Die Serie „Vermischtes“ stellt eine Ansammlung von Fundstücken aus dem Netz dar, die ich subjektiv für interessant befunden habe. Sie werden mit einem Zitat aus dem Text angeteasert, das ich für meine folgenden Bemerkungen dazu für repräsentativ halte. Um meine Kommentare nachvollziehen zu können, ist meist die vorherige Lektüre des verlinkten Artikels erforderlich; ich fasse die Quelltexte nicht noch einmal zusammen. Für den Bezug in den Kommentaren sind die einzelnen Teile durchnummeriert; bitte zwecks der Übersichtlichkeit daran halten.
1) „Wir wollten nicht niedlich sein“ (Interview mit Christoph Biemann)
Dieter Kassel: Zu modern, zu schnelle Schnitte, nicht pädagogisch genug, überhaupt nicht geeignet für Kinder, überfordert das Gehirn – so lautete die Kritik an einem völlig neuen Phänomen im Fernsehen, nein, nicht MTV, sondern „Die Sendung mit der Maus“. Als sie vor 40 Jahren zum ersten Mal zu sehen war, gab es viele Bedenken. Heute gibt es viele Glückwünsche. Dieser hier kommt von Oliver Witt.
Oliver Witt über „Die Sendung mit der Maus“. An ihrem heutigen 40. Geburtstag habe ich mit einem der Mausmacher geredet, mit Christoph Biemann, das ging allerdings nur vor der Sendung, denn inzwischen ist er auf dem Rosenmontagszug, auf dem Maus-Wagen. Aber heute Morgen habe ich ihn noch fragen können, was er eigentlich damit meint, wenn er immer mal wieder gesagt hat, dass man damals, Anfang der 70er-Jahre, eine solche Sendung einfach machen musste, wieso das muss.
Christoph Biemann: Die Sendung musste es geben, weil die Kinder einfach ferngesehen haben, und sie haben hauptsächlich Werbung gesehen und waren begeistert von den kleinen Animationen dazwischen, von den kleinen Trickfilmfiguren und von den, ja, sehr eingängigen, gut gemachten Werbespots. Gleichzeitig gab es bei uns den sozusagen aufklärerischen Impetus, halt den Kindern was zu erzählen, für die Türen zu öffnen, ihnen sozusagen auch ein bisschen die Welt zu zeigen, ja, das hat sich praktisch von selber angeboten.
Kassel: Gab es damals auch – wir reden ja über eine Zeit, da war die 68er-Revolte natürlich gerade passiert oder war in vollem Gange, da gab es aber natürlich auch noch starke konservative Strömungen –, gab es Diskussionen darüber, ob man damals eine Sendung so spielerisch, so locker-leicht machen durfte für Kinder oder ob man ein bisschen mehr Disziplin brauchte?
Biemann: Also es gab schon Diskussionen, also gerade Pädagogen haben da stark gewettert gegen die Maus, das wir irgendwie alles zukleistern, dass wir Musik machen, zu bunt, zu laut, zu schnell sind, da gab es viele Proteste. Aber die Kinder haben es trotzdem geguckt, und das war für uns das Wichtigste. Heute sehen die Leute das ganz anders. (Dieter Kassel, DLF)
Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag der „Sendung mit der Maus“. Kindheitserinnerungen werden wach. Ich verlinke den Artikel aber vor allem wegen der Erinnerung an die Albernheit der Kritik, die das Format ertragen musste. Es ist erstaunlich, wie verknöchert-konservativ selbst eine gefühlt so nahe Zeit wie die 1970er Jahre waren. Dass ein so den Geist der Pädagogik atmendes, unglaublich harmloses Format wie die „Sendung mit der Maus“ eine so übertriebene Kritik auf sich zog, sollte angesichts der völlig abgedrehten Debatten unserer Tage – erinnert sei nur an Manfred Spitzer – eigentlich nicht verwundern. Bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass die heutigen alsbald genauso absurd wirken wie die Kritiker*innen der „Sendung mit der Maus“ es heute tun.
Oft wird es »Burkaverbot« genannt – obwohl die Burka ein Kleidungsstück aus Afghanistan ist, das in der Schweiz laut Experten von keiner Frau getragen wird. Die Initiative richtete sich in erster Linie gegen den islamischen Gesichtsschleier, den Nikab – auch dieser ist in der Schweiz kaum verbreitet. Nur etwa 30 Frauen, größtenteils Konvertitinnen, tragen ihn. Doch es ging in dieser Abstimmung nie wirklich um diese Frauen. Es ging ums Prinzip: um Identitätspolitik von rechts. Das Signal, das von dieser nationalen Entscheidung ausgeht, ist bitter. Wieder einmal ist es Populisten in einem europäischen Land gelungen, Stimmung gegen Muslime zu machen – und aus dieser Stimmung eine Regelung abzuleiten, die inhaltlich wenig, symbolisch aber viel verändert. Der Artikel 10a, der nun in die Schweizer Bundesverfassung aufgenommen wird, ist für das Land bereits die zweite in einer Volksabstimmung angenommene Bestimmung, die sich explizit an Muslime richtet. Sie signalisiert ihnen: Ihr steht unter besonderer Beobachtung – und seid nur eingeschränkt willkommen. Schon 2009 wurde die Verfassung durch einen Passus ergänzt, der den Bau von Minaretten im Land verbietet. Hinter beiden Initiativen stand ein rechtskonservatives Komitee, das die »christliche Leitkultur« der Schweiz verteidigen will und vor einer »Islamisierung« des Landes warnt. […] Am wichtigsten aber wäre ein Grundsatz, der sich in allen europäischen Verfassungen findet: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Gerade liberale Politikerinnen und Politiker stellten sich in der Schweiz deshalb gegen das Verbot. Zu Recht. Es bleibt ein ernüchterndes Fazit: An diesem Sonntag haben in der Schweiz diejenigen gewonnen, die nicht mit Muslimen, sondern über Muslime reden wollen. Ihr knapper Sieg ist ein Sieg der Ignoranz.
Ich finde die Debatte schwierig, wesentlich schwieriger jedenfalls als noch vor einigen Jahren, wo ich mir in meinem Werturteil ziemlich sicher war. Denn ich kann ja schlecht argumentieren, dass Verbote in meinen präferierten Politikbereichen und von „meinem Team“ gut und wichtig sind, aber hier, wo es von rechts kommt, plötzlich nicht. Denn klar, es gibt keine Burka- und so gut wie keine Nikab-Trägerinnen, weder in der Schweiz noch in Deutschland. Auf der anderen Seite aber geht es ja ums Prinzip, denn diese Dinger sind ja identitätspolitisch von beiden Seiten aufgeladen. Ähnlich einer kaputten Uhr, die zweimal am Tag richtig geht, haben die Rechtsextremisten ja recht, wenn sie diese Kleidungsstücke mit Islamismus in Verbindung bringen.
Ich finde auch die zweite Argumentationslinie hier nicht unproblematisch. Ich bin schon kein Freund von „Mit Rechten reden“, warum also sollten wir mit Islamisten reden? Mit Muslim*innen: sofort! Aber die sind davon ja letztlich gar nicht betroffen, und das wird mir hier zu sehr durcheinandergerührt. Schwierige Geschichte, das.
Und gleichzeitig: Das „Warum“ ist wichtig! Diese Abstimmung ist nichts als rechte Identitätspolitik, Hass auf einem Wahlzettel. Das muss man auch klar benennen. Den Neonazis geht es ja nicht um die Partizipationsrechte muslimischer Frauen; die haben es ja schon nicht so mit Gleichberechtigung in Deutschland. Auch da muss man das Minenfeld dieser Thematik navigieren.
Jedes Mal, wenn ich gegen die Unsinnigkeit von Noten wettere, höre ich ein bekanntes und gleichermaßen falsches Gegenargument: »Aber Noten sind doch wichtig für meine Bewerbung?!« Nein, sind sie nicht – zumindest nicht so wichtig, wie es manch einer denkt. Im Hochschulranking der »Wirtschaftswoche« werden in regelmäßigen Abständen Personalmenschen befragt, welche Eigenschaften sie bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen schätzen. Dabei wird nicht nur aufgenommen, welche Unis und welche Studienfächer am besten abschneiden, sondern auch, welche Qualifikationen besonders gefragt sind. Die Abschlussnote rangiert in dieser Liste nur auf Platz 4 (39 Prozent). Am wichtigsten wird die Persönlichkeit der Bewerbenden (66 Prozent) eingeschätzt, gefolgt von ersten Praxiserfahrungen (60 Prozent) und der Abschlussart (50 Prozent). Demnach sind Noten für Recruiter nicht der entscheidende Punkt. Sie können allerdings (bei sonst gleichen Rahmenbedingungen) den Unterschied machen – was zumindest im Hinblick auf den Faktor »Persönlichkeit« eher ein theoretischer Fall sein dürfte. […] Dazu ein kleiner Denkanstoß: Möchtest du für ein Unternehmen arbeiten, dass dich aufgrund einer einzigen Kennzahl auswählt? Ist es das, wofür du fünf Jahre lang studiert hast? Um dich dann für eine Zahl rechtfertigen zu müssen? Und falls du den Job bekommst: Bist du bereit, dieses Kennzahlenspiel deine gesamte Karriere mitzuspielen? Bei jedem Bonus? Bei jeder Beförderung? Bis zur Rente? (Tim Reichel)
Die Tatsache, dass Noten völlig überbewertet werden, könnte eine ganze Artikelserie füllen. Ich will mich an der Stelle auf die übliche Sorge konzentrieren, dass sie bei Bewerbungen die entscheiden Kenngröße sind. Das Problem an der Sache sind die Personaler, die nicht in der Lage zu sein scheinen, das zu erkennen und zu durchschauen. Das ist generell so eine Profession, in der die Esoterik dominiert. Nirgendwo sonst werden auf so dünner Grundlage so weitreichende Entscheidungen getroffen. Aber ich schweife ab.
Ein Beispiel dafür, dass Noten alles bestimmen (und damit auch Reichels Argumentation etwas widerlegen) ist die die Lehrkräfteeinstellung. Lehrkräfte werden einzig und allein auf Basis ihres Notenschnitts eingestellt. Andere Kriterien spielen keine Rolle. Und manchmal fragt man sich, ob das nicht insgesamt besser wäre, denn die von Reichel genannten Kriterien – Persönlichkeit der bewerbenden Person allen voran – sind so grotesk diskriminierend, dass die Einstellungspraxis der Regierungspräsidien dagegen wie ein Hort von Vernunft und Effizienz erscheint.
4) Die Welt abbilden, wie sie ist
Aus diesem Anlass haben wir unsere Kolleginnen und Kollegen aus dem Datenteam gebeten zu analysieren, wie häufig wir in unseren Texten Männer und Frauen zitieren, beschreiben und über sie berichten. Sie haben dafür alle Texte ausgewertet, die zwischen dem 1. März 2020 und dem 28. Februar 2021 im gedruckten SPIEGEL oder im freien Bereich von SPIEGEL.de erschienen sind. Das Ergebnis ist ernüchternd. In den rund 40.000 Artikeln werden 107.000 Mal Männer und nur 28.000 Mal Frauen namentlich genannt. In 73 Prozent aller Veröffentlichungen werden Männer erwähnt, in lediglich 37 Prozent Frauen. In 42 Prozent der Texte kommen ausschließlich Männer als Protagonisten oder Experten vor, nur in sechs Prozent aller Artikel sind es Frauen. Dass dieses Verhältnis unausgeglichen sein würde, war uns klar. Dass es aber so eindeutig zuungunsten der Frauen ausfällt, hat uns nachdenklich gemacht. Der SPIEGEL berichtet über die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, über Staats- und Regierungschefs, über Unternehmenslenker. Wir decken Missstände in unserer Gesellschaft auf und prangern jene an, die sich nicht korrekt verhalten. Wir könnten es uns jetzt einfach machen und sagen: Die Mächtigen und Einflussreichen, aber auch die, die für Missstände verantwortlich sind, sind nun mal in der Mehrzahl männlich – wir bilden also nur die Realitäten ab. Aber das wäre zu billig. Denn es gibt ja längst genügend Politikerinnen, Unternehmenschefinnen, Wissenschaftlerinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen, Historikerinnen – also Expertinnen in den jeweiligen Gebieten. Sie sind nur nicht immer so prominent, drängen sich nicht sofort auf, stehen nicht immer in der ersten Reihe. Zu unserem Job gehört es, sie zu entdecken. […] Jetzt muss es uns vor allem gelingen, die gelernten Denkmuster zu verändern. Und das geht, die BBC hat es vorgemacht. Vor vier Jahren startete die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt der Briten das Projekt »50:50«. Dessen Ziel: In allen Sendungen und in allen Beiträgen so viele Frauen zu Wort kommen zu lassen, wie es der Realität entspricht: 50 Prozent. Die BBC hat das geschafft. Wir können hier nicht versprechen, dass wir bis zum nächsten 8. März ebenfalls so weit sind. Aber wir wollen es wenigstens versuchen. Damit wir dann nicht wieder nur über Dinge schreiben, die wir längst hätten anders machen können. (Steffen Klusmann, SpiegelOnline)
Zuerst einmal: Gut, dass der Spiegel da so selbstkritisch ist, und gut, dass sie in die Richtung gehen. Ich mag vor allem das Framing, in das sie das packen: Es geht nicht um eine Bevorzugung oder ein Vorziehen von Frauen, um deren Anteil zu erhöhen, sondern um die Sichtbarkeitmachung dessen, was bereits da ist. Und damit eine Änderung gesellschaftlicher produzierter und reproduzierter Verhältnisse.
5) Mini UBI Experiments Don’t Tell Us Very Much At All
I suppose I’ve read a hundred pieces like this over the past few years. Some describe American experiments. Finland did one a few years ago. Africa is a popular place for philanthropies to run UBI projects. The problem is that none of them really tests the Universal Basic Income thesis in a way that matters for the United States.[…] Now, there’s an obvious problem with my requirements: The only kind of test that qualifies is very expensive and takes a very long time to return results. Including both the cash and the people to run the experiment, we’re probably talking $30-100 million depending on how rigorous the test is. This is hardly impossible if some billionaire gets really interested in the idea, but that’s what it would take. In the meantime, the raft of experiments that are done in poor countries; or last for only a year or two; or involve small monthly stipends—well, they just don’t tell us much. I honestly don’t think there’s an answer to this. (Kevin Drum, Jabberwocky)
Ich bin bekanntlich überhaupt kein Freund des Grundeinkommens, und solche unseriösen „Experimente“ nerven mich total. Das Spiegelbild davon sind diese besonders in den Nullerjahren beliebten Dokus und Experimente, wo „normale“ Menschen für einen Zeitraum X (meist nur einen Monat oder so) mit Hartz-IV auskommen sollten und dann feststellten, dass das zwar ätzend ist, aber schon geht. Klar, wenn ich weiß, dass ich nach X einen mehrfachen Faktor wieder zur Verfügung habe und in der Zwischenzeit sogar was gespart, dann ertrag ich das. Nach fünf Jahren alleinerziehend sieht die Lage vielleicht etwas anders aus. Dasselbe gilt für das BGE. Auch wenn ich das zwei Jahre bekomme, ist es letztlich nur ein nettes Zusatzgeld. Das sagt überhaupt nichts.
Weil aber aussagekräftige Experimente effektiv unmöglich sind, bleibt das komplette BGE-Projekt eine reine Glaubenssache. Wir brauchen einen oder besser mehrere Staaten, die es komplett umsetzen. Dann kann man überhaupt mal erste Aussagen machen, und auch deren Gehalt wird arg beschränkt sein. Die einzige Möglichkeit herauszufinden, ob das in Deutschland funktioniert, ist, es einzuführen. Das gilt für jede größere Transformation. Bis dahin werfen wir uns nur Hinweis-auf-Folgen-Argumente an den Kopf. Sicherlich intellektuell unterhaltsam, aber ultimativ irrelevant.
6) Identitätspolitik ist überall
Dass Identitätspolitik erst seit einer Weile breit als Problem diskutiert wird, liegt daran, dass sie von vielen überhaupt erst als Identitätspolitik erkannt wurde, als sie das Hergebrachte, Unhinterfragte, Normale infrage stellte. So gewendet, ließe sich Identitätspolitik als Kategorie vielleicht retten, ließe sich mit ihr eventuell sogar etwas anfangen, wenn man sie nicht gleich verabschieden möchte. Sie würde eine Verfremdung bewirken, es erlauben, das zu sehen, was sich dem Auge bisher durch schiere Alltäglichkeit verborgen hat. Wo es überall über die Stärkung oder Infragestellung von Identität geht, wo um Wertschätzung und Anerkennung. Man könnte dann vielleicht sogar die Unterscheidung aufrechterhalten, die gern und selten gut belegt als Vorwurf formuliert ist. Identitätspolitik beschäftige sich mit Nebenwidersprüchen und vergesse die materiellen Fragen, den Klassenkampf, die Umverteilung (und deshalb schade er der Linken so – ein Argument, das verdächtig leidenschaftlich von Liberalen, Bürgerlichen und Rechten gemacht wird). So ließe es sich ja definieren: Identitätspolitik ist, was auf die immaterielle Anerkennung einer Gruppe zielt. Dann wäre die Mütterrente keine reine Identitätspolitik, obwohl sie starke identitätspolitische Züge hat. Dann wäre aber auch die Forderung nach Quotenregelungen keine reine Identitätspolitik, weil sie ebenfalls sehr reale, konkrete, materielle Folgen hat: Uniplätze, Verwaltungsjobs, Vorstandposten. Dann wäre die Auseinandersetzung endlich symmetrisch, Identitätspolitik nicht mehr nur ein Vorwurf, den die einen gegen die anderen erheben können. Dann könnte man nicht jede Forderung nach Anerkennung durch eine Gruppe einfach abtun. Dann könnte man sich stattdessen genauer anschauen, welche Gruppen aus welchen Gründen um welche Form der Anerkennung kämpfen – auch auf die Gefahr hin festzustellen, dass manche der bisher abgewehrten Ansprüche ziemlich schlecht zu verwehren sind. Dann könnte man andererseits sogar produktiv fragen, welche Ansprüche überzeugend sind und ob die Art, wie sie geltend gemacht werden, hilfreich ist. Man könnte, anders gesagt, mit Identitätspolitik in diesem Sinne umgehen wie mit anderen politischen Ansprüchen auch. Solange die Diskussion aber nur um einen Teil aller Identitätspolitiken kreist und andere konsequent ignoriert, wird sie nur Verletzungen produzieren, keine Erkenntnis. (Jonas Schaible, SpiegelOnline)
Der lange, lesenswerte Aufsatz greift viele Elemente auf, die ich in meinem eigenen Artikel zur Identitätspolitik auch besprochen habe. Ich möchte daher hier den Schluss thematisieren, vor allem in Bezug auf die aktuelle Debatte in der SPD und die Idee der Unvereinbarkeit klassisch sozialdemokratischer Politik und „Identitätspolitik“. Das ist so nicht korrekt, denn diesen vielzitierten Widerspruch zwischen niedrigen Einkommen und moderner Genderpolitik gibt es so überhaupt nicht. Es ist sicherlich richtig, dass die Betonung der „kosmopolitischen“ Seite dieser Debatte wenig Wähler*innenstimmen für die Sozialdemokratie generiert, aber es ist genauso falsch zu glauben, dass man das Thema ignorieren könne. Es ist eine Frage des Framings.
Es ist ein Realitätsverständnis, das man von kleinen Kindern kennt: Wenn ich etwas nur ganz doll will und fest daran glaube, dann muss es doch wahr werden. Genau so haben Bund und Länder beim jüngsten Coronagipfel agiert: Wenn der Wunsch nur stark genug ist, spielt die Realität keine Rolle. Der Wunsch war dabei, dass der Lockdown endlich gelockert wird. Der wird zwar nur von einer Minderheit vertreten, aber die ist zuletzt immer lauter geworden. Und aus subjektiver Sicht ist das ja auch verständlich: In Einzelhandel, Gastronomie und im Kultursektor wachsen trotz staatlicher Hilfen die wirtschaftlichen Sorgen und damit die Ungeduld. Und zumindest ein Teil der Eltern und Kinder wartet dringend darauf, dass der Präsenzunterricht wieder beginnt. Die Hoffnung, dass das bald wieder möglich ist, ist durchaus berechtigt: In den nächsten Monaten werden die Impfstofflieferungen stark zunehmen, und durch Schnelltests lässt sich das Risiko beim Zusammentreffen von Menschen stark verringern. Die Realität sieht derzeit aber anders aus: Die Infektionszahlen fallen seit zwei Wochen nicht mehr, sondern steigen wieder leicht. Die Impfungen kommen nur langsam voran, und anders als zu Jahresbeginn liegt das nicht mehr am Fehlen von Impfstoff, sondern an schlechter Organisation. Und Schnelltests sind in Deutschland bisher nicht allgemein verfügbar, schon gar nicht umsonst. Erst jetzt, nachdem kostenlose Schnelltests für alle lange angekündigt waren, richtet die Regierung eine Taskforce ein, die sich um deren Beschaffung kümmern soll – und betraut damit neben Gesundheitsminister Jens Spahn ausgerechnet Verkehrsminister Andreas Scheuer, der bisher fast jedes Projekt gegen die Wand gefahren hat. Viel deutlicher kann man staatliches Versagen kaum demonstrieren. (Malte Kreutzfeld, taz)
Der Analyse lässt sich kaum widersprechen. Unzweifelhaft ist es vor allem ein verzweifeltes, fast magisches Wünschen, das hier abläuft. Auf der anderen Seite ist das Wort „Versagen“, egal wie sehr sich manche Betroffene auch dagegen sträuben mögen, angebracht. Die Politik hat der Bevölkerung ein Jahr lang gigantische Belastungen auferlegt. Schüler*innen konnten nicht in die Schule, Freunde treffen war kaum möglich, zahlreiche Selbstständige gingen bankrott, Unsummen wurden ausgegeben. Für was? Dafür, dass jetzt am Ende in einem Wirbelsturm der Inkompetenz die Hände in die Luft geworfen werden und man einfach aufgibt? Das hätten wir vor zwölf Monaten billiger haben können. Fuck these people.
8) Lernverluste wegen Corona: ifo Institut warnt vor langfristigen Folgen
Um die Lernverluste so gut wie möglich auszugleichen, könne man zudem „darüber nachdenken, die längeren Ferien etwas zu verkürzen“, erklärte Wößmann. Auch die vorübergehende Wiedereinführung des Samstagsunterrichts sei „bedenkenswert“, sagte der Bildungsökonom. […] Laut einer Umfrage des ifo Instituts unter Eltern vom vergangenen Juni habe sich die Lernzeit der Kinder wegen der Corona-Pandemie auf 3,6 Stunden täglich nahezu halbiert. Bei leistungsschwächeren Kindern sei die tägliche Lernzeit noch deutlich stärker gesunken. Statt sich um die Schule zu kümmern, hätten viele Kinder während der Homeschooling-Zeit lieber mit dem Computer gespielt oder TV geschaut. Der fehlende Lernstoff habe langfristig weitreichende Folgen, warnte Wößmann. Im Schnitt bedeute der Verlust von einem Drittel des Schuljahres ein um drei Prozent geringeres Lebenseinkommen. Hinzu kämen die gesamtwirtschaftlichen Folgen. Laut früheren Berechnungen des ifo summierten sich die Wachstumsverluste im Falle des Unterrichtsausfalls von einem Drittel des Schuljahres bis zum Ende des Jahrhunderts auf 2,5 Billionen Euro. Zudem befürchten Experten weitreichende psychische Folgen in der Entwicklung der Kinder. […] Auch von einer möglichen Versetzungsgarantie riet Wößmann ab. Für die Motivation der Kinder und Jugendlichen sei es wichtig, dass die üblichen Test- und Prüfungsverfahren auch im Distanzunterricht weitergeführt würden. Es habe „große Anreizeffekte“, ob der Unterrichtsstoff prüfungsrelevant sei oder nicht. Wenn der Stoff im Rahmen von Klassenarbeiten oder mündlichen Prüfungen abgefragt werde, lohne es sich für die Schüler zu lernen. (Thomas Schmidtutz, Merkur)
Der „Bildungsökonom“ Wößmann ist ein Dampfplauderer vor dem Herrn. Ich hab mir ja sogar die Mühe gemacht, seine Studie runterzuladen und zu lesen, weil ich eigentlich einen Artikel dazu schreiben wollte. Aber ich habe mich nicht dazu überwinden können, deswegen jetzt hier doch nur im Vermischten. Diese ganzen Zahlen, mit denen hier operiert wird, sind komplett aus der Luft gegriffen. Es werden Annahmen getroffen, auf deren Basis dann irgendwelche Berechnungen angestellt und das dann als Wissenschaft verkauft. Das ist unseriöser Blödsinn. Der Mann hat keine Ahnung, seine Datenlage ist katastrophal, und dass solche Leute tatsächlich einen Einfluss auf die konkrete Bildungspolitik haben, wie sie dann von Flitzpiepen wie Susanne Eisenmann verbrochen wird, ist umso schlimmer.
9) Angriff ist die beste Verantwortungslosigkeit
Es existieren ja mindestens vier Arten, wie man mit legitimer Kritik umgehen kann. Eine erwachsene – und drei in der Politik sehr beliebte: sich tot stellen, angreifen, flüchten. Gern bedienen sich Abgeordnete dieser Reaktionsweisen, um sich jeder selbstkritischen Auseinandersetzung zu verweigern – und das in verschiedenen Bereichen, ob bei Masken, Impfstoff, Maut, Wirecard, Rechtsextremismus oder gerade sehr beliebt: Korruption. Das Totstellen als politisches Kunststück läuft darauf hinaus, mit geschlossenen Ohren und Augen so zu tun, als liefe doch eigentlich alles ganz prima. […] Die zweite Art, mit Kritik umzugehen: der Angriff. Manchmal ist diese – wie das bekannte Sprichwort sagt – zugleich die defensivste Form. […] Immerhin ist die dritte Variante in der deutschen Politik weniger verbreitet: die Flucht. […] Erst nach innerparteilichem Druck Konsequenzen zu ziehen, darf nicht mit Selbstkritik und der Übernahme von Verantwortung verwechselt werden. Was wäre aber nun die erwachsene, die vierte Art, mit Kritik umzugehen? Es ist jene, die Kritik annehmen kann und im Herzen zu ehrlicher Selbstkritik wachsen lässt. Es ist jene, die wir in einer Pandemie mehr als zuvor benötigen, weil erst Einsicht weiteres falsches Verhalten verhindern kann. Es ist jene, die Fehler zulässt, aber Verantwortung nicht scheut; die nicht mit vorauseilender Gekränktheit angreift oder mit naivem Narzissmus alles verdrängt. (Samira El Ouassil, SpiegelOnline)
Ich stimme dem Artikel generell zu, sehe aber auch eine zweite Seite, die praktisch nie debattiert wird: dass das Eingestehen von Fehlern nicht gouttiert wird. Wer Fehler eingesteht, ist weg. Wer sie nicht eingesteht, hat gute Überlebenschancen. Das ist schlichtweg Realität in der Politik, genauso wie „Wahrheit sagen“ und „Ehrlichtkeit“ generell. Mein Paradebeispiel ist und bleibt der Wahlkampf von 2005.
Die Reaktion von Medien und Wählerschaft ist daher auch nicht erwachsen. Denn zum Erwachsensein gehört, eingestandene Fehler dann auch anzuerkennen und Entschuldigungen anzunehmen. Aber das passiert effektiv nicht, weswegen sich eine Kultur eingebürgert hat, wie man sie von kleinen Kindern auch kennt: erst mal Leugnen, weil schlimmer wird es dadurch nicht. In schlecht geführten Unternehmen oder Klassen in der Schule kann man die gleiche Dynamik beobachten.
In an op-ed plastered across Monday’s New York Post front page, Sen. Josh Hawley (R-MO) calls for an end to the “muzzling of America.” Despite getting a spot on the front page of the fourth-largest newspaper in the U.S., coverage across the entire Fox News lineup, a new book deal, an audience of more than half a million followers on Twitter, and a lengthy list of credits on IMDB, Hawley would like you to believe that he is a man without a voice. […] Just as right-wing media have helped Republicans play up their opposition to “identity politics” while ignoring the role white and Christian identities play in conservative coalitions, and just as they denounce the concept of “political correctness” while promoting revisionist and sanitized versions of American history, the fight against “cancel culture” is another bundle of hypocrisy wrapped in the bow of a new buzzword. […] Part of the reason the idea of “cancel culture” may seem like it comes more from the left than from the right is that conservative media outlets simply will not stop talking about it. The New York Post has an extensive list of stories tagged “cancel culture.” The same is true of Breitbart, the Daily Caller, and the Daily Wire. […] Instead of chalking something up to “cancel culture,” people should simply say what it is that they mean. Gaetz should just say that he doesn’t believe Trump should be impeached for his role in the insurrection, and he should just say that he supported right-wing conspiracy theorist Laura Loomer despite her views about Muslims. If Hawley and his right-wing media allies were being honest, they would just come right out and defend the incitement of mob violence rather than hiding behind the “cancel culture” boogeyman. Until then, it’ll be hard to hear the words “cancel culture” without thinking of cowardly hypocrisy. (Parker Molloy, MediaMatters)
Ich kann diese dumme Diskussion nicht mehr hören. Wenn „cancel culture“ je etwas anderes war als ein konservativer Kampfbegriff – und ich bezweifle das bekanntlich – dann ist sie mittlerweile den gleichen Gang gegangen, den „political correctness“ und „identity politics“ vorher gegangen sind. Es wäre vielleicht eine nützliche Kategorie gewesen, bestimmte Phänome des Diskurses im öffentlichen Raum zu beschreiben. Da es aber ausschließlich für eine politische Richtung angewandt wurde, ist es ausschließlich ein, wenngleich effektiver, Kampfbegriff.
Wir sehen die komplette Heuchelei, die diesen Vorwurf umgibt, an den zahlreichen Beispielen Molloys in ihrem Artikel. Um ein Beispiel außerhalb zu gebene: Republicans bezeichneten jüngst Mobs auf Twitter gegen progressive Journalistinnen als „part of the job“ und forderten das Opfer auf, gefälligst entweder die Zähne zusammenzubeißen oder sich einen anderen zu suchen. Das klingt, wenn man Konservative kritisiert, ziemlich anders. In Deutschland ist es auch nicht anders. Die progressive Journalistin Natascha Strobl etwa, die mit massiver Hetze und Morddrohungen von Twitter vertrieben wurde, ist den üblichen Verdächtigen immer noch keine Silbe der Erwähnung wert, die sich vorher für so gefährdete Exemplare wie Dieter Nuhr oder Lisa Eckhardt in den Ring geworfen haben. Es ist diese Heuchelei, die die ganze Debatte so unerträglich macht.
11) Tweet
Remember how everyone was like “wow how did masks become partisan?” Anyway feel free to reference this tweet when the same thing happens with vaccines pic.twitter.com/BIYk0Q9yBi
— Andrew Lawrence (@ndrew_lawrence) March 13, 2021
Die FOX-News Leute und der Rest dieser Bande würden es schaffen, das Atmen als kontrovers darzustellen, wenn nur betont würde, dass ein demokratischer Präsident sich für das gelegentliche Luftholen ausgesprochen hat. Dieses ständige Schüren von Spaltung und Zwist, das das Geschäftsmodell des Senders (pars pro toto für den Rest dieser Ökosphäre wie OAN und Breitbart) ist nicht nur zerstörerisch, sondern auch brandgefährlich, wenn es sich etwa auf Pandemiebekämpfung erstreckt. Aber da gibt es überhaupt keine Inhibition und null Verantwortungsgefühl.
Zu 10) finde ich diesen Kommentar sehr gut. https://www.washingtonpost.com/opinions/2021/03/12/are-we-all-being-canceled-no-cultural-revolution-is-real/
Kannst du mir den Text zukommen lassen, ich komm nicht hinter die Paywall.
Zum Thema cancel culture sind mir zwei aktuelle Themen aufgefallen, die das ganze Problem gut abbilden.
Einmal Nathan Bedford Forrests Statue. Offensichtlich eine Statue die nicht stehen sollte, aber Konservative schreien trotzdem Cancel Culture und warnen vor dem Untergang des Abendlandes. Das ist völliger Wahnisnn.
Progressive hingegen, nehmen das als Beleg, dass es Cancel Culture out of control doch gar nicht gebe.
https://twitter.com/jbouie/status/1372545626366484480?s=20
Das es die aber sehr wohl gibt, zeigt auf der anderen Seite z.B. der Fall Alexi McCammond. Sie wird zum Rücktritt gedrängt wegen Tweets, die sie als Teenager geschrieben hat und weil sie 2011 im Indianer Kostüm zu Halloween gegangen ist.
https://www.nytimes.com/2021/03/18/business/media/teen-vogue-editor-alexi-mccammond.html
Man kann von dem Fall ja halten was man will, aber McCammond war höchst wahrscheinlich nie im KKK.
Die ganze Diskussion ist so kaputt, es ist zum verzweifeln. So sehr, dass ich sogar einem Kommentar der New York Post zustimmen würde.
https://twitter.com/CHSommers/status/1372775446257889285?s=20
Stimme dir völlig zu. Wie du weißt, habe ich mich schon immer hart dagegen gewandt, Leute wegen sowas zu vernichten und zu entlassen.
Daran zweifele ich nicht.
Mich nerven nur Tweets, wie z.B. der oben verlinkte von Jamelle Bouie, die implizieren Cancel Culture sei doch eigentlich nur eine Erfindung der Rar Right die ihre KKK Statuen behalten wollen.
Bin ich völlig bei dir, solange du akzeptierst, dass CC eben kein „linkes“ Problem ist.
Es ist ein Problem.
Warum sollte ich das nicht akzeptieren?
Durch die politische Brille betrachtet macht es mir auf links insofern mehr sorgen, als dass es m.E. der linken (also „meiner“ Seite) politisch schadet und weil ich dort persönlich höhere Massstäbe anlege. Ich halte nichts von einem politischen race to the bottom. If they go low, we go high.
Da bin ich, wie du weißt, 100% deiner Ansicht.
1) Hach ja, auf die Maus können sich aber auch wirklich alle einigen. Eiserne Regel früher bei meiner Oma, erst Sendung mit der Maus, dann Presseclub! (ja, ich wurde schon früh politisiert^^)
Diese abgedrehten Debatten gibt es aber wirklich für jedes neue Medium, ich greife da oft auf noch früher zurück, als es hieß Lesen und Romane verdummen die Menschen (besonders Frauen) und heutzutage verdummen sie plötzlich, weil sie keine Romane mehr lesen! (ich verstehe dieses Argument des „Verdummens“ eh nicht, eigentlich müssten wir uns schon längst in gehirnamputierte Zombies verwandelt haben, das ist irgendwie eine Spielart des Crashprophetismus, nur mit Gehirnen)
2) Ich habe da eine sehr klare Haltung, es geht den Staat nichts an, was andere Leute tragen. Punkt. Ob das eine Burka, ein Bikini oder eine Unterhose auf dem Kopf ist.
Vielleicht bin ich da als Frau auch empfindlicher, weil Kleidung bei Frauen immer ein Thema ist, in BEIDE Richtungen (ich erinnere nur nochmal an Männerwelten und die ewige Frage, was vergewaltigte Frauen denn anhatten)
Es gab übrigens vor ein paar Tagen eine Debatte über die Beachvolley-WM in Katar (oder so, zu faul den Link zu suchen), die wollten verhüllendere Kleidung und es gab da irgendwie einen Boykott oder Protest. Ist ja ok so. Der Witz ist nur: bis vor wenigen Jahren gab es im Beachvolleyball Kleidervorschriften, die andersherum waren, damit auch ja viele Leute einschalten, um Frauen in knappen Höschen zu sehen, da wurde die Länge der Bikinihose nachgemessen. Hab nicht mitbekommen, dass da Rechtsliberalkonservative irgendwie ein Problem mithatten.
Also sorry, ich finde diese Debatte extrem heuchlerisch und das hat im Gesetz nichts zu suchen. Wenn man unter feministischen Aspekten daran will, muss man das eh anders lösen, mit entsprechenden Hilfsangeboten, Aufklärung, etc. Aber tun wir doch gar nicht so, als ginge es darum, hier irgendwie Betroffenen zu helfen.
4) Gut, dass der Spiegel oder auch die Presse da mal selbst reflektieren. Das ist nicht nur ein Geschlechterproblem, es ist auch oft eine gewisse Faulheit, die dazu führt, dass immer die gleichen Nasen interviewt werden (und hier auch gerne Männer, die mal fix ne steile These raushauen, hast ja Spitzer und den Ifo-Typen erwähnt). Precht oder Streeck wären hier auch noch gute Beispiele. Da sind die Medien auch oft so in Ritualen verhaftet, das führt dann eher automatisch auch zu so einem Gendergap. Ich hab ja so einen persönlichen Hass auf Medien, die aus einem Femizid eine tragische Familientragödie machen, find ich immer noch bestimmt 1x die Woche sowas
6) Ich hab diese SPD-Debatte über Identitätspolitik nur so am Rande mitbekommen, taucht ja immer wieder mal auf, Gabriel lässt grüßen. Ich versteh aber auch nicht, wieso die da so einen Widerspruch aufbauen, es ist total absurd. Man überlege nur mal, wie stark die Sozialdemokratie mit der Frauenrechtsgeschichte verknüpft ist. Das ist unabhängig voneinander eigentlich gar nicht denkbar. Das ist ne ziemliche Phantomdebatte, die sowieso mal wieder absurde Züge angenommen hat.
1) Das mit den Romanen fasziniert mich jedes Mal aufs Neue 😀 Bei uns war nach der Maus wieder Fernseher aus. 😛
2) Das wusste ich auch noch nicht, echt krass.
4) Guter Punkt.
6) Ja, echt weird.
@ Ariane 15. März 2021, 10:22
2) Ich habe da eine sehr klare Haltung, es geht den Staat nichts an, was andere Leute tragen. Punkt. Ob das eine Burka, ein Bikini oder eine Unterhose auf dem Kopf ist.
Sehe ich zwar grundsätzlich etwas anders …
Ich erinnere nur nochmal an Männerwelten und die ewige Frage, was vergewaltigte Frauen denn anhatten)
… aber an dieser Stelle stimme ich zu.
Der Witz ist nur: bis vor wenigen Jahren gab es im Beachvolleyball Kleidervorschriften, die andersherum waren, damit auch ja viele Leute einschalten, um Frauen in knappen Höschen zu sehen, da wurde die Länge der Bikinihose nachgemessen. Hab nicht mitbekommen, dass da Rechtsliberalkonservative irgendwie ein Problem mithatten.
„Problem“ ist jetzt ein großes Wort, aber ich fand das auch nicht gut. Hat nichts mit Sport zu tun.
4) Ich hab ja so einen persönlichen Hass auf Medien, die aus einem Femizid eine tragische Familientragödie machen, find ich immer noch bestimmt 1x die Woche sowas.
Das Wort habe ich erst letzte Woche gelernt; dazu gab es einen Beitrag im Fernsehen. Meine erste Reaktion war „schon wieder ein neuer Kampfbegriff“, aber die Faktenlage ist schon hart.
Ich bin mir immer noch nicht sicher, dass der wirklich passt, da bei anderen „…zoiden“ in der Regel eine Steuerung stattfindet bzw. Strippenzieher am Werk sind. Das sehe ich hier nicht. Aber es sind Frauen, die durch Männer sterben, weil sie Frauen sind und nicht als Menschen, sondern als Eigentum betrachtet werden.
Da war mir, ähnlich wie bei den „Männerwelten“, durchaus unwohl beim Zuschauen.
Ich finde es echt gut, dass du dich da offen und kritisch damit auseinandersetzt, nebenbei bemerkt!
Ich bin ja auch keine Burkafreundin und halte auch nichts von „mit Islamisten reden“, die hab ich genauso gefressen wie Nazis. Nur denke ich, dass man es eher schlimmer macht, wenn man da eigene Kleidungsvorschriften entgegensetzt, es sind dann halt immer noch Vorschriften und die sollte es nicht geben. Da muss man schon anders rangehen.
Das Wort habe ich erst letzte Woche gelernt; dazu gab es einen Beitrag im Fernsehen. Meine erste Reaktion war „schon wieder ein neuer Kampfbegriff“, aber die Faktenlage ist schon hart.
Ehrlich gesagt finde ich den Begriff auch etwas too much, allerdings gibts ansonsten wirklich keinen einzelnen Oberbegriff dafür (außer verrückterweise Ehrenmord, der eigentlich sehr treffend ist, aber nur mit Islamisten in Zusammenhang gebracht wird), ich besteh auch nicht drauf, aber sowas wie „sie wollte sich trennen, da brachte er sie um“ o.ä. geht halt auch gar nicht.
Es gibt in UK ja gerade diese Debatte durch den Mord an Sarah Everard (da wäre übrigens auch die Frage, ob das in die Kategorie fällt, weil es ja keine Partnerschaftsgewalt war), da ging es auch viel darum, dass man überhaupt erstmal aus diesem Passiv rauskommt und den Fokus auf das Aktive legt, das damit einhergeht.
Hier war ein ganz guter Beitrag dazu:
https://twitter.com/isabellealara/status/1370849664912736257
Und knapper und da ging es eher um dieses alberne #notallmen (aber ich liebe einfach dieses „are you cracy?“):
https://twitter.com/PrinzessinBacon/status/1371031712260616192
Ich denke, wie und ob wir darüber reden, muss eben schon sehr genau überlegt oder auch untersucht werden, eben auch mit Selbstreflektion von der Presse. Ansonsten, was Stefan sagt: Super, dass du dich damit auseinandersetzt.
@ Ariane 15. März 2021, 20:28
… und halte auch nichts von „mit Islamisten reden“, die hab ich genauso gefressen wie Nazis.
Bin mir nicht sicher, ob Du das auf mich beziehst.
Ich habe mich von 2015 bis etwa 2018 immer wieder dafür ausgesprochen, mit den Leuten zu reden, die in Richtung AfD abwanderten. Ich wollte nicht mit „Nazis“ (großes Wort für oft kleine Lichter) sprechen, sondern mit denen, die in Gefahr liefen, welche zu werden. Das wurde leider vom allergrößten Teil der Gesellschaft (von Merkel bis in dieses Forum hinein) in selbstgerechter Gutmenschen-Pose abgelehnt, mit dem Ergebnis, dass viele entweder bei der AfD hängengeblieben sind, oder sich ganz zurückgezogen haben bzw. mit hoch systemkritischer Einstellung in Gruppen wie den Querdenkern eine neue „politische Heimat“ gefunden haben.
Ob Islamisten oder Nazis, mit derartigen Extremisten ist das Reden überflüssig. Mir ging es immer um die, die dorthin abzurutschen drohten. Und ich halte es immer noch für nötig, über deren Sorgen, Nöte und Probleme zu reden.
Nein, das bezog sich eigentlich auf Stefans Kommentar zum Artikel.
Ich denke, man muss irgendwo halt die Grenze ziehen, wann bei Fanatikern (sprich nicht Leute mit irgendwo vielleicht ner radikalen These) aus miteinander reden dann eher eine Bühne geben wird. (und es bleibt ja immer noch die Frage, wer denn diese wunderbare Aufgabe übernehmen sollte, das wird ja irgendwie nicht miterzählt^^)
Jetzt im konkreten Fall einer Burka (die ja, btw eigentlich echt das kleinste Problem ist, aber das SIEHT man eben!) Mit wem sollte man denn da auch reden, jemandem vom IS einladen? Das müsste man viel grundsätzlicher angehen (aber es geht hier ja gar nicht darum, irgendwie ernsthaft ein Problem zu lösen)
Und ich meine, klar kannst du mit Leuten reden, die da abdriften.
@ Stefan Sasse 17. März 2021, 19:56
Und ich meine, klar kannst du mit Leuten reden, die da abdriften.
Schön, schön – da warst Du bislang immer dagegen.
Willkommen in der liberalen Welt 🙂
Jein. Es ist ein Unterschied, ob ich mit ihnen rede – mit dem Ziel, sie zu verstehen und/oder zurückzubringen – oder ob ich in einen Akt politischer Kommunikation mit ihnen trete, der ihrer Legitimierung dient. Aber die Grenze ist natürlich fließend.
6) Diese historische Verbindung von Frauenrechten und sozialistischer Bewegung ist mir im Zusammenhang mit dem Weltfrauentag auch klargeworden. Das sind die Länder, in denen er ein Feiertag ist: Angola, Armenien, Aserbaidschan, Berlin, Burkina Faso, Eritrea, Georgien, Guinea-Bissau, Kasachstan, Kambodscha, Kirgisistan, Kuba, Laos, Madagaskar, Moldau, in der Mongolei, in Nordkorea, Nepal, Russland, Sambia, Tadschikistan, Turkmenistan, Uganda, in der Ukraine, in Usbekistan, Vietnam und Weißrussland. In der Volksrepublik China ist der Nachmittag für Frauen arbeitsfrei. Lauter Staaten, die bis 1990 (und teils auch darüber hinaus sozialistisch waren. Aber seitdem laufen eben Frauen- und Arbeiterbewegung ziemlch eigene Wege. Man(n) könnte böse sagen, dass dieser Bruch der Solidarität der erste ‚Erfolg‘ der Identitätspolitik war.
Ich würde das ungern so einseitig schuldzuweisen wollen…aber ja, der Gedanke geht in die richtige Richtung.
Und Berlin^^
Obwohl sich die verschiedenen Gruppen auch schon um 1900 die Köpfe deswegen eingeschlagen haben, mit ähnlichen Argumenten. Die einen zielten mehr auf wirtschaftliche Freiheit und sowas wie Wahlrecht oder Studium für Frauen waren halt wirklich Elitenthemen – die eben meist durch reiche, bürgerliche Töchter aufkamen und von den SozialistInnen oft erst etwas später übernommen wurden. Der Unterschied ist eher, dass es die SPD (bzw die ganze Linke) dann so konsequent getan hat, dass sie das wirklich mit ihrer Partei und Idee verknüpft haben, während das bei den Rechtsliberalen immer so eine untergeordnete Spielart blieb. (wenn auch pragmatischer in der Umsetzung, da hat dann die Idee gereicht, dass Frauen mehrheitlich konservativ wählen, um Frauenwahlrecht für ne gute Idee zu halten^^)
Insgesamt ist die SPD da einfach irgendwo in den 80er-Jahren steckengeblieben und schafft es nicht, das Ganze zu einer modernen Idee zu verknüpfen, ist IMO übrigens ein Grund für den Erfolg der Grünen, kann man sagen, was man will, aber die haben das geschafft. (und die SPD ist da eher bei den Konservativen zu finden)
Zitat Ariane:
„Der Unterschied ist eher, dass es die SPD (bzw die ganze Linke) dann so konsequent getan hat, dass sie das wirklich mit ihrer Partei und Idee verknüpft haben.“
Nu ja, es hat den Sozen ja nichts genutzt 🙁
Sämtliche Wahlergebnisse bis Ende 70er Jahre des 20. Jahrhunderts haben die Frauen der SPD verhagelt^. In den 60ern ließ sich der damalige stellv. Parteivorsitzende Carlo Schmid so vernehmen:
„Das Frauenwahlrecht hat die Partei ruiniert. Es gibt eben Postulate der Gerechtigkeit, unter deren Joch man sich beugen muß“ .
Trotzig hat die SPD dann anno ’69 landauf landab so plakatiert:
„Wir schaffen das moderne Deutschland; wir haben die richtigen Männer“. Letzteres sollte offenbar auch unter „modern“ abgebucht werden ^, denn immerhin hat die SPD schon 1965 mit Brandt gegen Erhard die Wahl mit 44 % gewonnen; CDU: 42 % – fiktiv, wenn die Wahl reine Männersache gewesen wäre.
Zita Ariane:
„übrigens ein Grund für den Erfolg der Grünen“
Ja ,sicher. Lag wohl daran, dass Grünens damals neu waren und keine Männer-Bastionen geschleift werden mussten, weil die noch nicht uneinnehmbar eingerichtet waren, außer dieser:
https://www.tagesspiegel.de/images/joschka/1038282/2-format43.jpg
Bei den Sozen wurden anno dazumal Frauen gnädig „zugelassen“, nachdem das auf Parteitagen zuvor, namentlich beim Eisenacher Programm von 1869 noch verhindert wurde (gegen den Willen von Bebel). Aber Frauen wurden sodann trotz „Zulassung“ unter der Hand doch eher abgewimmelt. Ferner musste erst mal der Bildungsstatus gleichgestellt werden, das war auch noch lange hin, allerdings wiederum auch wesentlich ein Verdienst der SPD – von dem heutzutage Grünens profitieren^.
Frauen haben sich schon im 19. Jahrhundert drüber beklagt, dass die SPD zwar von Frauenrechten sprach, aber sie diskriminiert hat in den Sitzungen und Gremien.
Ist heute ja auch so, ich finde, die SPD ist da echt noch ne krasse Männerpartei, das läuft nur nicht so breitbeinig machohaft ab wie bei der rechten Hälfte. Oder es fällt mehr auf, weil die außer dem Kühnert hauptsächlich talentierte Frauen in den Reihen haben, die gerne recht plötzlich irgendwo verschwinden (gut bei Schwesig und Dreyer kann ja keiner was dafür).
Der Widerspruch zwischen „wir sind eine emanzipierte und feministische Partei“ und wir sind ein alter Herren-Verein ist schon enorm groß, da wurden sie ja von der CDU total überholt und die haben den Merz an den Hacken! Da wirkt vieles noch als ob man plötzlich in den 90ern gelandet ist.
Ja. Was da mit der Nahles abgegangen ist sollte entsprechende Zweifel beseitigt haben.
Nahles hat die gleiche Härte erfahren, mit der sie mit anderen immer umgegangen ist. Sie war bei der Intrige gegen Scharping dabei (feixend), sie hat gegen Schröder intigiert, sie hat aktiv den Parteivorsitzenden Müntefering gestürzt. Nahles war 20 Jahre bei fast jeder Bösartigkeit der Partei und denen der Heckenschützen dabei.
Das ist wahrlich kein „Frau wurde gemobbt“-Ding. Hört auf mit dieser blödsinnigen Legende!
Ist ja gut, dass intrigante Hexe kein Frauending ist… oh wait!^^
Ist ja auch nicht so, als ob das mit Esken nicht wieder genauso abläuft, aber lass mich raten, das ist natürlich auch verdient, weil sie einfach so böse ist. Obwohl das ganz spannend ist, weil ihre Bekanntheit und teils ihr Standing viel größer geworden sind, muss man viel seltener googlen als NoWaBo. Hab auch schon die interessante Überlegung gelesen, ob sie nicht strategisch der negative Blitzableiter für Scholz ist. Undankbar, aber vielleicht nicht blöd.
Ich denke, sie hat diesen Effekt; ob das beabsichtigt ist, weiß ich nicht.
Mit Esken?! Mit weit über 50 hat sie keine Erfahrung in politischen Führungsämtern vorzuweisen. Es ist da normal, was passiert ist: sie dilettiert dahin. Die wenigsten sind ein Politikgenie von Beginn an, erst recht nicht, wenn man erst in dem Alter an die Spitze rückt.
Andrea Nahles war lange Zeit ihre Karriere eine politische Heckenschützen. Solche gibt es einige, gerade in der SPD. Johannes Kahrs wäre da zum Beispiel zu nennen. Bei jeder saftigen Intrige dabei, so beim Sturz von Kurt Beck. Am Ende hat er sich zu viele Feinde gemacht und wurde nicht Wehrbeauftragte.
Rolf Mützenich wurde schnell verspottet, als er die Besetzung des Wehrbeauftragten nach Ansicht aller Beobachter in den Sand setzte. Da spottete Mann, ich habe sind schon seinen Grund, warum der neue Fraktionsvorsitzende bisher in der zweiten Reihe vor sich hin geschlummert habe. War wahrscheinlich auch Sexismus.
Oder Armin Laschet: kaum im Amt als CDU-Vorsitzender werden ihm alle möglichen Vorwürfe gemacht. Er habe sich am Wahlabend nicht geäußert, er habe noch nicht in den Wahlkampfmodus geschaltet, er sei ohnehin einfach zu unpopulär, er kommuniziere nicht geschickt.
Als Annegret Kramp-Karrenbauer einige Zeit nach ihrer Wahl so angegangen wurde, überschrieben es (zu) viele mit Sexismus. Ist Armin Laschet auch Opfer von Sexismus? Es sind einfach die Regeln und Methoden des Politikbetriebs.
Was nichts ist das nicht Männer davor auch gemacht hätten.
Ich denke auch nicht, dass sie hauptsächlich über ihr Frau-sein fiel, das würde ich nicht behaupten wollen. Ich denke eher dass der geringe Halt in der Partei und ihre Unmöglichkeit Fuß zu fassen auffällig sind. Es erinnert ein bisschen an Hillary. Nicht, dass Sexismus der Hauptantrieb wäre, nicht mal ein wirklich großer Faktor. Aber es spielt halt auch mit rein. Ungefähr in dem Maße, wie Kohl am Provinz-Vorwurf litt, um mal einen Vergleichsmaßstab zu haben. Bezeichnend war auf jeden Fall die Geschichte mit ihrer Sprache.
Bitte! Andrea Nahles war die am besten vernetzte Politikerinnen der SPD! Ihr Netzwerken wurde mit dem von Helmut Kohl verglichen und war ähnlich groß.
Nun geht die SPD nicht besonders gefühlvoll mit ihren Vorsitzenden um, vor allem dann nicht, wenn sie keinen Erfolg haben. Das kann man beklagen, aber es ist definitiv kein Sexismus. Da behandelt die CDU ihr Führungspersonal schon schonender, in der SPD wäre Angela Merkel längst abgeräumt worden.
Man darf nur nicht den Fehler begehen, Loyalität herauszufordern. Genau das hat Annegret Kramp-Karrenbauer getan als sie, kaum ein Jahr im Amt, auf ihrem ersten Parteitag als Vorsitzende die Vertrauensfrage stellte.
Ich könnte jetzt sagen, so dumm kann nur eine Frau sein, aber das wäre definitiv Sexismus. 🙂
Ich zweifle das grundsätzlich gar nicht so sehr an; mir ging es beim Ursprungskommentar mehr um die Unfähigkeit von Nahles, sich eine Identität zu verpassen, die nicht eine abgeschmackte Schröder-Kopie war. Ich finde den Artikel nicht mehr, aber ich hatte seinerzeit was entsprechendes über ihren „Fresse“-Kommentar geschrieben.
9) Ist das eigentlich in anderen, fehlerfreundlicheren „Kulturen“ (z.B. USA) anders? Dort kann man ja bekanntlich/angeblich mehrfach pleite gehen, ohne Rufschaden.
Auch Christian Lindner sieht ja wohl inzwischen irgendwie als Fehler, Jamaika damals platzen zu lassen. Nützt oder schadet ihm dieses Eingeständnis?
9) Bankrott gehen und einen Fehler eingestehen sind zwei Paar Stiefel.
Zu 3). Ich bin die ersten 8 Jahre auf post-sowjetischen Raum zur Schule gegangen und der deutlichste Unterschied zu Deutschland war die *Anzahl* der Noten. „Drüben“ hatte man für quasi jede Aktion im Klassenzimmer eine Note bekommen (Melden, Tafelaufgabe, Verhalten im Klassenraum, Klausuren, Teilnahme an Sonderwettbewerben usw.) und am Ende des Schulviertels/Semesters/Trimesters hatte man dann die Durchschnittsnote aus bestimmt 20-30 Einzelnoten im Zeugnis stehen, sodass einerseits die Note tatsächlich die Leistung über einen Zeitraum hinaus wiedergegeben hat und andererseits man sich eine etwas bessere Note auch in den letzten Wochen des Schuljahres und insbesondere nach der letzten größeren Klausur erarbeiten konnte. Dagegen wirkten die drei-vier Noten pro Halbjahr (+ eine unbekannte Anzahl der +/–Bewertungen im geheimnisvollem Lehrerheft) in Deutschland auf mich wie ein Damoklesschwert: verhaust du die eine Klausur, kannst eigentlich gleich das Jahr wiederholen.
Will jetzt aber nicht mit Sicherheit behaupten, dass das eine oder andere System besser ist, das sollten dann schon andere entscheiden. Wollte nur eine andere Erfahrung spiegeln.
Danke! Ich bin auch kein Fan von den Notenmassen; die gaukeln häufig Objektivität auch nur vor und ersäufen halt alles im Durchschnitt.
Deine DDR-Erfahrung finde ich deshalb sehr interessant, weil sehr viele deiner Teilnoten auf konformes Verhalten hinwirken. Diese Notenflut bildet damit eine Art ’social score‘ ab und erzieht dadurch, ständig Erwartungen gerecht zu werden.
Wenn man diese Analogie dann umgekehrt deutet, erzogen die wenigen Noten in ‚Westschulen‘ zu erfolgsorientierten, ‚taktischen‘ Lernen…
Noten sind einfach generell nicht so pralle…
4) Im Literaturbetrieb ist es offenbar auch so:
https://www.deutschlandfunk.de/neue-studie-maenner-dominieren-den-literaturbetrieb.700.de.html?dram:article_id=429704
Meine Zweifel daran haben mir heftige Kritik meiner Frau und diesen Link eingebracht 😉
Zurecht 😀
Richtig so, obwohl es da schon immer mal wieder Thema war (auch wie darüber geredet wird, irgendwie gab es da mal ne sehr coole Aktion, wo man besonders absurde Kritiken auf deutsche Klassiker umgeschrieben hat).
Obwohl das auch mehr ein Feuilleton-Problem ist und ich der Meinung bin, dass die Demokratisierung des Rezensierens da mehr für getan hat als jede Statistik.
7) Dafür, dass jetzt am Ende in einem Wirbelsturm der Inkompetenz die Hände in die Luft geworfen werden und man einfach aufgibt? Das hätten wir vor zwölf Monaten billiger haben können. Fuck these people.
Ganz so extrem würde ich es nicht sehen, man hat jetzt große Teile der Risikogruppen geimpft, das ist schon ein Erfolg und er wird die Schärfe der 3. Welle abmildern. Aber klar, ansonsten Zustimmung, die Corona Politik ist katastrophal. Sie wird Merkels politisches Vermächtnis und das hat sie sich auch verdient. Ich weiß, dass sie persönlich die Pandemie richtig einschätzt und angemessener und härter agieren würde. Mein Vorwurf an sie ist daher auch ein anderer: Aus machttaktischen Gründen hat sie sich mit wirklich inkompetenten Personen umgeben, die nun alle der Reihe nach kläglich versagen.
Das Positive für mich: Sie reißt die komplette CDU nach unten, wie die Wahlen gezeigt haben! [Und wie genial ist erst das Abschmieren der Faschisten!1!!]
Jepp, bin bei dir.
Ich bin echt unsicher ob kompetentere Personen nicht auch an den strukturellen Problemen gescheitert wären und dann nicht gerechtfertigter Weise als Nulpen abgestempelt würden.
So gibt es immerhin noch ein paar Lichtblicke, die darauf Hoffen lassen, das fähigere Personen an die Stelle treten könnten.
Hätte eine Berufung von Karl Lauterbach zum Gesundheitsminister im April 2020 etwas am Verlauf der Pandemie ändern können?
Ich finde es ist noch alles zu frisch und zu sehr im Fluss um Urteilen zu können. Ich hoffe hier auf die Analyse kommender Historiker und Politikwissenschaftler.
Das größte Manko für mich ist, dass diese Pandemie die Vertrauenskrise zwischen Staat und Bürgern befördert hat. Und diese Langzeitfolgen sind noch nicht absehbar.
@ Kning4711 15. März 2021, 13:55
Ich bin echt unsicher ob kompetentere Personen nicht auch an den strukturellen Problemen gescheitert wären und dann nicht gerechtfertigter Weise als Nulpen abgestempelt würden.
Guter Punkt. Der Kompetenzstreit zwischen Ländern und Regierung in der Wahlkampfzeit war und ist nicht hilfreich.
So gibt es immerhin noch ein paar Lichtblicke, die darauf Hoffen lassen, das fähigere Personen an die Stelle treten könnten.
Nicht viele, aber ja.
Hätte eine Berufung von Karl Lauterbach zum Gesundheitsminister im April 2020 etwas am Verlauf der Pandemie ändern können?
Ich denke nicht, da auch er den Kompetenzstreit zwischen Bund und Ländern hätte ordnen müssen. Da kommt es auf Durchsetzungsfähigkeit an, und da liegt Spahn wohl vor Lauterbach (zumindest bis ihm die Kanzlerin die ersten Knüppel zwischen die Beine warf; jetzt hat sie selbst nichts mehr zu melden).
Das größte Manko für mich ist, dass diese Pandemie die Vertrauenskrise zwischen Staat und Bürgern befördert hat. Und diese Langzeitfolgen sind noch nicht absehbar.
Wichtiger Punkt! Zustimmung!
Es gab bereits letztes Jahr eine Studie die ziemlich klar eine Korrelation zwischen Nähe zum nächsten Wahlkampf und dämlicher Corona-Politik gezeigt hat…
Ich bin echt unsicher ob kompetentere Personen nicht auch an den strukturellen Problemen gescheitert wären und dann nicht gerechtfertigter Weise als Nulpen abgestempelt würden.
Ähnlich sehe ich es auch, dafür hat ein einzelner Minister auch zuwenig Einfluss auf das Gesamtgeschehen, um es an einzelnen Menschen festzumachen.
Deswegen finde ich Staats- oder Politikversagen da auch ganz passend, weil genau das der Eindruck ist. Es ist ja nicht eine einzelne Sache oder Person, die da nicht klappt, sondern man steht da nach einem Jahr vor einem Sauhaufen, bei dem wirklich extrem wenigst klappt und außer sich gegenseitig anzupflaumen oder Durchhalteparolen kommt da nix.
Völlig korrekt alles.
@ Marc 15. März 2021, 12:59
7) die Corona Politik ist katastrophal. Sie wird Merkels politisches Vermächtnis und das hat sie sich auch verdient. Ich weiß, dass sie persönlich die Pandemie richtig einschätzt und angemessener und härter agieren würde.
Einspruch: Onb sie die Pandemie richtig oder falsch einschätzt, und ob „härteres“ Handeln angemessener gewesen wäre, lässt sich nicht einschätzen. Die Reaktionen der Regierung waren in toto Panne. Es wurde zu spät und zu dumm gehandelt.
Aus machttaktischen Gründen hat sie sich mit wirklich inkompetenten Personen umgeben, die nun alle der Reihe nach kläglich versagen.
Auch das sehe ich anders. Wäre gerade nicht Wahlkampf, und wäre er nicht in der SPD, wäre Olaf Scholz wohl ein passabler Finanzminister. Auch ist es (meiner Meinung nach) etwas früh, Kanzleramtsminister Braun, Gesundheitsminister Spahn oder Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer als Versager zu bezeichnen (beim Wirtschaftsminister Altmaier würde ich mich nicht wehren 🙂 ).
Die Regierung kriegt halt keine klare Linie hinein, die Zuständigkeiten sind unklar, etc, und das Grundproblem – zu hoher bürokratischer Aufwand für ein vergleichsweise mickeriges, viel zu spätes Ergebnis – gab es schon immer.
Das Positive für mich: Sie reißt die komplette CDU nach unten, wie die Wahlen gezeigt haben! [Und wie genial ist erst das Abschmieren der Faschisten!1!!]
Faschisten? Die AfD ist eine in weiten Teilen rechtsextreme Partei, nicht mehr (schlimm genug, da stimme ich zu, aber kein Grund für ideologische Überhöhung).
Es wurde zu spät und zu dumm gehandelt.
Ja, das trifft es besser.
Die Einschätzung zum Regierungspersonal teile ich nicht. Olaf Scholz werde ich Cum-Ex niemals vergessen und Spahn ist für mich ein Ausfall.
Faschisten? Die AfD ist eine in weiten Teilen rechtsextreme Partei, nicht mehr
In der AfD gibt es eine nicht zu kleine Gruppe waschechter Faschisten, der „Flügel“ besteht fast ausnahmslos aus ihnen. Denen gilt meine Freude über die Niederlage.
@ Marc
Bei Spahn werden wir uns vermutlich nicht ganz einig werden. Zu Olaf Scholz bin ich eigentlich Deiner Meinung: CumEx war eine Riesenschweinerei, die er aktiv gedeckt hat; auch bei Wirecard hat er meiner Einschätzung nach wissentlich Scheiß gebaut. Das macht ihn für mich untragbar für eine Parteiführungs- oder Regierungsposition.
Ich bezog mich auf sein Wissen und seine Fachkompetenz, nicht auf seine moralische Integrität. Da kann ich Deinem Urteil folgen.
@ Marc
Ehe ich das vergesse: Dass die AfD sich nicht in der Höhe halten kann, habe ich erwartet; je krasser sich die Partei entwickelt, desto mehr gehen von der Fahne. Aber so schnell so tief ist in der Tat eine wirklich gute Nachricht 🙂
Die große Frage ist, war es nur ein Irrlichtern und die Besorgten kommen zurück oder sind sie resigniert und ziehen sich zurück? Klar, es wird beides geben, aber was wird der größere Anteil sein? Ich denke, dass mit einer weiter sinkenden Bedeutung der AfD immer mehr wieder zurück finden. Und wie Stefan ja immer beton: Uns fehlt einfach ein Ideologie-Sender wie Fox News, der eine breite Masse radikalisieren kann.
Auch wird das Verhältnis innerhalb der CDU spannend. Rechtsaußen konnte man immer sagen, hier gibt es Zuwachs. Das Argument fällt jetzt weg.
@ Marc 17. März 2021, 09:43
Die große Frage ist, war es nur ein Irrlichtern und die Besorgten kommen zurück oder sind sie resigniert und ziehen sich zurück? Klar, es wird beides geben, aber was wird der größere Anteil sein?
Ich war ja zu Beginn der AfD in diese Richtung unterwegs (eigentlich eher weg von Merkel, und es gab für mich damals keine andere Alternative). Nach dem Abgang von Bernd Lucke habe ich mir noch eine Weile angeschaut, was Frauke Petry treibt, aber sie hat die Tür einen Spalt zu weit aufgemacht, und kriegte nichts mehr eingefangen. Da war ich dann schnell weg.
Leute wie ich werden abfallen, weil die AfD inzwischen eine extremistische Partei geworden ist. Einige Extreme werden abfallen, weil die Partei den Durchmarsch in die Regierung nicht geschafft hat, und weil sie für die „Party“ gekommen sind, nicht für die Mühen der politischen Arbeit.
Ich schätze, der erste Teil wird größer sein. Viele Ältere (und das ist ja das Gros der AfD) haben Angst vor Corona. Sie sehen, dass es vielleicht größere Bedrohungen für ihre persönliche Existenz gibt als der Zuzug von Flüchtlingen; schließlich ist der Staat nicht in die Luft geflogen (selbst wenn ich immer noch glaube, dass er das gerade tut, aber halt in Zeitlupe).
Gerade an dieser Stelle, in Sachen Corona, hätte übrigens die CDU eine großartige Chance gehabt, durch entschlossenes und wirkungsvolles Handeln doch mehr als nur den einen oder anderen der Abgewanderten wieder einzufangen. Aber so? Vertan …
@ Marc 17. März 2021, 09:43
Die große Frage ist, war es nur ein Irrlichtern und die Besorgten kommen zurück oder sind sie resigniert und ziehen sich zurück? Klar, es wird beides geben, aber was wird der größere Anteil sein?
Ich war ja zu Beginn der AfD in diese Richtung unterwegs (eigentlich eher weg von Merkel, und es gab für mich damals keine andere Alternative). Nach dem Abgang von Lucke habe ich mir noch eine Weile angeschaut, was Frauke Petry treibt, aber sie hat die Tür einen Spalt zu weit aufgemacht, und kriegte nichts mehr eingefangen. Da war ich dann schnell weg.
Leute wie ich werden abfallen, weil die AfD inzwischen eine extremistische Partei geworden ist. Einige Extreme werden abfallen, weil die Partei den Durchmarsch in die Regierung nicht geschafft hat, und weil sie für die „Party“ gekommen sind, nicht für die Mühen der politischen Arbeit.
Ich schätze, der erste Teil wird größer sein. Viele Ältere (und das ist ja das Gros der AfD) haben Angst vor Corona. Sie sehen, dass es vielleicht größere Bedrohungen für ihre persönliche Existenz gibt als der Zuzug von Flüchtlingen; schließlich ist der Staat nicht in die Luft geflogen (selbst wenn ich immer noch glaube, dass er das gerade tut, aber halt in Zeitlupe).
Gerade an dieser Stelle, in Sachen Corona, hätte übrigens die CDU eine großartige Chance gehabt, durch entschlossenes und wirkungsvolles Handeln doch mehr als nur den einen oder anderen der Abgewanderten wieder einzufangen. Aber so? Vertan …
Innerhalb der CDU gibt es eigentlich nur noch den Mitte-Links-Flügel. Die konservativsten Polit-Promis sind Merz (der eigentlich nicht konservativ, sondern eher wirtschaftsliberal ist), und Jens Spahn. Dahinter kommt nichtmehr viel, selbst die CSU kommt grün daher.
Es wird einen große Zahl Unzufriedener geben (so wie mich), aber die ereilt das Schicksal der Hör-zu-Leser: Die sind irgendwann weg, zu alt oder zu müde zum Kämpfen, oder irgendwann tot. Die Nummer mit den Flügeln wird sich in Richtung „Grüne“ verlagern. Auch dort gibt es ziemlich radikale Linke, ziemlich radikale Ökos, und saturierte Gutmenschen, die grün wählen, weil sie so tun können, als würden sie etwas für die Umwelt leisten. Wenn Du Sport / Spiel / Spannung suchst, schau dort hin.
Ich denke, dass mit einer weiter sinkenden Bedeutung der AfD immer mehr wieder zurück finden. Und wie Stefan ja immer beton: Uns fehlt einfach ein Ideologie-Sender wie Fox News, der eine breite Masse radikalisieren kann.
Auch wird das Verhältnis innerhalb der CDU spannend. Rechtsaußen konnte man immer sagen, hier gibt es Zuwachs. Das Argument fällt jetzt weg.
Innerhalb der CDU gibt es eigentlich nur noch den Mitte-Links-Flügel. Die konservativsten Polit-Promis sind Merz (der eigentlich nicht konservativ, sondern eher wirtschaftsliberal ist), und Jens Spahn. Dahinter kommt nicht mehr viel. Selbst die CSU kommt grün daher.
Es wird einen große Zahl Unzufriedener geben (so wie mich), aber die ereilt das Schicksal der Hör-zu-Leser: Die sind irgendwann weg, zu alt oder zu müde zum Kämpfen, oder irgendwann tot. Die Nummer mit den Flügeln wird sich in Richtung „Grüne“ verlagern. Auch dort gibt es ziemlich radikale Linke, ziemlich radikale Ökos, und saturierte Gutmenschen, die grün wählen, weil sie so tun können, als würden sie etwas für die Umwelt leisten. Wenn Du Sport / Spiel / Spannung suchst, schau dort hin. 🙂
Bin ich bei dir.
Stimme dir weitgehend zu was die Regierung angeht.
Auf den Punkt gebracht.
Ad 2) Es gab mal Zeiten, da galt ein Vermummungsverbot. Das galt aus gutem Grund!
Ad 7) Es wird keine Zeit „danach“ geben. Ob die Impfstoffe langfristig gegen Corona wirken, muss sich erst noch erweisen. Zudem stehen noch palettenweise andere Viren zur Verfügung, die sich trefflich für Ausnahmezustände nutzen lassen.
Verschwörungstheorie: Die Grippe kehrt zurück!
10) Right-wing media helped usher in the age of “cancel culture,” but now pretend it’s an invention of the left
In Deutschland ist es auch nicht anders. Die progressive Journalistin Natascha Strobl etwa, die mit massiver Hetze und Morddrohungen von Twitter vertrieben wurde, ist den üblichen Verdächtigen immer noch keine Silbe der Erwähnung wert, die sich vorher für so gefährdete Exemplare wie Dieter Nuhr oder Lisa Eckhardt in den Ring geworfen haben.
Natascha Strobl ist eine österreichische Politikwisschenschaftlerin und Politikerin, die in Deutschland weitgehend unbekannt ist. Sie tritt vor allem im österreichischen Fernsehen auf. Bei Nuhr und Eckhardt ist es umgekehrt, sie finden ihr Publikum und ihre Gegner in Deutschland.
Ich warte auf Deinen ersten Artikel, in dem Du gewalttätige Übergriffe auf AfD-Politiker und Rechtsradikale aus dem linksextremistischen Bereich eindeutig verurteilst.
Ich hab ja gegoogelt, ich hab auch nix aus österreichischen Quellen gefunden.
Wenn es das nächste Mal vorkommt nehm ich es gerne explizit auf, danke für die Ermahnung 🙂
Ich kenne wie gesagt Natascha Strobl nicht. Ich kenne aber Dieter Nuhr (seit über 20 Jahren) und Lisa Eckardt. Wenn ich lese, dass sie gecancelt werden, finde ich das nicht gut. Ich fände es allerdings auch nicht gut, würde die heute show gecancelt.
SIE WERDEN NICHT GECANCELT!
Lisa Eckardt hat mehr Aufmerksamkeit und Verkäufe und Auftritte als je zuvor, und Nuhr ist ebenfalls noch völlig normal in seiner dummen Show.
SIE WURDEN KRITISIERT.
Das ist NICHT canceln!
Okay, Du hast recht: Lisa Eckardt wurde ausgeladen und Nuhrs Beitrag gelöscht. Aber sie wurden nicht gecancelt.
Nachdem sie ausgeladen wurde erhielt sie zahlreiche Einladungen und meiner Erinnerung nach auch einen Buchdeal. Und Nuhr schreibt immer noch und hat immer noch eine Sendung, während echte Cancel-Opfer von dir als irrelevant erklärt werden, weil sie…unbekannt sind.
Okay, die Argumentation merke ich mir. Es ist nicht schlimm, jemanden wegen seines Geschlechts oder Hautfarbe rauszuschmeißen oder erst gar nicht (in welcher Form auch immer) zu berücksichtigen, so lange derjenige andernorts eine andere Beschäftigung bekommt oder zu Wort kommt.
Interessantes Argumentationsmuster, Stefan. 😉
Quatsch. Nuhr hat seinen Job noch und steht nicht in Gefahr, ihn zu verlieren. Gleiches filt für Eckhardt, sie wurde aus einer (!) Veranstaltung ausgeladen und hat seither nicht nur einen regelmäßigen Gig gefunden, sondern tourt auch die Talkshows rauf und runter. Wenn das canceln ist, wo krieg ich das?
Nuhrs Laudatio wurde gestrichen. Nicht, weil sie den Veranstaltern missfallen hätte, nicht, weil sie sonst in ihrer Form irgendwie deplaziert gewesen wäre. Einfach, weil ein paar Leute meinten, einen Nuhr dürfe man nicht reden lassen.
Lisa Eckardt wurde vom Harbourfront Literaturfestival ausgeladen, wo sie zu einem Wettbewerb antreten sollte. Dann gab es Drohungen aus der autonomen Szene und man schützte nicht etwa das Festival, sondern man lud das Objekt der Konfrontation kurzerhand aus. Nicht erwünscht, weil Leute könnten sich stören.
Ich kann ja generell mit dem Begriff des „cancelns“ nichts anfangen, da in meinem Berufsalltag dieser völlig anders benutzt wird. Aber es sind die Mechanismen, Menschen aufgrund ihrer Meinung oder nur ihrer Art mundtot zu machen.
In den USA funktioniert das längst weit effizienter, aber linke Kreise hätten das auch hier gerne, siehe die aktuelle Debatte um Wolfgang Thierse. Und nein, Stefan, die Personen finden die Aufregung um ihre Person nicht amüsant. Sie sind prominent und geschult, viele andere nicht.
Wenn Du das möchtest – kurz: das glaube ich Dir nicht.
Ich bin doch nicht für canceln! Meine Argumentation ist zweierlei:
1) Es ist kein linkes Phänomen, sondern universell.
2) Nuhr und Eckhardt sind schlechte Beispiele für das Problem.
„linke Kreise hätten das auch hier gerne“
Für’s Protokoll: Ich gehöre nicht dazu.
Dito.
@ Stefan Pietsch 15. März 2021, 22:11
Okay, die Argumentation merke ich mir. Es ist nicht schlimm, jemanden wegen seines Geschlechts oder Hautfarbe rauszuschmeißen oder erst gar nicht (in welcher Form auch immer) zu berücksichtigen, so lange derjenige andernorts eine andere Beschäftigung bekommt oder zu Wort kommt.
Du bist mal wieder recht „griffig“ unterwegs (selbst wenn ich Deiner Argumentation uneingeschränkt folgen kann).
6) Ohne das inhaltliche zu diskutieren. Die im verlinkten Tweet gezeigte Graphik ist ein Musterbeispiel für nicht vertrauenswürdige Statistik (siehe auch deinen Kommentar zu 8): Eine Achse ist verschoben, um einen Trend zu verstärken, die Fragestellung ist nicht spezifiziert, die Konfidenzintervalle sind ohne Erläuterung, die (wenigen) Datenpunkte fügen sich verdächtig gut in eine exakte Gerade ein und als Quelle gibt es „eigene Berechnungen“.
7) Kennst du das Problem des „escalating commitment“ ( auch als „sunk cost fallacy“ oder „dollar auction problem“ bekannt) ? Dein Kommentar argumentiert verdächtig nahe an dieser Linie.
8) Das ifo-Institut (privatwirtschaftlicher Verein) ist eher eine Serviceeinrichtung für bestellte Gutachten von BDI und BDA. Was erwartest du?
10) Immer wieder. Des einen Freiheitskämpfer sind des anderen Terroristen. Wenn die Methodik vergleichbar ist, enrlarven sich Republikaner, als Heuchler wenn sie das eine als Mob brandmarken und bei der ‚eigenen‘ Seite gutheißen, Aber genau das gleiche gilt auch für die Progressiven. Wenn verschiedene Leute das Gleiche tun, tun sie das Gleiche.
6) Danke für den Hinweis!
7) Ich war stinkig.
8) Genau das.
10) Deswegen argumentiere ich ja, dass es ein allgemeines Phänomen ist.
1) Wo wir bei ‚bedenklichen‘ Nostalgie-Kindersendungen sind:
https://www.spiegel.de/kultur/tv/disney-sendet-muppet-show-mit-warnhinweis-a-96e9e181-a0a2-4303-888e-72f6de84803a
Einspruch! Die Muppet Show ist keine Kindersendung und war meines Wissens auch nie als solche konzipiert.
Ich weiß nicht, ob es eventuell ein spezifisch deutsches Phänomen ist, alles, was mit Puppen oder Cartoon-Charaktern zu tun hat, automatisch als Kinderprogramm zu labeln. Auch bei den Simpsons hat es ja hierzulande durchaus einige Jahre gedauert bis diese als Erwachsenenfernsehen wahrgenommen wurden.
Bei den Muppets hat zur Verwirrung aber sicher beigetragen, dass Kermit parallel auch in der Sesamstraße auftrat.
Jein. Es ist eine Sendung, die nicht nur Kinder anschauen. Die Simpsons sind aber durchaus auch für eine Demografie älterer Kinder. Und Ähnliches gilt auch für die Muppets. Das Besondere an diesen Serien ist ja eher der universelle Anspruch.
Oh, ich bin sicher, dass Kinder in beiden Sendungen durchaus auch etwas zum Lachen finden, ich würde aber bestreiten, dass sie die Hauptzielgruppe sind.
Darauf deuten m.E. auch die Entwicklung bei den direkten Nachfolgesendungen hin. Sowohl Muppets Tonight als auch die jüngste Serie The Muppets richten sich thematisch-inhaltlich klar an Erwachsene. Das Gleiche gilt für Futurama und Disenchantment.
Die Übergänge sind aber naturgemäß fließend, denn gutes Kinderfernsehen zeichnet sich spiegelbildlich oft auch dadurch aus, den mitguckenden Eltern ebenfalls etwas zu bieten.
Insofern: Ist doch eigentlich toll, wenn es Sendungen gibt, auf die sich alle einigen können. Familienfernsehen im besten Sinne.
Jepp! Futurama, Simpsons etc. kann halt auch von so 12-16jährigen geschaut werden, darauf wollte ich raus. 🙂 Ich glaube wir snd uns einig.
Da hast du natürlich recht. Aber ich habe sie halt als Kind (und als Teil des Kinderprogreamms) kennengelernt – einigen wir uns auf Kindheitssendung. So ähnlich wie bei Ariane der Presseclub, obwohl dieser wohl nicht an die Muppets heranreicht, was analytische Tiefe, konstruktive Diskussionskultur und Diversität ( Dorothea Siems ist mehr ‚alter weisser Mann‘ als Waldorf und Stadtler) betrifft.
Wenn man die Kommentare meiner Oma dazuzählt, hatte das allerdings durchaus was von der Muppetshow^^
Disney macht das aber auch bei anderen Filmen, hab das neulich zu Aristocats gelesen.
Disney hat hier das eigene Produkt nicht verstanden. Die Muppets sind doch ein Paradebeispiel für Diversität -wortwörtlich schräge Vögel wirken zusammen und man nimmt sich selbst nicht Ernst. Was die Muppet Show aber immer getan hat war Ihre Gäste Ernst zu nehmen und Sie inmitten der anarchischen Puppen leuchten zu lassen, unabhängig von Ethnie und ganz viel Respekt. Es gibt Künstler, wie z.B. Elton John der noch heute diesen Dreh mit den Puppenspielern als einer der schönsten Erlebnisse seiner künstlerischen Karriere bezeichnet.
Ich warte darauf das die Muppet Show endlich bei Disney Plus zu sehen ist. Kritikern empfehle ich sich mit dem Kontext vertraut zu machen, dass war stelle weise ganz große Kunst was Jim Henson dort gezaubert hat.
Volle Zustimmung zu den Muppets
Nicht nur große Kunst, sondern auch zeitlose Gags und Stereotypen, die oft heute noch funktionieren.
Den Carnegie Hall Gag kannst Du auch heute noch bringen.
„Sagen Sie mal, wie komme ich denn zu Semperoper?“
„Üben, man, üben!“
Wenn wir als Kinder gewusst hätten, dass Manah Manah ein Pornosong ist, wären wir dann anders mit ihm umgegangen?
Naja, es geht ja nicht um die Serie an sich sondern um einzelne Segmente in 18 von ueber 120 Folgen.
Kritikern empfehle ich sich mit dem Kontext vertraut zu machen, dass war stelle weise ganz große Kunst was Jim Henson dort gezaubert hat.
Ohne den geringsten Zweifel. So was liebe ich einfach über alles:
https://www.youtube.com/watch?v=2VZYVeNaO7U
Oder das Mahnah Mahnah
https://www.youtube.com/watch?v=01v9wALJ19w
Die Musik stammt übrigens aus einem Softporno:
https://www.sdb-film.de/2008/02/mana-mana-wohl-eher-na-na-na-na.html?m=1
Off-Topic: musste sein
1) „Es ist erstaunlich, wie verknöchert-konservativ selbst eine gefühlt so nahe Zeit wie die 1980er Jahre waren.“
Das Interview ist 10 Jahre alt, Biermann beschreibt die frühen Siebziger.
Oh danke ich korrigier das.
zu 7) Die Tendenz zur späten Kapitulation kommt auch möglicherweise daher, dass positive Entwicklungen zu wenig beachtet werden. Dabei gibt es sie. Dabei sollte man sich die Entwicklung in den Ländern mit einer schnelleren Impfung der Bevölkerung anschauen. Diese Länder liefern uns einen guten Vorlaufindikator für unsere Entwicklung in der nahen Zukunft.
Und da gibt es positive Daten
– In Israel lehren sich die Krankenhäuser und letzte Woche gingen auch endlich die Covid Neuerkrankungen deutlich zurück.
Israel wurden 110% Impfungen bezogen auf die Gesamtbevölkerung durchgeführt. Die Zahl ist bezogen auf die Gesamtbevölkerung, also inklusive der u18 Jährigen, für die es keinen Impfstoff gibt. Der Wert aggregiert 1. und 2. Impfungen. Geschätzt sind mit einem Wert von 160% alle möglichen Impfungen durchgeführt.
– In den Vereinigten Arabischen Emiraten sind 66,5% der Impfungen durchgeführt. Auch hier sinkt die Anzahl der covid 19 Erkrankungen deutlich.
– In Chile sinkt zumindest der Anteil der ü70 jährigen an Beatmungsgeräten dramatisch. Chile beginnt heute die Impfung der 50 bis 59-jährigen ohne Vorerkrankungen. Gesundheitspersonal, Polizisten, Lehrer, Personen mit Vorerkrankungen scheinen bereits durchgeimpft.
Quoten für Impfungen bezogen auf die „Impfbaren“, d.h. Personen über 18 (15 Mio Personen) sind aktuell: Erstimpfung -> 34,13%, Zweitimpfung -> 15,24%.
Mo-Fr werden 370.000 Impfungen verabreicht, am Wochenende insgesamt 200.000. Ende der Woche werden 15 Mio Impfdosen im Land eingetroffen sein. Zumindest für die nächsten Wochen ist damit ein Impfstoffmangel nicht zu erwarten. Die 370.000 scheinen eine Art Grenze des Systems darzustellen. Immerhin reden wir hier über 2,5% Impfungen bezogen auf die Impfbaren, wobei die 2,5% Erst- und Zweitimpfung aggregieren. Benötigt werden also insgesamt 200%.
Korrektur: Mo bis Fr 370.000 pro Tag
Das ist prima, aber wie sieht es nächstes Jahr um die Zeit dort aus? Das Virus ist ja variabel.