Die erste Debatte der Demokraten

Ein Gastbeitrag von Ralf.

Nun ist sie also vorbei, die erste offizielle Debatte der Demokratischen Primaries. Wegen der Masse an Kandidaten, musste das Event auf zwei Nächte verteilt werden. „Eine Partei kann sich glücklich schätzen eine so große Auswahl zu haben“, mögen manche sagen, allerdings hat sich bestätigt, dass unter den 20 Wettbewerbern nur eine winzige Minderheit die Fähigkeit besitzt einen erfolgversprechenden Wahlkampf um das Weiße Haus zu führen. Stellenweise war es erschreckend wie unfähig Kandidaten waren ihre auswendig gelernten und hundertfach geprobten Statements flüssig und mit dem Anschein von Spontanität zu präsentieren. Weshalb die Liste der Teilnehmer der TV-Debatte zuvor nicht zumindest auf diejenigen Kandidaten zusammengeschrumpft worden war, die wenigstens mehr als 4-5% der Stimmen in den gegenwärtigen Umfragen bekommen, bleibt das Geheimnis des Democratic National Committee (DNC). Und wem dieses Format bei seiner Entscheidungsfindung hilft, mit seinem engen Korsett von 45 Sekunden-Antworten und gestelztem Tournier-Gehabe, bei dem die Antworten der Kandidaten fast grundsätzlich keinerlei Bezug zur entsprechenden Frage haben, sondern auswendig gelernte Soundbites sind, die beliebig eingeworfen werden, wann immer ein unangenehmes Thema zu umschiffen ist, ist ebenfalls eine interessante Frage.

Auf der anderen Seite muss man konstatieren, dass diese ersten Debatten enorm wichtig sind, weil sie die Schlüsselkandidaten mit einem gewissen Momentum auf den zukünftigen Weg setzen und dieses Momentum kann nach oben oder nach unten zeigen. In diesen Tagen wird sich entscheiden, ob Joe Biden seine Führung konsolidiert oder ob seine Spitzenposition zu bröckeln beginnt. Ob Bernie Sanders sich stabil als Nummer Zwei etablieren kann oder ob er weiter Unterstützer hin zu Elizabeth Warren wegblutet. Ob Pete Buttigiegs unerwarteter Höhenflug letztendlich seinen Peak erreicht hat und der langsame Absturz in die Bedeutungslosigkeit droht. Ob Kamala Harris der Marco Rubio der Demokraten von 2020 bleibt – solide bei allen Kennzahlen, aber kaum jemands erste Wahl. Ob Elizabeth Warrens kürzliche Zugewinne in den Umfragen Teil eines länger anhaltenden Trends sind oder lediglich ein Fluke. Und letztlich, ob irgendeiner der Kandidaten in der dritten und vierten Reihe einen überraschenden Breakout-Moment hat, der sie ernsthaft in das Rennen um das Weiße Haus katapultiert. Noch sind viele Wähler unentschlossen. Noch kann an Herzen, kann an den Verstand appelliert werden. In ein paar Monaten, wenn die Zahl der Unentschiedenen unter den Wählern deutlich geschrumpft sein wird, wird es zwar immer noch TV-Debatten geben, aber deren Bedeutung wird zunehmend gegen Null streben. All das rechtfertigt sich mit der ersten großen Debatte der Demokraten – aufgeteilt auf zwei Nächte mit je 10 Contendern – auseinanderzusetzen.

Ich beginne mit der ersten Runde, die ein bisschen einem Kindertisch ähnelte, neben der Veranstaltung der „Erwachsenen“ am nächsten Abend. Kaum ein Top-Contender war in der Runde, mit Ausnahme von Elizabeth Warren und – möglicherweise – Beto O’Rourke. Und so war Warren von vornherein die erwartete und gesetzte Siegerin des Events bis zum Beweis des Gegenteils. Auf ihr würde der Fokus ruhen. Sie würde im Zentrum stehen. Sie würde absehbar die meiste Redezeit erhalten. Da es jedoch kaum einen ernsthaften Gegenkandidaten gab, würde sie niemanden haben, gegen den sie sich wirksam profilieren können würde. Keinen ernsthaften Wettbewerber, den sie mit einem geschickten Schachzug aus dem Rennen werfen könnte. Und so ging es für sie in erster Linie darum kompetent zu wirken, keine krassen Fehler zu machen und ihren Status als Top-Tier-Kandidatin nicht zu beschädigen. Und natürlich ihren Bekanntheitsgrad auszuweiten.

Dieses Minimalziel dürfte sie erreicht haben. Darüber hinaus war sie eher eine Enttäuschung. Eigentlich müsste das Debattenformat ihrem Profil enorm entgegenkommen. Kein anderer Kandidat, keine andere Kandidatin hat ein so detailliertes Programm, so viele Ideen, eine so starke Vision für das Land. Zu allem hätte sie etwas Substantielles zu sagen. Das gesamte Bewerberfeld positioniert sich seit Wochen relativ zu ihren Vorschlägen. Da ist es unverständlich, wie es passieren konnte, dass Elizabeth Warren praktisch die gesamte zweite Hälfte der Debatte nicht mehr stattfand und nur noch still und wortlos in der Runde stand. Aber auch in der ersten Hälfte litt ihre Präsentation unter ihren mechanischen Darbietungen. Wer das Vergnügen hat, Frau Warren auf Facebook zu folgen weiß, dass sie jeden Satz, den sie in der TV-Debatte sagte, mit exakt den gleichen Worten, in exakt den gleichen Sätzen, mit exakt den gleichen Gefühlsregungen, mit exakt der gleichen Gestik zuvor schon mehrfach anderswo gesagt hat. Jede Silbe ist auswendig gelernt. Jede Handbewegung einstudiert. Jedes Erheben, jedes Senken der Stimme programmiert. Es ist nur eine Frage der Zeit bis ein Wettbewerber diese Videos neben ihre Performance in der TV-Debatte stellen wird und das Schlagwort „Roboter“ Eingang in die Diskussion finden wird, das vor vier Jahren die Kandidatur Marco Rubios bei den Republikanern beendete. Gegenwärtig kann sich Elizabeth Warren vielleicht noch auf das Desinteresse einer noch schläfrigen Wählerschaft verlassen. Noch hat sie ein paar Wochen an ihrer Präsentation zu arbeiten. Nach wie vor ist sie ein Schwergewicht unter den Kandidaten. Die einzige mit sehr konkreten Plänen, die Probleme im Land anzugehen. Aber im Augenblick ist sie auf der Bühne selbst für ihre Fans schwer zu ertragen und wenn das mit dem Rennen ums Weiße Haus noch etwas werden soll, wird Warren Vollgas geben müssen. Noch ist sie unbeschädigt. Aber das nächste Mal wird sie nicht am Kindertisch, sondern im direkten Vergleich neben Kamala Harris und Bernie Sanders im Rampenlicht am Podium stehen. Noch so eine Performance und die begeisterten, progressiven Wähler werden sich nicht hinter ihr, sondern hinter der Senatorin von Kalifornien und dem unabhängigen Senator von Vermont sammeln.

Den krassesten Gegensatz zu Elizabeth Warren zeichnete Amy Klobuchar. Die Senatorin von Minnesota präsentierte sich smart, spontan und schlagfertig. Sie ist eine gute Rednerin, die sich natürlich und bodenständig gibt. Und die nicht müde wird den Zuschauer daran zu erinnern, wie großartig sie im Trump-gläubigen Mittleren Westen ankommt. Und ihre Wählbarkeit in knallroten Staaten ist auch so ziemlich das einzige identifizierbare Element ihrer Botschaft. Ansonsten scheint ihre Message im Wesentlichen zu sein, dass das Land nicht verändert werden kann, weil kein Geld da ist. Und wegen Mitch McConnell. Schwer zu glauben, dass das die Begeisterung der Wahlkämpfer bei den Demokraten antreiben wird. Und auch schwer zu ertragen in einem Land, in dem Obdachlose in Massen die Straßen säumen, fast jede Woche Schulmassaker die Leben von Kindern fordern, extreme Armut und extremer Reichtum immer erschreckendere Ausmaße annehmen, Studenten von Schulden erdrückt werden, die Klimakatastrophe mit Stürmen, Waldbränden und Trockenheit Existenzen vernichtet und die Infrastruktur im Land verfällt. Nichts von alledem würde angegangen unter einer Präsidentin Klobuchar. Weshalb man mit einiger Sicherheit davon ausgehen darf, dass ihre Kandidatur nicht signifikant an Momentum gewinnen wird. Schließlich haften sich auch andere Wettbewerber das Label „wählbar im Mittleren Westen“ an, zuvorderst Joe Biden und Pete Buttigieg. Und beide sind wesentlich aussichtsreicher, stehen wesentlich besser in den Umfragen da und präsentieren sich wesentlich optimistischer bezüglicher ihrer Gestaltungsfähigkeit nach einem Wahlsieg.

Eine Kandidatin, die mich positiv überrascht hat, war Tulsi Gabbard. In den Umfragen läuft die Repräsentantin des Bundesstaats Hawaii eher unter ferner liefen. Aber Gabbard kann – im Gegensatz zur Mehrheit der Demokratischen Mitbewerber – einen klaren Satz formulieren und dabei kämpferisch, professionell und ehrlich wirken. Tulsi Gabbards Thema ist die Kriegsgefahr im Mittleren Osten, ein Thema, das durch die kürzlichen Entwicklungen im Iran bedrohliche Aktualität gewonnen hat. Als Veteranin aus dem Irakkrieg spricht sie hier nicht von einem bequemen Schreibtischsessel aus, wie so viele, die sich zum Thema äußern, sondern mit der Autorität der Selbsterfahrung. Im Kontext des Wahlkampfs dürfte zwar klar sein, dass ein Aufstieg von Gabbard in den Olymp der Top-Tier-Bewerber um das Präsidentenamt eher unwahrscheinlich ist – wenngleich sie bei Googlesuchen doch so ziemlich jeden anderen Mitbewerber an dem Abend abgehängt zu haben scheint. Aber diese eher „kleineren“ Kandidaten präsentieren sich oft als mögliche Besetzung für das Vizepräsidentenamt oder eine Ministerposition in einer neuen Regierung. Wenn das ein attraktives Ziel für sie ist, dürfte Frau Gabbard einen guten Schritt nach vorne gemacht haben.

Kämpferisch präsentierten sich außerdem Cory Booker und Julian Castro. Beide ringen um ihr politisches Überleben als ernsthafte Kandidaten im Rennen. Beide haben Charisma und sind gute Redner. Dabei stehen ihre Chancen realistisch betrachtet eher schlecht. Cory Booker hätte eine große Bühne mit den Top-Kandidaten gebraucht, um sich wirksam gegen diejenigen Contender zu profilieren, die im schärfsten Wettbewerb mit ihm um seine Wählerzielgruppe stehen. Und das sind Kamala Harris und Joe Biden. Dass Booker durch Pech im Los der direkte Vergleich mit der Spitze versagt wurde, dürfte ihn signifikant zurückwerfen. In diesem Stadium des Wahlkampfs kann das gut das Ende bedeuten. Demgegenüber hatte Julian Castro das Glück mit seinem Hauptgegner Beto O’Rourke – beide kämpfen um das Elektorat von Texas und anderen südlichen Staaten und speziell um die Stimmen von Latinos – auf der Bühne zu stehen. Daraus hat Castro das beste gemacht. Allerdings ist sein Themenfeld zu eingeschränkt, seine Botschaft zu sehr darauf ausgerichtet Appeal für Hispanics zu erzeugen. Schwer vorstellbar, dass er in der Breite eine Koalition hinter sich versammeln könnte, die auch Weiße, Schwarze, Frauen und die LGBT-Community mitreißt und die ihn ins Weiße Haus tragen könnte. Aber sowohl Cory Booker als auch Julian Castro stehen noch. Ein bisschen Glück, ein bisschen „zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein“, ein bisschen sich selbst neu erfinden können und vielleicht sehen ihre Kandidaturen in drei Monaten schon deutlich vielversprechender aus.

Seine Hoffnungen begraben dürfte hingegen Beto O’Rourke. Niemand wurde mehrfach so an die Wand argumentiert, niemand verlor wiederholt so viele Wortgefechte wie er. Im direkten Vergleich mit Julian Castro wurde O’Rourke regelrecht demontiert. Man fühlte sich an die Zerstörung von Marco Rubio durch Christ Christie in der Republikanischen TV-Debatte vor der New Hampshire-Wahl 2016 erinnert. Dabei hatte O’Rourke bereits keinen vernünftigen Einstieg gefunden. Der Versuch mit seinen gekünstelten Antworten in Spanisch das Latino-Publikum zu beeindrucken, wirkte verzweifelt und mechanisch. Insgesamt brachte der Verlierer des vergangenen Senatswahlkampfs in Texas keinen einzigen Glanzpunkt in der Debatte zustande. Er hat Charisma. Er sieht gut aus. Er ist jung. Darauf hat er versucht eine Kampagne aufzubauen. Und in der TV-Debatte dürfte er gelernt haben, dass diese Oberflächlichkeiten nicht reichen, um Kandidat der Demokraten für das Weiße Haus zu werden.

Der Rest der Kandidaten dieses ersten Abends empfahl sich für’s Vergessenwerden. Bill de Blasio startete mit einem fulminanten Eingangsstatement und sagte dann anschließend zwei Stunden lang nichts mehr von Signifikanz. Tim Ryan wurde von Tulsi Gabbard in einem Wortgefecht zum Afghanistankonflikt demontiert. Jay Inslee machte nichts falsch, aber auch nichts richtig.

Und damit sind wir bei John Delaney.

Wer zum Teufel ist das? Wieso steht der auf der Bühne?

Möglicherweise wichtiger als die Klärung dieser Fragen war dann die zweite Debatte. Hier kamen die Schwergewichte des Demokratischen Wahlkampfs auf die Bühne, die Top-Stars, die diesen Wahlkampf unter sich entscheiden werden. Dies war die Runde der „Erwachsenen“. Deutlich mehr Zuschauer dürften eingeschaltet haben. Auch die Nervosität dürfte bei den Kandidaten größer gewesen sein. Und so ging es auch hektischer zu. Die Diskussion war kämpferischer, lauter und aggressiver. Von vornherein war klar, dass diese zweite Debatte ein Game-Changer werden könnte für die Beteiligten. Ein Game-Changer nach oben. Oder ein Game-Changer nach unten.

Und so ist es dann ja auch gekommen. Aber ich sage vorneweg, dass ich das Mediennarrativ, das die gesamte TV-Debatte auf einen „Breakout-Moment“ für Kamala Harris und einen korrespondierenden Absturz von Joe Biden bei einer einzigen ungeschickten Antwort reduziert, für fundamental falsch halte.

Vielmehr hat Kamala Harris eine beeindruckende Performance abgeliefert, von der ersten Minute der Debatte bis zur letzten Minute der Debatte. Sie hat es geschafft mit der Autorität einer ehemaligen Staatsanwältin zu reden, genauso wie mit der Verletzlichkeit eines Opfers vergangener Sünden der amerikanischen Gesellschaft. Sie hat sich als Vorkämpferin präsentiert für den Rechtsstaat, für Frauenrechte, für Minderheitenrechte und für eine offene, liberale Gesellschaft. Sie war ausreichend mittig, um für zentristische Unterstützer Bidens genauso interessant zu bleiben, wie sie ausreichend progressiv war, um den linken Flügel mitzuziehen. Sie war selbstbewusst, redegewandt und sie fand wiederholt die richtigen Worte – ganz gleich, was das Thema war. Schon durch ihre Fähigkeit flüssig und mit Autorität, aber auch Emotion präsentieren zu können, hob sie sich deutlich von der großen Mehrheit des Bewerberfelds ab. Auch wer einen anderen Kandidaten unterstützt, wird kaum umhinkommen, sich zu fragen, wie der eigene Favorit in Sachen Professionalität und Ausdruck zu Kamala Harris aufschließen kann.

Gleichzeitig war das größte Problem der Senatorin aus dem sonnigen Kalifornien, dass sie bisher, also vor der TV-Debatte, trotz guter Wahlkampfleistung, trotz solidem Fundraising keinen wirklichen Sprung nach vorne gemacht hatte. Wieder und wieder wurde sie mit Marco Rubio oder gar Scott Walker 2016 verglichen, beide auf dem Papier sehr vielversprechende Kandidaten der Republikaner, mit denen viele im konservativen Elektorat hätten leben können, die aber nur ein sehr schmales Segment an Unterstützern fanden, deren erste Wahl sie waren. Beide scheiterten trotz ihres enormen politischen Potentials. Würde es Kamala Harris ähnlich ergehen?

Diese Frage können wir nach der TV-Debatte getrost mit nein beantworten. Hauptgegner, insbesondere im Wettbewerb um die Stimmen der African Americans, die Harris unbedingt braucht, wenn ihre Kandidatur erfolgreich sein soll, ist Joe Biden. Das Losglück hatte ihr schon die Abwesenheit von Cory Booker von der Bühne beschert, was ihr einen weiteren Angreifer im Kampf um die Stimmen der großen schwarzen Minderheit ersparte.

Und ihre Attacke auf den Frontrunner der Demokraten war beeindruckend platziert die maximalmöglichste Beschädigung zu bewirken und mit makelloser Perfektion ausgeführt. Schon als Joe Biden den mit eiskaltem Lächeln persönlich an ihn gerichteten ersten Halbsatz hörte („I do not believe that you are a racist“), dürfte ihm klar gewesen sein, dass er in zwei Minuten Toast sein würde. Kamala Harris‘ Geschichte, wie sie als kleines Mädchen persönlich von der Politik der Rassenfanatiker, mit denen Biden sich rühmte erfolgreich Gesetze gemacht zu haben, betroffenen war, war packend und mitreißend. Dass Biden darauf nichts Plausibles zu entgegnen hatte, war zu erwarten. Eine Entschuldigung in aller Form hätte seine Kandidatur beschädigt. Also suchte er sein Heil in der Rechtfertigung, was ihn zwang sich im Jahr 2019 gegen die Bemühungen des Federal Governments zur Integration schwarzer Kinder in amerikanischen Schulen zu positionieren. Sich auf diese Position zurückzuziehen, ist nicht weniger als eine Katastrophe für seinen Wahlkampf. Man kann sich die Soundbites der kommenden Wochen in den Medien vorstellen. Man kann sich vorstellen, wie sich Biden wieder und wieder und wieder für diese Worte wird rechtfertigen müssen. Und man kann sich vorstellen, wie diese Aussagen gerade in den Communities der African Americans ankommen werden, auf deren Stimmen Bidens gegenwärtiger Frontrunner-Status fußt. Dieser Moment war ein Fiasko für den ehemaligen Vizepräsidenten, ebenso wie er ein Triumph für Kamala Harris war. Allerdings wurde Harris nicht nur für diesen einen Moment, sondern insgesamt für eine makellose Performance in der Debatte belohnt. Ein deutlicher Stimmenzugewinn steht für sie zu erwarten. Kamala Harris ist spätestens seit vorgestern ein Top-Contender um das Weiße Haus.

Aber ebenso wie sich Harris‘ Erfolg nicht nur auf einen einzigen Satz in der TV-Debatte reduzieren lässt, so lässt sich auch Bidens Desaster nicht auf diesen einen ungeschickten Moment einengen. Vielmehr wirkte der ehemalige Vizepräsident der Obamaregierung wiederholt zerfahren und verhaspelte sich. Auf offensichtliche Angriffsflächen, die er seit Wochen bietet, war er schlecht vorbereitet. Und nichts in seiner Performance ließ darauf schließen, dass er über die Energie und den Optimismus verfügt, die für einen Wahlkämpfer um das Weiße Haus essentiell sind. Auf der Bühne wirkte er müde. Wie ein ausgelaugter 76 Jahre alter Anachronismus, der sich in eine politische Debatte verirrt hat. Man darf davon ausgehen, dass auch seine Umfragewerte das zunehmend reflektieren werden. Ich wäre nicht erstaunt, wenn wir hier den Anfang vom Ende von Joe Bidens Kandidatur erlebt haben.

Demgegenüber war der zweite Greis der Runde, Bernie Sanders, betont dynamischer und kämpferischer. Dabei ist er im Auftritt, in den Themen, in der Performance, ununterscheidbar vom Bernie Sanders von vor vier Jahren. Das dürfte gleichzeitig sein größter Vorteil und sein größter Nachteil sein. Da er fast universell bekannt ist und fast alle bereits eine Meinung zu ihm haben, ist es naturgemäß schwieriger neue Unterstützer hinzuzugewinnen. Und wenn er permanent das gleiche Programm fährt, wird er zwar möglicherweise seinen gegenwärtigen, nicht unwesentlichen Support stabilisieren, aber eben nicht ausbauen. Trotzdem muss man dem Kampfgeist und der Energie des Senators von Vermont Respekt zollen. Es bleibt die Frage, ob er am Ende bereit sein wird zur Seite zu treten und zu helfen das progressive Elektorat hinter Elizabeth Warren zu konsolidieren. Warren dürfte schon rein aus Altersgründen die weitaus attraktivere Option für die Demokraten sein und sie ist auch weniger ein rotes Tuch für das zentristische Establishment. Ich schätze ihre Chancen am Ende deutlich besser ein als die von Sanders, vorausgesetzt dass sie an ihrer Präsentation in der Öffentlichkeit arbeitet. Es wäre dann an Bernie sich zu entscheiden, ob er Geschichte schreiben will und all die Policies durchsetzen will, für die er sein gesamtes politisches Leben gekämpft hat, auch wenn das bedeutet zurück ins Glied zu treten. Oder ob er mit Starrsinn an einer hoffnungslosen Kandidatur festhält, die Stimmen der Progressiven spaltet und damit eine Präsidentin aktiv verhindert, die viele gute Ideen für eine linke Transformation des Systems hätte.

Ansonsten gibt es wenig Erwähnenswertes aus der zweiten Debatte. Kirsten Gillibrand hatte ein paar nette Momente. Aber sie verfügt im Augenblick über weniger als 1% der Stimmen und kommt auch mit dem Fundraising nicht voran. Letztlich hat sie ihrer Kandidatur mit der Exekution von Al Franken nachhaltigen, irreparablen Schaden zugefügt. Das darf man mit einiger Zufriedenheit zur Kenntnis nehmen. Pete Buttigieg stand auch noch auf der Bühne, ohne großen Eindruck zu hinterlassen. Ja, man kann sich durchaus vorstellen, dass er ein engagierter und fähiger Bürgermeister einer mittelgroßen Stadt im Mittleren Westen ist. Aber warum man ausgerechnet ihn ins Weiße Haus wählen sollte, ließ sich nicht zufriedenstellend rechtfertigen in der Debatte. Von einigen Kandidaten – Hickenlooper, Bennet und Yang – hatte man zuvor nicht mehr als die Namen gehört. Bei keinem der drei war man im Anschluss an das Event traurig so wenig Informationen zu haben. Und dann waren da noch Eric Swalwell und Marianne Williamson. Wer die beiden sind und wie es sie auf diese Bühne verschlagen hat, ist ein weiteres Rätsel, von dem ich befürchte, dass es nicht ausreichend spannend ist zeitnah gelöst zu werden.

Bleibt noch eine persönliche Frage. Am Ende, als die TV-Debatte vorbei war, als alle Abschluss-Statements gesagt und sich die Kandidaten von ihren Positionen wegbewegten, schweifte die Kamera über die Köpfe hinweg. Die Bewerber schüttelten gegenseitig ihre Hände, manche umarmten sich, Worte wurden gewechselt. Gerade als Joe Biden und Kamala Harris aufeinander zugingen schwenkte die Kamera zur Seite. Dabei hätte ich zu gerne gewusst, was die beiden sich zu sagen hatten. Ich fühlte mich erinnert an diesen kleinen Moment der Ehrlichkeit aus der US-Fernsehserie The West Wing, als nach der Präsidentschaftsdebatte der Herausforderer, Governor Ritchie, die Hand seines Gegners, Präsident Bartlet, schüttelt, um ihn dann ganz nahe zu ziehen und dem Präsidenten ein vertrauliches „it’s over“ ins Ohr zu raunen. Das Eingeständnis des eigenen Versagens und Ausdruck, dass er nicht mehr mit einem Wahlsieg rechnet. Anschließend richtet sich Governor Ritchie wieder auf, setzt das Lächeln eines Siegers auf, winkt in die Menge und lässt sich bejubeln, als sei nichts passiert. Ich wüsste allzu gerne, ob es zwischen Kamala Harris und Joe Biden zu einem ähnlichen Austausch gekommen ist.

{ 23 comments… add one }
  • Stefan Sasse 30. Juni 2019, 12:44

    Danke für die großartige Analyse!
    Falls sich übrigens jemand wundert, dass dieses Thema bei mir aktuell kaum vorkommt: ich habe schon vor längerem bewusst die Entscheidung getroffen, mich nicht mehr so früh um den Wahlkampf zu kümmern und zu warten, bis größere Entwicklungen absehbar sind, um ein persönliches Engagement möglichst zu vermeiden. Niemand wird ernsthaft erwarten, dass ich den eigentlichen Wahlkampf gegen Trump unvoreingenommen sehen würde, aber wenigstens in den aktuellen primaries schaue ich ziemlich neutral auf das Bewerberfeld und habe keine starken Gefühle für irgendeine der Entwicklungen – oder eine klare Ahnung, in welche Richtung das geht und wer das Ding gewinnen wird.

  • Rauschi 1. Juli 2019, 09:14

    Vielen Dank für die ausführliche und sehr gelungene Darstellung.

    Mich würde die Antwort auf die Frage, ob mittlerweile bekannt ist, warum Trump gewählt wurde, interessieren.
    Wenn das klar ist, lässt sich eine Gegensteuerung einrichten.
    Der Kandidat/die Kandidation, welche das am glaubwürdigsten rüber bringt, hätte dann eine Chance gegen den Amtsinhaber.

    • Stefan Sasse 1. Juli 2019, 16:44

      Comeys Brief.

    • Ralf 1. Juli 2019, 17:59

      Mich würde die Antwort auf die Frage, ob mittlerweile bekannt ist, warum Trump gewählt wurde, interessieren.
      Wenn das klar ist, lässt sich eine Gegensteuerung einrichten.

      Ich denke Trump hat in erster Linie gewonnen, weil er enormes Glück hatte. Clinton hatte gleich mehrere Pfade ins Weiße Haus (z.B. in Florida gewinnen oder in der Mehrheit der Staaten im Mittleren Westen gewinnen oder im Süden North Carolina, Georgia oder gar South Carolina gewinnen oder im Südwesten in Arizona gewinnen). In all diesen Regionen hatte Clinton zeitweise geführt und hatte bis zuletzt Chancen. In all diesen Regionen hätte sie die Wahl für sich entscheiden können. Trumps Pfad ins Weiße Haus war extrem viel enger. Seine Chancen waren minimal und er hat das Beste daraus gemacht.

      Dabei kam ihm mächtig viel Glück entgegen. Seine Gegnerin war historisch unbeliebt und hatte einen erstaunlich starken und polarisierenden Gegenkandidaten in den Primaries. Seine eigene Partei war zu zerstritten, um sich auf eine akzeptable Alternative zu verständigen. Seine Konkurrenten patzten einer nach dem anderen. Eine auf Reality-TV getrimmte Medienstrategie brachte ihm kostenlose Wahlkampfhilfe im Gegenwert von zwei Milliarden Dollar ein. Eine katastrophale Wählermobilisierungsstrategie bei den Demokraten mobilisierte in der Rückschau gerade in den Battleground-States in erster Linie den politischen Gegner. Und zum Schluss gab es noch die Last Minute-Hilfe durch den Comey-Letter. Es war der perfekte Sturm.

      Deine Prämisse, dass wir aus dem Wahlkampf von 2016 viel für 2020 lernen können, sehe ich übrigens skeptisch. 2016 trat Trump bei den Republikanern als anti-republikanischer Revolutionär an (so wie Bernie Sanders bei den Demokraten). Trump weigerte sich öffentlich in Debatten Planned Parenthood zu verurteilen (Todsünde in der GOP). Trumpf versprach medienwirksam das soziale Netz aus Social Security, Medicare und Medicaid nicht anzutasten (Todsünde in der GOP). Trump kündigte eine Krankenversicherung an, die allen – alt und jung – traumhafte Leistungen für kleines Geld bieten würde (Todsünde in der GOP). Trump kündigte an das Iranabkommen zu akzeptieren (Todsünde in der GOP). Trump versprach den Sumpf in Washington trockenzulegen (Todsünde in der GOP). Trump verurteilte den Irakkrieg und verlangte, dass die Soldaten heimkehren sollten (Todsünde in der GOP). Trump versprach Freihandelsabkommen zu kündigen und Jobs aus der Fertigungsindustrie zurück ins Land zu holen (Todsünde in der GOP). Trump versprach massive Investitionen in die marode Infrastruktur des Landes (Todsünde in der GOP). Mit anderen Worten: Trump war der mit Abstand gemäßigtste Kandidat in der GOP. Und mit vielem von dem, was er nach außen hin vertrat, war er näher an genuin linken Positionen als die marktgläubigen, kriegsgeilen Zentristen um Clinton. Das dürfte erheblich dazu beigetragen haben, dass viele bis zum Schluss Unentschlossene sich in letzter Minute für den Immobilienmogul entschieden und gegen die Demokratin. In dieser Gruppe brachen die Stimmen in etwa zu zwei Dritteln für Trump. Ohne diese Stimmen hätte er die Wahl verloren.

      Tatsächlich rausgekommen ist aus Trumps Präsidentschaft das Gegenteil seiner Ankündigungen. Statt einer super Krankenversicherung, versuchte er Millionen ihres Versicherungsschutzes zu berauben. Statt die sozialen Sicherungssysteme zu schützen, versuchte er sie massiv auszuhöhlen. Keine Minute arbeitete er an einem Infrastrukturprogramm. Das Iranabkommen kündigte er ohne Backup-Plan. Der Sumpf der Korruption und Vetternwirtschaft wurde dramatisch ausgeweitet. Dass Trump in 2020 noch einmal Stimmen aus der linken Ecke bekommt, ist praktisch ausgeschlossen. Alldieweil die Demokraten auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen erheblich linksgerichteteren Wahlkampf führen werden. Gegenwärtig unterstützen z.B. alle 20 demokratischen Kandidaten Medicare For All, die übergroße Mehrheit unterstützt irgendeine Version des Green New Deal, Forderungen nach einer Erhöhung des Mindestlohns sind sehr populär etc..

      Während Trump also im linken Lager verliert, hat er im gebildeten, rechten Lager, das 2016 zu nicht unwesentlichen Teilen Clinton gewählt hat, dazugewonnen. War er vor vier Jahren noch ein ungeliebter Außenseiter, hat er die GOP voll hinter sich konsolidiert. Er hat schließlich auch alles getan, was die Konservativen wollten: Erzreaktionäre in den Supreme Court gehoben und dramatisch die Steuern für Reiche und für Unternehmen gesenkt. Dafür ist man im republikanischen Elektorat dann auch bereit hinzunehmen, dass ein unstabiler, inkompetenter Narzisst im Weißen Haus sitzt.

      Die Folge ist, dass in 2020 im wesentlichen ein „klassischer“ Republikaner gegen einen „klassischen“ Demokraten antreten wird. Der Kandidat der Demokraten – ganz egal wer es wird – wird diesmal sicher nicht der zweitverhassteste Politiker des Landes sein. Und in der Bevölkerung sind viele der Skandale müde. Ob die Medien noch einmal mit solcher Begeisterung über jeden Ausfall von Trump berichten werden wie vor vier Jahren, darf man bezweifeln. Das wird in die kostenlose Wahlkampfwerbung hineinschneiden. War 2016 eine absolute Besonderheit, ein total verrückter Wahlkampf in einem total verrückten Jahr, wird 2020 sehr viel konventioneller laufen. Die Demokraten täten gut daran aus dem Jahr 2008 zu lernen für den nächsten November, und nicht aus 2016 die falschen Schlüsse zu ziehen, die längst nicht mehr passen.

      • Stefan Sasse 1. Juli 2019, 18:46

        Ich würde da viel mehr Konjunktive verwenden, aber dein Wort in Gottes Ohr.

      • Rauschi 2. Juli 2019, 05:22

        Das dürfte erheblich dazu beigetragen haben, dass viele bis zum Schluss Unentschlossene sich in letzter Minute für den Immobilienmogul entschieden und gegen die Demokratin. In dieser Gruppe brachen die Stimmen in etwa zu zwei Dritteln für Trump. Ohne diese Stimmen hätte er die Wahl verloren.
        Vielen Dank, das wusste ich nicht, ist bei mir überhaupt nicht angekommen, dabei halte ich mich für einigermasen informiert.
        Liegt dann vielleicht daran, das sich die Medien, jedenfalls hier, auf das Narrativ „die Russen sind Schuld“ gesürzt haben.
        Hoffen wir mal, das der Bonus des Amtsinhabers nicht wie befürchtet wirkt.

        • Stefan Sasse 2. Juli 2019, 07:32

          Comey. Comey. Comey. Ich habe übrigens eine längliche Artikelserie genau über diese Faktoren geschrieben…

          • Rauschi 2. Juli 2019, 15:56

            Die habe ich gelesen, aber an diesen Tenor kann ich mich beim besten willen nicht erinnern.
            Da war ganz viel:“Die mögen keine Frauen“ und ähnliche Wählerbeschimpfung. An die Aussage, das er viele Stimmen von Links bekommen hat, kann ich mich nicht erinnern.
            Was hat der ehemalige FBI Direktor damit zu tun?

          • Ralf 2. Juli 2019, 17:48

            Der Stefan Sasse überschätzt den Comey-Letter maßlos. Ja, der Brief hat einen signifikanten Einfluss gehabt. Aber in einer extrem knappen Wahl mit einem hauchdünnen Ergebnis, ist JEDER Faktor der entscheidende.

            Was die Stimmen für Trump von links angeht, ist das sicher nicht die Mehrheit der Stimmen gewesen, die der Immobilienmogul insgesamt bekommen hat. Aber ein signifikanter Teil der Demokraten, die sich eher Bernie Sanders nahe fühlten, sind nachdem der Senator von Vermont aus dem Rennen ausgeschieden war, nicht mehr zur Wahl gegangen. Sie sind zuhause geblieben und das hat Clinton mehrere Staaten im Mittleren Westen gekostet. Darüber hinaus gab es eine kleine Gruppe „Unabhängiger“, die bis zum Schluss noch nicht wusste, wen sie wählen sollte. Es waren die, die sowohl Clinton verabscheuten als auch Trump verabscheuten, aber oft Sympathien für Sanders hatten. War wie gesagt keine riesige Gruppe, aber bei einer so knappen Wahl wie im November 2016 braucht es keine riesigen Gruppen, um eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung zu bewirken. Unter diesen „Last-Minute-Wählern“ hat sich die große Mehrheit für Trump entschieden (etwa zwei Drittel). Das war der Sargnagel für Clinton, die ansonsten vermutlich Michigan und Wisconsin, vielleicht sogar Pennsylvania gewonnen hätte und damit die Präsidentschaft.

            • Stefan Sasse 2. Juli 2019, 18:21

              Wie du schon sagst – extrem knapp. Jeder Faktor kippt es. Und den Comey-Brief kann mal halt schön isolieren, die strukturellen Dinger weniger. Im Übrigen wächst das ja nicht auf meinem Mist, und wir reden hier von einem deutlich größeren Effekt, als du zugestehen willst.

              • Ralf 2. Juli 2019, 18:30

                Und den Comey-Brief kann mal halt schön isolieren, die strukturellen Dinger weniger.

                Stimmt. Das ist angenehm für Historiker, dass man den Comey-Letter so schön isolieren kann. Aber das bleibt dennoch ein rein technisches Argument. Faktoren, die sich weniger gut isolieren lassen, sind deshalb nicht weniger bedeutend.

                • Stefan Sasse 2. Juli 2019, 19:13

                  Behaupte ich ja nicht. Aber ich denke die Aussage dass sie „wegen des Comey-Letters“ verloren hat ist absolut haltbar.

  • R.A. 3. Juli 2019, 14:22

    „Weshalb die Liste der Teilnehmer der TV-Debatte zuvor nicht zumindest auf diejenigen Kandidaten zusammengeschrumpft worden war, die wenigstens mehr als 4-5% der Stimmen in den gegenwärtigen Umfragen bekommen, bleibt das Geheimnis des Democratic National Committee (DNC).“
    Ist die Antwort nicht naheliegend?
    Die Parteiführung hat beim letzten Vorwahlkampf so viele Vorwürfe (ob berechtigt oder unberechtigt) wegen Parteinahme zugunsten Clintons eingefangen, daß sie nun jeden Anfangsverdacht ausräumen möchte, irgendeinen Bewerber zu bevorzugen oder zu benachteiligen.

    Und wenn man dadurch auch ein paar unbekannte Bewerber kennenlernt, die vielleicht nicht Präsident, aber Vize oder Minister werden könnten, ist das ja auch kein Schaden und die Zeit wert.

    „Kamala Harris‘ Geschichte, wie sie als kleines Mädchen persönlich von der Politik der Rassenfanatiker, mit denen Biden sich rühmte erfolgreich Gesetze gemacht zu haben, betroffenen war, war packend und mitreißend. Dass Biden darauf nichts Plausibles zu entgegnen hatte, war zu erwarten.“
    Klar gibt so etwas maximale emotionale Wirkung.
    Mir sagt der Vorgang nichts – wie ist denn der inhaltlich zu beurteilen? Sind die Vorwürfe gegen Biden berechtigt, hätte er eine bessere Erklärung finden können?

    Es ist ja taktisch durchaus zweischneidig, so gezielt auf die Erwartungen einer Zielgruppe einzugehen. Das mag ihr bei den Schwarzen helfen, aber die Mehrheit der demokratischen Mitglieder und Wähler sind ja nicht schwarz. Und da könnte es auch einen negativen Effekt geben, falls die Vorwürfe als unfair empfunden werden.

    • Ralf 3. Juli 2019, 18:55

      Die Parteiführung hat beim letzten Vorwahlkampf so viele Vorwürfe (ob berechtigt oder unberechtigt) wegen Parteinahme zugunsten Clintons eingefangen, daß sie nun jeden Anfangsverdacht ausräumen möchte, irgendeinen Bewerber zu bevorzugen oder zu benachteiligen.

      Der Skandal war damals, dass das DNC aktiv und unerlaubt einen Kandidaten bevorzugt und nach internen Absprachen alle anderen benachteiligt hat. Hingegen hat es hat nie einen Vorwurf gegeben, dass die Zahl der zur Debatte zugelassenen Kandidaten zu gering war.

      Aber auch inhaltlich hat dieses monströse Aufgebot von 20 Kandidaten niemandem geholfen. Im Gegenteil. Es geht ja gerade darum, dass man sich ein Bild von den Contendern im direkten Vergleich machen soll. Das geht aber nicht, wenn man die Diskussion auf zwei Nächte verteilen muss, mit zwei unabhängigen Sets von Kandidaten, die jeweils nicht aufeinandertreffen. Und jeder der diese Kinderdebatte am ersten Tag zugelost bekam, hatte einen entscheidenden Nachteil den anderen gegenüber.

      Im übrigen wären auch ideologisch alle „Lanes“ vertreten gewesen, hätte man sich auf die Top 5-Wettbewerber beschränkt. Biden und Buttigieg wären die „Alt“ und „Jung“-Version der Zentristen gewesen. Sanders und Warren wären die „Alt“ und „(Mittel-)Jung“-Version der ökonomisch Linken gewesen. Und Harris wäre der Mittelweg zwischen den beiden Polen mit deutlichem Bezug zu progressiven Identity-Politics gewesen. Unter den Kandidaten wären zwei Frauen und drei Männer gewesen, eine Schwarze und vier Weiße, ein Homosexueller und vier Heterosexuelle. Schwer zu glauben, dass es demokratische Wähler gibt, die mit keinem der fünf etwas anfangen können.

      Mir sagt der Vorgang nichts – wie ist denn der inhaltlich zu beurteilen? Sind die Vorwürfe gegen Biden berechtigt, hätte er eine bessere Erklärung finden können?

      In den 70ern war es durchaus eine akzeptierte Meinung in den USA, dass sich das Federal Government außer in Extremfällen aus der Desegregation der Schulen heraushalten soll. Zumindest hätte man damit nicht bei der großen Zahl der weißen Wählerschaft angeeckt. Heutzutage sind solche Meinungen nicht mehr vermittelbar und außerhalb des gesellschaftlichen Konsenses. Ich denke Biden hätte eine bessere Figur gemacht, wenn er sich auf ein „das war damals eine andere Zeit“-Argument verständigt hätte. Etwas Bedauern und zugleich Verständnis für die damaligen Betroffenen zeigen. Aber es wäre ein Drahtseilakt gewesen. Offen einzugestehen damals falsch geurteilt zu haben, hätte ihn möglicherweise schwach aussehen lassen. Obwohl Pete Buttigieg z.B. genau das gemacht hat in der Debatte, als er selbst mit Unzulänglichkeiten aus seiner Vergangenheit konfrontiert wurde. Buttigieg ist dafür breit in der Presse gelobt worden. Eine ehrliche Entschuldigung kann manchmal Wunder wirken. Aber sich beleidigt auf den Standpunkt zurückzuziehen, dass er alles richtig gemacht habe und dass das Federal Government nicht dafür zuständig sei schwarzen Kindern zur Gleichberechtigung zu verhelfen, war die dümmste aller Antworten. Bidens Umfragewerte sind bereits um bis zu zehn Prozentpunkte kollabiert und mittlerweile macht er genau das, was er besser in der Debatte gemacht hätte: Bedauern und Verständnis für die Betroffenen zeigen.

      Es ist ja taktisch durchaus zweischneidig, so gezielt auf die Erwartungen einer Zielgruppe einzugehen. Das mag ihr bei den Schwarzen helfen, aber die Mehrheit der demokratischen Mitglieder und Wähler sind ja nicht schwarz.

      Schwarze Amerikaner machen etwa 20% des demokratischen Elektorats aus und sie sind die mit Abstand treueste Wählergruppe der Partei. Kein Demokrat kann folglich gegen die African Americans eine Wahl gewinnen. Und den schwarzen Wählern kommt bei den Primaries eine Schlüsselstellung zu. Sagen wir mal, dass ab Januar 2020 nur noch Biden, Buttigieg, Sanders, Warren und Harris im Rennen sind.

      Dann starten die Primaries am 3. Februar mit dem Iowa-Caucus. Ein Caucus begünstigt strukturell fast immer die motiviertesten Aktivisten, also eine Gruppe, bei der Biden derzeit am eher wenig hip ist. Gut vorstellbar also, dass Sanders oder Warren gewinnt. Oder Buttigieg mit seinem Midwest-Appeal.

      Dann folgt am 11. Februar die New Hampshire Primary. Das wird für die aus den Nachbarstaaten stammenden Sanders (Vermont) und Warren (Massachusetts) ein Heimspiel.

      Anschließend folgt am 22. Februar der Nevada Caucus. Dort dürfte Harris als Kalifornierin populär sein. Also gut möglich, dass Biden nach drei Wahlen immer noch nichts gewonnen haben wird.

      Die Entscheidung kommt dann traditionell am Super-Tuesday. Wer dort nicht gewinnt, kann fast nie das verlorene Momentum wieder einholen. Am Super Tuesday wählt Kalifornien, was der mit weitem Abstand größte Preis ist. Harris ist Senatorin von Kalifornien und ihr Heimstaat ist ein Must-Win. Außerdem wählt Massachusetts. Das ist Warrens Heimstaat. Dann ist da Maine. Eigentlich ein eher unbedeutenderer Staat, der wegen seiner regionalen Nähe zu Vermont und Massachusetts wahrscheinlich ebenfalls Warren oder Sanders wählen wird. Vermont wählt noch und dieses Rennen wird Sanders in der Tasche haben. Keine Ahnung wer Utah und Colorado holt, aber mein Tip wäre am ehesten Harris. Und Minnesota könnte an Biden gehen. Oder an Buttigieg.

      Was dann noch bleibt, sind Alabama, Arkansas, North Carolina, Oklahoma, Tennessee, Texas und Virginia. Diese Wahlen werden allesamt von schwarzen Demokraten dominiert. Bis vor kurzem eine der stärksten Wählergruppen von Biden. Und seit der Debatte hat Harris den größten Zufluss von hier. Sollte Harris bei diesen Südstaaten abräumen, ist Bidens Kandidatur Toast.

      • Stefan Sasse 4. Juli 2019, 04:33

        Buttigieg wettet effektiv darauf, dass die demokratischen Wähler hinreichend erwachsen sind, um eine Entschuldigung akzeptieren zu können. Bislang galt ja leider immer die Regel – hierzulande auch – dass Fehler einzugestehen und Entschuldigungen Schwäche sind. Es wäre sehr zu begrüßen, wenn sich das ändern würde.

        Für Biden gibt es effektiv keine gute Antwort auf diesen Vorwurf, aber es gibt mehr oder weniger schädliche Entgegnungen.

        • Ralf 4. Juli 2019, 19:49

          Bislang galt ja leider immer die Regel – hierzulande auch – dass Fehler einzugestehen und Entschuldigungen Schwäche sind.

          Ich denke eine Entschuldigung kann sehr stark wirken. Im übrigen ganz egal, ob man sie wirklich ernst meint. Nimm z.B. die „Wir haben verstanden“-Kampagne von Shell damals. Mit einer Entschuldigung und dem klaren Eingeständnis einen Fehler gemacht zu haben, nimmt man dem Gegner jede Möglichkeit diesen Angriffspunkt noch weiter zu nutzen. Man zwingt den Gegner quasi zur Vergebung. Das wusste schon Heinrich IV in Canossa. Und Papst Gregor VII kann ein Lied davon singen. Hillary Clinton hätte sich 2015 so des ganzen Email-Skandals entledigen können. Stattdessen hat sie darauf bestanden nichts falsch gemacht zu haben. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie das hat stark aussehen lassen …

          • Stefan Sasse 5. Juli 2019, 04:45

            Ja, hätte sie sich nur entschuldigt, dann wäre das alles nie passiert:
            https://www.youtube.com/watch?v=B1QppXMJ9vU

            • Ralf 5. Juli 2019, 05:17

              Schön wäre, wenn Du die Videos, die Du verlinkst auch selber anschaust … 😀

              Aus dem gesendeten Material geht hervor, dass Clinton über Monate hinweg nicht nur eine Entschuldigung weit von sich gewiesen hat, sondern auch stets behauptet hat, alles richtig gemacht zu haben. Dann kam es zu einer Entschuldigung. Also nicht für ihr Handeln. Sondern dafür, dass sie missverstanden wurde. Nachdem auch das überraschenderweise ihre Umfragewerte nicht aus dem Keller holte, fraß sie schließlich Kreide. Und sah ehrlich gesagt auch dabei nicht sonderlich genuin aus.

              Die Lehre daraus: Sich früh entschuldigen. Reue zeigen. Und ehrlich dabei wirken.

              Dann klappt’s auch mit der Präsidentschaft …

  • procul o procul este profani 4. Juli 2019, 18:34

    Im Ernst? Trump wurde aus einem Grund gewählt: BUILD THE WALL!

    Es ist die E i n w a n d e r u n g, die Trump zum Sieg verholfen hat.

    Siehe auch Vox Days Analysen, der den Sieg Trumps mehr als ein Jahr vor der Wahl vorhergesehen hat.

    Sein Voxiversity 001 – Immigration & War hat die Thematik gut dargestellt.

  • Ralf 4. Juli 2019, 18:57

    Im Ernst? Trump wurde aus einem Grund gewählt: BUILD THE WALL!

    Das widerspricht seriösen Analysen. Auch wenn die Großschrift zugegebenermaßen fancy aussieht.

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