Zusammenprall im vollklimatisierten Studio – Analyse der Republikaner-Debatte in South Carolina

 US Wahl Logo DD

Vergangen Samstag fand in Charleston, South Carolina, die jüngste Debatte der Republicans statt. Die Vorwahlen in Iowa und New Hampshire hatten das Feld der Kandidaten deutlich ausgedünnt, so dass nur noch sechs Kandidaten im Rennen verbleiben: Trump, Cruz, Rubio, Bush, Kasich und Carson. Bei letzterem fragte man sich praktisch die ganze Zeit, was er eigentlich noch auf der Bühne macht. Seine Umfragewerte rauschen immer weiter in den Keller, und seine Antworten auf die Fragen die Moderatoren waren bestenfalls inkohärent und häufig einfach nur lachhaft. Die verbliebenen fünf aber haben alle noch realistische (wenngleich verschieden wahrscheinliche) Aussicht darauf, die Nominierung zu ergattern. In der South-Carolina-Debatte spielten sie daher mit hohem Einsatz, denn die primary am 27. Februar dürfte eine weitere entscheidende Wassermarke darstellen – wie im Übrigen auch bei den Democrats. South Carolina ist, im Gegensatz zu Iowa und New Hampshire, ein deutlich stärker diversifizierter Staat mit verschiedenen regionalen Schwerpunkten und Interessengruppen. Hier hat das Partei-Establishment deutlich mehr Einfluss, und die vielen Militäreinrichtungen machen die Außenpolitik zu einem wichtigen Politikfeld für die eher traditionell-konservativen Militärs. Der Staat ist damit eine traditionelle Hochburg der Bushs, und Jeb! hat seine Hoffnungen auf ein Comeback im Palmetto State. Und all das hat eine Bedeutung für die Debatte, denn das Establishment setzt seine Hoffnungen auf Bush und Rubio (ohne bisher eine klare Präferenz auszugeben). Da die Debatte vom RNC organisiert wurde und dieses auch für die Verteilung der Eintrittskarten zuständig war, war das Publikum deutlich Pro-Bush/Rubio und seeeeeeehr Anti-Trump. „Aber warum ist das interessant?“, höre ich jemanden fragen. „Das ist eine Debatte. Wen interessiert da das Publikum?“ Nun, South Carolina ist noch auf eine weitere Art anders als Iowa und New Hampshire.

South Carolina hat einen Ruf, zumindest bei den Republicans, für äußerst schmutzige Wahlkampftricks und extrem aggressives Auftreten. Nur ein Beispiel: in den primaries 2000 machte George W. Bush (beziehungsweise sein Wahlkampfmanager Karl Rove) Werbung gegen seinen damaligen Konkurrenten John McCain, indem er die Behauptung in die Welt setzte, McCain habe ein uneheliches schwarzes Kind. Das war eine Lüge – die McCains hatten ein Kind aus Bangladesch adoptiert, das eine recht dunkle Haut hatte – und McCain wurde in der Folge mit Hasspost und -anrufen überschüttet, ob er sich nicht „wegen der Hautfarbe seines Kindes schäme“. Man kann nicht gerade behaupten, dass die Basis der Partei sich seit 2000 besonders gemäßigt hätte. Entsprechend lautstark bedachte sie Wortmeldungen von Rubio und Bush mit Applaus, während Trump konstant ausgebuht wurde. Der reagierte voll in Form und beleidigte das Publikum („Jeb’s special interest lobbyists„).

Das war nur der sichtbarste Ausdruck eines hingeworfenen Fehdehandschuhs. Sah es vor Tagen und Wochen noch so aus als ob das Establishment sich zähneknirschend mit Trump oder Cruz abgefunden hatte, so zeigte es in South Carolina die Zähne. Und es war nicht gerade so, als ob Trump einen Kampf auslassen würde. Kein Bully, der herausgefordert wird, kann sich die Gelegenheit entgehen lassen. Und so ließ er schnell die Bombe in die Debatte platzen. Als er seine bereits erprobte Linie wiederholte, dass der Irakkrieg ein teurer Fehler gewesen sei und dass die 5 Trilliarden Dollar besser in Infrastruktur investiert gewesen wären, buhte ihn das Publikum lautstark aus. Jeb Bush, zum ersten Mal sicher und aggressiv, attackierte Bush sofort, attestiert von Rubio, und bezichtigte ihn effektiv der Ketzerei: wie könne er es wagen, Präsident George W. Bush anzugreifen? Und überhaupt irgendwelche Bushs? Sein Vater sei „der größte Mann, den ich kenne“ und seine Mutter „die stärkste Frau, die ich kenne“, was Trump nur zu dem abfälligen Kommentar hinriss, „sie sollte kandidieren“.

Dann aber ging er in die Offensive. Der Irakkrieg war ein Fehler, ein Riesenfehler, und George W. Bush log über die Massenvernichtungswaffen und betrog die amerikanische Öffentlichkeit. An dieser Stelle musste Trump über die Buhrufe im Publikum bereits hinwegschreien. Die Kommentare überschlugen sich. War Trump entgültig zu weit gegangen? Ausgerechnet in South Carolina George W. Bush einen Lügner zu nennen und den Irakkrieg zu verdammen, das war Häresie. Der Austausch mit Bush und Rubio ging noch eine Weile weiter, und während der Abend voranschritt glich der Ton der Debatte immer mehr einer Schlammschlacht. Abwechselnd bezichtigten sich Cruz, Trump, Bush und Rubio gegenseitig der Lüge, der größten Lüge, der allergrößten Lüge, überschrieen sich und attackierten ihren Charakter. Jeder Zehnjährige müsste für dieses Niveau im amerikanischen Schulsystem mit Schulausschluss rechnen, kommentierte danach jemand auf Twitter.

Und wie so oft in den letzten sechs Monaten widersetzte sich Trump allen Gesetzen der politischen Gravitation. Seine Umfragewerte – vor der Debatte mit 35% rund 20 Prozentpunkte vor dem Nächstplatzierten – blieben stabil, stiegen in manchen Umfragen sogar auf knapp über 40%. Die Debatte in South Carolina zeigt damit den Riss, der durch die republikanische Partei geht, schmerzhaft deutlich auf. Die Positionen des Partei-Establishments – Pro Immigration, Pro Wallstreet, Neokonservativ – werden von einem gewaltigen Teil der Basis zurückgewiesen. Genauso wie Bernie Sanders bei den Democrats zeigt der Wahlkampf die Konfliktlinien in grellem Licht. Dazu passt auch, dass inzwischen viele evangelikale Gruppen endorsements für den (vorsichtig ausgedrückt) nicht als überzeugtesten Christen bekannten Trump aussprechen.

Auch abseits des Stils und den gegenseitigen Kriegserklärungen Trumps und Bush/Rubios war die Debatte mehr als skurril. Carson antwortete auf jede Frage derart ausschweifend und langsam, dass er offensichtlich einfach nur auf Zeit spielte (die Kandidaten haben 90 Sekunden für eine Antwort) und ansonsten penetrant auf seine Webseite verweis, auf der man seine Positionen finden könne. Na dann. Kasich plädierte permanent für einen zivilen Umgang miteinander und eine Diskussion über echte Themen und wurde von den anderen Kandidaten und Moderatoren mehr oder weniger ignoriert. Einer der Höhepunkte des Irrsinns war erreicht, als Trump im vollen Angriffsmodus schrie, dass Bush während 9/11 Präsident gewesen sei und damit ja schon irgendwie die Verantwortung trage, was bei den Republicans ja inzwischen als irre Verschwörungstheorie gilt. Marco Rubio jedenfalls antwortete in gleicher Lautstärke, dass 9/11 nur passiert sei, weil Bill Clinton bin Laden nicht getötet habe, während Bush hilfreich beisteuerte, dass er jeden Tag zum Herrn bete, dass sein Bruder und nicht Al Gore 2001 Präsident gewesen sei. Generell präsentierten die Kandidaten (mit Ausnahme Kasichs) ein Bild von sich und der Partei, das auf unbeteiligte Beobachter eigentlich nur abschreckend wirken kann.

Nur wird das wahrscheinlich wenig Einfluss haben. Die Republicans werden im November wählen, wen auch immer die Partei aufstellt, und bei den Democrats wird es wohl dasselbe sein. Die Frage ist nur, wie viele Parteigänger sich zur Wahlurne bequemen oder aus Frust zuhause bleiben. Die Chance, dass jemand aus Abneigung gegenüber Trump,Cruz, Bush oder Rubio stattdessen Clinton oder Sanders wählt (und umgekehrt) ist verschwindend gering, weil die Zahl der Wechselwähler und Unabhängigen seit 2000 massiv gesunken ist. Das Land ist polarisiert wie selten zuvor. Wer heute noch nicht weiß, welche Partei er im November wählen soll (wohlgemerkt nicht: welchen Kandidaten bei den primaries), der verfolgt in den allermeisten Fällen die Berichterstattung nicht. Diese so genannten low-information-voters treffen ihre Wahlentscheidung äußerst kurzfristig vor der Wahl, meist als Impulsentscheidung, und sicher nicht wegen einer hässlichen Debatte im Februar.

Deshalb wird die Debatte in South Carolina ein weiteres Ereignis bleiben, das auf die high-information-voters beschränkt bleibt – und die wissen zu 99% ohnehin schon, wen sie wählen werden. Sie werden sich wahrscheinlich in ihren bisherigen Ansichten bestätigt fühlen, ob das nun ist, dass Trump kein echter Republican ist, dass die Republicans allesamt Spinner sind, dass man nur Ted Cruz vertrauen kann, dass Rubio ein Roboter ist, dass Bush die einzige Rettung der Partei oder einfach nur low-energy oder dass Kasich die einzig Vernünftige in der Debatte ist. Die nächste Station sind die Vorwahlen in South Carolina, und diese Debatte hat nichts dazu beigetragen, die Entscheidung für die Republicans deutlicher zu machen. Stattdessen wurden innerparteiliche Gräben vertieft und die Gefahr eines Sieges der Democrats erhöht. Für die Partei war es ein einziges Desaster.

{ 6 comments… add one }

  • Ralf 16. Februar 2016, 03:09

    Nur wird das wahrscheinlich wenig Einfluss haben. Die Republicans werden im November wählen, wen auch immer die Partei aufstellt, und bei den Democrats wird es wohl dasselbe sein.

    Also da bin ich echt mal gespannt ^^

    Eine Wahl wie diese hat es noch nie gegeben. Vor vier Jahren z.B. hat die republikanische Partei es am Ende doch geschafft einen Kandidaten aufzustellen, der die (wenn auch zaehneknirschende) Unterstuetzung aller Fluegel hatte. Weder Ron Paul noch Newt Gingrich noch Rick Perry noch Michele Bachmann noch Rick Santorum haben sich terminal und unwiderruflich mit Mitt Romney ueberworfen. Das sieht diesmal ganz anders aus. Sollte Trump der Kandidat der Republikaner werden, waere ich nicht ueberrascht, wenn Teile des republikanischen Establishments – trotz aller Graeben – fuer Hillary stimmen wuerden. Dabei braucht das gar keine Massenwaehlerbewegung zu werden. Bundestaaten wie Ohio oder Virginia oder Florida standen vor vier Jahren enorm auf der Kippe. Ein Prozent mehr oder weniger kann absolut wahlentscheidend sein. Das selbe gilt fuer die Wahlen zum Senat, die seit dem Ableben von Antonin Scalia fast ebenso wichtig geworden sind wie die Praesidentschaft. Umgekehrt koennte ich mir vorstellen, dass bei einem republikanischen Kandidaten Bush enttaeuschte Trump-Anhaenger einen potentiellen Praesidentschaftsanwaerter Sanders unterstuetzen wuerden. Inhaltliche Schnittmengen gibt es durchaus und mir vorzustellen, dass Trump-Fans nach all dem Geschehenen ihr Kreuz bei Jeb! machen wuerden, dafuer fehlt mir ehrlich gesagt die Fantasie.

    Es hat eben noch nie einen Kandidaten wie Trump und ein so zerruettetes Verhaeltnis zwischen Radikalen und Establishment gegeben. Deshalb ist es ausserordentlich schwierig von vergangenen Wahlen auf das gegenwaertige Wahljahr zu extrapolieren. Das haben die Experten ja bereits das gesamte letzte Jahr krampfhaft versucht und das einzige was wir dabei gelernt haben, ist dass scheinbar so gut wie keine der Automatismen und Weisheiten der vergangenen Jahrzehnte zu greifen scheinen. Waere dies ein „konventioneller“ Wahlkampf waere Trump nach seinen Bemerkungen ueber Mexikaner, Frauen, John McCain und George W. Bush laengst erledigt gewesen. Stattdessen fuehrt er das republikanische Bewerberfeld mit bequemem Vorsprung an.

    Nebenbemerkung am Rande: Hast Du uebrigens die neuesten Umfragen fuer die demokratische Primary am Samstag in Nevada gesehen? Sanders und Clinton stehen exakt gleichauf … Nur Tage spaeter wird dann in South Carolina gewaehlt – der sogenannten Firewall.

    • Stefan Sasse 16. Februar 2016, 08:13

      Ich stimme dir natürlich zu, dass Trumps bisherige Kandidatur in höchstem Maße ungewöhnlich ist. Aber ich sehe keine Wählerwanderung zu Sanders. Das wäre wie zu behaupten, dass überzeugte Linke die NPD wählen würden, wenn ihr eigener Kandidat aus irgendwelchen Gründen nicht zur Wahl stünde. Da gibt es auch Schnittmengen, aber gleichzeitig halt auch sehr, sehr fundamentale Differenzen.

      • Ralf 16. Februar 2016, 15:50

        Das Argument ueberzeugt mich nicht so ganz. Ja sicher, das hochgebildete Waehlersegment, das die LINKE wegen ihrer sozialpolitischen Inhalte waehlt, wird mit Sicherheit nicht zur NPD ueberlaufen. Aber der mindergebildete Protestwaehler, der aus Tradition jahrelang sein Kreuz bei der LINKEN gemacht hat, und der es einfach nur den „Gemaessigten mal zeigen will“, der koennte durchaus zum NPD-Unterstuetzer werden, wenn sich eine solche Option anbietet. Ein Waehlerflux dieser Art ist meines Wissens nach auch in der Vergangenheit belegt worden.

        Bei Sanders und Trump sieht es aehnlich aus. Sanders‘ Unterstuetzer sind in erster Linie hochgebildete Menschen, nicht selten Studenten. Die interessieren sich in allererster Linie fuer progressive Inhalte und wuerden nie zu jemandem wie Trump ins Boot steigen. Trump-Anhaenger hingegen sind in der Mehrheit unterdurchschnittlich gebildet und oft einfach Traditionswaehler der Republikaner, die zunehmend Angst um ihre Jobs haben und die merken, dass sich Amerika demographisch veraendert – oft zu ihrem Nachteil. Diese „Blue Collar Republicans“ fuehlen sich vom Establishment verraten und verkauft und wuerden ihre Stimme einem Bush oder einer Clinton niemals geben. Aber mit Sanders gibt es jemanden, der die Sozialprogramme wie Social Security eisern verteidigt, der internationalen Handelsabkommen, die in der Regel viele Amerikaner ihre Jobs kosten, extrem kritisch gegenueber steht, jemand der amerikanisches Geld lieber in den Wiederaufbau heimischer Infrastruktur wie Strassen und Bruecken investieren will als in neue Kriege. Kurz, vieles von dem was Bernie sagt – nicht zuletzt seine Verachtung fuer das Establishment – duerfte erheblichen Appeal fuer so manchen Trump-Waehler haben. Ein Lagerwechsel ist da naheliegender, als dass die enttaeuschten Trump-Anhaenger jemanden wie Bush – in ihren Augen ein Schwaechling und eine Marionette raffgieriger Milliardaere – unterstuetzen. Und nochmal: So viele Wechselwaehler braucht es garnicht, um einen signifikanten Einfluss auf die Wahl zu haben. Ohio, ein Bundestaat mit vielen Blue Collar-Waehlern, war schon letztes Mal wahlentscheidend. Selbst wenn nur ein geringer Prozentsatz republikanischer Waehler zu den Demokraten ueberlaeuft, koennte das das Ende der GOP-Traeume von der Praesidentschaft bedeuten …

        • Stefan Sasse 17. Februar 2016, 20:21

          Ich verstehe diese Argumentation, bin aber eher skeptisch. Inhaltliche Schnittmengen spielen kaum eine Rolle in diesem polarisierten Klima, und der Wunsch, es dem Establishment zu zeigen, bezieht sich auf das jeweilige Partei-Establishment – den Gegner hasst man immer noch mehr.

    • Kning 16. Februar 2016, 11:39

      Sollte wirklich Trump Präsidentschaftskandidat werden ist nicht auszuschließen, dass mit Michael Bloomberg ein unabhängiger Kandidat auf das Feld schreitet und die Frustrierten Trump-Supporter einsammelt.

      • Stefan Sasse 17. Februar 2016, 20:23

        Nie im Leben. Trump Supporter hassen alles, wofür Bloomberg steht. Was du meinst ist eher, dass er die Establishment-Republicans einsammelt, die nicht Trump wollen, oder? Und dito mit Sanders bei den Democrats? Über das Szenario hat Chait letzthin geschrieben.

Leave a Comment