Rassismus ist wie Brokkoli

Im Zusammenhang mit der Debatte um die Essener Tafeln stieß ich auf einen FAZ-Artikel, in dem im Tenor heiliger Empörung die Idee für abwegig erklärt wurde, die Entscheidung, nur noch Deutschen Zugang zu den Tafeln zu verschaffen, könne rassistisch motiviert sein. Die Begründung aus dem Artikel ist interessant, weil man ihr permanent über den Weg läuft:

Jörg Sartor ist 61, er war dreißig Jahre lang Bergmann, seit er mit 49 in Ruhestand ging, arbeitet er ehrenamtlich für die Essener Tafel. Einen Ausländerfeind wird man so leicht nicht jemanden nennen können, der sieben Mal in der Woche dafür sorgt, dass Alte, Migranten, Kinder, Obdachlose und eben überhaupt Bedürftige etwas von dem zu essen bekommen, was andernfalls weggeworfen würde oder unverteilt bliebe. […] Weshalb wird einem Menschen, der in gemeinnütziger Arbeit jahrelang bewiesen hat, kein sozialer Dummkopf und nicht herzlos zu sein, ohne weitere Prüfung unterstellt, er handele unsachgemäß und „nicht gut“ (Merkel)?

Symbolbild

Ich möchte an dieser Stelle überhaupt nicht in die Debatte einsteigen, ob Sartor nun ein Rassist ist oder nicht oder ob die Entscheidung für die Tafeln richtig oder falsch, angemessen oder nicht angemessen, zulässig oder nicht zulässig ist. Diese Diskussion hat mein Kollege Stefan Pietsch bereits angestoßen, und sie kann im dortigen Artikel in den Kommentaren geführt werden. Mir geht es um etwas anderes, für das die Zeilen aus der FAZ nur ein Symptom sind: ein zutiefst falsches Verständnis von Rassismus, das sich links wie rechts findet. Dem zugrunde liegt die Annahme, dass „Rassist“ ein binärer Zustand ist. Entweder man ist Rassist, oder man ist keiner. Aber das ist falsch. Rassismus ist nicht binär. Rassismus ist wie Brokkoli.

Brokkoli kann, gekocht oder gebraten, mit vielerlei Gerichten kombiniert werden. Er ist ökologisch nachhaltig, enthält wertvolle Vitamine, hat nur wenig Kalorien und ist wenn nicht wohlschmeckend, so wenigstens geschmacksneutral und sättigend. Alles gute Gründe, um Brokkoli beim Kochen zu verwenden. Es kann allerdings beim Essen vorkommen, dass ein Stück Brokkoli zwischen den Zähnen hängen bleibt, ohne dass man es bemerkt. Bei jedem Lächeln sieht das Gegenüber dann den Brokkoli aufblitzen. Das ist unschön.

Höfliche Zeitgenossen werden den unglücklichen Esser daher in einem unbeachteten Moment unauffällig darauf aufmerksam machen, dass sie ein Stück Brokkoli zwischen den Zähnen haben, auf dass das Gegenüber es schnell entfernen kann. Es ist ein kurzes, peinliches Gefühl – man hat gegen gesellschaftliche Konventionen verstoßen, wahrscheinlich ohne es gewollt zu haben, aber nun hat man es beseitigt.

Keine der beiden Seiten wird sich nach dem Vorfall noch lange daran erinnern, und niemand wird annehmen, der unglückliche Brokkoliesser sei in irgendeiner Art und Weise ein verkommener Mensch. Wir sortieren Menschen nicht binär als Brokkolisten ein, weil ihnen einmal ein Stück hängen blieb. Es wäre albern zu befürchten, dass der Hinweisgeber vermute, man stecke absichtlich Brokkoli zwischen die Zähne um seinem Gegenüber unangenehm zu sein, und vehement darauf hinzuweisen, dass man kein Brokkoli zwischen den Zähnen habe, denn das sei unmöglich, schließlich habe man immer Wert auf Reinlichkeit gelegt und das auch den eigenen Kindern so vermittelt. Ein ganzes Leben dreimal täglich Zähne geputzt, und dann so was!

Der aufmerksame Leser wird begriffen haben, wohin diese Analogie führen soll. Rassismus ist wie Brokkoli. Wenn ich in der Bahn sitze und hoffe, dass eben zugestiegene dunkelhäutige Mann sich nicht neben mich setzt, macht mich das nicht zum Rassisten. Ich habe nur ein Stück Rassismus zwischen den Zähnen, und ich sollte es herausnehmen bevor die Menschen um mich herum unangenehm berührt sind oder gar Zahnfäule einsetzt.

Und genau hier wird die binäre Sicht auf Rassismus zu einem Problem. Wenn jeder entweder ein Rassist ist oder nicht, und Rassist etwas Böses, dann haben wir am Ende keine Rassisten. Dann ist nichts rassistisch. Die Verrenkungen der Presse, mit denen sie irgendwie versuchen zu erklären, warum Trump-Wähler (oder AfD-Wähler oder Le-Pen-Wähler oder FPÖ-Wähler) keine Rassisten sind, sind vor diesem Hintergrund zu verstehen, genauso übrigens wie die Verrenkungen der Linken die darauf bestehen, dass Bernie Sanders, Jean-Luc Mélenchon, Oskar Lafontaine, Jeremy Corbyn und Sahra Wagenknecht keine Rassisten sein könnten, weil sie ja links sind, und damit per Definition die Guten. Beides geht völlig am Thema vorbei.

Es ist nämlich möglich, sich wie Jörg Sartor jahrelang sozial zu engagieren und trotzdem einer rassistischen Fehlannahme aufzusitzen. Es ist möglich, wirtschaftliches Opfer der Globalisierung zu sein und gleichzeitig Fremde abzulehnen. Es ist möglich, ein guter, ordentlicher, vielleicht etwas wütender Bürger zu sein, der seine Kehrwoche macht und nebenbei zu finden, dass der Islam keinesfalls in Deutschland sein darf. Menschen sind komplexe Lebewesen, und praktisch jedem von uns steckt manchmal ein Stück Rassismus (oder Sexismus oder Ableismus oder was auch immer) zwischen den Zähnen. Die entscheidende Frage ist, wie wir darauf reagieren wenn wir darauf aufmerksam gemacht werden.

Denn hier liegt der Kern des großen Missverständnisses, das tatsächlich von beiden Seiten, rechts wie links, vorangetrieben wurde. Dadurch, dass „Rassist“ als Schimpfwort gebraucht wurde, das Menschen diesen Zustand zuschreibt, anstatt „rassistisch“ für konkrete Handlungen oder Aussagen zu verwenden (und auch hier: analog zu Sexismus und allen anderen Arten von Diskriminierung), wurde eine instinktive Abwehrhaltung geschaffen. Rassisten sind immer nur andere. Wenn aber die AfD-Wähler Rassisten sind, ich aber die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung kritisieren will, bin ich automatisch gezwungen, die AfD-Wähler vor dem Vorwurf des Rassismus zu verteidigen, um nicht selbst plötzlich als Rassist dazustehen.

So ist recht einfach zu erklären, warum etwa die New York Times seit 2016 zig Seiten äußerst wohlwollenden, weichgezeichneten Porträts von Trump-Wählern geopfert hat – es ist eine instinktive Verteidigung gegen den Vorwurf, sich mit einem Rassisten gemein zu machen. 2012 empfand nämlich niemand die Notwendigkeit, in die Appalachen zu reisen und den durchschnittlichen „Romney-Wähler“ zu untersuchen, als sei er ein Lebewesen von einem anderen Stern. Erst seit mit Trump, Le Pen, Petry, Farage und Konsorten das Eklige mehrheitsfähig wurde und konservative bis rechte Parteien nichts dabei finden, den hinterletzten Abschaum als Spitzenkandidaten aufzustellen, ist diese Art der vorauseilenenden Verteidigung notwendig geworden.

Es ist daher gerade die eigentlich angewiderte Mehrheitsgesellschaft, die diese Salonfähigkeit überhaupt erst ermöglicht, weil sie nicht in der Lage ist, zwischen einem Substantiv und einem Adjektiv zu unterscheiden. In Deutschland ist es die FAZ, die in diesem Zusammenhang den beachtlichsten Rechtsruck hingelegt hat. Es ist der Ausdruck einer Unsicherheit, der sich von den bürgerlichen Eliten bis hinunter zum viel zitierten „Mann auf der Straße“ zieht.

Jeder weiß, dass Rassist zu sein etwas Schlechtes ist. Deswegen gibt es in Deutschland (und anderswo) auch keine Rassisten. Und genau hier liegt das Problem, weil die Konservativen damit genau das tun, was sie den Linken sonst immer vorwerfen: sie erlegen Sprech- und Denkverbote auf. Denn in einer Atmosphäre, wo die schiere Benennung einer Äußerung oder Handlung als „rassistisch“ sofort instinktive Abwehrreaktionen hervorruft, wird paradoxerweise der Rufer in der Nacht zum Bösen.

Dies zeigt sich, um den Kreis zu schließen, denn auch in der instinktiven Abwehrreaktion gegen „Gutmenschen“, die in die bürgerliche Komfortzone eindringen. Die Vorstellung, man selbst könnte als „Rassist“ oder „Sexist“ entlarvt und damit außerhalb der Gesellschaft gestellt werden ist so erschreckend, dass instinktiv versucht wird, die anderen in den Sumpf zu reißen. Wenn alle schlecht sind – etwa weil sie moralisierende Gutmenschen sind, die unvernünftig irgendwelchen unrealistischen Idealen nacheifern – dann ist man selbst vor den Anwürfen sicher. Es ist diese Art der präventiven Selbstverteidigung, die den Diskurs um diese Thematik völlig unmöglich gemacht hat, ohne sofort von epischen, aggressiven Selbstverteidigungen der Betroffenen bombardiert zu werden.

Daher ende ich hier mit einem Aufruf. Diejenigen, die diskriminierende Handlungen oder Äußerungen beobachten, sollten den jeweiligen Menschen höflich beiseite nehmen und ausschließlich bezogen auf die jeweilige Handlung oder Tat deren diskriminierenden Inhalt erläutern – das soziale Gegenstück zum Stück Brokkoli zwischen den Zähnen. Und diejenigen, die auf so etwas aufmerksam gemacht werden, sollten nicht instinktiv in eine Verteidigungshaltung rutschen und jeden Verdacht weit von sich weisen, gar die Integrität des Gegenübers reflexiv und präventiv attackieren, sondern in sich gehen und überlegen, ob die konkrete Aussage oder Tat vielleicht diskriminierend gewesen sein könnte – und in Zukunft Besserung geloben. Wenn wir alle soweit sind, dann können wir auch endlich die Minderheit der echten Rassisten und Sexisten identifizieren die sich hinter diesen toxisch gewordenen Mechanismen verstecken und sie in den dreckigen Sumpf zurückstoßen, aus dem sie gekrochen kamen.

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  • Ant_ 2. März 2018, 11:32

    Guter Artikel – und endlich habe ich auch mal wieder das Gefühl und Bedürfnis, etwas produktives anmerken zu können ^^.
    Ich beobachte das jetzt auch schon ziemlich lange und habe den Eindruck, dass in dieser Problematik die Tendenz von allen Beteiligten zur Essentialisierung, Einkategorisierung und Spekulation über das innere Erleben und Abwägen von ihnen Unbekannten ohne Versuch einer klarstellenden, direkten Kommunikation extrem ist – weil es glaube ich für alle emotional sehr viel einfacher ist, als eine komplizierte Debatte über klar dokumentiertes Verhalten zu führen.
    Ich weiß nicht wie man auf die Idee kommen kann, das Einführen einer Quote von Menschen, die bevorzugt behandelt werden sollen aufgrund von Staatszugehörigkeit, sei keine Diskriminierung aufgrund von Staatsangehörigkeit, es erscheint mir irgendwie *sehr* klar.
    Nur, weiterführend an dieser Stelle:
    Ich bin mir sehr unsicher, ob dann eine klare Abstempelung einer Person als „Rassist“ jemals gerechtfertigt ist. Denn: Wenn es um dokumentierte Handlungen, Vorschläge und Strukturen (Gesetze etc.) geht, kann man doch einfach sagen „Partei x hat ein (großteils) rassistisches Programm, und Menschen deren politisch-moralisches Bedürfnis es ist, nichts rassistisches zu tun, sollten nicht in Partei x sein“, wie kann man dann z.B. einen „echten“ Rassisten unterscheiden von einer gleichgültigen, oder extrem sturen Person? Meine Meinung ist da inzwischen irgendwo zwischen „Ist sowieso egal, ich erkläre ja niemanden als Rassisten, das ist halt was die Betroffenen dann hören, und ich bin nicht für deren kommunikative Kompetenz zuständig“ und „Ist sowieso egal, denn die Leute die Rassismis tolerieren ermöglichen die Überzeugungstäter, und das ist auf andere Art problematisch, aber immer noch problematisch.“
    Nur, jetzt kommt meine Unzufriedenheit mit mir selbst: Dann kann ich eigentlich nur sagen „Gut, dass Partei x jetzt in den Parlamenten ist, dann sind endlich auch die Leute vertreten, die vorher nicht vertreten sind.“ Das ist noch unproblematisch an sich, aber ich habe dann irgendwie kein Konzept dafür, wie man die Wähler der Partei x überzeugen kann, nicht mehr Partei x zu wählen – und irgendwie bin ich schon der Meinung, dass Überzeugungsarbeit von Politikern und Parteien einer der Haupttreiber politischer Veränderung ist, und nicht einfach Meinungsshift stattfindet und irgendwie passen sich die Parteien an…. Ich bin insgesamt ein wenig konfus, wo mich das dann alles hinführt, denke ich..

    • Stefan Pietsch 2. März 2018, 12:08

      Ich weiß nicht wie man auf die Idee kommen kann, das Einführen einer Quote von Menschen, die bevorzugt behandelt werden sollen aufgrund von Staatszugehörigkeit, sei keine Diskriminierung aufgrund von Staatsangehörigkeit, es erscheint mir irgendwie *sehr* klar.

      Dann halten Sie beispielsweise die Berliner LINKE auch für Rassisten, die darauf drängen, dass der Bezirk Neukölln nicht durch den Zuzug von Gutverdienern verändert wird? Allenthalben wehren sich Politiker in Großstädten, dass ganze Viertel von gutverdienenden Schichten okkupiert und Geringverdiener verdrängt werden. Anscheinend alles Rassisten.

      • Ant_ 2. März 2018, 12:22

        Neee, keine Rassisten, weil die diskriminierende Linie halt nicht über Staatszugehörigkeit, Hautfarbe oder ähnliches läuft. Aber klar Diskriminierung, nur halt wegen eines anderen Kriteriums. Und dieser konservativ (haha, eigentliche Wortbedeutung!) motivierte Eingriff in ein freies Marktgeschehen sollte Ihnen doch auch eher unangenehm erscheinen? Das ist doch eine Beschränkung der Freiheiten von Leuten, die in dieses Viertel ziehen wollen? Ich glaube nicht, dass die Lösung für eine komplexe Themenstruktur wie Gentrifizierung einfach darin bestehen soll, „das zu verbieten“. Unter anderem weil ich diesen diskriminierenden Aspekt extrem problematisch finde. Und auch, weil die Idee, einen kulturellen Ort zu erhalten, indem man ihn abschottet extrem missversteht, dass kulturelle Entwicklung immer Grenzüberschreitung, Austausch und Veränderung beinhaltet – und weil ich es ziemlich komisch finde, wenn der Staat bei kulturellen Entwicklung „Gewinner“ aussucht – Überraschung, es gibt sogar einige echt liberale Positionen bei Lesern und Kommentatoren dieses Blogs :D. Witzig übrigens, dass Sie sich so schnell auf diesen einen Aspekt gestürzt haben.

        • Stefan Pietsch 2. März 2018, 12:58

          Und dieser konservativ (haha, eigentliche Wortbedeutung!) motivierte Eingriff in ein freies Marktgeschehen sollte Ihnen doch auch eher unangenehm erscheinen?

          Wieso? Konservative fühlen sich den Schwachen verpflichtet, sie sind weit häufiger religiös als sich progressiv bezeichnende Menschen. Und Religionen stellen ins Zentrum ihres Wirkens die Sorge um die Armen und Zurückgebliebenen.

          Witzig übrigens, dass Sie sich so schnell auf diesen einen Aspekt gestürzt haben.

          Ich stürze mich auf das, wo ich Konfrontationspotential sehe. Sonst wäre die Sache ja witzlos. 😉

          • Ant_ 2. März 2018, 13:58

            Ich wollte mit den Anmerkung zur ursprünglichen Wortbedeutung lediglich auf die Struktur hinweisen: Die Position ist deswegen konservativ, weil sie etwas, das es aktuell gibt bewahren möchte vor gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Veränderungen, die es bedrohen. Es geht mir dabei überhaupt nicht darum, diese Position in irgendein Lager zu verfrachten.
            So, zu ihren Punkten:
            1) Sie nehmen überhaupt nicht Stellung dazu, wie Sie diesen Eingriff in das Marktgeschehen von Seiten des Staates einordnen, von daher verbuche ich den Punkt mal bis zu Ihrer Entgegnung für mich.
            2) In Bezug auf die Werte-Diskussion die Sie da aufmachen wollen würde ich Ihnen auf das vehementeste widersprechen wollen. Erstens in Bezug auf Religionen was erklärte versus offenbarte Prioritäten angeht (Wasser predigen und Wein saufen und so), zweitens was die Werte einer konservativen politischen Bewegung angeht. Dafür müsste ich wirklich seeeeeeeehr tief in die Kiste greifen und möchte deswegen lediglich meinen Protest zum Ausdruck bringen. Womit ich übrigens keinesfalls sagen will, dass es auf irgendeiner Seite Leute gibt, die total glänzen und nur toll sind – dazu ist Realität dann halt doch zu real ^^.

            • Stefan Pietsch 2. März 2018, 14:54

              Und dieser konservativ (haha, eigentliche Wortbedeutung!) motivierte Eingriff in ein freies Marktgeschehen sollte Ihnen doch auch eher unangenehm erscheinen?

              Ich weiß nicht genau, welchen Markteingriff bzw. was für eine Markteingriff zu meinen. Ich verstehe es inhaltlich nicht wirklich. Vielleicht könnten Sie es präzisieren.

              Das Konservative, gerade wenn es in Bezug auf Kontinentaleuropa und parteipolitisch bezogen gemeint ist, hat seinen Ursprung in der Ständewirtschaft. Das war nun alles andere als eine liberale Veranstaltung. Dieser Konservatismus findet sich noch heute weit verbreitet in den rechten Parteien, von der CDU bis zur französischen Les Républicains. Dort finden sich zwar auch Wirtschaftskonservative, aber gerade bei der Union sieht man, dass der Wirtschaftsflügel fast traditionell einen geringen Einfluss auf die Politik hat. Das war spätestens seit der Wiedervereinigung unter Helmut Kohl so, änderte sich kurzfristig, als Friedrich Merz Fraktionschef wurde und verschwand mit der Regentschaft von Angela Merkel. Auch Wolfgang Schäuble war nie ein Wirtschaftsliberaler, er verwaltete das Finanzministerium sehr merkantilistisch.

              • Ant_ 2. März 2018, 15:39

                In Ihrem Beispiel geht es darum, einen Prozess der über einen freien (Immobilien-)Markt von statten gehen würde, den Zuzug von wohlhabenderen Menschen, über eine staatlichen Eingriff zu unterbinden. Mit dem Ziel, die aktuelle soziale Zusammenstellung eines Bezirkes innerhalb gewisser Rahmenbedingungen zu erhalten, und den Prozess den man „Gentrifizierung“ nennt, einzudämmen. Das ist für mich ziemlich klar ein Eingriff des Staates in ein Marktgeschehen, finden Sie nicht? Ich argumentiere hier jetzt ja nicht für oder gegen irgendetwas, sondern erstmal nur um eine eindeutige Beschreibung.

                • Stefan Pietsch 2. März 2018, 17:53

                  Ohne Frage, das ist ein deutlicher Eingriff. Das ist aber nicht der Sündenfall. Neoliberale sind nicht gegen Beschränkungen des Marktgeschehens, genau das unterscheidet sie zu den klassischen Liberalen, hier heben sie sich am meisten ab. Neoliberale lehnen Eingriffe in den Preismechanismus ab, daher ist das Vorhalten bestimmter Wohnungen für Einkommensschwache nicht das Marktwidrige, sondern eine Maßnahme wie die Mietpreisbremse, denn sie verhindert die freie Preisbildung. Solche Eingriffe führen immer dazu, dass es nicht zu einem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage kommt. Nun wissen Sie, dass ich mich als Neoliberalen bezeichne. 🙂

                  Nun finde ich Gentrifizierung per se nicht schlimm. Menschen neigen dazu, sich Wohngebiete zu suchen, wo sie unter ihresgleichen sind. Als Cineast fällt mir die wunderbare Komödie Junggeselle im Paradies mit dem legendären Comedian Bob Hope ein. Der Film handelt davon, wie sich ein Kleinstadtviertel mit scheinbar gemalten Familien bildet. Wäre da jemand auf die Idee gekommen, ein paar Schwarze mit Drogenproblemen zu platzieren? Als Zuschauer hatte man auch nicht den Eindruck, dass ein gut ausgestatteter Millionär der Wohnsiedlung gefehlt hätte.

                  Ich kenne Berlin Neukölln etwas und jemanden, der dort als Kleinunternehmer arbeitet, sehr gut. Seitdem dort eine Gentrifizierung eingesetzt hat, geht die Kriminalität zurück, steigen die Einkommen, wird das Stadtbild aufgemöbelt, verbessern sich die Einnahmen der Geschäfte. Insgesamt also sehr positive Entwicklungen.

              • Stefan Sasse 2. März 2018, 18:24

                Ja, der Sommer der Neoliberalen war in der CDU ironischerweise kürzer als in der SPD. Die CDU hat wesentlich schneller verstanden, dass die Wähler das nicht goutieren.

                • Stefan Pietsch 2. März 2018, 18:42

                  Ich sprach nicht von Neoliberalen, sondern Wirtschaftsliberalen. Man kann nicht behaupten, dass die zweite Hälfte von Kohls Regierungszeit oder die Ära Merkel von großer wirtschaftspolitischer Vernunft geleitet gewesen wäre, gleich, aus welcher wirtschaftspolitischen Perspektive man darauf blickt.

          • bevanite 2. März 2018, 17:53

            Konservative fühlen sich den Schwachen verpflichtet, sie sind weit häufiger religiös als sich progressiv bezeichnende Menschen. Und Religionen stellen ins Zentrum ihres Wirkens die Sorge um die Armen und Zurückgebliebenen.

            Eigentlich würde ich dieses Zitat ja unter Sarkasmus verbuchen, aber da ich befürchte, Sie meinen das ernst, muss ich doch mal drauf eingehen. In den meisten westlichen Ländern stehen die Konservativen unserer Zeit für soziale Ungleichheit und fühlen sich eher den wirtschaftlich Starken verpflichtet. Das merkt man sowohl an ihrer Programmatik als auch in der politischen Praxis durch ihre enge Vernetzung mit den Interessen diverse Wirtschaftslobbyisten und Arbeitgeberverbaende. Bei vielen heutigen Konservativen habe ich außerdem den Eindruck, dass sie viel nihilistischer und zynischer sind als die meisten Linken. Ob nun Romney oder Merz, Berlusconi oder Orbán, Sarkozy oder Fillon, Cameron oder Kurz – von christlicher Naechstenliebe oder sozialer Fürsorge war/ist bei all diesen Leuten wenig zu spüren.

            Dass Religionen die Sorge um Arme und Zurückgebliebene ins Zentrum stellen, klingt mir eher nach einem Idealbild. Schön wäre es ja, und ich bin mir sicher, dass es jede Menge Leute gibt, die das auch so ausleben. Aber da waere wieder die Frage, ob die Menschen nach religiösen Vorgaben oder nach ihrem eigenen Gewissen handeln. In der Praxis sieht organisierte Religion oftmals alles andere als sozial: Ob nun die calvinistisch geprägten evangelikalen Christen, die das Streben nach Reichtum als Sinn des Lebens sehen, ob Hindu-Fundamentalisten, die das Schicksal der in Armut lebenden dalits als gottgegeben und unveraenderlich betrachten, oder muslimische Fundamentalisten, die wo immer sie an der Macht waren, sofort ihre Wohltätigkeitsrhetorik aus der Oppositionszeit über Bord warfen – Mitgefühl für die Zurückgelassenen findet man bei solchen Gruppierungen, die es offenbar mit ihrem Glauben auch sehr ernst meinen, nicht. Wer Armut als etwas sieht, das in Gottes Hand liegt, der greift als „Normalsterblicher“ natürlich auch nicht ein. Daher oftmals der Vorwurf von konservativer oder religiöser Seite an Linke, diese würden social engineering betreiben.

            • Stefan Pietsch 2. März 2018, 18:37

              Eigentlich würde ich dieses Zitat ja unter Sarkasmus verbuchen

              Ich bin ja humorvollen Formulierungen, selbst wenn sie gegen mich gerichtet sind, aufgeschlossen. An dieser Stelle und in Bezug auf Religion finde ich sie ein Stück despektierlich.

              Aber da wäre wieder die Frage, ob die Menschen nach religiösen Vorgaben oder nach ihrem eigenen Gewissen handeln.

              Ja. Religion ist ein moralischer Kompass. In der Wüste ausgesetzt, sind Sie ohne Kompass verloren. Es gibt natürlich noch andere Kompassnadeln außer die Religion, aber oft sind sie ihr entlehnt. Das Gewissen neigt dazu, uns auch zu betrügen. Es liefert uns nämlich auch Argumente für den Regelbruch. Die Klarheit christlicher Regeln machen das schwer. Sicher, so mancher flüchtet sich dann in den Bezug auf alttestamentarische Vorschriften, aber das scheint mir eine Ausflucht. Für einen Christen gilt in erster Linie das Neue Testament, während das Alte Testament als Ergänzung dient.

              Ich bin bekennender und manchmal praktizierender Katholik. Ich denke, dass meine politischen Überzeugungen im Einklang mit meinem Glauben stehen. Jesus war nicht dagegen, dass Menschen etwas leisteten und Ehrgeiz entwickelten. Er predigte gegen die Hingabe an den Mammon. Und mein zentraler Leitfaden ist das Gleichnis von den Talenten, das sich übrigens auch im Hauptmann von Köpenick wiederfindet.

              Ich führe seit vielen Jahren Menschen. Ich tue das nicht des Geldes wegen. Und genauso engagiere ich mich mit Herzblut und zeitlichen Einschränkungen in der Kinderbetreuung. Das ist nicht eine Frage des Gewissens, sondern der Werte.

              Mitgefühl für die Zurückgelassenen findet man bei solchen Gruppierungen, die es offenbar mit ihrem Glauben auch sehr ernst meinen, nicht.

              Nennen Sie doch bitte Beispiele, die etwas von Allgemeingültigkeit haben. Fakt ist: In Westeuropa regieren Konservative meist, während sich progressiv bezeichnende Parteien in der Opposition befinden. Und wenn linke Parteien regieren, währt ihre Zeit in Verantwortung vergleichsweise kurz. Sie scheinen weit weniger geeignet, eine Gemeinschaft zusammenzubinden. Es sind vor allem sich zu einem christlichen Menschenbild bekennende Parteien, die lange regieren.

              Christ zu sein bedeutet nicht, keine Fehler zu machen oder nicht zu sündigen. Natürlich mache ich Fehler, natürlich verletze ich Menschen. Doch wenn ich das tue und erkenne, dann stelle ich das richtig. Nicht, weil ich ein „schlechtes Gewissen“ habe, sondern aus inneren Überzeugungen. Das betrifft vor allem jene, die nicht mit mir übereinstimmen, ja, mich kritisch sehen.

            • Erwin Gabriel 5. März 2018, 11:06

              @ bevanite 2. März 2018, 17:53

              In den meisten westlichen Ländern stehen die Konservativen unserer Zeit für soziale Ungleichheit und fühlen sich eher den wirtschaftlich Starken verpflichtet.

              Das ist aus meiner Wahrnehmung nicht ganz richtig.

              Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass es soziale Gleichheit niemals geben kann. Selbst wenn Sie alle auf Null bzw. auf das gleiche Startkapital setzen, wird sich nach kurzer Zzeit eine Hierarchie von Habenden und Habenichtsen herausgebildet haben. Dass Konservative diese Ungleichheit anstreben, ist aber genauso falsch wie die Annahme, dass man diese Situation durch unbeschränkte finanzielle Unterstützung ändern könnte.

              Auch fühle ich mich nicht den wirtschaftlich Starken verpflichtet, sondern dem eigenveranwortlichen Menschen. Dass jemand auf eigenen seinen Füßen steht, ist für mich der entscheidende Punkt, nicht seine Schuhgröße. Wenig Respekt habe ich vor Menschen, die sich aus persönlicher Bequemlichkeit von der Gesellschaft aushalten lassen, obwohl sie noch problemlos arbeiten könnten.

              Bildlich gesprochen halte ich es für sinnvoller, einem Hungernden Saatgut und einen Pflug zu geben, als ihn permanent mit Brot zu versogen.

              es grüßt
              E.G.

              • Floor Acita 5. März 2018, 11:40

                Meiner Erfahrung nach ist die Reaktion auf die Frage nach Saatgut und Pflug nicht so dermaßen unterschiedlich von der nach Brot…

                Nein, es geht hier grundsätzlich um etwas anderes. Konservative sind die liebsten, fürsorgenden, hilfsbereitesten Menschen die man sich vorstellen kann (ich bin selbst katholisch erzogen) – solange es um Menschen geht die als Teil der eigenen Gruppe verstanden werden. Das Ganze kann leider ganz schnell umschlagen und schlägt oft sehr schnell um in Konkurrenz, Abschottung, Neid, Missgunst bis hin zum Hass so es um Menschen geht die als außerhalb der Gruppe angesehen werden.

                Konservative haben dabei oft ein sehr eingeschränktes Verständnis der eigenen Gruppe – z. B. werden neben der formalen Staatsangehörigkeit noch Herkunft, Religion und Ethnie als Kriterien eingeführt. Links-liberal-Progressive haben oft ein weitergehendes, weitläufigeres Verständnis der eigenen Gruppe… M.E. oft auf Erfahrungen gegründet. Ich war z.B. auf einer Schule auf der ethnisch-Deutsche zwar die größte Einzelgruppe, nicht jedoch die Mehrheit waren, römisch-katholisch war die größte Religionsgruppe, danach Islam, weit danach evangelisch. Da fällt es mir natürlich schwer Muslime oder „Araber“ oder „Türken“ oder „Pakistani“ etc. auszuschließen – schließlich waren es nicht nur deutsche Staatsbürger, sondern auch meine besten Freunde „durch dick und dünn“, zu meiner Persönlichkeit-prägendsten Zeit.

                Das erklärt vielleicht auch das signifikant unterschiedliche Wahlverhalten zwischen städtisch/divers (gerade von „Ausländern“/Muslimen/Flüchtlingen) geprägten Wahlkreisen und eher ländlich/mono-ethnisch geprägten Wahlkreisen – und das scheint sich durchzuziehen – sei es in den USA, dem UK, Frankreich, Deutschland, ja sogar der Türkei…

                • Erwin Gabriel 6. März 2018, 17:19

                  Floor Acita 5. März 2018, 11:40

                  Konservative sind die liebsten, fürsorgenden, hilfsbereitesten Menschen die man sich vorstellen kann (ich bin selbst katholisch erzogen) – solange es um Menschen geht die als Teil der eigenen Gruppe verstanden werden. Das Ganze kann leider ganz schnell umschlagen und schlägt oft sehr schnell um in Konkurrenz, Abschottung, Neid, Missgunst bis hin zum Hass so es um Menschen geht die als außerhalb der Gruppe angesehen werden.

                  Das deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen. Bestenfalls so, dass man als ‚Konservativer‘ durchaus gerne gibt und hilft, aber ein gewisses Wohlverhalten erwartet; etwa in der Form, dass ein Bettler sich vom gespendeten Geld etwas zu Essen statt zu Saufen holt. Wird man enttäuscht – ob man ein Recht hat, darüber enttäuscht zu sein, mal dahingestellt, gibt man halt nichts mehr.

                  Nach meiner Wahrnehmung ist ‚Progressiven‘ derartiges Wohlverhalten nicht so wichtig. Auch sind sie spendabler, wenn auch nicht mit eigenem Geld; da soll sich doch dann bitte der Staat kümmern, oder die Reichen.

                  Neid, Missgunst, Abschottung, Ausgrenzung, Hass sind Begrifflichkeiten, die nicht in einer ‚progressiven‘ oder ‚konservativen‘ Prägung verwurzelt sind, sondern in individuellen persönlichen Schwächen.

                  es grüßt
                  E.G.

                  • Stefan Sasse 6. März 2018, 17:28

                    Ich würde hier weder Konservativen noch Progressiven per se solche Triebe unterstellen. Die meisten Menschen sind großzügig, wenn es das Geld anderer Leute betrifft, und die meisten Leute helfen gerne, wenn es sie nichts kostet.

    • Stefan Sasse 2. März 2018, 14:38

      Ich denke du wirst mir nicht widersprechen, wenn ich Hitler als Rassisten einordne. Es gibt auch heute noch Leute, die im Wortsinne rassistisch sind. Das sind halt nicht übermäßig viele.

  • Stefan Pietsch 2. März 2018, 12:54

    Selten einen Artikel gelesen, der so auf Einvernehmen getrimmt war und doch die Konfrontation regelrecht heraufbeschwört. Ein kluger Kommentator schrieb dieser Tage:

    Frauen sind einfühlender, Schwarze sind schneller etc. sind sexistische/rassistische Aussagen

    Ich habe damit ein Problem. Die gesamten Laufwettbewerbe bei Leichtathletik und Olympia werden von Schwarzen dominiert. Die schnellsten Spieler der Bundesliga-Hinrunde 2017 / 2018 waren zu einem hohen Anteil farbige Spieler wie Leon Bailey, Ihlas Bebou, Kingsley Coman und Pierre-Emerick Aubameyang, deutlich über ihrem Anteil an der Gesamtheit der Bundesligaspieler. Nun könnte man argumentieren, sie wären aufgrund der Verhältnisse in ihrer Heimat besonders schnell und diesbezüglich trainiert. Das trifft aber nicht zu, die genannten Spieler sind in Westeuropa aufgewachsen und in hiesigen Vereinen ausgebildet worden.

    Genauso arbeiten Frauen weit überdurchschnittlich in als sozial bezeichneten Berufen, sie arbeiten wesentlich häufiger Teilzeit und wesentlich öfter als Hausfrau. Frauen haben auch wesentlich mehr Sozialkontakte zu Freunden, Familienmitgliedern und Kollegen.

    Wer das also beschreibt, wählt rassistische, respektive sexistische Motive. Um den wissenschaftlich-statistischen Fakten nachzukommen, müssten solche Formulierungen mit relativen Einschränkungen versehen werden, was in einer Verschandelung der Sprache mündet. Ein Merkmal, dass jedoch statistisch signifikant mit der Rasse oder Geschlecht verknüpft ist, zu verschweigen, wäre nichts anderes als Fake News.

    • Stefan Sasse 2. März 2018, 14:45

      Das ist ein Missverständnis. Das Beschreiben des Sachverhalts als solcher ist nichts außer dem Beschreiben des Sachverhalts. Rassistisch oder sexistisch wird es, wo du diskriminierend rassische oder geschlechtsabhängige Merkmale als Begründung für diese Phänomen vorlegst. Und in beiden Fällen sind diese Erklärungsmuster, gelinde gesagt, umstritten.

  • Floor Acita 2. März 2018, 13:24

    Danke! Das trifft genau meine Meinung! Ich weiss zwar nicht wer die Linken sein sollen, „die darauf bestehen, dass Bernie Sanders, Jean-Luc Mélenchon, Oskar Lafontaine, Jeremy Corbyn und Sahra Wagenknecht keine Rassisten sein könnten, weil sie ja links sind, und damit per Definition die Guten.“

    Hört sich für mich eher wie eine Erwartungshaltung der Rechten an – Bernie wäre wahrscheinlich der erste der sich auf die Diskussion einlassen würde/ein interesse daran hätte, aber geschenkt.

    Der Kern des Artikels ist genau was ich mehr oder weniger holprig versucht habe in meinen Kommentaren unterzubringen. Im Übrigen sprechen wir ja auch nie von „Staat“ oder „Verbot“ weder beim Thema Rassismus oder Sexismus – das wird von anderer Seite dagegen dauernd eingeworfen…

  • Stefan Sasse 2. März 2018, 14:52

    Noch eine Geschichte die ich im Artikel nicht sinnvoll unterbekommen habe. Kürzlich hatte ich in einer Twitterdiskussion den Begriff „illegal immigrant“ verwendet. Ich wurde daraufhin mit einer Privatnachricht angeschrieben (von was ich vermute war ein Bot), in der mir höflich erklärt wurde, dass der Begriff diskriminierend ist, und dass ich doch künftig besser „undocumented immigrant“ verwenden solle. Das ist genau das was ich meine: niemand warf mir vor, Rassist oder rassistisch zu sein, sondern einen rassistischen Begriff verwendet zu haben. Und ich kann das entsprechend künftig ändern (oder auch nicht), aber auf jeden Fall weiß ich es. Das wünsche ich mir auch für andere.

    • Erwin Gabriel 2. März 2018, 22:17

      @ Stefan Sasse

      Kürzlich hatte ich in einer Twitterdiskussion den Begriff „illegal immigrant“ verwendet. Ich wurde daraufhin mit einer Privatnachricht angeschrieben (von was ich vermute war ein Bot), in der mir höflich erklärt wurde, dass der Begriff diskriminierend ist, und dass ich doch künftig besser „undocumented immigrant“ verwenden solle. “

      Ist der Begriff „illegal“ falsch, wenn jemand unter Umgehung geltender Gesetze in ein Land einwandern will?

      • Stefan Sasse 3. März 2018, 09:18

        Es ist problematisch, Menschen als illegal zu beschreiben. Wieder der Unterschied Substantiv und Adjektiv: die Einwanderung als solche war illegal, der Mensch ist es nicht.

        • Stefan Pietsch 3. März 2018, 10:15

          Wieso? Es ist dann auch problematisch, einen Menschen als besoffen zu bezeichnen. Steht zwar so nicht im Gesetzbuch, ist aber eine allgemeine Feststellung der Mitmenschen.

          Wenn ein Mensch nicht illegal sein kann, dann kann er auch nicht legal sein, das schließt sich aus. Wir reden aber auch von illegalen Drogen. Warum ist sprachlich nicht möglich von illegalen Menschen, Zuwanderern, Zuhältern zu sprechen?

          • Stefan Sasse 3. März 2018, 10:58

            Weil besoffen ein Zustand ist, der am nächsten Tag nicht mehr zutrifft. Er beschreibt einen Augenblick und macht keine Aussage über seine Existenz. Das Äquivalent das du suchst ist „versoffen“, und das würde zurecht als Beleidigung aufgefasst werden.

            • Erwin Gabriel 3. März 2018, 11:42

              @ Stefan Sasse 3. März 2018, 10:58

              Das Äquivalent das du suchst ist „versoffen“, und das würde zurecht als Beleidigung aufgefasst werden.

              aber wenn’s wahr ist … 🙂

              • Stefan Sasse 3. März 2018, 12:34

                Bleibt es unhöflich.

                • Erwin Gabriel 5. März 2018, 11:07

                  @ Stefan Sasse

                  auch das ist wahr.

                  es grüßt
                  E.G.

            • Stefan Pietsch 3. März 2018, 16:52

              Auch ein illegaler Status kann geheilt werden, ist also im Zweifel periodisch. Aber versuche mal, in den obersten Stock des Bundeskanzleramtes zu kommen. Selbst wenn Dir das gelingt, wirst Du nicht zu hören bekommen: „Oh, Sie sollten hier nicht sein.“

              Jeder Mensch weiß, dass der Grenzübertritt und erst recht der Aufenthalt in einem Staatsgebiet nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt und ansonsten illegal ist. Der illegale Grenzübertritt stellt meist eine Straftat dar. Ein Bankräuber ist ein Bankräuber und nicht jemand, der unerlaubt Geld vom Schalter genommen hat. Ein Betrüger ist ein Betrüger, selbst wenn er nur beim Prellen von 100 Euro erwischt wurde. Und was ist jemand, der unangemeldet und ohne Genehmigung des aufnehmenden Landes einreist? Vielleicht ein Illegaler?

        • Erwin Gabriel 3. März 2018, 11:39

          @ Stefan Sasse 3. März 2018, 09:18

          die Einwanderung als solche war illegal, der Mensch ist es nicht.

          Ich behaupte nicht, dass der Mensch in seiner Existent illegal ist, sondern dass er sich als Einwanderer illegal im Land aufhält.

          Ein Bankraub ist ein Bankraub, keine undokumentierte Geldabhebung; ein Bankräuber ist ein Bankräuber, nicht aber jemand, der undokumentiert Geld abhebt.

          „Undokumentiert“ bedeutet lediglich, dass der dazugehörige Papierkram nicht erledigt wurde, warum auch immer. Die Illegalität der Einwanderung, des Aufenthalts hier wird dadurch nicht beschrieben. Also ist diese Neusprech-Formulierung mindestens stark irreführend, wenn nicht gar vertuschend, eine linkspopulistische Formulierung,

          • Stefan Sasse 3. März 2018, 12:35

            Es geht natürlich darum, die Leute nicht als Kriminelle zu fassen, klar.

            • Erwin Gabriel 5. März 2018, 11:10

              @ Stefan Sasse 3. März 2018, 12:35

              Es geht natürlich darum, die Leute nicht als Kriminelle zu fassen, klar.

              Sorry – ich verstehe nicht, was Sie damit meinen.

              fragende Grüße
              E.G.

              • Stefan Sasse 5. März 2018, 15:50

                Es geht um eine Änderung des Framing. Anstatt diese Leute als Kriminelle zu begreifen („illegale Einwanderer“) wird ihr Mangel eines rechtlichen Status‘ als Problem gesetzt („undokumentierte Einwanderer“); die Handlungsanweisung an den Staat ist einmal, Kriminelle zu verhaften und abzuschieben und einmal, ihnen einen legalen Status zu verschaffen.

                • Erwin Gabriel 6. März 2018, 17:42

                  @ Stefan Sasse 5. März 2018, 15:50

                  Es geht um eine Änderung des Framing. Anstatt diese Leute als Kriminelle zu begreifen („illegale Einwanderer“) wird ihr Mangel eines rechtlichen Status‘ als Problem gesetzt („undokumentierte Einwanderer“);

                  Den Punkt habe ich verstanden. Aber warum soll man das tun? Warum soll man jemanden, der wissentlich eine Stratat begeht, „umframen“? Er ist und bleibt ein Straftäter, und gehört entsprechend behandelt, in diesem Falle also abgeschoben.

                  die Handlungsanweisung an den Staat ist einmal, Kriminelle zu verhaften und abzuschieben und einmal, ihnen einen legalen Status zu verschaffen.

                  Die Handlungsanweisung kann im Falle illegaler Einwanderung doch nicht lauten, dass der Staat die Aufgabe hat, für den illegalen Einwanderer einen legalen Status herzustellen. Was für eine abstruse Vorstellung.

                  Ein Einbrecher gehört gefangen und eingesperrt; den sollte man nicht als ‚wohnungssuchend‘ umdeklarieren und ihm anschließend eine Wohnung besorgen.

                  erstaunte Grüße
                  E.G.

                  • Stefan Sasse 6. März 2018, 18:00

                    Nur ist die Vorstellung nicht so abstrus, wie du tust. Viele dieser Leute sind seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten im Land. Wir haben Verjährungsfristen für alle Straftaten außer Mord. Warum also nicht auch hier? Und da reden wir noch nicht einmal über das viel größere Problem derjenigen, die als Kinder hergebracht wurden und die Straftat nicht einmal selbst begangen haben und ihr angebliches Ursprungsland gar nicht kennen!

  • Wolf-Dieter Busch 2. März 2018, 20:03

    Ich halte Rassismus für einen sinnentleerten Kampfbegriff. Es kann tatsächlich Leute geben, die einer „Rasse“ mit einer Wertung belegen. Soweit das nur im Kopf geschieht, greift die Meinungs- und Gedankenfreiheit; soweit das durch Tätigkeit geschieht, greift Zivil- und Strafrecht.

    Und fertig. Gilt auch für Sartor.

    • Stefan Sasse 2. März 2018, 20:15

      Da machst du es dir wesentlich zu einfach. Wenn du Rassisten unter dem Argument der Meinungsfreiheit das Feld überlässt, legitimierst du sie. Es ist Recht wie Pflicht der Zivilgesellschaft, dem Paroli zu bieten.

    • Erwin Gabriel 3. März 2018, 11:52

      @ Wolf-Dieter Busch 2. März 2018, 20:03

      Ich halte Rassismus für einen sinnentleerten Kampfbegriff.

      Da bin ich bei Stefan Sasse
      Kampfbegriff: mag sein; sinnentleert: nicht grundsätzlich.

      Es kann tatsächlich Leute geben, die eine „Rasse“ mit einer Wertung belegen.

      Ja. Geschieht das verallgemeinernd (etwa „alle Zigeuner stehlen“), ist das Rassismus und zu verurteilen.

      Soweit das nur im Kopf geschieht, greift die Meinungs- und Gedankenfreiheit; soweit das durch Tätigkeit geschieht, greift Zivil- und Strafrecht.

      Ja, aber …

      Ersetzten Sie „Rassist“ durch „Pädophiler“, dann verstehen Sie vielleicht, dass ich Ihrer Sicht nur mit gewissen Einschränkung zustimmen kann.

      es grüßt
      E.G

      • Wolf-Dieter Busch 7. März 2018, 03:01

        „Ersetzten Sie „Rassist“ durch „Pädophiler“, dann verstehen Sie vielleicht, dass ich Ihrer Sicht nur mit gewissen Einschränkung zustimmen kann.“ – Wieso? Das Strafrecht übt doch eine gewisse Schutzfunktion aus? Oder nicht?

  • Erwin Gabriel 2. März 2018, 22:14

    @ Stefan Sasse

    Dies zeigt sich, um den Kreis zu schließen, denn auch in der instinktiven Abwehrreaktion gegen „Gutmenschen“, die in die bürgerliche Komfortzone eindringen. Die Vorstellung, man selbst könnte als „Rassist“ oder „Sexist“ entlarvt und damit außerhalb der Gesellschaft gestellt werden ist so erschreckend, dass instinktiv versucht wird, die anderen in den Sumpf zu reißen. Wenn alle schlecht sind – etwa weil sie moralisierende Gutmenschen sind, die unvernünftig irgendwelchen unrealistischen Idealen nacheifern – dann ist man selbst vor den Anwürfen sicher.

    Da muss ich heftig protestieren.

    Ihre Wortwahl (etwa „man selbst könnte als ‚Rassist‘ oder ‚Sexist‘ entlarvt werden“) ist eine Vorverurteilung; entlarven werden kann nur, was ist.
    Dann geht es nicht darum, andere „in den Sumpf zu ziehen“, sondern darum, sich gegen moralisierende, belehrende Angriffe zu verteidigen.

    Ihre Wortwahl ist „Gutmenschentum“ pur – Sie haben Recht, die anderen liegen falsch, und Argumente sind nicht vonnöten.

    frustrierte Grüße
    E.G.

    • Stefan Sasse 3. März 2018, 09:17

      Vielleicht kann ich deine Frustration beheben, denn sie fußt auf einem Missverständnis. Mein Satz ist ein Konjunktiv: ich beschreibe die Vorstellung dieser Leute, nicht dass sie es wären und einer Entlarvung bedürften. Das ist genau der Punkt meines Artikels, aber der scheint an dir vorbei gegangen zu sein.

      • Blechmann 3. März 2018, 12:50

        „Mein Satz ist ein Konjunktiv: ich beschreibe die Vorstellung dieser Leute, nicht dass sie es wären und einer Entlarvung bedürften.“

        Das hieße dann, dass sie sich selber für Rassisten halten, obwohl sie keine sind. Macht nicht allzuviel Sinn.

        • Stefan Sasse 3. März 2018, 14:28

          Nein. Sie befürchten, dass ihnen nachgewiesen wird, dass sie welche seien, obwohl sie sich selbst für keine halten. Das ist ja gerade die Crux an dieser binären Zuschreibung: entweder du bist ein Rassist oder nicht. Und weil du keiner sein willst, und fürchtet dass dir jemand vor dem Gericht der öffentlichen Meinung das Gegenteil beweist, kämpfst du mit aller Härte gegen die Grundlagen der gegnerischen Argumentation – und bereitest damit ohnes es zu wollen den echten Rassisten den Boden.

          • Blechmann 4. März 2018, 20:20

            „Nein. Sie befürchten, dass ihnen nachgewiesen wird, dass sie welche seien, obwohl sie sich selbst für keine halten.“

            Ist insofern unsinnig, als dass wenn ich überzeugt bin, kein Rassist zu sein, bin ich auch überzeugt, dass es mir keiner nachweisen kann. Man kann mir schlecht etwas nachweisen was nicht ist, man kann mich höchstens dafür verurteilen.

            „Rassismus ist eine Ideologie, nach der Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale als sogenannte „Rasse“ kategorisiert und beurteilt werden. Die zur Abgrenzung herangezogenen Merkmale werden in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlicher und bestimmender Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften gedeutet und nach Wertigkeit eingeteilt. Dabei betrachten Rassisten alle Menschen, die ihren eigenen Merkmalen möglichst ähnlich sind, grundsätzlich als höherwertig, während alle anderen (oftmals abgestuft) als geringerwertig diskriminiert werden.“

            Gemäß dieser Definition bin ich kein Rassist, da ich eine objektive Kategorisierung von Rassen, ein Adler ist höherwertig als eine Ratte, schon von der Idee her für unmöglich halte. Es kann sich logisch nur um ein Werturteil handeln. In der Debatte ist mit „Rassist“ dagegen jemand gemeint, der gegen die muslimische Massenmigration und die Auflösung des deutschen Nationalstaats ist. Gemäß dieser Definition bin ich ein Rassist.

            Angela Merkel hat den Syrern mit ihrer Politik die Lebensgrundlage erst in ihrem Staat, dann in den Flüchtlingslagern an den syrischen Grenzen zerstört und sie so gezwungen sich auf den Weg nach Deutschland zu machen. Das Blut der Syrer, die dadurch verhungert und ertrunken sind, klebt an ihren Händen. Sie ist kein Rassist sondern einfach ein unmoralischer Mensch und eine Heuchlerin. Es interessiert mich nicht, wer in den Augen dieser Frau was ist.

            Wie das bei Jörg Sartor ist, ob er auch ein Rassist ist, weiß ich nicht. Wenn er stattdessen zum „Merkel-Moral-Club“ gehört, sollte er allerdings langsam begriffen haben woher der Wind weht.

  • Erwin Gabriel 3. März 2018, 11:31

    @ Stefan Sasse

    Wer sich selbst nicht als Sexist oder Rassist begreift, braucht keine Angst vor „Entlarvung“ zu haben, bestenfalls vor ungerechtfertigter Beschuldigung und Verleumdung.

    Das scheint an Ihnen vorbeizugehen.

    Das vorausgesetzt, bedeutet Ihre Formulierung Folgendes:
    Wer anderen gegenüber den Begriff „Gutmensch“ verwendet, tut das ausschließlich und absichtsvoll aus vorbeugender Abwehr, um nicht als der Sexist / Rassist, der er ist und als der er sich selbst sieht, bloßgestellt zu werden.

    Ich habe verstanden, dass Sie das nicht so gemeint haben, und werde Ihre Formulierung entsprechend interpretieren.

    Dann bleibt immer noch, dass Sie den Vorwurf des Gutmenschentums als grundsätzlich nicht zutreffend definieren, da er frei von jeglicher Grundlage nur aus Abwehr gegen eventuelle bzw. vermutete Vorwürfe erhoben wird.

    Leute wie Angela Merkel (Flüchtlingspolitik), Ursula von der Leyen (pauschale Nazi-Vorverurteilung der Bundeswehr) oder Heiko Maas (Netzwerkdurchdringungsgesetz), die oft frei von Rechtskenntnis, frei von Rechtsstaatlichkeit und frei von Argumenten ihren moralischen Zeigefinger schwingen, sind keine guten Menschen, sondern Gutmenschen – unabhängig davbon, was ich bin.

    es grüßt mit wieder sinkendem Blutdruck
    E.G.

  • Ariane 4. März 2018, 19:13

    Erstmal schöner Vergleich, wenn auch vielleicht etwas ungerecht dem Gemüse gegenüber 😉

    Da ich die ganze Woche unterwegs war, hab ich vom eigentlichen Thema nicht viel mehr als die Schlagzeilen mitbekommen. Ich unterstütze auch deinen Aufruf, mache mir aber recht wenig Hoffnungen. Meiner Meinung nach ist die ganze Debatte (egal ob es nun um Sexismus oder Rassismus oder sonstwas geht) häufig total sinnentleert, weil daraus dann Abwehrschlachten entstehen und das eigentliche Thema meilenweit weg ist.
    Ich musste beim Lesen an deinen Artikel zur toxischen Männlichkeit denken und egal, wie vorsichtig und differenziert du dich ausdrückst, in den Kommentaren ging es trotzdem sehr viel darum, dass du Gutmensch du bestimmt alle Männer für gemeingefährliche Bösewichte hältst (und dass man nicht mehr flirten darf^^).

    Ich persönlich finde, dass das Hauptproblem eine gewisse Empathielosigkeit ist. Denn gerade wenn man vielleicht von einem Betroffenen auf ein vermeintliches Fehlverhalten angesprochen wird, wäre es ja einfach wichtig, das überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Anstatt sofort in Abwehrhaltung zu stehen, was meistens mit noch weiteren Vorwürfen oder Absurditäten einhergeht. Denn bei Rassismus, Sexismus, sonstwas geht es ja im Kern immer um verletzendes Verhalten und deswegen regt es mich immer maßlos auf, dass die Abwehrschlacht immer darin besteht, das erstmal zu negieren. Entweder sind alle überempfindlich oder es werden Denkverbote beklagt oder die betroffenen Personen sind irgendwie selbst schuld oder es war ja nur lustig gemeint. Und diese Anerkennung von unterschiedlichen Gefühlen unterschiedlicher Menschen (beider Seiten) fällt total flach und dann kommt man kein Stück weiter.

    • Stefan Sasse 4. März 2018, 19:59

      Es ist beeindruckend, wie wenig Bereitschaft besteht, überhaupt in den Dialog zu treten. Da ist eine riesige Furcht vorhanden, dass man schon durch das bloße Diskutieren der These mit der Annahme, es könnte was dran sein, sich selbst beschädigt.

      • Erwin Gabriel 5. März 2018, 11:40

        @ Ariane 4. März 2018, 19:13

        Ich persönlich finde, dass das Hauptproblem eine gewisse Empathielosigkeit ist.

        Meine Empathie ist gegenüber Menschen, die ich persönlich kenne, in der Regel deutlich stärker ausgeprägt als gegenüber denen, die ich nicht kenne. Deswegen neige ich dazu, Situationen mit mir unbekannten Menschen eher sachlich bzw. nur nach Faktenlage zu beurteilen. Ich persönlich kenne niemanden, dem das anders geht.

        Denn gerade wenn man vielleicht von einem Betroffenen auf ein vermeintliches Fehlverhalten angesprochen wird, wäre es ja einfach wichtig, das überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

        Es wird doch zur Kenntnis genommen. Nur wenn ich den Vorwurf für nicht zutreffend halte, nehme ich ihn nicht an.

        @ Stefan Sasse 4. März 2018, 19:59

        Es ist beeindruckend, wie wenig Bereitschaft besteht, überhaupt in den Dialog zu treten.

        Ich sehe hier eine große Bereitschaft.

        Da ist eine riesige Furcht vorhanden, dass man schon durch das bloße Diskutieren der These mit der Annahme, es könnte was dran sein, sich selbst beschädigt.

        Gilt das nicht umgekehrt genauso? Haben Sie nicht auch eine Sperre eingebaut, wenn ich Ihnen ungerechtfertigtes Moralisieren unterstelle?

        Für mich ist beispielsweise jemand, der unter Umgehung unserer Gesetze in unser Land kommt, ein illegaler Einwanderer, der sich wissentlich kriminell verhält.

        Wenn mir jemand bei dieser Definition unterstellt, dass ich mit meiner Wortwahl das Recht auf Leben abspreche, liegt der halt falsch. Die Vorhaltung akzeptiere ich als andere Sicht auf die Dinge, erwarte aber auf der anderen Seite das Gleiche.

        Was halt die Diskussion schwierig macht (nicht, dass sich einer drückt), ist der unterschwellige Vorwurf moralischen Fehlverhaltens, der den meisten derartigen Vorhaltungen / Hinweisen untergelegt ist. Dieser moralische Aspekt wird in der Regel bewußt eingebaut.

        Ich habe – Beispiel Zuwanderung – keinen Befürworter gesehen oder gehört, der ohne diese unterschwelligen moralischen Vorwürfe auskam. Da kann man dann natürlich auch in die andere Richtung unterstellen, die Diskussion aus bestimmten gründen verweigern zu wollen.

        es grüßt
        E.G.

        PS: Ich bin mir fast sicher, dass Sie meine Antwort als Bestätigung Ihrer These auffassen. ich bin mir ebenfalls fast sicher, dass ich ihre Replik als Bestätigung meines Kommentars auffasssen werde.

        Schwierig zu sagen, wer „Recht“ oder „Unrecht“ hat, oder ob wir beide uns „falsch“, „richtig“ oder auch nur „normal“ verhalten, wenn so viel auf unseren unterschiedlichen, gleichermaßen legitimen Weltsichten basiert.

        • Floor Acita 5. März 2018, 15:59

          „Was halt die Diskussion schwierig macht (nicht, dass sich einer drückt), ist der unterschwellige Vorwurf moralischen Fehlverhaltens, der den meisten derartigen Vorhaltungen / Hinweisen untergelegt ist. Dieser moralische Aspekt wird in der Regel bewußt eingebaut.“

          Ist das nicht der Ausgangspunkt genau diesen Artikels? Aus meiner Sicht und andere mögen für sich selbst sprechen, gibt es diesen Vorwurf keineswegs – weder unterschwellig noch direkt. Es ist hingegen genau die Furcht vor einer moralischen Verurteilung die den Verlauf der Diskussionen sehr stark prägen…

        • Ariane 5. März 2018, 16:09

          @Erwin Gabriel
          Ich meinte nicht dich persönlich übrigens, aber irgendwie fühlst du dich ja angesprochen.

          Es wird doch zur Kenntnis genommen. Nur wenn ich den Vorwurf für nicht zutreffend halte, nehme ich ihn nicht an.

          Naja, ich bin der Meinung, dass es da sehr große Unterschiede gibt und das auch ein großer Teil des Problems ist.
          Wenn jemand dich beiseite nimmt und meint „Übrigens, was du da gerade gesagt hast, fand ich verletzend (egal ob persönlich oder wem anders gegenüber“

          Dann kann man das entweder anerkennen und sowas sagen wie „Tut mir leid, dass du dich so fühlst, war nicht meine Absicht“
          Oder man dreht den Spieß um und kontert zb mit „Du spaßbremsende Moralwächterin, du bist einfach viel zu empfindlich, stell dich gefälligst nicht so an“

          Ist jetzt natürlich übertrieben, aber die zweite Reaktion passiert imo viel zu häufig und damit wird das ursprüngliche Gefühl des Verletztseins total negiert und derjenige bekommt zusätzlich noch einen reingedrückt. Warum das?

          Ganz vieles, rassistisch, sexistisch, sonstwas im Alltag passiert ja gar nicht in der Absicht jemanden zu verletzen. Oft ist es einfach unbeabsichtigt oder plump oder witzig gemeint usw. Ich spreche hier nicht von Weinstein oder Höcke sondern dem nichtradikalen Normalo^^
          Und wenn man eben nicht von vornherein unhöflich oder verletzend sein möchte, wäre es doch wichtig, erstmal das Gefühl des anderen anzuerkennen und zwar unabhängig, ob man das gerade nachvollziehen kann oder nicht.
          Und dann kann man hinterher in Ruhe drüber nachdenken, ob man sich unfair verhalten hat oder der andere eine Spaßbremse ist.
          Ist ja durchaus möglich, dass es gar nicht daran liegt, dass alle anderen so furchtbar sensibel sind, sondern man selbst vielleicht etwas „derb“ rüberkommt.

          Und nochmal: ich rede hier von normalen Leuten, wie ich eigentlich alle hier einschätze, die nicht irgendwie radikal sind und nicht absichtlich verletzend sein möchten.

          Wenn jemand mit voller Absicht entschieden hat, ein Arschloch zu sein, ist das Kind meiner Meinung nach eh schon in den Brunnen gefallen.

    • Blechmann 4. März 2018, 20:28

      „Denn gerade wenn man vielleicht von einem Betroffenen auf ein vermeintliches Fehlverhalten angesprochen wird, wäre es ja einfach wichtig, das überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.“

      Nur wurde doch der Mensch von der Tafel nicht von einem Betroffenen angesprochen, sondern von den „Moralwächtern“, soweit ich das mitgekriegt habe. Wie Neger (tschuldigung) und Zigeuner (tschuldigung) zum Negerkuss und Zigeunerschitzel stehen ist und war doch nie der Punkt.

      • Stefan Sasse 5. März 2018, 06:39

        Nein, ich entschuldige nicht. Wer sich darüber ärgert, dass andere rassistische Probleme ansprechen, aber ständig ganze Gruppen als „Moralwächer“ oder „Moralclub“ diskreditiert und dem nichts besseres einfällt, als diese mit bewussten Grenzverletzungen zu provozieren, der will ohnehin keine Diskussion führen.

        • Blechmann 5. März 2018, 14:58

          „Nein, ich entschuldige nicht. Wer sich darüber ärgert, dass andere rassistische Probleme ansprechen, aber ständig ganze Gruppen als „Moralwächer“ oder „Moralclub“ diskreditiert und dem nichts besseres einfällt, als diese mit bewussten Grenzverletzungen zu provozieren, der will ohnehin keine Diskussion führen.“

          Das ärgert mich überhaupt nicht. Der eine glaubt an den Nationalstaat, der andere glaubt mit Windrädern das Klima zu retten, der Dritte steht auf Multi-Kulti. Jedem das Seine. Jeder darf die Welt retten und verbessern wie er das möchte, hab ich kein Problem damit. Solange er den Respekt den er für seine Weltverbesserungs-Bemühungen einfordert auch anderen gewährt. Wer den Nazi im Munde führt, sollte mit dem Moralwächter leben können.

          • Floor Acita 5. März 2018, 15:55

            Nur sind es normalerweise diejenigen die andere Moralwächter nenne, die auch immer wieder den Strohmann Nazi aus dem Hut zaubern. Hier im Blog hat jedenfalls im Zusammenhang niemand jemals jemand anderen einen Nazi genannt…

            • Blechmann 5. März 2018, 20:54

              „Nur sind es normalerweise diejenigen die andere Moralwächter nenne, die auch immer wieder den Strohmann Nazi aus dem Hut zaubern. Hier im Blog hat jedenfalls im Zusammenhang niemand jemals jemand anderen einen Nazi genannt…“

              Ich hab auch niemand hier im Block einen Moralwächter genannt. Es hat aber jemand in diesem Artikel Frau Petry als eklig und den „hinterletzten Abschaum“ bezeichnet. Dürfte ich das auch von Merkel sagen? Oder sind dann Leute pikiert? Was glaubst du?

        • Erwin Gabriel 6. März 2018, 18:07

          q Stefan Sasse 5. März 2018, 06:39

          Wer sich darüber ärgert, dass andere rassistische Probleme ansprechen, …

          Da haben wir es doch schon wieder: Sie gehen wie selbstverständlich davon aus, dass es ein rassistisches Problem ist. Nach dem, was ich gehört, gesehen und gelesen habe, würde ich das nicht so einordnen.

          Es ist Ihr gutes Recht, das anders zu sehen, aber nicht Ihr Recht, andere deswegen moralisch abzuqualifizieren.

          Sie machen es sich hier zu einfach, und sind selbst nur bereit, die Diskussion zu ihren Bedingungen zu führen.

          es grüßt
          E.G.

      • Ariane 5. März 2018, 06:56

        Was Stefan sagt.
        Und außerdem wissen wir das nicht. Wenn der syrische Flüchtling oder um wen es da geht dem Tafelmensch nach der Abweisung sagt, dass er darüber verletzt ist, dass ihm ein Nehmergen unterstellt wird, steht das nämlich übrigens nicht in der Zeitung.
        Mich würde das verletzen und ich wäre froh zu wissen, dass auch Unbeteiligte auf meiner Seite stehen, das läuft üblicherweise eher unter Zivilcourage als Moralwächterclub.

        • Stefan Pietsch 5. März 2018, 07:29

          Wenn Männer für eine Position – beispielsweise im Öffentlichen Dienst – nicht in Betracht gezogen werden, so lange eine Quote nicht erfüllt ist, so ist das hinzunehmen. Mit den gleichen Argumenten, mit denen es bei der Tafel abgelehnt werden soll.

          • Floor Acita 5. März 2018, 11:25

            „egal, wie vorsichtig und differenziert du dich ausdrückst, in den Kommentaren ging es trotzdem sehr viel darum, dass du Gutmensch du bestimmt alle Männer für gemeingefährliche Bösewichte hältst (und dass man nicht mehr flirten darf^^)“

            „Es ist beeindruckend, wie wenig Bereitschaft besteht, überhaupt in den Dialog zu treten.“

            Und schon wieder wird das Thema gewechselt…

            • Stefan Pietsch 5. März 2018, 11:48

              Das ist beides nicht von mir…

              • Ariane 5. März 2018, 15:51

                Nein, nur der klassische Themenwechsel^^

              • Floor Acita 5. März 2018, 15:52

                Ist das jetzt real Satire?

                Ihr Beitrag ist eine Bestätigung der beiden Aussagen – nein, die selbst sind nicht von Ihnen, sondern von Stefan bzw. Ariane

                • Stefan Pietsch 5. März 2018, 16:24

                  Verstehe ich ehrlich gesagt nicht, wo von meiner Seite das Thema verändert worden wäre.

          • Stefan Sasse 5. März 2018, 15:46

            Da ignorierst du den fundamentalen Unterschied zwischen positiver und negativer Diskriminierung.

        • Stefan Sasse 5. März 2018, 15:44

          +1

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