wahlergebnis geändert hätte, und angesichts dessen, dass die Partei eher 5% unter ihrem Potenzial lag und 10% unter ihren Höhenflügen – sorry, doesn’t fly.

Die LINKE

Die Grünen haben ja schon miesen Wahlkampf gemacht, aber wenigstens hatten sie hübsche Plakate. Die LINKE hatte nicht mal das. Marco Herack kritisiert den 1980er-Jahre Stil des LINKEn-Wahlkampfs, und das trifft den Nagel auf den Kopf. Völlig uninspirierte, inhaltslose Slogans, die eine Müdigkeit ausstrahlen, wie sie Susanne Hennig-Wellsow vermutlich persönlich erspürt, beurteilt man das von ihrem Auftritt in der „Elefantenrunde“ nach dem Wahlabend. Ich muss echt sagen, ich bin froh, dass ich mich nicht mehr in den linken Filterblasen aufhalte, weil das bisschen, was ich da an Quatsch mitkriege, geht auf keine Kuhhaut. Ich will exemplarisch nur einmal Lutz Herdens Analyse im Freitag heranziehen, die sich weniger wie eine Analyse und mehr wie eine Bankrotterklärung liest:

Was ist so schwer daran zu begreifen, dass ein Wahlkampf des Anbiederns und Anbietens ein riskantes Unterfangen ist? […] Wem das Urteilsvermögen abgeht, dies nüchtern zu analysieren und daraus den Schluss zu ziehen, mit dem Wahlkampf einer Illusion aufgesessen zu sein, schadet der Linkspartei und der Linken. Soviel steht außer Frage, für die Linke in Deutschland ist mit einer geschwächten Linkspartei nicht viel zu gewinnen. Von der Partei ist vor allem eines zu erwarten: dass sie ihre Möglichkeiten ausschöpft, statt sich an Unmögliches zu verschwenden und das Erbe Oskar Lafontaines zu verspielen. Erst sein Eingreifen 2005 hat bewirkt, dass sich relevante Milieus der westdeutschen Sozialdemokratie und Gewerkschaftsszene einem gesamtdeutschen linken Projekt öffneten. […] Insofern konnte es für den zurückliegenden Wahlkampf nur ein Leitmotiv geben: Wir sind eine selbstbewusste und selbstständige Partei, der es gegen die Ehre geht, SPD und Grünen Mehrheitsbeschaffer oder Steigbügelhalter zu sein. Wir werden uns nicht verweigern, sollte uns Koalitionen angetragen werden, aber nur dann eintreten, wenn wir uns dabei nicht verleugnen. Warum also keinen Wahlkampf führen, der Rivalität und Gegnerschaft zu Sozialdemokraten und Grünen klar benennt? Nur wer zu sich selbst steht, kann überzeugen. Sich hier Leninscher Paradigmen zu entsinnen, als dessen SDAPR aus hoffnungsloser Unterlegenheit heraus durch Klarheit und Konsequenz vorankam, kann nicht schaden. Erst studieren, dann abwinken.

Na klar, Freunde, euer Problem war, dass ihr nicht entschlossen genug bekräftigt habt, nie Verantwortung in diesem Laden übernehmen zu wollen. Klar. Das ist inzwischen der Job von der AfD, und wenn jemand bei der LINKEn glaubt, mit Bekenntnissen zum Sozialismus die werktätigen Massen wieder begeistern zu können habe ich irgendwo noch eine Studierausgabe „Karl Marx Gesammelte Werke“ rumliegen. Das hat nie funktioniert und wird nie funktionieren. Eine LINKE, die „ihre Gegnerschaft zu SPD und Grünen klar benennt“ ist unnötig. Eine LINKE, die in SPD und Grünen ihre Hauptgegner sieht, ist einfach nur Gift, die kann weg.

Gregor Gysi sieht das etwas klarer und redet davon, die „Ostidentität wiederzufinden„. Denn das ist die wahre Geschichte hier. Die LINKE hat ihre Machtbasis im Osten verloren, und im Westen war sie immer so schwach, dass es da nicht viel zu verlieren gab. Nicht, dass Sahra Wagenknecht das nicht auch geschafft hätte; nach zwei vergeblichen Versuchen, die Partei zu spalten, hat sie immerhin 3,7% der Stimmen in ihem Wahlkreis bekommen. Aber der Grund dafür, dass die Partei beinahe aus dem Bundestag geflogen wäre (und es leider dank dreier Direktmandate doch knapp geschafft hat) liegt in dem Bedeutungsverlust im Osten. Darauf hat sie nur teilweise Einfluss, denn die Faktoren, die diesen Bedeutungsverlust mit bedingen, entziehen sich ihrer Kontrolle (wir reden gleich bei der AfD genauer darüber).

Aber die LINKE hat die Bedingungen dafür mit geschaffen. 30 Jahre lang hat sie beharrlich die Botschaft transportiert, Anwältin der Klagen, des Kummers und des Grolls der Ostdeutschen zu sein, die vom bösen Westen ausgeplündert und liegengelassen wurden. Diese Saat hat Früchte getragen, und eine komplette Generation nach dem Mauerfall ist zumindest MDR-Land eine einzige Parallelgesellschaft (es ist bemerkenswert, wie sehr die Wahlergebnisse der AfD und das Sendegebiet des MDR korrelieren). Nun erntet jemand anderes, und die LINKE hat keine Ahnung, wie sie darauf reagieren soll.

AfD

Die AfD war durch den gesamten Wahlkampf hindurch bombenstabil und fuhr eine für die generelle Dynamik weitgehend irrelevante Kampagne, wie ich ja bereits im Vorfeld analysiert hatte. Dass sie gegenüber 2017 Verluste machen würde war von Anfang an klar, schon allein, weil das mediale Umfeld nicht halb so günstig für die Partei war. Die größte Geschichte ist die Bedeutungsverschiebung, denn die Gewinne und Verluste der Partei sind regional unglaublich stark konzentriert. Die größten Verluste erlitt die Partei im Westen, wo sie stabil in den einstelligen Bereich zurückgerutscht ist, während sie in MDR-Land weitgehend zur stärksten Partei aufgerückt ist.

Das ging zu einem Gutteil auf Kosten der LINKEn, aber die zweite Verliererin ist die CDU, die ebenfalls keine Machtbasis mehr hat. Ein besonders krasser Fall ist Sachsen, wo einst König Kurt uneingeschränkt regiert und die CDU heute der Juniorpartner einer blau-schwarzen Koalition wäre, so man den Ekel hinunterschlucken könnte, mit Neonazis ins Bett zu steigen. Hört man den CDU-Landesverbänden Thüringens, Sachsens und Sachsen-Anhalts zu ist das nur noch eine Zeitfrage, und eine, deren Horizont noch in 202X beantwortet werden muss.

Ansonsten gibt es zur AfD wenig zu sagen. Als einzige Partei trat sie explizit nicht mit Regierungsanspruch an und ist zufrieden damit, Komplettblockade und Demokratievergifterin zu sein. Deswegen stinkt auch die LINKE so ab – wer dem Establishment den Mittelfinger zeigen will, bekommt in der AfD eine wesentlich aufregendere Alternative, als dies die LINKE je sein könnte, die im Kern eine demokratische Partei ist, ganz im Gegensatz zu den blau-braunen Horden. Der einzige Hoffnungsschimmer den wir gerade haben ist, dass die demokratischen Brandmauern halten. Und aktuell wenigstens tun sie das.

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  • Stefan Pietsch 5. Oktober 2021, 10:57

    Nun also die nicht mehr so kleinen Parteien. Doch hast Du in der Überschrift nicht eine Partei vergessen? Die AfD ist Teil der politisch tragenden Parteienphlanax in diesem Land, wenn auch nicht vom schöneren.

    FDP
    Bei so viel Lobhudelei auf die Liberalen gilt es auch Wasser in den Wein zu gießen. Dass die FDP sich zu einer Partei der Jugend gemausert hat, folgt einer sehr langfristigen Strategie, die ihren Anfang Mitte der Neunzigerjahre mit dem damaligen Generalsekretär Guido Westerwelle nahm. Sein Fokus lag bis zum letzten Tag als Parteichef darauf, junge Menschen für die Partei zu begeistern und setzte sich unter Christian Lindner fort. Beide charismatische Anführer lösten alte Zöpfe. Unter Westerwelle verabschiedete man sich im Thomas-Dehler-Haus von alten Wählerschichten wie den Apothekerverbänden, Lindner entwickelte die Geschichte von der liberalen Grundhaltung neu, in deren Zentrum nicht mehr Steuersenkungsversprechen stehen.

    Die neue Freiheitserzählung dreht sich um Chancen und Möglichkeiten, spektakulär in der Corona-Pandemie zur Aufführung gebracht. Chancen und Möglichkeiten, die nicht der Staat gewährt, sondern die jedem zustehen und die er sich erarbeiten kann.

    Während die Grünen treu an der Seite der Regierung standen, selbst wenn Schulen und Kitas geschlossen wurden, entwickelte die FDP den Freiheitsgedanken unter den erschwerten Bedingungen von gesundheitspolitisch notwendig erscheinenden Lockdowns vor aller Augen neu.

    Mit den Grünen hat man da den perfekten Gegner: Verbotspolitik versus Leben in Selbstbestimmung. Nach meiner Wahrnehmung haben junge Menschen die FDP nicht wegen dem Kampf gegen das Tempolimit gewählt. Doch wenn die grüne Kanzlerkandidatin davon spricht (Kurzstrecken-) Flüge überflüssig zu machen, dann kommt das darin durchklingende Verbot durchaus an. Gerade junge Menschen wollen Reisen und die Welt erfahren können. Der Bewegungsdrang eines 20jährigen ist nunmal viel größer als der eines 70jährigen.

    Noch in den Achtzigerjahren frönte man in den Medien dem Glauben, weil die SPD bei den Jungen und Erstwählern deutlich vorne lag, würde dies zu einer linken politischen Zukunft führen. Aber auch mit 30 ist die eigene politische Positionierung noch nicht völlig gefestigt. Daher ist die Auswertung, wen denn junge Leute gewählt haben, nur für den politischen Vertretungsanspruch relevant. Umso mehr getroffen sind grüne und Klimaaktivisten. Einladungen ins Kanzleramt folgten der These, hier sprächen Aktivisten für die Jugend. Diese Geschichte ist zertrümmert. Umso mehr schäumen Verzichtsfetischisten wie Luisa Neubauer. Nikolaus Blome hat das in seiner neuen Kolumne auf den Punkt gebracht.
    https://www.spiegel.de/politik/deutschland/fdp-punktet-bei-jungwaehlern-nicht-nur-klimaschuetzer-gehen-waehlen-a-1a128299-db7f-4181-9db6-1383ab7bd514

    Dennoch, trotz eines günstigen Umfeldes schaffte die FDP nur ein mittleres Ergebnis ihres demoskopischen Spielfeldes. Ehrlicherweise hätten die Erwartungen eher in Richtung 15 Prozent denn 9 Prozent gehen müssen. Unter dem Aspekt bleiben die erreichten 12,5% ein „Okay-Ergebnis“. Ob es an der Fokusierung der medialen Berichterstattung auf den behaupteten „Dreikampf ums Kanzleramt“ lag, wird zu klären sein. Den Grünen jedenfalls reichte das monatelange wohlwollende Dauerfeuer von Öffentlich-Rechtlichen und ProSieben gerade mal zu einem 3%-Vorsprung. Dennoch wird sich keiner der diesmal vernachlässigten Parteien noch einmal die Butter so vom Brot nehmen lassen.

    Im Herzen Europas haben es liberale Parteien traditionell sehr schwer. Auch in Frankreich bleibt der Aufbau eines freiheitdenkenden Bewusstseins immer in Anfängen stecken. So war es im Präsidentschaftswahlkampf 2012 mit François Bayrou und seiner Mouvement démocrate. Und so erging es Präsident Macron mit der von ihm gegründeten En Marche, die sich von ihren Ursprüngen einer liberalen Plattform wegentwickelt.

    Dennoch stellen Liberale in Europa nach den Konservativen am häufigsten den Regierungschef, also nicht nur in den Niederlanden. In Spanien existiert mit Unidos Podemos und Ciudadanos eine ähnliche Frontstellung zwischen sozialistisch orientierter Jugend und liberalem Nachwuchs. Auch hier ist der Liberalismus der Ciudadanos nach einem Hoch in den Zehnerjahren auf dem Rückzug.

    • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 14:30

      Ja, ich hatte das eigentlich korrigiert, das muss zwischen den verschiedenen Entwürfen untergegangen sein. Danke, hab’s geändert.

      FDP
      Ich bezweifle nicht dass Westerwelle das versucht hat, aber das ist jetzt 25 Jahre her. Und jetzt, plötzlich, soll die Westerwelle’sche Saat im Jahr des Herrn 2021 aufgegangen sein? Da bräuchte ich schon eine Erklärung, warum das vorher nie passiert ist.

      Das mit Corona hab ich im Podcast thematisiert und deswegen hier nicht mehr angebracht, stimme ich zu.

      Hattest du nicht selbst vor der Wahl gesagt, dass 15% für die FDP viel zu hoch gegriffen ist und dass sie realistisch bei 11-12% liegt?

      • Stefan Pietsch 5. Oktober 2021, 19:35

        Pauschal würde ich sagen, mein Gedächtnis für Abläufe ist deutlich besser als Deins. 🙂

        Ich beschreibe seit langem den Korridor der FDP mit 11-15 Prozent. Wenn sie keine gröberen Fehler macht, sollte sie ein Wahlergebnis in diesem Bereich erzielen. Seit 2005 funktionierte das praktisch bei jeder Wahl mit der Ausnahme 2013 (2005 waren es knapp 10%). Der genaue Wert hängt von einigen Faktoren ab, vorneweg der Wahlbeteiligung. Deswegen ein Korridor. Will die FDP darüber hinausgehende Anteile, so habe ich das schon Anfang Mai geschrieben, muss sie sich für weitere Milieus öffenen, so wie es z.B. liberal-populistische Parteien tun. Oder sie benötigt Leihstimmen aus dem Unionslager, über die Demoskopen ja auch schon im Mai mutmaßten.

        Ich bezweifle nicht dass Westerwelle das versucht hat, aber das ist jetzt 25 Jahre her. Und jetzt, plötzlich, soll die Westerwelle’sche Saat im Jahr des Herrn 2021 aufgegangen sein?

        So nicht, Herr Kollege. Ich weiß spätestens seit 2009, dass die FDP bei Jungwählern überproportional zieht. Tatsächlich erklärte das Guido Westerwelle zu Beginn seiner Zeit als Generalsekretär als Ziel (Reminder: Ich bin älter als Du). Eigentlich hätte ich es seit 2000 wissen können, denn da errang die FDP einen spektakulären weil unerwarteten Wahlerfolg bei der Landtagswahl in NRW mit dem Spitzenkandidaten Jürgen W. Möllemann. Der Spiritus Rektor des liberalen Jungstars hatte unter dem Gelächter aller Parteien an dem Freitag zuvor den Bundestag verlassen und ein tolles Ergebnis angekündigt.

        Tatsächlich startete die FDP durch, der Balken wuchs am Sonntag Abend um knapp 6%-Punkte auf rund 10%. Keine andere Partei konnte so zulegen. Der Erfolg war unter anderem vielen Jungwählern zu danken, die sich vom nassforschen Auftritt Westerwelles und Möllemanns angezogen fühlten.

        1994 war das letzte Jahr, in dem die FDP schlechter bei Jungwählern abschnitt als im Gesamtschnitt. Damals holte sie gesamt 6,9%, bei den Jungen aber 6,0%. Doch schon bei der Abwahl Kohls 1998 waren es 6,2% gesamt, aber 6,5% bei den unter 30jährigen.

        So ging es weiter und der Abstand wuchs (gesamt / in Klammern Jungwähler):
        2002: 7,7 (10,2)
        2005: 9,8 (11,1)
        2009: 14,6 (15,3)
        https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=07d3a5cf-dabd-9a9a-4661-34a02f3266d8&groupId=252038

        *) neuere Zahlen müsste ich suchen.

        Parallel traten seit Anfang des Jahrtausends Jahr für Jahr überporportional viele junge Menschen in die FDP ein. Das Ergebnis sah man bereits 2009, nur waren damals die Jungpolitiker eben noch zu jung. Die Generation Lindner bestand nicht nur aus dem heutigen Parteivorsitzenden, sondern aus den Katja Sudings, Philipp Röslers, Daniel Bahrs und dem heutigen Partei-Vize Johannes Vogel. Dieser Zufluss junger Menschen in die Partei stoppte nur kurzzeitig in der wenig ruhmreichen Regierungszeit von 2009-2013. Danach verließen viele ambitionierte FDPler die Politik, so der bereits erwähnte Daniel Bahr.

        Aber 20 Jahre Zustrom guten politischen Nachwuchses führt dazu, dass die FDP heute über eine sehr breite Ebene qualifizierter Politiker in Land und Bund verfügt, der es in der Quantität mit den größeren Parteien der Union wie den Grünen aufnehmen kann.

        Also, die hohe Attraktivität der FDP bei jungen Menschen ist das Ergebnis einer lang tragenden Strategie und über zwei Jahrzehnte beständig.

        • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 21:56

          Okay, seh ich ein.

          • Stefan Pietsch 6. Oktober 2021, 00:08

            Übrigens hatte die FDP mit der Westerwelle-Ansprache die Grünen bereits 2005 als Jugendpartei ein- und überholt. Nur bei der Bundestagswahl 2013 lag die FDP bei den Jungwählern deutlich hinter den Grünen.

            Das ist ein Fakt, der in den Medien halt nicht thematisiert wird. Die Grünen gelten da seit sehr langem als die natürliche Jugendpartei.

            • Stefan Sasse 6. Oktober 2021, 07:42

              Spannend. Ich glaube das kommt ganz viel von 2018/19 mit FFF. Dass das quasi retrospektiv zurückgeschrieben wurde.

              • Stefan Pietsch 6. Oktober 2021, 10:27

                Nein. Schon als ich Anfang der Neunzigerjahre studierte, galten die Grünen als Partei für die Jugend. Joschka Fischer war irgendwie cool. 1994 vor die Wahl gestellt, Scharping oder Fischer, war die Entscheidung für mich sehr einfach.

                Das mag danach wieder abgeebbt sein, aber meiner Erinnerung nach assoziiert mit die Grünen schon wieder seit Ende der Nullerjahre mit dem Attribut „Jugendpartei“. Aber da bin ich mir nicht sicher. Zweifellos hat die Partei immer davon gelebt, was seit 20 Jahren die FDP vitalisiert, den Zustrom junger, politisch interessierter Menschen. Wenn man mich nach talentierten Politikern bei Grünen und FDP fragt, fallen mir ad hoc eine ganze Reihe Namen ein, bei der SPD dagegen nur zwei in der Altersklasse 30-50.

                • Floor Acita 8. Oktober 2021, 22:05

                  Junge Menschen sind halt -Binsenweisheit- an Zukunft interresiert. Da passen beide Narrative mal so, mal so. Was m.E. zu sehr unterschätzt wird ist der sozial-liberale Ansatz. Im Kern nicht egalitär, sondern libeftär – aber halt anerkennend, dass mangelnde soziale Stellung (für sich selbst, genau wie „nahestehende“ Pefsonen) entweder zu mangelnden Freiheitsgraden (was kann ich mir erlauben / leisten) oder zumindest zu Ängsten, ob(!) es möglich ist führt… Und insbesondere wenn Frsgen der „Zukunft an sich“ betroffen sind – übrigens durchaus unmittelbar, ob die eigene Gesundheit betreffend oder der Tatsache ins Auge sehend, dsss wir ja alle selbstverständlich auf dem selben Planeten lebend. Das bleibt ein ewiges Spannungsfeld zwischen Liberalismus, Progressivismus und widersprüchlicherweise „Sozialismus“ (im ursprünglich/wörtlichen Sinn, weniger im „wissenschaftlichen Sozialismus“-Sinn [auch wenn das Marxisten gern hätten/misinterpretieren])

  • Stefan Pietsch 5. Oktober 2021, 11:45

    Grüne

    Der Wahlkampf der Grünen ist von zwei Phasen gekennzeichnet: Dem kurzen Höhenflug vor dem Desaster und dem langen Abschwung nach der Skandalisierung geringfügiger Vergehen. Im ersten Teil folgte man der von Habeck erarbeiteten Strategie der Anschlussfähigkeit an andere gesellschaftliche Gruppen, im zweiten dann der Konzentration auf die Kernwählerschaft. Entsprechend fiel das Ergebnis aus. Im April definierte die Geschäftsstelle das erreichbare Wählerspektrum mit 15 – 25 Prozent. Mit Robert Habeck wurden die größeren Chancen verbunden, mit Annalena Baerbock die größere Sicherheit, deutlich über der gezogenen Untergrenze abzuschließen.

    Es war einer der größten Fehleinschätzungen. Und sie begann damit, sich kein ehrliches Bild von der eigenen Kandidatin gemacht zu haben. Tatsächlich war und ist Baerbock keine fertige Politikerin. Gerade vier Jahre hatte sie ihre erste, ernstzunehmende politische Führungsstelle inne als Parteivorsitzende des kleinen Landesverbandes Brandenburg. Auf dieser ersten Stufe war sie in einen handfesten Skandal verwickelt. Seit 2018 war sie dann Trainee an der Seite des politisch und auch sonst lebenserfahrenen Robert Habeck. Bei dem Ausbildungsstand sind grobe Fehler normal.

    Sehr schnell wirkte Baerbock dann auch überfordert. Sie reagierte patzig auf Journalistenfragen, verhaspelte sich bei abgelesenen Reden und wusste mehrmals nicht, wo sie sich befand oder wie ihr Wahlkreis aussah. Alles menschlich und verständlich, alles Anzeichen von großem Stress aufgrund Überforderung. Doch sie selbst wollte den Job als Spitzenkandidatin und war offensichtlich nicht in der Lage, ihre Möglichkeiten mit der Aufgabe abzugleichen. Ich habe das mehrmals als „überehrgeizig“ bezeichnet.

    In der zweiten Phase lebte auch die Verbotspartei wieder auf. Im Frühjahr hatten sich selbst Parteilinke wie Anton Hofreiter noch Mühe gegeben, beabsichtigte Verbote wie die von Einfamilienhäusern in eine andere Semantik zu kleiden. „Kritisch sehen“, „überflüssig machen“ waren die Vokabeln, die verschleiern sollten, dass die Grünen Verboten den Vorzug vor freien Entscheidungen geben. Dazu passt, dass sie die FDP als eigentlicher Mitstreiter in der Opposition heftig kritisierten, dass die Liberalen die neue Pandemie-Verbotskultur nicht mittrugen.

    Der Ton änderte sich im Sommer und den Aufschlag machte Habeck auf dem Nominierungsparteitag, wo er Verbote als Grundbedingung für Freiheit definierte. Ab da war das zuvor semantisch weggedrückte Wort von den Verboten wieder in aller grünen Munde. Es gipfelte in Baerbocks Statement, live im deutschen Fernsehen, dass Verbote Innovationstreiber seien. Doch als Verbotspartei haben die Grünen gerade bei jungen Menschen nur ein überschaubares Publikum.

    Baerbock schien in besonderem Maße Opfer von Schmäungen in den sozialen Medien zu sein. Ich kann das nicht beurteilen, aber die Auswertungen gibt es. Nur fanden sie alle in Blasen statt. Nur ein geringer Teil derjenigen, die wählen, informieren sich übermäßig in den neuen Netzwerken. Hier kam, auch das zeigen Analysen, keiner der Kandidaten mit einem positiven Image weg.

    Dennoch ist der Vergleich mit Hillary Clinton absurd. Die US-Präsidentschaftskandidatin war Teil des Establishments, Baerbock selbst behauptete, an der Speerspitze für Veränderungen zu stehen. Clinton wurde von ihrem Kontrahenten wie einem Teil der Medien persönlich angegangen. Dem war Baerbock nicht ausgesetzt. Es passt zur maßlosen Überhöhung der Vierzigjährigen, der die Erdung fehlt. Und es erklärt ihren großen politischen Misserfolg.

    Die LINKE

    Unter Katja Kipping wollte sich die LINKE gezielt vom Protestmilieu lösen, das in der Vergangenheit Wahlerfolge der Partei getragen hatte. Eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung aus dem Jahr 2015 zeigte, dass diese Wählergruppen nicht treu zu einer Partei stehen, sondern immer zur nächsten Protestgruppe weiterwandern. Die damalige Parteivorsitzende richtete ihre Strategie deswegen darauf aus, hippe Milieus in den Großstädten zu umgarnen. Die politischen Forderungen von LINKE und Grüne wurden so weitgehend identisch. Doch wenn zwei die gleiche Meinung haben, ist oft einer überflüssig.

    So ergeht es der LINKEN. Die Grünen haben die talentierteren und attraktiveren Politiker in den Städten und so haben diese eindeutig Platzvorteile. Natürlich ließ sich die Strategie nicht ohne innerparteiliche Widersprüche durchziehen und so trieb Kipping die LINKE in die Konfrontation, die nach den Exzessen auf dem legendären Göttinger Parteitag ihren Aufstieg erst ermöglichte. Die LINKE verweigert sich der Reife, die die Grünen durchlebt haben: weder Reformer noch Traditionalisten bringen genügend Wähler hinter sich, um die Partei zu einer wichtigen politischen Kraft zu machen.

    AfD

    Die Rechtspopulisten haben ihr strategisches Problem erkannt, können es aber nicht lösen. Wenn sie sich im Osten als Extremisten zur Volkspartei wandeln, verlieren sie umso mehr Wähler im Westen und damit Wahlen. Bei der Bestimmung der Spitzenkandidaten entschied sich die Partei für den Radikalismus. Doch als solche ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie den Weg der LINKEN geht.

    Die Partei betreibt Themenhopping und ein wildes Portpourri an politischen Statements. Verbleib in der EU, Austritt aus der EU ist nur ein Bereich, wo die Parteispitze über Jahre wechselnde Positionen vertritt. Auf der anderen Seite muss es gerade Konservative befremden, dass der AfD inzwischen Kompetenz auf einzelnen politischen Feldern zugebilligt wird, die bisher den Christdemokraten vorbehalten waren. So spielt die innere Sicherheit eine wichtige Rolle für AfD-Wähler. Sowohl CDU als auch SPD können seit langem keinen Politiker von Gewicht für den Kernbereich staatlichen Handelns vorweisen. In diese personelle Lücke wird das Bedürfnis der Bevölkerung parteipolitisch konzentriert.

    Auch wenn Law & Order-Mentalität in einigen Milieus verpönt ist, es bleibt ein Grundanliegen auch in zivilen, modernen Gesellschaften, vor Verbrechen geschützt zu werden und Gesetze nicht nur dort streng zu vollziehen, wo es sich um Ordnungswidrigkeiten handelt.

    • sol1 5. Oktober 2021, 13:12

      Im großen und ganzen stimme ich der Analyse zu.

      „Im April definierte die Geschäftsstelle das erreichbare Wählerspektrum mit 15 – 25 Prozent. Mit Robert Habeck wurden die größeren Chancen verbunden, mit Annalena Baerbock die größere Sicherheit, deutlich über der gezogenen Untergrenze abzuschließen.“

      Das habe ich selbst irgendwo hier verlinkt. Interessanterweise ist es umgekehrt verlaufen – was aber auch daran liegt, daß der Union nach der Maskenaffäre und der mißglückten Kandidatenfindung nichts anderes übrig blieb, als auf volle Attacke gegen die nun unerwartet in der Pole Position liegenden Grünen umzuschalten.

      „Die LINKE verweigert sich der Reife, die die Grünen durchlebt haben: weder Reformer noch Traditionalisten bringen genügend Wähler hinter sich, um die Partei zu einer wichtigen politischen Kraft zu machen.“

      Das wird sich natürlich in der neuen Bundestagsfraktion fortsetzen, die nur zwei Mandate mehr als die Untergrenze für die Fraktionsstärke aufweist.

      „Wenn sie sich im Osten als Extremisten zur Volkspartei wandeln, verlieren sie umso mehr Wähler im Westen und damit Wahlen.“

      Und die AfD weist ja noch nicht einmal im gesamten Osten Volksparteistärke auf, sondern nur in den abgehängten ländlichen Gebieten, wo sich Skin und Head gute Nacht sagen. Wie Wahlerfolge dort Strahlkraft auf den Rest der Republik entwicklen sollen, bleibt das Geheimnis von Bernd & Co.

      • Stefan Pietsch 5. Oktober 2021, 14:01

        Gut, dann haben wir leider nichts zum Streiten.

        Das habe ich selbst irgendwo hier verlinkt.

        Hatte ich so einem Hintergrundartikel gelesen, ich weiß nur nicht wo. Darauf habe ich mich öfter bezogen. Die Quelle aus der grünen Geschäftsstelle bezeichnete das Potential von Habeck zwischen 15 und 25 Prozent, Baerbock dagegen stände für die Sicherheitsvariante 18%.

        Ich sehe nicht, dass die Union die Grünen in diesem Wahlkampf ernsthaft attackiert hätten. Im Gegenteil, die waren doch sehr desorientiert. Erst dachte man, Laschet in aller Stille ins Kanzleramt bringen zu können. Man sah mit Genugtuung, dass Medien und andere das Geschäft besorgten, Baerbocks Image zu zertrümmern. Und als das gelungen war, war der Abstand zwischen Union und Grünen so groß, dass das Rennen gelaufen schien. Und dann kam aus dem Nichts Olaf Scholz und kassierte die Ernte.

        Das wird sich natürlich in der neuen Bundestagsfraktion fortsetzen, die nur zwei Mandate mehr als die Untergrenze für die Fraktionsstärke aufweist.

        Die Wahrscheinlichkeit liegt nicht bei 100%, dass die LINKE das Ende der Legislaturperiode in Fraktionsstärke erlebt. Aber am Ende wird das kaum interessieren. Die LINKE braucht ein neues Geschäftsmodell, wenn es das denn für sie gibt.

        Die AfD wird ja nicht vorrangig von Springerstiefel-Trägern gewählt. Eher von irgendwie hängen gebliebenen Muttersöhnchen, die in ihrem Dorf bleiben wollen, wo der Bus nur dienstags und freitags fährt. Manuela Schwesig ist es gelungen, die AfD klein zu halten, was wahrscheinlich auch etwas mit ihrem Kümmerer-Image zu tun hat. Andererseits glaube ich nicht, dass die Rechtsextremen bei der Landtagswahl in Sachsen stärkste Partei werden. Das scheint im Osten doch noch etwas anderes zu sein, zumals das Land einige starke Städte hat.

        Leute wie Björn Höcke denken nicht im Rahmen parlamentarischer Mehrheiten, sondern von Revolutionen. Deswegen gelten sie auch zu Recht als verfassungsfeindlich.

        • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 14:36

          Meine Freunde aus der Politkberatung sagten das genaue Gegenteil: dass Baerbock das größere Potenzial als Habeck habe. Wir werden es nie erfahren.

          • Erwin Gabriel 5. Oktober 2021, 15:02

            @ Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 14:36

            Meine Freunde aus der Politkberatung sagten das genaue Gegenteil: dass Baerbock das größere Potenzial als Habeck habe.

            Ich sag mal so: Dann hat sie es nicht gezeigt.

            Die Partei hat (wie auch die CDU) den Fehler gemacht, den Kandidaten nach dem Gusto ihrer Mitglieder zu bestimmen statt nach dem Gusto aller potentiellen Wähler.

            • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 16:19

              Hat sie auch nicht. Ich glaube nicht, dass irgendwie kontrovers ist, dass Baerbock einen schlechten Wahlkampf gemacht hat…?

              Nein, das war nicht ihr Problem.

              • Erwin Gabriel 9. Oktober 2021, 12:50

                @ Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 16:19

                [Die Partei hat (wie auch die CDU) den Fehler gemacht, den Kandidaten nach dem Gusto ihrer Mitglieder zu bestimmen statt nach dem Gusto aller potentiellen Wähler.]

                Nein, das war nicht ihr Problem.

                ich kenne ein halbes Dutzend Leute, die Olaf Scholz ankreuzten, weil sie mit Annalena Baerbock ein Problem hatten; Robert Habeck hätten sie gewählt.

                Da ich nicht mit jedem diskutiere, wer was gewählt hat, halte ich die Zahl für bemerkenswert hoch.

                • Stefan Sasse 9. Oktober 2021, 13:37

                  Ich bezweifle doch nicht, dass im September – oder auch Juni – Habeck der beliebtere Kandidat war. Ich bezweifle, dass er das notwendigerweise sein musste.

          • Hias 5. Oktober 2021, 19:28

            Woran machen die das fest?
            Aus dem Bauch heraus hätte ich es auch eher umgekehrt gesehen.

            • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 21:55

              Die Argumentation war dass beide ungefähr den gleichen Floor hatten, dass aber bei Baerbock das Potenzial, aus den grünen Stammwählendenschichten auszubrechen, größer war. Diese Chance hat sie klar vertan, aber ich sehe das ähnlich. Hier war ihre Unbekanntheit, die leere Fläche, der Vorteil – hätte man sie entsprechend ausgefüllt. Hat man aber nicht.

              • Hias 6. Oktober 2021, 18:40

                Kann ich nicht ganz nachvollziehen. Genau das hätte ich eher Habeck zugetraut, insbesondere dass er mit seiner Regierungserfahrung punkten kann und so die älteren, eher konservativen Wähler anspricht, also im Lager der Merkel-CDU wildert.
                Dagegen fällt mir kein Wählertyp abseits des grünen Stammwählerpotential ein, für den Baerbock interessant gewesen wäre.

                Sie hat sicherlich mehr Aufmerksamkeit erzeugt und war ein echter Unterschied zu den anderen Kandidaten. Aber wie aus dieser Aufmerksamkeit auch eine Wahlentscheidung hätte werden sollen, da fehlt mir die Fantasie.

                Btw: superinteressante Betrachtung! Insbesondere das Thema künftige Machtoptionslosigkeit für die Union hatte ich nicht aufm Schirm. Das könnte echt noch richtig interessant werden. Wobei ich Jamaika immer noch nicht ausschließen mag.

                • Stefan Sasse 7. Oktober 2021, 07:48

                  Baerbock war das bessere Gesicht für einen Change-Wahlkampf. Nur dass die Grünen den ja nie ernsthaft versucht haben. Vergleich das mit der SPD 2013. Steinbrück wäre sicher der richtige Kandidat für einen Wahlkampf zur Großen Koalition gewesen, aber die Partei hat einen völlig anderen Wahlkampf gemacht. Deswegen konnte sich da nichts entfalten.

                  • Stefan Pietsch 7. Oktober 2021, 08:39

                    Bis Ende des Sommers konnten die Demoskopen keine Wechselstimmung messen. Und das, obwohl die Grünen mit dem Kanzlerkandidatinnen-Quatsch ein großes Forum bekamen. Das war 1998 noch ganz anders, da hat aber die SPD nicht die Wechselstimmung initiiert, sondern ist auf der Welle geritten.

                    Heute sind die Menschen sehr zufrieden mit ihrer Situation. Lag die persönliche Zufriedenheit 1998 bei irgendwo 60%, sind es heute 85%. Bis auf einen kleinen Teil sind alle saturiert. Wieso sollte man da Änderungen wünschen? Zu was?

                    Was anscheinend immer noch nicht in die Köpfe einiger will: Wir sind eine sehr alte Gesellschaft. Würde eine solche zu Revolutionen und großen Umbrüchen neigen, wäre das arg seltsam. Eine Analyse der Wahloptionen sollte also immer mit der Frage beginnen, was für ein Wahlvolk habe ich?

                    Wieso wäre Baerbock das bessere Gesicht? Weil sie 40 ist? Ich gehe stark davon aus, dass die Grünen noch andere Politiker in der Altersgruppe haben. Vielleicht wäre ja auch dafür eine 30jährige besser. Ihre Vita gibt das jedenfalls nicht her, da ist sie von Kindesbeinen eine, die brav im Geschirr läuft. Kein Aufbegehren, keine eigenen originellen Gedanken, kein Bürsten gegen den Strich, nichts.

                    Echte Aufsteiger sind aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ein Schröder musste gegen das Partei-Establishment seinen Weg nach oben kämpfen, Baerbock wurde der rote Teppich ausgerollt. Da ist Markus Söder weit mehr Revoluzzer, der würde eine Baerbock noch vor dem Frühstück platt machen. Schröder kam aus ärmlichen Verhältnissen und hat ein kompliziertes Studium ohne das Geld von Papi durchgezogen. Baerbock ist das Gegenteil. Schröder wusste was es bedeutet, zu arbeiten. Baerbock weiß nur, wie das Geld vom Staat aufs Konto kommt.

                    Die Leute wissen das oder spüren es zumindest, diese Überheblichkeit der Grünen-Vorsitzenden. Wie nur irgendjemand auf den Gedanken kommen könnte, jemand aus so vermögendem Elternhaus, der so von den Etablierten nach oben geschoben wurde, könne für Veränderung stehen, sollte nochmal in seine Unterlagen schauen.

          • Stefan Pietsch 5. Oktober 2021, 19:47

            Die Fakten sprechen dagegen. Mit Ausnahme dem Zeitpunkt ihrer Bestimmung als Kanzlerkandidatin heimste Habeck immer weit höhere Zustimmungswerte ein. Vor allem aber findet der Partei-Intellektuelle Zuspruch weit über die Parteigrenzen hinaus. Unionswähler finden in ebenso ansprechend wie Anhänger der SPD und der LINKEN. Selbst in der FDP ist er gut vermittelbar.

            Baerbock dagegen ist nur populär in den Kernmilieus der Grünen, stößt ansonsten jedoch auf breite Ablehnung. Wo soll da das Potential gemessen werden? Die Einschätzung der Geschäftsstelle scheint zudem bestätigt, wie sol1 ja berichtet. Also selbst die Grünen Strategen stimmen der Einschätzung zu, dass Habeck das größere Potential bot (und heute ohnehin bietet).

            Baerbock hat wahrscheinlich für ihre Karriere einen großen Fehler begangen, als sie nach der Kanzlerkandidatur griff. So bildete sich auf die Schnelle ihr Image, statt es langsam wachsen zu lassen und so auch positiv steuern zu können. Gegenbeispiele sind der von mir oft angeführte Carsten Linnemann, aber auch Habeck selbst, der ja nicht über Nacht zum George Clooney der Politik aufstieg. Johannes Vogel, Lars Klingbeil, Tobias Hans sind weitere Beispiele von jungen Politikern, die behutsam an ihrem öffentlichen Auftritt und Image feilen.

        • sol1 5. Oktober 2021, 18:55

          „Hatte ich so einem Hintergrundartikel gelesen, ich weiß nur nicht wo.“

          Ich habe es aus der taz, die wiederum einen Paywall-Artikel der Zeit zitierte:

          https://taz.de/Gruene-Spitzenkandidatur/!5760256/

          „Eher von irgendwie hängen gebliebenen Muttersöhnchen, die in ihrem Dorf bleiben wollen, wo der Bus nur dienstags und freitags fährt.“

          Auch die können Springerstiefel tragen und „Sieg heil“ rufen (wie zuletzt bei einem Auftritt von Höcke in Grimma zu sehen).

          „Manuela Schwesig ist es gelungen, die AfD klein zu halten, was wahrscheinlich auch etwas mit ihrem Kümmerer-Image zu tun hat.“

          Matthias Kamann hat dazu einen interessanten Artikel geschrieben:

          https://www.welt.de/politik/deutschland/article234107026/Mecklenburg-Vorpommern-Wie-Schwesigs-SPD-die-AfD-einfach-kleinregiert.html

          • Stefan Pietsch 5. Oktober 2021, 19:54

            Ich vermute, ich habe es aus der WELT, kann aber auch die F.A.Z. sein.

            Den Artikel habe ich nicht gelesen, allerdings den Header.

      • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 14:35

        Ich hoffe einfach mal, dass die AfD das Randphänomen bleibt, das sie gerade ist, und sich weiterhin unmöglich macht und dann langsam erodiert.

        • Stefan Pietsch 5. Oktober 2021, 19:52

          Das Problem hört doch nicht auf den Namen AfD. Du weißt anscheinend nicht, wie unerträglich es weite Teile der Gesellschaft fanden, als wenige Jahre nach dem Ende der SED-Diktatur die Nachfolgepartei im „Magdeburger Modell“ wieder salonfähig gemacht wurde – in Sachsen-Anhalt, dem Bundesland, wo heute die AfD stark ist.

          Irgendwann hört das Problem auf den Namen „Die Basis“ oder etwas anderes, irgendwann in zehn Jahren oder etwas mehr oder weniger. Das Problem verschwindet nicht, wenn der Name ausgetauscht wird. Und das Problem ist eine stärkere Autoritäts- und Staatsgläubigkeit der Ostdeutschen gepaart mit einer deutlichen Ablehnung der Demokratie und der Marktwirtschaft in Teilen der Bevölkerung.

          • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 21:56

            Ja, das schreib ich doch auch?

            • Stefan Pietsch 6. Oktober 2021, 00:13

              Habe ich nicht so verstanden. Du schreibst von der AfD und thematisierst seit Jahren die rechtsextreme Einstellung im Osten. Das ist nicht falsch, nur ist das eine Erkenntnis, die man schon Mitte der Neunzigerjahre gewinnen konnte. Und wenn man sich mit Ostdeutschen in Sachsen, Thüringen, Brandenburg unterhält, dann bemerkt man oft ein gewisses festes Weltbild, das sich sehr kritisch zu Migranten, Ausländern und Asylbewerbern verhält. Warum das so ist, dafür fallen mir weit mehr als ein Grund ein. Das ist nicht so simpel, wie sich das viele im Westen vorstellen.

              • Stefan Sasse 6. Oktober 2021, 07:44

                Völlig richtig, behaupte ich auch nicht. Ich habe noch nie eine Erklärung dafür abgegeben. Ich halte die Erklärung der LINKEn – Enttäuschung der Wende – für genauso blödsinnig wie die der CDU – die SED-Diktatur. Dafür ist es einfach zu lange her und zu beständig. Beide Parteien haben mit diesen eigennützigen Narrativen im Übrigen stets genau diesen Rechtsextremismus relativiert und entschuldigt; er war immer ein Produkt der Gegner.

                • Stefan Pietsch 6. Oktober 2021, 10:19

                  Wenn ich mich mit Ostdeutschen (bisher waren es meiner Erinnerung nach ausschließlich Frauen) unterhalte, zeigt sich ein völlig anderes Bild. Sie verwahren sich auch dagegen, alle Ostdeutsche in einen Topf zu werfen.

                  Gesichert ist: die Menschen in Sachsen, Thüringen, Brandenburg sind ideologisch und parteipolitisch weit weniger gebunden und festgelegt wie Westdeutsche. Sie können aber auch mit den westlichen Institutionen, EU und NATO z.B., weniger anfangen. Das erklärt sich zweifellos aus der Geschichte, denn Menschen wie ich haben diese Einrichtungen als Schutz und Form der Freiheit kennengelernt, so sind wir aufgewachsen. Für Ostdeutsche wie auch ihre ehemaligen sozialistischen Brüder und Schwestern gilt das nicht, weshalb sie ein sehr funktionales Verhältnis zu EU und NATO besitzen.

                  Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht wirklich, dass die Ostparteien LINKE und AfD ein sehr kritisches bis ablehnendes Verhältnis zu den internationalen Institutionen haben und andererseits enge Bindungen zu Russen pflegen. Die Besetzung der Krim war da kein völkerrechtswidriger Akt (was ist schon völkerrechtswidrig?), sondern Notwehr und Vereinnahmung dessen, was ohnehin zu Rußland gehört.

    • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 14:33

      LINKE
      Wagneknecht ist das personifizierte Protestmilieu. Niemand hat so konsequent einen reinen Protestkurs gefahren wie sie. Man kann die Geschichte auch genau umgekehrt framen, dass sie die Partei in die Spaltung trieb, indem sie Opposition gegen Kipping etc. betrieb. Fakt ist, dass die Partei gespalten ist, was bei ihrer geringen Größe extrem gefährlich ist.

      AfD
      Klar, Rechtsradikale haben immer schon mit Law&Order-Parolen Politik betrieben. Die NSDAP hat auch versprochen, endlich wieder Ruhe und Ordnung auf die Straßen zu bringen (auf denen sie selbst Unordnung schuf). Das ist nichts Neues.

    • bevanite 6. Oktober 2021, 15:32

      Unter Katja Kipping wollte sich die LINKE gezielt vom Protestmilieu lösen, das in der Vergangenheit Wahlerfolge der Partei getragen hatte. Eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung aus dem Jahr 2015 zeigte, dass diese Wählergruppen nicht treu zu einer Partei stehen, sondern immer zur nächsten Protestgruppe weiterwandern. Die damalige Parteivorsitzende richtete ihre Strategie deswegen darauf aus, hippe Milieus in den Großstädten zu umgarnen. Die politischen Forderungen von LINKE und Grüne wurden so weitgehend identisch. Doch wenn zwei die gleiche Meinung haben, ist oft einer überflüssig.

      Sie werfen der Linken genau das vor, was Sie bei der FDP bejubeln. Bisschen widersprüchlich, oder? Ich weiß, dass Sie die sogenannten „hippen Milieus in den Großstädten“ nicht mögen, aber es gibt unter ihnen jede Menge Leute, die zwischen Selbstständigkeit, Hartz IV und dem Niedriglohnsektor pendeln. Die Digitalisierung dürfte diese Entwicklung noch beschleunigen. Das ist die natürliche Wahlklientel für Die Linke, denn die FDP macht den „kleinen Selbständigen“ keine zukunftsträchtigen Angebote. Auch von der Mietenproblematik sind Städter deutlich mehr betroffen (und wie ich schon öfters gesagt habe, leben über 80 Prozent der deutschen Bevölkerung in Städten – auch das Konzept des „smart village“ im Berliner Speckgürtel wird einen Trend, der seit 150 Jahren konstant ist, nicht umkehren). Ich halte die Strategie von Kipping weiterhin für richtig, bei dieser Wahl war wohl das Problem eher die herumeiernde Haltung bezüglich humanitärer Hilfe beim Afghanistan-Abzug, die Querfront-Versuche seitens Wagenknecht/Lafontaine und die Tatsache, dass Die Grünen inzwischen auch die Themen Mindestlohn und Mietpreisbremse entdecken haben.

      • Stefan Pietsch 6. Oktober 2021, 15:50

        Sie werfen der Linken genau das vor, was Sie bei der FDP bejubeln.

        Erstens: Ich werfe Parteien nichts vor. Sie vertreten Bürger, und die haben Interessen. Parteien müssen sich dabei Wählergruppen suchen, die sie vertreten können. Finden Sie die nicht (ausreichend), werden sie überflüssig. Aber vorzuwerfen ist da gar nichts.

        Zweitens: Kipping wollte die Partei für andere Wählergruppen öffnen und bisherige (umzuverlässige) Parteigänger ablösen. Sie wusste, die Milieus gehen nicht zusammen. Nur, anders als die FDP, hat sie sich dabei kein Alleinstellungsmerkmal gesucht, sondern ist in Konkurrenz zu einer Partei getreten, die da aber schon Kompetenz aufgebaut hatte. Das ist schon in der Wirtschaft eine riskante Strategie und nur mit viel Kapital und smarter Vorgehensweise zu bewältigen. In der Parteipolitik kann es lebensgefährlich sein.

        Auch die SPD hat das in ihrer jüngeren Geschichte (seit den Achtzigerjahren) mehrmals erfolglos versucht. Die Strategie hat sie bis an den Abgrund von 14% in Umfragen gebracht. Kopieren ist selten eine gute Idee.

        Unternehmen verabschieden sich nur dann allmählich von ihrer bisherigen Cash Cow, wenn sie eine neue gefunden haben. Das haben die LINKEN nicht und das zeichnete sich bereits bei den vorherigen Bundestagswahlen ab.

        Wenn Sie mir aufmerksam folgen, müssten Sie längst gemerkt haben, dass meine demokratische Einstellung darin besteht, alle relevanten gesellschaftlichen Gruppen politisch vertreten zu sehen. Das unterscheidet mich von dem ein oder anderen. Wenn die LINKE also genügend Wähler findet, ist das in Ordnung. Wenn wegen ihren Strategieüberlegungen mehr Menschen ins Lager der Nichtwähler abwandern, finde ich das nicht so in Ordnung.

        und wie ich schon öfters gesagt habe, leben über 80 Prozent der deutschen Bevölkerung in Städten

        Nur wenn Sie Kleinstädte mit 10000 oder 20000 Einwohnern mitzählen. Das bezeichnet man aber ansonsten als Landbevölkerung. In Deutschland leben jedoch nur 42% der Bevölkerung in Städten > 20.000 Einwohner. Schon bei diesen Größenordnungen ist die LINKE aber kaum vertreten.
        https://de.statista.com/statistik/daten/studie/161809/umfrage/anteil-der-einwohner-an-der-bevoelkerung-in-deutschland-nach-gemeindegroessenklassen/

        • Thorsten Haupts 6. Oktober 2021, 17:27

          Grösser 20.000 ist etwas völlig anderes als grösser 200.000. Das ist nicht ein gradueller, sondern ein grundsätzlicher Sprung. Grösser 20.000 war meine Schulstadt Borken in Westfalen, STADT im eigentlichen Sinne war in der ganzen Gegend trotzdem nur Münster.

          Fairerweise – bevanite hat „Grosstädte“ gesagt :-).

          Gruss,
          Thorsten haupts

          • Stefan Pietsch 6. Oktober 2021, 17:52

            Ich hatte von 20.000 Einwohnern geschrieben.

            Als Großstadt zählen solche mit mehr als 100.000 Einwohnern. Das ist in Deutschland eine überschaubare Zahl. Millionenmetropolen haben wir sogar nur vier.

            Aber die Informationen von bevanite passen eben nicht ganz zusammen. In Deutschland leben nicht 80% der Bevölkerung in Großstädten, sondern ein verschwindender Teil. Wir betrachten aber gerade politische Debatten immer mehr durch die Linse des Großstädters. Parteien, die sich mit ihrem Politikangebot auf die Ballungsräume konzentrieren, müssen dort sehr erfolgreich sein, um die Schwäche in der Fläche auszugleichen. Ich wohne in einer relativ wohlhabenden Region Mittelhessens, ganz ordentlich besiedet, aber ein ganzes Stück von der Metropole Frankfurt entfernt. Hier holten die Grünen weniger Stimmen als die FDP, die LINKE ist fast nicht präsent – außer mit Plakaten. Erst Frankfurt und Offenbach werden für die Linkspopulisten interessant, Wiesbaden, immerhin fast 300.000 Einwohner, dagegen gar nicht. So viel ist dann in Hessen auch nicht, wo die LINKE maßgeblich Stimmen abgreifen könnte.

            Die Grünen leben von Frankfurt und den Studentenstädten. Dann sammeln sie im Gegensatz zur LINKEN noch einige Stimmen in der Fläche ein und kommen so auf ein anständiges Ergebnis in ganz Hessen. Wenn die LINKE die Strategie kopieren wollen – und das war der Ansatz von Kipping, garniert mit mehr Sozialem, ist es wahrscheinlich, dass sie stimmentechnisch verhungern.

  • sol1 5. Oktober 2021, 12:42

    Interessante Analyse der strategischen Optionen in den Koalitionsverhandlungen:

    https://www.nzz.ch/feuilleton/bundestagswahl-wird-es-doch-noch-die-groko-ld.1648689

  • CitizenK 5. Oktober 2021, 13:14

    „,,,den elterlichen Boliden über die Autobahn zu jagen“

    Privatschul-Bias? In einer durchschnittlichen staatlichen Schule dürften nur wenige Eltern einen solchen besitzen. Oder ist die FDP jetzt die Porsche-Partei?

    P.S. Hat schon jemand dien Einfluss von Dreitage-Bärten auf das Wahlverhalten von Youngstern gemessen?

    • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 14:35

      Ich hatte „Bolide“ nie als synonym zu „Porsche“ gesehen, sondern einfach nur zu „Auto“.

      • derwaechter 5. Oktober 2021, 17:20

        Ein Bolide ist ein besonders schnelles Auto. Ein Rennwagen. Ein Geschoss.

        Ein Bolide ist auch ein besonders heller Meteor.

        • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 17:38

          Da schau mal, das war mir unklar.

        • cimourdain 5. Oktober 2021, 22:31

          Bolide war auch ein französischer Autofabrikant Anfang des 20. Jahrhunderts.

  • Erwin Gabriel 5. Oktober 2021, 14:58

    @ STEFAN SASSE on 5. OKTOBER 2021

    Seine Liberalen sind stabil zweistellig, haben die AfD solide deklassiert und auf die Rolle der kleinsten „echten“ Bundestagsfraktion zurechtgestutzt.

    Und da sage noch einer, dass es sich nicht lohne, sich mit den Themen der AfD seriös auseinanderzusetzen. 🙂

    Die einzige wirkliche Überraschung war das starke Abschneiden der Partei bei den Erstwählenden.

    Vielleicht bei Dir. Die Jugend von heute wälzt sich nicht nur in feucht-grünen Träumen.

    Fragt sich, woran das liegt.

    Die Jugend ist sicherlich idealistischer geprägt und macht ihre Kreuzchen noch nicht so ausgeprägt aufgrund strategischer Betrachtungen á la „Erststimme SPD“.

    Einen einzigen zusätzlichen Kommentar hätte ich zu der These, dass Baerbock Opfer von Männerintrigen wurde.

    Wer denkt sich so etwas aus? SIE hat die Fehler gemacht, nicht Robert Habeck; und über die typischerweise gelisteten (Lebenslauf, Buch etc.) hinaus hat sie den gleichen Fehler gemacht wie Armin Laschet: Sich gegen einen als stärker eingeschätzten und bei der Wählerschaft beliebteren Kandidaten mit unseriösen Mitteln („ich bin eine Frau“) durchgesetzt. Und kurze Frage am Rande: Wer hat nochmal ihren Wahlkampf geleitet?

    Anders als Markus Söder, der mit der Situation nicht besonders Souverän umging, hielt Robert Habeck Annalena Baerbock trotzdem die Stange. Das Potential für die Grünen liegt natürlich höher als ihr aktuelles Wahlergebnis. Aber dass die große Chance aufs Kanzleramt vertan wurde, lag weitgehend an Baerbock; dass die Grünen trotz Annalenas Pannen recht gut dastehen, verdanken sie weitgehend dem besonnenen Auftritt von Robert Habeck. Wo im Keller wären die Grünen gelandet, wenn sich Habeck wie Söder verhalten hätte?

    Das hat NICHTS mit intriganten Männern zu tun, die sich an einer Frau abarbeiten.

    • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 16:20

      Vielleicht bei Dir.

      Nein, bei allen. Sorry, ich habe vor der Wahl nirgends die Prognose gelesen, dass die FDP die neue Jugendpartei wäre. Alle Berichte die ich darüber gelesen habe waren überrascht.

      • derwaechter 5. Oktober 2021, 17:37

        „Die“ Jugend war als homogene politische Kategorie die ganze Zeit ziemlich blödsinnig.
        Kann mich an eine Diskussion hier erinnern, wo der Jugend die bei FFF demonstriert Heuchelei vorgeworfen wurde, da sie auch aufwändige Klassenfahrten unternähmen. Als ob alle Jugendlichen gleich wären.

        Nur mal so als Beispiel. Die JU hat mit Abstand die meisten Mitglieder aller Jugendorganisationen der Parteien. Ungefähr 6 mal so viel wie die Jungen Grünen.

        Meine Spekulation zum guten Abschneiden der FDP bei jungen Wählern. Viele konservative Jugendliche haben sich von Laschets Eskapaden (die ja sehr viel Anklang in sozialen Medien fanden) abschrecken lassen und lieber FDP gewählt. Das deckt sich auch mit der Tatsache, dass die Union bei jungen Wählern massiv verloren hat

      • derwaechter 5. Oktober 2021, 17:42

        „Nein, bei allen. Sorry, ich habe vor der Wahl nirgends die Prognose gelesen, dass die FDP die neue Jugendpartei wäre. Alle Berichte die ich darüber gelesen habe waren überrascht.“

        Hätte man aber wissen können. Die FDP hat wohl bei mehreren Landtagswahlen und auch 2017 schon überdurchschnittlich gut bei jungen Wählern abgeschnitten.

        „Auch die FDP wäre sehr viel erfolgreicher, wenn nur die unter 30-Jährigen gewählt hätten: 20 Prozent von ihnen haben ihre Stimme den Liberalen gegeben. Das reiht sich ein in die Ergebnisse aus vergangenen Landtagswahlen, unter anderem in Rheinland-Pflalz und Baden-Württemberg. Auch dort war die FDP bei den Jungen beliebter als im Gesamtdurchschnitt. Der Trend zeichnete sich auch schon bei der Bundestagswahl im Jahr 2017 ab: Hätten damals nur Leute unter 30 abgestimmt, wäre die FDP drittstärkste Partei mit 13 Prozent der Stimmen geworden. “
        https://www.jetzt.de/politik/bundestagswahl-2021-ergebnisse-wie-haben-junge-menschen-gewaehlt

        • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 18:13

          Mag sein, aber mein Punkt ist ja, dass ich wahrlich nicht der einzige bin, der das nicht gesehen hat. Und ich kann mich an keine solche Prognose von Erwin, Stefan oder R.A. erinnern, wo wir dabei sind. Das ist alles. Es klingt für mich einfach wie 2016, wo jeder plötzlich immer schon wusste dass Trump gewinnen wird.

          • derwaechter 5. Oktober 2021, 21:01

            So dramatisch war das ja nun auch nicht was da bei den Jungwählern passiert ist. Die FDP hat ja nicht 40% oder so bei denen geholt. Ich hätte im Vorhinein auf ein paar Prozentpunkte weniger, also etwas besser als 2017, gewettet. Nun ist sie halt noch etwas besser geworden. That’s it.

            • Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 21:56

              Schreib ich doch genauso im Artikel.

              • derwaechter 5. Oktober 2021, 22:46

                Genau. Warum sollten z.B. Pietsch et al das im Vorhinein prognostiziert haben, warum sollte es im Gedächtnis geblieben sein und warum mit einem politischen Erdbeben wir Trumps Sieg vergleichen?

          • Dennis 6. Oktober 2021, 01:08

            Noch in 2019 hat Lindner in dieser Art und Weise laschetistisch geonkelt:

            „Ich finde politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll. Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis. CL “

            Diese Grünschnabel-Theorie hat sich unter den Jungs und Mädels vermutlich nicht rumgesprochen.

            Unterdessen haben die PR-Fritzen offenbar geraten, Onkeleien zu unterlassen und ganz andere Melodien einzuüben:

            Lindner in 2020 :
            „Respekt an #FridaysForFuture! Kinder und Jugendliche haben heute mit Maske und Abstand demonstriert. Ein Vorbild für manche Erwachsene, die in der letzten Zeit in Berlin protestiert haben… Das Demonstrationsrecht ist wichtig – und trotz Corona möglich. CL #KeinGradWeiter “

            Wendig, wendig; fast merkelistisch. Die Altherrenwitze wurden offenbar auch geopfert.

            Man/frau sieht: Determinismus ist in politicis ein ganz schwieriges Ding, weil man/frau nicht weiß, welche Nummer ab morgen von wem ausgewechselt wird. Letzteres halte ich allerdings auch nicht für schädlich. Opportunismus ist bei mir keineswegs unbedingt negativ konnotiert.

            Zitat Stefan Sasse:
            „Mag sein, aber mein Punkt ist ja, dass ich wahrlich nicht der einzige bin, der das nicht gesehen hat.“

            Konnte man/frau auch nicht. Die Zahl derjenigen, die von einem halben Jahr Scholz als Bundeskanzler ernsthaft erwartet haben, war auch nitt grad riesig.

            Als Erstwähler und auch häufig danach hab ich übrigens FDP gewählt. Halte ich heute noch retrospektiv für richtig. Es war zunächst die Zeit von Karl-Hermann Flach und Dahrendorf. Die kamen habituell eher bieder daher und haben sich nicht künstlich auf jung geprasselt, obwohl der Jungwähleranteil deutlich höher war als heutzutage.

            Im Übrigen sind ja alle Expert:innen für das Erstwählertum indem da alle mal durch mussten.

            • Stefan Pietsch 6. Oktober 2021, 01:22

              Noch in 2019 hat Lindner in dieser Art und Weise laschetistisch geonkelt:

              … womit Lindner bis heute recht hat. Die meisten Jugendlichen verstehen kaum etwas von Physik und Chemie und bei ihren politischen Vorstellungen kräuseln sich Umweltökonomen die Fußnägel. Tolle Ideen, wie man eine Volkswirtschaft ruinieren kann und gleichzeitig beim Klimaschutz möglichst ineffektiv sind.

              In den Siebzigerjahren als Jungwähler zur FDP? Wie geht das denn? Bis in die Neunzigerjahre konkurrierten Union und FDP um den Platz, wer wohl unsympathischer war. Dann gab es noch die Intrige um Klaus Kinkel und Irmgard Schwaetzer, dagegen nehmen sich Söder und Laschet wie Waschebäuschchen-Werfer aus. War da nicht etwas mit „intrigantes Schwein“, an die Adresse von Möllemann?

              • Stefan Sasse 6. Oktober 2021, 07:48

                Selbst die LINKE hat 8% unter den Erstwählenden…irgendwer wählt sie immer.

            • Stefan Sasse 6. Oktober 2021, 07:47

              lol

            • CitizenK 6. Oktober 2021, 07:47

              Leute wie Flach und Dahrendorf wären für Lindner wohl linksradikale Träumer. Manche Medien raunen zwar etwas von einer Renaissance des Sozialliberalismus (Kuhle und Vogel). Bin gespannt, ob sich das etwas bei der Koalitionsbildung zeigt. Bin skeptisch.

      • Erwin Gabriel 6. Oktober 2021, 00:05

        @ Stefan Sasse 5. Oktober 2021, 16:20

        Sorry, ich habe vor der Wahl nirgends die Prognose gelesen, dass die FDP die neue Jugendpartei wäre. Alle Berichte die ich darüber gelesen habe, waren überrascht.

        Starke Themen der Liberalen waren Bildung und Digitalisierung. Aber wenn Du das nicht mitgekriegt hast … 😉

        • Stefan Sasse 6. Oktober 2021, 07:42

          Starkes Thema der LINKEn ist die Klimakrise. Interessiert auch keine Sau. Nur weil ich was als Thema habe heißt das nicht, dass du gewählt wirst. Auch heißt „Bildung“ und „Digitalisierung“ als thema nicht automatisch „junge Wählende“.

          • CitizenK 6. Oktober 2021, 07:50

            Fortschritt und Bildung: Will die FDP nicht unbedingt am „bewährten“ 3gliedrigen Schulwesen festhalten?

            • Stefan Sasse 6. Oktober 2021, 09:18

              Ja, will sie. Aber die meisten Schüler*innen und Eltern ja auch.

              • Stefan Pietsch 6. Oktober 2021, 10:31

                Ich habe mir die Mühe gemacht, auf der FDP-Seite zu kramen. Ein Datum ist das dreigliedrige Schulsystem nicht. Das Problem ist in Deutschland nicht das System. Wir experimentieren seit den Siebzigerjahren am Bildungssystem herum. Ansehen und Output sind dort am schlechtesten, wo am meisten experimentiert wurde. Da scheint ein Zusammenhang zu bestehen.

                Was ein Problem ist, ist die fehlende Erfolgskontrolle und die einheitlichen Leitlinien. Das steht im Zentrum der Bildungspolitik der Liberalen.

                • CitizenK 7. Oktober 2021, 12:18

                  Fehlende Erfolgskontrolle? Seit PISA wird dauernd evaluiert. Eher fehlende Voraussetzungen für Erfolg.Aktuell verlassen 20 % die Schule ohne ausreichende Basis-Fähigkeiten, so die aktuelle ZEIT-Ausgabe.

                  Sattsam bekannt: Im OECD-Vergleich hängt in Deutschland der Bildungserfolg am stärksten von der Herkunft ab. Statt ständig „die höchste Steuerbelastung in der OECD“ zu bejammern, sollten Liberale auch diesen Punkt in den Blick nehmen.

                  Und das hat nicht nur mit dem überholten Schulsystem zu tun, sondern auch mit der Einkommens- und Vermögensverteilung in unserem Land. Bourdieu sollte gerade für Liberale zur Pflichtlektüre gehören.

                  • Stefan Pietsch 7. Oktober 2021, 12:59

                    Zum einen: PISA untersucht die Lernkompetenzen in bestimmten Altersstufen. Der internationale Vergleichstest ist keine Abschlusskontrolle und er wird nationale erhoben. Nicht regional und schon gar nicht bezogen auf eine Einrichtung. Zum anderen hat sich gerade Deutschland über Jahrzehnte heftig gegen solche Vergleichsstudien gewehrt und nicht teilgenommen.

                    Der FDP geht es wie den Konservativen darum, Abschlüsse vergleichbar zu machen. Eine 2 als Abschlussnote in Bayern muss die gleiche Qualität haben wie eine 2 in Bremen. Heute ist es eher so, dass selbst eine 4 in München noch allemal mehr Qualität des Schülers zeigt als eine 2 in Köln. Das ist völlig leistungsungerecht.

                    Sie bringen es echt fertig, von der Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen zu Einkommens- und Vermögensverteilung zu springen. Die Vermögensverteilung hat zum einen historische Ursachen und wird politisch durch die Diskriminierung der Bildung von Eigentum verursacht. Die Ostdeutschen sind wesentlich ärmer als die Westdeutschen, dennoch liegt Sachsen bei den Vergleichsstudien weit vor Bremen. Also, ziemlicher Quatsch. Es ist auch nicht so leicht erklärlich, warum ein Schulkind in einer Mietwohnung schlechter lernen können soll als in einer Eigentumswohnung. Die Eltern der Eigentumswohnung sind statistisch wesentlich vermögendender als die Eltern, die zur Miete wohnen.

                    Es macht aber sehr wohl einen Unterschied, ob die Eltern intelligent und gebildet sind und deswegen ihren Kindern beim Zubettgehen etwas vorlesen, mit ihnen am Wochenende Spaziergänge machen, ihnen von der Komplexität der Arbeit erzählen oder ob die Kinder zur Unterhaltung vor dem Fernseher oder Playstation geparkt werden, ohne Gute-Nacht-Geschichte einschlafen müssen und früher aus dem Haus gehen als ihre Eltern überhaupt aufstehen.

                    Ja, die einen Eltern werden auch über mehr Einkommen verfügen, weil Bildungsgrad in unserer Gesellschaft heftig mit Einkommen korelliert. Aber das Einkommen ist nicht die Ursache, sondern nur die messbare Größe. Bei Studien, die den Bildungsgrad der Eltern zum Maßstab nehmen, kommt das gleiche Ergebnis raus. Liest sich politisch halt nicht so spektakulär.

                    • Stefan Sasse 7. Oktober 2021, 14:14

                      Im Grundsatz stimme ich zu. Die Aussagekraft sowohl von PISA als auch Noten ist bestenfalls halbgar.

                    • CitizenK 7. Oktober 2021, 17:52

                      Am Küchentisch in der kleinen Wohnung mit Geschwistern lernt es sich genau so gut wie im eigenen Zimmer im eigenen Haus?

                      Die „armen“ Eltern(teile), die sich krumm legen für die Bildung ihrer Kinder sind die Ausnahme, die die Regel bestätigen.

                    • Stefan Pietsch 7. Oktober 2021, 18:04

                      Ah, die Eigentumswohnung ist immer groß und geräumig, die Mietwohnung (viel zu) klein.

                      Is‘ klar, Eigentum kostet ja nix, da kann man großräumig leben.

                      Merke: Vergleiche Gleiches mit Gleichem und nicht Ungleichem.

                      P.S.: Mein Ländervergleich Sachsen / Bremen hat Ihnen für Ihre Theorie der Vermögensverteilung anscheinend nicht gefallen?

                  • Stefan Sasse 7. Oktober 2021, 14:11

                    Ne, eine echte Erfolgskontrolle gibt es tatsächlich nicht. PISA, VERA und Konsorten testen zwar einen bestimmten Lernstand, sind aber methodisch extrem problematisch. Empiriere fehlt im Bildungssystem fast komplett – was es übrigens mit den Wirtschaftswissenschaften gemeinsam hat.

                    • Stefan Pietsch 7. Oktober 2021, 14:29

                      Natürlich gibt es in den Wirtschaftswissenschaften Empirie. Die BWL ist eine der angewandtesten Wissenschaften überhaupt.

          • Erwin Gabriel 6. Oktober 2021, 11:40

            @ Stefan Sasse

            Auch heißt „Bildung“ und „Digitalisierung“ als Thema nicht automatisch „junge Wählende“.

            Mag sein. Genauso wenig, wie Deine Antwort bedeutet, das Du Recht hast. 🙂

  • cimourdain 5. Oktober 2021, 22:46

    Ein paar Anmerkungen noch von mir :
    1) FDP/Erstwähler
    a) Die stärkste Partei bei diesen Jahrgängen ist die Partei der Nichtwähler.
    b) Was meiner Meinung nach die FDP am meisten für junge Menschen attraktiv gemacht hat, ist, dass diese nicht die Rücksichtslosigkeit, mit der die anderen Parteien die Coronapolitik auf dem Rücken der Jungen ausgetragen haben, mitgemacht hat.

    2) Team Fortschritt. Grüne und FDP haben in so vielen wichtigen Punkten diametral entgegengesetzte Vorstellungen. Was sie zusammenbringt ist ausschliesslich die Tatsache, dass keine von beiden Parteien ohne die andere eine Machtoption hat.

    3) Baerbock und ‚unzweifelhafter‘ Sexismus. Natürlich gab es Leute, die sie wegen ihres Geschlechts angegriffen haben, aber es gab auch (mehr) Leute, die sie nur wegen ihres Geschlechts unterstützt und verteidigt haben. Fast alle sehen da nur jeweils eine Seite der Medaille. Also: „Baerbock war von Sexismus betroffen, der ihr im Saldo mehr genutzt als geschadet hat.“

    4) Die Linke : Die wichtigste Abwanderung der Linken ist zu den Friedhöfen. Eine Stammwählergruppe dieser Partei war die Generation der Wendeverlierer, die in der Mitte des Lebens durch den Systemumbruch vor dem Nichts standen. Und diese Generation stirbt ihr langsam weg.

    • derwaechter 5. Oktober 2021, 22:50

      3) ja. Wenn unter ansonsten genau gleichen Umständen Anton Baerbock angetreten wäre, hätte er wohl niemals die Kandidatur erreicht. Das

      • Stefan Sasse 6. Oktober 2021, 07:43

        Da fehlt was oder?

        • derwaechter 6. Oktober 2021, 10:03

          Sieht so aus, aber es ist mir jetzt leider entfallen 🙂

          • Erwin Gabriel 9. Oktober 2021, 12:51

            Passt auch so 🙂

    • Stefan Sasse 6. Oktober 2021, 07:40

      1)a) Grundsätzlich korrekt, ja. Darauf weise ich ja immer wieder hin: Erstwählende und Jungwählende sind interessant, aber sie sind kaum ausschaggebend.
      b) Hab ich bisher noch von niemand gehört. Meine Schüler*innen beschweren sich generell eigentlich kaum über die Regeln; es sind die Erwachsenen, die da ständig rummachen.

      2) Ich hab das ja beschrieben: sehr gegensätzliche Politikansätze, aber gemeinsam, dass sie das Land tiefgreifend reformieren wollen.

      3) Während es das unzweifelhaft gab („als Frau“ sag ich nur), das Verhältnis ist andersrum.

      4) Korrekt. Bei der CDU ja auch. Aber das ist schon seit, was, 30 Jahren so?

  • Lemmy Caution 5. Oktober 2021, 22:47

    FDP und Jugend: Weil sie nicht in der Regierung sind, verbuchen sie wohl auch einen anti-establishment Bonus. Das plakative Auftreten hilft sicher auch. Meine liberalste Phase hatte ich mit mitte-20. Hat der FDP aber nicht geholfen, weil ich so neoliberal war, dass mir aus der rationalen Erkenntnis des geringen Gewichts meiner Stimme wählen gehen als eine Zeitverschwendung erschien.
    Lateinamerikas aktuell faszinierendste Politik-Performance, der ultraliberale Javier Milei, hat Chance auf Platz 2 in der Stadt Buenos Aires und erfreut sich einer extrem hohe Zustimmung gerade unter Erstwählern. Chiles Ultra-Liberale UDI begeistert die Jugend kaum.

  • Lemmy Caution 5. Oktober 2021, 23:13

    Die Linke hat ein echtes Problem. Die 3 Direktmandate gewannen ja drei eher gemäßigte Vertreter, die bei ihren Wählern mit persönlicher Glaubwürdigkeit punkten. Die Partei scheint sich aber in völlig andere Richtungen zu bewegen.
    K-Gruppen revival, Querfront und Hipster-Anbiedern passt unter keinen Hut.
    Persönlich erfreut hat mich die Auflösung des Bundestagsbüros der ex-Abgeordneten Heike Hänsel.

    • bevanite 6. Oktober 2021, 15:22

      Die Linke hat ein echtes Problem. Die 3 Direktmandate gewannen ja drei eher gemäßigte Vertreter, die bei ihren Wählern mit persönlicher Glaubwürdigkeit punkten. Die Partei scheint sich aber in völlig andere Richtungen zu bewegen.
      K-Gruppen revival, Querfront und Hipster-Anbiedern passt unter keinen Hut..

      Was ist mit „Hipster-Anbiedern“ gemeint? Ich denke bei dem Wort ja entweder an die als „white negroes“ verpönten weißen Jugendlichen, die in den Fünfzigern schwarze Jazz-Musik hörten, oder an bunt gekleidete, stylische Kids in Brooklyn, N.Y. in den frühen Nullern. Neuerdings kommt es mir so vor, als ist das ein Schimpfwort für Stadtbewohner unter 30 mit liberalen gesellschaftspolitischen Ansichten geworden. Falls dem so sein sollte, war es für Die Linke 2017 eine erfolgreiche Strategie, diese Gruppe mit ins Boot zu holen. Auf Dauer muss sich die Partei in die Zukunft orientieren und dazu braucht sie auch jüngere Menschen. Sich lediglich auf die Wendeverlierer und -verliererinnen zu stützen, ist auf Dauer nicht ausreichend. Und Querfront-Ideen schon gar nicht, damit macht man am Ende nur die AfD stärker (siehe Österreich).

  • CitizenK 7. Oktober 2021, 17:43

    @ Stefan Sasse

    Die Beherrschung der Grundrechenarten lässt sich doch gut vergleichen, ebenso wie Textverständnis. Was ist daran „halbgar“?

    • Stefan Sasse 7. Oktober 2021, 18:00

      Klar, Grundschulkenntnisse kann ich recht einfach vergleichen. Nur – die Ergebnisse sagen mir dann nichts darüber, was da schief läuft und was man tun kann. Deswegen halbgar. Da braucht es mehr Infos.

  • CitizenK 8. Oktober 2021, 10:30

    Mir gefällt jedes Argument, das zur Klärung eines Sachverhalts beiträgt. Und das ist ja eins. Ich habe aber auch nicht behauptet, dass „Bildung“ oder auch nur „Schulerfolg“ auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen sei.

    P.S. Wenn man „Bildung“ allerdings weiter fasst, dann begeistern mich die Schulleistungen in Sachsen nicht mehr so sehr.

    • CitizenK 8. Oktober 2021, 15:46

      Dazu noch ein Zufallsfund aus der FAZ:

      „Woran liegt es also, dass der Einstieg und insbesondere der Aufstieg im Fach Rechtswissenschaften für weniger privilegierte Studis ohne akademischen Hintergrund so viel schwerer ist? Ich denke, ein ebenso simpler wie ernüchternder Teil der Antwort darauf lautet: Es liegt schlicht und einfach am Geld.“

      • Stefan Pietsch 8. Oktober 2021, 17:24

        Wir sprachen von Kindern. Beim Einstieg ins Jurastudium sind die angehenden Studenten 19, 20 Jahre alt. Nein, es liegt nicht am Geld, wieso sollte es? Jura ist kein Karrierefach. Ein hohes Einkommen lässt sich nur erzielen, wenn man sich spezialisiert (Unternehmenssteuerrecht, internationales Recht, Organschaften u.ä.) oder sich in einer Großstadt selbständig macht. Dazu benötigt man tatsächlich Geld, ohne guten Abschluss ist es aber ohnehin schwierig.

        Sie suchen, um Ihre Vorteile zu bestätigen, nicht um sich ein Bild machen zu können.

        • Stefan Sasse 8. Oktober 2021, 18:16

          Das Jurastudium ist außerdem berühmt dafür, ohne teure private Tutorenkurse und Nachhilfe kaum zu schaffen zu sein.

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