Logische Trugschlüsse und kognitive Verzerrungen

Ich habe in den Kommentaren in letzter Zeit immer wieder Begrifflichkeiten aus dem Bereich der „logical fallacy„, auf Deutsch Trugschlüsse, benutzt. Da diese nicht allgemein bekannt zu sein scheinen, möchte ich an dieser Stelle kurz die verschiedenen Trugschlüsse erklären, da ich sie für insgesamt ein sinnvolles Konzept halte.

Vogelscheuchen-Trugschluss (Strawman fallacy)

Anstatt sich mit dem Argument an sich auseinanderzusetzen, wird eine Vogelscheuche des Arguments aufgebaut und stattdessen bekämpft. Dies wird meist durch eine von zwei Möglichkeiten erreicht. Entweder man reißt einen Teil eines Arguments aus dem Kontext, so dass es in einem anderen Licht erscheint, oder man vereinfacht das Ursprungsargument so weit, dass es sich leicht widerlegen lässt.

Beispiel:

  • Argument: „Wenn ein Politiker einer Partei diese Aussage macht, dann ist er ein herzloser Unmensch.“
  • Vogelscheuchen-Trugschluss: „Die Partei ist gar nicht so! Dein Argument ist falsch!

In diesem Fall wird das Argument widerlegt, ALLE Politiker der Partei seien herzlose Unmenschen. Dieses ist natürlich, wie jedes zu pauschale Urteil, leicht zu widerlegen – und zieht die Debatte erfolgreich von ihrem eigentlichen Gegenstand weg.

Ad-Hominem-Trugschluss (Ad hominem fallacy)

„Ad hominem“ ist Latein für „zum Menschen“. Gemeint ist, dass der Mensch selbst statt des Arguments attackiert wird. Dies geschieht meist entweder durch einen Angriff auf den Charakter der jeweiligen Person, die ihr jegliche Autorität abspricht, oder durch ein „tu quoqe“ („Du machst das Gleiche“), wodurch der Person die Autorität abgesprochen wird, weil sie heuchelt. Beispiel:

  • Argument: „Fastfood ist schlecht für die Menschen, weil es ungesund ist und die Angestellten zudem ausgebeutet werden.“
  • Ad hominem-Trugschluss: „Du magst keine Katzen. Nur Unmenschen mögen keine Katzen. Deine Argumente sind daher falsch.“
  • Tu-quoque-Trugschluss: „Ich habe dich gestern drei BigMacs verdrücken sehen. Du kannst McDonalds also gar nicht kritisieren.“

In den obigen Fällen wird aus dem negativen Charakterzug, keine Katzen zu mögen, ein Ad-hominem-Trugschluss auf dessen Argument begangen. Im zweiten Fall, der sehr beliebt ist und letzthin etwa bei Greta Thunberg beobachtet werden konnte, wird von persönlich heuchlerischem Verhalten auf die Richtigkeit des zugrundeliegenden Arguments geschlossen. Das hat aber in beiden Fällen nichts mit dem ursprünglichen Argument zu tun.

Schwarz-und-Weiß-Trugschluss (Black-and-White fallacy)

In diesem Trugschluss wird eine Wahl zwischen zwei Extremen als einzige Möglichkeit angeboten und so Komplexität reduziert. Eine weitere Auswahlmöglichkeit besteht nicht; die Vorstellung, Argumente beider Seiten gut und andere beider Seiten schlecht zu finden wird nicht akzeptiert. Beispiel:

  • Argument: „Wir sollten die Erbschaftssteuern erhöhen, um eine bessere Vermögensverteilung in der Gesellschaft zu erreichen.“
  • Schwarz-Weiß-Trugschluss: „Wer Steuern erhöht, schadet der Wirtschaft. Wir müssen alle Steuern senken, um ihr zu helfen.“

Im obigen Beispiel wird die Diskussion über eine spezifische Steuererhöhung auf eine simple Wahl zwischen pauschaler Steuererhöhung und pauschaler Steuersenkung reduziert. Alternativen werden dabei vollkommen ausgeschlossen.

Autoritäts-Trugschluss (Authority fallacy)

Das Argument einer Person wird akzeptiert, weil ihr eine Autorität zugesprochen wird, die diese nicht besitzt. Dieses Argument richtet sich dezidiert nicht gegen echte Autoritäten, sondern gegen solche, die keinerlei Expertise auf dem Feld des Arguments besitzen. Beispiel:

  • Argument: „Die Globale Erwärmung existiert und ist ein echtes Problem.“
  • Autoritäts-Trugschluss: „Mein Vater ist Ingenieur, und er sagt, dass das alles Unsinn ist.“

Dieser Trugschluss ist ziemlich leicht nachvollziehbar. Problematisch wird er häufig dadurch, dass die Expertise echter Autoritäten so in Zweifel gezogen wird. Dies ist besonders in der Klimadebatte oft zu beobachten, wo etwa US-Medien einem Klimawissenschaftler ein Kongressmitglied als gleichberechtigten Gesprächspartner entgegenstellen, obwohl letzterer keine fachliche Qualifikation besitzt.

Kein echter Schotte (No true Scotsman fallacy)

Ein Argument, das auf Allgemeingültigkeit beruht und durch ein Gegenbeispiel widerlegt wird, kann zu einem „Kein echter Schotte“ werden, indem seine Einordnung angezweifelt wird. Dadurch wird per Ausgrenzung versucht, sich einer Widerlegung zu entziehen.

  • Argument: „Nicht alle Schotten sind nette und umgängliche Menschen. Man sehe sich nur Dagobert Duck an!“
  • Kein-Echter-Schotte-Trugschluss: „Der ist kein echter Schotte! Kein echter Schotte würde sich so benehmen!“

Dieses Ding ist besonders beliebt, wenn ein Mitglied der eigenen In-Group daneben liegt. Besonders beliebt beim Beweis, warum die letzte fehlgeschlagene Revolution ohnehin nie „wirklich“ sozialistisch war und deswegen über die Qualitäten des „echten“ Sozialismus nichts aussagt. Bei Rechten kommt das gerne in der Variante, dass der jeweilige Übeltäter kein „echter“ Deutscher ist, vor.

Der Trugschluss-Trugschluss (Fallacy fallacy)

Nur weil ein Gegner in seiner Argumentation einen logischen Trugschluss hat, bedeutet das nicht, dass sein Argument damit automatisch widerlegt ist.

  • Argument: „96% aller Wissenschaftler sagen, dass der Klimawandel real ist. Nur Idioten wie du können das bezweifeln!“
  • Trugschluss-Trugschluss: „Ha, ein ad-hominem-Trugschluss! Damit ist dein Argument ungültig.“

Das Nachweisen von Argumentationsfehlern als Widerlegung der Qualität des Ausgangsarguments ist oft auch ein kleiner Vetter des Tu-Quoque-Trugschlusses. Man muss da immer die Person vom Argument trennen.

Der texanische Scharfschütze (Texan sharpshooter fallacy)

Wenn ein Argument auf der Basis von Informationen gemacht wird, die die Vorurteile des Sprechers widergeben, dann wird letztlich das Ziel um die Argumente herumgemalt – sie treffen immer, egal um was es eigentlich geht. Beispielhaft lässt sich dies an der nicht vergleichbaren empirischen Basis des folgenden Arguments:

  • Argument: „Wir brauchen mehr Schutz von Frauen am Arbeitsplatz!“
  • Texanischer-Scharfschütze-Trugschluss: „Männer werden immer diskriminiert! Viel mehr Männer als Frauen sterben im Beruf!“

Im obigen Beispiel müsste man Männer und Frauen im selben Beruf vergleichen, weil die empirische Basis ansonsten nicht stichhaltig ist. Der Trugschluss beruht darauf, dass versucht wird, eine bereits bestehende Annahme (Männer werden mehr diskriminiert als Frauen) zu belegen. Das Ziel steht also schon fest, bevor das Argument konstruiert wird.

Ziellinie verschieben (Moving-the-goalpoasts fallacy)

Nachdem ein eigenes Argument erfolgreich widerlegt wurde, erklärt man es dennoch für valide, indem einfach die Ziellinie für ein erfolgreiches Widerlegen verschoben wird.

  • Argument: „Wir sehen deutlich anhand der uns hinterlassenen Aufzeichnungen, dass sich das Klima erst in den letzten 150 Jahren geändert hat.“
  • Ziellinien-verschoben-Trugschluss: „Jaaaaaaaa, aber die Aufzeichnungen gehen ja nur 3000 oder 4000 Jahre zurück. Zeig mir Aufzeichnungen der letzten drei Millionen Jahre und wir reden darüber.“

Obiges Argument lässt den jeweiligen Argumentationspartner immer Recht haben; ein Beweis ist hier offensichtlich unmöglich. Das ist auch das Ziel derjenigen, die diesen Trugschluss begehen: durch eine stete Verschiebung der Ziellinie wird der Anspruch für das Akzeptieren des Gegenarguments so lange erhöht, bis es diesem nicht mehr genügt – bis ins Absurde hineinreichend, wie in obigem Beispiel.

Argumentum ad populum (Argumentum-ad-populum fallacy)

Die Richtigkeit eines Arguments wird durch Beschwörung der großen Unterstützerzahl unterstrichen. Die Menge der Menschen, die etwas glauben, sagt aber nichts über die Richtigkeit aus.

  • Argument: „Rassismus ist in Deutschland ein großes Problem.“
  • Argumentum ad polum-Trugschluss: „Viele Menschen stimmen zu, dass Rassismus in Deutschland kein großes Problem ist. Das wird völlig übertrieben.“

Im obigen Beispiel zeigt sich deutlich, dass die Menge der Deutschen, die persönlich Rassismus als Problem empfinden, für die Argumentation irrelevant ist. Rassismus betrifft fast immer nur eine Minderheit von Menschen innerhalb der jeweiligen Gesellschaft. Man muss hier aber vorsichtig sein, denn in vielen Fällen ist die Mehrheitsmeinung durchaus relevant – dies hängt immer vom Argumentationsgegenstand ab.


Neben den Trugschlüssen gibt es eine Reihe so genannter „kognitiver Verzerrungen“, die dafür sorgen, dass wir nicht vollkommen rational denken. Sich dieser Mechanismen, die in der menschlichen Psychologie angelegt sind, bewusst zu machen, hilft dabei, die eigene Argumentation ehrlich zu halten und auf solche Effekte hin abzuklopfen.

Kognitive Verzerrungen haben übrigens durchaus einen evolutionären Vorteil. Erhalten wir widersprüchliche Informationen, entsteht in unserem Kopf eine so genannte „kognitive Dissonanz“, die unser Hirn auflösen möchte. Um angesichts der Masse der Eindrücke nicht überlastet zu werden, nutzt es die Verzerrungen als schnelle Helferchen. Deswegen empfinden wir die Auseinandersetzung mit neuen Ideen oft als anstrengend.

Ankerheuristik

Die Metapher hier ist, dass bereits vorhandene Informationen als Anker dienen, an den sich spätere Impulse sozusagen anhängen. Dies kann auf zwei Arten geschehen.

Entweder verzerren Anker durch das so genannte „Priming“ die Urteilsfindung, indem sie Assoziationen hervorrufen, die zu bereits vorhandenen Informationen passen. Beispielsweise kann die Idee, dass der Klimawandel eine reale Bedrohung ist, dafür sorgen, dass jegliche Informationen über Naturkatastrophen mit ihm in Verbindung gebracht werden, weil das Unterbewusstsein sofort diese Verbindung herstellt.

Oder der Anker besteht aus den ersten Informationen zu einem Thema, die man erhält, und alle anderen Informationen, die zu einem späteren Zeitpunkt dazukommen, werden gegen diesen Anker abgeglichen. So sind die ersten Informationen, die viele Impfgegner zum Thema bekommen, von Websites, die diese Gefahren herausstellen (oftmals fälschlich), und spätere Informationen dringend dann gegen diesen etablierten Anker nicht mehr durch.

Attributionsfehler

Beim Attributionsfehler wird angenommen, dass ein Mitglied einer Gruppe solche Eigenschaften (Attribute) teilt, wie sie dieser Gruppe zugesprochen werden. So empfinden wir etwa Menschen, die unsere eigenen Überzeugungen teilen (und damit zu unserer Gruppe gehören) als sympathischer als Menschen, deren Ansichten wir nicht teilen, obwohl dies auf ihren Charakter eigentlich keine Auswirkungen haben dürfte.

Ein grundlegendes Problem des Attributionsfehlers ist, dass dabei die Wirkung äußerer Faktoren systematisch unterschätzt wird. Stattdessen wird aus Eigenschaften einer Person auf all ihr Verhalten geschlossen. Attributionsfehler sind deswegen besonders häufig bei Verschwörungstheoretikern, weil diese nicht bereit sind, Zufall als Erklärung zu akzeptieren.

Der Attributionsfehler ist zudem ein Kernproblem, das hinter Rassismus oder Sexismus steckt: man schreibt einer Gruppe ein bestimmtes Merkmal zu (etwa dass alle Asiaten besonders klug sind) und wendet dieses dann auf alle Mitglieder der Gruppe an. Im Beispiel würden Asiaten unfair bevorzugt werden, weil man ihnen ungeachtet ihrer tatsächlichen Fähigkeiten das Attribut „klug“ zuspricht und sie entsprechend positiv behandelt.

Bestätigungsfehler

Eine der stärksten kognitiven Verzerrungen überhaupt ist der Bestätigungsfehler. Um kognitive Dissonanz zu vermeiden, wählt unser Gehirn im Zweifelsfall – also wenn nicht eine klare Überlegenheit einer von zwei widerstreitenden Informationen besteht – die aus, die unseren bisherigen Überzeugungen entspricht. Glauben wir also, dass der Klimawandel in Wahrheit gar nicht so schlimm ist und das Ganze maßlos übertrieben wird, und sehen im Fernsehen dann zwei Wissenschaftlerinnen darüber streiten, sprechen wir automatisch derjenigen mehr Kompetenz zu, die unsere vorgefasste Meinung bestätigt.

Dunning-Kruger-Effekt

Der Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass Menschen ihre eigenen Fähigkeiten umso höher einschätzen, je niedriger diese tatsächlich sind. Während Wissenschaftler und andere Experten etwa häufig ihren eigenen Wissensstand relativieren und auf abweichende Meinungen hinweisen oder eventuelle Wissenslücken betonen, steht auf der anderen Seite des Extrems die „Ich habe ein YouTube-Video gesehen und weiß über alles Bescheid“-Fraktion, die sich dann häufig auch kompetent genug fühlt, Experten Paroli zu geben, obwohl sie über weit weniger Fachwissen verfügt und sich oft objektiv gar kein Urteil bilden kann.

Moralische Lizenzierung

Wer etwas Gutes getan hat, glaubt häufig, danach die Lizenz zu haben, etwas Schlechtes zu tun. Dies zeigt sich etwa, wenn jemand Vegetarier ist und mit dieser guten Tat seinen spritschluckenden Sportwagen rechtfertigt. Aber moralisches Verhalten funktioniert nicht so; man handelt entweder dem eigenen Wertesystem entsprechend oder nicht. Eine Art Punktekonto existiert nicht.

Rückschaufehler

„Hinterher ist man immer schlauer“, lautet ein berühmtes Sprichwort. Die daraus resultierende Verzerrung nennt man den Rückschaufehler: Mit dem Wissen, wie es tatsächlich gelaufen ist, wird rückwirkend erklärt, dass es gar nicht anders kommen konnte und dass es immer schon klar war. Dies ist ein Phänomen, das etwa bei Wahlen oft beobachtet werden kann.

Verlustaversion

Gibt man Menschen die Möglichkeit, ein Risiko einzugehen, um etwas zu gewinnen, lehnen viele das ab, weil sie den mit dem Risiko einhergehenden Verlust fürchten und wesentlich schlimmer beurteilen als den potenziellen Gewinn, selbst wenn dies objektiv irrational ist (Etwa: Bei einem Würfelwurf gewinnt man bei 1-5 zwei Euro und verliert bei 6 einen Euro).

{ 32 comments… add one }
  • Erwin Gabriel 17. Februar 2019, 11:20

    Mein Reden 🙂

  • Stefan Pietsch 17. Februar 2019, 14:10

    Man kann aus allem eine Wissenschaft machen. In früheren Zeiten wurde das mit Höflichkeitsregeln wesentlich einfacher abgefangen.

    • Stefan Sasse 17. Februar 2019, 14:25

      Oh Stefan. Man kann auch alles Neue reflexhaft ablehnen.

      • Stefan Pietsch 17. Februar 2019, 15:04

        Natürlich, deswegen bin ich ja gesellschaftspolitisch (und nicht nur dort) inzwischen eher konservativ. Konservativ bedeutet, dass das Neue nicht automatisch ein Wert an sich ist, sondern seinen Nutzen belegen muss.

        Und wenn alter Wein ständig neu abgefüllt wird, macht es ihn nicht besser.

        • popper 17. Februar 2019, 16:54

          Dass ihnen das nicht schmeckt und Sie sofort versuchen zu relativieren, ist klar. Ich habe vor länger Zeit schon einmal auf ihre Masche hingewiesen und dabei auf die „Eristische Dialektik“ hingewiesen, die darin besteht, so zu diskutieren, dass man immer Recht behält. Sie, Herr Pietsch, streiten nicht um das bessere Argument, sondern gegen Personen. Das tun wir alle manchmal. Nur bei ihnen wird jeder Versuch eine sachliche Ebene zu erreichen kaputtgemacht. Sie diskutieren nicht entlang eines Themas, sondern nehmen sich jede Freiheit heraus Nebenschauplätze zu eröffnen. Argumente, die Sie nicht widerlegen können, werden von ihnen entweder verunglimpft oder nicht erwähnt. Und wenn es ganz schlimm kommt, gegen jede vernünftige Diskussionskultur einfach bestritten.

          Das ist ausgesprochen schade, weil ihr Wissen bestechend vielseitig und im Allgemeinen fundiert ist. Die herausfordernde Auseinandersetzung damit, macht es einem nicht einfach. Es eröffnen sich dadurch immer auch andere Perspektiven, die durch permanente Reflektion zu einem Erkenntnisgewinn führen können. Auch, wenn die Standpunkte oft sehr weit auseinander liegen und für meine Begriffe zu sehr auf einer gesinnungsethischen Linie verharren, ist die Diskusion anspornend, trotz aller Verägerung über ihre Marotten..

          • Stefan Pietsch 17. Februar 2019, 17:03

            Danke! Und ich versuche mich zu bessern, ehrlich! 😉

            • Peter Zeller 18. Februar 2019, 16:23

              Besser: Bleiben Sie, wie Sie sind.

        • Stefan Sasse 17. Februar 2019, 16:55

          Die meisten der von mir erklärten Begrifflichkeiten kommen aus den 1960er Jahren. Du kanntest sie nur vorher nicht, und weil du der Nabel der Welt bist, ist alles was dir vorher unbekannt war, neumodischer Schnickschnack? Da wäre etwas Offenheit und Demut schon angebracht. Ganz besonders von jemand, der sonst immer die „ich bin Mann aus der Praxis, vertraue meiner Fachkenntnis“-Keule schwingt.

          • Stefan Pietsch 17. Februar 2019, 17:07

            Seriously? Ich verstehe Deinen Artikel ja, nur muss ich des Öfteren Menschen in einfachen Worten richtiges Verhalten lehren. Und gerade der von Dir beschriebene Aspekt lässt sich sehr einfach zusammenfassen.

            • Stefan Sasse 18. Februar 2019, 06:38

              Was hat das denn mit Höflichkeit zu tun?

              • derwaechter 18. Februar 2019, 07:49

                Zumindest den ersten Teil (also die „Trugschlüsse“) würde ich weniger als Trugschluss denn als unlautere rhetorische Mittel ansehen. Sie werden ja oft bewusst angewandt und sind in solchen Fällen auch unhöflich.

                • Stefan Sasse 18. Februar 2019, 08:35

                  Wenn sie bewusst angewandt werden: ja.
                  Aber oft genug sind sie nicht bewusst angewandt. Und in dem Fall ist es sinnvoll, benennen zu können, warum das jeweilige Argument ungültig ist.

                  • derwaechter 18. Februar 2019, 10:16

                    Klar! Und wenn sie bewusst angewandt werden auch. Dann eben um sie als rhetorischen Trick zu entlarven.

                    • Stefan Sasse 18. Februar 2019, 10:17

                      Genau, und da bringt dich „das ist unhöflich“ nicht sonderlich weit. Auch gute Argumente können unhöflich sein. Das ist eine Frage des Stils, nicht der Stichhaltigkeit.

                    • derwaechter 18. Februar 2019, 23:47

                      Ich habe versucht zu verstehen was Stefan mit unhöflich gemeint haben könnte. Aber klar. Unhöflich ist nicht der beste Begriff für so ein Verhalten.

            • popper 18. Februar 2019, 10:21

              @Pietsch 17. Februar 2019, 17:07

              …nur muss ich des Öfteren Menschen in einfachen Worten richtiges Verhalten lehren.

              Ich stelle fest, ihre Vorsätze haben ein kurzes Zerfallsdatum. Richtiges Verhalten spielt sich doch immer in einem kulturellen Kontext ab. Worin wir „richtiges“ Verhalten sehen, unterscheidet sich von anderen Kulturen mitunter sehr erheblich. Unser Kulturkreis oder Sie, Herr Pietsch, sind wirklich nicht der Nabel der Welt.

              Allein die Vorstellung, es gäbe ein richtiges Verhalten behauptet eine Einsicht die vor aller Gesellschaft existiert. Was nichts anderes ist als ein Erklärungs-Psychologismus, der in sich eine Konservierung trägt, die das einmal Erkannte fortschreiben und bewahren will. Ich habe das weiter oben als Gesinnungsethik bezeichnet. Dieses Festhalten an einer für jeden zu geltenden, zwingenden verinstitutionalisierten Messlatte. Was alles andere ist, als ein autonomes verantwortliches Handeln freier Individuen. Sondern im Grunde Ausdruck einer faschistoiden Herrschaftsstruktur, die jede Art der Veränderung und Pluralität im menschlichen Verhalten im Keime zu ersticken sucht.

              Weil sie glaubt, es gäbe so etwas wie: das richtige Verhalten, den besten Führer, die richtige Regierungsform, das richtige Wirtschaftssystem usw. Konserviertes Verhalten zu lehren, führt zu gesellschaftlichen Verkrustungen und zerstört letztlich die Lebendigkeit von menschlichen Gemeinschaften. Zu allen Zeiten haben Elterngenerationen in ihren Kindern eine personifizierte Infragestellung ihrer eigenen Lebensmoral gesehen. Schon in Platons Politeia sind die Strukturen aller totalitären Systeme angelegt, wo eine Elite das für richtig Erkannte für alle Zeiten bewahren will und jede Veränderung kontrolliert und sanktioniert.

              Solche systemimmanenten Strukturen haben wir heute im weltweit etablierten Neoliberalismus, dessen sichtbare Formen in Deutschland insbesondere bei Hartz IV deutlich zu erkennen sind, aber auch in der Auflösung demokratischer Strukturen, wo Menschen immer mehr daran gehindert werden, politische Entscheidungen durch Wahlen zu korrigieren. Es wird ihnen mit juristischen Mitteln ein marktkonformes Verhalten oktroyiert, das sich quasi als entartete Blütezeit des Behaviorismus herausstellt. Hinzu kommt eine Fesselung des Geistes der nachwachsenden Generationen durch das Zauberwort Digitalisierung, wo man in Schulen nur noch virtualisierte Zombies und Klickhäschen heranzieht, die das eigene Denken verlernen und sich abmühen, die richtige Taste zu drücken.

              Und, da wollen Sie sich aufschwingen „Menschen in einfachen Worten richtiges Verhalten lehren“. Abgesehen von der eigenen Überschätzung, kann man das nur als naiv und realitätsvergessen bezeichnen. Wenn Sie ihre Marotten ablegen wollen, dann hat diese allerhöchste Priorität.

              • Erwin Gabriel 19. Februar 2019, 07:33

                @ popper 18. Februar 2019, 10:21

                Richtiges Verhalten spielt sich doch immer in einem kulturellen Kontext ab. Worin wir „richtiges“ Verhalten sehen, unterscheidet sich von anderen Kulturen mitunter sehr erheblich.

                „Richtiges“ Verhalten hat viel mit Regeln zu tun, geschriebenen oder ungeschriebenen. Ich nehme mal an, sie sind zu wirtschaftlichen Themen nicht ganz so scharf wie zu kaufmännischen, aber in meinem technischen Bereich sehr klar. Ebenso gibt es in der Sprache recht klare Regeln (selbst wenn wir jemanden verstehen mögen, der sich nicht daran hält).
                Darüber hinaus gibt es Verantwortlichkeiten und Anweisungen, die sich daraus ableiten. Da muss ich selbstverständlich meinen Mitarbeitern das richtige Verhalten erläutern, und ja, das versuche auch ich in möglichste einfachen Worten.

                • popper 19. Februar 2019, 11:14

                  @Erwin Gabriel 19. Februar 2019, 07:33

                  Ja, natürlich! Sie sprechen Aspekte aus verschiedenen Bereichen an. Warum spricht S. Pietsch von „…richtiges Verhalten lehren…“, hat er damit Regeln gemeint? Und wer ist derjenige, der solche Regeln aufstellt, und sie für allgemein gültig erklärt.

                  Selbst unsere Weltsprachen haben nach ‚Chomsky‘ eine Oberflächen- und Tiefengrammatik. Ersteres sind grammatikalische Regeln, die Menschen der Sprache hinzugefügt haben, wogegen das Zweite allen Sprachen gemeinsam als Tiefenstruktur zugrunde liegt.

                  Daraus ergibt sich ein grundsätzlicher Unterschied. Das eine ist eine ontologische Komponente unseres Menschseins, das andere eine Konvention. Auf Regeln übertragen, hieße das, Regeln unterliegen einer Konvention. Heißt das aber, alle müssen dieser Konvention folgen? Und was bedeutet das für das bewusste willentliche Handeln einer Person.

                  Wenn man Beispiele aus der Forschung nimmt z.B. den Schweizer Piaget, der die moralische Urteilsfähigkeit von Kindern untersucht hat und feststellte, dass kleine Kinder in einer Gruppe sich eigene Regeln geben und erst einige Jahre später zu einem moralischen Urteil befähigt sind. Oder nehmen wir das Sittengesetz von Kant, das a priori Gültigkeit besitzt. Mein Einwand gegen @Pietsch war dahingehend motiviert, Verhalten als etwas individuelles zu begreifen, und auf jeden Fall, jeder das Recht haben muss, gegen Regeln zu verstoßen, wenn er bereit ist die Konsequenzen zu tragen. In alten Kulturen gab es Regelwerke, die es gestatteten, den König nach 10 Jahren seiner Amtszeit zu töten oder Alte, die nicht mehr in der Lage wahren der Gruppe zu folgen, auszusetzen und ihrem Schicksal zu überlassen oder in ritualisierten Tötungen aus der Gemeinschaft zu entfernen.

                  Wir begreifen uns heute als zivilisiert und kultiviert. Andererseits leisten wir uns Regelwerke, die Menschen abwerten. Arbeitslose sind grundsätzlich selbst schuld an ihrer Arbeitslosigkeit, sie verdienen, um nicht der Gemeinschaft zur Last zu fallen, dass man sie zu jeder Arbeit zwingt, auch wenn man damit ihre bisherige Qualifikation oder beruflichen Status völlig entwertet. Wir finden Gesetze gut, die „sozialwidriges Verhalten“ postulieren und führen damit genau die schwarze Pädagogik, die in der Kindererziehung verpönt ist, bei erwachsenen Menschen mit Hartz IV bis hin zur Sippenhaft wieder ein.

                  Da muss ich selbstverständlich meinen Mitarbeitern das richtige Verhalten erläutern, und ja, das versuche auch ich in möglichste einfachen Worten.

                  Aus diesem Satz spricht der Patrone. Beschäftigen Sie nur Menschen nichtdeutscher Herkunft? Oder wie muss man das verstehen. Oder ist das nur ihre paternalistische Ader im Umgang mit anderen. Dann muss ihnen die Art und Weise, wie Pietsch gelegentlich über andere hinwegtrampelt ja entgegenkommen. Diesen elitären Tatsch, andere zu ihrem „Glück“ zu zwingen, halte ich pädagogisch für kontraproduktiv. Er generiert angepasste Duckmäuser, die nie mehr aus ihrer von anderen auferlegten Unmündigkeit herausfinden. Insofern lehne ich diese Form der Bevormundung ab, auch wenn sie als wohlwollende Hilfe verkleidet daherkommt.

  • Dennis 18. Februar 2019, 21:06

    Uiii, sehr interessant, aber sind die Modelle wirklich alle tragfähig? Ich such mal nach Haaren in der Suppe, das macht einem notorischen Meckerfritzen halt Spaß^.

    ……Okay, gut, nach Dingern, von denen ich glaube, es handelte sich um Haare^.

    Ad-Hominem-Trugschluss (Ad hominem fallacy)

    Das Modell setzt grundsätzlich voraus, dass das Vorgetragene ein empirischer Befund ist und keine Meinung aus Freiheit. Im letzteren Fall ist ad-hominem nicht unberechtigt, denn Meinungen aus Freiheit sind vom Meinungsträger nicht zu trennen (meine Meinung ist mein; daher der Name).

    Meist jedoch ist das nicht so klar trennbar indem sich empirische Anteile und Meinungsanteile vermischen, was sogar der Regelfall sein dürfte. Zum Beispiel das angeführte McDonald-Ding: „Für die Menschen schlecht“, „ungesund“, „Angestellte werden ausgebeutet“. Letzteres z.B. beruht auf einer moralisch-sittlichen Grundlage. Die muss man erst mal entwickeln, das hat nichts Empirisches an sich, denn wieso muss an dieser Stelle eine untergeschobene Konsensforderung bezüglich der Frage „was ist Ausbeutung“ erfüllt werden?

    „Ungesund“ ist arg unspezifisch und hängt wesentlich an Quantitäten, die im Beispiel gar nicht erwähnt wurden. Wenn die Kids beim Mc Donald abhängen, kann das im Gegenteil zur psychischen Gesundheit beitragen (Geselligkeit). Gleichzeitig kann der Anteil von Bic Mäc mit Pommes an der Gesamternährung ausreichend gering sein um als unbedenklich zu gelten. Klare Messergebnisse sind aber hier eh nicht zu haben, nur grobe Einschätzungen.

    Es ist also IMHO nicht einsehbar, warum der Ad-Hominem-Hinweis darauf, dass die Modellperson als Big-Mac-Hasser selber Big-Mäcs futtert keine BERECHTIGTE Vorgehensweise sein soll, denn die Quelle einer Meinung ist in Anbetracht einer Meinung nicht unbedeutend und liefert Indizien auf die Glaubwürdigkeit, auf die es u.a. ankommt. Beim Katzen-Ding besteht keine Korrelation zu verhandelten Sache; ist also in der Tat unbrauchbar.

    Trivial ist die Story keineswegs: Denn die Vorgehensweise, Meinungen aus Freiheit (menschliche Quelle, also ex hominem) und Empirie (die Gravitation gab es schon vor Newton, nicht wegen Newton) stickum zu verrühren ist politiktypisch. Man kann an dieser Stelle auch den Unterschied zwischen ERFINDEN und ENTDECKEN anführen. WER entdeckt is eigentlich ejal. Mit Erfindungen (moralisch intendierte Empfehlungen fallen auch in diese Kategorie) sind indes Absichten (denen man selbstverständlich auch zustimmen kann) verbunden; also nicht ejal wo die herkommen; man kann auch sagen deshalb nicht, weil die Frage „wer framt da eigentlich?“ beim Framing ’ne wichtige Information ist.

    Zitat:
    „Im zweiten Fall, der sehr beliebt ist und letzthin etwa bei Greta Thunberg beobachtet werden konnte, wird von persönlich heuchlerischem Verhalten auf die Richtigkeit des zugrundeliegenden Arguments geschlossen.“ 

    Okay, in diesem Fall sind die „zugrunde liegenden Argumente“ empirisch gut gesichert – anders als beim Bic Mäc oder der Frage, ob soundso viel Prozent Einkommensteuer auf soundso viel Kohle gut oder schlecht ist.

    Schwarz-und-Weiß-Trugschluss (Black-and-White fallacy)

    Na ja, black and white ist im Ausgangsargument schon enthalten 😉 denn woher weiß man, ob eine Vermögensverteilung „gut“ oder „schlecht“ ist ?

    Kein echter Schotte (No true Scotsman fallacy)

    Das sind die Probleme, die aus libidinöser Zuneigung erwachsen (right or wrong my country). Hat mit Logik sowieso rein gar nix zu tun.

    Attributinsfehler

    Scheint mir eng verwandt mit dem Schotten-Ding. Dahinter stecken Identifizierungen. Insofern es sich nicht um temporäre Zweckbündnisse handelt, haben die immer was Libidinöses an sich. Das Irrationale ist in der Veranstaltung er se enthalten. Das könnte sogar für das Leben überhaupt gelten ^. Rational denken geht ja grad noch, nur denkerisch leben geht so schwer.

    Der Trugschluss-Trugschluss
    Zitat:
    „Man muss da immer die Person vom Argument trennen.“

    „Immer“ würd ich keineswegs sagen (vgl. BicMäc u.a.). Nur bei empirisch überprüfbaren Sachen.

    Verlustaversion

    Klar, to live means to bet. Nur anders als beim geschilderten Spezialfall Würfeln mit vollständiger Information und gleich bleibenden Bedingungen (beckmesserisch stimmt beides nitt so ganz, aber für den praktischen Zweck reicht’s) kann man sich den Erwartungswert in aller Regel nicht ausrechnen und muss trotzdem irgendwie rumwurschteln. Die Verlustaversion kommt also aus einem Berechenbarkeitsmangel und ist deswegen nicht unbedingt doof. Ferner sind positive Erwartungswerte bei Glücksspielen – insofern man nicht Veranstalter ist – nitt unbedingt typisch, sach ich mal.

    • Stefan Sasse 19. Februar 2019, 05:48

      Ich verstehe deine Kritik, aber sie geht in dem Fall am Gegenstand vorbei. Zum Kontext: Ich geb diesen Text als Handout für meine Oberstufenschüler bei der Erörtertung aus. Was ich vergessen habe in den Post aufzunehmen sind Argumentarten; vielleicht schieb ich die noch nach. Aber dein Denkfehler ist, dass du die Argumente und die Trugschlüsse durcheinander wirfst. Konkret: „Big Mac ist ungesund, weil er viel Fett und Kohlenhydrate enthält“ ist ein so genanntes Faktenargument. Du kannst darauf mit einem eigenen Faktenargument antworten (etwa, dass der Körper eine bestimmte Menge Nährstoffe benötigt und die Quelle egal ist; die Menge macht das Gift), aber das ist der normale Gang einer Diskussion. Genauso kannst du erklären, dass die geringe Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen von McDonalds Ausbeutung konstituieren, das ist ein so genanntes Normenargument (dem du wiederum eine eigene Norm, wie die Freiheit des Markts, entgegenstellen kannst. Oder du bringst ein „Hinweis auf Folgen“-Argument, etwa dass die Leute sonst arbeitslos und dann noch schlechter dran wären). Das alles sind valide und korrekte Argumente, während die Trugschlüsse dies nicht sind. Es gibt natürlich Situationen, in denen der Charakter der Person eine Rolle spielt (etwa wenn sie als Autoritäten in einem Autoritätsargument bemüht werden), aber das ist in den Beispielen nicht der Fall. Deswegen konstitutieren sie hier einen ad-hominem-Trugschluss, den ich dir im Aufsatz anstreichen würde. 🙂

      Gleiches gilt für die Attributionsfehler etc. Mir ist völlig klar woher die kommen und wie die funktionieren, aber sie sind halt Trugschlüsse! Ihr Nutzung konstituiert kein Argument im Sinne der Erötertung und würde als Fehler gewertet werden. In jedem Falle kannst du ein korrektes Argument daraus bauen, aber dann musst die entsprechenden Verzerrungen und Trugschlüsse einbeziehen und umgehen.

      • Dennis 21. Februar 2019, 10:19

        Zitat Stefan Sasse:
        „Das alles sind valide und korrekte Argumente, während die Trugschlüsse dies nicht sind.“

        Okay, einverstanden. Bei dieser engen Auslegung ergibt sich gleichwohl ein gewisses Problem: Der logische Begriff des SCHLIESSENS (es handelt sich um ein rein FORMALES und INHALTSFREIES Verfahren) ist bei den genannten Beispielen überhaupt nicht sinnvoll anwendbar, der Wischi-waschi-Charakter der hier angewendeten natürlichen Sprache (was normal ist, kein Vorwurf), gekennzeichnet durch Unschärfe und Auslegbarkeit, z.B.: „ungesund“, verhindert das. Unter anderem. Wenn keine Junktoren vorhanden sind, kann man die Aussagenlogik beispielsweise schon mal vergessen.

        „Ich schliesse daraus“ hat rhetorischen Charakter und genügt in der Normalsprech der strengen Anforderungen der Logik i.d.R. sowieso nicht. Deshalb erfüllt eine wie auch immer angelegte Debatte über die Aussagen den Begriff des „Schliessens“ nicht (bei strenger Betrachtung). Hat wahrscheinlich damit zu tun, dass die Logik im Grunde langweilig ist (der Formalität wegen) – im Vergleich zu hitzigen Debatten^

        Zitat:
        „Mir ist völlig klar woher die kommen und wie die funktionieren, aber sie sind halt Trugschlüsse! Ihr Nutzung konstituiert kein Argument im Sinne der Erötertung“

        Kann man streng so sagen. Indessen haben „Argumente im Sinne der Erörterung“ auch mit GÜLTIGEN SCHLÜSSEN nix zu schaffen.

        Allerdings muss es auch gültige Schlüsse geben, wenn es Fehlschlüsse gibt. Andernfalls gibt es beides nicht. Nicht jedes Gerede erfüllt die Voraussetzungen schlussfähiger logischer Muster. Muss auch nicht. Unsere gewohnte Kommunikation wäre mausetot, wenn diese Anforderung gestellt würde.

        Am besten man geht logikmäßig wech von der natürlichen Sprache in streng formale Systeme 🙂 Da bietet sich die Mathematik an. Die soll aber nicht so beliebt sein, hab ich gehört 🙁

        • Stefan Sasse 21. Februar 2019, 15:45

          Ich komm halt von der Perspektive des Deutschlehrers an die Sache ran. Und da gelten diese Kriterien. Ist ähnlich wie Logik in der Philosophie, wenngleich nicht so streng.

  • Cimourdain 18. Februar 2019, 22:45

    Good stuff, aber ich möchte mich ‚demWächter‘ anschließen, die „logischen Fehlschlüsse“ sind meiner Erfahrung nach vielmehr „Rhetorische Täuschungsmanöver“ oder gar „blanke Demagogie“. Als solche sind sie so alt wie die Diskussionskultur selbst ( die von ‚popper‘ zitierte „Eristische Dialektik“ ist von Arthur Schopenhauer und die Sophisten [zu denen ich boshafterweise auch Sokrates zähle] waren unterwegs, bevor Aristoteles „Rhetorik“ systematisierte ).

    Deshalb möchte ich diesem „Zoo“ noch einige Exemplare ergänzend hinzufügen ( als hoffentlich abschreckende Beispiele) :

    – Täuschung mit Zahlenmaterial : ausgedachte Zahlen ( ‚gefühlte 90%‘ der…) oder irreführende Zahlen ( z.B. die ‚bereinigte‘ Arbeitslosenstatistik oder die Verwendung von Verdächtigenzahlen aus der Kriminalitätsstatistik )

    – Präsentation von Zahlenmaterial in verfälschenden Diagrammen

    – ‚Bullshit-Overload‘ Präsentation von großen Mengen an falschen Aussagen, die vom Gegenüber einzeln widerlegt werden müssen, während sie bei einer dritten Person eine ‚Ankerheuristik‘ bilden können

    – Ablenkung einer Diskussion auf ein anderes Thema ( Aussage: [Irgendeine]. Gegen“argument“: Aber von der Regierung wurden die Flüchtlinge ins Land gelassen. )

    Auch zu den kognitiven Verzerrungen habe ich noch zwei Beiträge

    – Systematische Fehleinschätzung von großen und kleinen Wahrscheinlichkeiten

    – Der Glaube an lineare Kausalität: In der Wirklichkeit haben Ereignisse mehr als einen Grund. Auch der Zufall spielt eine viel größere Rolle als die meisten meinen. Im Zusammenhang mit Rückschaufehlern fatal, weil es auf die Suche nach eijnem Sündenbock rausläuft, um sich nicht mit komplexen Hintergründen auseinandersetzen zu müssen.

    • Stefan Sasse 19. Februar 2019, 06:46

      Mir ging es aber mehr um Fehler in der Argumentation als bewusstes Lügen.

  • Cimourdain 18. Februar 2019, 23:16

    Der “ Zoo“ ist noch viel größer, als ich gedacht hätte:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_kognitiven_Verzerrungen
    https://de.wikipedia.org/wiki/Typen_von_Argumenten
    Schaut mal mit diesen ‚Sammelalben‘ irgendeine Diskussion an – egal ob Online, TV oder Echtleben – und hakt ab…

  • Maniac 19. Februar 2019, 12:09

    Daniel-Pascal Zorn ist ja durchaus umstritten nach seinem Buch über das Gespräch mit Rechten. Ohne Zweifel hat er aber viele der angesprochenen Fehlschlüsse und rhetorischen Stilmittel hier gut verständlich zusammengefasst (insgesamt 20 Teile, die leider nicht alle bei der Suche wiedergegeben werden):

    https://www.hoheluft-magazin.de/?s=na+logisch%21

    Gruß, M.

  • R.A. 19. Februar 2019, 15:21

    Schöne Auflistung. Zu der ich gerne ein paar Anmerkungen mache.

    Zur Vogelscheuche: Das Beispiel paßt irgendwie nicht, das einfache Ableugnen „die Partei ist nicht so“ ist keine Vogelscheuche.
    Vogelscheuche wäre m. E. „In München gibt es mehr Autounfälle als in Frankfurt“ und dann die Replik „Es ist völlig falsch zu behaupten, die Bayern würden alle besoffen Auto fahren“.

    Tu quoque: Das ist nur ein Problem, wenn man Regelverletzung durch A damit rechtfertigen will, daß B die Regel auch verletzt hat. Richtig wäre aber, daß beide schuldig sind.
    Dagegen ist es kein „tu quoque“ wenn man Heuchelei anprangert. Wer „Alkoholkonsum ist eine Sünde“ predigt verliert jede persönliche Glaubwürdigkeit, wenn er das besoffen lallend erzählt.
    Entsprechend ist auch Greta Thunberg kein „tu quoque“-Beispiel. Die ist ja nun dezidiert keine Expertin oder durch irgendetwas legitimiert, daß ihre Meinung wichtiger wäre als die von Otto Normalverbraucher. Der ganze Greta-Hype lebt nur von ihrer persönlichen Emotion. Und wenn dann das Verhalten nicht paßt, platzt die ganze Blase.

    Texanischer Scharfschütze: Auch da würde ich eine Überarbeitung des Beispiels empfehlen. „Wir brauchen mehr Schutz von Frauen am Arbeitsplatz!“ ist nämlich kein Argument, sondern erst einmal nur eine Behauptung/Forderung, die man durch Argumente belegen müßte.

    Ziellinie verschieben: Das viel schönere Beispiel für eine verschobene Ziellinie bilden doch die IPCC-Berichte, die den prognostizierten Temperaturanstieg alle fünf Jahre etwas nach hinten verschieben, weil die Prognose des letzten Berichts nichts eingetroffen ist …

    Argumentum ad populum: „Die Menge der Menschen, die etwas glauben, sagt aber nichts über die Richtigkeit aus.“
    Korrekt. Das wirklich schlagende Beispiel dafür sind die angeblichen 97% der Klimawissenschaftler …

    • Stefan Sasse 19. Februar 2019, 18:22

      Vogelscheuche: Die Vogelscheuche ist, dass ALLE Politiker der Partei so sind. Das ist offensichtlich Unfug und super leicht zu widerlegen und war auch gar nicht das Argument, daher das Beispiel. Aber deines ist auch gut.

      Tu quoque: Du verwechselst zwei Dinge: „Alkohol ist eine Sünde“ ist ein Normenargument. Die Norm bleibt richtig, auch wenn der Priester säuft. Er ist nur ein schlechtes Aushängeschild, aber dass Gott Alkohol als Sünde empfindet, wird durch den saufenden Priester erst mal nicht widerlegt. Nur eben dessen Fähigkeit da glaubhaft zu predigen. Deswegen ist es durchaus ein Trugschluss. Gleiches gilt für Greta. Die hat mangels Expertentum vielleicht nur zufällig Recht, aber das macht den (richtigen) Schluss, dass Menschen Einfluss aufs Klima haben, ja nicht falsch.

      Texas: Ja, das ist zu abgekürzt, mit dem bin ich auch unglücklich. Es geht in die Richtung „Frauen am Arbeitsplatz sind größeren Gefahren ausgesetzt“ oder so was.

      Ziellinie: Ginge auch.

      Populum: Ich wusste dass das kommt ^^ Das ist aber kein argumentum ad populum, sondern ein Autoritätsargument. Auch ein Berufen auf die Mehrheitsmeinung ist nicht zwingend ein Trugschluss. Debattiere ich etwa den Brexit und sage, dass die Mehrheit der Briten ihn will, ist das ein valides Argument, weil die Mehrheitsmeinung für die Debatte eine zentrale Rolle spielt. Nur bei Fragen, bei denen die Mehrheitsmeinung irrelevant ist, wird das zum Trugschluss.

      • R.A. 20. Februar 2019, 10:01

        „„Alkohol ist eine Sünde“ ist ein Normenargument. Die Norm bleibt richtig, auch wenn der Priester säuft.“
        Das gilt, wenn die Norm rational begründet wurde. Was bei „Alkohol ist ungesund“ möglich ist. Aber wenn „Sünde“ ins Spiel kommt oder generell bei allen mit moralischem Gefühl begründeten Forderungen wird das schon viel unklarer. Denn wenn eine Moral gepredigt wird, die nur für die Anderen gilt, man sich selber aber ausnimmt – dann ist solche Heuchelei ein legitimer Angriffspunkt.

        „Gleiches gilt für Greta. Die hat mangels Expertentum vielleicht nur zufällig Recht, aber das macht den (richtigen) Schluss, dass Menschen Einfluss aufs Klima haben, ja nicht falsch.“
        Ein solcher Schluß müßte aber ganz anders begründet werden, Gretas Auftritte vor prominenten Gremien sind da völlig unsachlich, letztlich ist ihr Statement für den Schluß nicht mehr wert als der irgendeiner x-beliebigen Person von der Straße.
        Wenn die Greta-Kampagne also eine besondere Relevanz ihres Statements behauptet, dann wird das aus ihrer Person abgeleitet. Und damit ist diese Person auch legitimes Ziel von Kritik.

        „Das ist aber kein argumentum ad populum, sondern ein Autoritätsargument.“
        Die 97% sind ein Mehrheitsargument – die 3% könnten durchaus im Recht sein. Eben weil Wissenschaft nicht per Mehrheit abgestimmt wird.
        Und das mit der „Autorität“ ist ein interessantes „True Scotsman“-Beispiel. Denn die angeblichen 100% sind „Die Klimawissenschaftler“. Wie wird denn nun aber der echte Klimawissenschaftler definiert? Als Wissenschaftszweig gibt es das ja erst, seit als Folge der IPCC-Berichte entsprechende Institute (z. B. Potsdam) gegründet wurden. Die „Klimawissenschaftler“ sind oft Meteorologen, kommen aber auch aus anderen Disziplinen. Und es ist eben nicht so, daß 97% aller Meteorologen oder gar 97% der Naturwissenschaftler die IPCC-Thesen unterstützen würden.
        Sondern 97% der IPCC-Anhänger halten die IPCC-Thesen für wahr – wer sie nicht für wahr hält, gilt nicht als wahrer Klimawissenschaftler, völlig unabhängig von seiner Qualifikation.

  • CitizenK 22. Februar 2019, 07:46

    Noch eine Ergänzung:

    „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.“

    Von Popper (mit großem P)

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