Bücherliste September 2019

Dies ist der erste einer monatlichen Serie von Posts, in denen ich die Bücher bespreche, die ich in diesem Monat gelesen habe. Je nachdem wie sich das einpflegt werde auch auch auf andere Medien und Formate eingehen, die ich als relevant empfinde. Vorerst ist das Verfahren experimentell, bitte gebt mir daher entsprechend Feedback! Diesen Monat: Scheidepunkt der Weltwirtschaftskrise 1931, die Geschichte Batmans, Ideengeschichte des Christentums, Geschichte der Infrastruktur, eine Einführung in OneNote, Hilfestellung für Klassenfahrten, eine Verteidigung des Liberalismus und eine für aggressives Verhalten.

Tobias Strausmann – 1931: Debt, Crisis and the Rise of Hitler

In diesem Buch stellt Strausmann in kondensierter Form das Jahr 1931 in den Fokus. Seine zentrale These ist, dass dieses bisher in der Geschichte des Endes der Weimarer Republik wesentlich zu kurz kommt und üblicherweise in das große Gesamtnarrativ „Weltwirtschaftskrise ab 1929“ geworfen wird oder auf der anderen Seite im Schatten der NSDAP-Wahlerfolge und Präsidialkabinette von 1932 verschwindet.

Zentral für Strausmanns Argumentation ist dabei die Bankenkrise, für die die Prämisse des Buchs in jedem Fall zutrifft. Der Zusammenbruch des deutschen Bankensystems 1931 ist einer, der merkwürdig unterschätzt und wenig gewürdigt in der allgemeinen Forschung sein Dasein fristet. Für Strausmann ist dieser Zusammenbruch das entscheidende Ereignis der Weltwirtschaftskrise, weil er erst aus einer allgemeinen wirtschaftlichen Depression den Totalzusammenbruch macht.

Strausmann folgt vor allem den internationalen Finanzströmen, also der komplexen Architektur der Reparationszahlungen zwischen Frankreich, Großbritannien, Deutschland und den USA und wie diese ein nicht nachhaltiges und extrem krisenanfälliges Gebäude aufbauen, das die Bankensysteme der betroffenen Länder auf das Wohl und Wehe deutscher Reparationszahlungen aneinanderkettet.

Als aus völlig falsch verstandener ökonomischer Orthodoxie sowohl Amerikaner als auch Franzosen sich weigern, auf die immer verzweifelteren Hilferufe der Deutschen einzugehen, setzt das Scheitern der Danat-Bank eine Spirale in Gang, die bald zum kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft führt. Damit dreht Strausmann das übliche Narrativ auf den Kopf, demzufolge die Welt von den Geschehnissen in den USA in den Abgrund gerissen wird. Vielmehr geht das Erdbeben von 1931 von Deutschland aus. Das ist eine spannende These, die mehr Forschung und Einordnung lohnt.

Glen Weldon – The Caped Crusade: Batman and the rise of nerd culture

Die Figur des Batman gehört zu den bekanntesten Superhelden überhaupt. Wie Glen Weldon in seiner erschöpfenden Geschichte der Figur nachzeichnet, war das nicht immer so. Spätestens seit den 1980er Jahren jedoch ist Batman aus dem kulturellen Gedächtnis kaum mehr wegzudenken. Wie so viele andere Comicfiguren durchlief er zahlreiche Metamorphosen, deren genauen Verlauf Weldon in seinem Buch nachzeichnet.

Eine Grundlinie ist dabei der zyklische Wechsel von Ernst zu Spaß und vom Einzelgänger zum Kopf einer großen Bat-Familie. Mehrmals in seiner Geschichte durchlief der „caped crusader“ diese Zyklen nun bereits. Von seinem ersten Auftreten in „Detective Comics“, in dem er noch im Dutzend billiger Gangster umbrachte, wandelte er sich bald in einen raum- und zeitreisenden Superhelden. Nach einem kurzen Wandel zurück zu einer ernsteren Version fand dann der „camp“ in der 1960er-Adam-West-Serie seinen Höhepunkt, ehe das Pendel für die 1970er und 1980er Jahre in ungekannte Finsternis umschlug, in den 1990ern Joel Schumachers homoerotischen Nylon-und-Neon-Abenteuern Platz machte, dann wieder zum Ernst Christopher Nolans umschwang und neuerdings selbstironisch, etwa in Form Lego-Batmans, daherkommt.

Auch bei den restlichen Figuren gab es beständigen Wandel. Robin wurde mal bester Kollege, mal Rivale, mal toter Grund für Rachegelüste. Batwoman, Batgirl, Catwoman und Alfred bereicherten mal die Gruppe, zu der zeitweise auch ein Bat-Affe und ein Bat-Hund gehörten, ehe Batman wieder alleine Gothams dunkle Straßen bereiste.

Obgleich diese Darstellungen für sich genommen natürlich interessant genug sind, ist der eigentlich relevante Kontext der des Untertitels des Buches: Weldons grundsätzliche These ist, dass Batmans Geschichte auch gleichzeitig eine Geschichte der Nerds ist. Er zeichnet an vielen Quellen nach, wie sich Nerds immer über die jeweils aktuelle Iteration des Charakters ärgerten, nur um diese dann bei der folgenden als einzig wahre zu verteidigen.

Das könnte man einfach ironisch weglächeln, wenn nicht – wie Weldon besonders für die 2000er Jahre zeigt – durch das Internet eine neue, toxische Dimension mit heftigen Kampagnen, Morddrohungen und schließlich im Aurora-Kino in Colorado sogar einem Massaker hinzukommen würde. Hier findest sich auch die größte Schwachstelle des Buchs. Weldon beschreibt diese harte Wendung in aggressive und toxische Züge des Batman-Charakters und des Batman-Fankults zwar, weigert sich aber, sie zu interpretieren und zu analysieren, um seiner Prämisse, sich nicht in Politik einmischen zu wollen, nicht zuwiderzuhandeln. Dabei geht aber der Erkenntnisgewinn verloren. Ein Autor wie Frank Miller lässt sich ohne politische Bezüge überhaupt nicht richtig greifen, und sein Einfluss ist ebenso unwidersprechlich wie problematisch.

Tom Holland – Dominion: The Making of the Western Mind

Tom Holland ist ein ebenso fesselnder wie frustrierender Schriftsteller. Sein Stil, den ich in den Buchbesprechungen hier schon mehrmals thematisiert habe, ist für deutsche Historiker praktisch Anathema: Fast ausschließlich narrativ anhand von Anekdoten zeichnet er die großen Gemälde. In seinem jüngsten, gerade diesen Monat erst erschienenen Buch, dem ich mit Spannung entgegen fieberte, geht es um nichts weniger als die Geistesgeschichte des Christentums – mit der These, dass das Christentum fundamental für das ist, was wir heute als „westliche Werte“ sehen.

Ungeheuer fesselnd beschreibt Holland in Sprüngen von Denker zu Denker, wie Aspekte der Theologie und Weltanschauung der jeweiligen Epoche ausgebildet wurde. Beginnend bei Darius und Leonidas geht es zu Pompeius und Augustus, Paulus und den Evangelisten, zu Konstantin und Augustin, zu Origen von Alexandria und dem Konzil von Nicea. Und dann ist erst ein Fünftel des Buchs rum. Jeder Denker wird im Kontext seiner Zeit und den intellektuellen Herausforderungen, denen er sich gegenübersah, vorgestellt. Wir befinden uns für einige Seiten in ihrem Geist, verstehen ihre Sicht.

Das führt zu einer fast einzigartigen Leseerfahrung, denn diese vergangenen Zeiten sind uns ungeheuer fremd. Holland schafft es, dass man die Sexualmoral der Griechen und Römer ebenso nachvollziehen kann wie die Position eines mörderischen Inquisitors. Das Buch ist voller kleiner Details, die, einmal vom Leser zusammengesetzt, faszinierende Rädchen im Getriebe darstellen. Von der Herkunft des Kreuzes als Marterinstrument zu der Abneigung gegenüber Homosexualität bis hin zum Bekenntnis zur Vernunft und schließlich des Widerstands gegen den Nationalsozialismus (oder dessen Unterstützung im Kreis der Deutschen Christen), überall erfährt der geneigte Leser kleine Erleuchtungen.

Dafür fordert Holland aber auch einiges ab. Die Sprünge in den Narrativen, die, abgesehen von der Nennung der Jahreszahl, praktisch ohne weitere Einordnung erfolgen, setzen zwingend eine solide Grundkenntnis der fraglichen Epoche voraus. Im Falle von „Dominion“ bedeutet das nichts weniger als 2500 Jahre Geistesgeschichte. Andernfalls werden die Erleuchtungen ausbleiben und die Rädchen nicht ineinandergreifen. Ohne diese Kenntnisse wird das Aufzeigen der Perspektive dieser historischen Akteure darin enden, dass man kritiklos ihre Perspektive übernimmt – und das wäre in den meisten Fällen desaströs. Das nimmt der Qualität des Buchs nichts, es soll aber ein Wort der Warnung sein.

Frustrierend allerdings wird Holland, wenn die Schattenseiten seines einzigartigen Ansatzpunktes offensichtlich werden. Nur in den allerwenigsten Fällen tritt er als Autor in Erscheinung und kommentiert unzweideutig die Irrigkeit einer Ansicht (das passiert vor allem beim Antisemitismus, wo es mehr als angebracht ist). Oft genug verlässt er sich darauf, dass der moderne Leser selbst in der Lage ist, die jeweils handelnden Personen kritisch zu begutachten. Das Handwerkszeug gibt Holland dem Leser dafür nicht: Das muss man schon selbst mitbringen. Sink or swim, gewissermaßen. Für Amateur-Historiker ist das Buch damit quasi eine Garantie, zu völlig falschen Schlüssen zu kommen, weil der Kontext fehlt. Es ist nachgerade gefährlich.

Ein weiterer, eklatanter Schwachpunkt von Hollands gewähltem Ansatz ist, dass er letztlich eine Geschichte Großer Männer schreibt, wie sie eigentlich seit den 1960er Jahren (zurecht) außer Mode geraten ist. Mit nur ein oder zwei Ausnahmen sind alle seine handelnden Personen männlich, in ihrer deutlichen Mehrheit zudem der jeweils herrschenden Elite zugehörig. Die Perspektive des breiten Volkes oder von Minderheiten bleibt völlig ausgespart; Menschen kommen nicht vor, allenfalls als Statisten. Es dominieren intellektuelle Titanen.

Zudem sorgt die schiere Breite des gewählten Ansatzes in einem insgesamt nicht sonderlich dicken Buch dafür, dass die wilden Sprünge durch die Geschichte vieles und mehr auslassen und drastisch vereinfachen und zuspitzen. Das fällt in Antike und Mittelalter weniger auf, weil über diese Zeiten weniger bekannt ist und sie weiter von uns entfernt sind, wird aber bei jedem Historiker dieser Fakultäten auf Schaudern stoßen. Leuchtend offensichtlich wird diese Schwäche, wenn das Buch in der Moderne und besonders im 20. Jahrhundert ankommt, wo wir von der Tolerierung der Juden Kölns durch Friedrich Wilhelm zu Otto Dix‘ Weltkriegserfahrungen zum Märtyrertum Horst Wessels springen – alles im Rahmen von vielleicht 40 oder 50 Seiten. Wer hier nicht sattelfest ist, wird durch die Assoziationswirbel davongerissen.

Empfohlen sei dieses Werk daher allen, die diese Sattelfestigkeit mitbringen und sich von den Widrigkeiten nicht schrecken lassen. Alle anderen sollten lieber die Finger davon lassen.

Dirk von Laak – Alles im Fluss: Die Lebensadern unserer Gesellschaft

Eine Geschichte der Infrastruktur dürfte für viele Leute eher nicht zu dem gehören, was sie als spannend sehen, aber ich habe Dirk von Laaks Buch mit großem Gewinn gelesen. In einer sinnigen und erhellenden Strukturierung zeigt von Laak erst auf, wie sich Infrastrukturen in der Moderne ab dem 19. Jahrhundert (denn um die geht es ihm) entwickelten, wer Treiber und wer Bremser waren und welche Widerstände es gab.

Interessant ist hierbei zu beobachten, wie grundsätzlich jede neue Infrastruktur erst einmal abgelehnt wird, ob es sich um fließendes Wasser, Gas, Strom, Straße, Schiene oder Internet handelt. Zuerst wird bezweifelt, dass „man das braucht“, dann werden irgendwelche Gefahren beschworen (die oft genug real sind), dann wird auf Verluste tradierter Lebensweisen verwiesen (die ebenso real sind). Am Ende aber überwiegen die Vorteile stets, und sobald diese auf breiter Ebene erkannt sind, führt am Siegeszug nichts mehr vorbei. Waren es erst Frauen, die dem fließenden Wasser skeptisch gegenüberstanden, waren sie die emphatischsten Vertreter für die Anschlüsse, hatten sie erst einmal erkannt, welche Alltagserleichterung es brachte. Dieses Muster von Push- und Pull-Faktoren macht von Laak wieder und wieder aus.

Auch die verbundenen gesellschaftlichen Prozesse sind spannend. Neue Verhaltensnormen werden entwickelt, etwa der neutral-abweisende Gesichtsausdruck auf immer volleren Straßen und, vor allem, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, dessen Aufkommen die Zeitgenossen bereits bemerkten und den wir seit mehreren Generationen unseren Kindern beibringen.

Ebenso verändert sich der Alltag der Menschen durch die neuen Infrastrukturen erheblich. Was bei fließend Wasser, Heizung und Strom noch einleuchtet, wird gerne vergessen, wo es um Mobilität geht. Von Laak spricht hier nicht nur von persönlicher Mobilität, sondern vor allem von Logistik. Ohne unsere ausgebauten Infrastrukturen, die unsichtbar im Hintergrund laufen, wäre unsere Lebensweise überhaupt nicht möglich.

Auch auf dieses Problem geht von Laak ein: Wir sind extrem empfindlich gegenüber jeder Störung unserer Infrastruktur. Jede solche Störung wird sofort beseitigt, jedes Mal der Status Quo wieder hergestellt. Ein Rückbau von Infrastrukturen ist bisher noch nicht vorgekommen, allenfalls ihr Verfall (wie im US-Eisenbahnwesen). Dies könnte gerade im Hinblick auf die Automobilmobilität eine große Frage der kommenden Jahrzehnte werden.

Ein letzter interessanter Punkt betrifft Finanzierung und Verwaltung von Infrastruktur. Von Laak arbeitet hier heraus, dass Infrastrukturen zu keiner Zeit rein staatliche oder rein private Projekte waren, sondern dass es schon immer Mischformen gab. Ob PPP, Privatisierung oder Verstaatlichung, diese Frage muss für jede Infrastruktur einzeln beantwortet werden.

Damit bleiben nur Fragen an die Zukunft der Infrastruktur, besonders im Hinblick auf die mit dem Internet immer weiter erfolgende Dezentralisierung und Fragmentierung auf der einen und die durch die zunehmende Vernetzung immer weiter ansteigende Störungsanfälligkeit auf der anderen Seite. Genug Gedankenfutter für alle Interessierte.

Stefan Malter – OneNote für Einsteiger

Wie man sehen kann, will ich verstärkt OneNote im Unterricht nutzen. Deswegen habe ich mir zwei Bücher von Stefan Malter bestellt, so was wie der Haus- und Hofblogger von Microsoft Deutschland. Er schreibt massenhaft solche Werke für alle Office-Anwendungen. Vermutlich hätte die Masse misstrauisch machen sollen; sämtliche Inhalte dieses Buchs finden sich nämlich auch im untenstehenden „OneNote für Lehrer“, das nur marginal dicker ist, weil es eine kleine Sektion für die Lehrer-Funktionen von OneNote zusätzlich enthält. Daher: Lasst diese Mogelpackung besser beiseite.

Stefan Malter – OneNote für Lehrer

Neuer Anlauf. In diesem Buch stellt Stefan Malter die Grundfunktionen von OneNote vor. Man darf das „Für Einsteiger“ aus dem vorherigen Buchtitel dabei durchaus wörtlich nehmen; mit massenhaft (schwarz-weißen, niedrigaufgelösten) Screenshots wird man durch jeden einzelnen Schritt geleitet. Als durchschnittlich erfahrener Office-Anwender ist der Detailgrad für mich zu erschöpfend, aber für Leute, die kaum Erfahrung auf diesem Gebiet haben, dürften die digitalen Stützräder hier mehr als hilfreich sein.

Der Preis dieses Detailgrads ist die mangelnde Tiefe. Letztlich geht Malter ausschließlich auf die Grundfunktionen ein, die ich selbst auch mit einigen Minuten Ausprobieren gefunden habe. Die eigentlichen Tiefen der Anwendung, die wie bei allen Office-Anwendungen das Tool erst richtig interessant machen, bleiben überwiegend ausgespart. Das Buch ist somit nur empfehlenswert für Leute, die eine neue Office-Anwendung nicht intuitiv erfassen können, indem sie Parallelen zu Word und Excel ziehen. Alle anderen sollten eher auf tiefergehende Werke zurückgreifen. Ob ich nach zwei Fehlgriffen noch ein drittes dieser Art austesten will, weiß ich aber zur Stunde noch nicht.

Heiko Reichelt, Gerald Wenge – Klassenfahrten, Exkursionen, Wandertage

Das Thema Wandertage, Studienfahrten und Exkursionen ist unter Lehrern eines, an dem sich die Geister scheiden. Die Autoren des vorliegenden Bandes führen da gleich eine hilfreiche Dreiteilung ein: Die enthusiastischen Vielfahrer, die Gelegenheitsfahrer und diejenigen, die aus Prinzip nie fahren.

Vor allem für die erstgenannten Gruppen ist dieses Buch geschrieben worden, das von A bis Z das Vorgehen für Schulfahrten erklärt. Von der Konzeption bis zur Auswertung am Schluss führen die Autoren den geneigten Leser mit zahlreichen Fallbeispielen und hilfreichen Grafiken durch die verschiedenen Abschnitte.

Ein Problem bleibt der Bildungsföderalismus. Da das Buch einen universellen Anspruch hat, kann auf die verschiedenen Regelungen in Schul- und Beamtenrecht in den einzelnen Bundesländern nicht eingegangen werden. Die entscheidenden rechtlichen Fragestellungen, die zu den unklarsten und gefürchtsteten gerade derjenigen gehören, die ungern die Bürde der Organisation einer Studienfahrt auf sich nehmen, bleiben daher notwendigermaßen oberflächlich. Um weitere Recherche und Lektüre wird daher niemand herumkommen. Das Buch fokussiert sich zudem ausschließlich auf verbeamtete Lehrer und öffentliche Schulen; die Situation für Lehrer an Privatschulen bleibt unberücksichtigt.

Insgesamt war die Lektüre für mich trotzdem ein Gewinn. Gerade die zusammenfassenden Grafiken und Checklisten sind extrem nützlich, ebenso die Fallbeispiele. Dafür schaut man auch gerne über das Übermaß an Jargon in den theoretischen Teilen hinweg, das leider die gesamte fachdidaktische und pädagogische Literatur prägt. So stellt auch dieser Band hier keine Ausnahme dar.

Adam Gopnik – A thousand small sanities: The moral adventure of liberalism

Der kanadische Journalist Adam Gopnik ist ein liberaler Zentrist, und er ist es mit Stolz. Angesichts des Linksdrifts der demokratischen Partei und vieler sozialdemokratischer Parteien Europas und der Herausforderung durch den verbreiteten Rechtspopulismus verfasst er hier eine brennende Verteidigungsrede des Liberalismus. Der Titel zeigt bereits seine Hauptthese deutlich: Der Liberalismus arbeitet mit „tausend kleinen Klugheiten“.

Es ist der inkrementelle, diskutierte Wandel, der Gopnik wichtig ist. Er teilt das liberale Kerncredo dafür in zwei große Teile.

Der erste ist seine „theory of change„, in der er sich für einen Prozess der kleinen, stetigen Schritte ausspricht. Ausprobieren, evaluieren, verbessern, ad infinitum, das ist sein Credo. Das bedeutet zwar, dass der Wandel langsam kommt. Aber Gopnik hat ein liberales Grundmisstrauen gegenüber dem großen Wurf, genauso übrigens wie gegenüber der Verweigerungshaltung von Konservativen.

Der zweite Teil ist seine Betonung der Notwendigkeit von Toleranz und Diskurs. Gopnik beschreibt die permanente Debatte auch mit den Gegnern des Liberalismus als absoluten Kernbestandteil einer liberalen Gesellschaft, scheut sich aber auch nicht, eine klare Trennlinie zu ziehen. Dort, wo Gegner des Liberalismus nicht bereit sind, die Existenz einer pluralen, liberalen Gesellschaft anzuerkennen und gegebenenfalls eine Niederlage zu akzeptieren, hat der Liberalismus keinen Grund, selbst Toleranz auszuüben.

Das Buch wird durch philosophische Verteidigungen des Liberalismus gegenüber Kritik von rechts und links sowie eine Einführung in die Ideengeschichte des Liberalismus‘ abgerundet. Es ist kein ausufernd langes Werk, und all jenen, die verstehen wollen wie Liberale ticken, sei es schwer ans Herz gelegt. Ich habe mich jedenfalls in viel von Gopniks Werk wiedergefunden.

Jesper Juul – Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist

In unserer Gesellschaft herrscht ein Gewalttabu. So sinnvoll dieses auch ist – wer wöllte schließlich im Streit um das Abspülen des Bürogeschirrs in eine Schlägerei geraten?  -, so problematisch ist es in der Erziehung von Kindern.

Beschwerden über gewalttätige und damit auffällige Kinder gehören zu den häufigsten Konfliktgründen in Kitas und Grundschulen. Kindern wird permanent beigebracht, nicht aggressiv zu sein, sich unter Kontrolle zu bringen. Für Jesper Juul ist das der falsche Weg.

Er erklärt Aggression zu einer natürlichen Emotion, aus deren Unterdrückung und Tabuisierung nichts Gutes erwächst, im Gegenteil. Er empfindet die Unterdrückung von Aggressionsgefühlen bei Kindern, ähnlich wie der hier im Blog schon einmal diskutierte Tassilo Peters (Fundstück 9), als Gewalt seitens der Eltern und Erzieher.

Aggression, so Juul, ist eine Ausdrucksform. Mit ihr machen wir, vor allem aber Kinder, deutlich, dass sie etwas stört. Es ist eine Reaktion auf die Umwelt und gehört, ebenso wie der Umgang mit ihr, zum Reifeprozess. Kritisch ist hierbei, dass Juul sich dafür ausspricht, die Kinder selbst mit ihren Aggressionen klar kommen zu lassen, sie nicht zu tabuisieren, sondern stattdessen die Erziehungsarbeit hauptsächlich darauf zu verwenden, mit den Konsequenzen klarzukommen.

Ich empfand die Gedanken des Buches wenigstens als anregend. Ich bin mir immer noch unsicher, wie ich genau dazu stehe. Faszinierend ist in jedem Fall, dass die Erziehungswissenschaft eine dieser Disziplinen ist (ähnlich wie die Ernährungswissenschaft), in der zwar ständig mit größter Sicherheit neue Erkenntnisse und Paradigmen eingebracht (oder aber alte erbittert verteidigt werden), dass aber keinerlei wissenschaftlicher Konsens besteht. Wie man Kinder richtig erzieht ist immer noch weitgehend unklar.

Wie so häufig besteht die Antwort dabei in der Verwerfung all dessen, was man bisher gemacht hat. Aber da die Grundfragestellung letztlich auch ideologisch motiviert ist – Erziehung zu was, schließlich – werden wir hier vermutlich auch nie wirklich einen Konsens erreichen. Gerade deswegen ist es aber wichtig, sich auch mit auf den ersten Blick abwegigen Thesen zu beschäftigen. Denn nur, wenn wir als Erziehende unser Verhalten permanent hinterfragen, werden wir Fortschritte machen können. Am Ende bleibt der Trost, dass unsere Kinder es besser haben als jede Generation vor ihnen. Wie die Generation davor. Und die davor. Wir bessern uns. Stück für Stück.

Michael Lewis – The Fifth Risk // Michael Lewis – Erhöhtes Risiko

Ich hatte nie großes Interesse an den Klatschbüchern über das Chaos und Desaster der Trump-Administration wie „American Carnage“. Ich finde ihren Erkenntniswert gering. Umso erstaunlicher, dass das wohl beste Buch über die Trump-Regierung eines ist, das sich überhaupt nicht mit ihr befasst.

Michael Lewis, der Autor des legendären Finanzkrisenaufarbeitungsbuchs „The Big Short„, beschäftigt sich in „The Fifth Risk“ (deutscher Titel: „Erhöhtes Risiko“) mit dem Managment von existenziellen Risiken. Dazu interviewte er zahlreiche Amtsträger aus den verschiedenen US-Ministerien, vor allem dem Department of Energy, dem Department of Agriculture und dem National Weather Service. Er lässt sich von kompetenten und engagierten Experten ihres jeweiligen Feldes schildern, welche existenziellen Risiken von der jeweiligen Behörde verwaltet und gegebenenfalls verhindert werden.

So lernt der geneigte Leser, dass das Department of Energy die Hälfte seines jährlichen 30-Milliarden-Budgets dafür ausgibt, weltweit nach Atommaterial zu suchen und dieses aus dem Verkehr zu ziehen. Oder dass das Ministerium damit beschäftigt ist, im Rahmen von rund 100 Milliarden Dollar eine ehemalige Plutonium-Werkstatt in Washington State zu beseitigen. Auch Gefahren für die Integrität des Stromnetzes spielen eine Rolle.

Währenddessen befasst sich das Department of Agriculture unter anderem mit Nahrungsmittelsicherheit, kümmert sich aber auch darum, dass Wildgänse nicht ständig Flugzeuge zur Notlandung auf dem Hudson zwingen. Der National Weather Service dagegen hat in den letzten zehn Jahren seine Vorhersagen sowohl des schnöden Wetters als auch Naturkatastrophen wie Hurrikane und Tornados entscheidend verbessert.

Was hat das mit Trump zu tun? Lewis‘ zentraler Punkt ist, wie komplex eigentlich die Regierungsarbeit ist, was für wertvolle Arbeit dort geleistet wird und wie kompetent die Leute sind, die sie ausführen. Sein Einstieg ist die Beobachtung der transition, jenes eigentümlichen amerikanischen Politikprozesses, in dem die vorhergehende Administration ihre Posten verlässt und durch eine neue ersetzt wird. Die schiere Komplexität und Verantwortung, die damit einhergeht, macht eine detaillierte Übergabe und höchsten Einsatz erforderlich. Obama bereitete (natürlich) die beste transition in der Geschichte der USA vor.

Die Trump-Leute kamen nicht einmal zu den Briefings. Posten wurden nicht besetzt. Trump kümmerte sich nicht um irgendetwas, und was noch schlimmer ist, auch niemand anderes in seinem Umfeld. Zentrales Wissen verließ die Ministerien und wurde durch nichts ersetzt. Betrachtet man die Risiken, die Lewis beschreibt, und die Verantwortung, die damit einhergeht, grenzt es an ein Wunder, dass nicht noch mehr passiert ist. Das schiere Ausmaß der Inkompetenz der Trump-Leute ist atemberaubend. Aber das ist Thema für einen ganz eigenen Artikel und sprengt den Rahmen dieser Besprechung.

Michael Lewis ist sicherlich einer der besten journalistischen Geschichtenerzähler unserer Tage. Neben seinem Buch „The Fifth Risk“ veröffentlichte er außerdem den Podcast „Against the Rules„. In diesem befasst er sich mit dem Niedergang der Rolle des Schiedsrichters, ob in Sport, Paarbeziehungen, Schule, Wirtschaft oder Politik. Man sollte die Augen offen halten, wann sein nächstes Buch erscheint.

{ 9 comments… add one }
  • derwaechter 1. Oktober 2019, 11:07

    „Ein Rückbau von Infrastrukturen ist bisher noch nicht vorgekommen, allenfalls ihr Verfall (wie im US-Eisenbahnwesen)“

    In Deutschland sind massenhaft Bahnstrecken (Güter und Personen) stillgelegt bzw. komplett entfernt worden. Es ist unglaublich wie viele, v.a. regionale, Strecken es mal gab.

    Merkt man schon daran, dass es in vielen Dörfern und Kleinstädten noch Bahnhofsgebäude, Bahndämme oder eine Bahnhofstraße mitten im Ort gibt, aber eben keine Bahn mehr.

    Ich glaube auch viele Kanäle werden nicht mehr genutzt. Und würde man Telegraphen, Pferde/Kutschen (inkl Ställe, Versorgung), Gaslaternen und so was auch als Infrastruktur bezeichnen? Ist auf jeden Fall verschwunden.

    So etwas wie Minitel im Frankreich oder BTX in Deutschland wurde auch rückgebaut. Aber dort gab es natürlich nicht so viel physisch sichtbare Infrastruktur.

    Als Kandidaten für den aktuellen Rückbau fallen mit noch Postwesen und Festnetz und frühere Mobilfunknetze ein. Auf Sicht auch wohl Gas- und Ölnetze.

    Interessant wäre auch der Vergleich mit gescheiterte Infrastruktur die sich eben nicht durchgesetzt hat. Wo die Bedenken also berechtigt waren. Viel fällt mir da sber nicht ein. Zeppelin, Schwebebahn, Magnetschwebebahn

    • Stefan Sasse 1. Oktober 2019, 19:17

      Ich hab bei uns auch zahlreiche Beispiele für stillgelegte Eisenbahnstrecken, und wir wohnen keine 20km von Stuttgart Stadtzentrum weg.

      • derwaechter 1. Oktober 2019, 22:17

        Aber das qualifiziert nicht als Rückbau von Infrastruktur im Sinne deines Zitates?

        • Stefan Sasse 1. Oktober 2019, 23:23

          Doch, ich denke du hast einen guten Punkt und wollte diesen mit einem weiteren Beispiel untermauern.

    • Ariane 2. Oktober 2019, 11:35

      Schifffahrtswege finde ich da sehr ähnlich zu Bahnstrecken. Früher hatte jede Kleinstadt mit Zugang zum Meer oder einem Fluss einen richtigen Hafen.
      Meistens gibts die auch noch, sie wurden aber zu Hobby-Häfen für Privatboote oder Touristenkram umgenutzt, sie gehören damit aber eben nicht mehr wirklich zur Infrastruktur.

      • Stefan Sasse 2. Oktober 2019, 17:16

        Ich gehe gerade hin und her. Die Gleise, auf die ich Bezug genommen habe, gibt es noch, die wurden nur mit Beton gefüllt. Zählt das als Rückbau oder Verwahrlosung?

        • derwaechter 2. Oktober 2019, 19:59

          Hehe

          Die ich kenne wurden meist einfach irgendwann abgebaut. Bahndämme wurden vielleicht zu Fahrradwegen umfunktioniert und Gebäude anderweitig genutzt oder einfach abgerissen.

          • Stefan Sasse 2. Oktober 2019, 22:19

            Das hab ich tatsächlich noch nie gesehen, möglicherweise kommt daher unsere unterschiedliche Wahrnehmung. Aber letztlich ist das auch nur ein Seitenaspekt.

    • Hias 2. Oktober 2019, 23:42

      Hm, ich glaube, wir sollten nicht von einzelnen Streckenabschnitten bzw. Kanälen oder auch Technologieschritten auf das komplette Medium schließen. Ja, es wurden Bahnstrecken stillgelegt, aber das hängt halt auch damit zusammen, dass sich die Bahn angepasst hat. Viele Strecken erfüllen einfach nicht die Anforderungen an eine moderne Bahnstrecke und eine Modernisierung war unserer Gesellschaft halt viel zu teuer. Ähnlich sieht es mit Kanälen aus. Nichtsdestotrotz gibt es diese Infrastrukturen noch und sie erfüllen weiterhin ihren Zweck.

      Ähnlich sehe ich es auch z.B. bei BTX und Kutschen. Ersteres ist defacto ja nichts anderes als eine Frühform des Internets und letzteres ja nichts anderes als eine Frühform des persönlichen Individualverkehrs bzw. Auto. Von daher denke ich nicht, dass wir bei einem Ersatz von BTX oder Kutschen von einem Rückbau von Infrastruktur sprechen sollten, v.a. auch deswegen, weil das grundsätzliche Netz (Telefonleitungen, Straßen) ja mehr oder weniger weiterhin benutzt wird, ähnlich wie bei der Eisenbahn seit dem Ende der Dampfloks (und in manchen Gegenden in Deutschland wird tatsächlich die komplette Eisenbahninfrastruktur aus der Zeit der Dampfloks weitergenutzt!!).

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