Das große Kanzlerranking, Teil 2: Willy Brandt


Angesichts des bevorstehenden Endes der langen Kanzlerschaft Angela Merkels sind Diskussionen über die Bedeutung ihrer Kanzlerschaft und ihren Platz in der Geschichte in vollem Schwung. Um aber einschätzen zu können, wo Merkels Platz in der Geschichte ist, ist ein Blick auf die anderen Kanzler der BRD unausweichlich. Der Versuch, eine Ranking-Liste zu erstellen, ist naturgemäß mit Schwierigkeiten behaftet, weil jede Wertung in einem gewissen Maße arbiträr ist – des einen LieblingskanzlerIn ist des anderen Gottseibeiuns. Ich habe mich daher dazu entschieden, für diese Übung die Frage zu stellen, wie konsequenzenreich, wie bedeutsam der jeweilige Kanzler oder die Kanzlerin für Deutschland waren.

Der Vorteil dieser Heuristik ist, dass die Frage, ob mir die jeweiligen Weichenstellungen persönlich gefallen, keine Rolle spielt. Der Nachteil ist, dass diese Art des Rankings KanzlerInnen bevorzugt, die entsprechende Spielräume hatten – und für diese können die jeweiligen Personen oft recht wenig. Gleichzeitig schreiben wir womöglich KanzlerInnen mehr Einfluss zu, als sie tatsächlich hatten. Schließlich ist einE KanzlerIn nicht automatisch für alles verantwortlich, was in der jeweiligen Amtszeit passiert. Dieser Widerspruch wird sich nicht komplett auflösen lassen.

Spätestens seit der Corona-Krise ist uns auch allen klar, dass in der Prävention kein Ruhm zu finden ist. Ich will aus diesem Geist heraus bei jeder Untersuchung auch auf die Wege gehen, die das Land nicht genommen hat, sofern klare Alternativen ersichtlich waren, die das jeweilige Regierungsoberhaupt nicht ergriffen hat. Kontrafaktische Geschichte ist immer schwierig, weswegen ich versuchen will, diese Betrachtung auf die damals ersichtlichen Alternativen zu begrenzen und zu zeigen, warum diese jeweils nicht zustande kamen. Und nun genug der Vorrede, führen wir unsere Betrachtung fort. In unserer Serie zum großen Kanzlerranking haben wir in Teil 1 Konrad Adenauer untersucht. Dieses Mal ist die Reihe an Willy Brandt.

Bundesarchiv, B 145 Bild-F057884-0009 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0

Platz 2: Willy Brandt (1969-1974)

Willy Brandts Kanzlerschaft markiert aus vielerlei Gründen eine Wasserscheide für die BRD. Ich würde nicht so weit gehen, es als eine „zweite Gründung der Republik“ zu sehen (eine Formulierung, die viele Historiker für die Präsidentschaft Abraham Lincolns verwenden), aber kein anderer Kanzler hat die BRD so tiefgreifend verändert wie er. Dazu kommt, dass sich mit ihm, in den Worten Heinemanns, „ein Stück Machtwechsel“ vollzog – der erste friedliche Übergang von Regierung zu Opposition. Die CDU tat sich bekanntlich schwer damit und arrangierte sich erst nach dem gescheiterten Misstrauensvotum 1971 und der folgenden krachenden Wahlniederlage 1972 mit der Oppositionsrolle.

Innenpolitik

Besonders innenpolitisch verwandelte die sozialliberale Koalition das Antlitz der BRD nachhaltig. Ein Großteil dieses Wandels fällt dabei in die Kanzlerschaft Willy Brandts; wir werden Helmut Schmidts Weichenstellungen an gegebener Stelle betrachten. Vor allem drei Schlagworte sind mit dem innenpolitischen Programm der beiden Brandt-Kabinette verbunden: „Wir bauen das moderne Deutschland“ (der Slogan aus dem Wahlkampf 1969), „Mehr Demokratie wagen“ (aus Brandts Regierungserklärung) und „Lebensqualität“ (das Leitmotiv aus dem Wahlkampf 1972).

Der Anspruch Willy Brandts (viel weniger Helmut Schmidts oder Herbert Wehners, die beide für eine Fortsetzung der Großen Koalition plädierten) war es, Deutschland zu modernisieren und aktiv umzugestalten. Von der eher patriarchalisch-beaufsichtigenden Rolle, die die drei CDU-Kanzler gesehen hatten, glaubte er an die Notwendigkeit und die Durchführbarkeit von Reformen. Zu seinem Glück wandelte sich die FDP in dieser Zeit stark, eine Entwicklung, die in den Freiburger Thesen 1971 ihren Höhepunkt finden sollte, und trat mit einem ähnlichen Gestus, wenngleich anderen Aufmerksamkeitsschwerpunkten an. Ich will daher zuerst auf die vorrangig sozialdemokratischen Impulse eingehen, ehe wir die eher freidemokratischen betrachten.

Die erste große Weichenstellung war die so genannte Bildungsexpansion. Die grundsätzliche Entwicklung begann bereits in den 1960er Jahren mit der Schaffung weiterer Kapazitäten im Bildungswesen, aber erst im Kabinett Willy Brandt nahm sie richtig Fahrt auf. Die Universitäten öffneten sich dank neu eingeführter Maßnahmen wie dem Bafög für völlig neue Schichten (was ironischerweise die Rolle der Universitäten als Brutstätten des Protests und alternativer Lebensstile einrenkte). Immer mehr Kinder konnten das Gymnasium besuchen.

In einer Mammutreform aller Kultusministerien wurde das Schulsystem in jene Struktur gebracht, die wir heute noch kennen, mit klar abgetrennten, Primar-, Sekundar-1- und Sekundar-2-Stufen, letztere mit einem Notenpunktsystem, bei dem ein Großteil der Noten ins Abitur einfloss, das wiederum zur wichtigsten Zugangsvoraussetzung ins Studium avancierte – anders als vorher, wo Verbindungen und Stallgeruch entscheidend waren. Seither beugt an staatlichen Universitäten alles sein Haupt vor der Macht des Numerus Clausus.

Auch von der Demokratisierung wurden die Bildungsinstitutionen erfasst. SMV und Asta sind Entwicklungen, die auf diese Zeit zurückgehen, wenngleich sie die hochfliegenden Erwartungen ihrer Befürworter nie erfüllen konnten und in manchen konservativen Bundesländern wie Baden-Württemberg auch rasch zurückgefahren wurden oder nie zur Reife kamen.

Am durchschlagendsten war die Demokratisierung Brandts in der eigentlich politischen Arena, wo in den Parteien wesentlich mehr Mitspracherechte etabliert wurden (ein Trend, dem sich nach der Niederlage Barzels auch schnell die CDU anschloss, die unter Oppositionsführer Kohl eine Trendwende von der Honoratioren- zur Mitgliederpartei hinlegte), neue Wahlen eingeführt wurden, eine Gemeindereform das kommunale politische System der BRD komplett überholte (mit tief greifenden, bis heute wirkenden Veränderungen) und gänzlich neue Ansprüche an Transparenz und Offenheit der Politik gestellt wurden, die einen bis heute gültigen Standard darstellen. Die Regierungsweise, die noch unter Adenauer gang und gäbe war und so weit als möglich ohne Beteiligung der Öffentlichkeit stattfand, ist seither unmöglich – im Guten wie im Schlechten.

Wesentlich umstrittener ist die Demokratisierung damals wie heute in der Wirtschaft. Zwar konnten die Sozialdemokraten die Präsenz der Gewerkschaften in den Betrieben endlich legalisieren und damit einen fast 100jährigen Arbeitskampf beenden. Auch wurde die Rolle der Betriebs- und Aufsichtsräte stark ausgebaut. Aber die Demokratisierung der Wirtschaft erreichte nie auch nur annähernd das Ausmaß, das die Visionäre der SPD sich wünschten. Wir gehen auf diese Thematik in der Sektion für die nicht gegangenen Wege noch einmal ein.

Bereits im Adenauer-Teil unserer Betrachtung habe ich die Bundeswehrreformen angesprochen; sie sollen hier noch einmal gebührend Erwähnung finden. Helmut Schmidt konnte als Verteidigungsminister einen großen Anteil an diesen Reformen für sich verbuchen. Mit Sachverstand auf der einen und genügend Distanz zur Armee auf der anderen Seite (bei der er dank seiner Wehrmachtskarriere einen Vertrauensvorschuss genoss, den der Exilant Brandt nie haben konnte) brach er den alten Wehrmachtsgeist vollständig. Diese Reformen wurden ab 1972 unter seinem Nachfolger Leber leider teilweise wieder zurückgedreht, so dass die CDU-Verteidigungsminister der 1980er Jahre das ganze Thema noch einmal von vorne aufnehmen und, unterstützt durch die Demographie, dann endgültig lösen konnten.

Weitere Öffnungsmaßnahmen betrafen die Herabsenkung des Wahlalters von 21 auf 18 Jahre, ebenso die des passiven Wahlalters von 25 auf 21 und später ebenfalls auf 18. Die Rechte von Kindern und Jugendlichen wurden stark ausgebaut, die der Eltern eingeschränkt. Statt der elterlichen Gewalt stand nach einer grundlegenden Reform des Familienrechts nun die elterliche Sorge im Vordergrund, wenngleich es noch einmal drei Dekaden dauern sollte, ehe Gewalt gegen Kinder unter Kanzler Schröder endgültig verboten werden sollte.

Zentrale Fortschritte wurden auch im Hinblick auf die Emanzipation der Frau gemacht. So wurde das Eherecht entscheidend verändert, das dem Mann viele Gewaltrechte gegenüber der Frau eingeräumt hatte. Das Scheidungsrecht wurde modernisiert, indem man das Schuldprinzip durch das Zerrüttungsprinzip ersetzte und damit Millionen Frauen den Ausweg aus unglücklichen Ehen ermöglichte, ohne sie dem Ruin preiszugeben. Beschränkungen für die Tätigkeit von Frauen wurden abgeschafft, Frauengefördert. Zuletzt wurde mit der Legalisierung der Abtreibung eine feministische Kernforderung erfüllt.

Zentrale Weichenstellungen erfolgten auch in der Sozialpolitik. Seit Adenauer (und nie wieder seitdem) wurde der Sozialstaat nicht mehr so stark ausgebaut wie unter Brandt. Die Regierung beseitigte eine Leerstelle im Generationenvertrag, indem mit dem Kindergeld wenigstens ein kleiner Teil der Bürde der Kindeserziehung aufgefangen wurde. Zudem wurde die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (übrigens im Einvernehmen mit der Wirtschaft und Versicherungsindustrie) reformiert, ein Programm, das so erfolgreich war, dass es bis heute weitgehend erhalten blieb und in Deutschland völlig unangefochten ist.

Die größte und sicherlich umstrittenste dieser Reformen aber war die Rentenreform 1972. Angesichts der anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg überboten sich die CDU und die SPD gegenseitig mit Forderungen nach einem Ausbau der Rente. Die SPD errang schließlich einen Pyrrhus-Sieg, indem sie zwar die größten Angebote machte (und einen triumphierenden Rundbrief an die schwäbischen Rentner schreiben konnte), die Landtagswahl aber trotzdem verlor und den Staatshaushalt deutlich belastete, weswegen ein Gutteil des 1972 festgeschriebenen Rentenniveaus inzwischen wieder passé ist – und in einer schreienden generationellen Ungerechtigkeit nur von einer eingeschränkten Alterskohorte genossen, aber vor allem von der nachfolgenden bezahlt wird, ein Problem, an dem sich bis heute noch jede Partei die Zähne ausgebissen hat. In einer besonderen Ironie der Geschichte waren es die Sozialdemokraten, die die größte Rentenkürzung der Geschichte 2007 zu verantworten hatten – und dafür, wie es aussieht, endgültig jegliche Machtperspektive verloren.

Eine große, wenngleich völlig unbeabsichtigte Weichenstellung war eine Folge der Entscheidung der Adenauer-Regierung, den Arbeitskräftemangel durch die Anwerbung von Gastarbeitern zu beheben. Während die Arbeitsmigration aus Südeuropa weitgehend folgenlos blieb – die meisten Italiener, Spanier, Portugiesen und Griechen waren bis zu Beginn der 1970er Jahre verschwunden – sollte die Umstellung der Anwerbung auf Türken ab 1961 große Folgeeffekte haben. Mit dem ersten Ölpreisschock verschwand der Mangel an ungelernten Gastarbeitern endgültig. Um diesen zu beheben, entschied sich die Regierung Brandt 1973 für einen Anwerbestopp. Dieser hatte den gegenteiligen Effekt des Gewünschten: angesichts unklarer Rückkehraussichten blieben die Türken im Land, holten ihre Familien nach und begannen, von Arbeitsmigranten zu echten Migranten zu werden. Mit dieser Herausforderung nicht umzugehen wird einer der größten nicht gegangenen Wege unter Helmut Schmidt und Helmut Kohl sein.

Eine letzte, bescheidene Weichenstellung erfolgte durch die zarten Anfänge einer Umweltpolitik. Brandt war einer der ersten deutschen Politiker, die sich für eine saubere Umwelt stark machten. Wir reden von einer Zeit, in der der Rhein klinisch tot und die Luft im Ruhrgebiet so schlecht war, dass man jeden Tag zweimal Fenster putzen und trotzdem nicht hinterherkommen konnte. Unter dem Schlagwort „Blauer Himmel über der Ruhr“ begann die Generationenaufgabe, die Hinterlassenschaften der Industrialisierung zu beseitigen und gleichzeitig den Strukturwandel einzuleiten – eine Generationenaufgabe, die bis heute nicht abgeschlossen ist und die von seinem Nachfolger Helmut Schmidt bedauerlicherweise in falsch verstandenem Pragmatismus praktisch abgebrochen wurde.

Kommen wir damit zu den Themen, die eher aus der liberalen Herzkammer stammen. Die Brandt-Ära steht im Zeichen einer weitgehenden Liberalisierung. So wurde die in der Großen Koalition bereits begonnene Strafrechtsreform weitergetrieben und zu Ende gebracht, die das komplette System der Strafverfolgung von seinem reaktionären Ballast befreite. Von der Abschaffung des Zuchthauses im Kleinen bis zur Abkehr vom Sühnegedanken im Großen wurde alles vom Kopf auf die Füße gestellt. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Die FDP verdiente sich hier als Bürgerrechtspartei bleibende Meriten und schaffte im gesamten rechtlichen Bereich jenes moderne Deutschland, das die SPD im wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereich schuf – und in dem wir heute noch leben.

So finden wir in dieser Zeit etwa die Einführung des Prinzips, dass Resozialisation der Hauptgedanke der Strafrechtsbehörden ist. Es geht nicht um das Bestrafen und Wegsperren, sondern um das Beseitigen der Gründe für Kriminalität – ein heute allgemein akzeptierter Gedanke (wenngleich nicht an deutschen Stammtischen, an denen besonders konservative oder reaktionäre Parteien und Politiker gerne mit Forderungen nach harten Strafen reüssieren).

Das Demonstrationsrecht, das unter den vorangegangenen Kanzlern noch ein Schattendasein fristete und jederzeit unter Polizeiknüppeln fallen konnte, wurde deutlich gestärkt (erneut gegen erbitterten Widerstand der CDU). Veraltete Strafbestände wurden abgeschafft; so fiel der Kuppelei-Paragraph ebenso wie die Strafbarkeit von Homosexualität.

Leider, und auch das muss ausgesprochen werden, fiel auch ein dunkles Erbe in diese Zeit: der so genannte Radikalenerlass. Um gegen die Bedrohung vor allem durch linksextremistische K-Gruppen vorzugehen, die in dieser Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen, wurden Gesinnungsprüfungen eingesetzt. Diese waren verfassungsrechtlich fragwürdig, wertetechnisch inakzeptabel und wurden später von Brandt als sein „größter Fehler“ gesehen, unter Schmidt bereits wieder entschärft, finden sich aber bis heute in den Gesetzesbüchern.

Außenpolitik

Am berühmtesten ist Willy Brandts Kanzlerschaft fraglos für seine Ostpolitik. In den 1960er Jahren war zunehmend deutlich geworden, dass Adenauers harte Abgrenzungspolitik nach Osten (die in der Hallsteindoktrin institutionalisiert worden war) nicht mehr länger aufrechtzuerhalten war. Weder erfüllte sie ihr Ziel (die DDR wurde zwar delegitimiert und destabilisiert, aber brach offenkundig nicht darüber zusammen), noch standen die Erträge in einem vernünftigen Verhältnis zu den Kosten.

Ganz abwenden wollten sich Genscher und Brandt aber von diesen Gedanken nicht; eine formelle Anerkennung blieb der DDR auch in der sozialliberalen Ära versagt. Stattdessen folgten die Grundlagenverträge. Zuerst einigte man sich mit der Sowjetunion – eine unverzichtbare Vorbedingung jeder Aufnahme von Verhandlungen mit ihren Satellitenstaaten, die ja außenpolitisch nicht eben souverän waren -, dann mit Polen und der Tschechoslowakei. Erst am Ende fand eine Einigung mit der DDR statt.

In allen Fällen bestanden die Grundbausteine dieser Verträge in gegenseitigem Gewaltverzicht und Anerkennung der Nachkriegsgrenzen. Aus heutiger Perspektive ist die Heftigkeit der Auseinandersetzungen um diese Frage völlig unverständlich, aber viele Abgeordnete betrachteten das als glatten Landesverrat. Die Stimmung war hoch aggressiv, und die Regierung Brandt zerbrach beinahe über der Frage. Am Ende aber hatten sowohl SPD als auch FDP ihre nationalistischsten Abgeordneten an die CDU verloren – wo sie im Gefolge der Wahlniederlage 1972 rapide an Einfluss verloren.

Neben der Anerkennung der Grenzen nahm die BRD auch Handelsbeziehungen zu den Ostblockstaaten auf, die wirtschaftlich deutlich relevanter waren, als beide Seiten sich dies damals wie heute eingestehen wollten. Im Gegenzug verpflichtete sich die DDR auf die so genannten „menschlichen Erleichterungen“. Letztlich lief es darauf hinaus, dass die BRD die DDR dafür bezahlte, ihr Volk nicht ganz so sehr zu misshandeln wie bisher.

Diese politische Entscheidung sollte Langzeitfolgen für die Legitimation des DDR-Regimes haben. Die neue Transparenz, die durch die Öffnung zum Westen zwangsläufig und nicht zu vermeiden war, führte den maroden Status der DDR und den Realitätsverlust ihrer Eliten vor allem ab den 1980er Jahren allen deutlich vor Augen. Andererseits aber stabilisierte die Ostpolitik die DDR auch deutlich. Sie blieb bis 1989 Regierungspolitik der BRD; so wie die SPD die Westbindung akzeptiert hatte, so akzeptierte die CDU die Ostpolitik.

Dies führte dazu, dass unter Kohl eine Franz Josef Strauß, Kommunistenfresser der ersten Stunde, die DDR mehrfach mit Milliardenspritzen vor dem Bankrott bewahrte. 1989 war die Ostpolitik in allen deutschen Parteien so sehr verankert, dass sie zu einer regelrechten Identifizierung mit der DDR-Regierung geführt hatte – und zu einer distanzierten, abweisenden Behandlung der DDR-Opposition, was sich im Wiedervereinigungsprozess für diese als fatal erweisen sollte. Doch dazu mehr, wenn wir zu Kohl kommen.

Als letztes möchte ich noch den Kniefall in Warschau erwähnen. Brandts spontane Geste vor dem Denkmal der gefallenen Juden gab der unter Adenauer begonnenen wirtschaftlichen und politischen Wiedergutmachungspolitik gegenüber den Opfern des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs endlich auch eine moralische Komponente, ein offizielles Schuldeingeständnis, das weit über Geldzahlungen hinausreichte. Nicht umsonst wurde die Geste kontrovers diskutiert (BILD-Schlagzeile: „Durfte Brandt knien?“). Man befürchtete Reparationsforderungen, die aus dieser Anerkennung folgen würden. Dazu kam es nie. Aber Brandts Geste bereitete mit den Weg für den generellen Wandel des deutschen Geschichtsbilds und war ein Beweis politischen Muts und persönlicher Integrität.

Nicht gegangene Wege

Ein kontrafaktisches Szenario höchster Güte betrifft die Demokratisierung der Betriebe – in beide Richtungen. Der Kompromiss, den die sozialliberale Koalition fällte, befriedigte keine der beiden Parteien. Teile der SPD hätte gerne wesentlich weitreichendere Mitbestimmung gehabt, als ersten Baustein eines generellen Umbau des Wirtschaftssystems. Die FDP dagegen hätte es bevorzug, überhaupt keine Mitspracherechte einzuräumen und die Arbeitnehmer stattdessen über die Gewährung von Beteiligungen zu stakeholdern in ihren Betrieben zu machen.

Beide Alternativszenarien beschäftigen seither die Geister von liberalen wie linken Kritikern der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung. Es ist schwer zu sagen, wie sich die Republik entwickelt hätte, wenn diese Vorstellungen hätten umgesetzt werden können. Eine gesellschaftliche Mehrheit findet sich für beide Projekte eher nicht, weswegen sie zwangsläufig theoretisch bleiben müssen.

Ein weiterer Aspekt betrifft den Ausbau der Gesamtschulen, ein ständiges sozialdemokratisches Herzensprojekt. Im Zuge der Bildungsexpansion hoffte man, das deutsche Schulsystem aus seiner klassischen Dreigliedrigkeit lösen zu können und stattdessen die Gesamtschule etablieren und in ihrem Rahmen mehr Gleichheit schaffen zu können. Allein, das Unternehmen scheiterte auf mehreren Ebenen, dem Bildungsföderalismus an erster Stelle. Die SPD versuchte seither immer wieder, auf Länderebene Gesamtschulen zu etablieren, aber das Projekt hat nie wirklich Breitenwirkung erzielt und bleibt ein ungeliebtes Kind.

Es ist fraglich, ob eine Umgestaltung des öffentlichen Schulwesens je so möglich war. Wenn, dann hätte die Frühzeit der BRD die Möglichkeit geboten, als die damalige Besatzungsmacht USA darauf drängte und die deutschen Stellen mit aller Macht gegenhielten. Wenn selbst die siegreichen USA einem Rumpfstaat vor 1949 solche Reformen nicht aufoktroyieren konnten, ist es vermessen anzunehmen, eine Koalition, deren kleinerer Partner eh kein Interesse daran hatte, hätte es tun können. Aber es ist ein klarer nicht genommener Weg. Stattdessen öffnete sich das dreigliedrige Schulsystem in den späten 1990er und 2000er Jahren deutlich, so dass wir das Problem mittlerweile auf anderem Weg gelöst haben. Die Gesamtschulen wirken daher mehr und mehr wie ein Relikt vergangener Tage.

Zuletzt stellt uns die 1. Ölkrise von 1973 vor ein interessantes kontrafaktisches Szenario. Ich will nicht annehmen, dass sie nicht stattgefunden hätte – das war völlig außer Kontrolle aller westlichen Regierungen – sondern dass in Reaktion darauf wesentlich größere Schritte zu einer Dekarbonisierung der Republik genommen worden wären. In der Realität führte der Ölpreisschock zu einer stärkeren Konzentration auf Kernenergie. Aber grundsätzlich wäre es vorstellbar, dass man sich damals bereits für einen Ausbau der erneuerbaren Energiequellen entschieden hätte. Wie realistisch das ist, sei dahingestellt. In der damaligen SPD ist die Idee keinesfalls mehrheitsfähig, in FDP und CDU gleich dreimal nicht. Aber es waren Weichenstellungen, die bis zum Atomausstiegsausstiegausstieg unter Angela Merkel die Energiepolitik der BRD bestimmten.

Das war es zu Willy Brandt. Wer auf Platz 3 sitzt, erfahrt ihr nächstes Mal!

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  • Stefan Pietsch 2. Mai 2020, 12:15

    Selten hat mich ein Artikel so von Dir enttäuscht wie dieser. Denn selten hast Du Deine eigenen Ansprüche so verfehlt wie mit diesem Kanzlerranking. Ohne die Möglichkeit, Entwicklungen aufgrund eigener Erfahrungen historisch einordnen zu können, gibst Du Deinen eigenen Wertungen nach politischer Beliebigkeit freien Lauf und verfehlst damit das selbst gesteckte Ziel, eine nach irgendwie objektiven Maßstäben erstellte Hitliste zu präsentieren.

    Es beginnt damit, dass Du die Kanzlerschaft Brandts flugs im Geiste verdoppelst, um ihr Erfolge anzuheften, die ihr nicht zugehören. Nur so kannst Du zu dem Schluss kommen, dass ein Politiker, der gerade 5 Jahre an der Spitze stand, weit bedeutsamer war als viele Präsidenten und Regierungschefs, die zumindest doppelt so lange mit zwei Legislaturperioden durchhielten. Du verklärst Willy Brandt posthum zu einem Überflieger aller Generationen, zu einem Vulkan von Aktionismus, wo er doch ein zutiefst von Zweifeln und Depressionen geprägter Mensch war. Dazu endete seine Kanzlerschaft schnöde und schmachvoll, was Dir kein Wort wert ist. Für einen Historiker sind das schon unverzeihliche Fehler.

    Viele der Reformen, die doch so leichter Hands Brandt zurechnest und zu überragenden Bedeutungen verklärst, hat jeder Kanzler im Gepäck, der einigermaßen länger regierte. Hier fehlt Dir jede Objektivität, die ein Ranking nun mal braucht, soll es ernst genommen werden. Hast Du Dich bei der Einordnung von Adenauer noch bemüht, politische Maßnahmen nach ihrer historischen Bedeutung einzuordnen, weichst Du bei Brandt von diesem Maßstab ab und erklärst, was für Dich bedeutsam und fortschrittlich war. Dieser Subjektivierung geschichtlicher Vorgänge darf sich ein Historiker nicht leisten.

    1. Bildung
    Wie Du nebenbei erwähnst, wuchs das Interesse an Bildung bereits in den Sechzigerjahren. Es war offensichtlich nicht das BAföG, dass ein Studium für breite Bevölkerungsschichten ermöglichte, wie Du es einordnest. Im Gegenteil: die meisten Länder sind und waren Deutschland hier immer weit voraus. Dies hat weniger mit den Ausgaben und der Errichtung von Lehranstalten zu tun, sondern mit dem in Deutschland geltenden dualen Bildungssystem. Deutschland folgte dem Trend anderer entwickelter Staaten, es setzte keine eigenen.

    Ob Mitbestimmungsinstitutionen wie der ASTA einen so gravierenden Beitrag für die Demokratisierung der Universitäten geleistet haben, lässt sich genauso bestreiten. In meiner Studentenzeit z.B. gab es beim ASTA eine „männerfeindliche Zone“ (kein Witz!). Aus öffentlichen Geldern finanziert, wurde die Hälfte der Studentenschaft von einem allgemeinen Gremium diskriminiert. „Demokratisierung“ sollte doch irgendwie anders aussehen.

    2. Demokratisierung der Wirtschaft
    Über die betriebliche Mitbestimmung habe ich meine Meinung oft zu Protokoll gegeben. Sie hat sich, anders als sich die Protagonisten das damals vorstellten, als deutscher Sonderweg (ich würde eben sagen: Irrweg) erwiesen. Für das Portemonnaie der Beschäftigten war dies, wie lange Statistiken zeigen, nicht besonders ergiebig. Das Institut ist weitgehend von dem Mut und der Initiative einzelner abhängig und das im Jahr 2020. Ein Armutszeugnis für eine grundlegende Reform.

    Doch auch hier unterlaufen Dir als Historiker grundlegende Fehler. Die Montanmitbestimmung als Vorläufer der betrieblichen Mitbestimmung wurde bereits 1951 geschaffen. Das Betriebsverfassungsgesetz hatte 1952 seine Geburtsstunde. Die Reform von 1972 führt zur Mitbestimmung in den Betrieben und nicht mehr allein auf Unternehmensebene. Kann man bedeutsam nennen, aber so bedeutsam, dass es einen Verantwortlichen in die 1a-Klasse erhebt? Stefan, Stefan.

    3. Reform des Scheidungsrechts
    Die Änderung des Scheidungsrechts ist auf das Jahr 1977 terminiert, knapp 3 Jahre nach Ende der Kanzlerschaft Willy Brandts. Die entscheidenden gesetzgeberischen Schritte fanden mithin unter seinem Nachfolger Helmut Schmidt statt. Ich fürchte, Du wirst auch in der weiteren Folge so laissez faire mit der Einordnung politischer Erfolge nach Neigung umgehen.

    Diese Reform war handwerklich schlecht. Jahrzehntelang waren Gerichte bemüht, die schlimmsten Auswüchse einzuhegen. Die Reform machte Generationen von geschiedenen Männern zu Zahlsklaven ihrer Ex, entzog ihnen die Kinder und fachte erst Unterhaltsstreitigkeiten an. Pikanterweise war es am Ende eine SPD-Fachpolitikerin mit Namen Zypries, welche das von Dir gelobte Jahrhundertgesetz in weiten Teilen zurücknahm. Generationen von Kindern wurden in diesen Jahrzehnten ihren Vätern entfremdet und das erhebt Willy Brandt in den Adelsstand?

    4. Sozialreformen
    Zentrale Weichenstellungen erfolgten auch in der Sozialpolitik. Seit Adenauer (und nie wieder seitdem) wurde der Sozialstaat nicht mehr so stark ausgebaut wie unter Brandt.

    Wenn Du dies als sehr wichtiges Kriterium gewichtest, wirst Du das in der gleichen Form bei Gerhard Schröder tun müssen, was ihn im Ranking erheblich nach oben schieben dürfte.

    Ansonsten umschreibst Du blumig den Umstand, dass Italiener und Spanier in ihrer Heimat Arbeit und Wohlstand fanden, die hierher angeworbenen Türken aber vor allem wegen der schlechten Aussichten in ihrer Heimat hier blieben. Wenn allein das monetäre Wohl ausschlaggebend für die Wahlheimat ist, schafft dies keine Identität und mit dem Problem, die „Falschen“ angeworben zu haben, schlug sich die Politik seitdem und bis heute. Und manchmal wiederholt man die Fehler der Vergangenheit.

    5. Strafrechtsreform
    Bis heute ist der Strafenkatalog des StGB weit niedriger als in fast allen anderen Ländern. Mehr noch: die Gerichte orientieren sich traditionell an den Untergrenzen, was auch in den meisten Rechtsstaaten anders ist und reformiert werden müsste. Allerdings ist es nicht richtig, dass Linke wenig vom Sühnegedanken halten. Seit Generationen wettern sie gegen eine angebliche Bevorzugung von Steuerstraftätern, selbst wenn diese vollständig ihre Schulden und damit den Schaden getilgt haben. Es werden absurd hohe Strafen gefordert für jene, die den Staat um Einnahmen betrogen haben – allerdings nicht erweitert auf Sozialstraftäter. Und auch im Ordnungsrecht setzt man bei Umwelt- und Verkehrsdelikten eher auf drakonische Strafandrohungen.

    6. Außenpolitik
    Die DDR war ein unselbständiger Vasall der Sowjetunion, nicht fähig zu eigener Politikakzentuierung. Sie war von den wichtigen Partnerländern der Bundesrepublik (könntest Du Dich bescheiden, nicht den Kampfbegriff „BRD“ zu verwenden, sondern den eigentlichen Namen?) nicht anerkannt. Die DDR selbst hatte eine Rechtsnachfolge zum Deutschen Reich abgelehnt.

    Die „Entspannungspolitik“ der sozialliberalen Koalition wurde schnell zu einer Karikatur, denn bis hin zu Lafontaine wurde oft der kritische Abstand zur Diktatur, welche die DDR nun einmal war, aufgegeben. So schafften es Sozialdemokraten immer wieder, das Burenregime in Südafrika und Pinochet in Chile heftigst ob der Menschenrechtsverletzungen wie politischer Morde zu kritisieren und am nächsten Tag mit DDR-Bonzen zu kuscheln und Cohibas zu rauchen.

    Fraglos, der Kurswechsel in der Außenpolitik war notwendig, richtig und angezeigt. Das kritisiert niemand mehr ernsthaft. Die Entspannungspolitik der SPD-/FDP-Koalition war diesbezüglich bedeutsam und hat deswegen ihren Platz in den Geschichtsbüchern. Aber sehr bald galt das Label eben auch als Deckmantel für die Sympathie für eine wirtschaftspolitische Auslegung, die man im Herzen teilte und dafür großzügig über die schlimme Diktatur hinwegsah. Dies gehört immer wieder im Nebensatz erwähnt.

    Willy Brandt gehört in den Adelsstand ob des Kniefalls zu Warschau. Die Geste machte Brandt endgültig zu einem wahrlich großen Politiker. Aber sicher nicht zum zweitgrößten der Nachkriegsgeschichte.

    Leider verwendest Du kein einziges Wort auf die Verschuldungspolitik, in die Willy Brandt die Bundesrepublik nicht nur in unverantwortlicher, sondern fast in Harakiri-Manier trieb, so dass sein hoch angesehener Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller 1972 zurücktrat.

    Die Wirtschafts- und Finanzpolitik ist das Herzstück eines demokratisch bestimmten Landes. Es bleibt völlig unverständlich, dass Du diesen Aspekt bei der Bewertung des Kanzlerrankings aussparst und ist mit eine Ursache – bei weitem nicht die einzige – dass Deine Bewertung so schräg daherkommt. Brandt hat das Feuer für Verschuldungsorgien des Landes gelegt, woran Politikergenerationen nach ihm schwer trugen. Erst unter Initiative wieder der SPD wurde in den 2010 mit der Schuldenbremse die entscheidende Kehrtwende erreicht.

    Wärst Du Zeitzeuge gewesen, wüsstest Du, wie bedeutsam die Wiedervereinigung für Deutschland war. Es heilte eine jahrzehntelang schwelende Wunde. Helmut Kohl leistete in einem Jahr persönlich so Überragendes, dass ihm fraglos für die meisten Historiker mindestens Platz 2 gebührt. Noch 1989 eher als Kanzler des Übergangs gesehen, mauserte er sich zur bedeutenden Figur der Nachkriegsgeschichte. Hier kann ich meine persönliche Abneigung hintenan stellen, der Kohl in seiner Zeit nicht ernst nahm. Dir gelingt es offensichtlich kein Stück, als Deinem Korsett eigener politischer Prioritäten auszubrechen. Dazu reformierte Kohl noch das Steuersystem ganz entscheidend. Wie schwer und damit politisch bedeutsam eine solche Reform ist, zeigt sich darin, dass es Angela Merkel in 16 Jahren Kanzlerschaft nicht ansatzweise gelungen ist.

    Dazu vollendete Kohl weitgehend das wichtigste Integrationsprojekt (und heute vielleicht Spaltungsprojekt) Europas, die gemeinsame Währung. Zwei politische Großprojekte von historischer wie internationaler Dimension nur dafür trotzdem nur ein Platz hinter dem 5-Jahres-Kanzler Willy Brandt? Diesen Maßstab werden selbst die meisten Historiker kaum verstehen. Es entspringt geringer Lebenserfahrung und einer Arroganz der Jugend.

    • Stefan Sasse 2. Mai 2020, 12:41

      Du wirfst mir Subjektivierung im gleichen Absatz vor, in dem du erklärst, dass mir die persönliche Erfahrung mit der Epoche fehle, um sie einordnen zu können. Das ist ein klein wenig widersprüchlich, meinst du nicht?

      Ich bin jetzt schon gespannt, an wie viel deiner Argumentation zur Bedeutung der Länge der Kanzlerschaft dir bei Merkel noch im Gedächtnis haften wird 😀

      1) Ich will die ASTAs nicht überbewerten, die gehören einfach nur in den breiteren Kontext der Demokratisierung. Die kriegen ja nur einen Halbsatz! Und ja, ich zieh in in der überarbeiteten Version einen Teil zu Kiesinger rüber.

      2) Dass du es als Irrweg bezeichnest, ist deine Wertung – und damit genau das, was du mir vorwirfst. Ob Irrweg oder nicht, es war für Deutschland in beiden Fällen eine entscheidende Weichenstellung. Dass Mitbestimmung bereits in den 1950er Jahren eingeführt wurde weiß ich, aber die Formen, die du als Irrweg bezeichnest (und entsprechend ablehnst) kamen erst unter Brandt – und das macht sie wohl bedeutend, oder?

      3) Das mit dem Scheidungsrecht ist tatsächlich ein Fehler. Ich werd’s in der Überarbeitung bei SChmidt einbauen, auch mit dem richtigen Hinweis der Zahlproblematik.

      4) Schröder wird seine gebührende Rolle in dem Ranking kriegen, keine Bange. Und klar ist die Agenda2010 einschneidend.

      5) Auch hier: du wertest selbst. Es ist eine entscheidende Weichenstellung, ob du es magst oder nicht. Aber ich bin stolz auf dich, dass du so lange bis zu deinem „ihr Linken“-Vorwurf gebraucht hast, das muss echt Selbstbeherrschung gekostet haben.

      6) Seit wann ist denn BRD ein Kampfbegriff?! So heißt unser Land doch??? Und ich bin doch ziemlich kritisch mit der Ostpolitik? Mir ist unklar, wo dein Problem mit diesem Teil ist.

      Von dir nehme ich sicherlich keine Belehrungen zum Thema Arroganz an.

      • Stefan Pietsch 2. Mai 2020, 13:19

        Es ist kein Vorwurf, bestimmte Epochen nicht selbst erlebt zu haben. Das liegt in der Natur der Sache bei der Einordnung geschichtlicher Ereignisse. Aber Du wirst in Deinem Studium doch sicher gelernt haben, die vom Untersuchungsobjekt zu distanzieren, um es in einer einigermaßen neutralen Entfernung betrachten zu können. Dies fehlt mir völlig. Du kanntest weder Brandt noch Kohl durch eigenes Erleben, gerade deswegen wundert mich die Erhebung der SPD-Ikone über Kohl. Helmut Kohl wurde bis zu seinem Großprojekt als „Birne“ verspottet, intellektuell leicht gewichtig. Doch selbst seine größten Gegner bis hin zur SPIEGEL-Zentrale bis zu Rudolf Augstein machten ihm die Ehrerbietung ob seiner Jahrhundertleistung. Das sind allein Indizien, wie überragend das Projekt Deutsche Wiedervereinigung einzuordnen ist.

        Normalerweise dirigieren Spitzenpolitiker allein. Merkel tut nichts anderes, wenn sie es denn tut. Kohl aber hat sich 1989 / 1990 in einem nie gekannten Maß persönlich eingebracht. Auch das ist bleibend. Dass er Michal Gorbatschow dazu gebracht hat, die Einbindung des wiedervereinigten Deutschlands in NATO und EU zu akzeptieren, galt noch Stunden (!) vor den Gesprächen als unvorstellbar.

        Länge ist nicht alles, keine Frage. Gerade auf Merkel gemünzt gilt das im Besonderen. Sie hat ob der Länge viele Krisen erlebt und managen müssen. Das allein ist Zufall der Geschichte. Entscheidend für die Bewertung ist daher auch, wie geht ein Politiker eine Krise an und welche tragfähigen Lösungen schafft er / sie. Fakt ist aber, 5 Jahre sind in Ämtern nicht überragend lang. Für große Fußabdrücke benötigt es dazu nicht nur ein Übermaß an persönlicher Energie, sondern auch Speed. Das kann man zum Teil Brandt zuschreiben, Merkel definitiv nicht. Zudem waren nur Brandts erste 3 Jahre von Energie gezeichnet, bald danach wirkte er im wahrsten Sinne ausgebrannt.

        Meine persönliche Wertung ist in Klammern gesetzt und klar gezeichnet! Unstrittig ist jedoch, dass die deutsche Version der Mitbestimmung ein Sonderweg blieb, obwohl die handelnden Politiker in Verkennung ihres Tuns von einem Vorzeigeprojekt ausgingen. Deutsche Überhöhung, wie so oft. An der Stelle wiederholt sich Geschichte immer wieder.

        Die offizielle Bezeichnung Deutschlands in der Nachkriegszeit war „Bundesrepublik Deutschland“. Heute gilt nur noch „Deutschland“. „BRD“ war lange ein Kampfbegriff im linken Lager, eben auch in der Gleichsetzung mit der „DDR“, was die rechte Seite aus guten Gründen ablehnte. Nicht ohne Grund schrieb die RAF in ihren Bekennerschreiben immer nur von der „BRD“, nie von der „Bundesrepublik Deutschland“. Und schließlich bezeichnen wir Spanien ja auch nie als „Königreich“.

        Deutschland wird nur in Kürzeln noch als „BRD“ bezeichnet. Für Leute wie mich, die noch die zwei Deutschlands und den Kampf um Deutungshoheiten erlebt haben, wirkt das Schreiben als „BRD“ höchst befremdlich. Wahrscheinlich geht es vielen so.

        Du stellst stark heraus, dass die Nicht-Anerkennung der DDR vor allem von rechten Kreisen getrieben war. Das ist historisch nicht richtig.

        „Arroganz“ verwende ich immer dann, wenn zum Ausdruck kommt, dass heute junge Leute alles besser wissen und besser beurteilen können. Es ist nicht als Wertung Deiner Charaktereigenschaft gemeint. Bitte nehme das nicht so an.

        • Stefan Sasse 2. Mai 2020, 13:47

          Glaub mir, Kohl wird zu genügend Ehren kommen. Du hängst dich zu sehr an den Positionen auf. Die Plätze 2-4 sind sehr eng beeinander (Adenauer läuft außer Konkurrenz, glaube ich). Ich setze Brandt auf Platz 2, weil er als Regierungschef der ersten anderen Regierung einfach wahnsinnig viele Akzente gesetzt hat – mehr als Kohl, zwangsläufig, weil Kohl sich in der Tradition Adenauers, Erhards und Brandts bewegte, so wie Schmidt und Schröder sich in der Brandts bewegten, bewegen mussten. Das macht ihn einfach super bedeutend, auch wenn du seine Politik nicht leiden kannst. Aber Kohl kommt zu seinem Recht, keine Bange.

          Mir war bisher nicht bekannt, dass BRD ein Kampfbegriff gewesen sei. Für mich ist das die offizielle Abkürzung, wie USA, wie DDR, wie UK. Ich hab gerade mal nachgelesen, stimmt tatsächlich: https://de.wikipedia.org/wiki/BRD War mir nicht klar. Ich habe die Abkürzung hier ja auch schon wahnsinnig oft verwendet, ohne dass du das je kritisiert hättest. Ich sehe das auch ehrlich gesagt seit dem Untergang der DDR nicht mehr als so ein Riesenproblem. Davon abgesehen spreche ich hier ja von Kanzlern Westdeutschlands; das muss ich ja sprachlich von der DDR abtrennen. Ich hab jetzt kein Bock, diese Streitigkeiten aus den 60er und 70er Jahren aufzurollen…

          Ich mag die Arroganz alter Leute auch nicht, die meinen, alles besser wissen zu müssen 😉

          • Stefan Pietsch 2. Mai 2020, 14:44

            Der Witz ist ja, dass ich wie viele meiner Generation zu Helmut Kohl eine absolut negative Einstellung habe. Lange war er gefühlt gar nicht der legitime Kanzler, da er auf ehrenrührige Art und Weise den einzig wahren Vertreter der Regierungsgewalt gestürzt hatte. Intellektuell als limitiert wahrgenommen, das Provinzielle betonend, sichtbarer Vertreter eines überholt erscheinenden Konservatismus konnte er die Herzen der meisten nicht gewinnen. Seine Zustimmungswerte waren beim SPIEGEL-Ranking immer im Mittelfeld oder leicht unteren Bereich, nur mit Ausschläge nach oben Anfang der Neunzigerjahre.

            Zu Willy Brandt wie zu Angela Merkel habe ich weitgehend eine neutrale Einstellung. Gerade die SPD-Ikone konnte ich erst historisch einschätzen, da ich ihn nicht aktiv erlebt habe. In der Nachzeit seiner Kanzlerschaft wirkte er bei weitem nicht so stark, mächtig und bedeutsam wie er von Historikern beschrieben wird. Wie das Amt des Kanzlers gab er den SPD-Vorsitz aus sehr persönlicher Frustration auf und stürzte damit seine Partei in eine Krise.

            Nur die Kanzler Schmidt und Schröder habe ich wirklich geschätzt. Wobei ich Helmut Schmidt schon zu Regierungszeiten wahrlich bewundert habe. An dem Tag des Konstruktiven Misstrauensvotums im August 1982 war ich wie selbst viele Abgeordnete des Deutschen Bundestages unfassbar traurig. Diese Bewunderung habe ich nie auf Schröder übertragen, ihn aber ob seiner Risikobereitschaft und politischen Einstellung sehr gemocht, geschätzt und favorisiert. Er war „mein“ Kanzler. Wenn ich jetzt mit über 50 sagen kann, nur ein Politiker sei „mein“ Kanzler gewesen, zeigt das meine Distanz zum politischen Betrieb. Das ist aber auch kein Wunder: Ich habe 16 Jahre einen ungeliebten Kanzler erdulden müssen, hatte dann 7 Jahre einen Favoriten im Amt und nun weitere 16 Jahre eine nie besonders hoch geschätzte Konservative, die sich als politisches Chamäleon entpuppte, was auch nie mein Fall war. Stefan, da wird man genügsam. 😉

            Noch in seinem Tod fiel es mir übrigens schwer, Helmut Kohl ob seiner Verdienste zu würdigen. Wenn ich den Pfälzer also klar auf Platz 2 sehe, zeigt das, welche Distanz ich mir abringe um zu einem ehrlich erscheinenden Urteil zu kommen. Deine im Artikel genannten Begründungen kann ich daher nur sehr wenig nachvollziehen (wie beschrieben). Die Wertung finde ich eindeutig falsch vorgenommen, zumal Deutschland 1990 praktisch eine Neugründung erlebte.

            Überhaupt: Die einseitig westdeutsche Färbung kannst Du nicht verhehlen. Irgendwie wirkst Du, als gäbe es das wiedervereinigte Deutschland nicht, was schon in Deinen politischen Einschätzungen zum anderen Wahlverhalten in den ostdeutschen Ländern immer wieder zum Ausdruck kam. Kohl war ein echter gesamtdeutscher Kanzler, was Merkel nie geworden ist.

            Es ist nicht so, dass ich Brandt danach beurteile, dass ich im Nachhinein (!) seine Politik weitgehend kritisch sehe. Bei einem Ranking muss man sich bemühen, das auszublenden. Umgekehrt darf man aber auch nicht seinen eigenen Vorlieben (zu stark) nachgeben, das ist eben mein Vorwurf an Dich. Beispielhaft können wir dazu die Novelle des Betriebsverfassungsgesetzes nehmen. Sie war eine echte Reform und zweifellos ein bedeutender Schritt. Nur, in dieser Kategorie hat jeder Kanzler etwas aufzubieten. Die Pflegeversicherung in der Spätphase Kohls zählt ebenso dazu wie der Atomausstieg von Rot-Grün (den ich ja bekanntlich auch kritisch sehe), das Einwanderungsgesetz, das Scheidungsrecht von 1977 und, und, und. Das, muss ich sagen, reicht keinesfalls um einen Politiker in den Olymp zu heben.

            Stimmt, Du hast schon sehr oft von der „BRD“ geschrieben und ich zucke jedes mal unwillkürlich zusammen. Nicht nur nach meinem Gefühl ist es eine Herabsetzung. Dies folgt nicht nur aus der Geschichte des Begriffs, sondern weil wir kaum ein Land abkürzen. Warum dann unser eigenes? Wir sind Deutschland. Was sonst?

            Du sollst dabei nicht die Schlachten der Vergangenheit schlagen, aber es wundert mich, dass Du die Abkürzung verwendest. Eigentlich müsstest Du mit dem Begriff „Deutschland“ aufgewachsen sein.

            Ich bemühe mich eben, nicht alles besser zu wissen. Das erwächst spätestens mit dem Alter, wenn man sich immer wieder bewusst macht, wie wenig man selbst weiß und wie viel man immer wieder falsch einschätzt. Das Wissen um die Limitierung des eigenen Ichs schützt vor Arroganz (obwohl ich auf anderen Feldern mir durchaus Arroganz leiste 🙂 ). Und ja, es gibt vielleicht niemanden im Blog, der sich so oft offen korrigiert wie Du. Und dennoch legst Du wieder und wieder eine starke Überzeugung in das einzig Richtige an den Tag. Faszinierend.

            • Stefan Sasse 2. Mai 2020, 16:21

              Da hab ich dann einen Vorteil, ich habe keine persönliche Beziehung zu Kohl und kann ihn distanziert betrachten.

              Wir können ja gerne darüber diskutieren, wer an welche Stelle gehört – dazu ist die Serie ja auch da. Nur, westdeutsch zentriert – klar, da kommen unsere Strukturen ja her. Zum Guten wie zum Schlechten (und deutlich mehr zum Guten) wurde nach 1990 wenig aus der DDR übernommen.

              De Name unseres Landes ist halt Bundesrepublik Deutschland. Ich kürze ja problemlos auch USA und UK ab. Letzten Endes variiere ich Begriffe; ich schreibe mal Deutschland, mal BRD, mal Bundesrepublik. Mal schreibe ich UK, mal Großbritannien. Steckt nichts außer Variation dahinter. Und gerade wenn ich über eine Zeit schreibe, in der die DDR noch existiert hat, macht „BRD“ zu schreiben Sinn…

              Leider muss ich konstatieren, dass es vielleicht niemandem auf diesem Blog gibt, der sich so selten korrigiert wie du. Also von den Leuten, mit denen ich diskutiere 😉

              • Ariane 3. Mai 2020, 11:30

                Oh Gott, ich möchte bitte unbedingt dafür plädieren, dass wir jetzt nicht anfangen, BRD zu ideologisieren!
                Nutze ich immer als Abkürzung gerade bei Zeiträumen, die vor 1990 liegen, weil Deutschland da einfach nicht der richtige Name für ist, weil es ja quasi zwei davon gab.

                Wer das geändert werden will, muss sofort eine neue Buchstabenkombination als Lösung anbieten!

                PS: Ich hatte auch mal eine ausufernde Diskussion darum, welche Unterschiede es für UK und GB gibt. (weiß kein Mensch) – die fand übrigens unter Fußballnerds statt 😉

                • Stefan Sasse 3. Mai 2020, 17:23

                  Ja, so sah ich das bisher auch.

                • derwaechter 4. Mai 2020, 11:51

                  Westdeutschland ist doch eine gangbare alternative Bezeichnung. Aber ich sehe das auch nicht mehr so dramatisch.

                  Das GB und UK ein Unterschied ist wusste ich schon länger, konnte mir aber immer schlecht merken, was was ist. Jetzt merke ich mir das Great Britain die grösste („great“) der britischen Inseln bezeichnet. Und UK noch Nordirland dazu vereinigt („united“). Nicht die eleganteste Eselsbrücke aber es klappt 🙂

                  • Ariane 4. Mai 2020, 15:43

                    Ja, wir hatten das Problem mit den Nationalmannschaften und Nord-Irland natürlich. Die gehören natürlich zu UK. Und Großbritannien sind glaube ich sämtliche britischen Inseln (fragt sich, wie sie ihre ganzen Kolonien zählen^^) und dann gehört Irland aber wieder mit dazu.

                    Also Separatismus ist mal großer Mist, führt nur zur Verwirrung, sollen sich ein Beispiel an Deutschland und Dänemark nehmen und sich alle versöhnen 🙂

                  • Stefan Sasse 4. Mai 2020, 16:43

                    Ich fürchte das stimmt nicht. Meines Wissens nach ist GB und UK synonym. Die große Insel ist Britannien, die kleine Irland. 🙂 „Great“ Britain schließt IMHO Wales und Schottland mit ein. Irgendwie so. Ich mach mich mal schlau.

                    • Ralf 4. Mai 2020, 16:57

                      Wikipedia weiß ja normalerweise immer alles. Da lautet der erste Satz des entsprechenden Artikels:

                      The United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland, commonly known as the United Kingdom (UK or U.K.)[14] or Britain,[note 11] is a sovereign country located off the north­western coast of the European mainland.

                      Damit wären dann UK und Britain synonym, während Great Britain (GB) kleiner wäre als Britain, weil es Nordirland nicht enthalten würde.

                      Macht keinen Sinn? Stimmt. Deshalb bleibe ich auch lieber in der BRD. Pardon, in Deutschland …

                    • Stefan Sasse 4. Mai 2020, 17:09

                      Ich habe gerade in meinem britischen Bekanntenkreis einen kleinen Bürgerkrieg ausgelöst, weil das hoch umstritten ist. Annäherung:
                      Britain = England und Wales
                      Great Britain = England, Wales, Schottland
                      United Kingdom = England, Wales, Schottland, Nordirland, die ganzen Inseln drumrum
                      British Isles = Alles von oben plus Irland

                    • derwaechter 4. Mai 2020, 19:54

                      Bekanntenkreis und Wikipedia ist ja schön und gut. Ich halte mich an seriöse Quellen (die meine Erinnerung natürlich stützen 🙂 https://www.britannica.com/story/whats-the-difference-between-great-britain-and-the-united-kingdom

                    • Ariane 5. Mai 2020, 01:19

                      Wäre ja ein schöner Nebeneffekt von Pandemiechaos und EU-Chaos, wenn sich die irische Insel wieder vereint. Dann löst sich das historisch eher neue Problem von ganz alleine 🙂

                    • Stefan Sasse 5. Mai 2020, 09:11

                      Glaube ich eher nicht ^^

                    • derwaechter 5. Mai 2020, 15:22

                      Ich auch nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist definitiv grösser geworden.

                      Ich finde es immer noch krass wie leichtfertig die Brexiteers den Frieden auf der Insel aufs Spiel gesetzt haben.

                    • Stefan Sasse 5. Mai 2020, 15:28

                      Ja.

                    • Ariane 6. Mai 2020, 03:04

                      Und die hatten echt Glück, dass sie das noch verhandelt bekommen hätten. Wenn die das mit dem unkontrollierten Brexit auch noch kurz vor Pandemiechaos ausprobiert hätten, säßen sie jetzt aber noch viel mehr in der Scheiße. Insellage ist nur gut, solange auf der Insel noch keiner infiziert ist.

                    • hilti 18. Mai 2020, 23:09

                      Tztzt, so eine Diskussion ohne das autoritative Erklärbärvideo von CGP Grey:
                      https://youtu.be/rNu8XDBSn10

            • Ariane 3. Mai 2020, 11:36

              Intellektuell als limitiert wahrgenommen, das Provinzielle betonend, sichtbarer Vertreter eines überholt erscheinenden Konservatismus konnte er die Herzen der meisten nicht gewinnen

              Oh die Arroganz des wohlhabenden Intellektuellen liegt dir auch nicht fern Pietschi.

              Meine traditionelle Oma hat Schmidt auch sehr verehrt und es Kohl immer übel genommen, wie er Kanzler wurde. Nur intellektuell war daran halt gar nichts. ^^

              • Stefan Pietsch 3. Mai 2020, 12:29

                Ich habe beschrieben, wie Kohl in vielen Teilen des „besseren“ Deutschlands damals gesehen wurde. Das ist ungefähr der Teil Deutschlands, dem Du Dich heute zugehörig fühlst. 😉

                Kohls Sprache, seine Bräsigkeit, seine spätere Langsamkeit und Abneigung zu Reformen bis hin zu seinem Familienmodell und Fettleibigkeit war eine Zumutung für linksliberale Kreise, in denen ich ja auch mal verkehrte. Nehme das Bild von Kohl im Wahlkampf 1998 und das Siegerfoto von Schröder, Lafontaine und Fischer am Wahlabend und Du bekommst vielleicht eine Ahnung.

                • Ariane 3. Mai 2020, 12:59

                  Pietschi, glaub mir weder ich noch irgendwelche „Kreise“ in denen ich verkehre, haben sich jemals für irgendetwas Besseres gehalten.
                  Da würd ich auch nicht so austeilen, wenn man so gerne auf seine Arroganz als Leistungsträger pocht.

                  In deinem Duktus spreche ich hier ja scheinbar direkt aus der Gosse. Nur macht mir das nicht soviel aus wie dir, wenn ich mal in Nichtgossensprache gegen die feinen Pinkel austeile. Ich kann auch härter glaub mir.

            • cimourdain 3. Mai 2020, 23:59

              Oh je, an die BRD-Diskussion erinnere ich mich noch aus der Schulzeit. Weil DDR drei Buchstaben hat, würde eine eine Verwendung von drei Buchstaben für die Bundesrepublik eine indirekten Anerkennung der DDR als souveräner Staat bedeuten. Und das würde ja der Hallstein-Doktrin widersprechen.
              Und ‚Deutschland‘ heisst heute immer noch genau wie in den 60ern ‚Bundesrepublik Deutschland‘. Solche Ländernamen abzukürzen kommt vor: USA, UK, FYROM, VAE, EU, NRW und FCB, mfg, die Wilt liegt uns zu Füßen,…
              Wie weit Erich mende (auf dessen Mist ist die Sprachregelung gewachsen) nicht nur auf der Landkarte nach rechts geschielt hat, sieht man daran, dass im selben Papier für die Gebiete westlich der Oder-Neisse-Linie (sic) die Bezeichnung ‚Mitteldeutschland‘ vorgeschlagen wurde. Da fragt man sich, was wohl Ostdeutschland sein könnte…
              Also, anstatt 30 Jahre zurückliegende Schlachten wiederaufleben zu lassen, schlage ich die Abkürzung GDR (für Gesamt-Deutsche Republik) vor. 😛

              • Ariane 4. Mai 2020, 15:45

                Danke! Oje! Aber ich muss sagen, gerade jetzt in Zeiten von Blogs und Twitter und so bin ich sehr dankbar, dass es offizielle Länderkombinationen gibt. Jetzt braucht man ja sogar schon die Abkürzungen der Bundesländer.
                Ist fast wie im Stau, wenn man rätselt, woher die Autos um einen herumkommen 🙂

      • CitizenK 2. Mai 2020, 18:47

        Das Gesetz zur Mitbestimmung auf Unternehmensebene (im Aufsichtsrat) stammt von 1976. Reformiert wurde 1972 das Betriebsverfassungsgesetz (Mitbestimmung durch Betriebsräte) reformiert. Das ist ein grundlegender Unterschied, der im Artikel und im Kommentar nicht deutlich wird.

        Die Unternehmensmitbestimmung war eine Enttäuschung – ja, aber für die Arbeitnehmer. Durch den Letztentscheid des AR-Vorsitzenden (der immer von der Aktionärsseite kommt) hat sich immer die Kapitalseite durchgesetzt.

        Hinzu kommt, dass die Gewerkschaftsvertreter durch den Umgang mit den „hohen Herren“ und die im Vergleich exorbitanten Vergütungen korrumpiert wurden. Extrembeispiel VW, auch wenn es dort vor allem der Betriebsrat war.

        • Stefan Sasse 2. Mai 2020, 19:13

          #Gute Punkte, werde ich überarbeiten.

        • Ariane 3. Mai 2020, 02:24

          Ich weiß nicht, was da genau in welche Zeit passt. Aber ich würde auch noch ergänzen, dass das gerade so in den Anfängen der Sozialisierunge auch mehr umfasste als nur die Löhne und sehr von den damaligen Fabrikbesitzern abhing.
          Ich meine, ich glaub das war damals BASF, die mussten für ihre Arbeiter ja wirklich erstmal ein ganzes Dorf bauen, weil da keine Wohnungen waren. Viele Sozialwohnungen heutzutage sind ja noch diese Blocks (die sind ja modernisiert jetzt, aber heute noch gar nicht schlecht zum Wohnen).

          In Rendsburg/Büdelsdorf gab es eine große Firma Ahlmann, bzw gibts heute auch noch. Aber die ist sehr eng mit der Stadtgeschichte verbunden und wurde übrigens zeitweise von einer Frau geführt, damals war das ja so eine komische Mischform aus Arbeitgeber und Sozialamt. Das hat sich dann, nachdem das alles besser lief auch aufgelöst und die Sphären mehr getrennt.

  • Ralf 2. Mai 2020, 16:09

    Ich weiß zugegebenermaßen wenig über die Zeit Brandts, weshalb es umso informativer ist, Deine Zusammenfassung seines Wirkens zu lesen. In einem Punkt aber wundere ich mich ein bisschen: War Brandt wirklich die Ursache für die Liberalisierung und Demokratisierung der deutschen Gesellschaft oder war seine Kanzlerschaft die Folge dieser bereits wachsenden Bestrebungen in der deutschen Bevölkerung? Ist ja nicht so, als wenn etwa die 68er-Bewegung nicht bereits in vollem Gang gewesen wäre, als Brandt an die Macht kam.

    • Stefan Sasse 2. Mai 2020, 16:23

      Niemals ist er Ursache. Ich habe versucht, das eingangs deutlich zu machen. Wann immer wir so was wie KanzlerInnen, PräsidentInnen oder so anschauen zentrieren wir stark auf die Person. Ich versuche deswegen eher zu schauen, was „in der Kanzlerschaft“ passierte (weil die jeweiligen Personen ja auch starke Veto-Macht haben), aber das ist sehr schwer zu trennen. Du hast Recht damit, dass die Trends schon vor Brandt existierten. Aber er hat sie gefördert und nicht behindert. Und das allein ist relevant.

  • R.A. 2. Mai 2020, 17:24

    Brandt ist auf jeden Fall einer der großen Kanzler gewesen. Ob man ihn oder Kohl an Stelle 2 setzt ist Geschmackssache, das lohnt keinen Streit. Beide müssen auf jeden Fall klar Adenauer den Vortritt lassen.

    Aber was nun genau Brandts Verdienste sind ist sehr schwer abzugrenzen. Stefan Pietsch hat schon darauf hingewiesen, daß er letztlich nur fünf Jahre im Amt war und man ihm daher nicht sämtliche Änderungen zwischen Mitte der 60er und Ende der 70er zuschreiben kann – und das hast Du ziemlich komplett gemacht.
    Die ganzen Schul- und Uni-Reformen hatten ohnehin nichts mit ihm zu tun, das war reine Ländersache. Die neue Außenpolitik ist ganz wesentlich von Scheel entworfen worden. Und die „Demokratisierung der Wirtschaft“ war (wie die Asten) ein weitgehender Flop mit vielen schädlichen Folgen.

    Es bleibt aber noch genuine und erfolgreiche Bundespolitik in der Brandt-Ära, streichen wir die Hälfte des Artikels, ist immer noch genug um Brandts Amtszeit sehr respektabel zu finden.

    • Stefan Sasse 2. Mai 2020, 19:10

      Das ist okay.

    • Hias 3. Mai 2020, 21:37

      Die neue Außenpolitik ist ganz wesentlich von Scheel entworfen worden.
      Das halte ich für ein Gerücht. Die neue Ostpolitik geht wesentlich auf Bahr und Brandt zurück mit den Anfängen in den 1960er Jahren.

  • Dennis 2. Mai 2020, 19:00

    Bei meiner Wenigkeit steht Brandt auf Platz 3, Kiesinger auf Platz 2, auch wenn Letzteres etwas unorthodox daherkommt.

    Die persönlichkeits-orientierte Sympathieliste geht natürlich anders. Da ist Brandt deutlich auf Platz 1, an zweiter Stelle übrigens Erhard, persönlich absolut integer.

    Kiesinger war die Trägerrakete, ohne die Brandt nicht in den Kanzler-Orbit gekommen wäre. Der Löwenanteil der im Artikel angesprochenen Reformwerke gehört im Übrigen in die große Koalition und werden hier nitt ganz korrekt bei Brandt verbucht. Zu Kiesinger meinerseits mehr, wenn der hier rankommt; voraussichtlich als Nummer 8 oder so^.

    War im Übrigen „meine Zeit“ damals im Jungspundalter. 1972, also die berühmte Willy-Wahl, „meine“ erst BU-Wahl. Ich verrate jetzt nicht, was ich da so gewählt hab^^.

    Als erster SPD-Kanzler seit Hermann Müller hat er natürlich – ähnlich wie auf andere Weise Adenauer – einen sozusagen natürlichen Bedeutungsvorteil. Das mit Abstand wichtigste Ding der Ära Brandt ist – klar, die Ostpolitik.

    Zitat:
    „Am berühmtesten ist Willy Brandts Kanzlerschaft fraglos für seine Ostpolitik.“

    Ja, so isses. Das war absolut zentral.

    Zitat
    „Ganz abwenden wollten sich Genscher und Brandt aber von diesen Gedanken nicht“

    Das war FDP-seitig Vizekanzler Scheel. Genscher war Innenminister und wurde erst bei Schmidt Außenminister und Vizekanzler.

    Zitat:
    „Brandts spontane Geste vor dem Denkmal der gefallenen Juden“

    Bitte dringend in ermordete Juden ändern !!!

    Ansonsten natürlich zu allem Zustimmung, was unter Außenpolitik steht.

    zur Innenpolitik:

    Zitat:
    „Der Anspruch Willy Brandts (viel weniger Helmut Schmidts oder Herbert Wehners, die beide für eine Fortsetzung der Großen Koalition plädierten) war es, Deutschland zu modernisieren und aktiv umzugestalten“

    Ja, stimmt. Er hat aber ein entsprechendes Klima reflektiert, das eh schon bestand, mindestens in der Generation, ich sach mal, bis ca. 35-40. Ändert nix an seiner Leistung, denn wichtig war, dass es diesen Reflektor gab, auch wenn ein sachlich und technisch bei der Gesetzgebungsarbeit gar nich so viel rüberkam. Das bereits bestehende Reformklima würde weiter gefördert. Die APO (heute 68er genannt) sah allerdings alt aus. Der Reformismus hatte gewonnen, die angedachte Revolution war perdu. Etwa zeitgleich mit der Bildung der sozial-liberalen Koalition hat sich der SDS in Luft aufgelöst. Es wird oft vergessen, dass die 68er alles andere als Freunde der SPD waren. Die Verdienste Brandts liegen also hier in der Klimapflege. Man muss allerdings auch das Ende ’74 ins Auge fassen. Er passte nicht in den dann erforderlich gewordenen Krisenmodus. Da musste Schmidt ran. Letzterer kommt bei mir auf Platz 4.

    Irgendwas mit Bildung:

    Gehört doch praktisch alles in die Länder. Die Reformeritis startete etwa Mitte 60er. Reformuni Konstanz, beispielsweise (Kiesingers Lieblingsprojekt, als MP) mit Dahrendorf als Reform-Macher, um nicht zu sagen Macker. Dahrendorf-Plan für das Ländle insgesamt und tausend andere Sachen in den diversen Ländern.

    Zitat:
    „dank neu eingeführter Maßnahmen wie dem Bafög “

    Stimmet; das war Bundesrecht und „gehört“ Brandt, nicht Kiesinger und nicht Schmidt^.

    Zitat:
    „Ein kontrafaktisches Szenario höchster Güte betrifft die Demokratisierung der Betriebe – in beide Richtungen. Der Kompromiss, den die sozialliberale Koalition fällte, befriedigte keine der beiden Parteien“

    In der ersten Legislatur (69-72) wurde das Thema überhaupt nicht angepackt, nach ’72 gab’s die ersten Initiativen, „ernst“ wurde es aber erst unter Schmidt. 1976 dann die Verabschiedung. Der ganze Komplex müsste also eher beim Schmidt erscheinen^.

    Zitat: 
    „Veraltete Strafbestände wurden abgeschafft; so fiel der Kuppelei-Paragraph ebenso wie die Strafbarkeit von Homosexualität.“

    Das war Teil der „Großen Strafrechtsreform“ und gehört in die Regierung Kiesinger, wie das meiste, was hier zum Thema Strafrecht genannt wird.

    Zitat:
    „indem mit dem Kindergeld wenigstens ein kleiner Teil der Bürde der Kindeserziehung aufgefangen wurde“

    Kindergeld gibt’s seit den 50ern. 1970 gab’s ’ne Anpassung, aber das war business as usual

    Zitat:
    „Zudem wurde die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (übrigens im Einvernehmen mit der Wirtschaft und Versicherungsindustrie) reformiert,“

    Es handelt sich um das Lohnfortzahlungsgesetz 1969, stammt von der Regierung Kiesinger.

    Reform des Scheidungsrechtes: Gehört in die Regierung Schmidt. § 218 war bei Brandt.

    Zitat:
    „Weitere Öffnungsmaßnahmen betrafen die Herabsenkung des Wahlalters“

    Beschlossen mit Zustimmung der CDU (fast einstimmig). Erstmals betroffen von dieser Maßnahme war ich damals im Ländle, also landesrechtlich aufgrund eines entsprechenden CDU-Gesetzes.

    Zitat:
    „Statt der elterlichen Gewalt stand nach einer grundlegenden Reform des Familienrechts nun die elterliche Sorge “

    Das gehört zur Regierung Schmidt.
     
    Zitat:
    „eine Gemeindereform das kommunale politische System der BRD komplett überholte “

    Dieses damals heiße Thema, das in der Tat die Gemüter – jedenfalls in der Provinz – erregt hat war ausschließlich Ländersache, mit allem Trara, der damit verbunden war.

    Abgesehen von diesen Beckmessereien hast du, glaub ich, den Zeitgeist gut getroffen.

    • Stefan Sasse 2. Mai 2020, 19:22

      Von fünf Strafrechtsnovellen fallen drei in die Brandtzeit, mein Wissensstand war: auch die Kuppelei-Geschichte.

      Kindergeld: Passe ich an, danke für die Korrektur.

      Lohnfortzahlung: Trat im Januar 1970 in Kraft, daher vermutlich mein Irrtum.

      Ich glaube, ich habe Kiesinger vor allem deswegen recht weit hinten in der Liste, weil er als Kanzler selbst recht wenig in Erscheinung trat; ich glaube, wir hatten nie stärkere Minister als unter ihm. Aber das ist natürlich für das Ranking generell eher inkonsequent, fürchte ich. Ob ich ihn wirklich vor Schmidt, Schröder und Merkel schieben will? Ich bin echt mal gespannt, was die Diskussion da jeweils ergeben wird!

    • Ariane 3. Mai 2020, 02:28

      Zitat:
      Kiesinger war die Trägerrakete, ohne die Brandt nicht in den Kanzler-Orbit gekommen wäre.

      Was, der war ne Ariane? ^^
      Trau mich ja gar nicht zu sagen, dass ich außer dem Namen quasi nichts von Kiesinger weiß. Sorry. Ich werde Stefans Artikel dazu sehr genau lesen! 😀

    • R.A. 3. Mai 2020, 10:41

      „Kiesinger auf Platz 2“
      Das hat mich (wie wohl alle hier) sehr überrascht.
      Aber die aufgeführten Details geben schon Anlaß zum Nachdenken. Im verkürzten Narrativ der Reformen gehört irgendwie alles zu Brandt, was real über drei Regierungszeiten verteilt passierte. Und tatsächlich sehr viel schon unter Kiesinger.

      Und da haben wir halt das Problem mit einer Heuristik, die alle Veränderungen in einer Zeitspanne dem Chef zuordnet.
      Denn bei keiner dieser Reformen wäre mir bekannt, daß Kiesinger sie als eigene politische Ziele eingebracht oder verfolgt hätte. Sondern maximal hat er sie zugelassen und mitverwaltet.
      Aber ehrlich gesagt ist das halt auch nur ein schwach fundierter Eindruck und vielleicht ist Kiesinger wirklich der große unterschätzte Kanzler.

      • Stefan Sasse 3. Mai 2020, 17:22

        Durchaus eine interessante These. Aber ich stehe aktuell eher auf dem Standpunkt, dass er hauptsächlich nicht im Weg war.

    • derwaechter 4. Mai 2020, 12:00

      An der Bezeichnung für das Denkmal bin ich auch erst hängen geblieben.
      Aber ich habe nachgelesen und sehe, das ist so falsch gar nicht. Das Denkmal heisst offiziell „Denkmal der Helden des Ghettos“ und wurde zum Gedenken des Aufstands im Warschauer Ghetto aufgestellt.

  • Ariane 3. Mai 2020, 03:10

    Danke erstmal! Außerdem tippe ich Helmut Kohl auf Platz 3

    Und bevor bei mir auch jemand meckert, sage ich gleich vorab, dass ich gar nicht erst versuche, objektiv zu sein. Willy Brandt ist für mich durchaus eine Art Idol, was persönliche Integrität und Mut angeht. Ihm gebührt ein ganz großer Anteil unseres heutigen Umgangs mit dem Holocaust und auch ein schöner Beweis dafür, wie wichtig Symbole sind. Allein dafür hat er schon den zweiten Platz verdient (und auch nur, weil der erste immer auf dem ersten Platz steht^^)
    In einer Reihe für mich mit Schmidt (Flut & RAF-Entscheidungen zur Landshut und Schleyer) und Merkel im Umgang mit Flüchtlingen und Rechtsterrorismus. (ja ich weiß #aufschrei)

    Aus der Rückschau betrachtet glaube ich auch, dass das wirklich eine gute Mischung in der SPD war aus linker Fantasie und Pragmatismus. Es ist ja auch ein Wahnsinn, welche Weichenstellungen damals gelegt wurden, die für uns heute total normal sind, das ist ja im Großen und Ganzen heute Konsens außer unter den ganz verstaubten, aber wirklich zurück zur „guten alten Zeit“ ging es ja nicht mehr. Und muss man auch sagen, vermutlich hatte kein Kanzler soviel Einfluss auf meine eigene Geschichte, ich hätte sonst ziemlich sicher kein Abitur machen können. Bzw der ganze soziale Aufstieg meiner Familie hätte einfach gar nicht stattgefunden.

    Und ich meine, ich hab mal gelesen (vllt sogar bei dir), dass die SPD damals auch wirklich ihre ganzen kommunalen Leute losgeschickt hat und die Arbeiter oder andere überredet hat, ihre Kinder länger zur Schule zu schicken, damit die bessere Abschlüsse erzielen können, also es war nicht nur Bonner Politik, sondern auch auf Bundeslandebene und auf Kommunalebene stark verankert.
    Ehrlich gesagt, hätte ich das heute gerne nochmal, gar nicht so aufs Abitur bedacht, aber so eine persönliche Ansprache find ich schon wichtig. Und wer klug genug ist, soll auch gerne Abitur machen, da gibts eh schon zuviele Snobs, wir brauchen mehr Diversität.

    Es ist auch ein bisschen mein Vorbild für die Giffey/Baerbock/Habeck-Graswurzelkampagne. Das ist ja heute nicht mehr so extrem, auch die CDU und die anderen Parteien haben sich stark modernisiert, aber ich bin ziemlich überzeugt davon, dass es wirklich nötig ist, dass wir mal eine ganz andere Regierung bekommen, um diese ganzen vergessenen Überbleibsel aufzuräumen, die die Union so gerne herumliegen lässt, um ihre konservative Wählerbasis nicht aufzuregen. Und möchte hier auch nochmal den Abtreibungsparagraphen erwähnen: ich finde es unmöglich, dass der reformiert wurde, ohne irgendeines der Probleme zu beheben. Es gibt immer noch keine vernünftige Information, weil immer noch ÄrztInnen verklagt werden, wenn sie lediglich erwähnen, dass sie Abtreibungen ohne Narkose durchführen. Das darf nicht sein.

    Und selbst unter Schröder gab es ja etliche Modernisierungen und ich möchte doch schwer hoffen, dass du sie auch erwähnst, bevor die radikalfeministische Hausfrau meckern muss (hab ich jetzt erst erfahren, die Grüne Bundestagsabgeordnete, die sehr für das Verbot der Vergewaltigung in der Ehe eintrat und dafür angegiftet wurde, wurde übrigens von ihrem eigenen Mann ermordet, ist ja schon ewig her, aber hat mich echt erschüttert und nochmal gezeigt, wieviel da noch zu tun ist)
    Und da ist in der Union ja durchaus viel passiert die letzten Jahre, aber die wichtigen Dinge, die so gerne unter den Tisch fallengelassen werden, dafür braucht es eine Regierung ohne die Union)

    Oh und was du nicht erwähnt hast und auch kein Verdienst ist, aber symbolisch wichtig: Er wurde sowohl als Exilant angefeindet, als auch dafür unehelich geboren zu sein.
    Ich weiß zwar nicht, ob das viel dazu beigetragen hat, aber mittlerweile ist die Familienpolitik so modernisiert, dass das ja eigentlich keine Rolle mehr spielt.

    Aber sowas ist wichtig! Ich hab mich damals bei Schulz maßlos darüber aufgeregt, dass seine Befähigung in Zweifel gezogen wurde, weil er „nur“ gelernter Buchhändler ist und kein Abitur/Studium hat. Und der war Führer des europäischen Parlaments! Und dann wundern sich die Leute, dass ich so „radikalisiert“ bin. Ja Mensch, auf die 50er hat ja nun mal auch niemand Bock, die sind vorbei und vergessen.

  • Ariane 3. Mai 2020, 11:54

    Die Änderung des Scheidungsrechts ist auf das Jahr 1977 terminiert, knapp 3 Jahre nach Ende der Kanzlerschaft Willy Brandts. Die entscheidenden gesetzgeberischen Schritte fanden mithin unter seinem Nachfolger Helmut Schmidt statt. Ich fürchte, Du wirst auch in der weiteren Folge so laissez faire mit der Einordnung politischer Erfolge nach Neigung umgehen.

    Nur mal so als Ergänzung einer Hobbyhistorikerin. Das Scheidungsrecht gehört sowohl heute als auch noch mehr damals zu den abgedrehtesten und verrücktesten Rechtsbereichen Deutschlands (wie generell weil patriarchale Strukturen).
    Meine Familie mütterlicherseits pflegt schon sehr sehr lange die Tradition der starken Frauen, die nichts davon hielten in unglücklichen Ehen zu verbleiben. Eine Vorfahrin (wohl schon eher Ureltern-Generation) hat sich scheiden lassen (glaub sogar vor dem 1. WK). Wusste nicht mal, dass das überhaupt möglich war. Und es gab übrigens sehr sehr lange die Regel, dass spätere Kinder (und teils die Ehefrauen) den Namen dann nicht behalten durften, sondern wieder zum ursprünglichen Mädchennamen zurückkehren mussten.

    Ein Großonkel von mir ist auch so ein Hobby-Genealoge und das ist in unserer Familie ein Ding der Unmöglichkeit, weil die Nachnamen schon ständig wechselten (und die der Nachfahren dann auch wieder), da weiß kein Mensch mehr, wer überhaupt welche Generation ist. Blick heute noch nicht, wer davon mein Urgroßvater zb oder der Ururgroßvater war (innerfamiliär heißen die ja nur zb Opa Hanne)
    Ich versuche schon seit Jahren, da genauer durchzublicken und werde berichten, falls ich näheres erfahre 😀

    • Ariane 3. Mai 2020, 11:55

      Korrektur: zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg vermutlich war die Scheidung meiner mir unbekannten Vorfahrin 🙂

    • Stefan Pietsch 3. Mai 2020, 12:33

      Ich fände solche Art der Emanzipation wesentlich glaubwürdiger, hätten nicht Generationen von Frauen auf das alleinige Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder und nicht auf jahrzehntelange Unterhaltszahlungen „zur Sicherung des Lebensstandards aus der Ehe“ beharrt.

      Glaubwürdigkeit zeigt sich auch in der Bereitschaft auf eigenen Verzicht und der Fähigkeit, sich eine unabhängige Existenz aufzubauen. Aber so weit geht der Freiheitsgedanken in SPD-Elternhäusern dann doch nicht. 🙂

      • Ariane 3. Mai 2020, 12:45

        Generationen von Frauen? Willst du mich verarschen? Was meinst du denn, wie sowas in den 1920ern oder 1950ern ablief? Hast du da überhaupt nur die leiseste Ahnung von?

        Frauen waren in solchen Dingen komplett rechtlos. Da gab es keine Sorgerechtsstreitigkeiten, die Männer hatten überhaupt kein Interesse daran, plötzlich alleinerziehender Vater zu sein übrigens. Und die Frauen wollten die Kinder ja nicht aussetzen Gott sei Dank.
        Das war Armut oder unglückliche Ehe und meine Familie hielt scheinbar noch nie viel davon, sich kaufen zu lassen. Ist kein Zufall, dass Kinder seit zig Generationen von Frauen erzogen werden (und nicht nur Mütter in meiner Familiengeschichte). Und Unterhaltszahlungen gibts erst seit 1990 oder sowas, ist zumindest in meiner Family total unbekannt, hat nie eine Frau bekommen und Kindererziehung kostet übrigens Geld und Arbeitszeit, kam in letzter Zeit bisschen zu kurz.

        Tja, wir sind halt lieber arm und frei und lassen uns nicht korrumpieren. Deswegen gehört der Kampf gegen Diktatur und Nazis genauso zur SPD-Tradition.
        Watch your Words Pietschi, wenn du austeilst. Sonst weinst du wieder über gemeine Linke. 😉

        • Ariane 3. Mai 2020, 12:48

          Und ich weiß nur von meinen beiden Großmüttern, dass sie SPD-Mitgliederinnen waren/sind.
          Meine Eltern sind es nicht und sonst weiß ich es von keinem. Glaube nicht, dass sonst noch wer Parteimitglied – zumindest in der SPD ist.

        • Stefan Pietsch 3. Mai 2020, 13:10

          Liebe Ariane, mäßige Deine Sprache. Dein Engagement wie Deine persönliche Betroffenheit rechtfertigt nicht alles. Zur Zivilisation gehört auch, sich mäßigen und begrenzen zu können. Und zivilisierter Umgang ist Dir doch wichtig, oder nicht?

          Frauen, die im Jahr 1920 verheiratet waren, sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit heute tot. Selbst von der Reform im Jahr 1977 dürften sie nicht viel gehabt haben. Wenn Du über die Zustände in den Zwanzigerjahren diskutieren möchtest, ist die Debatte wahrscheinlich auf Stefan begrenzt. Ich kann dazu nichts beitragen.

          Und Unterhaltszahlungen gibts erst seit 1990 oder sowas

          Jetzt liege ich vor Lachen wirklich in der Ecke, sorry. Es ist wieder eine Bestätigung, dass Deine Generation wirklich glaubt, mit Eurer Menschwerdung sei die Erde erschaffen worden. Echt gut, Ariane!

          Nein, Unterhaltszahlungen gibt es schon seit, ja, Ewigkeiten. Seit Ewigkeiten sind sie im Einkommensteuergesetz § 10 und § 33a erwähnt, aber wahrscheinlich nur prophylaktisch, bis eine Ariane und ein Stefan S. auf der Welt auftauchen und erfahren, es könnte auch Unterhalt gezahlt werden.

          Nein, Ariane. Die Unterhaltsleistungen wie Streitigkeiten lebten mit der Reform von 1977 auf. Das ZDF hat dazu auch extra Sendungen, wo Scheidungsfälle aufgerollt wurden. Die Auswüchse, wie Frauen danach Männer ausnahmen, lagen sehr lange bei der Politik. Es war echt absurd. Dass ausgerechnet eine SPD-Politikerin dies in der GroKo in seinem Wesenskern zurückdrehte, gehört zu den Pointen der Geschichte.

          • Ariane 3. Mai 2020, 13:30

            Liebe Ariane, mäßige Deine Sprache. Dein Engagement wie Deine persönliche Betroffenheit rechtfertigt nicht alles. Zur Zivilisation gehört auch, sich mäßigen und begrenzen zu können. Und zivilisierter Umgang ist Dir doch wichtig, oder nicht?

            Aber ja. Ich ziehe aber nicht zurück. Ist dir vielleicht aufgefallen oder auch nicht, dass ich meine Antworten immer an den vorhergehenden Kommentar anpasse.
            Und ich verstehe Beleidigungen auch in hochintellektuell und finde es nicht so lustig, wenn du meine Mutter, meine Oma, irgendwelche unbekannten Vorfahrinnen bezichtigst, sich kaufen zu lassen. Also watch your words, sonst übersetze ich hochintellektuell einfach in normales Deutsch. Und Hurenkind ist auch hochintellektuell eine krasse Beleidigung, Stefan. Auch wenn ich nur eine uneheliche Enkelin bin.

            Du hast ja auch nicht mit Unterhaltsstreitigkeiten angefangen Stefan, sondern mit Sorgerecht. Und Sorgerechtsstreitigkeiten gab es in dem Sinne früher einfach nicht, weil die Frauen da nichts hatten, worauf sie pochen konnten. Ich weiß nicht mal, wie die überhaupt eine Scheidung hinbekommen haben, das war damals ja schon quasi unmöglich.

            Meine Familie war halt in früheren Generationen einfach zu arm, weil Obacht! Es gab auch keine Rechtsschutzversicherungen oder so sozialen Ausgleich für Leute, die sich keinen Anwalt leisten konnten. Das wurde noch ganz erwachsen und friedlich untereinander gelöst. Deswegen spielten Unterhaltszahlungen sowieso keine Rolle.

            Würde mich nicht mal wundern, wenn man da sozusagen noch die Vermittlung irgendwelcher Familienältesten bedurfte. So wurde das nämlich ganz früher geregelt, da war es noch ganz normal, dass Frauen und Kinder Sachwerte waren. So wie in den alten Kulturen woanders auf der Welt immer noch.

            Wenn zb Deutschlands Bundeswehr einen Tanklaster in Afghanistan zerschießt und dabei Zivilisten ums Leben kommen, weißt du, was sie dann machen? Sie gehen zu den Dorfältesten und verhandeln, was sie als Kompensation leisten können. Und da wir heute etwas fortschrittlicher unterwegs sind, bieten wir netterweise eher Ziegen und Kühe an statt Jungfrauen.

            Pietsch vielleicht überlegst du einfach mal kurz, ob junge, linke, emotionale Frauen vielleicht doch gelegentlich wissen, wovon sie reden und nicht einfach nur hirnlos hier irgendwas auftippseln. Dass ich das gerade ständig „beweisen“ muss, nervt mich wirklich. Hab noch besseres zu tun, als deswegen immer so lange Kommentare zu schreiben.

            • Stefan Pietsch 3. Mai 2020, 14:33

              Ich zeichne jetzt extra für Dich nochmal nach, weshalb Du meinst, mit „gleicher Münze“ heimzahlen zu müssen und mir „Verarsche“ unterstellst – eine Wortwahl, die ich unterirdisch finde, mit Verlaub.

              Ich fände solche Art der Emanzipation wesentlich glaubwürdiger, hätten nicht Generationen von Frauen auf das alleinige Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder und nicht auf jahrzehntelange Unterhaltszahlungen „zur Sicherung des Lebensstandards aus der Ehe“ beharrt.

              Wir diskutieren die Auswirkungen der Scheidungsrechtsrechtform von 1977. Folglich bezieht sich meine Wertung auf den Zeitraum 1977 bis 2010.

              Deine Erwiderung:
              Generationen von Frauen? Willst du mich verarschen? Was meinst du denn, wie sowas in den 1920ern oder 1950ern ablief? Hast du da überhaupt nur die leiseste Ahnung von?

              Wie soll ich es anders ausdrücken als dass Du an der Sache völlig vorbeigeschrieben hast? Es ist dabei völlig egal, ob aus persönlicher Betroffenheit oder Engagement für die Sache. Du hast mich regelrecht beschimpft, ohne dass ich in der Wortwahl Dir gleichkomme. Irgendwann ist das grenzwertig, Ariane.

              Und ich verstehe Beleidigungen auch in hochintellektuell und finde es nicht so lustig, wenn du meine Mutter, meine Oma, irgendwelche unbekannten Vorfahrinnen bezichtigst, sich kaufen zu lassen.

              Es bleibt Dein Geheimnis, aus welchen Textpassagen Du das ziehst, zumal ich nicht das geringste von Deiner Mutter, Deiner Oma kenne. Aber Fakt ist, die Reform von 1977 knüpfte Unterhaltsleistungen nicht nur für das gemeinsame Kind, sondern auch für die Frau (und das oft weit über das betreuungspflichtige Alter hinaus) an das Sorgerecht. Die Politik musste in den Folgejahrzehnten immer wieder scharf eingreifen, weil Frauen dieses nicht teilen wollten.

              Bis heute haben sich Frauenverbände erfolgreich dagegen gewehrt, dass Väter mittels DNA-Test ein Anrecht haben, den Beweis über die Vaterschaft zu erhalten. Besteht alleiniges Sorgerecht bei der Frau oder auch gemeinsames Sorgerecht, hat die Mutter immer ein Vetorecht, das nur selten von Gerichten umgangen werden kann.

              Zypries hat sich gegen den Wunsch der Väterlobby gewehrt, Vätern ein Antragsrecht bei Familiengerichten einzuräumen. So können vermeintliche Väter bis heute einen Vaterschaftstest nur dann durchsetzen, wenn zusätzliche Beweise der Unmöglichkeit der Vaterschaft erbracht werden.

              Das sind Fakten, Ariane und keine Beleidigungen. Und ich bitte Dich eindringlich, in Deiner Emotionalität nicht permanent weit übers Ziel hinauszuschießen. Das ist nämlich in den letzten Wochen echt arg geworden. Auf wirklich nichts mehr kannst Du nüchtern reagieren, ob es sich um Rechtsextremismus, Corona-Pandemie oder nur eine Scheidungsrechtsreform von 1977 handelt.

              Das ist echt anstrengend und Du tust auch anderen Kommentatoren Unrecht.

              • Ariane 4. Mai 2020, 15:38

                Ich zitiere mal deinen Kommentar, der mich zu meiner deutlichen Reaktion gebracht hat:
                Ich fände solche Art der Emanzipation wesentlich glaubwürdiger, hätten nicht Generationen von Frauen auf das alleinige Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder und nicht auf jahrzehntelange Unterhaltszahlungen „zur Sicherung des Lebensstandards aus der Ehe“ beharrt.

                Glaubwürdigkeit zeigt sich auch in der Bereitschaft auf eigenen Verzicht und der Fähigkeit, sich eine unabhängige Existenz aufzubauen. Aber so weit geht der Freiheitsgedanken in SPD-Elternhäusern dann doch nicht.

                Und jetzt lies es einfach laut vor und stell dir vor, ich schreibe das über Männer und deine männlichen Vorfahren. Und dann merkst du vielleicht, wie nett ich reagiert hab.

                Werfe einfach weder Frauen pauschal noch meinen unbekannten Vorfahrinnen käufliche Liebe oder Homo ökonomicus vor und ich werde auch nicht deutlich.

                Die korrekte Antwort auf so einen Kommentar wäre das gewesen, was man in Fußballstadien über Hopp oder den BVB singt.

                Mäßige deine Worte oder hör auf dich zu beschweren, wenn du eine entsprechende Antwort erhältst.

                Und ob ich anderen Kommentatoren Unrecht tue oder nicht, sollen die bitte selbst entscheiden. Ich schreib hier lange genug mit und wenn jemand Probleme mit meinem Stil hat, soll der mir das bitte selbst sagen.

                Also ist mir egal. Watch your words oder heul nicht, wenn jemand genauso antwortet. Aber wer meint, er liebt englische Debattenkultur kann nicht nur austeilen und dann nicht einstecken. Und ich bin ja keine Hochintellektuelle, sondern nur Hobbynerd und so schreibe ich hier nun mal auch. Wüsste nicht, dass das nicht erlaubt ist. Ich will diskutieren und mir keine Predigten von Welterklärern anhören, das hab ich wohl sogar irgendwo hier verbloggt meine ich.

                • Stefan Pietsch 4. Mai 2020, 15:48

                  Da steht weder was von Dir noch dass Frauen käuflich wären. Da steht übersetzt, dass auch Frauen bei Sachen wie Trennung ökonomisch handeln. So wie Männer, wenn sie Eheverträge aushandeln. Davon würde ich mich nie beleidigt fühlen.

                  Körperliche Gewalt ist zum Großteil männlich. Sexualdelikte werden im wesentlichen von Männern begangen. Alles legitime Feststellungen. Nicht legitim ist, daraus zu formulieren, alle Männer seien potentielle Vergewaltiger.

                  Verstehst Du den Unterschied? Denn erst wenn Du den Unterschied verstehst, wirst Du die Dinge differenzierter betrachten können, ohne bei jedem abweichenden Kommentar gleich an die Decke zu gehen.

                  • Ariane 4. Mai 2020, 16:03

                    Ich hab noch nie irgendetwas über alle Männer geschrieben. Im Gegensatz zu Leuten, die ständig etwas über Generationen von allen Frauen oder alle Linken schreiben.

                    Und für mich ist es eigentlich Konsens, dass jeder Mensch möglichst ein angenehmes, friedliches Leben führen will.

                    Dazu gehört auch Geld, du erwähnst doch so oft die wirtschaftliche Existenznot. Überleg mal, wie das als alleinerziehender Vater von kleinen Kindern wäre. Braucht man da nicht Geld und Zeit? Wäre mir neu.

              • Ariane 4. Mai 2020, 16:01

                Ergänzung: Wir diskutieren die Auswirkungen der Scheidungsrechtsrechtform von 1977. Folglich bezieht sich meine Wertung auf den Zeitraum 1977 bis 2010.

                „Wir“ diskutieren hier gar nichts. Ich habe einen Absatz von dir zitiert, um einfach mal zu erzählen, dass das Scheidungsrecht schon immer sehr kompliziert war und weil ich es spannend fand, als ich erfahren habe, dass eine (mir völlig unbekannte) Vorfahrin sich vor dem 2. Weltkrieg scheiden ließ.

                Ich wusste nicht mal, dass das überhaupt möglich war, hatte danach bisschen gegooglet, wie sowas lief. Das weiß Sassestefan aber bestimmt besser. Und bei dieser Frau (die ich nicht kenne/kannte) vermute ich, dass das eher per Familienverhandlung ablief, weil das früher so gemacht wurde bei solchen Problemen.

                Daraufhin erzähltest du, dass Generationen von Frauen einfach nur Kohle haben wollen und hast was von SPD-Elternhäusern erzählt.

                Also entweder diskutieren wir ernsthaft und zwar so, dass du meine Kommentare auch wirklich liest. Oder ich werde unfreundlich und du weinst.

                Und wo ist überhaupt der Sassestefan: Weißt du Genaueres über Scheidungsrecht zwischen den Weltkriegen? Eigentlich ein spannendes Thema, das Familienrecht ist vermutlich der Bereich, der am häufigsten im Laufe der Generationen verändert wurde.

                • Stefan Sasse 4. Mai 2020, 17:05

                  Du hattest damals das Schuldpinzip. D.h. jemand musste schuld am Ende der Ehe sein, und derjenige war dann unterhaltspflichtig bzw. hat halt nix gekriegt. Da es nur wenige Gründe gab, die du dem Partner nachweisen konntest (vor allem Untreue oder mangelnde Erfüllung der ehelichen Pflichten, und ja, das heißt wenn Frauen keine Lust auf Sex hatten), bedeutete Scheidung für die Frauen (die den Löwenanteil der Scheidungen einreichten) dass sie die Schuld auf sich nehmen mussten und damit keine Rechte mehr hatten von heute auch nachher. Zusammen mit der massiven Diskriminierung im Wirtschafts- und Rechtsleben war das eine sehr hohe Hürde, die erst 1977 genommen wurde.

                  • Stefan Pietsch 4. Mai 2020, 19:06

                    Das war ohne Zweifel richtig. Nur wie so oft überziehen die Deutschen eine im Grunde richtige Reform. In den folgenden Jahrzehnten wurden die Familiengerichte mit unendlichen Unterhaltsstreitigkeiten überzogen. So wurde die ursprüngliche Regel, die dem unterhaltsberechtigten Ex-Partner einen langjährigen Ausgleich zur Haltung des erworbenen Lebensstandards gewährte, Schritt für Schritt von den Gerichten etwas eingeschränkt. Zum Schluss galt die Regel, Unterhaltsanspruch höchstens so lange, wie die Ehe gedauert hatte.

                    Das Sorgerecht für das gemeinsame Kind war nach den Regeln bares Geld wert: Ursprünglich hatte der Ex-Partner, fast ausschließlich die Frau, bei einem 2-jährigen Kind vollen Unterhaltsanspruch bis zum 14 Lebensjahr, ggf. mit zum 18. Lebensjahr. Da sie danach kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatte, lief der Unterhaltsanspruch nicht selten weiter.

                    Zypries hat dies radikal eingeschränkt und aus meiner Sicht wieder übers Ziel hinausgeschossen. Aber, never ending story.

                  • Ariane 5. Mai 2020, 01:32

                    Ah danke. Ja ich meine normalerweise lassen Menschen Kinder ja nicht unbedingt verhungern. Also eine Scheidung war zwar extrem unüblich, aber bei armen Bauern hat man sich dann meist ja irgendwie geeinigt. In den Kriegen oder auch wegen Vertreibungen oder anderen Katastrophen wurden viele Kinder ja einfach inoffiziell von anderen Familien adoptiert. Das ist halt sozusagen der „Vorteil“ wenn man arm und eher rechtlos ist.

                    @Pietschi

                    Könnte natürlich sein, dass die Männer erst anfingen sich zu beschweren als mehr Frauen sich AnwältInnen leisten konnten. Komischerweise hat sich das mit den alleinerziehenden Vätern ja nicht so durchgesetzt. Das Recht gilt ja durchaus für alle Geschlechter und ich meine heutzutage wird immer automatisch geteiltes Sorgerecht vergeben, wenn nix Gravierendes vorliegt.

                    Tja. Und jetzt denken wir mal scharf nach, ob wir hier ein Rechtsproblem vorliegen haben oder Frauen die Geld wollen oder ganz ganz vielleicht Männer, die gar nicht soviel Bock auf Kindererziehung haben, wenn sie den Löwenanteil daran übernehmen sollen. Solls ja geben, sogar mit Statistiken und so Zahlen. 😉

                    • Stefan Sasse 5. Mai 2020, 09:12

                      Ich hab da so einen Verdacht… ^^

                    • Stefan Pietsch 5. Mai 2020, 10:18

                      „Frauen, deren Ehen später geschieden werden, weisen unabhängig vom sonstigen Familieneinkommen und dem eigenen Lohnsatz eine stärkere Erwerbsorientierung auf, die sich in höheren Partizipationsraten oder auch längeren Arbeitszeiten dokumentieren kann, als Frauen in stabilen Ehen“. Es wird vermutet, daß die hohe Erwerbsbeteiligung eine Reaktion der Frauen auf allgemein steigende Scheidungsrisiken ist: „Wenn die Institution ‚Familie‘ keine dauerhafte ökonomische Sicherheit mehr bieten kann, wächst die Bereitschaft zu alternativen Strategien individueller Absicherung. Für Frauen der Unter- und Mittelschicht sind dies in erster Linie Humankapitalinvestitionen und eine nach Möglichkeit kontinuierliche Erwerbskarriere“. (..)

                      Die Aktenanalysen Gieseckes (1987) zeigen zudem, daß geschiedene Männer im Durchschnitt geringere potentielle Einkommen erzielen können als verheiratete Männer in stabilen Ehen und daß geschiedene Männer bis zum Zeitpunkt der Scheidung in geringerem Umfang Humankapital in Form von Berufserfahrung akkumuliert haben als vergleichbare verheiratete Männer. Ihr Haushaltseinkommen vor der Scheidung wird quasi erst durch entsprechend höhere Einkommen der Frauen an das Einkommensniveau in stabilen Ehen angeglichen. Das läßt vermuten, daß sie ihre wirtschaftliche Lage nach der Scheidung, wenn überhaupt, dann dadurch verbessern, daß sie von ihren Einkommen ihre Ex-Partnerin und Kinder nur noch teilweise ernähren müssen. Dies würde auch die häufig beklagte mangelnde wirtschaftliche Leistungsfähigkeit geschiedener Männer erklären. (..)
                      https://www.bmfsfj.de/blob/95002/e0112611b7584a890828ade459a900d6/prm-24445-sr-band-180-data.pdf

                      Oder ein Leiturteil noch nach dem alten Unterhaltsrecht:
                      Nach einem Urteil des BGH vom 17.02.2010 – XII ZR 140/08 beschränkt sich § 1578 b BGB nicht nur auf die Kompensation ehebedingter Nachteile, sondern berücksichtigt auch eine darüber hinausgehende nacheheliche Solidarität. Zudem kann beim Krankheitsunterhalt nur auf das Einkommen abgestellt werden, das der Unterhaltsberechtigte ohne die Ehe und Kindererziehung im Falle seiner Krankheit zur Verfügung hätte. Aus dem Begriff der Angemessenheit folgt aber zugleich, dass der nach § 1578 b BGB herabgesetzte Unterhaltsbedarf jedenfalls das Existenzminimum des Unterhaltsberechtigten erreichen muss.
                      https://www.ehescheidung24.de/ratgeber/nacheheliche_solidarität_und_befristung_des_unterhalts__bgh-305.html

                      Zahlen bis zum Tod, hieß es damals im Zweifel noch.

                      Oder, auch interessant:
                      In England ist der nacheheliche Unterhalt früher einmal als ‚meal ticket for life‚ kritisiert worden. (..) [gefällt mir]
                      https://www.ejcl.org/83/art83-3.html#parC24

                      Gemäß den Regeln des BGBs waren Unterhaltsansprüche in Deutschland vom Gesetzgeber weithin unbegrenzt gestaltet. Dies änderte sich wie gesagt erst nach 2010.

                      Interessanterweise sinkt die Zahl der Scheidungen in Deutschland mit dem Inkrafttreten der neuen Unterhaltsregeln gravierend. Nach den Spitzenwerten in den Jahren 2010 und 2011 mit knapp 188.000 Scheidungen sind wir trotz hoher Bevölkerungszahl bei 148.000 Scheidungen angekommen. Wahrscheinlich aber reiner Zufall.
                      https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1325/umfrage/ehescheidungen-in-deutschland/

                    • Ariane 6. Mai 2020, 03:10

                      Ja. Ich kenne die Rechtslage, vermutlich besser als du, weil ich ja gelegentlich mit Leuten rede und Erfahrungen austausche. Und ich bin im Club der Scheidungskinder. Da kommen nur Leute rein, die genau wissen, was für Verwerfungen Trennungen anrichten.

                      Und die Frage, warum denn Männer das ganze nicht ausgenutzt haben und sich einfach das Kind/die Kinder geschnappt haben und sich einen faulen Lenz mit dem Unterhalt gemacht haben, hast du nicht beantwortet. Kannst ja mal kurz überlegen, wie das so in der Praxis läuft mit ausreichendem Vollzeitverdienst, wenn man ein oder mehrere Kinder hat.

                      Vielleicht findest du noch heraus, dass das nicht ganz soviel mit dem jeweiligen Familienrecht zu tun hat, sondern mehr mit der Realität.

                    • Stefan Pietsch 6. Mai 2020, 10:32

                      Können wir uns zum Schluss auf ein paar Kernpunkte einigen, die schon am Anfang standen. Die Scheidungsrechtsreform hat im Zuge des Unterhaltsrechts Trennungen nicht mehr als ökonomischen Schaden erscheinen lassen (was in Summe nicht den späteren Fakten entsprach). Es war für Frauen ökonomisch so sinnvoll, sich das (alleinige) Sorgerecht und die damit verbundenen Unterhaltsansprüche auch für sich selbst zu sichern wie es für Männer wichtiger wurde, genau dies zu verhindern.

                      Sich nach ökonomischen Anreizen zu richten, macht Menschen noch lange nicht käuflich. Das ist ein Bild, das wir schnellstens streichen sollten. Aber weder sind Frauen durch die Bank selbstlos noch Männer grundsätzlich egoistisch. Dieses Bild sollte nun wirklich ausgedient haben.

                      Der Rückgang der Scheidungen binnen weniger Jahre nach einer Unterhaltsrechtsreform ist wirklich frappierend, zumal sich heute weit mehr ältere Menschen scheiden lassen und damit er eine weitere Zunahme erwartbar wäre. Gerade der starke und kontinuierliche Anstieg der Scheidungsraten nach 1977 und der nun konstatierte Abfall nach 2010 legen nahe, dass das Unterhaltsrecht Fehlanreize gesetzt hat, die weit in das Persönliche und Familiäre hineinragen.

                      Wahrscheinlich haben sich viele Menschen scheiden lassen, die nie hätten heiraten dürfen. Dennoch bleiben Scheidungen eines der größten familiären Dramen, dessen Leidtragende vor allem diejenigen sind, die am wenigsten dafür können: die Kinder. Ich finde, man kann von Erwachsenen durchaus verlangen und erwarten, sich solche langfristigen Entscheidungen nicht leicht zu machen und sich nicht schon zu trennen, wenn man unterschiedlicher Ansicht ist. Es gibt nunmal kaum Menschen, mit denen wir völlig ohne Konflikte zusammenleben können.

                    • Ariane 6. Mai 2020, 13:10

                      Können wir uns zum Schluss auf ein paar Kernpunkte einigen, die schon am Anfang standen. Die Scheidungsrechtsreform hat im Zuge des Unterhaltsrechts Trennungen nicht mehr als ökonomischen Schaden erscheinen lassen

                      Scheinbar nicht. Denn ich finde, dein Problem ist, dass Du Scheidungen und Unterhaltspflichten und Sorgerecht einfach zusammenwürfelst.

                      Das ist aber Quatsch, das Scheidungsrecht ist uralt, das gab es immer, sogar schon im römischen Reich. Man erinnere sich nur an das Drama um Henry den VIII, der hat eine ganze Generation Rechtsgelehrter verschlissen. In Dynastien spielte das immer eine extreme Rolle, weil man ja Nachfolger brauchte.

                      Der ganze Kram mit Unterhalt oder gar Kindern kam viel viel später, das wurde unter der Hand geregelt und erst in neuester Zeit wurde angefangen, das juristisch irgendwie mal zu vereinheitlichen. Dummerweise passieren die Veränderungen aber so schnell, dass kein Gesetzgeber da mithalten kann. Und das wurde immer von Männern entschieden. Man könnte lange darüber diskutieren, ob die Probleme nicht damit anfingen, dass Männer sich aus der Rolle des Gemeinwohls bzw kleiner gedacht Familienversorgers verabschiedet haben.
                      Es ist heute zumindest Konsens, dass man Kinder nicht darben lässt für beide Geschlechter und dafür braucht es Regeln.
                      Oder die Männer weinen halt, weil Frauen und moderne Menschen sich immer so empören, wenn die Kleinen nichts mehr zum Essen haben und nicht in den Sportverein.

                      Wahrscheinlich haben sich viele Menschen scheiden lassen, die nie hätten heiraten dürfen.

                      Ähem, mit deinem historischen Nerdtum ist es nicht weit her oder? Die Idee einer gut überlegten Liebesheirat ist extrem neu, bzw folgt auch heute noch oft der Notwendigkeit, weil Kinder nun mal Zeit und Geld kosten. Es heißt nicht umsonst, man braucht ein ganzes Dorf, um Kinder zu erziehen. Das ist auch heute noch so, nur dass das „Dorf“ sich geändert hat.

                      Wer meint, Scheidungen/Trennungen wären hier irgendwie das Grundproblem, sollte sich wirklich mal hinterfragen und ganz vielleicht mal offen ein paar Mitglieder des Clubs der Scheidungsopfer befragen. Unglückliche Partnerschaften sind nämlich vor allem eins: unglücklich.

                    • Stefan Pietsch 6. Mai 2020, 15:31

                      Denn ich finde, dein Problem ist, dass Du Scheidungen und Unterhaltspflichten und Sorgerecht einfach zusammenwürfelst.

                      Dein Problem ist, dass Du das meinst säuberlich trennen zu müssen. Die Fakten geben Dir dabei nicht recht. Es geht zudem nicht um den Kindesunterhalt, sondern den Unterhalt für die Mutter. Das Sorgerecht und der Anspruch auf nachehelichen Unterhalt waren eng verknüpft. Entweder Du siehst dies als richtig und auch dem Umfange nach gerechtfertigt an. Dann passt jedoch Deine oben stehende Kritik nicht. Oder Du siehst das wirklich getrennt, dann ist Dein bisheriges Eintreten für nachehelichen Unterhalt unverständlich. Bruch in der Logik, Ariane.

                      Wer sich scheiden lassen will, sollte die Bereitschaft mitbringen, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, und das ist eben auch finanziell gemeint. Eine Trennung zu Lasten des Kontos des Ex-Partners vorzunehmen, mag für den ein oder anderen gerechtfertigt erscheinen, souverän ist es nicht.

                      Dies hast Du mir zu Beginn vorgeworfen, aber bisher konntest Du mich keinen Deut überzeugen, dass Emanzipation nicht mit finanzieller Selbständigkeit Hand in Hand gehen müsse.

                      Ich diskutiere mit Dir nicht an dieser Stelle, ob sich Väter oft ihren Verpflichtungen entzogen haben. Denn darum ging es explizit nicht. Fakt ist, dass die Gerichte selbst dann pro Frau geurteilt haben, wenn auf der anderen Seite ein Vorzeigeexemplar von Vater stand.

                      Leider sagst Du kein Wort dazu, dass die Fakten nicht auf Deiner Seite sind. Die Rechtslage kennst Du angeblich, aber das bleibt ohne Konsequenz auf Dein Denken. Und die Statistik kennst Du spätestens ab jetzt auch, aber Ariane kann ja daran vorbeiargumentieren.

                      Das beste Elternhaus ist eins ohne Scheidung. Nur wenigen Kindern wird es vergönnt sein, ohne Streit der Eltern aufzuwachsen, das liegt nunmal in der Natur der Sache. Nicht in der Natur der Sache liegt, dass Streit, auch regelmäßiger, zur Trennung von Eltern führen muss. Von Erwachsenen kann man verlangen, dass sie sich für eine höhere Sache, die Sorge um das gemeinsame Kind, zusammenraufen. Es war ihre Entscheidung, Nachwuchs zu bekommen, dann sollen sie sich gefälligst der Verantwortung würdig erweisen.

                      Dass man Paare nicht um jeden Preis zusammenhalten sollte, ist ein laissez faires. Wer sich als Elternpaar trennt, geht ein sehr hohes Risiko, sein Kind auf Dauer in dessen Chancen, Zufriedenheit und Lebensglück dauerhaft bis weit ins Erwachsensein zu schädigen. Das ist purer Egoismus.

                      Studien zeigen, dass selbst ein Elternhaus mit Streit der Eltern für die Lebenschancen besser ist als alleinerziehend oder Patch-Work-Konzeptionen. Einfach auf die Wissenschaft hören…

                    • Ariane 6. Mai 2020, 19:13

                      Danke für die Weltaufklärung.

                      Ich möchte noch einmal daran erinnern, dass ich diesen Strang mit der simplen Erzählung eröffnet habe, dass sich das Scheidungsrecht stark verändert hat und dass ich eine Vorfahrin hab, die sich sogar vor dem zweiten Weltkrieg hat scheiden lassen.

                      Du hast das Unterhaltsrecht und Sorgerecht und Generationen von Frauen, die damit Geld machen wollen, ins Spiel gebracht.

                      Ich habe kein Wort davon gesagt, sondern erwähnt, dass Kinder nun mal Geld und Zeit kosten und dass wohl niemand vorhat, Kinder verhungern zu lassen.
                      Ich verstehe nicht ganz, wieso daraus eine Moraldebatte über Frauen wurde, die nicht brav bei ihrem Ehemann bleiben und sich selbst und Kinder gefälligst alleine durchzubringen haben.

                      Ich habe diese Moralisierungsdebatte nicht angefangen und werde erst recht nicht mit dir diskutieren, ob Trennungen ein Problem sind oder unglückliche Beziehungen. Das soll jeder für sich selbst entscheiden.
                      Ich für mich persönlich vermeide es, mich in anderer Leute Dinge einzumischen und hypermoralisierend darüber zu predigen.

  • Lemmy Caution 3. Mai 2020, 20:40

    Ich sehe Brandt auch nicht auf Position 2.
    Eher Helmut Schmidt. Der war über Fraktionsgrenzen hinweg eine Respektsperson.
    Schon in den 60ern gabs den Bafög Vorläufer Honnefer Modell. Das hat meinem Vater sein Studium finanziert. Sein Vater war Hafenarbeiter auf einem Kran.
    Die Neue Ostpolitik sehe ich eindeutig Teamarbeit von Leuten wie Wehner, Teilen der FDP und weit vor allen anderen Egon Bahr. Sehr bewegend natürlich seine Geste in Warschau. Aber ich werte bei Politikern langen Atem und Konsequenz wesentlich höher als große Gesten.
    Wie Stefan schon sagte, leistete sich Brandt Depressions-Tage. Unrühmlich vor allem sein Fall. Die engsten Vertrauten haben in quasi als Lockvogel für einen Ostspion benutzt.
    In gewisser Weise war er auch ein Schönwetter-Kanzler. Die Konjunktur lief gut von 69 bis zur Ölkrise. Hab gehört, dass damals das Vertrauen in die Prioritäten seiner Kanzlerschaft in der Bevölkerung deutlich sank.
    Auf der anderen Seite haben vermutlich weniger Verdiener nie dermaßen hohe Gehaltszuwächse erhalten haben wie in diesen Jahren. Sagt zumindest mein Vater, der die Bankbelege meine Großvaters nach dessen Tod mit buchhalterischen Eifer komplett studiert hat.
    Das Ende seiner Kanzlerschaft ist eines meiner frühesten Kindheitserinnerungen. Ich konnte es nicht verstehen, wie die höchste Person im Land einfach so auf Druck abtreten konnte.

  • Stefan Pietsch 3. Mai 2020, 21:21

    Unrühmlich vor allem sein Fall.

    Das ist durchaus ein Punkt für mich: Alle Kanzler nach Brandt gingen mit Haltung. Schmidt übergab trotz der persönlichen Schmach der Abwahl im Deutschen Bundestag das Amt aufrecht. Kohl und Schröder ließen sich vom Souverän, von dem alle Macht kommt, abwählen. Nur Brandt kapitulierte, weil der die Last nicht mehr tragen wollte. Auf die Schnelle musste die Nachfolge geregelt werden („Helmut, Du musst es machen.“).

    Nicht nur der Beginn einer Ära, auch deren Ende muss in solche Wertungen einfließen. Zudem, was eben auch ein Geschmäckle hat, zog sich Brandt, obwohl ein Stück gebrochen, danach nicht zurück, sondern war immer ein Gestaltungsfaktor gegen seinen eigenen Kanzler und Nachfolger.

    • Hias 3. Mai 2020, 21:43

      Das ist durchaus ein Punkt für mich: Alle Kanzler nach Brandt gingen mit Haltung. Schmidt übergab trotz der persönlichen Schmach der Abwahl im Deutschen Bundestag das Amt aufrecht. Kohl und Schröder ließen sich vom Souverän, von dem alle Macht kommt, abwählen. Nur Brandt kapitulierte, weil der die Last nicht mehr tragen wollte. Auf die Schnelle musste die Nachfolge geregelt werden („Helmut, Du musst es machen.“).

      Ernsthaft? Ja, Schmidt hat bis zum Schluss Haltung bewahrt und Kohl gratuliert. Aber Kohl, der am Schluß wie jemand wirkte, der einfach nur am falschen Ort war? Und der Auftritt Schröders in der Elefantenrunde?

      • Stefan Pietsch 3. Mai 2020, 21:57

        Schröder hat die Entscheidung über seine Kanzlerschaft herbeigeführt, nicht erduldet. Er hat mit offenem Visier gekämpft, nachdem ihm die innerparteilichen Truppen von der Fahne gegangen waren und sich Teile der SPD in offener Rebellion gegen seine Kanzlerschaft befanden.

        Man kann sagen, es war vielleicht übereilt. Oder, Schröder war eben ein Spieler. In jedem Fall war es mutig und offen. Der Auftritt in der Elefantenrunde aus Enttäuschung, nach einem kräftezehrenden Kampf verloren zu haben, ändert an diesem Bild nichts. Das Amt es Kanzlers schmeißt man nicht weg.

        Kohl hat die Situation falsch eingeschätzt. Aber er hat nicht kapituliert wie Brandt. Und er hat dann am Wahlabend die ohnehin deutliche Niederlage sofort eingeräumt.

        Es gibt viele Formen des stilvollen Abgangs. Das Amt wegzuwerfen gehört nicht dazu.

        • Stefan Sasse 3. Mai 2020, 22:05

          Das ist deine Meinung, die darfst du ja gerne haben. Aber Stilfragen spielen hier für mich echt nicht so die Rolle. Das sind mir zu weiche Faktoren.

        • Lemmy Caution 3. Mai 2020, 22:31

          Ich fand die Elefantenrunde damals ziemlich erschreckend bezüglich der Klebrigkeit des Amtes.
          https://www.youtube.com/watch?v=hS3Vw-H_hCA
          Allen wirklich langjährigen Kanzlern ist der Rücktritt schwer gefallen. Das fing mit dem 87 jährigen Adenauer an.

          • Stefan Sasse 3. Mai 2020, 22:34

            Nachvollziehbar. Das würde ich denen auch nicht vorwerfen.

          • Ariane 4. Mai 2020, 16:11

            Merkel wollte das ja anders machen und das ging total in die Hose, wüsste auch nicht, wie ich sowas regeln sollte. Wenn ich nur paar Tage wegfahre, bekommt mein Katzensitter schon genaue Anweisungen. Aber mittlerweile ist er schon geübt, muss ich nicht mehr soviel reden 🙂

            2005 war ja meine erste Wahl und ich erinnere mich noch, wie ich mit der Familie die ganze Zeit mit offenem Mund diese merkwürdige Debatte verfolgt hab und niemand so recht schlau draus wurde. Taktisch wars vielleicht gar nicht so dumm, sich einfach zum Sieger zu erklären, glaub die SPD hat dann auch ganz gut verhandelt später.

            Typisch Schröder irgendwie, gute Instinkte und dann steht ihm sein Ego so im Weg, dass er das alles wieder zerdeppert. Und das macht Merkel halt umgekehrt, die wartet einfach bis allen mal auffällt, was für Alphamännchen da unterwegs sind. Und ja, ich finde das bewundernswert und kann die Problematik als Frau sehr gut nachvollziehen.

            • Ralf 4. Mai 2020, 16:22

              Taktisch wars vielleicht gar nicht so dumm, sich einfach zum Sieger zu erklären, glaub die SPD hat dann auch ganz gut verhandelt später.

              Naja, dass die SPD bei den Verhandlungen einiges rausholen konnte, liegt wohl eher daran, dass die beiden Volksparteien fast gleichauf lagen bei der Wahl, nicht weil Schröder angetrunken im Studio rumpöbelte.

              • Ariane 4. Mai 2020, 16:35

                Taktik find ich nicht unwichtig, ist oft wichtiger als die Prozentzahlen und die Sitzverteilung. Siehe die geplatzten Jamaika-Verhandlungen. Wäre Lindner nicht weggelaufen, hätten zumindest die Grünen glaub ich ganz gut was aus ihren Prozentzahlen rausgeholt.

                Dass die SPD in der Außendarstellung einfach nur grottenschlecht ist, sehe ich mittlerweile als Konsens an. Wenn man hier zu Willy Brandt liest, will man ja am liebsten selbst angetrunken herumpöbeln 😀

              • Stefan Sasse 4. Mai 2020, 17:07

                Es gab für Merkel nur die GroKo. Neuwahlen wären für sie das Aus gewesen.

            • Stefan Sasse 4. Mai 2020, 17:07

              Die vorgezogene Wahl 2005 ist in etwa so gut erklärlich wie Hitlers Kriegserklärung an die USA 😀

              • Dennis 4. Mai 2020, 20:40

                Zitat:
                „Die vorgezogene Wahl 2005 ist in etwa so gut erklärlich wie Hitlers Kriegserklärung an die USA “

                Als selbsternannter Küchenpsychologe sag ich mal so:

                Das Spiel ist aus. Jetzt wird alles auf eine Karte gesetzt. Im Wahlkampf gibt’s noch mal ne Riesengaudi und da ich da unschlagbar gut bin und mir das außerdem mordsmäßig Spaß macht, klappt’s ja vielleicht tatsächlich. Jetzt zeig ich’s denen noch mal. Die lächerliche Tante Merkel wird sich umgucken.

                So ähnlich, oder ?

                Mit „denen“ sind natürlich auch die eigenen Leute, namentlich in der Fraktion, gemeint, die zahlreich von der Fahne gegangen sind, aber wenn gesiegt wird kommen die schon wieder zurück.

                Es hat am Ende ein kleines Quäntchen Glück gefehlt. Dass man da in der Talgschau ausfällig wird – nu ja, Buben sind nu mal so.

        • Hias 3. Mai 2020, 23:40

          Schröder hat die Entscheidung über seine Kanzlerschaft herbeigeführt, nicht erduldet.

          Ja, und deswegen währte seine Kanzlerschaft nur 7 Jahre und die von Merkel 16 Jahren. Es war ein Blödsinn, die Wahl um ein Jahr vorzuschieben. Die reguläre Wahl hätte direkt nach der WM im eigenen Land stattgefunden. Das wäre für ihn ein Heimspiel geworden.

          Er hat mit offenem Visier gekämpft, nachdem ihm die innerparteilichen Truppen von der Fahne gegangen waren und sich Teile der SPD in offener Rebellion gegen seine Kanzlerschaft befanden.
          Ja, so kann man es auch nennen, wenn die eigene Partei dank ihres Kanzlers nach fast 40 Jahren die Macht in NRW verliert.

          Fakt ist, beide haben ihre Parteien als rauchende Trümmer hinterlassen, nachdem sie eigentlich schon hätten gehen sollen bzw. einen Machtübergang an einen Nachfolger in die Wege hätten leiten sollen. So waren sie wie zwei halbblinde alternde Revolverhelden, die den großen Abgang gesucht haben.

          Brandt hatte keinen stilvollen Abgang, das stimmt. Aber das ist auch kein Kunststück, wenn der eigene Geheimdienst einen Spion übersieht und dann den Kanzler als Köder mißbraucht. Und nach Flucht nach Skandinavien mit Exil in Nrowegen und Schweden, Rückkehr in ein Land, das ihn ausgebürgert hat, regierender Bürgermeister während des Mauerbaus, heftigen Anfeindungen (weil unehelich geboren) in den Wahlkämpfen und einem kräftezehrenden Kampf um seine neue Ostpolitik, da darf einem schon die Kraft ausgehen.

          • Ariane 4. Mai 2020, 16:20

            Danke Zustimmung erstmal.

            Ja, und deswegen währte seine Kanzlerschaft nur 7 Jahre und die von Merkel 16 Jahren. Es war ein Blödsinn, die Wahl um ein Jahr vorzuschieben. Die reguläre Wahl hätte direkt nach der WM im eigenen Land stattgefunden. Das wäre für ihn ein Heimspiel geworden.

            Ich häng ja hinterher, scheinbar haben nur Männer grad Langeweile 😉
            In den Debatten damals wurde oft seine Spielernatur und Risikobereitschaft gelobt, aber es war eigentlich dämlich. Aber er hats ähnlich gemacht wie Merkel und zwischendurch den Parteivorsitz abgegeben (an Müntefering?)

            Ich hatte schon oft das Gefühl, dass Merkel versucht, sich da was abzugucken. Und da sie die Dinge vom Ende her denkt, überlegt sie bestimmt, wie sie aus der Nummer rauskommt ohne dass Deutschland oder die Union erstmal im Chaos versinken.

            Öhm. Klappt ja mal so gar nicht. Selbst ohne die Pandemie. 😉
            Sie ist halt mehr ein Schmidt, Scholz, Steinbrück -> preußisch norddeutsch halt.
            Nur in der CDU und da gelten ganz andere Regeln als in der SPD. Wenn sich da jetzt nicht radikal etwas verschiebt, bekommt die Union einen so extremen Backlash, dass mir Angst und Bange wird. Eine SPD würde sich dann sofort spalten, aber rechts der Mitte macht man das nicht. Sieht man ja auch an den Diskussionen hier, wir wünschen uns plötzlich alle den Söder, wenn die Union in der Regierung bleibt.

            Also: egal wielange man KanzerIn war, das ist immer schwierig, zu gehen ohne dass Chaos ausgelöst wird.

      • Stefan Sasse 3. Mai 2020, 22:04

        Ich sehe diesen Qualitätsverfall auch nicht.

  • Hias 3. Mai 2020, 22:01

    Zunächst mal Gratulation zu der Serie! Ist toll gemacht!
    Mit dem Ranking gehe ich bislang auch mit, interessant wird es mit Rang 4.

    Willy Brandt ist wahrscheinlich von allen Kanzlern am schwierigsten zu fassen, weil seine Reformpolitik viele Väter hatte und aus vielen Kanälen kam um dann in der Sozialliberalen Koalition zum Durchbruch zu kommen. Anders als bei Kohl oder Adenauer, wo man die einzelnen Politikentscheidungen direkt dem jeweiligen Kanzler zuordnen konnte, ist das bei Brandt nicht so einfach,

    Ich denke einfach, sein wichtigster Verdienst ist, dass mit ihm viele Deutsche emotional erst so richtig in der neuen Demokratie angekommen sind. Ein erster friedlicher Wechsel, das Versprechen mehr Demokratie zu wagen und die vielen Reformen die folgten, dazu ein Kanzler, der mit seiner Biographie (unehelich, Exilant) und seinem Auftreten ganz anders war als seine Vorgänger. Das alles gipfelte meines Erachtens in der Bundestagswahl 1972, die eigentlich eine Volksabstimmung darüber war, welchen Kurs dieses Land einschlagen sollte, was dann auch relativ deutlich mit einer Wahlbeteiligung von über 90% beantwortet wurde. Danach konnte es für ihn nur noch bergab gehen.

    • Stefan Sasse 3. Mai 2020, 22:05

      Ja, da bin ich bei dir.

    • Ariane 4. Mai 2020, 16:32

      Zustimmung und Danke.

      Ich glaub auch, er hatte eigentlich den größten Impact so. Zumindest für meine Vorfahren. Gut meine Großmütter waren auch noch SPD-Mitglieder, aber keine Politikerinnen. Meine Oma aus Bayern war zb hauptsächlich in der AWO engagiert und weiß ich nicht, aber bei meiner anderen Oma eher Tradition, weil sie ja auch Fabrikarbeiterin war.

      Und ich denke, so ehrlich muss man eben sein. Ich hab ja nun echt keine ungewöhnliche Familiengeschichte, sondern vermutlich ziemlich genau so eine typische Durchschnittsbiographie. Zumindest für die BRD, nicht dieses Blogdings des Bildungsbürgertums^^
      Und hätten wir einfach immer nur CDUler weiterhin an der Macht gehabt, wäre das meiner Meinung nach nicht so passiert, dann wäre meine Familie auch drei Generationen später noch arm, ungebildet und ein bisschen „rechtlos“ geblieben.

      Und ich glaube, die Erfahrungen die Willy Brandt im Gegensatz zu Helmut Schmidt (sry Hamburger Bonze) gemacht hat, spielen da auch eine große Rolle. Ist schade, dass das meiste davon so in Vergessenheit geraten ist. Vor allem in der SPD, die wurde einfach von den Hamburger Bonzen übernommen und die Nachfahren stehen dumm da und wissen nicht mehr, was sie wählen sollen^^

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